Archiv der Kategorie: Reportagen

Die Stadt der Wiener Türken

Aus dem FALTER 21/2014

Jeder zehnte Wiener Türke stammt aus der Kleinstadt Akdağmadeni mitten in Anatolien. Warum?

Reportage & Fotos: Joseph Gepp

Wie schaut sie wohl aus, die Stadt, aus der jeder zehnte Wiener Türke stammt? Wie sieht die Kleinstadt aus, die Wien geprägt und verändert hat wie vielleicht keine zweite – genauso wie umgekehrt?

Der Himmel über Akdağmadeni strahlt wie gekehrt, die Hausfassaden leuchten im Sonnenlicht. Man spürt die 1500 Meter Seehöhe, auf denen man sich hier befindet. Rund um die Stadt, die in einem Tal liegt, lässt die Sonne kahle, braune Hügelhänge schimmern. Unten führt die Hauptstraße, die „Straße der Unabhängigkeit“, zur großen Moschee. Von ihr aus brandet alle paar Stunden der Ruf des Muezzins wie eine Flutwelle durch die Stadt.

An den Straßenecken stehen Männergruppen, rauchen, spielen mit Gebetskettchen. Sie tragen dunkle Sakkos und ausgetretene Halbschuhe, aus denen sie vor den Moscheegängen rasch schlüpfen können. Neugierig und freundlich mustern sie jeden Fremden, der aus dem Bus steigt.

Das ist also Akdağmadeni. Frei übersetzt heißt der Name „Weißkohlenberg“, wegen der Kohlevorkommen der Region und der im Winter weißen Hänge. Akdağmadeni hat 25.000 Einwohner, so viele wie Baden bei Wien. Es liegt in Zentralanatolien, vier Busstunden östlich der Hauptstadt Ankara. Es ist eine Gegend, die seit jeher als bäuerlich, religiös und traditionell gilt. Eine Gegend, die viele verlassen haben, um ein besseres Leben zu suchen. Vor allem in Wien.

Die Moschee im Zentrum von Akdağmadeni

Die Moschee im Zentrum von Akdağmadeni

Die Geschichte dieser Beziehung begann vor genau 50 Jahren, im Mai 1964. Damals schlossen Österreich und die Türkei ein Anwerbeabkommen. Das boomende Nachkriegsösterreich brauchte Arbeitskräfte; in der Türkei sehnten sich Bauernkinder nach Wohlstand und Perspektive. In Ankara leitete man das Gesuch Österreichs an das Arbeitsamt der Provinzhauptstadt Yozgat nahe Akdağmadeni weiter, weil diese besonders arm war, erzählt Suphi Daştan, Bürgermeister der Kleinstadt. Die Auswanderung aus dem Landstrich dauerte bis in die 1990er. „Leute aus Akdağmadeni haben in Wien Geld verdient und das daheim ihren Freunden und Verwandten erzählt“, sagt Daştan. „Also gingen immer mehr nach Wien.“

„Kettenmigration“ nennen Forscher dieses weltweit auftretende Phänomen, wenn sich Menschen gesammelt auf die Suche nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen machen. Heute stammt jeder zehnte der rund 130.000 Wiener Türken und Kurden aus Akdağmadeni. Jeder dritte ist es gar, bezieht man die umliegende Provinz Yozgat mit ein.

Im Straßenbild jedoch merkt man nichts von dieser speziellen Beziehung. Nur im Sommer füllt sich die Stadt mit Heimaturlaubern, erzählt eine Gruppe am Busbahnhof. Dann schwillt Akdağmadenis Einwohnerzahl von 25.000 auf 60.000 an. Die Heimkehrer decken sich mit billiger Kleidung ein, etwa für Hochzeiten. Sie verstopfen die Unabhängigkeitsstraße mit ihren Autos mit österreichischen Kennzeichen. Abseits der Saison jedoch geht das kleinstädtische Leben seinen gewohnten, ruhigen Gang.

In den Geschäften gibt es alles, was der Typ Mensch braucht, der noch vieles selbst kocht und baut. Blecherne Ofenrohre etwa und Draht aller Stärken, auf Spulen feilgeboten. Trockenmarillen und Reiskörner liegen sackweise bereit, man misst ihr Gewicht auf altertümlichen Waagen. Ein Hotel? Gebe es in der Nebensaison keines, sagt die hilfsbereite Gruppe am Busbahnhof. Aber man könne das hiesige staatliche Heim für Lehrer empfehlen. Die Regierung betreibt solche Einrichtungen, um den Abgesandten der kemalistischen Staatsideologie das Provinzleben angenehm zu machen. Die Lehrer, die hier residieren, sollen Republikstreue und Laizismus verbreiten; es sind altmodische Männer mit Strickgilets und goldenen Brillenkettchen. Im Erdgeschoß des Heims steht eine Büste des Staatsgründers Kemal Atatürk, inmitten ihres Blumenschmucks wirkt sie wie ein Schrein.

Akdağmadeni präsentiert sich als gastfreundliche und gesellige, aber auch als konservative und strikt geregelte Welt. Frauen ohne Kopftuch sieht man kaum, anders als in türkischen Großstädten. Sie besuchen ausschließlich die Baklavakonditoreien von Akdağmadeni, während die rauchschwangeren Teestuben den Männern vorbehalten sind. Bürgermeister Suphi Daştan gehört der konservativ-islamistischen AKP des umstrittenen Premiers Recep Tayyip Erdoğan an. Seine Partei feiert nirgendwo in der Türkei solche Erfolge wie hier. Der Bürgermeister thront im Rathaus von Akdağmadeni in einem mächtigen, holzvertäfelten Büro. Jedes Jahr, sagt er, reise er nach Wien und treffe Türken aus Akdağmadeni. Er kenne auch österreichische Politiker, sagt er, zum Beispiel Außenminister Sebastian Kurz. Hinter Daştan blicken Atatürk und sein moderner Gegenspieler Erdoğan ehrfurchtgebietend von der Wand. Wenn Daştan auf seinem Schreibtisch einen Knopf drückt, huscht eine Sekretärin herein und bringt Schwarztee in Tulpengläsern. Die konservative türkische Provinzelite zelebriert ihre Macht ausgiebig.

Machtbewusster Lokalpolitiker einer neuerdings aufstrebenden       Provinz: Suphi Daştan, AKP-Bürgermeister von Akdağmadeni

Machtbewusster Lokalpolitiker einer neuerdings aufstrebenden
Provinz: Suphi Daştan, AKP-Bürgermeister von Akdağmadeni

Daştan erzählt von denen, die nach Wien gezogen sind. Ihre Geschichten würden einander gleichen. Immer handeln sie von Männern, die ohne Frauen und Kinder gingen. Immer planten sie die baldige Rückkehr, sobald sie in Wien genug Geld verdient hätten. Immer schwankten die Auswanderer jahrelang qualvoll zwischen alter und neuer Heimat. Es peinigte sie zwar das Gefühl der Fremde – aber sie wussten, dass sie zu Hause nur Armut und Chancenlosigkeit erwartete. Viele Migranten entschieden sich am Ende für Wien und holten ihre Familien nach. Es gibt aber auch jene, die zurückgekommen sind. So wie Hüseyin Akol.

Akol, 48, ist Traktorhändler.
Sein Geschäft liegt am Ende der Unabhängigkeitsstraße, dort, wo sich Akdağmadeni in den schimmernden Hängen verliert. Es war das Jahr 1985, als er nach Wien ging, erzählt er. Ein Teenager, das Kind einer Bauernfamilie. Akol schuftete 13 Jahre lang, oft sieben Tage pro Woche. Wochentags auf der Baustelle, am Wochenende im Pfusch bei Privatleuten. Er pflügte Beete und verlegte Fliesen. Dann, 1998, kam Akol zurück. Mit einer halben Million Schilling Erspartem eröffnete er sein Geschäft. „Wien war gut. Das Geld war gut. Aber das Heimweh war zu stark.“ Das habe Akol seiner Frau und seinen vier Kindern nicht antun wollen.

Hüseyin Akol sparte in Wien und eröffnete dann in Akdağmadeni sein Geschäft für türkische Tümosan-Traktoren

Hüseyin Akol sparte in Wien und eröffnete dann in Akdağmadeni sein Geschäft für türkische Tümosan-Traktoren

Damals, in den 1980er-Jahren, wohnte er im dritten Bezirk nahe des Gürtels. Jedes Jahr reiste er zweimal mit dem Bus nach Akdağmadeni, zwei Tage und zwei Nächte lang: Abreise vom alten Südbahnhof, Belgrad, Sofia, Umsteigen in Istanbul. Akol erinnert sich noch, wie verregnete Landschaften endlos am Busfenster vorbeizogen.

Rund 1000 Bürger von Akdağmadeni
sind bisher wie Akol zurückgekehrt, sagt Bürgermeister Daştan. Es sind neben einigen Unternehmern vor allem Pensionisten. Sie kehren an einen Ort zurück, der sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewandelt hat – Akdağmadeni ist heute kein Ort der Hoffnungslosigkeit mehr.

In mehreren Textilfabriken entsteht Kleidung für H&M und C&A; zudem wurden in den vergangenen Jahren im Umland ein Thermalbad und die größte Skipiste der Türkei eröffnet. Akdağmadeni profitiert von einem Boom in Anatolien, den eine vielzitierte Studie der NGO European Stability Initiative im Jahr 2005 dem sogenannten „islamischen Calvinismus“ zuschrieb. Die These: So wie einst Europas Protestanten in gottgefälliger Arbeit den Kapitalismus schufen, sorgen heute konservative Muslime für einen Boom im zuvor rückständigen Anatolien. 2005 klang dieser Befund noch euphorisch, heute hat sich die Freude ob Erdoğans autoritärer Tendenzen gelegt. Dennoch – es scheint, als schwinge das Pendel zurück: Nicht die neue Heimat Österreich bietet den Arbeitern heute Chancen, sondern eher die alte Türkei.

Bei jenen aus Akdağmadeni, die fix in Wien geblieben sind, erlebe er bei seinen Besuchen „viel Unzufriedenheit“, sagt Bürgermeister Daştan. Die Leute würden nichts mehr sparen können heutzutage. Es bleibe eben nicht viel, wenn man 1400 Euro verdient und davon allein 700 Miete bezahlt.

Ein Betroffener ist Hüseyin Duman,
42*). Der Mann mit Goldkettchen und offenem Hemdkragen sieht aus, als wäre er in den 1980er-Jahren steckengeblieben – und ein bisschen ist so auch sein Schicksal: Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten arbeitet Duman als Bauarbeiter am Flughafen Wien, „und im zweiten habe ich nichts mehr sparen können“. Dumans Familie lebt noch immer in Akdağmadeni – eine Ausnahme heutzutage, denn längst haben die meisten eine Entscheidung getroffen. Duman spielt in einer Teestube Tavla, eine Art Backgammon. Wenn ihm sein Arbeitgeber in Wien Urlaub gewähre, sagt er, reise er heim. Nicht nur wegen der Familie – er tue sich auch schwer „mit der europäischen Kultur“. Zum Beispiel wohnt Duman seit 15 Jahren in derselben Wohnung im fünften Bezirk und kennt seinen Nachbarn nicht.

Die meisten Türken aus Akdağmadeni haben in Wien längst Wurzeln geschlagen, sagt Duman. Sie kommen im Sommer mit ihren Autos mit österreichischem Kennzeichen. Sie haben längst Kinder, die Deutsch sprechen, in Österreich arbeiten oder studieren. Andere, wie Duman, haben weniger Fuß gefasst. „Spätestens nach meiner Pensionierung kehre ich heim“, sagt er. Und, wer weiß, vielleicht ergibt es sich auch früher.

*) Name von der Redaktion geändert

Im Stadtzentrum on Akdağmadeni

Im Stadtzentrum on Akdağmadeni

ZUSATZ-INFOS:

Wo Österreichs Türken herkommen
Akdağmadeni ist das größte Beispiel, aber kein Einzelfall: Österreichs türkisch- stämmige Bevölkerung kommt laut der Tageszeitung Zaman und Migrantenorganisationen vornehmlich aus einigen wenigen Orten:
Burdur (nach Wien)
Uşak (nach Kufstein)
Sorgun (nach Wien)
Akdağmadeni (nach Wien)
Samsun (nach Wien)
Bingöl (nach Wels)
Ordu (nach Salzburg)
Çarşamba (nach Wien)

Zu 50 Jahren Anwerbeabkommen
Die Initiative Minderheiten plakatiert Originalzitate aus Zeitungsartikeln und Presseaussendungen, die sich in den 1960er-Jahren mit Gastarbeitern auseinandersetzten

Das Projekt „Generationenpfade“ präsentiert Interviews und Porträts türkischer Migranten mehrerer Generationen. Derzeit zu sehen in Ankara, ab Herbst in Österreich

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Das ist ein ÜBERFALL!

Aus dem FALTER 29/2013

Die Stadt fürchtet sie, die Polizei jagt sie, der Boulevard braucht sie: Räuber. Der große Wiener Raub-Report


Bericht: Philip Gaspar, Joseph Gepp, Birgit Wittstock, Wolfgang Zwander

Im Leben von Linas S. muss sehr viel falsch gelaufen sein. Am 5. Juli um zwölf Uhr Mittag lag die Leiche des litauischen Räubers am Gehsteig auf der Äußeren Mariahilfer Straße. Die Polizei wickelte sie in goldenes Glitzerpapier ein.

Kurz zuvor hatte er mit zwei Komplizen ein Juweliergeschäft überfallen. Die maskierten Täter stürmten den Laden, sprangen über den Verkaufstisch, zerschlugen Vitrinen. Ladenbesitzer Günther K. stand mit seiner Ehefrau im Geschäft, zog eine Pistole, drückte ab. Ob einmal, zweimal oder noch öfter ist unklar und muss vor Gericht geklärt werden. Ebenso, ob der Juwelier aus Notwehr handelte oder ob er dem Räuber bei dessen Flucht in den Rücken schoss. Wenige Meter vom Überfallsort entfernt brach Linas S. jedenfalls tot zusammen. Die Ermittler fanden bei ihm eine Spielzeugpistole.

Verhasstes Faszinosum

Räuber erleben gerade schwere Zeiten in Wien. Erst vor wenigen Wochen erschoss ein Taxifahrer einen jungen Pakistani, der den Fahrer von hinten in den Schwitzkasten nahm und ihn ausrauben wollte. So hart das für die Räuber ist, die Öffentlichkeit kann gar nicht genug von diesen Bluttaten bekommen. Der Boulevard liebt es, wenn beim Raub die Kugeln fliegen. Das steigert die Auflage. Auch im Internet wird gegeifert. „Wenn die Regierung versagt, muss sich die Bevölkerung selber schützen“, plädiert etwa ein Krone-Forum-User für Selbstjustiz. Sein Eintrag steht für einen von Tausenden dieser Art. Auch Ex-Presse-Chefredakteur Andreas Unterberger schrieb auf seinem Blog: „Ich habe mich sehr gefreut, dass ein Wiener Juwelier einen Räuber erschossen hat.“ In der Krone war beim Kolumnisten Michael Jeannée zu lesen, Linas S. habe die Kugel verdient.

Doch wer wird in Österreich überhaupt Räuber? Warum fasziniert das Thema die Öffentlichkeit in einer perversen Mischung aus Abscheu und Neugier? Und nicht zuletzt: Warum riskiert es jemand, für relativ wenig Geld erschossen oder für viele Jahre eingesperrt zu werden?

Räuber in einem Juweliergeschäft in der Schweiz

Räuber in einem Juweliergeschäft in der Schweiz

Das Thema Raub ist im ersten Wiener Bezirk an fast jeder Ecke präsent. Wer über die Luxusmeile Kohlmarkt schlendert, sieht vor den Banken und Juwelier- und Uhrgeschäften gelangweilt blickende Männer mit schwarzen Uniformen. Sie tragen Sonnenbrillen, manche von ihnen auch Pistolen, und erinnern daran, dass es irgendwo da draußen Menschen gibt, die sich mit Gewalt nehmen wollen, was ihnen die Gesellschaft verwehrt. Die Securitys haben zwar nicht mehr Rechte als jede Privatperson, doch sie sollen abschrecken – und außerdem zahlen die Geschäftsleute geringere Versicherungsprämien, wenn sie Sicherheitspersonal beschäftigen. Die Kohlmarkt-Juweliere wollen über ihre Schutzmaßnahmen nicht sprechen. Zu groß ist ihre Angst, eine mögliche Sicherheitslücke auszuplaudern.

Im Jahr 2012 gab es in Österreich 685 Verurteilungen wegen Raub, viele davon betrafen allerdings Jugendliche, die anderen das Handy wegnahmen. Auf Juweliere gab es im Vorjahr 31 Raubüberfälle, davon 26 in Wien. Auch wenn durch die Medien ein gegenteiliger Eindruck entsteht, sind diese Zahlen seit Jahren leicht rückläufig. Der überwiegende Großteil der Juwelierüberfälle wird laut Polizei von Banden aus Ost- und Südosteuropa ausgeführt. Es sind Täter aus der armen Peripherie Europas, die sich etwas vom Reichtum des Zentrums schnappen wollen.

„Das Dümmste, was man tun kann“

Sinnvoll sei das meistens nicht, meint Andreas Hautz, Richter am Wiener Straflandesgericht. „Aus Sicht des Täters ist ein Raubüberfall das Dümmste, was man machen kann.“ Es ist eine Hochrisikoaktion, die sich selten lohnt und hart bestraft wird. Sobald eine Waffe verwendet wird, beträgt das Strafmaß für den dann „schweren Raub“ mindestens fünf Jahre Gefängnis.

Warum riskieren die Täter es trotzdem? „Auf diese Frage habe ich in 15 Jahren Berufserfahrung noch keine vernünftige Antwort erhalten“, sagt Hautz, der vor allem über jugendliche Räuber richtet.

Von Profis und Verzweifelten

Es gibt zwei Gruppen von Tätern. Neben den Profis aus Ost- und Südosteuropa gibt es die heimischen Verzweiflungstäter, die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als kriminell zu werden. Nicht zuletzt aufgrund übervoller Spielhallen, die immer mehr Spielsüchtige hervorbringen, die dringend Geld brauchen. Oder wegen Drogenabhängigkeit, wie bei Herbert Schmidt (Name von Red. geändert), 29 Jahre alt. Er sitzt im Gefängnis Hirtenberg in Niederösterreich südlich von Wien wegen schweren Raubs ein.

Schmidt überfiel keine Juweliere, das wäre ihm zu waghalsig gewesen. Stattdessen finanzierte er sich seine Drogensucht, indem er rund um die Meidlinger Längenfeldgasse schwarzafrikanische Drogendealer ausraubte. „Die trauen sich nicht zur Polizei zu gehen“, sagt Schmidt. Zusammen mit zwei anderen Suchtkranken cruiste er mit dem Auto durch die Gassen auf der Suche nach seinen Opfern. „Wenn wir einen ausgemacht hatten, ließen wir ihn zu uns in den Wagen steigen und bedrohten ihn mit der Schreckschusspistole.“ Schmidt saß als Komplize auf dem Beifahrersitz, ausgeführt hat die Überfälle ein anderer, der bis heute auf der Flucht ist: „Ich konnte den Männern einfach nicht die Pistole vorhalten.“

Schmidt lächelt ein unsicheres Lächeln. Seine dunklen kurzen Haare sind stark graumeliert; unüblich für einen 29-Jährigen. Die ganze Geschichte belastet Schmidt sichtlich. Nervös zupft er am Kragen seines beigen Poloshirts, während er erklärt, wie leid es ihm täte. „Irgendwie bin ich fast froh, dass sie mich erwischt haben: Ich bin jetzt endlich clean und hole meine Meisterprüfung für Elektrotechnik nach. Das hätte ich draußen wahrscheinlich nicht geschafft.“ Von seinen sieben Jahren hat er erst zwei abgesessen.

Ein Buch blockiert das Türschloss

Für Robert Klug, 50, Ermittler bei der Sonderkommission Raub der Wiener Polizei, stellen Leute wie Schmidt keine große Herausforderdung dar. Klug beschäftigt sich vor allem mit professionell geplanten Coups. Der Zivilpolizist mit dem karierten Hemd und dem konzentrierten Blick fungiert auch im Fall des erschossenen Linas S. als Chefermittler. Klug sagt: „Oft liefert uns schon die Art und Weise, wie ein Tetra-Pak oder ein Buch den Schließmechanismus der Tür eines Juweliers blockiert, die ersten Hinweise auf die Täter.“

Rund zwei Drittel der Wiener Juwelierraube gingen allein aufs Konto der berüchtigten Pink Panthers. Diese Bande hat ihre Zentralen in den serbischen Städten Belgrad, Užice und Cacak. „Die Täter reisen für den Überfall meist aus dem Ausland an und verlassen danach Österreich wieder schnellstmöglich“, sagt Klug. Oft schlafen die Räuber bei Bekannten, die vom wahren Zweck ihres Aufenthalts nichts ahnen.

Das Diebesgut – bei den Pink Panthers handelt es sich bevorzugt um teure Markenuhren – werde im Ausland verkauft. Wie genau die Wege der Hehler verlaufen, weiß die Polizei nicht, oder will es nicht verraten. Nur selten lässt sich eine Hehlerroute rekonstruieren: Zum Beispiel ließ vor einigen Jahren ein rumänischer Lokalpolitiker in Wien eine teure Uhr reparieren, erzählt Klug. Es stellte sich heraus, dass sie ursprünglich bei einem Juwelier in der Schweiz geraubt worden war. Der Lokalpolitiker hatte sie in Rumänien in einem Casino gewonnen, weil sein Gegenspieler kein Bargeld mehr bei sich trug.

In Sechsergruppen ermitteln Klug und seine Kollegen die Raubüberfälle, eine Untersuchung kann schon mal ein halbes Jahr dauern. „Die Kooperationen mit der Polizei in anderen Ländern helfen uns sehr“, sagt der Polizist. Die Aufklärungsquote könne sich deshalb sehen lassen, bei Juwelierrauben liege sie bei rund 70 Prozent.

Bislang wurden heuer 13 Juweliere in Wien überfallen, zehn Fälle davon klärten Klug und seine Kollegen auf. Bei Juwelieren gehen Überfälle oft mit viel Brutalität und Radau ab, erzählt der Beamte. Da stürmen drei Männer ins Geschäft, einer davon meist bewaffnet, manchmal haben sie auch Äxte dabei. Sie zertrümmern Vitrinen, räumen Kästen aus. „Viele Geschäftsinhaber werden davon schwer traumatisiert“, sagt Klug.

Alfred Römer, Juwelier und Obmann der Berufsinnung, hat lange überlegt, wie er mit dieser Gefahr umgehen soll. Über die Vitrine mit den Swatch-Uhren gelehnt, erzählt er in seinem kleinen Laden in der Wiener Alserbachstraße vom Berufsrisiko der Juweliere.

Rollenspiele für Juweliere

Seitdem er das Geschäft führt, wurde bereits dreimal eingebrochen, einmal wurde der Laden ausgeraubt. Das war 1977, und Römer, der damals noch ständig eine Schusswaffe mit sich führte, ist heute froh, dass er sich gerade nicht im Geschäft aufhielt – er hätte geschossen, um seine Verkäuferin zu schützen. „Wenn jemand meine Angestellten angreift, greift er mich an und in dem Fall wäre ich der Schnellere gewesen“, sagt Römer heute. Er hätte dann wohl „mannstoppend“ gehandelt, wie es im Polizeijargon genannt wird, wenn ein Krimineller bei der Tat erschossen wird. Doch was wäre danach gewesen? „Ich wäre mit dem Tod eines Menschen konfrontiert gewesen, mit trauernden Angehörigen. Das zahlt sich für kein Geld der Welt aus.“ Römer sperrte seine Waffe in den Safe, wo sie bis heute liegt.

Im Jahr 1998 wurde der Geschäftsführer des Wiener Nobeljuweliers Haban, Siegfried Goluch, mit einem Kopfschuss ermordet, seit damals lädt Römer seine Juwelierkollegen mehrmals im Jahr zu einer Schulung ein: Beamte der Wiener Polizei erklären den Juwelieren nicht nur die rechtliche Lage, in Rollenspielen wird auch das richtige Verhalten bei Raubüberfällen trainiert.

Das gebe Sicherheit, sagt Römer. „Natürlich verhält man sich im Ernstfall sicher anders, aber man ist im Vorteil, wenn man die Situation bereits einmal durchgespielt hat“, sagt er, rückt das Drahtgestell seiner Brille zurecht und fährt sich mit der Hand durch die kurzen grauen Haare.

Immer mehr Juweliere würden sich vor Überfällen schützen, erklärt Polizist Klug. Zum Beispiel durch bauliche Maßnahmen wie Drehtüren, die Räuber am Stürmen des Geschäftslokals hindern sollen. Das würde auch die Arbeit der Securitys erleichtern, sagt Martin Wiesinger, Chef von Securitas, einem der weltweit größten Dienstleister im Sektor privater Sicherheitsunternehmen.

„Es geht um Prävention, um die Demonstration von Sicherheit und darum, die Hemmschwelle für etwaige Täter größer zu machen“, sagt Wiesinger, „außerdem wollen wir das subjektive Sicherheitsempfinden des Verkaufspersonals erhöhen.“

Dass die Wiener Innenstadt, vor allem der Kohlmarkt, mehr und mehr einer schwerbewaffneten Sicherheitszone gleicht, sei nicht die Schuld der Sicherheitsdienstleister, rechtfertig sich Wiesinger. Die Kunden, also Banken oder Juweliere, würden entscheiden, wo die Securitymitarbeiter stehen und ob diese bewaffnet sind oder nicht. „Bei solchen Kriterien sind meist internationale Konzernvorgaben ausschlaggebend.“

„Bei einem Raubüberfall muss man immer von einer scharfen Waffe ausgehen“, sagt der Juwelier Alfred Römer und nimmt einen Schluck von dem Espresso, den er sich gerade aus seiner kleinen Kaffeemaschine hinter dem Verkaufspult heruntergelassen hat. „Mit einem Beinschuss kann der Räuber immer noch schießen, es ist also eine Alles-oder-nichts-Situation. In der möchte ich nicht stecken.“ Günther K. – jener Juwelier, der Linas S. auf der Äußeren Mariahilfer Straße erschossen hat – kennt Römer als Obmann der Wiener Juweliere persönlich. „Eine solche Sache verkraftet man nur schwer“, sagt er.

„Plötzliche, archaische Gewalt“

Raub, dabei handelt es sich auch immer um eine Geschichte, die sich um Anerkennung und Respekt dreht, sagt der Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl: „Die Täter rekrutieren sich aus den Gedemütigten der Gesellschaft.“ Egal, ob es sich um den Wiener Drogensüchtigen Herbert Schmidt oder den Profiräuber Linas S. aus Litauen handelt. Raub ist immer auch eine Form der Selbstermächtigung der scheinbar Ohnmächtigen, der Randfiguren und Außenseiter. Ihre plötzliche, archaische Gewalt erinnert daran, dass es sie und ihre Probleme überhaupt gibt. Ihre unmittelbare Körperlichkeit stellt für einen Augenblick die Machtverhältnisse auf den Kopf.

Wahrscheinlich können deshalb viele Menschen nicht genug bekommen von Figuren wie dem erschossenen Linas S.

Grillparzer über Räuber

Denn selbst der Bösewicht will nur für sich
als einzeln ausgenommen sein vom Recht,
die andern wünscht er vom Gesetz gebunden,
damit vor Räuberhand bewahrt sein Raub.
Die andern denken gleich in gleichem Falle,
und jeder Schurk
ist einzeln gegen alle;
die Mehrheit siegt, und mit ihr siegt das Recht

(Ein Bruderzwist in Habsburg)

Räuber in der Literatur

„Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre“

Friedrich Schiller, Die Räuber

„Der Räuber ist Bürger im Herzen. Seine Seele sehnt sich nach Plüsch und Kristall“

Hans Kasper

„Einen Nackten lässt der Straßenräuber vorbei, auch auf einer belauerten Straße hat der Arme Frieden“

Seneca

Richtiges Verhalten bei einem Raubüberfall
Dem Räuber nicht mit vorauseilendem Gehorsam zuvorkommen, auch das kann ihn aggressiv stimmen, und man verliert am Ende eventuell mehr Wertsachen als notwendig. Seinen Anweisungen Folge leisten und die Ruhe bewahren. Keinesfalls den Helden spielen und versuchen, den Täter zu überwältigen

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Damm drüber

Aus dem FALTER 24/2013

Grein, Theiß und Bratislava. Eine Reise zu drei Orten an der Donau, die der Flut trotzen

Reportage und Fotos: Joseph Gepp

Das ist die Geschichte einer Welle, die sich mit ungefähr 4,2 Stundenkilometern, also der Geschwindigkeit eines Fußgängers, durch die Donau bewegt. Das ist die Geschichte von drei Orten an der Donau, die zeitversetzt, innerhalb von 56 Stunden, von der Welle getroffen werden. Und das ist die Geschichte von drei Dämmen rund um diese Orte, die hielten.

Vergangener Mittwoch, 5. Juni, Grein, Oberösterreich. „Das Schlimmste ist vorbei“, sagt Bürgermeister Manfred Michlmayr. Zwei Nächte zuvor, um vier Uhr morgens, hat der Scheitel des Hochwassers sein Städtchen erreicht. Jetzt verschanzt sich Grein hinter einem mobilen Wall, der aussieht wie eine Lärmschutzwand an der Autobahn. Noch gestern habe das Wasser bis zum Rand des Damms gestanden, sagt Michlmayr und zeichnet mit der Handkante eine Linie in die Luft. Inzwischen ist es einen Meter gesunken. Michlmayr wirkt erleichtert. Der Damm hat gehalten.

Manfred Michlmayr, Bürgermeister von Grein

Manfred Michlmayr, Bürgermeister von Grein

100 Kilometer östlich, in Theiß, einem Dorf nahe Krems. 22 Stunden hat es gedauert, bis der Höhepunkt der Welle von Grein hierher geschwappt ist. Nun ist der Kampf in vollem Gange. Ein Damm droht zu brechen und den Ort zu überfluten. Feuerwehrmänner beschweren ihn mit Sandsäcken, Gatsch spritzt von Baggerreifen. Evelyn Gruber, Helferin beim Roten Kreuz, hat unterdessen ihre alte Französischlehrerin angerufen. Sie bat um Klassenräume. Gruber organisiert Unterkünfte für den Fall der Evakuierung von Theiß. „Ich hoffe nur“, sagt sie, „wir werden sie nicht brauchen.“

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Weitere 150 Kilometer flussabwärts, über der Grenze, im slowakischen Bratislava. Während man in Theiß zittert, ist die Lage hier noch ruhig. Das Wasser soll erst am nächsten Tag kommen, Donnerstagmittag. Tausende Schaulustige drängen dann ans Donauufer. Die Flut wird auf Smart Phones gebannt. „Die Leute sind sorglos“, sagt Ľubomír Andrassy, 40, Leiter des Krisenstabs. In Bratislava wurde kürzlich ein Wall errichtet, der sogar Hochwasser abhalten soll, die statistisch nur alle 1000 Jahre vorkommen. Trotzdem sagt Andrassy beim Abschied: „Wünschen Sie uns Glück!“ Man weiß ja nie, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen.

Lubomir Andrassy, Krisenkoordinator in Bratislava

Lubomir Andrassy, Krisenkoordinator in Bratislava

Vergangene Woche gab es ein Hochwasser in Mitteleuropa, wie es sich statistisch gesehen in 100 Jahren nur einmal ereignet. Es war bereits das zweite Mal in elf Jahren. Fünf Menschen in Österreich sind ertrunken. Zuvor hatte es Niederschläge und Überschwemmungen gegeben, in Tirol, Salzburg, Oberbayern und Tschechien. Der Regen machte die Donau zum tosenden Strom. Baucontainer und Autowracks sollen in ihr gesichtet worden sein, berichten Betroffene. Doch im Gegensatz zum Hochwasser des Jahres 2002 traf die Flut diesmal auf Orte, die sich vorbereitet hatten. Seit 2002 wurden Dämme verstärkt und Wälle errichtet, 27 allein in Österreich. Jetzt zeigt sich, ob die Vorkehrungen richtig waren. Ob man aus 2002 gelernt hat. Und wo der Schutz an seine Grenzen stößt.

Manfred Michlmayr, 55, SPÖ-Bürgermeister von Grein, steht auf einem Spazierhügel und zeigt hinunter auf seine Stadt. Hübsche Bürgerhäuser säumen Gassen, die zum Donauufer abfallen – hin zu jenem filigran wirkenden Konstrukt, das die Stadt vor dem Wasser abschirmt. „Was Sie vom Damm sehen“, sagt der Bürgermeister, „ist aber nur ungefähr ein Achtel des Bauwerks.“ Überirdisch verläuft lediglich eine haushohe mobile Aluminiumwand, unter der Erde folgt „ein richtiges Bunkersystem“ aus Becken, Pumpen und Verankerungen, die das eindringende Wasser ableiten. Im Juni 2012, vor einem Jahr, wurde der Wall von Grein eröffnet. Gebaut hat ihn die deutsche Firma IBS (siehe Interview Seite 16), Kosten: rund 20 Millionen Euro. Niemand dachte, dass sich der Damm so bald bewähren wird müssen.

Das Bauwerk kann maximal ein Hochwasser wie im Jahr 2002 bewältigen. Doch nun trotzt es auch dieser Flut, obwohl sie jene von 2002 um sieben Zentimeter übersteigt. „Eine Meisterleistung“, sagt Michlmayr. „Der Damm hat uns vieles erspart.“

Seit fünf Tagen ist der Bürgermeister im Dauereinsatz. Er wirkt hellwach und konzentriert. Es ist die Ausnahmesituation, die ihn noch funktionieren lässt. Er erzählt vom Aufbau des Damms, von der Evakuierung der Bevölkerung aus Gassen am Donauufer. „Der merkwürdigste Moment kam aber danach, als die ganze Arbeit erledigt war“, sagt er. „Dann kehrt eine unheimliche Ruhe ein. Man will weitermachen, aber man kann nichts mehr tun, außer das Ereignis abzuwarten.“

Jetzt, wo sich die Situation wieder beruhigt hat, blickt ein Greiner Pensionistenpaar vom Rand der Sperrzone in Richtung seines Hauses, über Verbotstafeln und Polizeiwachen. Acht Hochwasser habe er hier schon erlebt, erzählt der Mann. „Diesmal ist zum ersten Mal alles trocken geblieben.“

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100 Kilometer weiter östlich, Krems, Niederösterreich. Die ehrenamtliche Rotkreuzhelferin Evelyn Gruber, 44, kontrolliert gerade die Klassenräume der Tourismusschule. An den Tafeln stehen noch halbverwischte Formeln aus der Mathematikstunde. Statt der Schultische reihen sich hier aber dicht an dicht Feldbetten, samt weicher Matratzen. „Wir schauen, dass es bequem ist“, sagt Gruber. „Die Leute haben es ja eh schon schwer genug.“

Im Gegensatz zu Grein befindet sich Theiß, ein 870-Seelen-Dorf zehn Minuten von Krems, noch mittendrin in der Gefahrenzone. Beim Damm, um dessen Erhalt gerade gekämpft wird, handelt es sich nicht um ein High-Tech-Wunderwerk wie in Grein. Er ist stattdessen ein alter Erddamm von 1965. Vergangene Nacht, Mittwoch, 0.59 Uhr, meldete eine Feuerwehrpatrouille, die Erde rundherum sei „kuhwampig“. Weich wie die Wampe einer Kuh also. Nun bestand dringender Handlungsbedarf.

Eine Stunde später, zwei Uhr, klingelte die Feuerwehr die Theißer aus ihren Betten. Sie sollten im Fall des Dammbruchs innerhalb von zehn Minuten ihre Häuser verlassen. Eine Überflutung von Theiß wäre bereits die zweite seit 2002, erzählt Gruber. Damals kam das Wasser jedoch nicht von der Donau, sondern vom nahen Fluss Kamp. Den dortigen Damm haben die Behörden dann verstärkt – ohne zu ahnen, dass die Wassermassen aus der anderen Richtung kommen könnten.

Nun könnte bald alles unter Wasser stehen, die schlichte Kirche in Theiß, der Nah & Frisch, die Einfamilienhäuser – und der kleine Bauhof, von dem aus die Theißer gerade versuchen, ihr Dorf zu retten.

Gut 200 von ihnen schaufeln Sand, um den Damm zu beschweren. Die Stimmung wirkt nicht etwa düster, sondern optimistisch, solidarisch, fast ausgelassen. Männer nehmen große Züge aus Bierflaschen, Frauen fachsimpeln übers Fernsehen. Nachbargemeinden haben ihre Bewohner zur Hilfe aufgerufen. Die Helfer tragen T-Shirts, um die es nicht mehr schade ist – Hard Rock Café, Puma, De Puta Madre 69. Am Tag darauf sind 6000 Tonnen Material zum Damm gekarrt worden. Evelyn Gruber konnte ihre Feldbetten wieder abbauen.

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Während die Theißer das Schlimmste überstanden haben, hat es Bratislava noch vor sich. Nächster Tag, 6. Juni. Als die Donau ihren Höchststand erreicht, ruhen alle Hoffnungen auf dem neuen Damm, einem 30-Millionen-Euro-Projekt, das seit Fertigstellung 2010 als Meisterleistung gepriesen wird und dessen Bauart jener von Grein entspricht. Nur ist die Belastungsgrenze des Dammes noch höher als in Grein. Theoretisch hält das Bauwerk sogar einem Jahrtausendhochwasser stand. „Damit wollten wir eine Situation wie 2002 verhindern“, sagt Krisenchef Andrassy.

Damals wäre es beinahe zur Katastrophe gekommen. Die Altstadt von Bratislava liegt, im Gegensatz zu jener Wiens, direkt an der Donau. 2002 versuchte man, sie lediglich mit Sandsäcken vor der Flut zu schützen. Das Wasser drang in die Nationalgalerie und das Nationalmuseum ein. Wenige Zentimeter hätten noch gefehlt, dann wäre der Kern von Bratislava überflutet worden. Der Schaden hätte hunderte Millionen betragen, 490.000 Menschen wären direkt betroffen gewesen.

Heute übersteigt der Wasserstand jenen von 2002 gar um einen halben Meter. Dennoch ist die Stimmung in der Stadt unbeschwert. Der Damm hält, was er verspricht. Es wären sogar Alusegmente übrig, um ihn noch höher aufzustocken. An der Uferpromenade sitzen die Bewohner in der Sonne. Dass sie ohne den Damm um ihre Gesundheit und ihr Eigentum bangen müssten, dieser Gedanke scheint weit weg. Fasziniert blicken die Leute, über den Damm, in die Flut. In Cafés rauchen sie Wasserpfeife und trinken Cappuccino. „Einige Leute“, erzählt Andrassy, „sind gar auf den Damm geklettert, um einen besseren Blick zu haben.“ Nur die ungeschützten Vororte Devín und Petržalka trifft das Hochwasser.

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Das Jahrhunderthochwasser ist bisher, trotz aller Schäden und Opfer, glimpflich verlaufen. Man sei „mit einem blauen Auge davongekommen“, resümierte etwa Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer. Allerorten, wie in Grein, Theiß und Bratislava, hielten die Dämme. Experten warnen allerdings davor, sich allein auf sie zu verlassen. Je mehr Dämme es gibt, so die Befürchtung, desto größer werde die Gefahr für ungeschützte Orte. Diese – etwa Kritzendorf, Emmersdorf oder die Gegend um Hainburg – wurden vom aktuellen Hochwasser besonders schlimm getroffen. „Neben Dämmen muss es zum Schutz auch Überflutungsflächen geben“, sagt der Fließgewässerexperte Michael Tritthart von der Wiener Boku. „Es braucht auch unbebaute Gebiete, auf denen sich die Donau verlaufen kann.“ Diese Woche bewegt sich der Scheitelpunkt der Welle weiter nach Osten. Teile Ungarns stehen unter Wasser. Das Hochwasser wird aber bald an Dynamik verlieren. Denn weiter östlich vergrößert sich das Fassungsvermögen der Donau zunehmend, und die Zuflüsse führen kein Hochwasser, was die Überflutungsgefahr verringert.

Die Geschichte dieser Welle, die sich mit ungefähr 4,2 Stundenkilometern durch die Donau bewegt, wird in etwa drei Wochen enden. Im rumänischen Delta, wo der Fluss ins Schwarze Meer mündet. Die Welle wird dort allerdings wohl nur noch ein Wellchen sein. Ein leicht erhöhter Wasserstand.

„Söba schaufeln“: Wie die Polizei in Kritzendorf mit Flut-Helfern umspringt
Viel Solidarität und Hilfe für Hochwasseropfer hat man in diesen Tagen erlebt – aber auch manch haarsträubenden Zwischenfall. So zum Beispiel in Kritzendorf bei Klosterneuburg. Dort sieht es derzeit aus „wie nach der Apokalypse“, sagt Margit Landsgesell, 54, Bewohnerin eines der dortigen Stelzenhäuschen. Vergangenen Sonntag rückte sie deshalb mit drei ausländischen Arbeitern an, um aufzuräumen.

Dies sei allerdings von der Polizei unterbunden worden, erzählt sie. „Der Beamte am Eingang zum Strombad hat meine Arbeiter rüde angeschnauzt und Ausweise verlangt.“ Weil die Helfer keine Papiere dabeihatten, meinte der Polizist: „Ausländer lassen wir hier nicht rein, weil Ausländer sind Diebsbanden.“ Auf Landsgesells Protest hin rechtfertigte sich der Beamte, dass die Maßnahme von der Stadtgemeinde Klosterneuburg verfügt worden sei. Sie selbst, als Inländerin, durfte die Anlage betreten. Auf ihre Frage, was sie nun tun solle ohne ihre Arbeiter, sagte der Beamte laut Landsgesell: „Söba schaufeln!“

Landsgesell nennt den Vorfall nicht nur eine „unerhörte rassistische Entgleisung“, er sei auch eine „Verhöhnung von uns Bewohnern von Kritzendorf, die wir bis zum Hals in Problemen stecken.“ Denn der Schlamm muss rasch weggeschaufelt werden, bevor er eintrocknet.

Auf Falter-Nachfrage bestätigt die ÖVP-regierte Gemeinde, dass polizeiliche Ausweiskontrollen veranlasst wurden. „Es gab Beschwerden über Diebsbanden aus dem Ausland, die zum Beispiel Sperrmüllflächen verwüsten und sich Anrainern aggressiv aufdrängen“, sagt Birgit Maleschek, Sprecherin der Gemeinde. Nachsatz: „Aber es liegt an der Polizei, wie sie das handhabt.“

Bei der Polizei will man das Erlebnis von Margit Landsgesell weder bestätigen noch dementieren. Michael Scharf vom Polizeiposten Klosterneuburg sagt nur: „Es gibt in Kritzendorf derzeit Leute, die versuchen, die Notsituation der Anrainer auszunutzen.“

Firma IBS: „Für Melk und Dürnstein kam die Realisierung leider zu spät“
Rund 200 Mitarbeiter hat IBS, jener mittelständische Betrieb in der bayrischen Stadt Thierhaupten, der derzeit überall in Europa mobile Hochwasserdämme errichtet. Der Falter sprach mit Xaver Storr, dem technischen Geschäftsführer.

Falter: Herr Storr, wie viele mobile Dämme haben Sie in Österreich seit 2002 errichtet?

Xaver Storr: An der Donau haben wir zwischen Linz und Klosterneuburg bislang zehn Großprojekte durchgeführt. Das war unser Hauptgeschäft in dem Land in den vergangenen Jahren. Für Melk und Dürnstein gibt es auch Aufträge, aber da kam die Realisierung für das derzeitige Hochwasser leider zu spät.

Worauf muss man achten, wenn man so einen Damm baut?

Storr: Vor allem brauchen Sie eine Vorlaufzeit von ein bis zwei Tagen, in der Sie über die Ankunft des Hochwassers Bescheid wissen. Wenn also ein Gebirgsbach innerhalb von zwei Stunden anschwillt, haben solche Anlagen keinen Sinn. Die Donau ist der Klassiker, da gibt es auch ein entsprechendes Pegelwarnsystem.

Warum hat sich Ihre Firma auf Hochwasserschutz spezialisiert?

Storr: Wir kommen ursprünglich aus der Löschwasserrückhaltung – also von jenen Systemen, die kontaminiertes Löschwasser in einem Gebäude halten. In den 1990ern jedoch wurde der Ruf nach mobilen Dämmen laut, weil Hochwasserschadensereignisse immer häufiger auftraten, damals vor allem an Main und Mosel. Da dachten wir: Was beim Löschwasser von innen nach außen funktioniert, muss ja beim Hochwasser auch auf dem umgekehrten Weg möglich sein.

Und wo liegen heute Ihre Hoffnungsmärkte?

Storr: Österreich und Deutschland sind schon sehr weit ausgebaut. In Zukunft wird wohl in Ungarn entlang der Donau viel investiert werden. Rumänien steckt noch in den Kinderschuhen, was die Hochwasserplanung angeht. Darüber hinaus haben wir auch Projekte beispielsweise in Thailand, den USA, Neuseeland und Australien. Bei Großprojekten im Bereich der Mobilwandtechnik beherrschen wir den Markt zu 90 Prozent.

Ihre Dämme haben zweifelsohne viel Wasser abgehalten. Kritiker wenden aber ein, dass durch diesen Schutz andere – ungeschützte – Orte umso stärker überschwemmt werden. Stimmt das?

Storr: Wenn wir fragen, ob eine Hochwasserschutzanlage den Pegel in ungeschützten Orten zusätzlich anhebt, dann reden wir – wenn überhaupt – von zwei bis drei Zentimetern. Außerdem müssen bei modernen Planungen immer auch Ausgleichsflächen geschaffen werden. Am Ende geht es um einen insgesamten, effizienten Schutz – es ist Haarspalterei zu fragen, wer an diesem und jenem Zentimeter schuld ist.

Xaver Storr, 44, ist technischer Geschäftsführer der bayrischen Firma IBS. Der Betrieb ist Weltmarktführer bei der Errichtung großer mobiler Hochwasserdämme

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Missionare gegen Gott

Aus dem FALTER 15/2013

Mit Eifer und einem Volksbegehren kämpfen sie gegen kirchliche Privilegien: was treibt Atheisten an?

Reportage:
Joseph Gepp
Benedikt Narodoslawsky

Irgendwann im Jahr 2008 kramt Herr Alm, römisch-katholisch getauft auf den Namen Nikolaus, in der Küche seiner Firma ein weißes Nudelsieb aus Plastik hervor, er setzt es sich auf wie einen Hut und lässt sich fotografieren. Niko Alm, heute 37 Jahre alt, Ex-Ministrant und als Jugendlicher ausgetreten aus der Kirche, sagt, sein Gott sei nun das Spaghettimonster. Aber das ist eine Farce, denn Alm glaubt an keinen Gott, nicht einmal an Engel. Alm ist Atheist. Er sagt, er fordere die gleichen Rechte wie Gläubige. In Österreich habe die Kirche Privilegien; das wolle er jetzt ändern. Kommende Woche beginnt sein Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien.

Im großen Besprechungszimmer seiner PR-Firma im vierten Wiener Gemeindebezirk zieht Alm seinen Scheckkarten-Führerschein aus der Hosentasche. Er legt ihn auf den Tisch, man kann darauf sein Foto mit dem Nudelsieb auf dem Kopf sehen, am Ende haben selbst BBC und CNN darüber berichtet. Mit dem Führerscheinfoto gelang Alm ein Mediencoup. Im Jahr 2008 hatte ihn eine Broschüre des Verkehrsministeriums verärgert, darin stand, Kopfbedeckungen auf Führerscheinfotos seien nur aus religiösen Gründen erlaubt.

Alm, der Spaghettimonster-Anhänger, erstritt sich das Recht auf ein amtliches Bild mit Nudelsieb auf dem Kopf, 2011 hielt er seinen neuen Führerschein in der Hand, und die Medien hatten ihr Fressen. Erst später wurde bekannt, dass die Broschüren falsch waren, gesetzlich ist nirgendwo von einer religiösen Kopfbedeckung die Rede; aber das war egal. Niko Alm, Vorsitzender des Zentralrats der Konfessionsfreien, Erfinder der Laizitätsinitiative, Sprecher des Volksbegehrens gegen Kirchenprivilegien, hatte einen Nerv getroffen.

Der Glaube steckt in der Krise, Religionskritik liegt im Trend. Vor allem die katholische Kirche, mit 5,4 Millionen Mitgliedern noch immer vorherrschende Glaubensgemeinschaft in Österreich, verliert an Boden. Missbrauchsskandale, Reformunwilligkeit, das zweifelhafte Renommee, als sinistre Macht im Hintergrund zu fungieren – all das setzt der Kirche zu. Auch wenn der neue Papst umjubelt wird: Das stete Schwinden des Katholizismus in Österreich wird er schwer aufhalten können.

Seit dem Jahr 1991 verlor die katholische Kirche rund 680.000 Mitglieder – also etwa ganz Tirol. Im Gegensatz dazu schnellt die Zahl der Konfessionsfreien in die Höhe, in der Religionsstatistik belegt die Gruppe in Österreich Platz zwei: Alleine zwischen 1991 und 2001 legte die Gruppe um rund 300.000 auf eine knappe Million zu. Mehr als doppelt so viele seien es heute, schätzt der Zentralrat der Konfessionsfreien, die selbsterklärte Lobby der Ungläubigen.

Sie richtet sich nicht nur gegen christliche Glaubensrichtungen. Das zeigte etwa die Beschneidungsdebatte, die vor wenigen Monaten hochkochte. Man müsse Juden und Muslimen „unmissverständlich klarmachen“, verlautbarte etwa ein deutscher Atheisten-Bund im Kasernenton, „dass das Einfordern von Toleranz gegenüber irrational-grundrechtswidrigen Traditionen und Bräuchen nicht geduldet wird“. In Österreich wähnt die Initiative „Religion ist Privatsache“ heimische Atheisten als „diskriminiert“. Die Gründe seien etwa „die Zwangskonfrontationen mit dem Kreuz in der Schule, (…) ein reichhaltiges religiös konnotiertes ORF-Programm bis hin zur Selbstverständlichkeit des Glockengebimmels um sechs Uhr früh“. Das sind schrille, polemische Töne. Woher kommt diese Haltung? Wird Österreich atheistisch? Oder suchen Menschen zwar wie eh und je ihr Seelenheil, lehnen aber kirchliche Institutionen ab?

Auch wenn die Zahl der Konfessionslosen steigt:
Die Europäische Wertestudie aus dem Jahr 2008 zeigt, dass noch immer vergleichsweise viele Österreicher aller Religionen an Gott glauben, nämlich 72 Prozent. Damit liegt das Land europaweit auf Platz sechs hinter Polen, Rumänien, Kroatien, Griechenland und Italien.

Niko Alm gehört zu den anderen 28 Prozent. Er habe nie an Gott geglaubt, sagt er, Religion habe ihn eher belustigt. Erst mit der Missbrauchsaffäre um den Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër Mitte der 90er-Jahre habe ihn das Verhältnis zwischen Staat und Kirche zu interessieren begonnen. 2009 gründete er die sogenannte Laizitätsinitiative, die sich für eine strikte Trennung von Kirche und Staat einsetzt. Im selben Jahr warb er mit dem Spruch „Es gibt keinen Gott“. Seither macht Alm mit immer neuen Aktionen auf sich aufmerksam. Mal kreiert er ein Warnschild, das einen Priester zeigt, der Kindern hinterherjagt. Mal sorgt er dafür, dass man auf die Website der katholischen Kirche kommt, wenn man „satan.at“ in den Internetbrowser tippt.

Fuehrerschein_©NikoAlm

Aber eigentlich gehe es ihm um mehr Demokratie, sagt Alm, „in zahlreichen Angelegenheiten genießt die Kirche Sonderbehandlungen“. Als Beispiele nennt er die Befreiung von der Grundsteuer und die steuerliche Absetzbarkeit von Kirchenbeiträgen. Warum aber stören ihn ausgerechnet die angeblichen Privilegien der Kirche so sehr und nicht jene anderer Gesellschaftsgruppen, etwa die der Beamten, Pensionisten oder Bauern? „Ausgangspunkt des Volksbegehrens war die Sonderbehandlung der Religionsgemeinschaften, nicht die Überlegung, wer privilegiert ist.“, sagt Alm.

Sein Ziel: Kirchen sollen private Vereine werden, nicht anders als die Ortsbildverschönerung und der Turnverein. Geht dann nicht eine Unterscheidbarkeit zu Sekten verloren, die man zur spirituellen Orientierung braucht? „Ich mache zwischen übernatürlichen Phänomenen keinen Unterschied“, sagt Alm. Das erregt Widerstand, selbst bei liberalen Christen wie Hans Peter Hurka von der reformorientierten Plattform „Wir sind Kirche“. 1995 initiierte er selbst ein Volksbegehren, um die katholische Kirche zu modernisieren. Das aktuelle Volksbegehren geht ihm viel zu weit. „Es ist unvertretbar, würde den Menschen schaden und die Religionsfreiheit beschneiden“, sagt Hurka und verweist auf das Menschenrecht, seinen Glauben öffentlich ausüben zu dürfen. Auch Regina Polak, Theologin an der Uni Wien, warnt: „Religionen, die allein im Privaten praktiziert werden, führen schnell zu Überlegenheitsgefühlen und Abschottungstendenzen.“ Religion brauche die Reibung mit der säkularen Welt, sonst koche sie in der eigenen Suppe.

Schon jetzt suchen viele Menschen ihr Seelenheil in Alternativen. Laut einer Studie der Uni Graz hängen 35 Prozent der Österreicher esoterischen Richtungen an, die ein universelles, höheres Selbst erreichen wollen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Schamanismus, Channeling oder Neo-Hinduismus. Überdurchschnittlich oft handelt es sich bei den Anhängern um gut gebildete, aufgeklärte Grünwähler – also gerade jene, die institutionalisierte Kirchen oft vehement ablehnen. Wie kommt es zu dieser Entwicklung ins Exotische?

Polak beantwortet die Frage mit historischen Traumata: „Die Unterdrückung durch Kirche und Staat, die es lange Zeit gab, wirkt bis heute nach. Und weil viele Menschen ja keinen Bezug mehr zur Kirche haben, sondern sie nur von negativen Zeitungsschlagzeilen kennen, meinen sie eben, das sei heute immer noch so.“

Dazu kommen seit den 90er-Jahren andere Phänomene, die eine neue globale Kirchenkritik und Atheismus befördern: Auf den neu entstandenen christlichen Fundamentalismus in den USA und Lateinamerika antworteten Kritiker wie der britische Biologe Richard Dawkins mit atheistischen Bestsellern, die sich auf Darwins Evolutionstheorie berufen. Und schließlich führte der islamistische Terror von 9/11 vielen vor Augen, wozu religiöse Fundamentalisten imstande sind.

Für Cahit Kaya, Grafikdesigner, 33, Gründer der Initiative Ex-Muslime, sind Religionen grundsätzlich potenziell gefährlich. „Als liberal geben sie sich nur, wenn sie gerade nicht die Macht haben, ihre Anliegen mit Gewalt durchzusetzen“, sagt Kaya im Café Starbucks auf der Mariahilfer Straße. Wenige Schritte von hier hat er im Vorjahr einen Dildo gekauft. Er warf sich in eine Burka, schnallte sich den Dildo um und spazierte so auf der Mariahilfer Straße umher. Er wollte damit auf die „Unterdrückung der weiblichen Sexualität im Islam“ hinweisen, sagt er.

Islam-Kritiker Cahit Kaya

Islam-Kritiker Cahit Kaya

Kaya meint, der Staat protegiere den Islam. Zum Beispiel die Beschneidung, die sei in Österreich noch immer erlaubt. Bekennende Beschneider habe er höchstpersönlich wegen Körperverletzung angezeigt, erzählt er, aber die Anzeige blieb erfolglos. Und auch die Zertifizierung nach dem islamischen Reinheitsgebot Halal ärgert den ehemaligen Muslim. Der Staat erlaube diese Zertifizierung und dulde damit, dass jene Moslems ausgegrenzt werden, die sich dem Halal-Regime nicht beugen. Das sei mit einer „Kauf nicht bei Juden“-Mentalität vergleichbar, sagt Kaya.

Mit dem Islam hat der Sohn türkischer Einwanderer schon als Jugendlicher gebrochen. Wie Niko Alm stammt Kaya aus keiner streng religiösen Familie. Unterdrückung hat der gebürtige Vorarlberger nicht mitbekommen, nur Engstirnigkeit in der muslimischen Community und Kuschen gegenüber religiösen Vorurteilen. Als Teenager wurde Kaya Atheist. Heute denkt er über ein eigenes Volksbegehren nach – gegen den Islam. Der sei schlicht nicht reformierbar, sagt Kaya und fordert wie Alm die radikale Abdrängung der Religion ins Private.

Aus rund 20 Menschen bestehe die Kerngruppe der neuen atheistischen Bewegung, sagt Heinz Oberhummer, emeritierter Atomphysik-Professor, Mitglied der Wissenschaftskabarettgruppe Science Busters und einer der prominentesten Atheisten Österreichs. Alle verfolgten unterschiedliche Ziele, der gemeinsame Nenner sei die Abschaffung dessen, was die Atheisten als Zwei-Klassen-Gesellschaft betrachten: die privilegierten Gläubigen hier, die unprivilegierten Ungläubigen da.

Etwa eine Million Broschüren ließ die katholische Kirche drucken, um vor dem Volksbegehren Gegenaufklärung zu betreiben. Ihre gottlosen Gegner haben viel Staub aufgewirbelt. Es ist wohl das auffälligste Merkmal des neuen Atheismus in Österreich: Er ist laut, schrill und provokant. „Jahrelang hat uns die Kirche ignoriert. Das war das Geschickteste, was sie machen konnte. Jetzt aber muss sie auf das Volksbegehren reagieren“, sagt Oberhummer stolz. Die Österreicher wüssten nun endlich von den Privilegien der Kirchen. Noch bevor die erste Person das Volksbegehren unterschrieben hat, sprechen die Atheisten also schon von einem Erfolg.

Dass sie die nötigen 100.000 Unterschriften bekommen werden, glauben sie allerdings selbst nicht einmal.

Wo der Staat für die Kirche zahlt

Kirche und Denkmal
Atheisten: Der Großteil der Denkmalausgaben fließt in die Erhaltung kirchlicher Bauten.
Kirchen: Der Großteil der Denkmäler gehöre eben der Kirche. Denkmäler nützen dem Tourismus

Kirche und Steuern
Atheisten: Viele Besitztümer der Kirche sind von der Grundsteuer befreit.
Kirchen: Stimmt nicht. Nur Gebäude für „gemeinnützige Tätigkeiten“ (zB Spitäler) sind grundsteuerbefreit

Kirche und Soziales
Atheisten: Die Kirche rühmt sich für ihr soziales Engagement, aber der Staat bezahlt sie dafür.
Kirchen: Aufgrund vieler ehrenamtlicher Helfer sind Kirchen kosteneffizienter als der Staat

Was im Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien steckt
Obwohl das Volksbegehren formell alle Religionsgemeinschaften betrifft, kommt das Wort „katholisch“ allein im Begründungstext fünfmal vor, während andere Glaubensgemeinschaften unerwähnt bleiben.

Im Text wird zwar die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche kritisiert, der Fokus liegt aber auf staatlichen Zuschüssen an Glaubensgemeinschaften und deren Rechte. Ihren Berechnungen zufolge subventioniert sie der Staat jährlich mit 3,8 Milliarden Euro. Die Summe ist heftig umstritten.

Am besten lässt sich der Streit an den konfessionellen Privatschulen festmachen: Der Staat bezahlt deren Lehrer, die Kirchen kommen für die Schulerhaltung auf. Die Verantwortlichen des Volksbegehrens sehen hierin eine Subvention. Der evangelische Bischof Michael Bünker jedoch hält dagegen: „Die kirchlichen Schulen kosten dem Staat kein Geld, sondern sie bringen ihm welches. Denn der Staat spart sich die Errichtung und Instandhaltung der Schulgebäude.“

Der wichtigste Punkt des Volksbegehrens ist laut Niko Alm die klare Trennung von Kirche und Staat. In Österreich jedoch gebe es die institutionelle Trennung bereits, erklärt Religionsrecht-Professor Richard Potz: „Ein wesentliches Kriterium dieses Systems ist, dass aufgrund dieser Entflechtung die Kirche vor der Einmischung des Staates ebenso sicher ist wie der Staat vor religiöser Bevormundung.“

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Budapest revisited

Originally published in German language in FALTER 51/10, december 2010

Hungary had once expelled him and condemns him again today. The journalist Paul Lendvai leads through the city of his youth

Portrait: Joseph Gepp, Budapest
Photos: Heribert Corn

How will the home of Professor Paul Lendvai probably look like, the habitat of this great commentator of old Eastern Europe?
You might imagine a solid wooden desk with a heavy brass lamp in the middle of the room. Expensive rugs are likely to hang on the walls, and of course running meters of books.

But in Lendvai’s flat in the 13th Budapest district “Neuleopoldstadt”, this insignia of wisdom of age is missing. The apartment is dignified, yes. Parquet floors, two modern paintings in antique frames, the window view displaying a snowy park directly on the Danube. But it lacks the exuberance of memories, as constituted else in the homes of elderly people, as well as the lack of status, the matured and the achieved. Just three months ago he had moved in, the 81-year-old Lendvai explained. The apartment had delighted him. Now his belongings are spread in Vienna and Budapest, and whatever he was currently searching for, was always in the other town, he jokes. Meanwhile his wife Zsóka, served black tea and apologized for the missing sugar shaker and so we must therefore operate from a bowl …

It is still a life of upheavals which Paul Lendvai leads. Three times he has already changed his place of residence, since he settled down after the turn of phases in the Hungarian capital. Five or six times a year, the couple comes to Budapest, most of their time it is still living in Vienna.

Lendvai at the desk of his apartment Photo: Heribert Corn

Budapest, Vienna’s twin, the founder temporal counterpart, the design competition, built in the same period and yet a touch more impressive. From the tram overhead line to the manhole covers everything abounds on adornments and embellishments in this city, even more than in Vienna. This is because Budapest has only been patched and repaired – no economic miracle in the West, like motorway arms drew away historic places and sacrificed palaces to the traffic flow. The Hungarian Communism, contrary to other Soviet bloc countries, has preserved the upper-middle-elegant look of the city rather than destroyed it. From 1st January it will be the backdrop for the big politics and the European leaders. Then Hungary will take over for six months the Presidency of the European Union from Belgium

A stable EU presidency.
The ruling coalition party Fidesz-KDNP (Hungarian Civic Union / Christian Democratic Party) led by Prime Minister Viktor Orbán boasts that after fragile Belgium a stable government is now projecting of the EU.

This is undeniably true, since the last elections in April the right-wing populist conservative Fidesz has a two thirds majority.

Hungary’s problem is not the stability of its government, but the way it uses its stability. It changed with the majority ado since April the Constitution, limited the powers of the Constitutional Court, media freedom and the pension system. Paul Lendvai calls the thrust „Semi-Authoritarian“. Hungary has become „from the pacemaker to the flashpoint“ one can read in bold letters on the cover of his 15th now Book, „My playful country.“ In it he deals with the Fidesz government. But it does not like criticism. Not long after the book´s publication a state-affiliated newspaper will have revealed that Lendvai had served as a volunteer informant for the Communists in the 80´s. „Absurd and ridiculous accusations,“ states the long-standing ORF (Austrian Broadcasting Corporation) -presenter and correspondent for the Financial Times. He is trying to take the matter at ease: „It’s good for sale figures of my book and bad for my blood pressure.“

Foto: Heribert Corn

Closer than the Austrians think
Anyone who wants to understand the accusations, wants to understand this country that is bordered by Austria and yet seems so far away, should know the history of this man. For Paul Lendvai is a symbol of the centuries-old connection between the two states, separated by the Iron Curtain. He is the last person to appeal to the public to point out that Eastern Europe is geographically much closer to Vienna, as the Austrians mean. And that the inhabitants of the present-day Austria were forever part of that mixture, especially European nations, so many potential dangers were brought forth – what today seems like erased from the local memory.

Almost all know Lendvai´s face and his distinctive accent from television. Many read his lyrics that he writes for several newspapers. But few know that in his long life Lendvai had to learn the hard way of almost all vibrations in the troubled Central Europe in the 20th Century.
Here in Budapest, he barely got away, at a just outgrown child’s age, from the Hungarian Nazis, who persecuted him, because he is a Jew. Here the new communist regime detained him in prison, as the war was was hardly over. Here he fled, as Soviet tanks shot 1956 on the road outside his family home a way into the city centre, through vaulted cellars.

He is unable to enter the basement. Before the staircase someone has placed a locked grating, preventing entrance for strangers. Paul Lendvai – he appears tinier than on TV, his tread is a dragging, but determined – looks through the bars on to the spiral staircase, the post office boxes, into the back yard. He turns right around again. „It looks all very different than in former times,“ he says.

Photo: Heribert Corn

Here, in the old gray residential building in the Ulloi utca 53, in the ninth district of the city, of Franztown, Paul Lendvai was born on the 24th August 1929 as an only child. But the house belongs to an era in his life that no longer matters to him. In the mid-60s the communist government called the parents house back, because the widowed mother had followed the son to Austria. Today neon letters on the facade advertise for a solarium with a gym.

Photo: Heribert Corn


Migrants from within Greater Hungary

On the second floor, the family Lendvai resided, the father a lawyer from eastern Slovakia, the mother from Transylvania, both internal immigrants from Greater Hungary. Thick snowflakes swirl on Lendvai black cap as he steps on the road again. During the Hungarian uprising of 1956 the family spent their entire days in the basement, he narrates with his hands buried in his winter jacket. The toughest battles of the city raged in the Ulloi utca. Above the Soviet tanks were rattling, below crept the then 26-year-old Paul and his parents through interconnected underground passages out of the lethal zone.

The synagogue is located a few blocks away, which Lendvai as a child and his religious mother attended – the agnostic father, meanwhile, had been sitting in the cafe, Lendvai remembers. As a youngster he played on the forecourt of the temple. Nowadays one can only enter through a metal detector. The synagogue in Páva Utca now houses the Budapest Holocaust Museum. Monolithic gray wings enclosing the museum rooms, surrounding the house of prayer like fortress walls.

Until the ’40s, every fifth person in Budapest was Jewish. Half of them, about 100,000 people were murdered – in shortest time and with relentless orderliness. Hungary’s persecution of Jews started not until the late autumn 1944, when the Arrow Cross Party members, supported by the German Reich Hungarian National Socialists seized power. Paul Lendvai survived the following months in a plain gray block of flats close to his current apartment in Neuleopoldstadt.

Photo: Heribert Corn

It was one of 125 so-called ‘shelter houses’ as they were built in Budapest from neutral countries such as Switzerland, Sweden and the Vatican. 50 people vegetated in a two-bedroom apartment. Lendvai´s father Andor had a Swiss „protective pass“ and thus got hold of a residential permit. Whether the passport was genuine at all, the son does not know to this day. The accident – one at the right time presented slip, only a turn around the corner at the right moment – in any case decided over death or life of the family. „Carnival of death and hell“ Lendvai calls in one of his books the winter of 1944.

New Arrow Cross march
Today it sometimes seems as if the evil spirits of this hell carnival resurrects. Three years ago hundreds of extreme right-wingers launched under the office of the president in Buda Castle the Hungarian Guard. They marched in combat boots, wearing uniforms and waving flags of the old Arrow Cross. “It was as if Neo-Nazis in the year 2000 put an oath before the official residence of the German Federal President in Berlin,“ said the Hungarian director Laszlo Kornitzer. „Not one police officer in sight. The ceremony took two hours and then the Nazis would march off, undisturbed, for an unknown destination.”

The guard stands close to the right-wing Jobbik party, which became in April the third largest party in Parliament. Their more and more violent radical, often conspiratorial ideas penetrate into the discourse of the Hungarian midst. This is also due the policy of the major parties: the Socialists, the ruling party until Orbán’s came to power, for instance, are to be estranged and corrupt. Their mismanagement almost led to national bankruptcy, which was in 2008 only averted through an international emergency loan of 20 billion Euros. Meanwhile, Hungary fell back on budget, growth and labor market, far behind countries like Poland, the Czech Republic and Slovakia – that reform-minded team of former Eastern bloc countries, which had once „happiest barrack in the Soviet bloc“ always served as a model.

Now, the economic failure also shows increasingly in the political sphere. Failures in the choice of words detach from each other, always lowering the barriers in terms of democratic standards. The driving force in the eyes of many is the two thirds party Fidesz, which took over in April as Socialists shrunk immensely as a governing party.

„There is peace, freedom, unity“

The right-wing populists declare an election victory as „revolution”. They boycott the previous government, calling it „illegitimate“. A „system of national unity“ more recently equals state and party interests. And a framed banner with the phrase „There is peace, freedom and unity“ has recently become regulation in all offices.

There are also questionable economic reforms, such as private pension funds or the taxation of certain commercial sectors. In the short term they should conceal the enormous budget deficit, economists fear the long-term stability of the country. Therefore the U.S. rating agency Moody’s put to rate credit-worthiness of Hungary in early December on the same level as that of a country that is getting significantly more media attention because of its financial difficulties: Ireland.

Whoever is against Fidesz, is against the whole country – is now often heard in Hungary. Fidesz wants to be the true heir of the freedom fighters in 1956, who rebelled against the Russian-Communist foreign domination and were cruelly beaten. The real turning point, the grand narrative of the party ideologues, have not even been 1989 – it was hijacked by the socialists and in April 2010 actually been drawn. In this edifice, of course, it fits well, that one like Paul Lendvai should be in fact a spy for the communist regime.

Thereby Lendvai was a victim of Stalinist purges himself. It was a winter night in 1952 when two policemen stuck him in a Russian-built car and drove off with him. This was followed by three years of imprisonment, interrogation and occupational ban.

Before, Paul Lendvai had become a journalist – and a convinced communist. He wrote propaganda articles for which he is now ashamed of, he writes in his autobiography. In a „journalistic world of illusion“ that he had endorsed in, he says, in a „dialectical bent reality.“ Lendvai complained on behalf of the state ideology on the international cionism, or Tito’s Yugoslavia, which had averted from Stalin. Finally the Hungarian henchmen of the Red Tsar fetched him too.

The prison, in which they brought him, still exists today. It stands on the other side of the Danube, in the Fö Utca in Buda. It is a massive, clichéd repelling building.

Photo: Heribert Corn

The iron-fitted gate is the same today as it was then, Lendvai says. Through the window slot of his cell in the political section, he heard the kids play in the park.

Photo: Heribert Corn


The food was practically unfit for human consumption, cooked roots and dry bread. Within the same building three years after Paul Lendvai was released from prison, the leader of the Hungarian uprising of 1956, Imre Nagy was sentenced to death and executed.
From an „amalgam“, a diffuse mixture of half-truths and rumors, the regime had used against him at that time, says Paul Lendvai. An amalgam, the same like the present government is using against him. For example, the newspaper Heti Válasz close to Fidesz refers in their campaign to Lendvai, as he in the ’80s, bargained for filming permits for the ORF with the Hungarian authorities. „Derive nonsense, the fact that I was informant,“ Lendvai says. „Anyone who has ever worked as a journalist in a dictatorship knows how every little thing here is matter for negotiation. How one has to appease and constantly reassure the authorities.“

For other Hungarian professionals – for example, the political scientists Pelinka Sándor or the economist Anton Richter of the Vienna Institute for International Economic Studies – the Causa fits for other cases in which Hungary’s government acted similarly with critics. In the case Lendvai, says Richter, it is only outcropping to foreigners, because Lendvai was very active abroad. Fidesz politician appease when responding to the Causa: The record originates from a „free media“ and have nothing to do with party interests.

„The political culture of Hungary is a hate culture,“ said writer Gyorgy Dalos. Paul Lendvai termed the condition of the nation in his new book, the „cold civil war“. Since the large demonstrations against the government in 2006 and the close bankruptcy in 2008, the Hungarian society seems out of balance. The readiness to fanaticism is greater. This may strike some journalists who „should not always cast the country in a negative light,“ as one Fidesz politician implements in a background briefing. This applies to platforms on the Internet, were right-wing hate speeches reach many Hungarians. It can also refer to opposition politicians and dissidents.

Especially after the end of the Hungarian EU presidency in mid-2011 it is recommend to pay attention to developments in the country, says Paul Lendvai. Because then no one else will watch anymore. At this point, the way is cleared for even more controversial measurements, for example, against criminal proceedings against opposition politicians.

Warsaw, Prague, Vienna, Budapest

It was the 12th January 1957, a year after the uprising. Paul Lendvai, then 27 years and editor of the Communist evening paper, his first foreign trip of his life is to be due. It leads him to Warsaw, then he should return with stops in Prague and Vienna to Budapest. He has the yellowed ticket of the Hungarian airline Malev to this day. Lendvai traveled as planned to Warsaw and then he flew to Prague and Vienna.
On 4 February 1957, he leaves the building at Schwechat airport and starts a new life.

Monday night, before the editorial deadline the Fidesz parliamentary majority decided on a controversial new media law. It provides for the resolution among autonomous editorial in public broadcasting. A powerful media control authority in newspapers is also guided by a Fidesz-confidant for nine years, which means for two terms. As for the EU Presidency in the first half of 2011, Hungary plans a focus on energy independence from Russia, a co-ordination development in the Danube region and new approaches in the Roma issue, such as essence in the census

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Paul Lendvai, 81, is a journalist with profound knowledge of Eastern Europe. In 1944 he was deported by the Nazis and imprisoned in 1953 by the Communists, when in 1957 fleeing to Austria. Here he was in 1982 Austrian Broadcasting Corporation-Eastern Europe-chief and correspondent for the „Financial Times“. Today he writes for the „Standard“ hosts the „European Studio“ and publishes the „European Review“. Author of numerous books, for example concerning Hungary, Austria, Yugoslavia and anti-semitism.

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„Leichen, Oida“

Aus dem FALTER 24/11

In Meidling findet die Polizei zwei Tote in einem Kellerabteil. Die Nachbarn haben es irgendwie geahnt

Reportage: Joseph Gepp

Erhard Berek*, Stammgast im „Scharfen Eck“ zwei Straßen weiter, hat es die ganze Zeit gewusst. „I hob immer g’sogt: Des is ka Guate“, sagt er in seinen Schnauzbart. Ein kräftiger Schluck aus seinem Krügerl verschafft ihm eine Kunstpause, um die Dramatik seiner Ausführungen noch zu steigern. „Aber er wollt ja net auf mi hör’n.“

Er, das ist der Oberösterreicher Manfred H., 47, Eismaschinenvertreter, seit einem halben Jahr spurlos verschwunden. Nun wurden seine Überreste entdeckt. Einbetoniert und verteilt auf mehrere Betonwannen und Kühlgeräte, in einem modrigen, ziegelsteinernen Kellerabteil 50 Meter von Erhard Bereks Stammbeisl entfernt. Daneben lag der Schädel einer zweiten Leiche.

Sie, das ist Estibaliz C., 32, Manfred H.s Exfreundin. Was tagelang als Verdacht und Gerücht umherschwebte, gestand sie Freitagabend: dass sie die Mörderin ihres Ex-Freundes Manfred H. und ihres Ex-Mannes sei. Im Gründerzeithaus über dem Keller führte die Spanierin noch vor wenigen Tagen den Eissalon Schleckeria. Nachdem die Leichen entdeckt worden waren, räumte sie ihre Bankkonten leer und nahm ein Taxi an die italienische Grenze. Am Freitag wurde sie am Bahnhof von Udine festgenommen.

Vom „Eis-Engel“, der „Todeshexe“ und der „Eis-Baronin mit dem Erdbeermund“ schreiben unentwegt Boulevardzeitungen. Ob C. Komplizen hatte und wo die restlichen Körperteile ihres Ex-Manns versteckt sind, stand bei Redaktionsschluss am Freitag noch nicht fest.

Ein grausiges Verbrechen geschah in der beschaulichen Oswaldgasse, einer kopfsteingepflasterten Kastanienallee nahe der Meidlinger Polizeikaserne. Fast alle ihrer Bewohner kannten die Chefin zumindest flüchtig. Nun wachen Polizisten vor den bunten Schaufenstern der zugesperrten Schleckeria. Drei türkische Teenager, die die Straße entlangspazieren, unterhalten sich über die „Leichen, Oida“. Aus den schmalen Fenstern des Kellers, den nur Beamte in Schutzkleidung betreten dürfen, dringt Verwesungsgeruch auf die Straße, als würde man Fleisch wochenlang ungekühlt liegen lassen.

Dennoch reagiert der Großteil der Anrainer, wenn man sie auf den Fall anspricht, weniger entsetzt und verstört als vielmehr erfreut: über das riesige Interesse und die Möglichkeit, Gerüchte mitzuverbreiten. Zum Beispiel Erkan Köksal, 39, Friseur. Über dem immensen Bauch des kleinen Mannes spannt sich ein T-Shirt mit nautischem Motiv. Ausgerechnet in diesen Tagen wird Köksal neben der Schleckeria seinen Frisiersalon Aymen eröffnen. Er sieht das Medieninteresse positiv und posiert wie ein Serienstar für die Fernsehteams, die ihn der Reihe nach interviewen. „Schreiben Sie unbedingt auch den Namen meines Geschäfts“, sagt er, „Publicity ist immer gut.“

Weil der Friseur für sein neues Lokal Rohre in den wenig benutzten Keller verlegen musste, wurden die Leichen entdeckt. Bei einem Abteil fand sich kein dazugehöriger Besitzer. Köksal und seine Handwerker brachen nach einigem Nachfragen das Vorhängeschloss an der Holztür auf. Drinnen lagen zwei Taschen. Eine enthielt laut Köksal zwei Gewehre samt Zielfernrohr, die andere eine Pistole und einige spanische Notizen. In dahinterstehenden Mörtelwannen und Gefrierschränken bedeckte jeweils eine Schicht Katzenstreu getrockneten Beton. Köksal schob in einer Wanne die Streu zur Seite und sah, aus dem Beton ragend, den Zipfel eines schwarzen Müllsacks. „Ich hab ihn aufgeschnitten“, sagt er. „Und wie mir der Gestank entgegenkommt, hab ich schon gewusst, was los ist.“ Der Beton wurde später von Kriminalisten aufgestemmt, drinnen fand sich der kaum verweste Unterschenkel samt Fuß von Manfred H.

Die Stammtischrunde um Erhard Berek im „Scharfen Eck“ wusste schon am vergangenen Mittwoch, was Esti C. erst zwei Tage darauf gestand: dass es sich beim zweiten Leichnam um den Ex-Mann handelt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei vom zweiten Opfer lediglich bekannt gegeben, dass es männlich gewesen sei und an einem Kopfschuss starb.

Am Sonntag vor zwei Wochen, dem Abend vor dem Leichenfund, besuchte C. noch zusammen mit ihrem aktuellen Freund die nahe Pizzeria Chaplin. Der, lästert nun die Stammtischrunde um Erhard Berek, sei seinem Schicksal gerade noch entwischt. Im Chaplin selbst schütteln der Koch und die Kellnerin fassungslos die Köpfe. Im vergangenen Jahr seien Esti C. und Manfred Hinterberger fast jede Woche hierhergekommen, erzählen sie.

H., ein gut gelaunter Hüne von fast zwei Metern Größe, bestellte regelmäßig Spare Ribs und scherzte mit der Bedienung. Und Esti C.? Zierlich und engelhaft sei sie gewesen, irgendwie unschuldig habe sie gewirkt, sagt der Koch. „Immer sexy, immer im Mini“, fügt die Kellnerin hinzu.

Nicht nur im Grätzel, auch auf Internetseiten ist die verschwundene Esti C. nach wie vor als Eissalonchefin präsent. Auf Facebook tauscht sie Nachrichten mit Manfred H. aus, auf einer Website mit Stellenanzeigen sucht sie Speiseeiserzeuger für ihre Schleckeria. Wählt man die angegebene Telefonnummer, dann stellt sich auf Band eine fröhliche Stimme als Esti C. vor. Nachrichten bitte nach dem Piepton.

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Sami und Europa

Aus dem FALTER, 21/2011

24.000 tunesische Auswanderer haben eine Debatte über Europas offene Schengengrenzen entfacht. Sami Adel ist einer von ihnen. Wie Wirtschaftsmigranten zum Spielball europäischer Spitzenpolitik werden

Reportage und Fotos: Joseph Gepp / Ventimiglia

Sami Adel und andere Tunesier vor dem Bahnhof von Ventimiglia

Das Einzige, was Sami Adel neben der Kleidung am Körper und einigen Dokumenten noch besitzt, ist sein Handy. Telefonieren kann er damit zwar nicht, dazu fehlt ihm das Geld für Guthaben. Doch hinter den abgegriffenen Tasten und dem zerkratzten Display des Nokia verbirgt sich alles, was für sein Leben wichtig ist. Ein paar französische Rap-Songs, die Sami gern hört. Fotos seiner Schwestern und Brüder. Einige Textnachrichten. Ein verwackeltes Video, das ihn inmitten einer Menschenmenge zeigt, auf dem Deck eines Fischkutters von Afrika nach Europa.

Sami Adel*, 22, dunkle Haut, dunkle Haare, ein Gesicht wie ein Teenager, ist vom südtunesischen Gabés ins norditalienische Ventimiglia gekommen. Jeden Morgen steigt er hier zusammen mit 150 anderen Tunesiern aus einem Bus. Jeden Abend holt sie derselbe Bus wieder ab und bringt sie zur Nachtruhe in ein nahes Rotkreuz-Lager. Dazwischen vergeht Samis Tag.

Auf dem Schiffsdeck: Handyvideo von der Überfahrt

Immer beobachtet von Polizeistreifen, sitzen die Tunesier von Ventimiglia am Rand des leeren Springbrunnens, der den Bahnhofsvorplatz ziert. Sie dösen auf Pappkartons im Gebäudeinneren, die Köpfe auf kleine Rucksäcke gestützt. Sie borgen sich Zigaretten, schauen ins Leere, führen Gespräche ohne Anfang und Ende. Manchmal gehen sie ein wenig durch die Stadt, aber weil sie kein Geld haben, führen die Spaziergänge nicht weit. Es sind ausschließlich Männer, 19 bis 29, neben der arabischen Muttersprache sprechen sie allesamt Französisch, manche Italienisch, manche Englisch. Arbeiten dürfen sie ebenso wenig wie sich untertags im Rotkreuz-Lager aufhalten. Was sie essen, kommt vom Lager. „So“, sagt Sami Adel, „habe ich mir Europa nicht vorgestellt.“

Vom Rand in die Mitte Europas

Dies ist eine Migrationsgeschichte, aber nicht von dort, wo solche Geschichten sonst spielen. Nicht von der Felseninsel Lampedusa, von der spanischen Stadt Ceuta auf afrikanischem Boden oder der hochgerüsteten EU-Außengrenze zwischen der Slowakei und Ukraine. Nicht von jenen Vorposten und Randgebieten, wo sich der Kontinent gegen seine Nachbarn schützt.

Die Kleinstadt Ventimiglia liegt mitten in Europa, einen Steinwurf von der französischen Côte d’Azur entfernt. Eigentlich wollte die EU Probleme von der Art, die Ventimiglia jetzt hat, an ihren Rändern lösen, in Lampedusa oder an der ukrainischen Grenze. Aber das System, wie es sich die Union ausgemalt hat, mit Freiheit im Inneren und strikter Abgrenzung nach außen, funktioniert so nicht mehr. Die Probleme sind ins Herz Europas gerückt.

Ventimiglias Stärke ist eigentlich der Sommertourismus. Schon Mitte Mai aalen sich Urlauber in den besonnten Gastgärten der Strandpromenade. Vespas knattern über die elegante Via Roma. Einige Dutzend Kilometer westlich von hier enden gerade die Filmfestspiele von Cannes. Sami Adel und die anderen Gestrandeten sitzen in einer anderen Welt. Sie können weder nach vorne noch zurück, obwohl sie Visa für ganz Europa in ihren Taschen tragen.

„Wir hatten ja nichts zu verlieren“

In einem schmutzigen Seitentrakt des Bahnhofs

Samis Geschichte beginnt im März 2011. Acht Wochen zuvor hat in Tunesien der arabische Frühling, die große Revolutionswelle begonnen. Nun herrscht Chaos. Die Wirtschaft stockt, Touristen bleiben weg, Hunderttausende kommen aus dem umkämpften Libyen ins Nachbarland. Schon vor zwei Monaten hat Sami seinen Job als Souvenirverkäufer in der Stadt Sousse verloren. „Ich hatte nichts mehr“, sagt er, „wie wir alle hier.“ Rund um ihn, in einem schmutzigen Seitentrakt des Bahnhofs von Ventimiglia, nicken ein einstiger Supermarktangestellter, ein Elektriker, ein Kellner und der Türsteher einer Touristendiskothek. Alle waren sie arbeitslos geworden, alle wollten sie ein neues Glück versuchen. „Wir wussten, dass die Überfahrt gefährlich und das Leben in Europa nicht einfach ist. Aber wir hatten ja nichts zu verlieren.“

In diesen Tagen öffnet sich für die Tunesier ein Zeitfenster. Die Behörden können die Küsten des Landes nicht mehr überwachen. Samis Familie kratzt 1500 Euro für die Überfahrt zusammen. Am 22. März bricht er gemeinsam mit einem Freund von der Stadt Zarzis auf. 230 Menschen befinden sich an Bord des Fischkutters. Nach einem Tag und 21 Stunden ankern sie vor der italienischen Insel Lampedusa.

Tunesier vor dem Bahnhof

24.000 Tunesier wie Sami Adel erreichen in diesen Tagen die Insel. In Europa erregt der „menschliche Tsunami“, wie Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi sagt, weit mehr Sorge als die Tatsache, dass einige der klapprigen Kutter kentern und rund 600 Menschen im Meer ertrinken oder auf seiner Oberfläche verdursten. Als Sami europäischen Boden betritt, treffen sich Europas Politiker schon zu Krisensitzungen. Zwar wäre es ihnen möglich, die Tunesier zurückzuschicken, weil es sich bei ihnen großteils nicht um Flüchtlinge handelt, sondern um irreguläre Einwanderer: Weder flohen sie aus Lebensgefahr noch baten sie in Italien um Asyl. Aber das Zielland muss einer Abschiebung zustimmen – und das krisengeschüttelte Tunesien wollte die eigenen Leute nicht mehr. Berlusconi forderte daraufhin von Resteuropa die Aufnahme von Tunesiern. Doch auch dieses legte sich quer. Also machte der Premier am 16. April unter großem Protest Europas eine Drohung wahr: Er gab den Einwanderern Sondervisa. Wie Touristen können sie sich mit den Aufenthaltsgenehmigungen bis zu sechs Monate frei bewegen, in allen 25 Ländern des Schengen-Raums.

Zwei Tage darauf bekommt Sami sein Visum. Es ist ein rotes Heftchen mit Foto, das wie ein Reisepass aussieht. Wie die meisten tunesischen Migranten möchte er damit nach Frankreich weiterreisen, nach Lyon, wo ein Onkel lebt. „Der will mich zwar gar nicht sehen“, sagt Sami, „aber er ist der Einzige, den ich in Europa kenne.“

Im eigenen Interesse unterstützt Italien seinen Wunsch nach Weiterreise. Von Lampedusa aufs süditalienische Festland gebracht, darf sich Sami eine Zugfahrt innerhalb Italiens auf Staatskosten aussuchen. Wie viele andere wählt er als Ziel Ventimiglia, die letzte Stadt vor Frankreich. Dann muss er nur noch rüber. Wenn Frankreich die Migranten nicht nimmt, kommen die Migranten eben von selbst, so stellt sich Silvio Berlusconi das vor.

Für spätentschlossene Tunesier, die erst jetzt den Aufbruch nach Europa wagen, ist inzwischen die Chance vertan. Elf Tage nach Samis Ankunft in Lampedusa, am 6. April, hat Italien mit Tunesien ein Abkommen geschlossen. Die Italiener zahlen 150 Millionen Euro Finanzhilfe. Die Tunesier nehmen dafür alle irregulären Einwanderer zurück, außerdem wird die Küste besser überwacht. Doch Sami braucht das nicht mehr zu kümmern.

Plötzlich gilt das Visum nicht mehr

Er hat es bis kurz vor Frankreich geschafft. Und er bekommt ein Schengen-Visum. Nur gilt es plötzlich nicht mehr.

Schwer bewacht von der Polizei: Das Rote Kreuz bringt Essenspakete zum Bahnhof von Ventimiglia

Am 17. April – tags zuvor begann Italien mit der Visumverteilung – lässt Frankreichs Präsident Sarkozy Zugverbindungen nach Italien einstellen. Polizeisondereinheiten marschieren in Grenzorten auf. Zum ersten Mal seit 1997, als Frankreich und Italien das Schengen-Abkommen implementierten, schließen die Grenzen. Silvio Berlusconi handelte willkürlich, als er illegalen Einwanderern Visa gab. Nicolas Sarkozy handelt nun willkürlich, indem er Schengen aussetzt. Beiden bietet die Hysterie um die Affäre einen willkommenen Anlass, um von den internen Schwierigkeiten ihrer Länder abzulenken.

Mittendrin hat Sami plötzlich Probleme, die eigentlich an Europas Rändern gelöst hätten werden sollen. Wie an einer verstopften Ader im geeinten Kontinent ballen sich in Ventimiglia und Umgebung tausende Tunesier wie er zusammen, die trotz Visum nicht nach Frankreich reisen dürfen.

Offiziell rechtfertigen Frankreichs Behörden die Maßnahme mit einer Gesetzesklausel, wonach Reisende mindestens 62 Euro an täglichem Lebensunterhalt nachweisen müssen, damit das Schengen-Visum gültig ist. Manchmal stößt sich Frankreich auch am Ausdruck „humanitäre Angelegenheit“ im Dokument – dies dürfe kein Grund für eine Visumvergabe sein. Aufgegriffene Tunesier werden in Zügen und Flugzeugen nach Italien zurückgebracht.

Am 11. Mai versucht Sami Adel von Ventimiglia mit dem Zug ins französische Nizza zu gelangen. Dort angekommen, wartet schon die Polizei am Bahnsteig. Sami wird festgenommen. Er habe die Wahl zwischen freiwilliger Rückkehr nach Italien oder Gefängnis, drohen die Beamten. Sami kennt die Geschichten von der Brutalität französischer Polizisten, die Migranten einander erzählen. Er hat Wunden an Beinen gesehen, die angeblich von Fußtritten stammen. Geld für ein Rückfahrticket hat er nicht. Eingeschüchtert geht Sami 40 Kilometer zu Fuß zurück nach Ventimiglia.

Wegen 24.000 wankt Schengen

Insgesamt sind so viele Tunesier nach Europa gekommen, wie Baden bei Wien Einwohner hat – wenig im Vergleich zu den 400 Millionen Schengen-Europäern. Aber sie treffen auf eine Stimmung, die von Fremdenangst, Sicherheitssorgen und Rechtspopulismus geprägt ist. Dass Europa auf vielerlei Art von der Arbeitskraft der Migranten abhängt – in der Landwirtschaft, in der Gesundheit, am Bau – ist in Vergessenheit geraten. Die irregulären Einwanderer aus Tunesien bringen das Fass zum Überlaufen. Schengen beginnt zu scheitern.

Nachdem Frankreich aufgrund von Berlusconis Visumvergaben die Reisefreiheit ausgesetzt hat, fordern andere Länder für sich dasselbe Recht. Drei Wochen später verkündet Dänemark die Wiedereinführung von Grenzkontrollen. Schweden liefert dem Nachbarn Schützenhilfe. Deutschland erwägt Grenzkontrollen; auch Österreich verweigert Tunesiern am Brenner trotz Visa die Einreise. Schließlich einigen sich die EU-Innenminister auf eine Schengen-Reform bis Juli – neue Grenzkontrollen sollen illegale Einwanderung unterbinden helfen. Ohne Einschränkung der Reisefreiheit sei dies jedoch unmöglich, warnen Kritiker. Flugs bringen 24.000 Tunesier das ins Wanken, was vor kurzem noch als unumstößliche und allseits sichtbare Errungenschaft des vereinten Europa gegolten hat: offene Grenzen. Sami Adels arabischer Frühling ist in einen europäischen Winter umgeschlagen.

Trotz Kontrollen hat es ein Großteil der Tunesier laut der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR nach Frankreich geschafft. Trotz Visa leben sie dort in einer schwammigen Halblegalität. Andere Tunesier sind in Italien geblieben, vor allem in Provinzen nahe Frankreich. Wie Sami versuchen sie immer wieder, über die Grenze zu gelangen, und werden zurückgeschickt.

Sami Adel hat von seinem missglückten Versuch vorerst genug. Er bleibt am Bahnhof von Ventimiglia. Was nach Ablauf des sechsmonatigen Schengen-Visums mit ihm geschehen soll, ist unklar. Italienische Regionalpolitiker wollen sich um Unterkünfte und Beschäftigungen für die Migranten bemühen. 300 Euro habe er bei seiner Ankunft in Europa dabeigehabt, erzählt er. Die Summe sei längst verbraucht. Sami lebt von Zuwendungen des Roten Kreuzes. Nach zwei Monaten in Europa hängt er in der Luft. Auch wenn er sich in Italien im Gegensatz zu Frankreich frei bewegen kann, so fehlt ihm doch das Geld für Bus- und Zugtickets, so sagt er zumindest.

Das Rotkreuz-Lager am Stadtrand

Polizeikontrollen bei Ankunft der Einwanderer

Abends bringt ihn der Bus an den Stadtrand zum Rotkreuz-Lager, einer heruntergekommenen Industriehalle, an deren Wänden in braunen Schlieren Feuchtigkeit herunterrinnt. Wie am Bahnhof steht auch hier überall Polizei. Beamte in Brustpanzern und blauen Plastikhandschuhen empfangen die Einwanderer, durchsuchen die wenigen Rucksäcke peinlich genau auf Drogen und Alkohol. Eine notwendige Maßnahme, sagt eine danebenstehende Rotkreuz-Krankenschwester. Die Bewohner von Ventimiglia hätten Angst vor den Tunesiern, „sie werden schnell aggressiv“. Man könne nicht einmal die Kinder auf die Straße lassen, sagt die Schwester. „Das sind ja alles Kriminelle, die in Tunesien aus den Gefängnissen ausgebrochen sind.“

Dies ist nicht nur eine Migrationsgeschichte, die vom Rand in die Mitte Europas gerückt ist. Es ist auch die Geschichte einer selbsterfüllenden Prophezeiung, die Fremdzuschreibungen ein Stück weit wahr werden lässt, wenn man konsequent nach ihnen handelt. Sami Adel verbringt den ganzen Tag am Bahnhof. Das obdachlose, untätige und bedürftige Leben, mit dem man ihn konfrontiert, ängstigt die Einheimischen. Sollte Sami eines Tages seinen Zustand nicht mehr aushalten, sollte er sich vor Verzweiflung betrinken und zu toben beginnen – dann wird er tatsächlich zu dem Sicherheitsrisiko, das Europa von Anfang an in ihm sah. Dann wird die Polizei, die man ihm ständig zur Seite stellte, von Anfang an gerechtfertigt erschienen sein.

In schwammiger Halblegalität

Aymen und Mohamed im Zug nach Nizza

Es ist der nächste Tag am Bahnhof von Ventimiglia. Obwohl sie schon mehrmals zurückgeschickt wurden, wollen zwei von Samis Freunden erneut versuchen, nach Frankreich zu kommen. Je sechs Euro für die 30-minütige Bahnfahrt nach Nizza konnten Aymen Mafyouzi, 25, und Mohamed Khaled, 24, auftreiben. Sami verabschiedet sich nur flüchtig von ihnen, er rechnet ohnehin mit der unfreiwilligen Rückkehr. Aymen und Mohamed haben ihren ganzen Besitz bei sich – Jacke, Rucksack, Handy, Schengen-Visum. So jung und unbeschwert, wie sie wirken, könnten sie auch zwei Austauschstudenten sein.

Polizei am Bahnsteig von Menton, der ersten Stadt hinter der Grenze

Der Zug fährt los und überquert sogleich die Grenze. Tennisplätze und Villen mit Meerblick ziehen am Fenster vorbei. Der Mistralwind lässt den Himmel so blau schimmern wie das Meer. Am ersten Bahnsteig hinter der Grenze, in Menton, stehen Polizisten mit Gummiknüppeln.

Doch Aymen und Mohamed fahren bis Nizza. Dort steigen sie unbeobachtet aus und gehen durch einen Seitentrakt in die Ankunftshalle des Bahnhofs. Am Haupteingang kontrollieren Polizisten. Aymen und Mohamed schlüpfen unbemerkt durch einen Seiteneingang ins Freie. „Wir haben’s geschafft“, sagt Aymen erleichtert.

Sie wollen jetzt weiter nach Toulon, sagen sie, zu einem Freund. Danach weiter nach Paris, zum Arbeiten. Aymen wedelt mit einem zerknitterten Zettel, Name und Nummer des Freundes in Toulon. Aber vorher, sagt er, müssten sie noch Geld für die Weiterfahrt auftreiben. Vielleicht könnten sie kurzfristig in einem Restaurant arbeiten, sie würden andere Tunesier auf der Straße um Hilfe bitten. Und wo schlafen? „Im Park“, sagt Aymen, „no problem.“

Vielleicht werden sich Aymen und Mohamed tatsächlich nach Paris durchschlagen, um dort illegal zu arbeiten. Oder die Polizei greift sie auf und schickt sie zurück nach Ventimiglia. Zurück zu Sami Adel, zum letzten Bahnhof vor der Grenze.

*) Name von der Redaktion geändert

Aymen und Mohamed in Nizza

„Der einzige Weg, um die Tunesier aufzuhalten, wäre, das
Schengen-Abkommen außer Kraft zu setzen. Ich hoffe, dass es
nicht zu diesem Punkt kommen wird. Das wäre das Ende der EU“

Italiens Innenminister Roberto Maroni (Lega Nord) Mitte April
vor dem römischen Parlament über die bevorstehenden
Visumvergaben an Tunesier. Einige Tage danach schloss
Frankreich die Grenze

Das Abkommen von Schengen geht auf einen Vertrag zurück, den Deutschland, Frankreich und die Beneluxstaaten 1985 im Luxemburger Schengen unterzeichneten. Zum Schengen-Raum zählen alle EU-Staaten außer Rumänien, Bulgarien und Zypern sowie die Schweiz, Norwegen und Island. Im Sinn freier Personenbewegungen innerhalb Europas fallen Grenzkontrollen weg. Dafür wird an Außengrenzen streng und einheitlich kontrolliert. Einreisevoraussetzungen aus anderen Ländern sind für alle Schengen-Staaten gleich. Die Polizei kooperiert über das „Schengen-Informationssystem“. Mit dem Schengen-Visum eines Mitglieds genießen Nicht-Schengen-Bürger Reisefreiheit in allen Schengenstaaten. Bei Großereignissen, zuletzt in Österreich etwa bei der Fußball-EM 2008, darf auch an Grenzen innerhalb Schengens kontrolliert werden

Österreich und die Tunesier „Schengen wird in keinster Weise infrage gestellt“, sagt ÖVP-Innenministerin Johanna Mikl-Leitner. Dennoch wurden im Mai am Brenner mindestens zwei Tunesier trotz gültiger Aufenthaltsgenehmigungen nach Italien zurückgeschickt, weil die Reisenden keinen Unterhalt in Österreich nachweisen konnten. Sie waren bei Straßenkontrollen aufgegriffen worden. Damit rechtfertigt Österreich die Abweisung mit demselben Grund wie in vielen Fällen Frankreich – nur wurde dies im österreichischen Fall nicht als Anfang vom Ende von Schengen angesehen. Italien rechnete bei den Visa-vergaben nicht damit, dass andere Staaten die Unterhaltsklausel als rechtliche Hintertür zur Abweisung nutzen könnten

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