Archiv der Kategorie: Religion

Thilo Sarrazin schafft sich ab

In seinem neuen Buch erklärt der SPD-Provokateur und deutsche Bundesbanker die ganze Welt mit einem Problem: dem Islam

Rezension: Joseph Gepp

Thilo Sarrazin hat also ein Buch geschrieben. Sarrazin ist jener deutsche Bundesbankvorstand und Berliner Ex-Finanzsenator der SDP, der 2009 Aufsehen erregte, als er in einem Interview mit der Lettre International von der ständigen Produktion „neuer kleiner Kopftuchmädchen“ sprach und vielen Deutschtürken „keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel“ zugestand. Jetzt, im Jahr danach, ist ein 464 Seiten dicker Wälzer erschienen. Als wolle er den eilig hingeworfenen Zuspitzungen Fakten hinterhertragen. Das Buch heißt „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“. Es strotzt vor Tabellen, Statistiken und Prognosen. Einige davon sind richtig, logisch und nachvollziehbar. Viele sind krudes Zeug.

Deutschland verblödet

Wobei man Sarrazin vorweg eines zugutehalten muss: Er scheint ein echtes Interesse am Verstehen und Erklären zu haben. „Deutschland schafft sich ab“ klingt nicht, als wolle es nur Hass und Angst schüren, auch wenn das ein Nebeneffekt der Lektüre sein kann. Der Autor ist weniger ein Rassist oder einer dieser Seelenfänger mit Fremdes-tut-nix-gut-Attitüde, wie man sie in Österreich häufig findet. Er wirkt eher wie ein Intellektueller, der sich in seinem Denkgebäude verrannt hat. Der in seinem Bestreben, die Gesellschaften des modernen Deutschlands und Europas in ihrer komplexen Gesamtheit zu erfassen, derart viele Faktoren ausblendet und Entwicklungen derart linear fortschreibt, dass das Ergebnis am Ende zwar recht übersichtlich und manierlich klingt. Aber mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun hat.

Beginnen wir bei den Dingen, bei denen man schnell Sarrazins Meinung sein kann: Über die ganze erste Hälfte seines Werks liefert er eine Bestandsaufnahme deutscher Probleme. Auf oft kluge Weise beschreibt er die Notwendigkeit qualifizierter Bildung, weil Jobs für Ungelernte häufig wegrationalisiert würden. Er beklagt das mangelnde Interesse an Naturwissenschaften, das den Standort Deutschland gefährde. Er warnt vor den Folgen niedriger Geburtenraten und beschreibt den Teufelskreis aus Fehlernährung und Fernsehkonsum, in den Langzeitarbeitslose oft geraten.

Dann aber setzt Sarrazin mit seiner Kernthese an: Die deutsche Bevölkerung schrumpfe und verdumme, ihr Potenzial gehe verloren, sie schaffe sich selbst ab. Hauptursache dafür seien bildungsferne Migranten, ausschließlich Moslems – denn die seien im Gegensatz zu anderen Gruppen absolut nicht lern- und integrationsfähig.

Warum die breite soziologische Analyse der ersten Buchhälfte hier so plötzlich in einer Zuwanderungsdebatte aufgeht, erschließt sich dem Leser nicht. Sarrazin musste wohl seinem Ruf gerecht werden. Überhaupt tritt im zweiten Teil anstelle des erwähnten ehrlichen Verstehenwollens eine Provokationslust und falsch verstandene Konfliktfreude, die sich nicht nur in Sarrazins Thesen äußert, sondern auch in der Wortwahl und diversen Phrasen (jede Menge „Importbraut“, „Morgenland“, „ferne Heimat“ oder etwa „Eroberung durch Fertilität“). Warum, denkt man bei der Lektüre, hat es ein Mann mit offensichtlich exzellentem Verständnis für gesellschaftliche Zusammenhänge nötig, in eine solche Richtung abzubiegen?

Moslems verändern sich nicht

Die Fakten, mit denen Thilo Sarrazin dabei argumentiert, sind wahr und allseits bekannt – etwa die unterdurchschnittlichen Schulerfolge muslimischer Migranten, ihre wenig ausgeprägte Bildungsmobilität, der großfamiliär bedingte Hang zum Clandenken. Derartiges als Probleme anzusprechen ist legitim. Sarrazin allerdings tut so, als wäre Deutschlands muslimische Gemeinde eine einzige Clique aus Ehrenmördern und sexuell frustrierten Zeitbomben. Dem Islam, sei er nun pakistanischer, türkischer oder bosnischer Provenienz, spricht er dabei jede Veränderungs- und Entwicklungsfähigkeit ab. Er präsentiert Negativtendenzen als unumstößliche Wahrheiten – und negiert alles Gegenläufige, alle Nuancen und Unterschiede. Und er biegt sich Fakten so zurecht, dass sie seine Thesen möglichst bestätigten.

Dieses Zurechtbiegen bezieht sich weniger auf das statistische Material – mit einigen Ausnahmen wie die anzweifelbaren Ausführungen zur Geschichte der Fertilitätsrate oder die Langzeit-Bevölkerungsprognosen. Es manifestiert sich eher in unzähligen kleinen Weglassungen, wenn Sarrazin seine Gedanken formuliert.

Nur ein paar Beispiele: Es ist schlichter Unsinn zu behaupten, in der Türkei „unterliegt das öffentliche wie private Leben den Gesetzen der Scharia“ – wer nicht dazu sagt, dass die Reislamisierung nur eine Tendenz von vielen ist, argumentiert unseriös. Ebenso wenig kann man nicht (in einem Kapitel über den Islam) die Genozide in der Türkei im Ersten Weltkrieg ansprechen, ohne zu erwähnen, dass diese nicht unter islamischen, sondern unter europäisch-nationalistischen Vorzeichen geschahen. Ebenso wenig kann man etwa die Intoleranz der maurischen Kalifen im mittelalterlichen Spanien beklagen, ohne zu sagen, dass die katholischen Könige kurz danach vielfach intoleranter waren.

Mithilfe solcher Weglassungen, mit der Leugnung jedes gegenläufigen Trends und dem perfiden Wechsel zwischen (passendem) Einzelfall und (vermeintlicher) Gesamtentwicklung zeichnet Sarrazin das Bild eines irreparabel rückständigen, per definitionem anpassungsunfähigen Islam – des Ursprungs aller deutschen Probleme. Das ist menschenverachtend und vor allem sehr ungerecht gegenüber all den „Stabilen, Intelligenten und Tüchtigen“, die er an anderer Stelle im Buch so lobt. Nur unter den Moslems mag Thilo Sarrazin sie nicht finden. Ohne dieses Vorurteil wäre aus ihm ein brillanter Denker geworden.

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Thilo Sarrazin:
Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen.
DVA Sachbuch,
464 S., € 23,70

(Foto: Amazon)

Am Tag vor der Buchpräsentation kam es zum Eklat, weil Thilo Sarrazin im Interview von einem „bestimmten Gen“ bei Juden sprach. Nun fordern Politiker und Beobachter seinen Rücktritt als Bundesbanker. Die SPD hat ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet

Erschienen im Falter 35/2010

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Eine hervorragende Geschäftsidee …

… die sich im deutschsprachigen Raum allerdings nicht so einfach realisieren wird lassen:

Das Online-Magazin Telepolis über „Geld verdienen mit Christen“

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Rückkehr ins Leopoldschtetl

Immer mehr orthodoxe Juden leben wieder in Wien. Im zweiten Bezirk finden sie ihre neue alte Heimat

Reportage: Joseph Gepp

Einmal, erzählt Sender Garber, sei er im Dianabad gewesen und drei Wiener hätten sich neben ihn gesetzt, „die sind ganz sicher von hier gewesen“.

Wenn Garber „hier“ sagt, dann meint er nicht Wien und nicht Österreich, er meint das kleine Leopoldstädter Karmeliterviertel, drei Handvoll Gassen rund um eine barocke Kirche und einen Marktplatz.

Die Wiener seien also von hier gewesen und hätten sich über Juden in Wien unterhalten, wie viele von ihnen denn in der Stadt leben würden. 50.000, schätzte einer. Und ein Zweiter entgegnete: „Blödsinn. Sicher 100.000 oder mehr. Und 80.000 davon in der Leopoldstadt“.

Garber lacht. In Wiens kleiner jüdischer Gemeinde rangiert seine Beobachtung jetzt unter den gerne erzählten Anekdoten.

2007 lebten laut Zählungen 7014 Juden in Wien. Rund 3000 davon sind Orthodoxe. Aus ihren schwarzen Mänteln und Hüten müssen die drei Wiener geschlossen haben, dass es nicht weniger als 100.000 Juden in der Stadt geben müsste.

7014 Personen, das ist viel im Vergleich etwa zu 1999, da waren es gerade 5000, eine Steigerung um rund ein Drittel. Und es ist fast nichts im Vergleich zu vor 1938. Da lebten rund 150.000 Juden in Wien.

Das jüdische Leben kehrt zurück in die Stadt, langsam, nur als blasser Schatten alter Zeiten. Aber stetig. Wer in die Leopoldstadt kommt, kann das sehen.

Dort formen orthodoxe Juden einen Mikrokosmos, ein Dörfchen mit 3000 Seelen. Religion ist ihr Full-Time-Job. Koschere Ernährung bedingt eigene Geschäfte, religiöses Leben bedingt Versammlungsorte und Synagogen. Weil ihnen der Glaube Autos und öffentliche Verkehrsmittelnam samstäglichen Sabbat untersagt, siedeln die Orthodoxen beieinander, unter ihresgleichen, nahe ihren Bethäusern, ihren Geschäften. Sie kennen einander. „Die beiden da“, sagt Garber und zeigt aus seinem Van auf ein orthodoxes Paar auf der Straße, „das sind Gäste aus Amerika.“

New Age aus dem Autoradio

Sender Garber – er ist 36, aus seinem Autoradio klingen New-Age-Panflötenklänge, er trägt eine schwarze Jacke und eine Sportkappe, die er nur an Feiertagen durch den traditionellen orthodoxen Hut ersetzt – führt heute durch Wien, das Dörfchen des orthodoxen Judentums.

Er öffnet die Türen zu Geschäften, er plaudert mit koscheren Fleischhauerinnen, Bäckern und Restaurantbesitzern. Er führt durch Synagogen, in denen Orthodoxe in kakophonem Singsang Gebete rezitieren, auf Hebräisch mit persischem oder zentralasiatischem oder ungarischem Akzent.

Allein im zweiten Bezirk liegen acht solcher Bethäuser. Es sind kleine Säle hinter Gründerzeitfassaden, ausstaffiert mit vielen Laufmetern Büchern. Jede orthodoxe Gruppe – sie heißen etwa Chassidim oder Chabadniks, Grusinen oder Bucharen – betreibt ein solches Bethaus. Dort feiern sie nicht nur den Gottesdienst, dort treffen sie sich, zum Plaudern oder Studieren.

Filterkaffee in der Synagoge

Sender Garber betritt eine chassidische Synagoge in der Großen Schiffgasse. Breitkrempige Hüte liegen auf Regalen, in einer Küchenecke dampft Filterkaffee. Zwischen den Betstunden steht das hölzerne Pult des Vorlesers verwaist da. Im Keller gibt es ein Tauchbad, einen Swimmingpool, in dem Frauen nach der Menstruation und Männer vor dem Gebet rituell baden.

Dort plantscht gerade ein Orthodoxer im Wasser und trällert dabei ein Lied. Oben sitzen Junge vor den Büchern und studieren den Talmud, die Auslegung der jüdischen Bibel. Dabei bewegen sie gedankenverloren die Lippen und wiegen den Kopf.

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Foto von Heribert Corn

Das Leben von Sender Garber ist typisch für einen Wiener Orthodoxen. Er kam 2002 her, ist Russe, aus Moskau. Garber stammt aus einer nichtreligiösen Familie, mit 13 entdeckte er den Glauben für sich. Nach dem Fall des Kommunismus ging er nach Israel, ließ sich bei Tel Aviv zum Rabbi ausbilden. Dann spülte es ihn nach Wien, fast zufällig, denn hier war gerade ein Job als Lehrer in einem Kulturzentrum frei.

Nach 1945 lebten nur etwa 1000 Juden in Wien. Wer zuzog, kam oft zufällig und blieb nur, weil er nicht anders konnte. Einige verirrten sich zu Kriegsende 1945 aus Flüchtlings- und Konzentrationslagern nach Wien. Andere flohen vor den Sowjets aus Ungarn. Wieder andere erhielten im Kalten Krieg eine der raren Ausreisebewilligungen aus der Sowjetunion und warteten in Wien so lange auf die Green Card für die USA, bis das Wartezimmer zum Aufenthaltsort geworden war. „Das Wiener Judentum ist vielfältig“, sagt Paul Eisenberg, Oberrabbiner von Wien. „Das liegt daran, dass die Menschen nach dem Krieg aus allen Himmelsrichtungen hierher kamen.“

Ein Dörfchen wacht wieder auf

So erstand die jüdische Leopoldstadt wieder. Sie erstreckt sich entlang des Donaukanals und hinter dem Karmeliterviertel bis etwa zu Augarten und Volkertmarkt. Es gibt hier Menschen, die einander unterstützen oder nicht leiden können. Es gibt Holocaustopfer und solche, die Hitler nur aus Lehrbüchern kennen, weil sie etwa aus Zentralasien gekommen sind. Es gibt respektierte Rabbis und Außenseiter wie den jüdischen Antisemiten Mosche Friedmann. Es gibt divergierende Grüppchen und Weltanschauungen.

Das kommt nicht nur daher, dass Juden nach 1945 derart zufällig in Wien strandeten. Das hat auch Ursachen, die im Wesen des Judentums selbst liegen: Im Gegensatz zum Katholizismus kennt es keine oberste Instanz wie den Papst. Wer Jude ist, bestimmt die Abstammung. Und wer sich als orthodoxer Jude definiert, befolgt die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, in Wien wie überall sonst auf der Welt. In Sachen Bekleidung etwa schreibt die Halacha dem gläubigen Juden nur vier Dinge vor: Er muss Bart, Schläfenlöckchen, Kopfbedeckung und Zizit tragen, jene weißen Bändchen am Hosenbund, die an die Vielzahl der jüdischen Gesetze gemahnen sollen.

Innerhalb dieses Halacha-Bogens ist ein orthodoxer Jude relativ frei. Die Mäntel oder pelzumrandeten Hüte etwa schreibt nicht der Glaube vor, sie sind lediglich Tradition und Hinweis auf die Herkunft des Gläubigen. Würde er stattdessen ein rosa Hemd tragen, er wäre trotzdem orthodox.

Weil Judentum mangels oberster Instanz also verschieden interpretiert werden kann, haben viele charismatische Rabbis ihrer Religion breite Stempel aufgedrückt: Ihre Weisheiten und Erzählungen haben sich unter ihren Jüngern zu Weltsichten verdichtet, die lange nach dem Tod des Vorbilds noch propagiert und gelebt werden. So entstanden Strömungen, die mehr oder weniger vom jüdischen Mainstream abweichten.

Das ist der wichtigste Grund für die Vielfalt der jüdischen Gemeinde. Um sie voll zu sehen, ist das jüdische Wien allerdings zu klein. Dafür muss man nach Israel.

Dort bezeichnen sich rund 20 Prozent der Einwohner als orthodox. Unter ihnen findet man etwa welche, die die Existenz ihres Staates nicht anerkennen wollen, solange der Messias nicht wiedergekehrt ist. Andere huldigen ihrem Gott in spontaner Innerlichkeit – und wieder andere befolgen jedes religiöse Gesetz auf Punkt und Beistrich. Es gibt eine Gruppe, die vorrangig das Ziel verfolgt, das Judentum mit Errungenschaften moderner Technik von Glühbirne bis zu künstlicher Befruchtung zu versöhnen. Es gibt Juden, die ihren Messias durch Ekstase herbeibeschwören wollen. Sie tanzen mit E-Gitarren und fahren mit dröhnenden Disco-Trucks durch die Straßen Jerusalems. Manch säkularer Israeli witzelt dann, unter ihren Mänteln würden sie Ecstasy-Pillen verkaufen.

In Wien finden sich all diese Bewegungen nur in Ansätzen. Von der ekstatischen Gruppe – die Bratslaver Juden – lebt in Wien exakt ein Repräsentant. Jene, die Freude und Innerlichkeit propagieren – die Chassidim – stellen in Wien rund 300 Vertreter. Ebenso viele gelten als betont technikgläubig, und nochmals rund 300 definieren sich als betont zionistisch.

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Foto von Heribert Corn

„Die Interessen der Gruppen gehen auseinander“, sagt Oberrabbiner Eisenberg. „Bei uns geht jeder Jude seinen Weg.“ Seine Eltern flohen 1956 aus Ungarn. Der Rabbi, 58, sitzt am Rabbinat in der Seitenstettengasse und erklärt voller Hingabe, mit ausladenden Gesten, die Grundlagen seiner Religion.

Als Oberrabbiner sei er für den Zusammenhalt seiner Gemeinde verantwortlich, sagt er. „Ein Oberrabbiner muss mit allen können. Er darf kein Fundi sein. Aber auch die Orthodoxen müssen ihn anerkennen.“

Einmal für Milch, einmal für Fleisch

Dabei funktioniert der Zusammenhalt in Wien noch vergleichsweise problemlos. Im New Yorker Brooklyn etwa, wo fast so viele Juden wie in Jerusalem leben, prallen die Gegensätze weitaus heftiger aufeinander. Wien dagegen, erklärt Levi Sternglanz von der Chabad-Bewegung, sei eine kleine Gemeinde. „Es gibt keine großen Polemiken und wenige polarisierende Personen – im Gegenteil, wir arbeiten zusammen. Zwischen den Strömungen entstehen Synergien. Ideologische Spannungen finden auf anderen Bühnen als in Wien statt.“

Ein paar hundert Chabadniks, wie Levi Sternglanz, leben in Wien. Sie berufen sich auf einen weißrussischen Rabbi des 18. Jahrhunderts. Ihre Bräuche unterscheiden sich etwas von jenen anderer Orthodoxer. Ihr Schwerpunkt ist die Bildungsarbeit – und mancher Nicht-Chabadnik klagt gerne, dass sie allzu viel Mühe in die Bekehrung säkularer Juden zur Orthodoxie stecken würden.

Wie Sender Garber lebt und arbeitet Levi Sternglanz in der Leopoldstadt. Er gibt eine orthodoxe Zeitung heraus und wohnt mit Frau und fünf Kindern in der Großen Schiffgasse. Am Türschild steht sein Name auf Hebräisch, an den Türstöcken der Zimmer kleben Mesusot, Pergamentröllchen mit Thorazitaten. In der Küche zeigt Sternglanz, 32, auf zwei Kochzeilen, zwei Herdplatten und Abwaschbecken, einmal für Milch, einmal für Fleisch. In der Speisekammer stehen Humus und Orangensaft, vieles aus Israel, alles koscher. „Wenn ich als Jude in Wien lebe, bietet die Leopoldstadt das ideale Umfeld, um die orthodoxen Regeln zu befolgen“, sagt er.

Im Hof des Hauses, in dem weitere jüdische Familien leben, stehen zwei bambusgedeckte Hütten aus Spanplatten. Dort feiern die Orthodoxen das Laubhüttenfest im Herbst, um des biblischen Auszugs aus Ägypten zu gedenken.

Die Juden der Leopoldstadt arbeiten weitgehend in Einrichtungen, die sie sich für ihre Zwecke geschaffen haben, als Verkäufer oder Betreuer in Kulturzentren. Ihre Lebensweise und ihre Erfahrungen haben zu Abschottungstendenzen geführt.

„Nur wenige Juden überlebten in Wien den Krieg“, sagt Tirza Lemberger vom Institut für Judaistik der Universität Wien. „Und noch weniger kamen zurück.“ Lemberger, selbst Jüdin, zog in den 80er-Jahren nach Wien. „Die Stadt war nach dem Krieg zu einer Durchgangsstation für Überlebende aus Osteuropa geworden. Aber wie immer bei Fluchtwellen sind einige geblieben. Die Leute brachten aus Osteuropa ihre Bräuche mit – und damit Vielfalt in die Gemeinde.“

Später kamen Iraner, Georgier, Zentralasiaten. Alle zusammen schufen das Dörfchen Leopoldstadt. Erst in den 90ern war es groß genug, dass die jüdische Infrastruktur entstand, die das Viertel heute prägt. Die Orthodoxen brachten aus ihren Ländern Traditionen mit. Sender Garber zum Beispiel ist chassidisch. Er spricht mit den Eltern russisch, mit seiner Frau und den vier Kindern jiddisch, in der Synagoge hebräisch und auf der Straße deutsch.

„Der Kern des Judentums?“, wiederholt er, während er seinen Van über die Heinestraße in Richtung seiner Wohnung lenkt. „Der Mensch hat zwei Naturen. Einerseits isst, trinkt und lacht er. Andererseits will er den Sinn von Dingen ergründen, er zweifelt und denkt nach.“ Und: „Wir Juden, wir machen einfach beides: Wir essen, trinken, lachen. Aber wir unterlegen das alles mit einem geistigen Grund.“

„Das Judentum trennt nicht zwischen profan und heilig“, sagt Levi Sternglanz etwas abstrakter. „Jede profane Tätigkeit kann heilig werden, wenn sie mit spiritueller Absicht ausgeführt wird.“

Darin sind die beiden sich jedenfalls einig.

Erschienen im Falter 7/09

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Kühe ohne Kaiserschnitt

Über „Maschgiach“ und „Heschscharim“: Warum eine Molkerei im Wienerwald zweimal wöchentlich koscher produziert

Bericht: Joseph Gepp

Wäre nicht das Knattern der Maschinen am Hof der Aschauers, Laab im Walde wäre an diesem Wintervormittag völlig still und menschenleer. Nebelverhangene Hausreihen, ein Gemeindeamt, ein Post-Partner, „Überholverbot gilt nicht für Traktoren“. Laab im Walde liegt keine fünf Kilometer von Wiens Stadtgrenze entfernt, und trotzdem: Hier ist schon allertiefstes Niederösterreich.

Martin Aschauer, 43, ist früh aufgestanden, heute ist Koscher-Tag, wie jeden Montag und Donnerstag. Viertel vor fünf klopft Boris Samechov, der Maschgiach, an die Tür. Maschgiach bedeutet Koscher-Aufseher, und als solcher überwacht Samechov, 31, eigentlich Lehrer, die Produktion. Der Zentralasiate schaut den Bauern beim Melken über die Schultern, er begleitet den Tankwagen zur Verarbeitungshalle, er prüft, ob Pasteurisierungsanlage und Joghurtwanne ordentlich ausgekocht wurden, bevor Koscheres in ihnen produziert wird. Samechov öffnet eine Schublade und zieht einen Bogen mit dem Ziel all dieser Mühen heraus: Heschscharim, kleine runde Pickerln mit hebräischen Buchstaben. Das sind Koscher-Gütesiegel. Am Ende des Tages kommen sie auf die Milchpackungen. Und erst dann kann ein orthodoxer Jude sicher sein, dass seine Milch nach den Gesetzen der jüdischen Ernährung hergestellt wurde.

Und davon gibt es viele. Für gläubige Juden sind etwa Schweinefleisch und Wassertiere ohne Flossen und Schuppen – etwa Meeresfrüchte – tabu. Von Nichtjuden gekelterter Wein gilt ebenfalls als trefe, als unrein. Tiere müssen geschächtet, also mit dem Kopf nach unten aufgehängt und ausgeblutet werden. Fleisch und Milch müssen penibel voneinander getrennt sein.

Aschauer und seine zwei Brüder in Laab haben die Koscher-Produktion vor einigen Jahren übernommen, von einer staatlichen Molkerei im niederösterreichischen Wolfpassing, die zusperrte. Seitdem kommt Samechov regelmäßig mit seinem LKW. Am Ende nimmt er die Waren gleich in die Stadt mit und verteilt sie dort an jüdische Geschäfte. Am Produktionsprozess ändert sich während seiner Anwesenheit allerdings nur wenig: Operierte Kühe etwa – zum Beispiel solche, an denen ein Kaiserschnitt vorgenommen wurde – würden für die Produktion von Koschermilch nicht herangezogen, sagt Aschauer. Und die Geräte müssen vor dem Wechsel zu koscher nach genauen Regeln ausgekocht werden.

Keinen Kilometer von der Halle entfernt, zwischen bewaldeten Hügeln, liegt der Stall der Familie Aschauer, 170 Kühe, der zweitgrößte Betrieb in Österreich. Es ist schwarz-weiß geflecktes Vieh, das dort ruhig Heu mampft. Wie Dampf steigt Atem aus ihren Nüstern. Bestens geeignet für Milchproduktion seien diese Tiere, sagt Aschauer. Ihr Fleisch allerdings eigne sich nicht besonders für ein saftiges Steak, „man kann ja nicht alles haben“. Am Ende ihres Lebens, sagt er, würden die Kühe stattdessen faschiert und als Fleischlaberln zwischen zwei McDonald’s-Semmelhälften landen.

Auch die mit Kaiserschnitt.

Erschienen im Falter 7/09

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Am Apparat: Herr Vilimsky, wie hat es Ihnen denn in Köln gefallen?

Harald Vilimsky, Landesparteisekretär der FPÖ Wien, hat ein ereignisreiches Wochenende hinter sich. Er nahm am „Anti-Islamisierungs-Kongress“ in Köln teil (siehe Seite 23). Dort trafen rund 200 rechte und rechtsradikale Kongressteilnehmer auf rund 15.000 linksgerichtete Demonstranten.

Herr Vilimsky, passt Ihre Teilnahme am Anti-Islamisierungs-Kongress in Köln eigentlich zum Ruf der FPÖ als „soziale Heimatpartei“?

Na klar passt das. Als überzeugte Europäer stehen wir ja dafür, dass die gewachsenen kulturellen Entwicklungen in Kerneuropa weiter Bestand haben. Moscheen mit Minaretten sind Triumphsymbole des Islam.

Ist ein katholischer Kirchturm dann ein Triumphsymbol des Katholizismus?

Nein, aber im Islam ist das anders. 1998 sagte der türkische Premier Erdogan: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Gläubigen unsere Soldaten.“

In Wien-Floridsdorf steht eine Moschee mit Minaretten. Ist die auch ein Triumphsymbol? Und soll man sie wieder wegreißen?

Die steht ja schon und soll bleiben. Es geht darum, dass seit einiger Zeit in Europa in konzertierter Weise der Bau von Riesenmoscheen forciert wird.

Viele Menschen scheinen diese Bedenken nicht zu teilen.Medienberichten zufolge war Ihr Kongress nicht allzu gut besucht.

Da sitzen Sie gehörig falschen Informationen auf. Ich habe erlebt, wie Demokratie und Rechtsstaat zwei Tage in Köln neutralisiert wurden. Wir nahmen an einer Pressekonferenz auf einem Boot am Rhein teil. Rundherum war die linksmilitante Szene, nicht gerade Blumenkinder. Wir waren Stunden eingekesselt. Ich habe dann den Einsatzleiter der Kölner Polizei um Beistand gebeten. Er hat mir ins Gesicht gelacht – und gesagt: „Nein.“ Das war unglaublich. Das alles wird ein gehöriges zwischenstaatliches Nachspiel haben.

Interview: Joseph Gepp

Erschienen im Falter 39/08

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Siebzig Jahre Einsamkeit

JUDENTUM 1938 mussten sie aus Österreich fliehen. 1948 mussten sie
den neuen Staat Israel aufbauen. Heute betreiben sie gemeinsam
Seniorenturnen. Ein Besuch beim Klub der Altösterreicher in Tel Aviv.
JOSEPH GEPP, Tel Aviv

Wenn Gideon Eckhaus über Sand spricht, dann hört man ihn fast
rieseln. Er hat seine Hand zur lockeren Faust geballt und reibt die
zittrigen Finger aneinander, als würde ihm der Sand durch die Finger
rinnen. „Straßen, Plätze, Gebäude. Alles, was sie hier sehen. Das war
alles nur Sand“, sagt Eckhaus. Er sitzt in einem modernen Café im
ruhigen Norden Tel Avivs, auf dem Tisch eine Tasse Cappuccino und ein
Sandwich mit Roastbeef – und kein Sandkorn weit und breit. „Als ich
herkam, hat es das alles noch nicht gegeben. Wir haben es aufgebaut.
Ich habe sieben Jahre lang in einem Zelt geschlafen. Es hat mich
nicht gestört.“ Er sei ja immerhin mit dem Leben davongekommen, sagt
er.

Es ist viel Zeit vergangen, seit Gideon Eckhaus, 85, aus
Wien-Leopoldstadt hierherkam. Das war am 9. Jänner 1939. Er kam und
brachte tatsächlich nichts mit als sein Leben. Der Staat, in dem er
später leben sollte, existierte noch nicht einmal. Dessen tragende
Bevölkerungsgruppe war größtenteils gerade erst angekommen, schuf
erste staatliche Strukturen im Untergrund, bekämpfte Naturgewalten
und schleuste Neuzuwanderer am britischen Kolonialherrn vorbei. Die
Stadt, die er verlassen musste, verfügte zwar über Straßen, Plätze
und Gebäude – aber nicht mehr für Gideon Eckhaus: Ihm und seiner
Familie hatten die Nationalsozialisten, die zehn Monate zuvor in
Österreich einmarschiert waren, alles weggenommen. Das Geschäft des
Vaters wurde „arisiert“, das Firmeneigentum requiriert, er selbst in
eine Schule in der Czerningasse im zweiten Bezirk gesteckt, wo
ausschließlich jüdische Kinder zusammengefasst waren. „Einmal kam der
Fotograf vom Stürmer. Der wollte Bilder machen von Judenkindern, wie
sie Eselsgrimassen schneiden oder Ähnliches. Unser Lehrer hat uns
schnell durch den Hintereingang nachhause geschickt.“ Das rechne er
dem Lehrer bis heute hoch an, sagt Eckhaus. Als Jugendlicher sah er,
wie Synagogen geplündert und orthodoxe Juden zum Tanz um brennende
Thorarollen gezwungen wurden. Dann floh er ins damalige Palästina.
Schon vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich hatte
er als freiwilliger Helfer bei der Wiener Dependance des
zionistischen Palästina-Amts mitgearbeitet – das kam ihm zugute, als
sein Leben von einer der raren Einreisebewilligungen für Palästina
abhing. „Ich kam in Palästina an. Hier war ich nicht wehrlos wie in
Wien. Ich hatte eine Waffe in der Hand. Ich dachte: Sollen sie
kommen. Ich werde mich zumindest verteidigen.“

Fünf Kilometer weiter südlich, im geschäftigen Zentrum von Tel
Aviv, hebt Lisbeth Rosenthal ihren rechten Arm. Ganz langsam. Es
fällt nicht mehr so leicht wie früher. Dann sinkt er zurück auf die
Sessellehne, auf die sie sich stüzt. Es folgt der linke. Und wieder
der rechte. Die Gymnastiklehrerin scheint nicht allzu streng.
Rosenthal steht in einer Reihe mit 15 anderen alten Menschen, mehr
Frauen als Männern, geschätztes Durchschnittsalter etwa achtzig. Eine
Dreiviertelstunde dauert das Seniorenturnen. Darauf folgt ein
Kaffeekränzchen im Raum nebenan. Dann setzt sich Lisbeth Rosenthal
mit ihren Freundinnen an einen Tisch, sie spielen Scrabble und reden
darüber, wo sich die Kinder gerade aufhalten und wie es den Enkeln
geht. Sie grüßen mit „Shalom“, aber abgesehen davon ist ihre
Umgangssprache Deutsch. Es ist eine Sprache, deren Entwicklung vor
siebzig Jahren stehengeblieben ist. Man könnte sie als bürgerlich
bezeichnen: Die Sätze enden mit einem fragenden „Nicht?“ und statt
„dort“ sagen sie „dort’n“. Wenn sie von der Vergangenheit erzählen,
benutzen sie das Imperfekt. Und wenn ihnen etwas aus der Hand fällt
und man es aufheben will, dann sagen sie: „Bemühen Sie sich nicht.“
Die Ausdrücke klingen altmodisch und die Mimik unterstreicht heftig
das Gesagte. Jakob Stiassny, 61, Chef des Klubs der
altösterreichischen Pensionisten in Tel Aviv, sagt, dass er mit den
Senioren hin und wieder Artikel aus Fachzeitschriften durchgehe. Auf
solche Art würden sie ihren Wortschatz auf den neuesten Stand
bringen. Schließlich konnte vor siebzig Jahren niemand ahnen, dass
„Handy“ und „Computer“ einmal Eingang in den Duden finden würden.

Stiassnys kleines Büro liegt im Hinterzimmer des Klubs. Er
gründete ihn vor fünfeinhalb Jahren. Damals waren die
österreichischen Juden alt geworden. Die Zeit hatte begonnen, in der
sie auf Unterstützung angewiesen waren. Lebensqualität im Alter hat
viel mit Erinnerung zu tun, meint Jakob Stiassny. Diese Leute hätten
eine schwierige Vergangenheit gehabt: erst die Vertreibung aus
Österreich, dann die entbehrungsreiche Pionierzeit in Israel. „Je
älter die Menschen werden, desto lebendiger wird ihr
Langzeitgedächtnis. Die gemeinsame Vergangenheit ist dann eine
wichtige Stütze.“ Er druckt eine Liste mit dem Programm für März 2008
aus. Neben der wöchentlichen Turnstunde steht da „Bridge für
Fortgeschrittene“, „Kaffee, Kuchen und Salzgebäck“, „Blutdruckmessen
und Beratung“, aber auch ein Treffen mit österreichischen Schülern,
eine Gedenkveranstaltung zu 1938 und ein Vortrag über das iranische
Urananreicherungsprogramm. Der Klub finanziere sich aus
Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Geldern des österreichischen
Nationalfonds, sagt Jakob Stiassny. Er untersteht der Vereinigung der
Pensionisten Österreichs in Israel, dessen Vorsitzender, und Stimme
der vertriebenen Juden Österreichs, Gideon Eckhaus ist.

Der Pensionistenverein – vier Räume im Untergeschoß eines
schlichten gräulich-weißen Hauses, ein paar Tische, eine kleine
Bibliothek, ein Ständer mit einigen österreichischen und israelischen
Zeitschriften und ein Podium für Gymnastik und Vorträge – liegt in
der Esther-Hamalka-Straße von Tel Aviv, mitten in einer Stadt, die
mit Wien ganz und gar nichts gemein hat: Tel Aviv ist wild, quirlig,
südlich und vorwärtsgewandt. Aus den Autos, die die palmengesäumte
Strandpromenade entlangkurven, dröhnt westlicher und orientalischer
Discobeat. Die Israelis sagen, dass Haifa arbeitet, Tel Aviv feiert
und Jerusalem betet. Tel Aviv, das ist leichtbekleidetes
Beachpartyfeeling à la Ibiza, versetzt mit einem kleinen Schuss
Orient – vor dem Hintergrund eines uniformen grauen Häusermeeres aus
der Zwischen- und Nachkriegszeit. Getragene mitteleuropäische
Existenzen wie Frau Lisbeth Rosenthal würden sich hier wohl nicht
freiwillig ansiedeln.

Aber sie wurden nicht danach gefragt. Selbst ihre Sprache – für
viele Zionisten die Sprache der Unterdrückung, des Schtetls, der
Diaspora – war im jungen Israel nicht erwünscht. Ob sie sich gar
nicht schäme, kein Hebräisch zu sprechen, sei sie vor Jahrzehnten
gefragt worden, erzählt Lisbeth Rosenthal. Es sei leichter, sich zu
schämen, als Hebräisch zu lernen, habe sie geantwortet. Schon vor
mehr als einem halben Jahrhundert hätten Rosenthal und ihre beiden
Freundinnen die deutsche Muttersprache ablegen und durch das
Hebräische ersetzen sollen – auch im privaten Umfeld. Aber Frau
Rosenthal weigerte sich: „Aus dem Kibbuz warfen sie mich nach zwei
Jahren hinaus, weil ich weiter darauf bestanden habe, Deutsch zu
sprechen“, erzählt sie über die Jahre nach der Ankunft. „Der Kibbutz
bestand zwar fast ausschließlich aus deutschen und österreichischen
Juden – aber sie hatten sich fest entschlossen, nur noch Hebräisch zu
sprechen.“ Bis heute lese sie regelmäßig eine Zeitschrift namens
Sha’ar, zu Deutsch „Das Tor“, sagt Rosenthal. Sha’ar richtet sich,
seinem Namen gemäß, eigentlich an Neueinwanderer in Israel. Im
Gegensatz zu anderen Medien des Landes druckt das Heft seine
hebräischen Lettern mit kleinen Punkten und Strichen über oder unter
den Buchstaben – sie zeigen Vokale an, die normalerweise im
Hebräischen nicht geschrieben, sondern lediglich mitgedacht werden.
Aber Frau Rosenthal liest selbst siebzig Jahre nach ihrer Ankunft in
Israel noch flüssiger, wenn die Vokale bereits aus dem geschriebenen
Wort hervorgehen. Es scheint, als sei sie für immer in der
Toreinfahrt stehengeblieben. Die Landessprache spricht sie, wie alle
anderen ehemaligen Wiener Juden, nach wie vor mit deutschem Akzent:
„Im Hebräischen gibt es so viele Akzente wie Einwanderergruppen“,
sagt sie. „Als ich herkam, waren viele Einwanderer aus Russland da –
also dachte ich, der russische Akzent sei eigentlich das
Hochhebräische. Damals sprachen sie sogar am Nationaltheater mit
russischem Akzent. Und genauso reden andere Einwanderer eben bis
heute mit deutschem Akzent.“

Lisbeth Rosenthal erzählt, und der Kaffee in der Thermoskanne wird
langsam kalt. Ihre Erinnerungen sprudeln, sie lacht, wird kurz ernst,
lacht wieder. Sie stamme aus Wien-Alsergrund und sei im Frachtschiff
nach Palästina gekommen, sagt sie. „Auf dem Schiff habe ich zum
ersten Mal Oliven gekostet. Seitdem esse ich sie jeden Tag zum
Frühstück.“ Sie lacht. Nach ihrer Ankunft in Palästina habe sie
angefangen, im Kibbuz zu arbeiten, im gemeinschaftseigenen Kuhstall.
Das sei schwere Arbeit gewesen, sagt sie. „Aber es war schön. Sie
haben mich gebraucht.“ Sie kam alleine, denn die Mutter war in
Auschwitz gestorben und der Vater nach Shanghai geflohen, wo er noch
einige Jahre blieb. In Wien war sie, wie sie es ausdrückt, in einem
„bürgerlichen Elternhaus“ aufgewachsen. „Wir hatten eine Hausgehilfin
und eine schöne Wohnung, auf der Liechtensteinstraße, direkt
vis-à-vis der Polizeidirektion. Ich kann mich noch an den März 1938
erinnern. Da habe ich durchs Fenster beobachtet, wie die Polizisten
in der Direktion die Hakenkreuzbinde umgelegt haben.“ Die folgenden
Monate rissen Lisbeth Rosenthal aus ihrer alten Welt, warfen sie in
eine neue, für sie völlig fremde. „Als wir im Kibbuz in den Bus
stiegen, hat der Fahrer gesagt: Wenn jemand auf uns schießt, dann
sollen wir uns auf den Boden legen. Und ich dachte mir: Der Boden ist
doch viel zu dreckig. Da leg ich mich doch nicht hin.“ Sie lacht
wieder.

Als sie auf ihr Verhältnis zu Wien zu sprechen kommt wird sie
ernst: Ja, sie sei seit 1945 schon dort gewesen, mehrmals sogar, sagt
sie. „Aber recht wohl fühle ich mich dort nicht.“ Wie sich das
äußere? Lisbeth Rosenthal sagt einen Satz, der im Lauf des Gesprächs
schon öfters fiel: „Ich weiß nicht, ob sie sich das vorstellen
können.“ Es sei eben merkwürdig, wenn man in der Straße, wo man die
erste Liebe kennengelernt, auch die ersten Prügel abbekommen habe.

Das ist nicht bei allen einstigen Wienern so. „Also, ich fahre
nach wie vor gerne nach Wien“, unterbricht Nora Shaw, die daneben
sitzt, ihre Tischgenossin. Shaw, ebenfalls 85, hieß früher einmal
Nora Schön, aber ihr Mann, der in Großbritannien arbeitete, ließ den
Namen ändern. Und so heißt sie wie jener Dichter, dessen gesammelte
Werke auf ihrer Wohnzimmerkommode stehen. Neben Goethe und Oscar
Wilde, neben Büchern in deutscher, englischer, französischer und
hebräischer Sprache, neben einer versprengten Mozartkugel und ein
paar kleinen Souvenirs aus Paris und Barcelona. „Das hier schaut
wahrscheinlich nicht viel anders aus als in Wien“, scherzt sie. Tel
Aviv, sagt sie, sei heiß, und die verrosteten Klimaanlagen, die aus
den Hausfassaden ragen, schauen aus wie Warzen. Sie sei oft in Wien
gewesen, denn ihre Schwester habe dort gelebt. Sie erzählt, wie sie
einen Weinkrampf bekommen habe, als sie vor Jahren zum ersten Mal
wieder ihr altes Stiegenhaus in der Glasergasse in Wien-Alsergrund
betrat. Denn „alle Erinnerungen kommen auf einmal wieder hoch, die
guten wie die schlechten“. Es sind jedoch eher die guten, an die sie
sich jetzt erinnert, die sich offenbar eingeprägt haben: Nora Shaw
redet über den Turm im Dianabad, von dem sie sich nicht springen
traute, über den Türkenschanzpark, durch den sie so oft spazierte,
und über das Café Industrie im neunten Bezirk, wo „mein Vater immer
stundenlang gesessen und Zeitung gelesen hat“.

Wenn Gideon Eckhaus über Wien spricht, dann sind es eher die
schlechten Erinnerungen, die hochkommen. Er geht härter ins Gericht
mit Österreich als die anderen einstigen Wiener. Vielleicht hängt das
damit zusammen, dass Eckhaus Monate später ging als die anderen – und
bis Anfang 1939 das äußerste Maß der Diskriminierung miterleben
musste. „Unter den Menschen, die uns damals schikaniert und
vertrieben haben, waren viele Leute, die gebildet waren, die eine
gewisse Kultur hatten. Ich verstehe das nicht“, sagt er. Er beklagt
das Schweigen des Nachkriegsösterreichs, die Ignoranz gegenüber den
Überlebenden, die hauptsächlich nach Israel und in die USA emigriert
waren. „Wir hatten nichts und wir wurden nicht unterstützt. Erst der
Vranitzky hat das dann ein bisschen eingesehen.“ Nun seien sie alt,
etwa 5000 altösterreichische Juden habe es im Jahr 1996 noch in ganz
Israel gegeben, heute sei es vielleicht die Hälfte. „Die Leute haben
es nicht leicht gehabt“, sagt Eckhaus. Viele seien weggestorben,
manche hätten sich auch umgebracht. Die Pensionistenklubs in Haifa,
in Jerusalem, in Tel Aviv sollen in dieser Situation dafür sorgen,
dass die Menschen mit ihrer Erinnerung nicht alleine bleiben. Wenn
Gideon Eckhaus nach Wien fährt, dann hauptsächlich, um dort Gräber
aufzusuchen. „Meine Mutter hatte das Pech, in Wien begraben zu
werden“, sagt er. Er sei dort gewesen, vor langer Zeit, am
Zentralfriedhof, bei den – zwischenzeitlich renovierten – jüdischen
Gräbern hinter Tor Nummer vier. „Aber es war alles mit Brennnesseln
überwachsen. Ich konnte beinahe gar nichts sehen.“

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Eingeordnet unter Religion, Stadtgeschichte, Wien

Von Gott und Transdanubien

KIRCHEDer gelernte Schlosser Johann Randa leitet die kleine
Herz-Jesu- Kirche in Stadlau. Drei Tage im Leben eines Wiener
Vorstadtpfarrers.
JOSEPH GEPP

Die Erfolge der Kirche passieren im Kleinen. Johann Randa wirkt
mächtig angesichts der Horde quirliger Siebenjähriger, die sich ihm
gegenüber auf einer Kirchenbank ausgebreitet hat. „So, liebe Kinder“,
beginnt er. Die Vokale zieht er in die Länge, die Worte spricht er
langsam, lädt sie auf mit Emotionen – nach Güte und
Vertrauenswürdigkeit sollen sie klingen. Die Kinder richten die
Blicke nach oben. Sie sind in dem Alter, in dem man noch gespannt
zuhört. Sie sollen am heutigen Mittwoch zum ersten Mal das Sakrament
der Beichte empfangen. „Es geht nicht so sehr darum, dass ihr mir
eure Sünden erzählt“, sagt Pater Randa. „Es geht darum, dass Gott
euch liebt. Und dass er für euch da ist.“ Und dann: „Also: Wer traut
sich?“ Sieben Hände schießen gleichzeitig und pfeilschnell in die
Höhe. Randa scheint von der Durchschlagskraft seines Appells
überrascht. Ein Volksschüler mit Stehfrisur und blauem T-Shirt, der
seinen Kompagnons noch schnell einen verwegenen Blick über die
Schulter zuwirft, folgt dem Priester in die Sakristei. Dort hat Pater
Randa ein Tischchen bereitgestellt, auf dem eine brennende Kerze
steht, daneben zwei Sessel. Ein eher informeller Rahmen. Er will die
Kinder ja nicht einschüchtern.

Nicht einschüchtern. Vertrauen wecken. Die katholische Kirche ist
in eine Konkurrenzsituation geraten. Sie muss werben, muss
überzeugen. Sie will zeigen, dass sie Zweck hat. Dass die
Mitgliedschaft eine Art geistigen Mehrwert für das einzelne Mitglied
bringt. Sie will Bindungen schaffen und möglichst früh damit
beginnen. Und das fällt einer Institution, die jahrhundertelang eine
Selbstverständlichkeit war, nicht gerade leicht.

randa
Johann Randa
Foto von Heribert Corn

Johann Randa, 58, verrichtet seine Arbeit unter erschwerten
Bedingungen. Die kleine Pfarre des Donaustädter Bezirksteils Stadlau,
der er vorsteht, liegt in einem schwierigen Viertel. Stadlau
oszilliert irgendwo zwischen Stadt und Land, hat gewissermaßen von
beidem das jeweils Schlechte abbekommen. Aneinandergereihte,
einstöckige Bauernhäuser wie im Marchfeld gehen fließend über in
graue Gemeindebauten wie in der Großfeldsiedlung. Im Beisl gegenüber
der Kirche kippen alte Männer um neun Uhr morgens ihr erstes Bier und
knallen Schnapskarten auf den Tisch. Im Pfarrzentrum unterhalten sich
Jugendliche in schlechtem Deutsch über ihre Tischtennissiege. Viele
von ihnen werden um ihre Chancen hart kämpfen müssen. Stadlau hat von
der Stadt die Zusammenhaltslosigkeit, von der Provinz die Langeweile
geerbt. Pater Randa sagt, dass der Anteil an Muslimen und sonstigen
Andersgläubigen recht hoch sei. Er gehört zu jenen Priestern, von
denen man sonst nicht viel hört. Er ist weder schwul noch pädophil
noch extrem reaktionär. Er hat keine versteckte Freundin und hält
keine brennenden Predigten. Johann Randa tut angesichts schwieriger
Umstände sein Bestes. Und das tut er nicht allzu schlecht.

Da sei diese Frau gewesen, erzählt Pater Randa, während er durch
seine Kirche und das angeschlossene Jugendzentrum führt. Jung, um die
dreißig und völlig verzweifelt wegen eines Seitensprungs, mit dem sie
nicht mehr umgehen konnte. Irgendwann hätte dann ihr behandelnder
Psychotherapeut bei ihm angerufen. „Er hat zu mir gesagt: Ich habe
mit dieser Frau jetzt ihr ganzes Leben durchgesprochen. Die Ursachen
der Probleme liegen vor ihr auf dem Tisch. Jetzt bist du gefragt, wo
es um Versöhnung und Vergebung geht, dass du ihr wieder Mut und
Hoffnung gibst.“ Randa traf die Frau und half ihr, wieder Mut zu
fassen. Oder dieser Schützling vor 14 Jahren, als Randa noch als
katholischer Jugendheimleiter in Klagenfurt arbeitete. „Ein
schwieriger Bursch, der war oft bsoffn und manchmal brutal.“ Viele
Jahre später habe er ein E-Mail von ihm erhalten. Randa geht hinauf
in seine Wohnung, ein Zimmer plus Küche und Bettnische, bescheiden
eingerichtet und ordentlich gehalten, im zweiten Stock eines grauen
Sechzigerjahre-Zweckbaus neben der Kirche. Er kramt den Zettel mit
dem ausgedruckten Mail aus einer Lade. „Mein Leben war eine Berg- und
Talfahrt“, steht da. „Ich kann noch immer nicht glauben, dass mein
Bruder jemandem das Leben genommen hat.“ Und: „Ich habe dich immer
eher als Freund und weniger als Priester betrachtet.“ Dann ein paar
Dankesworte für den Beistand während der schwierigen Jugendjahre.
Randa hat den Brief aufgehoben. Solche Dinge seien schöne Erlebnisse,
sagt er. Und es sei doch interessant, dass der Boom der
Psychotherapeuten genau in dem Moment begonnen habe, als die Anzahl
der Beichten so stark zurückging.

Seit sechs Jahren lebt er in diesem schlichten Zimmer. Nach dem
Studium und seiner Zeit in Klagenfurt ging Johann Randa für sieben
Jahre nach Graz, dann in die Donaustadt. Er teilt sich die Wohnung
mit zwei anderen Geistlichen, die – wie er – dem Salesianerorden Don
Boscos angehören. Don Giovanni Bosco, der den Orden vor 149 Jahren
gründete, ist der Arbeiterheld unter den Heiligen. Das rasant
industrialisierte Norditalien der 1880er-Jahre hatte andere Probleme
als Martyrium und Fegefeuer. Bosco kämpfte für gerechte
Arbeitsverträge und Ausbildungsmöglichkeiten für Lehrlinge. Johann
Randa versuchte dasselbe, im Kleinen, im Österreich der Siebziger-
und Achtzigerjahre: Er kommt aus Amstetten, Niederösterreich,
aufgewachsen ist er in einer Eisenbahnerfamilie im
Eisenbahnerwohnblock, inmitten von „Familienproblemen, Brutalität und
Scheidungen“, wie er sagt. „Ich war nie der große Intellektuelle,
immer eher der aktiv tätige Typ.“

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Die kleine Herz-Jesu-Kirche in Stadlau
Foto von Heribert Corn

Er hätte Schlosser werden sollen, machte eine Lehre und begann in
der Fabrik zu arbeiten. „Dort erklärten sie mir: Man sagt nicht, Grüß
Gott‘! Das heißt morgens, Guten Morgen‘, mittags, Mahlzeit‘ und,
Guten Tag‘ am Nachmittag und am Abend.“ Doch die Salesianer von
Amstetten hatten es Johann Randa angetan. Sie motivierten ihn zum
Nachholen der Matura, zum Theologiestudium, zur Priesterlaufbahn. Der
Orden betreibt bis heute Kindergärten, Berufsschulen und
Jugendzentren in ganz Europa. Es ist dieser Geist, der auch Johann
Randa sozialisierte. „Ich war in der Schule nie der Draufgänger, nie
der Raufertyp. Deshalb mochten sie mich nicht. Ich habe an mir selber
erlebt, wie es ist, an den Rand gedrängt zu werden“, erzählt er. „Und
dann, als ich selbst die Möglichkeit dazu hatte, fragte ich mich: Wie
kann man den anderen helfen?“ Er habe nie ein Gotteserlebnis gehabt,
sagt er. Wenn man Johann Randa reden lässt, landet er bald beim Thema
Jugendarbeit und Sozialdienst – theologische Fragen und Dogmen
beschäftigen ihn dagegen eher am Rande. Es ist keine subjektive
Kirche, die sich in ihm manifestiert. Kein innerliches Ringen mit
Gott, keine verzweifelte Suche nach Sinn, keine großen Konflikte
zeichnen sich hinter seiner Oberfläche ab. Pater Randa ist gesellig,
organisiert, freundlich und sozial. Er wirkt stabil und ausgeglichen.
Gewiss, er habe Konflikte gehabt, es habe Krisen gegeben, auch mit
dem Zölibat, sagt er. Aber das sei lange her. In einem großen,
akkurat voll geschriebenen Kalender trägt er heute alle seine Termine
ein: Pfarrgemeinderatssitzung, Gottesdienst für die Geburtstagskinder
des Monats, Beichtstunde, Artikel fürs Pfarrblatt. Dazwischen spricht
er mit Menschen, die ein Anliegen haben, und spendet Trost für
Angehörige, die unter einem familiären Todesfall leiden.

Manchmal läutet sein abgegriffenes Handy, und dann redet Johann
Randa über das Zurechtstutzen der Bäume vor der Kirche oder darüber,
wann der Installateur endlich kommt. Seinen priesterlichen Ornat
wirft er nur dann über, wenn es sein muss. Sonst trägt er Jeans und
ein kariertes Sakko über einem grauen Pullover – schlicht und
ordentlich, wie seine Pfarre, seine Wohnung, seine durchgeplanten
Tagesabläufe. Nur ein kupfernes Kreuz am Revers weist den
Gottesdiener aus. „Es gibt keine größere Liebe, als wer sein Leben
für seine Freunde hingibt“, zitiert er das Bibelzitat, das er sein
„Lebensmotto“ nennt. Die zugehörige Verszahl fällt ihm nicht gleich
ein. Johannes, Kapitel 15, Vers 13, glaubt er. Wenn Pater Randa etwas
sagt, hat man nicht das Gefühl, angelogen zu werden.

Sonntag, zehn Uhr morgens. Stadlau zeigt sich von seiner
ländlichen Seite: Die Menschen strömen in die Kirche. Sie wurde in
der Zwischenkriegszeit errichtet, aber ihr renoviertes Inneres wirkt
wie die Aula einer Volksschule, mit Steinfliesenboden und gelb
gestrichenen Wänden, Kinderzeichnungen und einem Beichtstuhl, dessen
Licht rot leuchtet, wenn er besetzt ist. Zu den wochentäglichen
Messen würde oft nur eine Handvoll Menschen kommen, sagt Randa.
Sonntags ist das Haus voll. Vor allem alte Leute und junge Familien
gehen dann in die Messe und hören Randas Predigten. Er hat die Hände
erhoben und lächelt. Eine ganze „Lebenseinstellung“ entstehe aus der
christlichen Idee der Auferstehung, sagt er. „Unser Leben soll
gelingen, obwohl uns der Tod bewusst ist – es ist ein Leben mit dem
Tod trotz dem Tod.“ Er spricht mit theatralischer Mimik, in einfachen
Worten und mit einigen Mostviertler Dialekteinsprengseln. „Eine
Gesellschaft wie die unsere, die nicht mehr religiös ist, kennt viele
Formen des Tötens. Wer an ein höheres Leben glaubt, an Gott, der geht
mit dem Leben anders um als unsere Gesellschaft. Abtreibung und
Euthanasie – das heißt, dass wir das Leben am Anfang und am Ende
missachten.“

Das Leben am Anfang und am Ende, das ist Pater Randas eigentliches
Refugium. Hier ist die Kirche noch kraftvoll. Am Anfang des Lebens –
bei den Kindern und Jugendlichen – bemüht sie sich um Bindungen, will
sie vom Sinngehalt des Katholizismus überzeugen. Hier kommen Randa
die noch immer ländlichen Elemente der Stadlau entgegen: Die Eltern
gehen mit ihren Kindern noch in die Messe, schicken sie noch in die
Jungschar. Das Ende des Lebens dagegen – die Alten – kommt ganz von
alleine zur Kirche. Wenn Menschen im Alter Hoffnung und Beistand
notwendig haben, ist die Kirche oft als einzige Institution zur Hilfe
bereit. Auf der Autofahrt zur HTL Donaustadt, wo Randa eine
Schulmesse lesen wird, erzählt er von einem Ehepaar, das vor
Jahrzehnten aus der Kirche ausgetreten ist. Nun sei das Paar alt und
krank – und hätte um einen Termin gebeten wegen eines
Wiedereintritts.

Dienstag, 9 Uhr früh, zweite Schulstunde. Im Konferenzzimmer der
HTL liest Randa die Messe vor einem Haufen Technikschüler, die ihr
weitgehendes Desinteresse an Religion teils offen zeigen und teils
hinter bemühter Aufmerksamkeit verbergen. Vor dem Fenster liegt eine
Industrieruine aus dem 19. Jahrhundert, vereinzelte Strommasten,
dahinter verläuft die Südosttangente. „Wir mögen das Singen und die
Gemeinschaft“, begründet ein 17-Jähriger ironisch sein Erscheinen.
Der wahre Grund liegt vor der Tür: eine Liste, auf der sich die
Schüler eintragen müssen, damit ihnen die Teilnahme an der Schulmesse
keine Fehlstunde einbringt. Gelfrisuren und lange Haare,
Kapuzenpullover und Sportjacken, fast ausschließlich junge Männer,
finden sich nach und nach im Konferenzraum ein. Nur wenige zeigen an
den Worten des Priesters Interesse. Nur wenige lauschen dem „Herr,
erbarme Dich“-Singsang und dem Gitarrenspiel der assistierenden
Religionslehrer, die der Messe ein bisschen feierliche Stimmung
verleihen wollen. Die meisten dösen still vor sich hin oder
unterhalten sich leise. Johann Randa lächelt. Nichts scheint ihm
ferner zu liegen als der Gedanke, sich jemals entmutigen zu lassen,
jemals verunsichert zu sein. Seine Sanftheit rennt an gegen die Härte
der Welt, immer wieder, ohne jemals an diesem Vorgang zu zweifeln.
Auf einem Schultisch zündet er eine goldumfasste Kerze an, ein
hölzernes Kreuz lehnt dahinter an einer Projektionswand. Dann liest
er die Messe. „Der Weg zu Gott beginnt bei der Neugier. Forscht immer
weiter, bleibt niemals stehen, auch im Religiösen“, sagt er zu den
Schülern. Die Messe beginnt und endet. Johann Randa sagt, es sei
schön gewesen, hier zu sein. Dann drängen die Schüler zur Liste. Die
Religionslehrer zupfen immer noch an ihren Gitarren.

Erschienen im Falter 12/08

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Eingeordnet unter Arbeitswelten, Religion, Reportagen

Allah und die Anderen

ISLAM Vier Neuerscheinungen zum Themenbereich Extremismus/Islam
beschäftigen sich mit Vorurteilen, dem Einfluss der Moderne auf
islamische Gesellschaften und der Affinität nicht nur dieser Religion
zur Gewalt.
JOSEPH GEPP

Manche Dinge sind einer kritischen und differenzierten Diskussion
eher abträglich. Die Anschläge vom 11. September 2001 bildeten den
Auftakt für eine neue Ära der weltpolitischen Unsicherheit. Es
folgten Kriege, Terroranschläge, imperiale Ambitionen von
Supermächten und wachsende Ambitionen von Schurkenstaaten – all das
machte die Einordnung der vergangenen Ereignisse in einen
religionswissenschaftlichen Kontext nicht gerade leichter. Der Islam
sei per se böse und gewaltbereiter als etwa Christen- oder Judentum,
heißt es von der einen Seite des Atlantiks. Die andere entgegnet: Der
Islam sei lediglich vorgeschobene Rechtfertigung der Terroristen und
habe als Religion ganz und gar nichts mit Krieg und Terror zu
schaffen. Es klingt klischeehaft, aber es lässt sich wohl nicht
anders sagen: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Gewiss: Im Gegensatz zu einem demokratischen System rechtfertigt
eine Religion – nicht nur der Islam, sondern die Religion an sich –
ihre Existenz mit mehr als nur der eigenen Notwendigkeit. Man lebt
und stirbt ja mehr oder weniger im Dienste Gottes. Und was Gott will,
ist recht breit interpretierbar. In diesem Sinn trägt also jede
Religion zumindest mehr Gewaltpotenzial in sich als etwa
westlich-liberale Gesellschaftssysteme. Aber berücksichtigt man nur
diesen Maßstab, dann hätte das Christentum mit Kreuzzügen und
Inquisition längst seine Existenzberechtigung verloren. Der Islam ist
weder Kriegs- noch Friedensreligion. Er besteht aus einer Vielzahl
von Strömungen, Richtungen, Denkweisen und Auslegungen. Ebenso wie
die anderen Weltreligionen. Wer also dem Islam gerecht werden will,
der sollte am besten die vergleichende Methode anwenden.

„Gewalt als Gottesdienst“, die soeben erschienene Studie des
deutschen Religionswissenschaftlers Hans Kippenberg, untersucht aus
diesem Grund die Gewaltbereitschaft mehrerer Religionen seit der
Nachkriegszeit. Kippenberg geht dabei auf gewalttätige Auswüchse des
US-amerikanischen Protestantismus ebenso ein wie auf radikale
Schiiten im Iran und im Libanon oder den Fundamentalismus
zionistischer Siedler in den besetzten Gebieten Israels. Detailreich
und fundiert beschreibt er die wachsende Macht der iranischen
Ayatollahs nach der Revolution 1979 oder die pseudoreligiösen
Heilsbewegungen der amerikanischen Hippieära, die in blutigen
Massakern mündeten – beispielsweise 1993 in Waco, Texas, oder 1979 in
Jonestown im südamerikanischen Guayana. Er schildert, wie
evangelikale Anhänger der „Peoples Temple“ – jene, die später in
Jonestown kollektiven Selbstmord begingen – in Kalifornien neue
Mitglieder warben. Dort hatten „viele der amerikanischen Kultur den
Rücken gekehrt“ und „ideale Bedingungen für alternative
Gemeinschaften gefunden“.

Man fühlt sich an die Kommune des Österreichers Otto Mühl
erinnert: Auch Flower-Power kann offenbar den Boden für
quasitotalitäre Strukturen schaffen. Kippenberg beschreibt nicht nur
an diesem Beispiel, wie gerade in der totalen Freiheit der
Radikalismus gedeiht. Im vorrevolutionären Iran dagegen hatte eine
überhastete Modernisierung der Bevölkerung ihren Zusammenhalt
geraubt, was den Spielraum des Fundamentalismus erweiterte: „In den
überbevölkerten Städten (des Iran, Anm.) waren es die religiösen
Netzwerke, die (…) willens waren, die Entwurzelten und Enttäuschten
aufzufangen.“

Kippenberg durchsucht diese doch recht unterschiedlichen Phänomene
auf ihre Gemeinsamkeiten. Die Mudschaheddin im Afghanistankrieg
dienen ihm ebenso als Forschungsmaterial wie die manchmal religiös
legitimierten Entscheidungen in der neukonservativen US-Politik oder
erwähnte Zionisten und Evangelikale. Der gemeinsame Nenner dieser
Bewegungen ist Kippenberg zufolge der „Machtzuwachs religiöser
Vergemeinschaftung“: Religion löst ihm zufolge staatliche Ordnungen
ab, die „in Krisen und Kriegen zerbrechen“. Oder sie geben Halt in
Zeiten eines Wirtschaftssystems, das die „Individualisierung der
Risiken des Lebens“ begünstigt.

Darüber kann man streiten. Genauso plausibel klingt jedenfalls die
Annahme, dass das Gewaltpotenzial in Gottes Namen immer gleich hoch
ist – und in gefestigten Gesellschaften genauso viel Schaden
anrichten kann wie in porösen. Das bestätigt beispielsweise ein Blick
auf die spanische Inquisition, die der Machtzementierung des
Königshauses diente und nicht Resultat eines bröckelnden Systems war
– ganz im Gegenteil. Aber die Lektüre von „Gewalt als Gottesdienst“
lohnt sich auch, wenn man Kippenbergs Hauptthese skeptisch
betrachtet: Das Buch vermittelt Hintergrundwissen und Zusammenhänge,
es ist ansprechend geschrieben und hervorragend recherchiert.

Eine andere Neuerscheinung zur Islamdebatte erfordert mehr
Überwindung bei der Lektüre: Wer sich in Youssef Courbages und
Emmanuel Todds Buch zur Bevölkerungsentwicklung in islamischen
Staaten, „Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die
islamische Welt verändern“, vertiefen will, braucht große Liebe zu
demografischen Tabellen und möglichst profundes einschlägiges
Vorwissen. Der syrische und der französische Historiker beschreiten
einen anderen Weg als Kippenberg: Nicht die wachsende Stärke
religiöser Gemeinschaft, sondern die Erkenntnis des eigenen
Anachronismus begründet ihnen zufolge die Gewalt des Islamismus.

„Einen Kampf der Kulturen wird es nicht geben“, schreiben Courbage
und Todd, denn die Gewalt sei ein Auswuchs der „letzten Zuckungen
einer sterbenden Ideologie“. Als Beleg für diese These dienen die
Geburtenraten im islamischen Raum: Sie liegen zwar weit auseinander:
zwischen 7,6 (im Niger) und 1,7 (in Aserbaidschan) Kindern pro Frau.
Doch alle haben eines gemeinsam: Seit etwa dreißig Jahren ist ein
drastischer Geburtenrückgang zu beobachten, der, so die Autoren, aus
einem sozialen Wandel resultiert, mit dem auch andere Veränderungen
einhergehen – Veränderungen, die den Werten des traditionellen Islam
oft entgegengesetzt sind, wie etwa die wachsende Emanzipation der
Frau.

Courbage und Todd postulieren eine Entwicklung, die – griffig
formuliert – „von der Alphabetisierung über die Verhütung zur
Revolution“ führt. Das ist nachvollziehbar und schlüssig – und
dennoch: Mit wahrer Leidenschaft werden wohl nur studierte Demografen
„Die unaufhaltsame Revolution“ verschlingen. Ein Wörterbuch mit
demografischen Fachausdrücken sei jedenfalls als Begleitlektüre
anempfohlen.

Viel näher am politischen Tagesgeschehen liegt „Der falsche Krieg“
von Olivier Roy. Fundiert und in journalistischer Manier erklärt der
französische Politikwissenschaftler die Gründe für den Irakkrieg, das
Scheitern der Demokratisierung im Gazastreifen, in Afghanistan und im
Irak und den Mythos von – wie Roy es bezeichnet – „Eurabia“. Diese
Wortneuschöpfung aus „Europa“ und „Arabien“ ist Schlagwort für die
Islamisierung Europas. „In der Rede von Eurabia verbindet man die
Muslime Europas mit Konflikten im Ausland, die sie selbst indes gar
nicht beschäftigen“, meint Roy – und zeichnet als Widerlegung der
Stereotype vom radikalislamischen Schläfer in Europas Städten ein
differenzierteres Bild der islamischen Gesellschaften. Darin geht er
auf nationale, regionale und konfessionelle Eigenheiten ebenso ein
wie auf die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien, das Clanwesen,
den arabischen Nationalismus oder – als dessen Gegenkonzept – den
Panislamismus. Alles, was in keinem Zeitungskommentar mehr Platz
findet und doch als Grundlagenwissen unentbehrlich ist -, es steht in
„Der falsche Krieg“.

Von der Wissenschaft zur Populärwissenschaft: Der deutsche
Journalist Alfred Hackensberger hat ein „Lexikon der Islamirrtümer“
geschrieben. Die aufzuklärenden Irrtümer reichen von „Al Jazeera ist
ein islamistischer Sender“ über „Die Beschneidung von Frauen ist eine
Tradition des Islam“ bis zu „In islamischen Ländern gibt es keine
Prostitution“. Die Auseinandersetzung mit ihnen soll laut
Verlagsinformation „Einblicke in die Vielfalt, Dynamik und Moderne
der muslimischen Welt geben und zeigen, warum der viel zitierte Kampf
der Kulturen eine Erfindung der westlichen Medien ist“. Das ist gut
gemeint. Trotzdem: Bei der Mehrzahl der Beispiele handelt es sich um
so grundlegende Irrtümer, dass sich der Verdacht einschleicht, dass
jene Leute, die diese immer noch hegen, auch kein Interesse daran
haben, sie jemals aufzuklären. Wer beispielsweise den Unterschied
zwischen Muslimen und Arabern nicht kennt, sollte wohl besser eine
Einführung in den Islam lesen (zum Beispiel: Heinz Halm: „Der Islam.
Geschichte und Gegenwart“, C.H. Beck Wissen), als gleich mit der
Aufklärung etwaiger Irrtümer zu beginnen. Denn um Grundlagen zu
erfassen, muss man ja nicht gleich ein Buch über Vorurteile lesen.

Youssef Courbage/Emmanuel Todd: Die unaufhaltsame Revolution. Wie
die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. Aus dem
Französischen von Enrico Heinemann. Piper, 218 S., € 17,40

Alfred Hackensberger: Lexikon der Islamirrtümer. Vorurteile,
Halbwahrheiten und Missverständnisse von Al-Qaida bis Zeitehe.
Eichborn, 273 S., € 20,60

Hans G. Kippenberg: Gewalt als Gottesdienst. Religionskriege im
Zeitalter der Globalisierung. C.H. Beck, 272 S., € 19,90

Olivier Roy: Der falsche Krieg. Islamisten, Terroristen und die
Irrtümer des Westens. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer.
Siedler, 188 S., € 20,60

Erschienen im Falter 11/08, Buchbeilage

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Eingeordnet unter Bücher, Religion, Weltpolitik

Die Spur eines Verwirrten

TERRORISMUS Als Asim Ç. die US-Botschaft in Wien mit zwei Handgranaten betreten wollte, trug er ein Buch bei sich. Wer es aufschlägt, gerät in ein islamistisches Netzwerk, das von Riad über
Sarajevo bis nach Wien reicht.
STEFAN APFL und JOSEPH GEPP

Wäre da nicht das Buch, der Fall erschiene glasklar. Der gebürtige
Bosnier Asim Ç., 42, betritt am 1. Oktober um 11.30 Uhr den
Checkpoint vor der Wiener US-Botschaft. Der Metalldetektor schlägt
Alarm. Ç. trägt zwei Handgranaten, Sprengstoff und etwa hundert
Schrauben, die die Schwere des Anschlags noch um ein Vielfaches
vergrößert hätten, in seinem Rucksack. Er flüchtet und wird vier
Straßen weiter von der Polizei gefasst. Später wird man bei Ç.
zuhause noch ein halbes Kilo Plastiksprengstoff exjugoslawischer
Provenienz sicherstellen.

Bei der Einvernahme stellt sich heraus: Der in Tulln wohnhafte Ç.
ist alkoholkrank, tablettenabhängig, psychisch krank und aufgrund
einer Kriegsverletzung in Frühpension. Er stammelt offenbar wirres
Zeug und beschuldigt den ebenfalls in Tulln lebenden Bosnier Mehmed D., 34, ihm den Rucksack und den Auftrag zur Tat gegeben zu haben. D., der umgehend verhaftet wird, bestreitet die Vorwürfe.

„Wir warten noch auf das psychologische Gutachten“, sagt Gerhard
Jarosch, Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft. „Dann überlegen wir, ob wir ihn für unzurechnungsfähig erklären.“ Ist Ç. bloß ein Verrückter, der seinen innerlichen Kampf mit den Vereinigten Staaten auf neutralem Wiener Boden austragen wollte? Hatte der offensichtlich psychisch labile Mann „einfach einen Pascher“, wie es ein leitender Ermittler salopp ausdrückt? Vieles deutet darauf hin. Wäre da nicht das Buch in seinem Rucksack.

„Alles, was ich zum Buch sagen kann, ist, dass mindestens einmal
das Wort Islam darin vorkommt“, sagt Doris Edelbacher vom Wiener
Landesamt für Verfassungsschutz. „Was im Buch steht, wissen wir
derzeit überhaupt nicht“, sagt Gerhard Jarosch . Einen islamistischen
Hintergrund könne man aber wohl ausschließen, so Jarosch.

Die Lektüre des Buches unterstützt diese Einschätzung nicht. Das
212 Seiten dicke, in stark arabisiertem Serbokroatisch verfasste Werk
trägt den Titel „Namaz u Islamu“. Zu Deutsch etwa: „Das Gebet im
Islam“. Es ist ein praktischer Leitfaden, wie der fromme Muslim zu
beten hat – angereichert mit Ideologie der bedenklichsten Sorte:
„Dank sei dem allmächtigen Allah, der alles mit Maß und Ziel richtet
und den Ungläubigen eine schmerzhafte Strafe zuführen wird“, lautet
der erste Satz. Wenige Zeilen weiter: „Der Grundpfeiler des Islam ist
der reine und aufrichtige Glaube, der sich erst im Märtyrertod
vollendet.“

Die Autoren dieser Sätze sitzen nicht etwa in einer afghanischen
Talibanhöhle oder einer saudischen Koranschule. Sie sitzen in Wien.
Als Herausgeber scheint der bosnisch-muslimische „Verein zur
Förderung der islamischen Kultur in Österreich“ im Impressum auf.
Adresse laut Vereinsregister: Murlingengasse 61, Wien-Meidling.

Es ist ein zweistöckiges Gründerzeithaus unweit des Meidlinger
Hauptbahnhofs, in dem der islamische Fundamentalismus seine Wiener Dependance haben soll. Keine Klingel, kein Türschild deuten auf die Existenz des Vereins hin. Laut Grundbuch gehört das Haus Muslima Moustefai-Thiba, einer Konvertitin. Das Haustor ist unverschlossen, durch die dunkle Einfahrt hindurch lässt sich ein Gebetsraum erkennen. Davor ziehen sich ältere Männer mit Vollbärten und wallenden braunen Gewändern die Schuhe aus. In wenigen Minuten beginnt die Predigt.

„Ja, Asim Ç. war hin und wieder hier. Einige Leute haben ihn
gesehen“, sagt ein 32-jähriger muslimischer Bosnier, der seinen Namen nicht nennen will. Er trägt einen langen schwarzen Überwurf, sein Vollbart wächst noch heran. Die Muslime aus Tulln kämen gewöhnlich samstags mit dem Bus zum Gebet, erzählt der Mann. Auf einem Tisch in der Hauseinfahrt liegen Bücher, deren Umschläge Minarette und Halbmonde zieren, daneben Honig aus der Herzegowina und Audiokassetten mit Predigten. „Über die Art und Weise des Kampfes gegen die Muslime“ steht auf einer. In einem versperrten Glaskasten werden vier Exemplare von „Namaz u Islamu“ angeboten. Verkäuflich ist es momentan nicht, sagt der junge Bosnier, der Mann mit dem Schlüssel sei nicht da.

Ç. hatte also Kontakt mit dem Verein. Der „Verein zur Förderung
der islamischen Kultur in Österreich“ ist berüchtigt. Spätestens seit
Reis-ul-Ulema Mustafa Ceric, Oberhaupt der bosnischen Muslime in
Sarajevo, ihn in einer Rede im Februar dieses Jahres erwähnt hat.
Seitdem soll das Haus auf der Observierungsliste des Bundesamts für
Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung stehen. Die Auskunft der Behörde: Man könne dazu keine Auskunft geben.

Ceric, ein moderater Muslim und Vorzeigeprediger eines
Euro-Islams, hatte vor dem Verein als Hort des Wahhabismus, der in
Bosnien für Probleme sorgt, gewarnt. Die Wahhabiten, strenggläubige
Moslems aus Saudi-Arabien, leben nach einer puristischen Auslegung
des Korans. Sie würden in Wien „rekrutiert und finanziert“,
behauptete Ceric. Das saudische Geld fließe über Wien nach Sarajevo.
Wegen des Ramadans ist er derzeit zu keinem Gespräch bereit. Anfang
2007 konkretisierte Ceric im Interview mit der bosnisch-serbischen
Tageszeitung Nezavisne seine Vorwürfe: In Bosnien-Herzegowina gebe es
Menschen, die für Scharia und Gottesstaat kämpfen würden. Die
österreichischen Behörden seien aufgefordert, endlich etwas gegen die radikalislamische Bedrohung zu unternehmen. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin News sagte Ceric: „Diese Gruppen sind bei euch groß geworden, sie sind in eurer Umwelt zu dem geworden, was sie heute sind.“ Er sprach von „Parallelgesellschaften“, die „außer
Kontrolle“ seien.

Diesen besorgniserregenden Aussagen liegt ein Machtkampf in
Bosnien zwischen Wahhabiten und moderaten Muslimen um die wahre Auslegung des Islam zugrunde. Die Gründe, warum das Kampfgebiet bis nach Wien reicht, liegen in der Geschichte Jugoslawiens. Einst, zu Titos Zeiten, galt der bosnische Islam als Vorzeigemodell eines gemäßigten und oft propagierten Euro-Islam. Der Bosnienkrieg öffnete
ab 1992 das Einfallstor für religiösen Fanatismus. Unter die
bosnischen Soldaten mischten sich Mudschaheddin, Gotteskrieger aus
dem arabischen Raum, die an der Seite ihrer Glaubensbrüder gegen die christliche Bedrohung kämpften. Mit sich brachten sie ihre strenge
Ideologie. Hatten sie noch vor kurzem aus afghanischen Höhlen auf
sowjetische Panzer geschossen, standen sie nun vor Sarajevo.

Islamische Länder wie Saudi-Arabien und der Iran unterstützten den
Glaubenskrieg mit „ungeheuren Summen“, wie Samuel Huntington in
seinem vielzitierten Werk „Clash of Civilisations“ schreibt. Allein
Saudi-Arabien pumpte offiziell mehrere hundert Millionen Euro nach
Bosnien – nicht zuletzt mit dem Hintergedanken, das Land in Richtung
Gottesstaat zu trimmen.

Die Nachwirkungen des ungebetenen Engagements spürt Bosnien nach wie vor: Den puristischen Wahhabiten ist die bosnische Lesart des Korans als profane Weichspülvariante verhasst. Mit „Taschengeld für Kopftuch“ lässt sich die Taktik in einem Satz zusammenfassen. Neue Moscheen werden gebaut und Eltern dafür bezahlt, ihre Kinder der Obhut wahhabitischer Tagesheime anzuvertrauen – mit saudischem Ölgeld.

Und das fließt über Wien. Insidern aus der islamischen Szene
zufolge werden die Transfers der saudischen Millionen als
Spendengelder getarnt und über Hilfsorganisationen abgewickelt.
Fernab von Terrorismusängsten und hoher Weltpolitik wurde das stille
Wien in den Neunzigern zur idealen Basis, um solche Aktivitäten zu
koordinieren. Ceric spricht aus, was seit langem als offenes
Geheimnis gilt. Es sind Aktivitäten, die das Bundesamt für
Verfassungsschutz so beschreibt: „Innerhalb der in Österreich
ansässigen bosnischen Diaspora konnten (…) Gruppierungen
festgestellt werden, die einer neofundamentalistischen Interpretation
des Wahhabismus anhängen“. Deren wichtigster Proponent sei, so der
Verfassungsschutzbericht, die offiziell aufgelöste „Aktive Islamische
Jugend“ (AIO): Laut Verfassungsschutz wurde die Organisation von
„ehemaligen Kämpfern der bosnischen Mudschaheddin-Brigaden aus der
Taufe gehoben“ und macht sich für die „Errichtung eines islamischen
Staates“ in Bosnien stark. „Die Rekrutierung erfolgt primär in der
Zielgruppe junger Musliminnen und Muslime der zweiten Generation, die
im Westen aufgewachsen sind.“ Die FPÖ veranlassten diese
Feststellungen am 5. Juni zu einer parlamentarischen Anfrage an den
Innenminister über die „wahhabitischen Umtriebe“ in Wien. Die Antwort
führt zurück in die Murlingengasse: „Die Moschee in Meidling wird als
Anlaufstelle von Angehörigen der AIO genützt.“

Ceric benannte schon des Öfteren den Hintermann der wahhabitischen Aktivitäten in Wien: Muhammed Porca. „Porca ist eine wichtige Figur in der islamistischen Szene von Bosnien-Herzegowina“, sagt Dragan
Ricevic, der sich als Journalist bei Nezavisne seit langem mit dem
Wahhabismus in seinem Land beschäftigt. Auf bosnischen
Islamisten-Websites finden sich Predigten Porcas, in denen er davon
spricht, seine „Feinde dann anzugreifen, wenn sie es am wenigsten
erwarten“.

Bevor Muhammed Porca 1993 nach Wien kam, wurde der Bosnier dem Vernehmen nach in Saudi-Arabien zum Prediger ausgebildet. Heute steht er der Moschee in der Murlingengasse 61 als Imam vor. Sein Name taucht auch im Impressum von „Namaz u Islamu“ auf. Dort steht: „Redigiert nach den Regeln der Scharia: Hfz.mr.Muhammed Fadil Porca.“

Auch heute predigt er. Während die letzten Gläubigen im Gebetsraum verschwinden, mustert Porca den Gast vom Türrahmen aus. Wie die
anderen trägt er einen langen braunen Überwurf, gepflegten Vollbart
und kurzgeschorenes Haar. Er schaut durchdringend, aber nicht
unfreundlich, obgleich ihm der unangekündigte Besuch offenbar
unangenehm ist. Ob er Asim Ç. kennt? Er scheint kein Deutsch zu
sprechen und lässt von einem Bosnier übersetzen: „Hier kommen viele
Leute her. Ich weiß nicht, ob Asim Ç. hier gewesen ist.“ Wie er zu
den Vorwürfen Cerics stehe? „Ich habe keine Zeit mehr, gleich beginnt
die Predigt“, sagt der Dolmetsch. Porca verspricht, in 15 Minuten
zurück zu sein, und verschwindet hinter dem Vorhang des Gebetsraums,
aus dem arabischer Gesang erklingt. Dreißig Minuten vergehen, aber
der Imam taucht nicht auf. Zu einem weiteren Treffen kommt es nicht.
Auch Nazif Bilajbegovic, offizieller Chef des Vereins, ist nicht
erreichbar.

Der junge Muslim, der noch immer in der Hauseinfahrt steht, ist
gesprächiger: Bilajbegovic halte sich gerade in Bosnien auf.
„Wahhabiten“, sagt er, „nennen uns nur unsere Feinde.“ Das
„Schlechte“ sei eigentlich der klassische bosnische Islam moderater
Prägung: „Was diese Leute machen, ist nicht islamisch. Nur dem Namen
nach. Sie sind noch schlimmer als die Ungläubigen.“ Ähnlich starke
Worte finden sich auch in „Namaz u Islamu“: „Diese Moslems denken
immer noch, dass es reicht, als Moslem geboren worden zu sein. Sie
haben kein Wissen, keinen Glauben und sind Allah nicht ergeben.
Deshalb ist heute eine allgemeine Besinnung auf das wahre Moslemsein
notwendig. Der Glaube muss jede Pore unseres Lebens durchdringen –
solange, bis Allahs Wort als letzte Instanz gilt und die Vorschriften
des Islams auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens umgesetzt
sind.“

Doch welche Positionen nehmen der mutmaßliche Attentäter Ç. und
sein angeblicher Auftraggeber D. im Netzwerk der Wiener Wahhabiten ein? War Ç. nur ein unauffälliger Gast in der Murlingengasse? Eine labile Psyche, die sich selbst, mit islamistischen Parolen aufgeheizt, zum Handeln zwang? Roland Friis, der Anwalt von Ç., behauptet, sein Mandant hätte den Rucksack, den er „von einem Mann“ bekommen habe, nur bei der Botschaft abgeben wollen.

Und D.? Ein Bericht von Nezavisne wirft zumindest ein Licht auf
den vermeintlichen Auftraggeber: Er soll im Mai 2007 am Begräbnis des hochrangigen Wahhabiten Jusuf Barcic im bosnischen Tuzla teilgenommen haben. Barcic, der bei einem Autounfall ums Leben kam, war von moderaten Muslimen immer wieder Verhetzung und religiöser Fanatismus vorgeworfen worden. Nezavisne trieb einige Jugendfreunde D.s aus Tuzla auf: „Er ist schon eine Zeitlang Wahhabit und trägt mittlerweile den langen Bart, der für die Wahhabiten typisch ist“, zitiert sie die Zeitung. Zwei andere prominente Besucher des
Begräbnisses: Abu Hamza, Kommandant der Mudschaheddin während des Bosnienkrieges – und Muhammed Porca. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen Bosniens, das einiges an religiösem Fundamentalismus gewohnt ist, beschrieb die Stimmung beim Begräbnis mit „Szenen wie im Irak oder Afghanistan“. Auch die österreichische Staatsanwaltschaft räumt Verbindungen D.s zur wahhabitischen Szene in Bosnien ein.

Was bleibt also, wenn man einen Schritt zurücktritt und die
Verflechtungen Revue passieren lässt? Zunächst offene Fragen: Welches Interesse könnten die Hintermänner des „Vereins zur Förderung der Islamischen Kultur in Österreich“ überhaupt an einem Anschlag haben?
Wenn es stimmt, dass sie das stille Wien als Operationsbasis für die
saudisch geförderte Islamisierung Bosniens nutzen – sollten sie nicht
viel mehr daran interessiert sein, den neugierigen Fragen der
Öffentlichkeit zu entgehen?

Was mit Sicherheit gilt: Selbst wenn es sich bei dem
Anschlagsversuch auf die US-Botschaft um die Tat eines Verrückten
gehandelt haben sollte; selbst wenn Ç. nur zufällig in Kontakt mit
wahhabitischen Kreisen in Wien stand; und selbst wenn das Buch im
Rucksack nicht als Botschaft gedacht war: Es bleibt das unangenehme
Gefühl, dass da mehr ist als bloß ein Buch, in dem das Wort „Islam“
geschrieben steht.

Erschienen im Falter 41/07

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Zlatko unser

RELIGION Der stigmatisierte kroatische Priester Zlatko Sudac vollbringt angeblich Wunderheilungen. Am Nationalfeiertag predigte er für die kroatische Gemeinde in Wien. Joseph Gepp
Foto von Katharina Gossow

Dobrodosli dobri ljudi. Willkommen, ihr guten Leute. Zlatko Sudac hebt beide Arme, sodass die breiten Ärmel seines bodenlangen weißen Talars nach hinten rutschen und den Blick auf zwei bandagierte Handgelenke freigeben. Er lächelt breit und sanftmütig. Mehr als tausend Menschen, fast ausschließlich Wiener Kroaten, warten gespannt auf seine Worte. Übervoll ist die Franz-von-Assisi-Kirche am Mexikoplatz an diesem 26. Oktober. Die Menschen okkupieren die Sitzreihen bis auf den letzten Platz, drängen sich auf den dazwischenliegenden Gängen, verstopfen draußen mit ihren parkenden Autos die Gassen rund um den Platz. Zlatko Sudac, 36, wird Wundersames nachgesagt: Der Priester trägt Stigmata, die Wundmale Jesu. Während seiner Messen soll es immer wieder zu medizinisch unerklärlichen Heilungen gekommen sein. Heute predigt er für die kroatische Gemeinde in Wien. Und er tut es auf begnadete Art und Weise.

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Zlatko Sudac‘ Predigt ist ein reißendes Stakkato aus mildtätiger Sanftheit und wilder Anklage. Er lächelt, er schreit, er rudert wild mit den Armen, er hebt die Hand und zeigt zum Jesusbild, das an der Wand hängt. „Wenn ihr lieben wollt, müsst ihr das Kreuz lieben.“ Sein spitzes Gesicht, sein gestutzter Bart, sein schulterlanges Haar erinnern an Jesus, wie man ihn von klassischen Darstellungen kennt. Keine Sekunde der Unkontrolliertheit stört seinen Redefluss, der offensichtlich nur darauf angelegt ist, Emotionen zu schüren, die Menschen mit seinem Charisma in seinen Bann zu ziehen. Kein Mucks stört die Gewalt seiner Worte. Niemanden unter den Tausend scheint es zu geben, der Zlatko Sudac nicht jedes Wort glaubt, das er sagt. „Ich habe einen Menschen gekannt, der im Krieg gekämpft hat“, erzählt er, „er hat Tod, Mord und Zerstörung gesehen. Er war nicht mehr fähig, Emotionen zu empfinden. Freude und Leid waren ihm fremd. Sein Herz war Stein. Dann wurde er geheilt – durch dieses Lied …“ Ein Mann in Lederjacke kommt mit einer akustischen Gitarre aus der Sakristei. Sudac stellt ihn als Ivan vor. Ivan spielt ein Lied, das so klingt, als würde Roy Black seiner verflossenen Filmgeliebten nachtrauern: „Sie haben alles zerstört, sie haben sogar die Liebe zerstört, ich habe nicht geweint, ich habe mich nicht vom Fleck gerührt.“

Man könnte Zlatko Sudac Populismus vorwerfen und dem Klang seiner Predigten eine bedenkliche Nähe zu politischen Brandreden. Aber im traditionell katholischen Kroatien wurde der kleine Pfarrer von der Insel Krk mit seinem überbordenden Charisma zu einer Art geistlichem Popstar. Inzwischen reist er rund um die Welt und predigt für die Diasporen in Europa und Amerika. Dass er – nach eigener Angabe – im Mai 1999 erstmals die Stigmata empfing, steigerte seinen Ruhm noch mehr: Jeden Freitag soll die kreuzförmige Wunde auf seiner Stirn zu bluten beginnen. An diesem Freitag jedoch, dem Nationalfeiertag in Österreich, deutet nur ein vernarbter brauner Fleck auf das Stigma hin. Die vatikanische Gemelli-Klinik in Rom hat die Authentizität der Wundmale bestätigt. In einem Interview mit einer Pfarre im US-amerikanischen Chicago behauptete Sudac weiters, seit dem Auftreten der Stigmata verfüge er über paranormale Fähigkeiten: Er könne unter anderem schweben (Levitation), an mehreren Orten gleichzeitig sein (Bilokation), in die Zukunft blicken und biblische Sprachen wie Aramäisch sprechen, ohne sie jemals studiert zu haben. Allerdings, so Sudac im Gespräch mit der kroatisch-katholischen Kirche des Heiligen Hieronymus: „Ich will erst über diese Wunder sprechen, wenn etwas Zeit vergangen ist. Derzeit bin ich in Kontakt mit Experten. Erst nach ihren Befunden will ich mich äußern.“ Und über das Phänomen der Bilokation, das in der Bibel einigen Heiligen zugeschrieben wird, sagte er: „Das ist ein sehr interessantes Phänomen. Bei mir äußert es sich aber nur, wenn keine anderen Personen zugegen sind.“

Weniger Hehl macht Zlatko Sudac aus seinen politischen Ansichten. Über die kroatischen Soldaten, die im Balkankrieg kämpften, sagte er: „Ich bewundere sie. Die größte Ehre sollte ihnen zuteil werden. Damals haben wir alle Rosenkränze um den Hals getragen und Kerzen in unsere Fenster gestellt – und heute schämen wir uns dafür, Kroaten zu sein.“ Diese Sätze sollen in Kroatien gefallen sein, ein Besucher hat den umstrittenen Priester gefilmt und die Predigt auf die Internetplattform YouTube gestellt. In Wien jedoch hält sich Sudac mit nationalistischen Äußerungen zurück – und bewirbt sogar ein gewisses übernationales Verständnis von Katholizismus: „Man ist nicht automatisch Katholik, nur weil man Kroate ist. Ihr müsst euch in das Kreuz verlieben. Ich kann nur den allerersten Tropfen in euer Herz schütten.“ Bei diesen Worten beginnt ein geistig behinderter Mann, der an der Brüstung vor dem Altar lehnt, zu stöhnen und mit den Armen zu zucken. Sudac weiß, wie er bei seinem Publikum ekstatische Emotionen hervorrufen kann.

Dann kommt die Rede auf die angeblichen Wunderheilungen. „Es ist bekannt, dass es bei solchen Predigten immer wieder zu wundersamen Heilungen gekommen ist“, sagt Pater Mio, Assistent und Mentor von Zlatko Sudac, „und auch diesmal haben wir eine lange Liste Kranker, die auf Heilung hoffen. Wir haben unsere Helfer in der Kirche verteilt, sie werden die Kranken zum Altar bringen und Pater Zlatko wird versuchen, sie durch Handauflegen zu heilen.“ Solange die Predigt dauert, wird kein einziger Kranker auf die Apsis geführt. Aber Zlatko Sudac hält sich ja noch zwei weitere Tage in Wien auf.

Erschienen im Falter 44/07

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