Archiv der Kategorie: Religion

Ist satan.at nicht ein bisschen kindisch, Herr Alm?

Aus dem FALTER 6/13

Am Apparat Telefonkolumne

Wenn man im Internet „satan.at“ eintippt, dann kommt man auf die Webseite der katholischen Kirche. Dafür sorgt Niko Alm, 37, Internetunternehmer und landesweit bekannter Aktivist gegen Kirchenprivilegien. Warum tun Sie das, Herr Alm?

Herr Alm, war Ihre satan.at-Aktion nicht ein bisschen kindisch?

Nein, es gab ja eine lustige Vorgeschichte, sodass man durchaus eines draufsetzen konnte. Die katholische Kirche hat sich zuvor die Domain kirchenprivilegien.at gesichert und passenderweise auf ihre Webseite weitergeleitet. Da dachte ich: Satan ist eine Kreatur, die der Kirche zuordenbar ist – ich leite das auch weiter.

Wie kommt ein junger Unternehmer wie Sie dazu, sein halbes Berufsleben dem Kampf gegen die Kirche zu widmen?

Das ist bei weitem nicht mein halbes Berufsleben, auch wenn es vielleicht so ausschaut. Ich habe einen Vollzeitjob in meiner Firma und erübrige dafür nur einen Teil meiner Freizeit. Die Sache mit der Domain dauerte gerade eine Minute.

Laut Umfragen betrachten immer mehr Leute die Kirche als Relikt alter Zeiten. Haben Sie sich da nicht einen Feind ausgesucht, dessen Bedeutung und Macht sowieso schwindet?

Für manche Bereiche stimmt das, aber es gibt auch Dinge, die keinen Aufschub dulden. Denken Sie nur an die Misshandlungsopfer oder eben die massiven staatlichen Privilegien der Kirche.

Stammen Sie eigentlich aus einem gläubigen Elternhaus?

Ich bin getauft und gefirmt, aber wir haben nie gebetet. Klassischer Taufscheinkatholizismus.

Mit wie vielen Stimmen rechnen Sie bei dem Volksbegehren im April?

Die 100.000 werden wir schon schaffen. Die Sache kommt in Social Media langsam in Fahrt. Da draußen gibt es sicher viel mehr als 100.000, die unsere Anliegen unterschreiben würden – sie müssen nur davon erfahren.

Interview: Joseph Gepp

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Gottes ungehorsamer Diener

Aus dem FALTER 51/2011

Mensch des Jahres 2011

Porträt: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Helmut Schüller war „Manager des Jahres“ und Briefbombenopfer. Jetzt will er die Kirche umkrempeln

Es ist eine moderne Messe, die am vierten Adventsonntag in der übervollen Pfarrkirche von Probstdorf gefeiert wird. Von der Empore tönen neben klassischer Kirchenmusik sphärische Klänge, erzeugt von Saxofon und Panflöte. Vor dem Altar predigen zwei Frauen darüber, wie man sich Engel heutzutage vorstellen kann. Eine Fürbitte lautet: „Lasst uns beten für die Reform unserer Kirche.“

Probstdorf, 800 Einwohner, eine Marchfeld-Gemeinde wie viele andere. In den Torbögen der Bauernhäuser um die Kirche werden in Scheibtruhen Zwiebeln zum Kauf angeboten. Die Großsupermärkte und Reihenhaussiedlungen, die im Nachbarort Großenzersdorf allmählich Wiens Peripherie einläuten, haben Probstdorf noch nicht erreicht.

Ausgerechnet in diesem verschlafenen Bauerndorf entsteht etwas, das sich zur vielleicht größten Umwälzung der katholischen Kirche seit Jahrzehnten auswachsen könnte. Helmut Schüller, 59, Pfarrer von Probstdorf, ist seit Sommer das Gesicht eines Veränderungswillens, der sich so breit und stark artikuliert wie niemals zuvor.

„Aufruf zum Ungehorsam“ heißt das Dokument, das Schüller und seine Mitstreiter Mitte Juni veröffentlichten. Es ist eine Reaktion darauf, dass „die Diskrepanz zwischen Kirchenordnung und der Praxis an der Basis immer größer wird“, sagt er.

Beim Aufruf handelt es sich um mehr als nur einen Reformappell an Kirchenobere. Er ist eine konkrete Handlungsanleitung, die sich deren Anweisungen offen widersetzt. „Wir werden das Predigtverbot für kompetent ausgebildete Laien missachten“ steht da als einer von sieben Punkten. Oder: „Wir werden jede Gelegenheit dazu nützen, uns öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt auszusprechen.“

Für Schüller ist der Vorsitz der aufmüpfigen „Pfarrerinitiative“ ein Schritt in einer Karriere mit Höhen und Tiefen, wie sie kaum ein anderer Pfarrer vorweisen kann. Mit nicht einmal 40 war er Chef der Caritas, danach hoher Kirchenfunktionär. Dann verscherzte er es sich mit seinen Chefs und wurde vor über zwei Jahrzehnten zum einfachen Landpfarrer.

Schon 2006 begann Schüller zusammen mit Pfarrer Udo Fischer sein Engagement für Reformen. „Fünf Jahre lang haben wir Briefe geschrieben und Bischöfe beschäftigt“, erzählt Schüller. „Sogar nach Rom ist eine Delegation gefahren.“ Irgendwann sei kein Ausweg geblieben außer Ungehorsam. Der traf die strikt hierarchisch gegliederte Kirche wie eine Bombe.

Rund 380 Pfarrer und Diakone, etwa zehn Prozent, haben sich den Forderungen angeschlossen. 70 Prozent der Priester unterstützen sie, erhob das ORF-Magazin „Kreuz und Quer“. Ähnliche Zustimmungsraten vermuten Beobachter im Kirchenvolk. Entsprechend still geworden ist es um die Drohung der Spitze, die Revoluzzer vom Priesteramt auszuschließen.

Mittlerweile blickt man auch im Ausland auf die aufmüpfigen Österreicher, in Polen, Irland, Kroatien. 600 irische Priester sind mit einer ähnlichen Initiative Schüllers Vorbild gefolgt. Der Ausgang des internationalen Konflikts zwischen Kirchenbasis und -spitze ist offen – doch in ihm scheint sich mehr zu entscheiden als die Forderungen, die Schüllers Kirchenrebellen in ihrem Aufruf festgeschrieben haben.

„Die Signale der Weltkirchenspitze deuten rückwärts“, sagt Schüller. „Man will eine Richtungsentscheidung ohne das Kirchenvolk.“ So sei dem englischsprachigen Raum „ein Messbuch in einer Sprache des vorvorigen Jahrhunderts verordnet worden, das die Priester dort entsetzt“.

Schüller sitzt in einem kargen Büro in der Wirtschaftsuni. Neben dem Priesteramt in Probstdorf betreut er hier Studenten und konzipiert Lehrveranstaltungen mit. Er trägt keine Soutane wie bei der Messe, sondern eine schlichte karierte Wollweste. Er dürfe die Kerzen auf dem Adventkranz nicht zu lange brennen lassen, sagt er, sonst springt der Feuermelder an.

Schüller spricht schnörkellos mit niederösterreichischen Dialekteinsprengseln. Er ist keiner, der seine Worte genau abwägt, auch wenn seine Gegner sie nach Anzeichen von Eitelkeit und persönlichen Rachemotiven nur so durchkämmen. Weder spricht er salbungsvoll noch teilt er die Angewohnheit vieler Priester zu reden, als hätten sie kleine Kinder vor sich.

Es gebe eine „seltsame Tradition“ im österreichischen Katholizismus: die Ausgeprägtheit der Reformdebatte. Ob bei der Diskussion über das Zweite Vatikanische Konzil in den 60er-Jahren, bei umstrittenen Bischofsernennungen in den 80ern, bei Missbrauchsdebatten in den 90er – stets war Österreich Vorreiter. „Das ist wohl ein Rückstand aus der Zeit, als es zu zwei Dritteln protestantisch war und von den Habsburgern gewaltsam ins katholische Lager zurückgebracht wurde.“

Aber hat es denn Sinn, Kirchenreformen zu fordern? Interessieren sich jene, die am lautesten danach rufen, überhaupt für die Kirche? So ungefähr argumentieren Schüllers Gegner, vor allem Wiens Kardinal Christoph Schönborn. Er will die Kirche lieber auf einen „gesunden harten Kern“ zurückführen statt mit Reformen „Taufscheinchristen“ zu gewinnen.

Es gehe ihm nicht ums Gewinnen, sagt Schüller. „Eine Nichtmassenkirche kann auch kraftvoll sein.“ Das Problem sei vielmehr, dass die Kirche in verordneter Erstarrung ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen könne. Zum Beispiel räume sie Laien, Männern wie Frauen, kaum Freiheiten ein, obwohl diese in vielen Gemeinden die fehlenden Priester ersetzt hätten.

Oberstes Ziel der Kirche dürfe nicht das Bewahren alter Formen sein, sondern der „Auftrag des Evangeliums“. Schüllers Verständnis von Kirche ist ein soziales; er betont Nächstenliebe und Gemeinschaft statt Theologie und individueller Sinnsuche. „Schon der Kirchenstifter Jesus ist quer zu Vorstellungen gelegen.“ Helmut Schüller klingt glaubensfester als seine Kritiker, wenn er so etwas sagt.

Rief zum Ungehorsam auf: Helmut Schüller nach der Messe im Pfarrhof seiner Kirche in Probstdorf im Marchfeld (Foto: Corn)

Es war 1977, als er zum Priester geweiht wurde. Damals ging der Ruf nach Modernisierung noch von der Kirchenspitze selbst aus. Zwölf Jahre zuvor hatte das Konzil einen liberalen Schub gebracht. In Wien machte sich Franz König für die Aussöhnung mit anderen Konfessionen und der SPÖ stark. Schüller übernahm im Arbeiterviertel Brigittenau die Brigittakirche.

Zehn Jahre später wurde er Chef der Caritas, erst von Wien, dann von ganz Österreich. Mauerfall und Balkankrieg stellten die Hilfsorganisation vor nie dagewesene Herausforderungen. „Es war eine bewegte Zeit“, sagt Schüller. Hilfe für bosnische Flüchtlinge musste damaligen Politikern „zäh abgerungen“ werden, weil sie fürchteten, als zu ausländerfreundlich zu gelten. 1993 schickte Franz Fuchs eine Briefbombe an Schüller, die abgefangen wurde. Im selben Jahre kürte ihn die WU wegen der Organisation der Flüchtlingshilfe zum „Manager des Jahres“.

Trotzdem blieb Schüller – dessen Bruder übrigens der ORF-Korrespondent Christian Schüller ist – nicht lange bei der Caritas. 1995 gab er Schönborns Drängen nach und wurde Generalvikar der Erzdiözese Wien. Diese hatte Schönborn schwer angeschlagen vom Skandalbischof Hans Hermann Groër geerbt, der beliebte Schüller sollte sie nun wieder aufpäppeln helfen.

Die Zusammenarbeit endete nach vier Jahren mit einem Entlassungsbrief, den Schüller eines Nachts 1999 vor seiner Wohnungstür fand. In den Monaten zuvor hatte er die konservativen Bischöfe Kurt Krenn und Andreas Laun massiv kritisiert. Schönborn rechtfertigte später die Entlassung damit, dass Schüller spirituelle Fragen zugunsten struktureller vernachlässigt habe. Der geschasste Generalvikar engagierte sich nun für Roma und fair gehandelte Produkte – und ging nach Probstdorf, wo er zuvor zwei Jahren Pfarrer geworden war.

Dort geht am Adventsonntag die Messe langsam zu Ende. Schüller lädt die Gläubigen noch zum Fairtrade-Kaffee ins Pfarrhaus. Dann drängen sie lautstark auf den Kirchhof. Nach dem Wirbel im Gefolge des Aufrufs befinde sich seine Bewegung nun in einer „Konsolidierungsphase“, sagt Schüller. „Die vielen Response mussten wir erst abarbeiten. Außerdem hat ein Priester im Advent ja genug andere Dinge zu tun.“

Als erste große Erfolge seiner Bewegung wertet Schüller den großen Zulauf zur Pfarrerinitiative und die Tatsache, dass die angekündigten Suspendierungen ausblieben. Aber was kommt danach?

„Jetzt wollen wir darauf hinarbeiten, dass sich erste Bischöfe zu Reformen bekennen“, antwortet Schüller. „Auch wenn sie sich noch bedeckt halten, wissen wir, dass nicht alle gegen uns sind.“ Dazu empfehle er dringend, dass sich zwei oder drei Bischöfe zusammentun, meint er. „Wenn das einer allein macht, ist er weg vom Fenster.“

Die Priester hätten ihren Willen bereits erklärt, sagt Schüller, das Kirchenvolk auch. „Wenn jetzt auch noch ein paar Bischöfe aufstehen, schaut die Geschichte noch einmal ganz anders aus.“

Zur Person
Als Gegenstück zu „Best of Böse“ findet sich unter „Falter-Mensch des Jahres“ jedes Jahr das Wirken einer bemerkenswerten Person beschrieben.

Helmut Schüller,
1952 in Wien geboren, war ab 1977 Arbeiterpfarrer in Wien und ab 1986 Mitarbeiter der Caritas. 1995 bis 1999 war er Generalvikar der Erzdiözese Wien. Seit 1997 ist er Pfarrer von Probstdorf, 2006 gründete er die Pfarrerinitiative.

Diese publizierte im heurigen Sommer den
„Aufruf zum Ungehorsam“.

Darin ist etwa festgehalten, dass geschiedenen Wiederverheirateten die Eucharistie ebenso wenig verwehrt werden soll wie Mitgliedern anderer christlicher Konfessionen und fallweise Ausgetretenen. Auch kompetente Laien sollen predigen. Zudem findet sich die Aufforderung, sich bei jeder Gelegenheit öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt auszusprechen

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Zehn Jahre 9/11: Stichwort JIHAD

Aus dem FALTER 36/2011

Mut zur Lücke – so könnte man die Art bezeichnen, wie sich postmoderne Radikale historischer Versatzstücke bedienen, um sich eine ideologische Rechtfertigung für ihre Gewalt zu basteln.

Aktuelles Beispiel ist der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik, der auf Hunderten Seiten ein wirres Weltbild aus Umvolkungs-und Islamisierungsängsten niederschrieb. Aber auch die islamistischen Massenmörder von New York, Madrid, London bedienten sich eines extrem frei interpretierten historischen Unterbaus. Dieser ist vor allem mit einem Begriff verbunden: mit „Jihad“, meist übersetzt mit „Heiliger Krieg“.

Dabei stammt der Gedanke dahinter ursprünglich aus dem Okzident. Die alten Griechen etablierten den Begriff „Heiliger Krieg“, als es galt, Tempel und Pilger militärisch zu schützen.

Später waren jene Kriege „heilig“, die sie gegen die barbarischen Perser führten. Nochmals 500 Jahre später zogen die Kreuzritter mit dem lateinisch nicht korrekten Schlachtruf „Deus lo vult“ („Gott will es“) nach Jerusalem.

Inzwischen war auf der Arabischen Halbinsel eine machtvolle Bewegung entstanden. Mohammed, Prophet der Muslime, propagierte seinerseits die „Anstrengung“ auf dem Weg zu Gott – so lautet die korrekte Übersetzung von Jihad.

35 Mal kommt das Wort im Koran vor. Die Passagen befassen sich mit Kämpfen gegen arabische Christen, Juden und Animisten. Zur Zeit der Kolonialisierung entwickelten islamische Gelehrte eine zweite Definition von Jihad: den spirituellen Kampf gegen sich selbst. Diesen gewinne man nicht mit dem Schwert, sondern durch gottgefälliges Leben. Erst die Entstehung von arabischen Nationalstaaten ließ im 20. Jahrhundert Terrorgruppen entstehen, die unter Jihad den „gerechten“ Kampf gegen Ungläubige verstanden.

Al-Jihad nannte sich jene Vorgängerorganisation von al-Qaida, die 1981 den israelfreundlichen ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat ermordete. Zu dieser Zeit ging die Deutungshoheit des Jihad-Begriffes auf jene radikale Muslime über, die im September 2001 zu ihrem folgenreichsten Schlag ausholten.

Freilich: Nicht nur die innerislamische Sicht bestimmt, was Jihad bedeutet. In den 80er-Jahren etwa unterstützten die USA die afghanischen Taliban-Krieger im Kampf gegen die Sowjets. Zu dieser Zeit galten Jihadisten im Westen noch als tapfere Freiheitskämpfer. JOSEPH GEPP

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Polen, Serben und die Erzdiözese: Ottakrings kleiner Glaubenskrieg

Aus dem FALTER 24/11

Joseph Gepp

So bringt man sich in eine verfahrene Situation: Weil Wiens katholische Kirchen oft leer stehen, will die Erzdiözese einige der – in der Erhaltung teuren – Kirchengebäude an andere Christen verschenken: vor allem an die zahlreichen Wiener Serbisch-Orthodoxen, die Orte für ihre Gottesdienste suchen. Nachdem der erste Versuch – die Übergabe der prachtvollen Maria vom Siege am Gürtel – am Denkmalschutz scheiterte, glaubt Kardinal Schönborn nun in Ottakring fündig geworden zu sein. Dass die schlichtere Neulerchenfelder Kirche den Serben gegeben werden soll, scheint vonseiten der Diözese fix.

Mit einer Sache hat der Bischof aber nicht gerechnet: Gerade hier hält die polnische Gemeinde um Pfarrer Tadeusz Cichon ihre Messen ab. Im Gegensatz zur taufscheinkatholischen Mehrheit sind Wiens 36.000 Polen neben 50.000 Kroaten äußerst brave Katholiken. Ausgerechnet mit den treuesten Schäfchen muss die Diözese nun also streiten. Cichon will nicht weichen und hat sogar den Vatikan angerufen. Dieser setzte die Schenkung vorerst aus und zwang die Streithähne zu Verhandlungen. Dieser Tage finden die Gespräche zwischen Erzdiözese und den widerspenstigen Polen statt – mit einer Lösung wird vorerst nicht gerechnet.

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Eingeordnet unter Migranten, Religion, Wien

Herr Doktor, welches Kugerl heilt meine Homosexualität?

Aus dem FALTER 22/2011

Am Apparat, Telefonkolumne

Homosexualität wegtherapieren mittels Psychotherapie oder Homöopathie – das bietet der deutsche „Bund Katholischer Ärzte“ mit Sitz in München und geplanter Dependance in Wien auf seiner Homepage an. Der Falter-Redakteur gab sich als verunsicherter Schwuler aus und bat unter falschem Namen in München um Rat.

Guten Tag, ich habe auf Ihrer Seite im Internet gelesen, dass man Tabletten gegen Homosexualität nehmen kann. Welche wären das denn?

So einfach ist das nicht. Das ist eine Konstitutionstherapie mit Hochpotenzen. Das können Sie nicht machen wie bei der Schulmedizin, wenn sie was gegen Ihre verstopfte Nase nehmen. Sie brauchen einen Homöopathen.

Kann ich die Tabletten nicht einfach rezeptfrei in der Apotheke kaufen?

Theoretisch schon, aber das ist individuelle Medizin. Sie werden sechs bis sieben verschiedene Medikamente nehmen müssen. Welche genau, das wird vorher in einer Anamnese herausgearbeitet.

Einer Art Diagnose?

So ungefähr.

Wann kann ich rechnen, dass ein erster Effekt einsetzt?

Ein bisschen dauert es, vielleicht ein Jahr. Ein Vierteljahr allein braucht das Bindegewebe zum Entgiften.

Entgiften wovon?

Von Erbgiften, Tuberkulose zum Beispiel, aber auch von Sexualkrankheiten der Ahnen. Nach der Entgiftung kann man das Konstitutionsmittel herausarbeiten.

Können Sie mir einen Arzt in Wien empfehlen, der Therapien durchführt?

Eigentlich können Sie bei jedem Homöopathen danach fragen. Aber ich kenne zwei Ärzte in der Nähe von Wien, von denen ich weiß, dass sie die Therapien durchführen.

Wie stehen bei denen die Chancen?

Ich spreche immer vom „lila Eisberg“. Sie brauchen irgendetwas, wo der Homöopath ansetzen kann. Einen bestimmten Traum, den Sie haben, oder eine Stelle am Körper, die juckt. Dann kann man da wohl was machen.

Interview: Joseph Gepp

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Österreichs Islamvertretung: längst kein Vorzeigefall mehr

Aus dem FALTER, 20/2011

Kommentar: Joseph Gepp

Als die k.u.k. Monarchie anno 1912 den Islam als Religion anerkannte, war das einzigartig in Europa. Dem war eine Erfolgsgeschichte vorangegangen, die 1878 mit der Annexion des muslimisch geprägten Bosnien begonnen hatte. Nach anfänglichem Fremdeln wurden die Bosniaken patriotische Untertanen.

Heute leben wieder Muslime in der Republik Österreich. Sie stammen aus der Türkei, Bosnien und arabischen Ländern, rund eine halbe Million dürften es sein.

Nur 25.000 davon, also ein Zwanzigstel, beteiligten sich an den Wahlen der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Am vergangenen Sonntag endete der letzte Wahlgang in Wien mit einem Sieg der türkischstämmigen Muslime. Und kaum war das Ergebnis publiziert, wurden auch schon Zweifel an der geschlagenen Wahl laut.

So forderten einige Muslime von Kultusministerin Claudia Schmied die „Feststellung der Ungültigkeit“. Nicht nur wegen der geringen Wahlbeteiligung, auch weil für die Teilnahme an der Wahl eine „Kultusumlage“ von 40 Euro pro Nase entrichtet werden musste. Schon in der Vergangenheit beklagten Schiiten und Aleviten immer wieder mangelnde Repräsentanz in offiziellen islamischen Gremien.

Österreichs Behörden und Politiker wollen einen verlässlichen Ansprechpartner in allen die Muslime betreffenden Fragen haben und setzen daher auf die Glaubensgemeinschaft. Allerdings: Dieser Ansprechpartner muss sich demokratisch und transparent aufstellen. Sonst gibt es nur scheinbar einen einzigen – während in Wahrheit die meisten islamischen Gruppen ihr eigenes Süppchen kochen. Und das Zusammenleben wird nicht zu einer Erfolgsgeschichte wie anno dazumal, unterm Kaiser selig.

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Warum halten wir Muslime für gar so fromm, Herr Zulehner?

Aus dem FALTER, 19/2011
Telefonkolumne: Joseph Gepp

Auf den ersten Blick wirkt es überraschend, was der Religionssoziologe Paul Zulehner in einer Studie herausgefunden hat: Nur 48 Prozent heimischer Muslime praktizieren den Glauben. 25 Prozent sind „säkular“, haben also zur Religion kaum Bezug.

Herr Zulehner, warum halten wir Muslime für gar so fromm?

Das ist unser Bild, weil wir von Muslimen wenig wissen und sie teilweise fürchten. Ein schwaches Christentum hat Angst vor einem starken Islam.

Sind Muslime überhaupt frommer als Katholiken?

Die Bereitschaft, Gebote zu befolgen oder etwa Gottesdienste zu besuchen, ist bei Muslimen immer noch deutlich höher als in der christlichen Mehrheitsbevölkerung – vor allem bei Männern. Der Islam war ja ursprünglich eine Männerreligion, Frauen wurden erst nach und nach geduldet.

Sind die Frauen jetzt die treibende Kraft hinter der Säkularisierung?

Der Islam in Österreich kommt ja überwiegend aus Anatolien, wo Religiosität oft mit vormodernem Autoritarismus und Unterwerfungsbereitschaft einhergeht. In Österreich verliert dies – vor allem für die Muslimas – unter dem Einfluss der Mehrheitsgesellschaft an Gewicht. Die österreichische Mehrheitskultur beeinflusst den Islam ungefähr auf die Art, wie die 68er-Bewegung das Christentum beeinflusste.

Wo sehen Sie Österreichs Muslime in 20 Jahren?

Es ist ein spiritueller Tsunami, den sie gerade erleben. Ich glaube, dass sich die meisten Verantwortlichen der islamischen Religionsgemeinschaft dessen gar nicht bewusst sind. In 20 Jahren wird sich der Islam im besseren Fall in einen modern-aufgeklärten Islam verwandelt haben, der sein autoritäres Element verloren hat. Im schlechteren Fall verflacht er zum reinen Kulturislam, der den Ramadan begeht. Eine religiöse Kultur zu erhalten, die trotzdem nicht autoritär ist, ist eine Herausforderung, ein Kunstwerk.

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Eingeordnet unter Migranten, Minderheiten, Religion

„Vor Jahren den Höhepunkt überschritten“

Aus dem FALTER, 18/2011

Foto von Hans Hochstöger

Andre Gingrich, Professor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien, ist der vielleicht bekannteste Ethnologe Österreichs. Er forscht in entlegenen Regionen wie Südarabien und Tibet. Gingrich befasst sich mit verschiedenen Konzepten von Identität, lokalen Reaktionen auf äußeren Druck und den Erscheinungen der Globalisierung. 2000 wurde er mit dem Wittgensteinpreis, dem höchsten Preis für Wissenschaftler in Österreich, ausgezeichnet.

Falter: Herr Gingrich, wie hat Osama bin Laden die Welt verändert?

Andre Gingrich: Er war Sprachrohr und zugleich auch Inspirator einer Fraktion innerhalb des militant-politischen Islam, die sich radikalisiert hat. Er erzielte dabei propagandistische und teils auch militärische Erfolge. Dabei hat er schon vor Jahren den Höhepunkt des Wirkens erreicht und überschritten.

Wann war dieser Höhepunkt?

Die Blütezeit des militanten Islamismus ist vorbei, meint Ethnologe Andre Gingrich

Gingrich: 2002, als gegen die Erwartungen von Al-Kaida und Taliban sehr große Kreise der afghanischen Bevölkerung die Afghanistan-Operation der Nato unterstützt haben. Zwar gab es auch Gegenwehr. Aber trotzdem begann hier der Abstieg der Al-Kaida. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte fand die Vertreibung in ein Exil statt. Davor hatte die Organisation immer eine sichere Heimstätte in irgendeinem Land gehabt.

Heißt das, dass Osama bin Laden an Bedeutung für islamische Fundamentalisten verloren hat? Oder blieb er ein Vorbild für Radikale?

Gingrich: Seine Rolle als Ikone innerhalb der Jugend- und Massenkultur in Teilen der muslimischen Welt war größer als sein realer Einfluss. Man findet Porträts von bin Laden auf T-Shirts von Pakistan bis Westafrika. Sein Image dient vielen männlichen Jugendlichen auf Postern als Mittel der Provokation – auf eine fast popkulturelle Art. Demgegenüber steht aber ein Bedeutungsverlust der Al-Kaida in organisatorischer, militärischer und propagandistischer Hinsicht.

Wie geht es jetzt mit Al-Kaida weiter?

Gingrich: Im arabischen Raum reagierte die Organisation vor etwa fünf Jahren mit einer verstärkten Innenorientierung auf ihre Schwäche. Regionalgruppen, die vor Ort gut vernetzt sind, sollten verstärkt werden und eine Verankerung in der Bevölkerung haben – zum Beispiel bei der Al-Kaida der arabischen Halbinsel, Irak oder im Maghreb. Aber die Strategie ist gescheitert, weil sie statt zu einer Verankerung zu nur noch mehr Zersplitterung geführt hat. Dies machte es für die Gegner der Al-Kaida leicht, die Organisation zu überwachen und zu bekämpfen.

Also hat der „war on terror“ tatsächlich den Terrorismus besiegt? Durch Einfluss von außen, durch Überwachung und den Entzug von Operationsbasen?

Gingrich: Im engeren Sinn schon. Man darf nicht unterschätzen, dass die Kriegsmittel namhafter Westmächte und ihrer islamischen Verbündeten gegen eine kleine Zahl aktiver Militanter eingesetzt wurden. Es hat lange gedauert, bis das wirksam wurde – aber es wurde wirksam. Das zeigt ja auch die Liquidierung von Osama bin Laden. Abgesehen davon hat sich aber auch die normale Bevölkerung arabischer Städte ganz anders entwickelt, als Al-Kaida das im Sinn hatte.

Wie hat sie sich entwickelt?

Gingrich: In Ägypten zum Beispiel schwenkten die städtischen Jugendlichen der Mittel- und Unterschichten am Tahrir-Platz keine grünen Fahnen und trugen keine Koran-Zitate als Banner der Mobilisierung vor sich her. Das Spektrum der Demonstrierenden war sehr heterogen und reichte von gemäßigten Linksliberalen bis zu gemäßigt-konservativen Moslems. Aber für militante Extremisten war kein Platz.

Könnte Bin Ladens Tod, den man ja auch als Märtyrertod interpretieren kann, dem Aufstand ein neues fundamentalistisches Gesicht verleihen?

Gingrich: Es gibt sicher Kräfte, die sich das überlegen. Natürlich will eine militante Gruppe im Niedergang, die auch noch die Tötung ihres Anführers erleidet, nochmals aggressiv werden, bevor sie weiter zerfällt.

War die Al-Kaida überhaupt jemals so zentralistisch auf bin Laden zugeschnitten, wie es den Anschein hatte? Oder musste der Westen dem Bösen nur ein prägnantes Gesicht geben?

Gingrich: Das Gesicht des faszinierenden Bösen, wie es vermittelt wurde, war sicher überspitzt. Aber die Zentralisierung war nach allem, was wir von Forschung und Geheimdiensten wissen, doch weit fortgeschritten. Es war eine klassische zellenartige Struktur von illegalen militanten Organisationen, bei denen immer nur die nächsthöhere Ebene bekannt ist und die Direktiven von einem kleinen Führungskreis ausgehen.

Warum wurde Osama bin Laden eigentlich umgebracht und nicht verhaftet und vor Gericht gestellt?

Gingrich: Das kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich wollten die pakistanischen und US-amerikanischen Kräfte Bin Laden nicht die Möglichkeit einer neuen Propagandabühne bieten, sondern die offene Entscheidung suchen. Und aus manchen Schriften von Al-Kaida glaube ich zu entnehmen, dass paradoxerweise dieser sogenannte Märtyrertod auch eher im Sinn von Osama bin Laden selbst war.

Interview: Joseph Gepp

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Religion, Weltpolitik

Widersprechen Pfändungen der Nächstenliebe, Herr Weiss?

Aus dem FALTER, 16/11
Telefonkolumne

Um 3000 stieg von 2009 auf 2010 die Zahl der Klagen, die die katholische Kirche gegen säumige Beitragszahler einbrachte. Keine Frage der Nächstenliebe, sagt Josef Weiss, Chef des Wiener Kirchenbeitragsdienstes.

Herr Weiss, widerspricht es dem Gebot der Nächstenliebe zu pfänden?

Pfändungen und Klagen sind natürlich für die Kirche unangenehm. Aber wir unterscheiden uns hier nicht von Unternehmen oder Privatpersonen – wenn jemand Schulden hat und auf Erinnerungsschreiben nicht reagiert, kann es zu einer Klage kommen.

Von 2009 auf 2010 stieg die Zahl der Klagen von 27.000 auf 30.000. Treffen Sie damit nicht auch etwa Mindestpensionisten, die sich den Beitrag nicht leisten können?

Wir versuchen mit vielen Maßnahmen herauszufinden, ob in einer Familie vielleicht Sorgenfälle bestehen. Wenn wir darüber Bescheid wissen, finden wir immer eine Lösung. Wenn jemand jedoch nicht bezahlen will, gibt es sie nicht immer. Aber von 3,7 Millionen Beitragspflichtigen müssen nur knapp ein Prozent geklagt werden.

Wie viele Leute treten aus der Kirche aus, weil sie den Beitrag nicht zahlen wollen oder können?

Das weiß ich nicht. Viele Leute gehen ja gleich zur Behörde und melden sich ab, ohne ein Gespräch zu suchen. Dann kennen wir die Gründe nicht.

Im deutschen Freiburg entschied ein Gericht auf Klage eines katholischen Theologen, dass man Kirchenmitglied sein kann, ohne zu zahlen. Kann so etwas auch auf Österreich zukommen?

Dieser Diskurs ist nicht neu. Es gibt hier unterschiedliche Rechtsansichten, von kirchenrechtlicher und staatlicher Seite. Tatsache ist, dass es ein Finanzierungssystem braucht, um die Aufgaben der Kirche in der heutigen Gesellschaft zu bewältigen. Der österreichische Kirchenbeitrag ist nicht so schlecht, weil man auf die individuelle Lebenssituation Rücksicht nehmen kann. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Steuer direkt vom Gehalt abgezogen wird.

Gespräch: Joseph Gepp

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Gottes volle Häuser

Während Katholiken kaum noch in die Messe gehen, brauchen andere Christen dringend Platz. Jetzt sollen Wiener Kirchen verschenkt werden. Über religiöse Wirren in einer unübersichtlichen Zeit

Reportage: Joseph Gepp

Jeden Sonntag kurz vor elf füllen sich die ruhigen Gassen Neulerchenfelds in Ottakring mit dichtgedrängten, schwatzenden und aufgeputzten Menschen.

Sie strömen massenhaft in die Kirche. Junge Frauen wippen Babys in ihren Armen, um jene der älteren baumeln Handtaschen. Stöckelschuhe klappern auf dem Asphalt, dutzendweise dunkle Regenschirme stemmen sich gegen das nasskalte Wetter. Eine Viertelstunde dauert der Auflauf, dann wird es wieder ruhig – drinnen hat die Messe begonnen und hinter dem letzten Kirchgänger ist die Tür zugefallen.

Rund 750 Wiener Polen kommen jedes Wochenende zum polnischsprachigen Gottesdienst in die Neulerchenfelder Kirche, sagt der aus Krakau stammende Priester Tadeusz Cichon, 52. Dann wird der unauffällige, zweitürmige Bau im Multikultigrätzel um den Brunnenmarkt wieder zu dem, was er zuletzt vor vielen Jahrzehnten war: zum Mittelpunkt eines Viertels. Beim Betreten des Kirchenraums verbeugen sich die Polen mit gewohnheitsmäßiger Inbrunst. Die Menschenmenge staut sich bis nach hinten zur Eingangstür. Weil an einen Sitzplatz nicht zu denken ist, haben manche alte Frauen sogar Klappsessel mitgebracht. Aus allen Teilen Wiens würden Polen in seine Kirche kommen, sagt Cichon, ein dunkelhaariger, hagerer Mann in Soutane. Es sei ganz anders als zwei Stunden zuvor, wenn er die Messe auf Deutsch liest. Dann kommen die angestammten Ottakringer. Und es sind höchstens ein paar Dutzend, und keine 750.

Die Früh-, nicht die Spätmesse ist Normalität in Wiens Kirchen. Denn wenn die Polen nicht gerade in Neulerchenfeld beten, bleiben die 172 Wiener Pfarrkirchen meist ziemlich leer. Sie seien „an Anzahl und Größe unter anderen Verhältnissen gebaut“ worden, meinte unlängst Kardinal Christoph Schönborn. Leicht entrückt und manchmal baufällig stehen die repräsentativen Bauwerke in den Straßen einer Stadt, deren Anteil an Katholiken in einem halben Jahrhundert von knapp 90 auf 45 Prozent gesunken ist – und selbst davon besucht nur eine Minderheit Gottesdienste. Es sei denn, es handelt sich um zahlenmäßig starke katholische Einwanderergruppen.

Hauptsächlich Wiens rund 36.000 Polen und 50.000 Kroaten praktizieren noch den Katholizismus im großen Stil. Sie besuchen durchwegs muttersprachliche Messen, die in zehn polnischen und zwei kroatischen Kirchen der Stadt gelesen werden. Hier stimmt noch das Verhältnis zwischen Bauwerk und Nutzung. Doch gerade hier will die Erzdiözese nun sparen.

Ausgerechnet Tadeusz Cichons Neulerchenfelder Kirche soll aufgelöst und den orthodoxen Serben für deren Gottesdienste geschenkt werden. Das habe ihm die Diözese Wien im Oktober überraschend mitgeteilt, erzählt der Priester nach der Messe im Pfarrsaal. „Man will unsere starke Gemeinde zerreißen.“ Im Juni 2011, so der Plan, soll die Polengemeinde mit einer anderen Kirche in der Hasnerstraße zusammengelegt werden, einen halben Kilometer stadteinwärts. Sie heißt Maria Namen, ist ein 70er-Jahre-Stahlbetonbau und kleiner als jene in Neulerchenfeld.

oesis

polen


Sonntag, 9.30 Uhr, Kirche Neulerchenfeld: Tadeusz Cichon liest
die Messe auf Deutsch für einige wenige Österreicher …
und eineinhalb Stunden später liest er sie für Polen in
polnischer Sprache. Vor vollem Haus

Fotos: Heribert Corn

150.000 Serben in Wien würden sich bisher drei kleine Kirchen teilen, rechtfertigt Erich Leitenberger, Sprecher der Diözese, die Entscheidung. „Unter diesen Umständen ist es klar, dass die katholische Kirche die serbisch-orthodoxe unterstützt.“ Gerade in Ottakring leben besonders viele Serben. Und gerade Cichons Gläubige würden sich als „Personalgemeinde“ eher auf die Person des populären Pfarrers konzentrieren als auf das Kirchengebäude.

Die Polen laufen trotzdem gegen den Beschluss Sturm. Die biografischen Höhepunkte der religiösen Leute würden in der Neulerchenfelder Kirche stattfinden, sagt der Messbesucher Mariusz Wilk, 41. Hochzeitsfotos werden hier geknipst, Babys weinen nach der Taufe – es sind Ereignisse, die sich tief ins kollektive und individuelle Gedächtnis eingraben. „Die Gläubigen in Neulerchenfeld sind wie die Bäume hier im Hof“, sagt Wilk und zeigt aus dem Pfarrhoffenster. „Sie schlagen Wurzeln. Man kann sie nicht einfach wegschieben.“

Im November protestierte Wilk mit 150 anderen Polen am Stephansplatz gegen Schönborns Entscheidung und schwenkte ein Bild der Schwarzen Madonna von Tschenstochau, Symbolfigur des wehrhaften polnischen Katholizismus. „Die Leute engagieren sich in Neulerchenfeld“, sagt der Mann mit der sorgfältig gebundenen Krawatte. „Ich selbst habe mitgeholfen, die Fußlatten vor den Kirchenbänken zu lackieren.“ Der Messbesuch gebe ihm Kraft für die ganze Woche, sagt Wilk. „Andere tanken am Wochenende beim Skifahren Energie. Ich gehe in die Messe.“

Der Kirchenstreit in Ottakring könnte der erste von vielen sein. Denn die katholische Kirche will oder kann sich den Betrieb der „unter anderen Verhältnissen“ errichteten Bauwerke allmählich nicht mehr leisten. Gleichzeitig haben christlich-orthodoxe Einwanderergemeinden, hauptsächlich Serben und Orientalen, Bedarf an Gotteshäusern. Einst war der Katholizismus Identitätsstifter mit Alleinstellungsmerkmal, mussten andere Konfessionen per staatlichem Toleranzpatent vor ihm geschützt werden. Heute betont Sprecher Leitenberger, dass Katholiken und Orthodoxe „nahezu alle Glaubensüberzeugungen teilen“.

Schon 1974 überantwortete man erstmals eine Kirche an eine andere Konfession – die christlich-orthodoxen Syrer übernahmen die alte Lainzer Pfarrkirche. Was damals noch großzügige Gabe war, ist heute Teil eines strategischen Rückzugs. Neben Neulerchenfeld könnten vier bis fünf weitere Kirchen an orthodoxe Gemeinden übergeben werden, kündigte Dompfarrer Anton Faber im Kurier an. Konkret spekuliert wird über ein Gebäude in Favoriten, ebenfalls für die Serben.

Serbisch geprägt ist auch der Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus. Wer vom Westbahnhof den Gürtel hinunter geht, passiert hintereinander das Büro einer serbischen Zeitung und das Café Novi Beograd. Dahinter taucht unvermittelt Maria vom Siege auf, eine der imposantesten Kirchen Wiens.

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Maria vom Siege
Foto: Corn

1875 von Friedrich von Schmidt, Architekt des Rathauses, vollendet, steht der zweithöchste Kuppelbau der Stadt heute verloren neben den vielbefahrenen Gürtelspuren. Auch er hätte im Vorjahr – noch vor Neulerchenfeld- den Serben übergeben werden sollen. Doch der Plan scheiterte. Anders als Tadeusz Cichon kam jedoch Pfarrer Bruno Meusburger dabei keine vielköpfige Gemeinde zur Hilfe. Es war der Denkmalschutz, der sein Veto einlegte.

Meusburger, 41, sitzt im Pfarrbüro neben der Kirche. So beflissen er von „kältebedingter Sprengwirkung“ und „faulem Stein“ redet, könnte man auch einen Bautechniker vor sich haben, wären nicht Soutane und schwarze Kappe. Meusburgers prachtvolle Kirche mit ihren Erkern und Ziertürmen fällt allmählich auseinander. Seit einem Jahr schützt ein Gerüst um Maria vom Siege Passanten vor herabstürzenden Trümmern. Weder Pfarre noch Diözese würden die zehn Millionen Euro für die Renovierung aufbringen können, sagt der Geistliche. Da kam es recht, dass orthodoxe Kirchen immer wieder um Gebäude anfragten. „Die Serben hätten die Kirche renoviert und dafür als Geschenk erhalten.“

Wie die Neulerchenfelder Polen habe auch seine Gemeinde „traurig und gelähmt“ reagiert, erzählt Meusburger. Einige Gläubige baten sogar in einer Gebetsgruppe um göttlichen Beistand. Nach einem halben Jahr kam er in Form eines Bescheids durch das Bundesdenkmalamt.

Die Altäre seien ebenso schützenswert wie die gründerzeitlichen Sitzbänke, erklärte die Behörde. Die Orthodoxen, die ihre Messen stehend zwischen Ikonen feiern, hätten das Interieur aber abgerissen. Also wurde die Übergabe abgesagt.

Was Meusburger persönlich freut, ändert freilich nichts am Grundproblem. Hinter dem Gerüst zerbröselt Maria vom Siege weiter. Vor allem Ziegelsteinkirchen aus dem 19. Jahrhundert seien gefährdet, sagt der architektonisch versierte Pfarrer – neben seiner gibt es davon 24 weitere in Wien. Immer öfter müssten Bauteile entfernt werden, um Einstürze zu vermeiden.

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Pfarrer Meusburger in seiner Kirche
Foto: Corn

Exakt acht Jahrhunderte liegen zwischen der ältesten und der jüngsten Kirche Wiens – der 1200 erwähnten Ruprechtskirche am Schwedenplatz und der im Jahr 2000 geweihten Kirche in der Donau City. Dazwischen stellt sich bei immer mehr Gotteshäusern die Frage nach der Zukunft.

Eine Umwandlung in nichtsakrale Orte, in Restaurants oder Discos, lehnt die Erzdiözese ab. Ebenso wenig will man Gebäude an nichtchristliche Religionen verschenken, etwa Hindus oder Moslems, sagt Sprecher Leitenberger. Dafür liegt zumindest ein Grund auf der Hand: Während Übergaben an Christen relativ unbemerkt über die Bühne gehen, mag man sich den Proteststurm bei der Verwandlung einer Kirche in eine Moschee kaum ausmalen – offenbar gilt dem durchschnittlichen Österreicher etwa ein islamischer Ägypter als größere Gefahr als ein christlicher.

Dabei würde so mancher in der Markuskirche im 22. Bezirk auf den ersten Blick wenig Unterschied bemerken. Arabischer Gesang mit deutschen Passagen klingt durch das Gebäude. Weihrauchschwaden stehen so dick in der Luft, dass man meint, sie müssten sich wie Vorhänge heben, wenn man durch den Innenraum geht.

Von außen sieht die Markuskirche wie eine Dorfkirche aus, würde sich nicht gleich dahinter die Uno-City erheben. Schon seit den 70ern feiern die Kopten, christlich-orthodoxe Ägypter, hier Messen. 2004 übernahmen sie das Haus endgültig. Drinnen sitzen links die Männer, rechts die Frauen. Einen Altar wie in katholischen Gotteshäusern sieht man keinen, dafür teilt eine Ikonostase, die Ikonenwand, den Innenraum. Aus ihr tritt ein Priester mit Vollbart und golddurchwirktem Ornat und schwenkt ein Weihrauchfass.

Nein, es habe bei der Übernahme durch die Kopten keinerlei Widerstand gegeben, sagt Kirchensprecher Leitenberger. Und Anba Gabriel, koptischer Bischof für Wien, fügt hinzu, dass man ein paar Adaptionen vornehmen hatte müssen, um die Kirche für orthodoxe Zwecke umzurüsten. Neben der Ikonostase wurde ein Taufbecken installiert, Statuen durch Ikonen ersetzt und die Position der Kirchenbänke verändert.

Tadeusz Cichons Gemeinde in Ottakring zeigt Verständnis, wenn man sie etwa auf die Kopten anspricht – prinzipiell. Man sehe das Problem der leeren Kirchen, sagt Janusz Urbaniec, Messbesucher und Theologe. Trotzdem werde man hier „alle Mittel bis zum Hungerstreik“ ausschöpfen, um die Diözese zur Revision der Entscheidung zu bewegen. Und überhaupt: Warum biete man den Serben nicht Maria Namen in der Hasnerstraße an, jene Kirche, in die die widerwillige Polengemeinde 2011 ersatzweise übersiedeln muss?

Ja, warum eigentlich nicht?

Maria Namen den Serben zu übergeben wäre keine optimale Lösung, antwortet Diözesensprecher Erich Leitenberger. Gegenüber der Kirche hat sich nämlich der alte Kriegsfeind einquartiert. Dort liegt ein bosnisch-islamisches Zentrum.

Große Austrittswelle
„Seit der Nazizeit“ seien nicht mehr so viele ausgetreten, sagte Kardinal Schönborn vergangene Woche. Für 2010 rechnet er mit 80.000 Menschen, die die Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen ziehen. 2009 waren es rund 50.000

Kleine Kirchenkunde
Religionsverteilung der im Text vorkommenden Staaten und Nationalitäten:

Österreich 1951
89 % Katholiken 6,2 % Evangelische

Österreich 2009
66 % Katholiken 3,9 % Evangelische
4,2 % Muslime

Polen
95 % Katholiken (davon 54 % praktizierend)
1,3 % Polnisch-Orthodoxe

Serbien
85 % Serbisch-Orthodoxe 6 % Katholiken
3 % Muslime

Kroatien
88 % Katholiken
4 % Serbisch-Orthodoxe

Ägypten
90 % Muslime
circa 10 % Koptisch-Orthodoxe

Bosnien
44 % Muslime,
31 % Serbisch-Orthodoxe
17 % Katholiken

Syrien
75 % Muslime
15 % Syrisch-Orthodoxe

Erschienen im Falter 51/2010

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