Archiv der Kategorie: Medien

Wutflügel

Aus der profil-Beilage Medien Spezial 2017

Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz gründet eine neue Medienplattform: „Quo Vadis Veritas“. Welche Wahrheiten dabei ans Licht gebracht werden sollen, ist kurz vor dem offiziellen Start unter dem Namen „Addendum“ noch völlig unklar.


Von
Joseph Gepp

Wenn heutzutage Medien gegründet werden, kann man sicher sein, dass ihre Finanzierung von der Norm abweicht. Die bestand jahrzehntelang darin, dass Inseratenkunden für Werbung zahlen und Leser für das Produkt. Doch in Zeiten von Digitalisierung und verschenkten Medieninhalten ist dieses Modell ins Wanken geraten. Neue Projekte müssen anders zu Geld kommen – häufig und meist ziemlich prekär über Crowdfunding und Spenden. Oder aber: Ein reicher Gönner lässt etwas springen.

Letzteres steckt hinter der größten Medienneugründung der vergangenen Jahre in Österreich. Red-Bull-Magnat Dietrich Mateschitz plant ein Medienprojekt im Internet. Es soll „eine unabhängige, multimediale Rechercheplattform“ werden und noch vor der Nationalratswahl am 15. Oktober den Betrieb aufnehmen. Der bis zum Rollout geltende Arbeitstitel „Quo Vadis Veritas (QVV) – „Wohin gehst du Wahrheit“ – wird dann durch den kaum weniger sperrigen Markennamen „Addendum“ („Hinzuzufügendes“) ersetzt.

Man wolle „ein vollständigeres Bild der Wirklichkeit schaffen“ und „dem Vertrauensverlust in Institutionen, Politik und Medien entgegenwirken“, so Mateschitz per Presseaussendung. Nicht Meinungen sollen „ausgebreitet“, sondern Informationen geliefert werden, um „näher an die Wahrheit heranzukommen“.

Große Worte. Was weiß man bisher über QVV? Kann der Plattform ein langes Leben beschieden sein? Bisher wurden erfahrene und teils bekannte Journalisten und Experten angeworben. Als Chef amtiert Michael Fleischhacker, zuvor Chefredakteur der Tageszeitung Die Presse und später des Österreich-Ablegers der Schweizer Neuen Zürcher Zeitung im Internet, NZZ.at. QVV-Geschäftsführer ist Niko Alm, Werbeunternehmer und bis vor Kurzem Neos-Parlamentsabgeordneter. Darüber hinaus gab es bis dato 27 Neueinstellungen. In der Belegschaft findet sich auch eine Riege von Experten, die zuvor bei Rechnungshof, Statistik Austria und Wiener Wirtschaftsuniversität arbeiteten. QVV, dessen Redaktion ein Erdgeschoßlokal im siebten Wiener Gemeindebezirk beziehen wird, soll letztlich 40 Mitarbeiter beschäftigen.

QVV bekommt zunächst eine Million Euro zur Verfügung gestellt. Dahinter steht eine gemeinnützige Stiftung, laut Stiftungsurkunde fungieren Mateschitz sowie die Servus Medien GmbH als Stifter. Den Vorstand bilden Mateschitz sowie zwei Red-Bull-Manager. Der größte Teil des Geldes, 990.000 Euro, stammt von Mateschitz selbst. Stiftungszweck: „die Förderung eines faktenbasierten und wahrheitsorientierten öffentlichen Diskurses“.

Ist das Motiv wirklich derart hehr? Dies bezweifelten Kritiker gleich nach Ankündigung des Projekts im vergangenen März. Mateschitz wolle ein ultrarechtes Alternativmedium gründen – ein „Breitbart à l’autrichienne“, titelte etwa die französische Zeitung Libération, also eine österreichische Version der rechts-demagogischen US-Plattform Breitbart. Man werde „Wutbürgern Flügel verleihen“, schrieb die deutsche Huffington Post.

Dass sich Mateschitz später in einem Interview mit der Kleinen Zeitung manchen Thesen anschloss, die in rechten Medien verbreitet werden, zeigt, dass selbst Überprivilegierte vor kruden Angstvorstellungen nicht gefeit sind. Entscheidend ist die Frage: Kann man daraus auf die künftige Ausrichtung von QVV schließen? Tatsache ist: Das angeworbene Personal stammt von etablierten Medien und Forschungsstätten. Für ein österreichisches Breitbart hätte sich ein geeigneteres Team finden lassen – zum Beispiel im Umfeld FPÖ-naher Blogs und von Boulevardzeitungen. Selbstverständlich stellt sich bei QVV – wie bei jedem Medium – die Frage, ob eine (Selbst-)Zensur im Sinne der Geldgeber stattfindet. Bevor man der Plattform unterstellt, ein Austro-Breitbart zu werden, sollte man abwarten, was sie tatsächlich hervorbringt.

Bei der Arbeitsweise ist bereits klarer abzusehen, wohin sich QVV entwickeln wird. Für das Projekt wurden viele TV-Journalisten rekrutiert, zuletzt ATV-Moderator Martin Thür. Wird Quo Vadis Veritas also am Ende eine Art Info-Fernsehkanal im Internet? Oder wird der Schwerpunkt doch beim geschriebenen Text liegen, während Bewegtbilder eher als illustratives Beiwerk dienen?

Auf eine profil.bestseller-Anfrage antwortet Sprecherin Judith Denkmayr: „Wir sind mitten in der Projektentwicklung und werden nicht darüber reden.“ Was die Informationspolitik betrifft, hat die Plattform offenbar schon von der Konzernmutter Red Bull gelernt, die für die Nichtbeantwortung jeglicher Presseanfragen berüchtigt ist.

Update (11.10.): Inzwischen ist Addendum online gegangen und wird mit Inhalten bespielt.

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Ein kleines Internetmedium sammelt Geld für Print

Aus dem FALTER 6/2015

Sofia Khomenko leitet Mokant, ein feines Magazin im Internet. Jetzt setzen die Journalisten auf Crowdfunding für ein Print-Heft

Bericht: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Er sei nah dran an den Nutzern, sagt Sofia Khomenko. Er sei transparent, aktuell, und mit ihm ließen sich zahlreiche Querverbindungen herstellen. Der Onlinejournalismus habe schon ziemliche Vorteile.

Dennoch will Khomenkos kleines, feines Webmagazin jetzt aufs Papier expandieren. Mokant – ein alter Ausdruck für „spöttisch“ – heißt das Internetmedium, das die gebürtige Russin, 25 Jahre, studierte Publizistin in Wien, seit drei Jahren leitet. Rund 25 junge Leute zwischen 17 und 33 formen dort die Redaktion, die in den vergangenen Jahren schon einige Journalistenpreise eingeheimst hat.

Setzt auch auf Print: Sofia Khomenko, Chefredakteurin von mokant.at (Foto: Heribert Corn)

Setzt auch auf Print: Sofia Khomenko, Chefredakteurin von mokant.at (Foto: Heribert Corn)

Die Nachwuchsjournalisten führen Interviews, zum Beispiel mit dem Team-Stronach-Politiker Robert Lugar und der russischen Politpunkband Pussy Riot. Oder sie recherchieren, warum der kleine Schwendermarkt im 15. Bezirk derart absandelt. Oder sie telefonieren der Staatsanwaltschaft hinterher, warum bei der Sperre brandgefährlicher Neonazi-Sites nichts weitergeht.

All das soll es bald – in vierteljährlichen Abständen – auch gedruckt geben. Warum? „Ich selbst lese gern gedruckte Sachen“, antwortet Khomenko. „Mit einem Heft kann man sich am Wochenende schön hinsetzen und sich hineinvertiefen.“ Länger und weniger aktuell sollen die Geschichten im Print-Pendant außerdem sein. „Kein Schnickschnack“, lautet der Slogan des Projekts. Man wolle Hintergründe, sagt Khomenko. „Wenn wir klassische Medien lesen, bemerken wir oft, dass Themen nur kurz auftauchen und dann gleich wieder verschwinden.“ Wichtige Fragen bleiben unbeantwortet, es ist, „als sehe man immer nur die Spitze des Eisbergs“.

Und woher soll das Geld für all das herkommen? An dieser Frage scheiterte vor einigen Jahren bereits das Vorgängerprojekt von Mokant, das Online-Jugendmagazin ChiLLi.cc. Mokant hält sich derzeit über Wasser, indem das Team gegen niedrige Teilnahmegebühren etwa Seminare für Jungjournalisten anbietet. Die Redakteure selbst verdienen fast nichts an ihrer Arbeit.

Für das Printprodukt versucht man sich deshalb nun an einer neuen Form der Finanzierung: Über die Crowdfunding-Site startnext.at wollen Khomenko und ihre Mitstreiter 15.000 Euro auftreiben. Kommende Woche beginnt die Sammelaktion.

mokant.at
startnext.com/mokant-at

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Pressekolumne: Wie gedruckt

Aus dem FALTER 32/2014

Kolumne: Joseph Gepp

Nicht nur Menschen wollen antiautoritär erzogen sein, auch Hunde. Das denken sich zumindest einige heimische Tierexperten, die in Heute und den Salzburger Nachrichten gegen Cesar Millan mobil macht, einen im US-Fernsehen berühmt gewordenen „Hundeflüsterer“.

Millan kommt im Herbst nach Österreich und sucht für eine Liveshow in der Wiener Stadthalle „nach rüden Rüden“, wie Heute wortgewaltig meldet – doch er stößt auf Widerstand. Denn Millans Methoden beruhen auf „Übergriffen und Unterwerfung“, kritisiert die Leiterin der Hundeschule Know Wau in den SN. „Kinder ahmen das vielleicht nach.“ Prompt kommt Schützenhilfe von Heute: Auch für den „bekannten Hundeflüsterer Laurent Amann“ seien die Methoden „ein Skandal“.

Fragt sich: Wie soll man denn Hunde erziehen? Hier rät Frau Know Wau aus Salzburg zur „positiven Verstärkung“. Was das heißt?“ Man bietet dem Hund einen Tauschhandel an – ein Leckerli.“

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Wird der Money Maker in Ruhe scheffeln, Herr Engelhart?

Aus dem FALTER 29/2014

Interview: Joseph Gepp

In der ORF-Fernsehshow „Money Maker“ scheffeln Rubbellos-Gewinner in einer Art Duschkabine Geld. Demnächst erwartet die Sendung einen besonderen Teilnehmer: Alexander Rüdiger, den Moderator von „Money Maker“. Rüdiger hat ein Rubbellos für seine eigene Show gekauft – und prompt gewonnen. Der Falter fragt Günter Engelhart von den Österreichischen Lotterien, wie man den speziellen Fall zu handhaben gedenkt.

Herr Engelhart, wie kann es sein, dass der Moderator von Money Maker selbst ein Money-Maker-Los zieht?

Nun, Rubbellose kann jeder kaufen, der über 16 Jahre ist. Dieses Alterslimit erfüllt zweifelsohne auch Moderator Alexander Rüdiger. Und offenbar hat Fortuna es gut mit ihm gemeint.

Wird er an seiner eigenen Show teilnehmen, während jemand anders moderiert?

Es ist ein einmaliges Ereignis, das wir in 18 Jahren Money Maker noch nie hatten. Aber ja, es wird ein Ersatzpräsentator organisiert, damit Alexander Rüdiger sich ganz aufs Duschen konzentrieren kann.

Kommen überhaupt alle Money-Maker-Teilnehmer ins Fernsehen?

Kommt bald selbst in die Geldkabine: Alexander Rüdiger, Moderator der ORF-Show "Money Maker" (Foto: Wikipedia)

Kommt bald selbst in die Geldkabine: Alexander Rüdiger, Moderator der ORF-Show „Money Maker“ (Foto: Wikipedia)

In die Gelddusche dürfen natürlich alle, die sich dafür mit ihren Losen qualifizieren. Das sind etwa 75 Kandidaten pro Jahr. In der TV-Show, deren Ausstrahlungsdauer im Vorhinein definiert wird, ist aber nur Platz für 56.

Nach welchen Kriterien entscheidet sich dann, wer ins Fernsehen kommt?

Nachdem Fernsehen Unterhaltung ist, berücksichtigen wir diesen Aspekt. Gibt jemand amüsante Antworten auf die ihm gestellten Fragen, hat er gute Chancen. Regt jemand zum Schmunzeln an, dann auch. Und, natürlich – wer viel Geld erscheffelt, dem ist die Ausstrahlung quasi sicher.

Wie viele der Money-Maker-Rubbellose verkaufen Sie pro Jahr – und wie viele davon führen in die Geldkabine?

Es wurden heuer 1,8 Millionen Lose aufgelegt, von denen theoretisch 100 in die Gelddusche führen. Theoretisch deshalb, da ja nie alle Lose einer Serie verkauft werden.

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Brasilien: wenn der ORF-Sport in die Klischeekiste greift

Aus dem FALTER 24/2014

Glosse: Joseph Gepp

Wir wissen schon: Wenn man will, dass einen viele Leute verstehen, muss man ein Stück weit in die Klischeekiste greifen. Zum Beispiel Samba-Tänzerinnen und Capoeira-Artisten auspacken, wenn es um Brasilien geht. Wovon gerade dieser Tage ja doch hin und wieder die Rede ist.

Besonders sticht der meisterhafte Umgang mit Klischees in der ORF-Berichterstattung zur Weltmeisterschaft hervor. Hier vereint sich das fleischgewordene Österreich-Klischee in Form der Fußballkommentatoren, das ja fast liebenswert daherkommt, mit einem raffiniert durchdachten Brasilien-Ambiente aus exakt drei Samba-Tänzerinnen und drei Palmen. Die Luftmatratze in Cocktailglas-Form fehlt noch, die regen wir hiermit an.

Das Resultat: herrliche Klischee-Exotik. Wie in der Nachkriegszeit, als die Welt noch groß und fremd war.

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Mittendrin in der Schweigespirale

Aus dem FALTER 21/13

Publizistikstudenten kennen ihren Namen: Elisabeth Noelle-Neumann, gestorben 2010, gilt als die Grande Dame der Medienwissenschaften. Sie begründete nach dem II. Weltkrieg die deutsche Meinungsforschung und prägte mit ihrem Konzept der „Schweigespirale“ die Wissenschaft. Jetzt fügt eine Biografie der Säulenheiligen Kratzer zu.

Jahrelang hat der deutsche Soziologe Jörg Becker Noelle-Neumanns Rolle im Nationalsozialismus erforscht – und jetzt entlarvt er sie in einem gut geschriebenen und akkurat recherchierten Buch als eine, deren glänzende Karriere allzu nahtlos von der NS-Zeit in jene Konrad Adenauers überging.

Der Biografie liegt ein Quellenstudium zugrunde, das sich in dieser Sorgfalt bislang niemand angetan hatte. So hat Becker etwa alle Artikel ausgegraben, die Noelle-Neumann als junge Journalistin für die NS-Zeitung Das Reich schrieb. Solche Passagen erlauben nebenher auch einen interessanten Einblick in den Berufsalltag der Nazizeit.

Großes mediales Aufsehen, zumindest in Deutschland, erregte Becker allerdings weniger mit solchen Feinheiten als mit einem anderen Detail seines Werks: Quasi nebenher fand er heraus, dass Derrick-Darsteller Horst Tappert Mitglied der Waffen-SS war. Inzwischen haben einige Sender „Derrick“ sogar abgesetzt.

Jörg Becker: Elisabeth Noelle-Neumann. Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservativismus. Schöningh, 369 S., € 35,90

Jörg Becker: Elisabeth Noelle-Neumann. Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservativismus. Schöningh, 369 S., € 35,90

Joseph Gepp

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Jüdische Zeitzeugen: der Fünfzehnte im Strom der Erinnerung

Aus dem FALTER 9/2013

Joseph Gepp

Wer an die jüdische Geschichte Wiens denkt, dem kommen gemeinhin Ringstraßen-Palais oder die Leopoldstädter Mazzesinsel in den Sinn. Doch auch im 15. Bezirk gab es bis zur Zeit des Nationalsozialismus eine rege jüdische Gemeinde. Sie war kleinbürgerlich geprägt. Neben zwei Synagogen war ihr Zentrum das Haus Herklotzgasse 21, das gleichermaßen als Grätzeltreff, Sozialzentrum und Sportstätte diente.

In jahrelanger Beschäftigung hat eine Initiative von Wienern, das Projekt Herklotzgasse 21, die fast vergessene jüdische Geschichte der Herklotzgasse aufgearbeitet. Dafür wurden auch Zeitzeugen interviewt, die einst von den Nazis vertrieben wurden und seither über alle Welt verstreut sind.

Was die Vertriebenen aus der einstigen Vorstadt erzählen, sendet ab Anfang März der Stadtsender W24 anlässlich des 75. Jahrestags des „Anschlusses“. 150 Tage lang wird an jedem Abend, jeweils um 20 Uhr, 15 Minuten lang ein Zeitzeuge zu Wort kommen. Sie sprechen über die untergegangene jüdische Alltagskultur und jüdisches Vereinsleben, über den Anschluss an Hitlerdeutschland und die Monate davor und danach.

4.3. bis 31.7., Mo-Fr, 20 Uhr, W24

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„Mediengipfel“ in Lech: Die Stimmung wird immer pessimistischer

Aus dem FALTER 49/2012

In der Krise werden Worte und Gedanken grundsätzlich. Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer vergangene Woche den sogenannten „Mediengipfel“ in Lech am Arlberg verfolgte. Dort treffen sich jedes Jahr Politiker, Intellektuelle und Journalisten, um über Europas Zukunft zu reden.

Hier, wie bei ähnlichen Veranstaltungen, zeigt sich derzeit: Während früher über Details von Institutionen und Konfigurationen debattiert wurde, geht es nun öfter ums Ganze.

So etwa bei Bernd Kolb, deutscher E-Commerce-Pionier und Gründer des Club of Marrakesh; dieser forderte in seinem Vortrag gleich ein völlig neues Welt- und Menschenbild, um die Krise zu meistern. In einer anschließenden Diskussion, an der etwa Franz Fischler und der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf teilnahmen, ging es um das – auch eher grundsätzliche – Thema Wohlstand ohne Wachstum.

Am nächsten Tag präsentierte der Medienwissenschaftler Matthias Karmasin rechtzeitig zum großen Zeitungssterben eine Studie über Medien in 14 Ländern Europas. Ergebnis: Mit Ausnahme Italiens und Ungarns ist es nicht mehr der politische Druck, den Journalisten als größte Gefahr für ihre Zunft begreifen, sondern immer mehr der ökonomische Einbruch.

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„Wir waren junge Dinger“

Aus dem FALTER 46/2011

Was geschah vor 35 Jahren am Wilhelminenberg? Zwei mutmaßliche Täterinnen erzählen

Bericht: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Ein einziges Mal, erzählt Inge Krasonek*, habe sie etwas getan, das sie nicht tun hätte sollen. Das war bereits Jahre nach ihrer Zeit als Betreuerin am Wilhelminenberg, in einem anderen Heim, beim Erdäpfelschneiden mit einem Zögling in der Küche. Das Mädchen ließ ein scharfes Messer fallen, „einen halben Zentimeter neben meinem Zechen“, sagt Krasonek. „Vor Schreck hab ich sie weggestoßen, dann haben wir uns ganz geschockt angeschaut.“

Inge Krasonek und ihre Kollegin Elfriede Walmayr*, heute beide knapp 60, waren jahrzehntelang für die Stadt Wien als diplomierte Sozialpädagoginnen tätig. Nun werden ihnen Taten von fast unvorstellbarer Grausamkeit vorgeworfen.

Sie sollen vor 35 Jahren begangen worden sein, im Kinderheim am Wilheminenberg. „Wir waren junge Dinger“, sagt Walmayr. Mit 19 Jahren, im September 1972, versetzte sie das städtische Jugendamt MA 11 auf den Wilhelminenberg. 1975 folgte Kollegin Krasonek. Beide blieben bis 1977, als das unzeitgemäße Kinderheim geschlossen wurde.

Mit schlimmen Vorwürfen traten Mitte Oktober die beiden ehemaligen Heimkinder Eva L. und Julia K. im ORF und Kurier an die Öffentlichkeit. Sie beschrieben ein System organisierter Grausamkeit am Wilhelminenberg, das weit über die berüchtigten Methoden der „schwarzen Pädagogik“ hinausging – also über jene „gsunde Watschn“, die in den 70er-Jahren als legitimes Erziehungsmittel galt.

Schreckliche Dinge sollen im Schloss Wilheminenberg geschehen sein (Foto: Heribert Corn)

Laut L. und K. waren Massenvergewaltigungen und Zwangsprostitution alltäglich. Sie sprachen von Demütigungen, exzessiven Schlägen, Messerstichen. Einmal wöchentlich seien Rettungswagen vorgefahren, um misshandelte Kinder ins Spital zu bringen, manche von ihnen könnten sogar gestorben sein.

All dies erfolgte „jedenfalls mit Wissen und Billigung“ von Inge Krasonek, Elfriede Walmayr und einer Handvoll weiterer Erzieherinnen, heißt es in einer Klagsdrohung, die dem Falter vorliegt. Während Walmayr fremde Männer in die Schlafsäle ihrer Schützlinge gelassen haben soll, habe Krasonek darüber hinaus auch „Mädchen gezwungen, bei ihr im Bett zu schlafen, und diese vergewaltigt“.

„Wir wehren uns gegen diese Vorwürfe“, sagt Walmayr. „In über 40 Berufsjahren haben wir solche Verbrechen weder begangen noch gebilligt.“

Diese Geschichte zeigt die Sichtweise zweier mutmaßlicher Täterinnen. Ihre Namen sind dem Falter bekannt, doch wurde ihnen Anonymität zugesagt, um sie vor Anfeindungen zu schützen. Krasonek und Walmayr sehen sich als Opfer einer medialen Hysterisierung, die ständig schaurige Enthüllungen einer genauen Prüfung von Fakten vorzieht.

Durchaus hätten die beiden Gewalt am Wilheminenberg mitbekommen, erzählen sie. Aber sie habe in einem Rahmen stattgefunden, der damals – wenn auch schwer vorstellbar – als normal galt. „Vor allem bei älteren Erzieherinnen ist die Hand oft locker gesessen“, sagt Walmayr.

Die jungen Kolleginnen hätten wenig sagen können, wenn wieder einmal ein Zögling mit blauen Flecken auftauchte. „Dazu war das autoritäre Denken der Alten zu stark verankert. Erst ab Mitte der 70er sind Leute nachgerückt, die solche Methoden nicht mehr angewandt haben.“ Die Vorwürfe, die L. und K. gegen sie erheben, seien „aus der Luft gegriffen“ und würden sie „absolut fassungslos“ machen, sagt Inge Krasonek.

In der Öffentlichkeit lösten sie eine Lawine aus. 772 weitere Opfer haben sich seitdem bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring gemeldet, um von Gewalt in Kinderheimen zu berichten. Bis zu den ORF-Abendnachrichten präsentieren Medien dies als Beweis dafür, dass die Schilderungen von L. und K. wahr sind.

Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden ersten Opfern und den 772 weiteren: Kein einziges bestätige bislang Missbräuche in der Organisiertheit und Systematik, wie sie L. und K. beschreiben, sagt Erika Bettstein, Sprecherin des Weißen Ring. Von Massenvergewaltigungen und Zwangsprostitution berichten auch keine weiteren Zeugen wie Sanitäter und Ärzte.

In der Berichterstattung verschwimmt die Grenze zwischen seinerzeit weithin akzeptierten harten Methoden und Schwerverbrechen, die auch schon damals als solche gegolten hätten. Opferanwälte und Psychologen warnen, dass alle Opfer unglaubwürdig wirken könnten, wenn Berichte über Missbrauch zu Skandalen aufgebauscht oder gar politisch instrumentalisiert würden.

Nun soll eine Kommission der Juristin Barbara Helige herausfinden, was am Wilhelminenberg wirklich geschah. Berichte von Krasonek und Walmayr werden für sie von großer Wichtigkeit sein.

Der Falter trifft die Erzieherinnen in einem Innenstadtcafé. Je länger sie reden, desto mehr tritt der Heimalltag vor vier Jahrzehnten zutage. Wenn sie selbst unschuldig sind – könnten ihnen Gewalttaten anderer entgangen sein? „Massenvergewaltigungen müsste man doch hören“, antwortet Krasonek. „Außerdem gab es ja die Direktorin, die auf allem die Hand hatte.“

In Krasoneks und Walmayrs Schilderungen erscheint der Wilhelminenberg und dessen Chefin Hildegard Müller als altbacken, bieder und verstaubt. Manchmal lachen sie sogar über die kleinen Absurditäten des einstigen Alltags; schließlich begegnen sich hier auch zwei Arbeitskolleginnen nach langer Zeit wieder. Der schrullige Magazineur im Kleiderdepot zum Beispiel. Und, immer wieder, Direktorin Müller, die „wie der Zerberus alles bewachte“.

Müller sei „altmodisch, autoritär und tiernarrisch“ gewesen, sagt Walmayr. Pudel Murlimuck war immer dabei. An junge Erzieherinnen appellierte die längst verstorbene Frau Direktor, „Zucht und Ordnung“ zu wahren und „sich mit den Mädchen nicht zu fraternisieren“. Dass ab den 70ern eine Reformgruppe am Wilheminenberg antiautoritäre Erziehung praktizierte, sah Müller skeptisch. „Sie fürchtete schlechten Einfluss“, sagt Walmayr. Glaubt man L. und K., sollen auch Erzieher der Reformgruppe vergewaltigt haben.

„Der Wilhelminenberg war schon ein Kindergefängnis“, sagt Walmayr. Mit einem großen Schlüsselbund sei man durch lange Gänge gelaufen. Die Heimuniform für Kinder war „fürchterlich altmodisch, pure 50er“. Insgesamt war es ein Erziehungssystem mit kaum Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse. Jeden Morgen etwa, erzählt Krasonek, gab es für kleine Kinder den Klogang. „Dann sind wir alle runter zu den Toiletten und jeder bekam zwei Stück Klopapier. Ob er überhaupt musste, spielte keine Rolle. Das war einfach der vorgesehene Zeitpunkt dafür.“

Und Gewalt? Hin und wieder bemerkten die Erzieherinnen „ordentliche blaue Flecken“. Meist stammten sie von Wochenenden, die die Mädchen zuhause bei ihren Problemfamilien verbrachten. Manchmal waren sie aber auch „heim- und nicht hausgemacht“, sagt Krasonek. „Wir wussten schon, dass manche von den Alten mitunter zuschlugen.“

Systematischere Gewalt jedoch will Krasonek und Walmayr nicht untergekommen sein, ebenso wenig wie schlimme Demütigungen. Von sechs Erzieherinnen, die inklusive ihnen selbst in der Klagsschrift vorkommen, habe es lediglich eine einzige gegeben, „bei der die Hand wohl locker saß“, sagt Walmayr. Es ist die berüchtigte „Schwester Linda“, die in Berichten als die große Sadistin vorkommt.

Wie also kommt es zu den Vorwürfen, wenn diese nicht stimmen? Psychologen erklären sie mit kindlichen Traumaerlebnissen, die später auf andere Personen übertragen werden. „In diesem Sinn kann man sie gar nicht als erlogen bezeichnen“, sagt eine Psychologin, die in der erhitzten Stimmung ungenannt bleiben möchte. Auch Krasonek und Walmayr vermuten, dass L. und K. möglicherweise die Gewalt der eigenen Familie auf Erzieher im Heim projizieren.

Der Sozialpädagoge Hans Feigelfeld erklärt das Phänomen anhand eines nachvollziehbaren Beispiels: „Stellen Sie sich vor, Sie sehen immer wieder ein Foto von sich selbst, wie sie als Kind Fußball spielen. Irgendwann wissen Sie nicht mehr, ob Sie sich tatsächlich an das Kicken erinnern und nur das Foto zu oft gesehen haben.“ Auch Feigelfeld arbeitete in den 70ern am Wilhelminenberg, als Leiter der Reformgruppe, von der auch Krasonek und Walmayr erzählen. Auch er glaubt nicht, dass diese Verbrechen möglich waren.

Eva L. und Julia K. selbst erlebten Krasonek und Walmayr als „liebe Mädchen“. Krasonek hat sogar Fotos von einer der beiden dabei, sie habe sie damals von ihr geschenkt bekommen.

Es sind alte Polaroids, die ein Mädchen mit langen, dunklen Haaren zeigen. Auf einem macht sie einen Pflug beim Schulskikurs, auf einem zweiten sitzt sie vor dem Stockbett in ihrem Schlafsaal und zupft an einer Gitarre. „Wenn ich sie vergewaltigt hätte“, sagt Krasonek, „hätte Sie mir dann wirklich Fotos von sich geschenkt?“

*Namen von der Redaktion geändert

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Lesenswertes II

Zweiter Teil der unregelmäßigen Serie mit Empfehlungen unbedingt lesenswerter Geschichten:

Der US-Historiker Timothy Snyder über das Geschichtsbild des Norwegen-Attentäter Anders Behring Breivik

Der New Yorker rekonstruiert minutiös den Tag, an dem Osama Bin Laden erschossen wurde

Sascha Lobo über die Meinungslastigkeit des Internets

Das Web-Magazin Telepolis über Staatsgründungen auf künstlichen Inseln und die Idelogie, die dahintersteckt

Weil’s so interessant ist: noch mehr zur Ideologie, die dahintersteckt

Eine nicht nur wegen ihres Titels schöne SpiegelReportage über Ungarn

Ein spaßiger Rezensionen-Vergleich: So sieht der Spiegel den neuen Woody-Allen-Film „Midnight in Paris“
… und so sieht ihn Die Zeit, die in diesem Fall eindeutig den Kürzeren zieht

Herrliche Reportage im New Yorker über eine chinesische Reisegruppe in Europa

Der Historiker Philip Blom im Falter über den News-Wahnsinn

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