Archiv der Kategorie: Reisen

Aufrufe am Flughafen: das Ende einer kleinen Reisetradition

Aus dem FALTER 45/2013

Glosse: Joseph Gepp

Es war immer ein kurzer Blick in fremde Leben, wenn am Flughafen der Lautsprecher erklang. „Letzter Aufruf für Passagier XY, kommen Sie umgehend zu Gate XY, Flug nach XY.“ Wo jetzt „XY“ steht, muss man sich sehr exotische Namen vorstellen, deren Träger in exotische Städte reisen.

Jetzt aber schafft der Flughafen Wien die Passagieraufrufe ab. Der Lärmpegel wird als Grund genannt. Andere Flughäfen wie Frankfurt hätten auch keine Aufrufe mehr, heißt es. Sie kommen wohl aus der Mode.

Doch der Flughafen Wien übersieht zwei Dinge: Erstens gehört Lärm unweigerlich zu jeder Reise. Zweitens schüren die Aufrufe das Fernweh, wirken also geschäftsfördernd. Also: Gebt sie uns wieder! Sollten zu wenige Passagiere zu spät kommen, muss man eben Namen und Städte erfinden. Aber bitte möglichst exotisch.

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Ist ein Tretroller eine Sicherheitsgefahr, Herr Bencza?

Aus dem FALTER 49/2012

Am Apparat Telefonkolumne

Er hat drei Räder und ist gerade einen halben Meter hoch: Am Flughafen Wien-Schwechat wurde laut Kronen Zeitung einem vierjährigen schwedischen Bub der Tretroller vom Sicherheitspersonal abgenommen. Warum, erklärt Peter Bencza, Referent für Luftfahrtsicherheit im Innenministerium.

Herr Bencza, warum ist der Tretroller eines Vierjährigen eine Gefahr?

Das bezieht sich nicht auf Kinder oder ältere, gebrechliche Personen. Grundsätzlich und ohne Ansehung der Person müssen Gegenstände zurückgewiesen werden, die potenziellen Attentätern als Waffen dienen könnten.

Worum handelt es sich dabei?

Es gibt eine Liste in der EU-Verordnung 185/2010. Darin wird aufgezählt, welche Gegenstände nicht an Bord gebracht werden dürfen.

Und auf der steht auch der Tretroller?

In der Kategorie E stehen stumpfe Gegenstände, die als Schlagwaffe dienen können. Da sind Baseballschläger, Softballschläger, Kampfsportgeräte, Knüppel, Schlagstöcke und Totschläger beispielhaft aufgezählt.

Aber nicht Tretroller …

Im Gepäck der Fluggäste finden sich häufig andere Gegenstände, die ebenfalls als Schlagwaffen eingesetzt werden könnten. Dann sind wir gefordert zu interpretieren. Dementsprechend haben wir auch Billardstöcke, Golfschläger, Kanu- und Kajakpaddel als verboten eingestuft. Und eben Skateboards, die Scootern sehr ähnlich sind. Es ist jedoch unmöglich, sämtliche Gegenstände, die Passagiere im Handgepäck mitführen, einer abschließenden Einstufung zu unterziehen.

Ist Österreich bei der Interpretation der EU-Liste strenger als andere Länder?

Andere können anders interpretieren. Bei Gegenständen, die selten vorkommen, ist es teils sogar von Flughafen zu Flughafen unterschiedlich, da in derartigen Fällen die Sicherheitskontrollorgane selbst entscheiden.

Interview: Joseph Gepp

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Überlebensstrategien aus dem Jahre 1000

Erschienen im Falter 10/2011, Buchbeilage

Christina Eibl hat ein lesenswertes Buch über das zeitgenössische und alte Russland geschrieben

Rezension: Joseph Gepp
Es gibt Städte, die ihre Sogwirkung entfalten, sobald man aus dem Haustor tritt. Sie wirbeln, streifen, stoßen, drängen, sie geben keine Sekunde Ruhe. Nach ein paar Stunden flüchtet man sich völlig erschöpft in ein Café. Oder man kehrt erleichtert und atemlos in sein Haustor zurück, obwohl man ja eigentlich „nichts“ gemacht hat die ganze Zeit. Moskau ist so eine Stadt. Zehn Millionen Einwohner, die größte Stadt in Europa, abgesehen von Istanbul, das allerdings zum Teil in Asien liegt.

Moskau ist ein Moloch mit achtspurigen Straßen zwischen stalinistischen Zuckerbäckerbauten; ein eiliges, extremes, immer übernachtiges, niemals ausgeruhtes Ungetüm. Moskau ist eine Stadt, deren mittlerweile geschasster Bürgermeister Luschkow Flugzeuge mit Chemikalien in den Himmel schickte, um für sonnige Feiertage zu sorgen. Es ist eine Stadt, in der vor einigen Jahren der größte Swimmingpool der Welt zugeschüttet wurde, um an seiner Stelle die größte orthodoxe Kathedrale der Welt hochzuziehen. Ein neues Buch beschreibt den Alltag in dieser Stadt auf witzige Weise.
Christina Eibl, promovierte Historikerin, war von 2006 bis 2008 Verlagschefin des Medienkonzerns Gruner + Jahr in Russland. Das liefert ihr eine vielversprechende Perspektive. Denn Eibl ist keine Reiseschriftstellerin oder politische Beobachterin, sondern Wirtschaftstreibende, eine Agentin des westlichen Kapitalismus im Osten. Als solche macht sie andere Erfahrungen als etwa Journalisten, die Politiker treffen und Menschenrechtsaktivisten interviewen.
In der Twerskaja-Straße unweit des Roten Platzes im Herzen Moskaus, wo sie wohnt, rangieren die Mietpreise unter den höchsten weltweit. Zu ihrem Umfeld gehört die neue russische Yuppie-Kaste, die den westlichen Konsumstil übernommen und teilweise bis zur Karikatur überzeichnet hat. Ihrer zutiefst russischen Prägung und Mentalität entkommt diese Schicht dadurch aber keineswegs. Nicht umsonst sagen Russen gern, dass sie von den Europäern nur deshalb als artverwandt betrachtet werden, weil sie zufällig nicht ausschauen wie Inder oder Chinesen.

Eibls „Protagonisten“ sind ihr Chauffeur, die Buchhalterin ihres Verlags, ihre Geschäftspartner – allesamt Improvisationstalente, die ihre unsichere Lebenssituation zwingt, auf unverhoffte Fragen schnell Antworten parat zu haben. Was Eibl über Behördengänge und Finanzamtsbedienstete, über Taxifahrten und Geschäftsessen erzählt, spiegelt den Alltag einer Umbruchgesellschaft wider.
Und klingt dennoch nicht nach Kriegsberichterstattung, wie es in solchen Berichten oft der Fall ist. Sieht man von ein paar Kleinigkeiten ab – wie den andauernd kursiv gedruckten Originalausdrücken und dem sperrigen Titel, dessen oberflächliche Aussage dem Inhalt des Buchs noch dazu überhaupt nicht gerecht wird –, ist das Buch also äußerst lesenswert.
Eibl nimmt sich selbst nicht zu wichtig, aber sie leugnet auch nicht den subjektiven Anteil ihrer Eindrücke und Einschätzungen. Sie fürchtet sich nicht davor, als klischeehaft oder ressentimentgeladen zu gelten – und kann gerade deshalb Klischees und Ressentiments auf humorvolle und ungezwungene Weise auf Wahrheitsgehalte abklopfen.
Zum Beispiel, wenn sie den Besuch bei sinistren Netzwerkern in heruntergekommenen Büros beschreibt, die gegen Bezahlung in Problemfällen bei den „richtigen“ Personen intervenieren. Oder wenn Verlagsmitarbeiter urplötzlich eine Wolja antreten, eine Art spirituelle Reise, ähnlich den französischen und amerikanischen Aussteigern.
Ihre Reportagen sind mit soziologischen und historischen Erläuterungen unterfüttert – und auch hier scheut sich die Autorin nicht, in die Breite und Tiefe zu gehen. Aus der Topografie und Ausdehnung Russlands, aus den einstigen Feldzügen asiatischer Steppenvölker lasse sich viel über die Mentalität seiner Bewohner ablesen, schreibt sie: Gesellschaftliche Pflichten hätten sich im dünn besiedelten Riesenreich stets auf Grenzsicherung und Tribut konzentriert, niemals auf eine Intensivierung und Effektivierung nach innen.

„Unter einer dünnen Schicht moderner Zivilisation“, erläutert Eibl, „scheinen überall jahrhundertealte Versatzstücke durch. Russland ist ein konserviertes Land. Es ist verblüffend, wie präsent die Überlebensstrategien aus dem 10. Jahrhundert und wie erfolgreich asiatisch-mongolische Traditionen noch heute sind.“
Über die Beschaffenheit des russischen Wirtschaftslebens räsoniert sie mit ähnlicher Stoßrichtung: „Nach jahrhundertelanger Subordination, Erpressung von Tributleistungen und Verharren im Kontemplativen ist man mehr Objekt als Subjekt. Angewandt auf das wirtschaftliche Leben heißt das: Das Schicksal bestimmte den ökonomischen Output. Unberechenbare Kräfte sind überall am Werk, warum dann schöpferisch und zielgerichtet tätig werden?“
Das sind besagte Beschreibungen, bei deren Abfassung professionelle Schreiber wohl befürchten würden, ins Ressentiment­eck abgestellt zu werden. Wer Russland allerdings ein wenig kennt, weiß um die Absurditäten seiner Gesellschaft, dass sie sich im Gegensatz zu anderen Staaten Osteuropas nicht allein mit der kommunistischen Vergangenheit erklären lassen – und folgt Eibls Einordnung dessen, was man romantisierend die „russische Seele“ nennt, mit Gewinn.
Ihr Buch lässt Erinnerungen an das bislang erhellendste Werk aus deutscher Feder zum Thema Russland wach werden – an die großartige und preisgekrönte Beschreibung der dreimonatigen Fußwanderung des Zeit-Journalisten Wolfgang Büscher aus dem Jahr 2003 mit dem Titel „Berlin–Moskau“.
Fast ebenso lohnend ist die Lektüre von Christina Eibl.

 

Nicht alle Russen haben Goldzähne, sind immer betrunken,

und auch nicht jeder russische Beamte ist korrupt. Ein Überlebensbericht aus dem Herzen Moskaus

Christine Eibl
2011 | Weissbooks, 190 Seiten, EUR 19,40

 

 

 

 

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Der angekündigte Untergang – Ein Besuch in Hasankeyf

Joseph Gepp

Bis hierher, sagt Ali und hebt Hand in Brusthöhe, werde das Wasser reichen. Alles darunter verschwinde, nur die Spitze eines alten Minaretts werde noch aus den Wellen ragen. Und alles darüber stürze ein. Denn das Wasser wird sich in den Berg fressen, sagt Ali. Die vielen kleinen Höhlen fluten, die Fundamente der Gebäude wegspülen. Und am Ende wird von Hasankeyf nur eine kleine Insel bleiben, mit Trümmern übersät.

Ali ist Kurde. Im Sommer jobbt er – wie die meisten hier – in einer westtürkischen Touristenhochburg, in seinem Fall Bodrum, als Kellner. Den Winter verbringt Ali in seinem ostanatolischen Heimatort Hasankeyf. Dort sitzt er in einem Schanigarten, der etwas über der Stadt liegt. Er trinkt Tee aus einem Tulpenglas. Er blickt hinunter zur Hauptstraße, zu den Marktständen, den Grillrestaurants, zur Brücke über den Tigris, zur Moschee mit den steinernen Ornamenten aus dem 13. Jahrhundert.

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Blick auf Hasankeyf von Alis Schanigarten
Fotos: Joseph Gepp

Hasankeyf, vier Autostunden von der syrischen Grenze gelegen, ist ein Ort, an dem zwei Prinzipien gegeneinanderstehen. Der Erhalt historischen Erbes auf der einen, die Flucht aus der wirtschaftlichen Perspektivenlosigkeit auf der anderen Seite. In Hasankeyf schließen die beiden Prinzipien einander radikal aus. Denn ein großer Damm, das Illisu-Projekt, wird hier errichtet. Illisu soll Wohlstand und Hoffnung ins heruntergekommene Südostanatolien bringen. Kommt aber Illisu, wird Hasankeyf untergehen.

Es war eine wichtige Stadt, vor Jahrhunderten, im Mittelalter, als die frühtürkische Artukiden-Dynastie hier eine Brücke errichtete. Ihre Pfeiler ragen bis heute aus dem schlammbraunen Tigris. Händler zwischen Orient und Okzident überquerten die Brücke, brachten Hasankeyf Zolleinnahmen, verrechneten ihre Waren mit Geld, das in Hasankeyf geprägt worden war. Die Bewohner von Hasankeyf trieben in den weichen Stein der Tigrishänge Tausende Höhlen, die oft mehrere Stockwerke umfassten. Sie errichteten große Moscheen, Burgen, Bazare, Paläste.

Heute liegt das alles in Ruinen. Denn als sich nach der Entdeckung Amerikas die Handelsströme nach Westen verlagerten, sank Hasankeyf in die Bedeutungslosigkeit. Heute wohnen die Menschen in Häusern, die schon zum Zeitpunkt ihrer Errichtung baufällig wirken. Südostanatolien ist ein vergessener Landstrich, der Boom findet anderswo statt, in Istanbul, Ankara, der Zentraltürkei. Ein letzte Höhle ist noch bewohnt; das darin lebende alte Ehepaar weigerte sich in den 80er-Jahre auszuziehen.

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Wohnhöhlen in und um Hasankeyf

Zwei Kilometer soll der Illisu-Damm breit werden und 140 Meter hoch. Der See, der in der Folge entstünde, wäre annähernd so groß wie Wien. Ali deutet von seinem Schanigarten auf eine Hügelkuppe am Horizont. „Dort wird das Ufer liegen“, sagt er, „und daneben werden sie Yeni Hasankeyf, Neu-Hasankeyf, bauen. Die Asphaltstadt.“

„Ich bin ohnehin weg“, sagt er. „Ich ziehe endgültig fort. Nach Bodrum.“ In den vergangenen 20 Jahren sank die Einwohnerzahl von Hasankeyf radikal. 3000 Menschen sind heute übrig, die meisten von ihnen stehen dem Damm mit gemischten Gefühlen gegenüber. Denn Wohlstand hat der Stadt allein seine Ankündigung gebracht: Die türkische Regierung zahlt großzügige Entschädigungen für Umzugswillige. Und viele Touristen, die Hasankeyf ohne seinen bevorstehenden Untergang gar nicht kennen würden, kommen nun, um den Ort noch einmal zu sehen.

Er ziehe nach Istanbul, erzählt Mesut, ein anderer Bewohner von Hasankeyf, Restaurantbesitzer. Über dem Feuer brät er Fische aus dem Tigris. Er könne sich die Übersiedlung leisten, jetzt, dank der Entschädigungszahlung. Grinsend gestattet er, dass in seinem Lokal trotz landesweiten Verbots geraucht wird – das sei hier egal. „Die Höhlen, die alte Moschee, die Festung, die Münzprägestätte. Das alles ist ganz hübsch, wie aus einer anderen Zeit. Aber es zählt nicht, es ist nichts wert. Weil wir keine Chancen haben. Was sollen wir denn mit dem alten Zeug? Davon können wir nicht leben, sondern vom Damm.“

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Die alte Brücke über den Tigris

Dabei stand das Projekt zwischenzeitlich knapp vor dem Scheitern. Das Bauarbeiten hatten schon im Jahr 2006 begonnen, doch kurz darauf bekamen die Organisatoren – ein Konsortium aus türkischen, deutschen, schweizerischen und österreichischen Firmen – kalte Füße. Massive internationale und kurdische Proteste hatte dazu geführt, dass die nationalen Kontrollbanken ihre Exportsicherungen zurückzogen. Die Arbeiten wurden eingestellt; in Österreich verabschiedete sich der Grazer Anlagenkonzern Andritz vom Plan. Im Sommer 2009 schien das Projekt gescheitert, weil die europäischen Geldgeber abgesprungen waren.

Doch vor zwei Wochen trat der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan an die Öffentlichkeit. Der Damm werde gebaut, erklärte er freudig. Chinesische Geldgeber seien zur Finanzierung bereit.

Erschienen im Blog des Reisewebportals Tripwolf am 3.3.2010

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Europas östlichster Ort IV: Das tote Dorf

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, Oktober 2009

Der Tag beginnt mit einer fast geschichtsphilosophischen Betrachtung des Igor Tanež’, 44 Jahre alt, Bewohner von Workuta: „In Russland gibt es keine Straßen. Nur Lichtungen“, sagt er, während sein Lada Niva, ein robuster Jeep, von einem Schlagloch ins nächste kracht. „Deswegen haben wir Russen auch den Krieg gewonnen. Weil es keine Straßen gibt. Die Deutschen sind steckengeblieben. Die konnten das ja nicht wissen.“

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Wodkafrühstück: Igor Tanez, sein Niva, ein wenig Tundra-Schrott im Hintergrund

Die in diesem Weblog dargestellte Reise führte über Moskau in die heruntergekommene nordrussische Industriestadt Workuta. Jetzt erreicht sie ihr letztes Ziel: Khalmer-Ju, 70 Kilometer von der europäisch-russischen Eismeerküste entfernt. Der östlichste Ort Festlandeuropas.

Die Hinfahrt führt in Igors Niva durch die spätherbstliche Tundra, es schneit ein wenig, der Schlamm steht manchmal hüfthoch. Außerhalb Workutas stehen verfallene Kleinstädte, die einst um Kohlengruben errichtet wurden. Dazwischen aus Stahlrohren geschweißte Kreuze, Hunderte von ihnen. Das sind die Gräber jener Gulag-Häftlinge, an deren Namen man sich heute noch erinnern kann.

 

Früher fuhr zweimal täglich ein Zug von Workuta nach Khalmer-Ju. Die dortigen Bewohner waren hoch privilegierte Grubenarbeiter. Sie schürften nach Qualitätskohle, die zu wertvoll zum bloßen Verheizen war, also verarbeitete man sie in der Metallurgie. Die Grubenarbeiter von Khalmer-Ju verdienten fast einzigartig gut, was die Löhne der damaligen Sowjetunion betrifft. Zum Vergleich: Eine Lehrerin erhielt monatlich knapp 60 Rubel, ein normaler Grubenarbeiter 800 – ein Arbeiter aus Khalmer-Ju 2000 Rubel.

Es gab ein großes Bierhaus in Khalmer-Ju, ein Café namens „Weiße Nächte“, Restaurants, eine Bäckerei, alles für zirka 5000 Bewohner in der tiefsten Tundra. „Wenn die Leute aus Workuta nach Kahlmer-Ju fuhren“, erzählt Sergej Merslerkow, ein ehemaliger Bewohner von Khalmer-Ju, der heute in Workuta lebt, „dann sagten sie: ‚Mein Gott, ist das schön hier. Wie in einem anderen Land.’“

Igor überquert jetzt im Schritttempo eine baufällige Holzbrücke. Der schlammige Weg nach Khalmer-Ju war einmal die Tasse des Zugs, der längst nicht mehr fährt. Weit von ihr entfernt, am Horizont, stehen zwei große Zelte. Dort leben die halbnomadischen Nenzen, die Ureinwohner  der Region. Die Russen und die Nenzen betreiben Handel, die Nenzen kaufen Benzin, die Russen Rentierfleisch.

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Die Zelte der Nenzen, der nordrussischen Ureinwohner, in der spätherbstlichen Tundra

Dann, nach zweieinhalbstündiger Fahrt, taucht am Ende der alten Trasse Khalmer-Ju auf.

Der Ort wurde im Jahr 1995 verlassen. Sechs Jahre vorher hatte die Kohlengrube von Kahlmer-Ju geschlossen, die einst für soviel Wohlstand im Ort gesorgt hatte. Am Ende lebten noch ungefähr 200 Menschen in Khalmer-Ju. Doch das neue demokratische Russland wollte die aufwändige Infrastruktur nicht aufrechterhalten. Daher kamen die Soldaten. Am 30. September 1995 fahre der letzte Zug nach Workuta, sagten sie zu den Bewohnern. „Wer dann noch hier ist, hat Pech gehabt.“

Tags darauf war Khalmer-Ju menschenleer.

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Der Kinderspielplatz, im Hintergrund die ehemalige Ortsmitte

Wir fahren über die ehemalige „Ulica Lenina“, über der heute dicke Schicht Tundra-Schlamm liegt. Khalmer-Ju besteht aus stalinistischen Gebäuden aus den 40er-Jahren, daneben Plattenbauten aus der Ära Nikita Chruschtschows und Leonid Breschnews. Altmodisches Email-Geschirr und verbeultes Kinderspielzeug liegt im Schnee zwischen den Häusern. Im alten Kulturpalast, in dessen Foyer Igor zum Teekochen ein Lagerfeuer entzündet, liegt einen Blechschild mit der Aufschrift „CCCP“ am marmornen Boden. Draußen lehnt ein zweites an einem Betonpfeiler, das stolz den Forschritt der aus der Erde geholten Kohlenvolumina preist. An einem Plattenbau haben ehemaligen Bewohner von Khalmer-Ju ein Graffito hinterlassen: „Khalmer-Ju. Wir werden dich nicht vergessen. Ganz Russland gedenkt deiner.“

Am Ende des Ortes steht ein Wasserturm mit löchrigem Dach. An ihm fährt gerade ein Nenze vorbei, ein älterer Mann mit asiatischen Gesichtszügen, in einem hölzernen Schlitten, gezogen von fünf Rentieren, an deren Ohren und Mäulern bunte Bänder baumeln.

Igor holt mittlerweile sein Gewehr aus dem Niva-Kofferraum und schießt zwei Enten.

Nach dem Verlassen des Orts wären Plünderer gekommen, erzählt er. Sie wären  in die vernagelten Häuser eingedrungen, hätten viele von ihnen anschließend niedergebrannt. Heute aber gebe es hier nichts mehr zu holen. Jetzt sei der einzige Zweck von Kahlmer-Ju, dass es der russischen Luftwaffe als Übungsplatz diene. Manchmal würden Flugzeuge kommen, deren Piloten an den alten Mauern ihre Treffsicherheit abtesten.

Vor zwei Jahren fand zum Beispiel eine solche Übung statt. Damals schaffte es Khalmer-Ju kurz ins Licht der gesamtrussischen Öffentlichkeit. In einer groß angelegten Aktion, einer Art Schaustück, wurde der Kulturpalast bombardiert. Die erste Bombe verfehlte ihn, die zweite riss ein 20 Meter hohes Loch in seine Seitenwand.

Das sei damals eine große Sache gewesen, sagt Igor. Ein Zeichen dafür, dass es aufwärts gehe mit Russland. Dass das Land jetzt wieder wehrhaft sei, stabil, dazu fähig, dem Rest der Welt gleichberechtigt in die Augen zu blicken. Die Leute hätten triumphiert beim Anblick der Fernsehbilder des im Staub versinkenden Kulturpalasts.

Der Mann, der das Gebäude in Trümmer gelegt hat, ist auch außerhalb Russlands kein Unbekannter. Er gilt als Person, die Russland die neue Stärke gegeben hat. Als Person, die mit solch martialischen Gesten diese Stärke ausdrückt. Als Person, die nach westlicher Lesart Russland zurück in Richtung Diktatur führt.

Der Schütze war der damalige Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Wladimirowitsch Putin.

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Europas östlichster Ort III: Die Perle des Nordens

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, Oktober 2009

Workuta ist die klischeehafteste Oststadt, die man sich denken kann. Man muss sie eigentlich gar nicht beschreiben: bröckelnde Plattenbauten, schlammgefüllte Schlaglöcher, Fernsehantennenwälder, lecke Rohre, die brückenförmig Straßen überqueren. Man sollte sich das alles bis nur zur maximalen Östlichkeit gesteigert vor Augen führen.

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“Friede der Welt”, schreit diese Hauswand

Auf den Fassaden rosten die alten Slogans der Sowjetunion, „CCCP“, „Frieden der Welt“, „Kohle für das Mutterland“, „Workuta, Perle des Nordens“.

 

Workuta ist aber aus mehreren Gründen nicht nur einfach eine von vielen russischen Provinzstädten, die eben östlich anmuten:

Zum einen war sie zentraler Punkt des Archipels Gulag. Rund eine Million Zwangsarbeiter mussten hier Bahngleise verlegen oder in Kohlebergwerken arbeiten, ein Viertel davon starb an der Unterernährung und der Kälte bis zu minus 57 Grad.

Zum anderen sieht die hochnördliche Tundra-Vegetation hier eigentlich kein sesshaftes Leben vor: Es gedeihen weder Bäume noch Genießbares. Bis in die 30er-Jahre lebten in dieser Region nur Nenzen, nomadische Ureinwohner, die mit ihren Rentieren herumzogen und Fische fingen.

Dann aber wollte Sowjetunion die neuentdeckten Kohlevorkommen ausbeuten und zog rasend schnell eine Stadt hoch. In den 60er-Jahren hatte Workuta mehr als eine Viertelmillion Einwohner – samt Theater, Fußballstadion, Park mit Seepromenade und Bergbau-Hochschule. Alles Notwendige wurde über die neue Bahnlinie aus dem Süden herangekarrt. Im Theater traten vor den Wachoffzieren die besten Schauspieler des berühmten Moskauer Bolschoi-Theaters auf, nachdem man sie zuvor hierher verschleppt hatte. Sie hatten das Theatergebäude selbst errichtet.

Heute hat Workuta 80.000 bis 100.000 Einwohner, zwei Drittel weniger als früher. Denn kaum war die Sowjetunion gefallen, begann auch Workuta zu sterben.

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Stalins Pompeji: Auf der Stele prangten mal Hammer und Sichel. Im Gebäude dahinter erforschten Geologen den Permafrost-Boden

Workuta zeigt – vielleicht wie kein zweiter Ort auf der Welt – den Wahnsinn eines Systems, das bei der Verwirklichung seines Plansolls weder auf menschliche Ressourcen noch auf natürliche Bedingungen Rücksicht nahm. Es beweist, dass eine Stadt nicht funktionieren kann, die mit Zwang errichtet wurde und einzig und allein einem Zweck dient: (in diesem Fall) dem Kohlenabbau.

Daher verfällt Workuta samt Umland. Rund um die Stadt zieht sich eine 60 Kilometer lange Ring-Straße, an der einstmals Kohlebergwerke und dazugehörige Städte lagen. 20 Gruben waren es zu Sowjet-Zeiten, heute sind es noch vier. Die Orte heißen „Sowjet-Stadt“, „Nördliche Stadt“, „Konsomolzen-Stadt“ oder „Oktober“. In einigen von ihnen leben noch ein paar hundert Menschen. Ein Gutteil ist aber längst verlassen. Heute stehen ihre Ruinen in der baumlosen Tundra. Es sind große 60er-Plattenbauten, dazwischen ältere Gebäude aus der Ära Stalins, mit zerfallenden Balustraden, Säulenkolonnaden und einst mächtigen Eingangsportalen.

Workuta selbst hat eine Altstadt aus den 50er-Jahren. Sie liegt auf der anderen Seite eines gleichnamigen arktischen Flusses, man erreicht sie über eine haarsträubende Fußgängerbrücke, der viele Querlatten fehlen, sodass man halb kletternd über den breiten Fluss muss. Die Altstadt am anderen Ufer ist seit den Neunzigern verlassen. Sie sieht wie eine verlassene Dschungelstadt aus einem Roman von Rudyard Kipling aus, nur liegt sie in der Arktis. Auf dem Hauptplatz steht eine überwucherte Stele, die einmal Hammer und Sichel trug, dahinter die Säulen des ehemaligen Rathauses. Nicht weitab findet man Erdstollen, in denen die ersten Gulag-Gefangenen in Workuta zu vegetieren gezwungen waren. Heute spielen in der verlassenen Altstadt Kinder, manch Erwachsener geht zum Fluss angeln oder brät sich einen Lammspieß über dem Lagerfeuer.

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Brücke über die “Workuta”. Die Einheimischen nennen dieses Holz-Stahl-Wunderwerk leicht zynisch “Brooklynski most” (“Brooklyn Bridge”)

Der östlichste Ort Festlandeuropas, Khalmer-Ju, ist eine weitere verlassene Stadt. Sie liegt allerdings nicht an der Ring-Straße, sondern weiter entfernt, etwa 70 Kilometer. Früher fuhr noch die Bahn nach Khalmer-Ju. Heute erreicht man seine Ruinen nur noch mit dem Jeep.

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Europas östlichster Ort II: MOCKBA-BOPKYTA

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, Oktober 2009

 

Der östlichste Ort Festlandeuropas liegt in der Nähe der Stadt Workuta in äußersten Norden Russlands. Von Moskau aus fährt ein Zug aus Sowjet-Tagen nach Workuta – zweimal täglich, die Fahrt dauert je 40 Stunden.

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“Moskau-Workuta” fährt 40 Stunden lang durch die russische Pampa…

Wenn der Zug vom Jaroslawler Bahnhof losrollt, dann fühlt man sich schon weit von Moskau entfernt. Im Waggon beginnt die Provinz. Die Leute packen Würste, Streichkäse der Marke „Freundschaft“, Schwarzeebeutel und chinesische Fertiggerichte auf die schmalen Tischchen der Viererabteile. Der Zug am Bahnsteig nebenan, der sich im selben Augenblick in Bewegung setzt, fährt nach Ulan-Bator, in die Hauptstadt der Mongolei. Im Workuta-Zug holt ein Teenagermädchen derweil ein lebendes Kaninchen aus ihrer Tasche, damit ihr die nächsten 40 Stunden nicht langweilig wird.

 

Der Zug durchquert die Peripherie Moskaus, Schlafstädte und Gewerbegebiete, nochmals Schlafstädte und Gewerbegebiete, schließlich Birkenwälder. Die Stadt endet ganz klassisch, mit Lichtern im Dunkeln, die immer weniger werden und schließlich verschwinden. Stundenlang bleibt aber noch ihr weiteres Einzugsgebiet bestehen. Große und alte Städte wie Jaroslawl ziehen vorbei, mit frisch renovierten Bahnhofsgebäuden, die dem einstigen Anspruch der sowjetischen Führung – den Bau von „Kathedralen fürs Volks“ – voll und ganz gerecht werden.

In russischen Zügen geht es familiär zu. Unser Abteil-Mitreisender, ein knapp 30-jähriger Russe, zieht sofort sein T-Shirt aus und fläzt sich breit auf die Lederpritsche. Manche Frauen im Waggon sitzen in Bikini-Oberteilen da, denn die Kohlenheizung des Zugs funktioniert mehr als ausgezeichnet. Auf Privatsphäre und körperliche Distanz wird – um es sanft auszudrücken – etwas weniger Wert gelegt als im Westen.

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Stilleben auf Abteiltisch – samt realsozialistisch verschnörkseltem Teeglas

Das heiße Wasser für den Tee und die diversen Fertiggerichte kommt aus einem Samowar auf dem Gang. Er wird wie die Heizung mit Kohle betrieben. Wer bei der Waggonbegleiterin einen Tee bestellt, bekommt ihn in einer beeindruckend realsozialistischen Silbertasse – einem verschnörkselten Ding, in das Stiche verschiedener Moskauer Bahnhöfe und das Flügellogo der russischen Bahngesellschaft eingraviert sind.

Als Moskau 12 Stunden hinter uns liegt, ist Russland ganz und gar dörflich geworden. Die Menschen laufen jetzt zusammen, wenn Mockba-Bopkyta in einen Ort einfährt. Für viele Dörfer an der Strecke stellt der Zug die wichtigste Einkommensquelle dar. Dementsprechend drängen sich alte Frauen am Bahnsteig, die Kübel voll Ribiseln und Petersilstauden verkaufen. Panierter Fisch und Piroggen (das sind Kartoffeltäschchen) werden angeboten. Auf Lada-Motorhauben stapeln sich glasweise eingelegte Gurken und Pilze.

Die Zuggäste verzehren in ihren Abteilen ganze Brathühner, der Waggon beginnt danach intensiv nach allerlei Essbarem zu riechen. Man schläft neben einem panierten Fischkopf ein und wacht in Keksbröseln auf.

Inzwischen sind wir knapp 30 Stunden unterwegs. Die Landschaft wird sehr karg, irgendwo hier liegt der Polarkreis. Statt herbstgelbem Birkenwald wachsen jetzt nur noch Flechten und hohes Gras. „Unter jeder Schwelle ein Toter“, sagen die Leute über diesen Abschnitt der Strecke. Denn die Gleise wurden von Gulag-Zwangsarbeitern errichtet. Hunderttausende von ihnen starben an den schrecklichen Bedingungen.

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Eine Babuschki am Dorfbahnsteig verkauft Gemüse

Wo der Zug jetzt noch hält, stehen Lenin-Statuen vor heruntergekommenen Bahnhöfen. Die Elektrolok wird durch eine Diesellok ersetzt, denn dieser Abschnitt ist noch nicht elektrifiziert. Vom Gangfenster aus, den Blick nach Osten gewendet, sieht man am Horizont die ersten Hügel des Uralgebirges. Dann fährt der Zug in Workuta ein.

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Europas östlichster Ort I: Sushi in Moskau

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, September 2009

Sie sind mit Avocado umhüllt und mit Hüttenkäse gefüllt, und auf ihnen prangt noch eine dicke Schicht rotleuchtender Kaviar, ganz schön barock, diese Moskauer Sushi.

Ein Samstagabend im Altweibersommer, Moskau protzt. Die junge neue Mittel- und Oberschicht hat sich maximal herausgeputzt und promeniert die Twerskaja- und Arpad-Straße hinunter. Sie isst barocke Sushi, trinkt irisches Bier in Pubs, besucht teure Clubs oder spaßeshalber auch mal eine „Stolochwaja“ – ein kantinenartiges Retro-Lokal, in dem Warteschlangen, Automaten-Brause und altbackene Tischtuchmuster altes Sowjet-Flair verbreiten wollen.

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Sergej Kolosowskij, 28, Architekt, Teil der neuen Moskauer Mittelschicht

Moskau, größte Stadt Europas, 10 Millionen Einwohner, ist ein achtspurig befahrbarer Moloch zwischen stalinistischen Zuckerbäckerbauten; ein eiliges, extremes, immer übernachtiges, niemals ausgeruhtes Ungetüm. Eine Stadt, deren Bürgermeister Flugzeuge mit Chemikalien in den Himmel schickt, um für sonnige Feiertage zu sorgen. Eine Stadt, in der vor einigen Jahren der größte Swimmingpool der Welt zugeschüttet wurde, um an seiner Stelle die größte orthodoxe Kathedrale der Welt hochzuziehen.

In einer russischen Zeitung liest man an diesem Samstag ein Interview mit einem Lebensberater, der reichen Moskowitern schwierige Entscheidungen abnimmt. Er erzählt von einer seiner Klientinnen, die von ihrem Liebhaber 12.000 Dollar Taschengeld im Monat erhält. Aber sie sei unglücklich, denn sie liebe den Mann nicht. Der Berater empfiehlt ihr darauf die Trennung, die Frau befolgt den Rat. Jetzt habe die Klientin einen neuen Freund, erzählt der Berater. Der stecke ihr zwar nur 10.000 Dollar monatlich zu. Aber sie sei verliebt und glücklich.

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Größenwahn mit Schönheitsfehler: Stalin-Bau mit zwei ungleichen Flügeln…

Die rasende Veränderung, die täglich neu eröffneten Lokale und Geschäfte, die schnell abgerissenen Alt- und eilig hochgezogenen Neubauten, der vierundzwanzigstündig dröhnende Verkehr, die vielen, vielen Chancen und Risiken für den Einzelnen – das alles nehme den Leuten hier die Orientierung, sagt Sergej Kolosowskij, ein knapp 30-jähriger Architekt. Das alles mache die Leute hier langsam wahnsinnig.

Sergej studierte Architektur im sibirischen Irkutsk, Tausende Kilometer entfernt. Als er fertig war, häuften sich schon die Job-Angebote verschiedener Moskauer Architekturbüros. Sergej übersiedelte, und schnell war er Teil jener neuen Mittelschicht geworden, die die realsozialistische Lebenswelt ihrer Elterngeneration weit hinter sich gelassen hatte. Heute wohnt er im Stadtzentrum. Zwei Stunden täglich betreibt er Joga. Denn anders, sagt er, lasse sich das schnelle Leben dieser Stadt nicht bewältigen.

Wir spazieren durch die Altstadt, Sergej hat einige Arbeitskollegen mitgebracht. Die Häuser erzählen Geschichten, die die Architekten kennen und zu deuten wissen. Ein altes Kloster beispielsweise, das samt Möbel und Bewohnern zehn Meter von der Straße weggerückt wurde, weil Stalin eine einheitlich monolithische Straßenfront bevorzugte. Ein großer Zuckerbäckerbau mit zwei verschieden gestalteten Flügeln, denn derselbe Diktator hatte versehentlich zwei Entwürfe des Gebäudes abgesegnet – und niemand wagte nachzufragen. Ein neugebauter Wolkenkratzer, der neuerdings gerüchteweise um sechs Stockwerke verkürzt werden soll, Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow wünsche das so.

DSC_0018Wolkenkratzer in der Krise: Was gebaut wird, wird noch fertig gestellt. Und was nur geplant wurde, wird vertagt.

Ob im letzten Fall allerdings allein der bürgermeisterliche Geschmack der einzige Grund für den zu verkürzenden Wolkenkratzer ist, darüber sind sich die Architekten nicht einig. Denn die Wirtschaftskrise zwingt die Stadt derzeit zur Bescheidenheit. Wie eine dunkle Wolke schwebt sie über den Büchern der Architekten und über Moskaus rasendem Aufstieg. Sie hat Russland härter getroffen als viele andere Staaten. Und sie trifft insbesondere die Hauptstadt, wo achtzig Prozent des jährlichen nationalen Wirtschaftsaufkommens stattfinden (12 Prozent sind es in Sankt-Petersburg, 8 Prozent im Rest Russlands). Nun werden noch jene Bauten fertig gestellt, die bereits begonnen wurden. Und was bislang nur geplant war, wird vertagt.

Sergej wird jetzt kündigen, erzählt er, und mit dem ersparten Geld drei Monate durch Indien reisen. In seinem Büro, wo man bis vor kurzem noch unter Klienten wählen konnte, bleiben nun die Aufträge aus. Diesen Monatsbeginn fand Sergej erstmals kein Gehalt auf seinem Konto. Jetzt will er durchtauchen. Er sagt, die Krise werde hoffentlich vorbei sein, wenn er Anfang nächsten Jahres wiederkomme.

Und überhaupt, sie habe aber auch ihr Gutes, diese Krise, sagt Sergej. Denn nun sei die Zeit zur Einkehr gekommen. Die Zeit der unaufgeregten 40-Stunden-Wochen. Nun könne man verschnaufen, das Erreichte betrachten, über die Zukunft nachdenken.

Am Abend sitzt er am Balkon seines Plattenbaus und betreibt seine Joga-Übungen. Er habe jetzt mehr Zeit dafür als früher, meint er. Und unter ihm donnert achtspurig der Verkehr die Twerskaja-Straße entlang.

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Der nördlichste Ort Europas III: Wo die Rentiere sind

Erschienen im Reiseblog Tripwolf, August 2009

 

Man findet sie auf den Geröllhalden ums Dorf. Zwischen den parkenden Autos. Am Ufer der Barentsee. Sie schnüffeln an den Fensterbrettern und an den Stiegen der Hauseingänge. Sie stapfen in Rudeln durch die kalten Lacken von Gamvik.

rentiere-in-norwegenein rentier, ganz nah

Rentiere sind hier – am nördlichsten Zipfel von Norwegen – allgegenwärtig. Man kann aus einem beliebigen Fenster des Ortes blicken, im Normalfall wird man sie irgendwo herumstaksen sehen. Und am Ende des Sommer, wenn sie ihre Kälber geworfen haben, werden es noch mehr von ihnen sein. Sie vermehren sich wie die Karnickel.

 

Die Rentiere leben nicht hundertprozentig in freier Wildbahn, erfahre ich von Ellinor Utsi, einer Samin. Die Samen, früher Lappen genannt, sind die nordischen Ureinwohner. Rentierzucht ist seit Jahrhunderten ihre Domäne.

Die Samen teilen sich in verschiedene große Familien, in Clans, erklärt Frau Utsi. Die Rentiere der Halbinsel Nordkinn etwa, wo Gamvik liegt, gehören zehn dieser Familien. Insgesamt sind es rund 2000 Tiere auf der ganzen Halbinsel (es scheint deutlich mehr). Den Winter verbringen die Rentiere im Landesinneren, weiter im Süden, weg von der Küste. Im Sommer treiben sie Samen dann hinauf in den Norden.

Warum? Rentierzucht in Norwegen ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus tierischem Instinkt, menschlichem Wirtschaftstreiben und dem (norwegischen) Staat als ordnende Instanz – und als Subventionsgeber.

Zunächst zum tierischem Instinkt: Ein alte samische Legende besagt, dass die Rentiere auf den Sonnenstrahlen auf die Erde hinabgestiegen sind und auf diese Art an der nördlichen Küste eintrafen. Seitdem zieht es sie immer zu ihrem Geburtsort, der Sonne, zurück. Diese Legende hat einen wahren Kern: Die Rentiere wollen zur Sonne. Den Sommer verbringen sie an der nördlichen Küste, wo sie polartagsbedingt  24 Stunden scheint. Den Winter verbringen sie im südlicheren Landesinneren, wo die Polarnacht nicht ganz so finster ist.  Dazwischen werden sie instinktiv nervös und fangen von alleine an zu wandern – und die Samen, ihre halbnomadischen Hirten, mit ihnen.

Jetzt zum menschlichen Wirtschaftstreiben: Die Samen gewinnen aus den Rentieren Fleisch, Fell und Leder. Rentiere waren schon immer ihre Lebensgrundlage. Alle anderen Waren wurden früher gegen Rentierprodukte getauscht.

norwegische-trachtellonor utsi samt ehemann in traditioneller sami-tracht

Woher weiß man, welches Rentier zu welchem Clan gehört? Die Tiere laufen ja frei herum, es gibt keine Gehege.

Wenn die Tiere von allein in den Norden oder Süden wandern, werden sie an einem Gatter abgefangen und gezählt. Dieses Gatter liegt genau auf jener schmalen Landzunge, die die Halbinsel Nordkinn mit dem Festland verbindet. Die Samen schneiden ihnen dann kleine Kerben ins Ohr. So wissen sie, welches Rentier welcher  Familie gehört.

Die Rentierkühe gebären nur im Sommer – also an der nördlichen Küste. Das Jungtier bleibt dann ständig bei seiner Mutter. Wenn Kuh und Kalb im Herbst gen Süden wandert, gelangen sie beide ans Gatter, wo das Kalb markiert und seinen menschlichen Besitzern zugeordnet wird.

Bleibt der Aspekt des Staates als ordnende Instanz: Ich frage Ellinor Utsi, wieviele Rentiere ihre Familie besitzt. Sie erklärt mit, dass man so etwas nicht frage – das wäre ungefähr so, als würde sie meinen Kontostand wissen wollen.

Die Clans müssen jährlich beim norwegischen Staat eine Erklärung einreichen, wieviele Rentiere sie besitzen. Wie eine Steuererklärung. Wenn die Rentiere dann am Gatter zwischen Nord und Süd abgefangen, gezählt und markiert werden, kommen hin und wieder staatliche Beamte vorbei und achten darauf, ob die Zahl der tatsächlichen Tiere mit jener auf dem Formular übereinstimmt. Wie eine Steuerprüfung.

Der norwegische Staat zahlt nämlich dem Samen je Rentier eine bestimmte Summe an Subventionen. Er konvertiert sozusagen die Währung Rentier in die Währung norwegische Krone. Und sorgt auf diese Art dafür, dass das althergebrachte System der skandinavischen Rentierzucht aufrecht erhalten bleibt. Auch wenn man heutzutage nicht mehr einfach Rentierfell gegen Fisch oder Kartoffeln tauschen kann.

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Der nördlichste Ort Europas, die Zweite

Erschienen im Reiseblog Tripwolf August 2009

Der höchste Norden steckt voller Geschichten und faszinierender Dinge, aber man sie suchen. Sie kommen nicht auf dem Präsentierteller, auf prachtvollen Boulevards oder in berühmten Galerien. Wenn man sie dann findet, ist es umso schöner.

gamvik-norway1Um Gamvik: Diese Landschaft ist sogar den sonst omnipräsenten Moskitos zu unwirtlich

Zum Beispiel die schon erwähnte Region Slettnes, rund um den Leuchtturm. Auf den ersten Blick eine riesige leere Tundralandschaft, mit Felsen, durchnässtem Moosteppich, blitzend weißen Stränden. Auf den zweiten Blick findet man hier den Spuren vielfältigster menschlicher Tätigkeiten.

Ich spreche nicht von Archäologie, sondern von ganz präsenten Dingen. Slettnes ragt ins offene Meer hinaus, die Landschaft ist flach und eben. Vieles von, was die See ausspuckt, landet in Slettnes und fügt sich irgendwann sanft in die raue Landschaft ein.

Soweit nördlich wachsen keine Bäume mehr. Aber in Slettnes liegen Baumstämme, völlig entrindet und geschliffen. Sie kommen aus Sibirien und Kanada, treiben oft jahrzehntelang ans Meer.

Diverses Fischindustrie-Equipment landet hier, verlorengegangen von großen Trawlerschiffen. Plastikkisten für Meeresfrüchte zum Beispiel, fußballgroße rostige Eisenkugeln zum Beschweren von Netzen. Dazu große Fischskelette, die die Möwen fallen lassen. Ich finde einen Kübel mit dem Logo einer britischen Fischverarbeitungsfirma.

Eine Mini-Bucht in Slettnes heißt “Daumannsvika“, die Bucht der toten Männer, weil die See hier früher tradtionell die Leichen von ertrunkenen Seeleuten anschwemmte.

Zwei Kilometer entfernt ebenfalls ein gruseliges Erbe: Hier bauten die Nazideutschen, die Norwegen im Zweiten Weltkrieg besetzt hielten, eine Art Sperrwall gegen die Sowjetunion. Die Anlage liegt immer noch da. Weil ohnehin soviel leerer Raum hier zur Verfügung steht, fand es niemand der Mühe wert, die Laufgräben zuzuschütten, die Bunker zu sprengen, die Drehgestelle für die Geschütze zu demontieren.

gamvik-nazi-stuff-norwayDeutsches Kulturerbe? Geschütze aus dem Zweiten Weltkrieg schauen über das Dorf

Als die Nazis später angesichts der sich näherenden Russen flohen, verfügten sie eine Politik der verbrannten Erde. Verantwortlich dafür war übrigens ein österreichischer Wehrmachtsgeneral, Lothar Rendulic. Kein Haus in der Finnmark – so heißt diese nördlichste Region Norwegens – blieb stehen.

Die Sowjets fanden eine Wüste vor, als sie weiter vordrangen. Und als die deportierten Einheimischen nach dem Krieg zurückkehrten, mussten sie lange Zeit in Rentierfellzelten oder unter umgedrehten Fischerbooten vegetieren.

gamvik-norwayLa pura vida? Das einzige Geschäft in Gamvik, ein kleiner Supermarkt

So ist bizarrerweise keine Kirche oder kein Rathaus das älteste Gebäude von Gamvik. Es sind jene Bunker, die auf dem Hügel hinter dem Dorf liegen und über die Bucht in Richtung Osten schauen.

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