Archiv der Kategorie: Konsum

Gebäcksverlust

Aus profil 40/2016

Das „Wiener Gebäck“, eine österreichische Traditionssüßigkeit, ist aus den Geschäftsregalen verschwunden. Wo ist sie nur hin?

Von
Joseph Gepp

Es ist schon beeindruckend, was die moderne Menschheit alles kann. Sie ist fähig, mittels Gentechnik ins Erbgut von Lebewesen einzugreifen. Sie kann Herzen transplantieren und Lichtteilchen in andere Galaxien schießen. Zum Mond fliegen kann sie sowieso.

Es ist aber manchmal auch erstaunlich, was die Menschheit alles nicht kann. Es gibt eine weithin bekannte Süßigkeit im Osten Österreichs. „Wiener Gebäck“ heißt sie. Eine Art trockener Schaumzucker, lachsfarben, geformt wie kleine Semmeln, Kipferl und Salzstangerl. In die Gemeinde der Freunde von Süßigkeiten treibt das Wiener Gebäck einen Keil: Ob seiner geradezu einzigartigen Konsistenz kann man es nur lieben oder hassen.

Das Gebäck hat Tradition, so wie Schwedenbomben, Manner-Schnitten oder Seidenzuckerl. Viele kennen es aus der Kindheit. Seit Jahrzehnten gibt es das Gebäck zu kaufen. Oder besser: gab es. Denn seit einiger Zeit ist Schluss. Das Produkt ist aus den Supermarktregalen verschwunden, spur-, kommentar-und ersatzlos.

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Produziert wird die Süßigkeit von der Firma Ed. Haas mit Sitz im oberösterreichischen Traun, einem Familienbetrieb mit 150-jähriger Erfahrung, der etwa auch Sportgummi, Pez-Bonbons und viele Sorten Senf herstellt. Doch beim Wiener Gebäck muss der Betrieb anscheinend gerade passen. Leider müsse man darüber informieren, heißt es auf der Website, dass die Produktion „vorübergehend eingestellt“ sei. „Die ursprüngliche Produktionsmaschine, welche für die Herstellung des originalen Haas Wiener Gebäcks unablässig ist, steht uns nicht mehr zur Verfügung. Wir sind auf der fieberhaften Suche nach einem Ersatz. Auch trotz intensiver Versuchsphase war die Rezeptur nicht derart zu adaptieren, um der Qualität des Wiener Gebäcks gerecht zu werden.“

Was ist da los? Welche Probleme macht die Maschine? Ist die einzigartige Konsistenz für immer dahin? profil hätte das gern gewusst. Doch Haas zeigt sich ungefähr so auskunftsfreudig wie ein Nachrichtendienst, den man nach den Standorten von Geheimgefängnissen in befreundeten Diktaturen befragt. Es sei ein „laufendes Projekt“, so die zuständige Produkt-Managerin. Kein Kommentar.

Erbgut manipulieren, Herzen transplantieren, zum Mond fliegen: Es ist beeindruckend, was die Menschheit alles kann. Hoffentlich kriegt sie auch das Wiener Gebäck wieder hin.

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Fleischbeschau

Aus profil 28/2016

Woher kommt die Salami auf der Pizza? Das Faschierte in den Tortelloni? Der Schinken in den Fleckerln? Vom Versuch, die Herkunft des Fleisches bis in den Stall zurückzuverfolgen.

Es duftet am Geburtsort von Margherita und ihren Schwestern. In der riesigen Halle hängt der Geruch frisch gebackenen Pizzateiges und warmer Tomatensauce. In Dreierreihen fahren die Pizzaböden auf dem Fließband. Eine Arbeiterin steckt meterlange Salamis in die Schneidemaschine, deren Scheiben hinunter auf den Teig segeln. Hunderttausende Tiefkühlpizzen pro Tag werden hier in einem kleinen Ort im Westen Österreichs produziert. Palettenweise landen sie später auf Lkw. Und werden in Supermärkte in ganz Europa verfrachtet.

Die dazugehörigen Packungen zieren bukolische toskanische Landschaften. Andere Gerichte zeigen saftige Almwiesen oder romantische Bauerndörfer. Der Konsument legt Wert auf das wohlige Gefühl von Regionalität und Heimat, aber gleichzeitig mag er es auch bequem. Und so prangen ländlich-idyllische Motive auf Dosengulasch, Hühnernuggets, tiefgekühlten Fleischknödeln oder eben Pizzen – Produkte aus einem globalen Agrarmarkt, in dem Milliarden bewegt werden.

In Wahrheit handelt es sich bei Fertigprodukten um eine Blackbox. Entgegen der Anmutung in der Werbung erfahren die p. t. Konsumenten kaum, woher die Zutaten stammen. Besonders bei Produkten am sogenannten Convenience-Markt. Und vor allem bei Fleisch.

Das EU-Parlament will nun für Transparenz sorgen. In einer Entschließung im Mai forderten 422 Brüsseler Abgeordnete die EU-Kommission auf, einen Gesetzesvorschlag vorzulegen. Er soll für ganz Europa verpflichtende Herkunftsbezeichnungen für verarbeitete Lebensmittel vorschreiben, zumindest bei Fleisch- und Milchprodukten.

Ob es tatsächlich so weit kommt, ist offen.
profil hat deshalb in einem höchst subjektiven Test versucht, die Herkunft des Fleisches aus mehreren Fertigprodukten bis in den Stall zurückzuverfolgen (siehe unten). Das Ergebnis fällt durchwachsen aus, die Recherche gestaltet sich jedenfalls komplex. Wohlgemerkt: profil erhielt diese Informationen unterschiedlicher Qualität auf hartnäckiges Nachfragen. Für den Konsumenten im Supermarkt sind sie üblicherweise nicht zugänglich.

Was ist da drin? (Foto: Chefmenü)

Was ist da drin? (Foto: Chefmenü)

Dabei spricht sich eine Mehrheit von Europas Konsumenten für bessere Herkunftsbezeichnungen aus: laut Eurobarometer-Umfrage stolze 90 Prozent bei Fertigprodukten. Fleischskandale, Tierschutzkampagnen und der Wunsch nach einem gesunden Lebensstil haben die Kunden sensibilisiert. Die Transparenzdebatte reicht zurück bis in die 1990er-Jahre. Damals führte Großbritanniens BSE-Krise zu ersten Herkunftspflichten bei Rindfleisch. Seither ist durchaus etwas weitergegangen. „Unsere Ausgaben für die Qualitätssicherung haben sich locker verzehnfacht“, sagt eine Geschäftsführerin eines fleischverarbeitenden Betriebs in Österreich, die ungenannt bleiben möchte. Seit vergangenem Jahr gibt es auch verpflichtende Herkunftsbezeichnungen für frisches Schweine-, Geflügel-, Schaf- und Ziegenfleisch in der EU.

Dieser Maßnahme ging ebenso ein Skandal voraus: der um nicht-deklariertes Pferdefleisch 2013. Betroffen waren auch Tortelloni und Kebab in Österreich. Das Fleisch stammte von rumänischen Schlachtern und war über dubiose Firmengeflechte gehandelt worden. Spätestens da wurde klar: Das Fleischgeschäft wird bei mangelnder Kontrolle schnell zum Betätigungsfeld organisierter Krimineller. Sie verpassen schlechtem Billigfleisch gefälschte Zertifikate und verkaufen es teurer weiter.

Gefährdet dürften dabei vor allem jene Bereiche sein, die noch nicht von EU-Transparenzmaßnahmen erfasst sind: Fleisch in der Gastronomie, mariniertes Fleisch, verarbeitetes Fleisch in Fertigprodukten. Allein Letzteres stellt laut Agrarmarkt Austria (AMA) rund die Hälfte jenes Fleisches dar, das alljährlich in Österreichs Haushalten verzehrt wird.

Faschiertes in Ravioli, Sauce Bolognese und Tiefkühlpizza-Salami folgen stur dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Und oft genug landen Produkte ausländischer Tierfabriken auf heimischen Tellern. Österreich weist etwa bei Geflügel einen Selbstversorgungsgrad von 67 Prozent aus. Der Rest muss importiert werden. Nach Brasilien und Thailand ist die Ukraine inzwischen drittgrößter Exporteur von Geflügelfleisch in die EU. Generell wird seriösen Schätzungen zufolge der heimische Fleischkonsum nur zur Hälfte mit österreichischer Ware bestritten. Und als Faustregel kann gelten: Je billiger ein Fertigprodukt, desto minderer die Fleischqualität und dubioser die Herkunft.

Das Kuriose daran ist, dass Transparenz und Nachvollziehbarkeit prinzipiell machbar wären. Über die gesamte Verarbeitungskette bestehen Rückverfolgungssysteme. Innerhalb der EU wird jedes Tier zunächst am Schlachthof mittels Ohrmarke, Tätowier- und Schlachtnummer identifiziert und kann so dem jeweiligen Landwirt zugeordnet werden. Später werden Fleischlieferungen mit Chargennummern versehen, sodass sie zuordenbar bleiben. „Wir können jederzeit dokumentieren, von welchem Landwirt das Fleisch aus einer Chargennummer stammt“, sagt Werner Siegl, Betriebsleiter des Linzer Schlachthofes der Firma Handlbauer, eines der größten Schlachter Österreichs mit Kunden wie Iglo oder Rewe. „Diese Nachvollziehbarkeit ist wichtig, wenn es beispielsweise zu einem Rückruf kommt.“

Auch Herwig Schuster von Greenpeace meint: „Unsere Erfahrung ist, dass Supermärkte und Verarbeitungsbetriebe durchaus wissen, wo ihr Fleisch herkommt“. Nachsatz: „Nur ihren Kunden sagen sie es oft nicht.“

Warum eigentlich? Einerseits gibt es wohl tatsächlich Fleischhändler, die etwas zu verbergen haben. Es muss sich nicht nur um unsaubere Machenschaften handeln, oft geht es auch darum, die Realität der Massentierhaltung hinter dem Werbesujet vom idyllischen Bauernhof zu verstecken.

Große Mengen Billigfleisch kann man völlig problemlos über das Internet erwerben. Die Händler sitzen etwa in Polen (Schweinefleisch), Ungarn (Geflügel), Rumänien, Dänemark oder den Niederlanden. „Gemäß Gesetz erfüllt ein gewerblicher Fleischkäufer bereits alle Anforderungen, wenn er nur seinen unmittelbaren Lieferanten kennt“, sagt Matthias Wolfschmidt von der NGO Foodwatch in Berlin. „Wo dieser wiederum das Fleisch her hat, braucht den Käufer ja nicht zu interessieren.“ Und auch nicht, was der Billiglieferant so durch den Fleischwolf dreht. Ist ein wenig Verdorbenes dabei, wird das Angebot eben billiger. Meist in beidseitigem stillschweigenden Einverständnis.

Es gibt aber auch ganz praktische Probleme bei der Umsetzung detaillierter Fleischkennzeichnung. Ein geschlachtetes Rind reicht beispielsweise gerade einmal für rund 20 Kilogramm Faschiertes. Verarbeitet man es nun tonnenweise, geht die Zahl der Lieferanten schnell in die Tausende – Zwischenhändler exklusive. „Jedes Bällchen Faschiertes runterzurechnen, ist extrem aufwendig“, sagt ein Fleischhändler. „Von der Darstellung auf der Verpackung ganz zu schweigen.“

Die Komplexität der Handelskette und die Vielzahl an Lieferanten führt zur Intransparenz, die sich leicht ausnutzen lässt. Wer dagegen ankommen will, braucht Geld und guten Willen. Der Hamburger Fertiggerichte-Hersteller Frosta beispielsweise unterwarf sich im Jahr 2003 einem selbsterklärten „Reinheitsgebot“. Seither wird freiwillig bekanntgegeben, wo die Produkte herkommen: Rindfleisch etwa von einer Erzeugergemeinschaft aus 300 Höfen im deutschen Niedersachsen. Für die Transparenz zahlt das Unternehmen allerdings auch einen Preis. Die Produkte wurden bis zu 60 Cent teurer, der Umsatz von Frosta brach infolge der Aktion kurzfristig ein.

In Österreich gilt das AMA-Gütesiegel unter Experten als Erfolgsmodell. „In den letzten Jahren sind die Kriterien sehr viel strenger geworden. Da wurde stark nachgebessert“, lobt etwa Heidi Porstner von Global 2000. Das Siegel sagt zwar nichts über Haltung und Aufzucht der Tiere aus. Aber zumindest kann man sicher sein, dass sie in Österreich geboren, gemästet und geschlachtet worden sind.

Und es zeigt, dass mehr Transparenz möglich ist. Allerdings: „Aus unserer täglichen Beratungspraxis wissen wir, dass die Konsumenten es eigentlich noch genauer wissen wollen“, sagt Katrin Mittl vom Verein für Konsumenteninformation (VKI). Ob die Tiere jemals auf einer Weide waren oder ausschließlich im Stall, beispielsweise. Ob es bei der Aufzucht zum Einsatz von Antibiotika oder Hormonen kam (vor allem bei Fleisch aus dem EU-Ausland). Indra Kley von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten schwebt deshalb ein Kennzeichnungssystem, ähnlich jenem für Eier, vor: Dort wird zusätzlich zu den Herkunftsangaben zwischen Bioqualität, Freiland-, Boden- und Käfighaltung differenziert; in Form eines transparenten Nummernsystems.

Von solchen Errungenschaften ist die EU bei verarbeitetem Fleisch noch weit entfernt. Momentan tobt der Kampf über die Herkunftsbezeichnung. Während sich das Parlament mehrheitlich dafür ausspricht, legt sich die Kommission quer. „Die Kommission muss einen entsprechenden Gesetzesvorschlag vorlegen und Klarheit schaffen“, sagt Elisabeth Köstinger, EU-Abgeordnete der ÖVP, „aber bislang hat sie noch nicht reagiert.“ Auch eine profil-Anfrage ließ die Kommission unbeantwortet. Vor einem Jahr jedenfalls hat sie eine ähnliche Initiative des Parlaments schon einmal abgeschmettert: Die geforderte Transparenz würde die Preise zu sehr steigen lassen, hieß es.

In der Fabrik für Tiefkühlpizza in Westösterreich jedenfalls zuckt die Schneidemaschine für die Salamis. Zick-Zack ruckelt das Gerät mitsamt den Würsten. Die Schneidlöcher sind so angeordnet, dass die Salamischeiben in der richtigen Anordnung auf die Pizza fallen. Je drei Stück, genau so, wie es auf der Verpackung abgebildet ist. Eine Arbeiterin legt Wurstscheiben nach, falls sie den Pizzaboden verfehlen. Das Fleisch hier stamme von innerhalb und außerhalb der EU, sagt ein Verantwortlicher, „bei diesen Mengen ist das gar nicht anders möglich.“ Fünf Tonnen Fleisch werden am Ende der Schicht auf den Pizzen gelandet sein. Fünf Tonnen. Jeden Tag. Dafür braucht es viele Tiere.

Mitarbeit: Andrea Vyslozil

Versuchsanordnung

profil ist einkaufen gegangen. Fertiggerichte mit Fleisch. Ganz nach persönlichem Gusto. Und hat versucht, die Herkunft des Fleisches bis in den Stall nachzuvollziehen. Stellte Herstellern wie Supermärkten eine einfache Frage: „Woher beziehen Sie das Fleisch, welches in diesem Produkt enthalten ist?“ So viel sei verraten: Ohne hartnäckiges Nachfragen war die Information in den meisten Fällen nicht zu bekommen.

Spar – Tortelloni mit Rindfleischfülle

Die österreichische Supermarktkette lässt ihre Eigenmarken-Pasta bei Hilcona – einem international tätigen Hersteller von Convenience-Produkten – in Liechtenstein produzieren. Das Fleisch für die Fülle stammt von der deutschen Müller Fleisch GmbH von „garantiert deutschen Rindern“. Die Tiere müssen in Deutschland geboren, gemästet und geschlachtet sein, heißt es.

Rewe – Chefmenü Wirt z’Haus Schinkenfleckerl
Der Schinken wird von Rewe Austria Fleischwaren GmbH im Vorarlberger Hohenems hergestellt. Das dafür benötigte Fleisch wird laut Auskunft von Rewe International (Billa, Merkur, Penny, Adeg) von den Schlachtbetrieben Jöbstl, Grossfurtner und Handlbauer und zur Gänze aus Österreich bezogen. Garantiert werde dies durch das Kennzeichnungssystem „sus“ (Schwein) der AMA.

Nestlé – Wagner Big Pizza Western
Der Lieferant für Fleisch- und Wurstwaren befände sich in unmittelbarer Nähe der Produktionsstätte im deutschen Saarland und garantiere eine lückenlose Rückverfolgbarkeit der Produkte, heißt es aus der Nestlé Wagner GmbH. Deren Einhaltung werde bei Lieferantenaudits – bis hin zum Ursprung des Fleisches – überprüft. Ob das Fleisch nun aus Deutschland oder anderen Ländern stammt, gab Nestlé nicht bekannt.

Iglo – Ennstaler Wurstknödel mit Sauerkraut

„Hergestellt in Österreich mit 100% österreichischer Wurst“, heißt es auf der Verpackung. Doch stammt auch das Fleisch aus Österreich? Ja, heißt es auf Nachfrage. Die Lieferanten seien verpflichtet, an den AMA-Programmen „sus“ (Schwein) und „bos“ (Rind) teilzunehmen. Allerdings ist die „100% aus Österreich“-Garantie nur bei bestimmten Iglo-Produkten zu finden.

Hofer – Frühstücksfleisch von Primana
Produziert von der Firma Landena im steirischen Stainach. Das Fleisch für dieses Produkt stamme zu etwa 95 Prozent aus österreichischen Schlacht- und Zerlegebetrieben, die hauptsächlich in der Steiermark und Oberösterreich angesiedelt sind. Der Rest werde in der Slowakei zugekauft, erklärt eine Sprecherin der Hofer KG.

Lidl – Stolle Safari Nuggets
Diese werden von der Firma Stolle im deutschen Visbek produziert, die wiederum zur niederländischen Plukon Food Group (einem der größten Hühnerfleischproduzenten Europas) gehört. Laut einem Lidl-Sprecher stammt das Fleisch zum Großteil aus Deutschland, nur bei Lieferengpässen werde auf Zulieferer aus anderen Ländern, wie etwa Dänemark, zurückgegriffen.

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Reicht eine Flasche Spülmittel für 12.162 Teller, Herr Schnürch?

Aus dem FALTER 50/2013

Werbekolumne: Joseph Gepp

Auf den ersten Blick wirkt es wie die frechste Werbelüge aller Zeiten: Eine Flasche Geschirrspülmittel aus dem Haus des US-Konzerns Procter & Gamble – Markenname: Fairy Ultra, Flascheninhalt: 450 Milliliter – reiche zur Reinigung von stolzen 12.162 schmutzigen Tellern. Das behauptet ein quietschvergnügter Werbespot, der derzeit im Fernsehen läuft.

Inhalt der Werbesendung: In Berlin findet ein großes öffentliches Paella-Essen statt. Und am Ende lässt sich mit einer einzigen Flasche der Wunderlösung die ganze Tausendschaft an Geschirr reinigen.

Ist das denn wirklich möglich? Durchaus, sagt Michael Schnürch vom Institut für Angewandte Synthesechemie der TU Wien dem Falter. „Dazu muss man gar nicht die genauen Inhaltsstoffe dieses speziellen Spülmittels kennen – es reicht schon ein simples Gedankenexperiment.“ Ein halber Liter Spülmittel entspricht 500 Portionen von je einem Milliliter, soviel passt ungefähr in ein Zehntel eines Esslöffels. Mit diesem Milliliter müssten sich nun rund 24 Teller waschen lassen, damit sich am Ende die 12.000 ausgehen. Diese Menge sollte im Bereich des Möglichen liegen, sagt Schnürch.

Ein kleiner Praxistest bestätigt das: Ein Milliliter handelsübliches Spülmittel auf einem Schwamm reicht locker zur Reinigung von 25 Stück Geschirr und mehr.

Allerdings: „Das geht wohl mit jedem Spülmittel“, sagt TU-Forscher Schnürch. Sollte jemand also Lust verspüren, 12.000 Teller von Hand zu waschen – es muss gar nicht unbedingt Fairy sein.

Reicht eine Zeitlang: Fairy Ultra - oder jedes andere Geschirrspülmittel

Reicht eine Zeitlang: Fairy Ultra – oder jedes andere Geschirrspülmittel

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Spioniert unsere Polizei wie das FBI, Herr Sailer?

Aus dem FALTER 39/2013

Man kennt den Linzer Datenforensiker und Ex-Polizisten Uwe Sailer vor allem als Aktivisten gegen Rechtsextremismus. Der Falter befragt den Datenfachmann jedoch zu einem anderen Fall: dem Vorwurf der Supermarktkette Spar, die Behörde habe bei einer Hausdurchsuchung wegen möglicher Preisabsprachen eine „illegale FBI-Spionagesoftware“ eingesetzt.


Herr Sailer, was macht das Programm osTriage, das bei Spar zum Einsatz kam?

Uwe Sailer

Uwe Sailer

Wenn man es per USB mit einem laufenden Computer verbindet, ermittelt es beispielsweise die Anzahl der Festplatten, der verschlüsselten Datenträger, die Anzahl und Art der Dateien, User-Profile, Netzwerkverbindungen und Ähnliches. Diese Informationen spuckt das Programm schließlich als Excel-Tabellen und Textdateien aus.

Handelt es sich dabei um Spionage?

Meiner Ansicht nach überhaupt nicht. Es ist ungefähr so, wie wenn man bei einer normalen Hausdurchsuchung vermerkt, um welche Postadresse es sich handelt und wie viele Personen dort gemeldet sind – nur eben auf Computerebene.

Wird osTriage häufig bei Haus- oder Firmendurchsuchungen verwendet?

Ja, der Einsatz dieser Programme ist absolut gängig – und ich erinnere mich nicht, dass das jemals zu Protesten geführt hätte wie derzeit bei Spar.

Und was hat es mit dem FBI auf sich?

Jene Version von osTriage, die bei Spar mutmaßlich zum Einsatz kam, ist tatsächlich eine Entwicklung des US-amerikanischen FBI. Allerdings kann diese Adaption nicht etwa mehr als die Standardversion, sondern weniger. Laut meinen Informationen ist sie eine massiv abgespeckte Variante einer Forensik-Software. Dafür dürfte sie schneller funktionieren als die normale Version.

Verstehen Sie die Kritik von Spar an den Behörden?

Nach all den Informationen, die mir vorliegen: nicht im geringsten. Es handelt sich um eine Standardsoftware, die völlig unbedenklich ist und nichts mit Spionage zu tun hat.

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Wie wird ein Sowjetpanzer zum Hammer, Herr Zinner?

Aus dem FALTER 29/2013

„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen“ steht in der Bibel. Eine deutsche Baumarktgruppe hat dieses Zitat nun wörtlich genommen, zumindest fast.

Vergangenes Jahr kaufte das Unternehmen Hornbach von einem Privatsammler einen demilitarisierten tschechoslowakischen Panzer sowjetischer Bauart. Es war ein fahrtüchtiger BMP-1, Baujahr 1984, 13,5 Tonnen. Die Hornbach-Werber ließen den Panzer einschmelzen und aus dem Stahl 7000 Hämmer fertigen. In streng limitierter und nummerierter Auflage (und in ansprechender Verpackung) gingen die Werkzeuge dieser Tage über die Ladentische deutscher und österreichischer Baumärkte. Was einst im Westen Schrecken verbreitete, liegt heute also als Marketing-Gag neben der Baumarkt-Kassa.

Josef Zinner, Sprecher von Hornbach Österreich

Josef Zinner, Sprecher von Hornbach Österreich

„Die Aktion war ein voller Erfolg“, freut sich Josef Zinner, Pressesprecher von Hornbach Österreich. Der Restposten der Roten Armee hat Zinners Firma zur wohl aufsehenerregendsten Werbeaktion ihrer Geschichte verholfen. Nach nur vier Tagen waren die Hämmer ausverkauft – trotz des Preises von 25 Euro. Hunderttausende klickten zudem auf jene Werbevideos im Internet, die die Verwandlung vom Panzer zum Hammer darstellen. Selbstverständlich sind sie unterlegt von grobschlächtigen Männergesichtern und martialischem Soundtrack.

Fragt sich nur: Was kann man auf so eine Aktion noch draufsetzen? Dieselbe Sache ein zweites Mal wäre abgeschmackt, sagt Zinner. „Vielleicht“, scherzt er, „kaufen wir ja bald einen Draken und machen Wasserwaagen daraus.“

Foto: Hornbach

Foto: Hornbach

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Wie wurde aus dem Spritzer ein „Gemišt“, Frau Suder?

Aus dem FALTER 27/13

Werbekolumne

Sprechen Sie Kroatisch? Ein paar Wörter sicher. Zum Beispiel „Beštek“ („Besteck“), „Frajla“ („Fräulein“), „Drek“ („Dreck“) oder „Gemišt“ („Spritzer“).

Jahrhundertelang waren Kroaten und Österreicher in einem Land vereint. Die Folgen sind zahlreiche deutsche Lehnwörter, die bis heute regionale Variationen des Serbokroatischen prägen. Vor allem in Nordkroatien, nahe der Grenze zu Slowenien und Ungarn, sind die Germanismen weit verbreitet. Ein Faktum, das Bruketa&Žinic aufgegriffen hat, ein kroatisch-österreichisches Werbeagentur-Joint-Venture mit Niederlassungen in Zagreb, Belgrad, Wien und der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku.

„Mit diesen Motiven thematisieren wir die kulturelle Nähe zwischen Kroatien und Österreich und den gemeinsamen historischen Background der Länder“, erklärt Karo Suder, Kundenbetreuerin bei Bruketa&Žinic. „Und ein kleines bisschen werben wir auch für uns selbst.“

Anlass ist – natürlich – der EU-Beitritt Kroatiens, der am 1. Juli über die Bühne ging. Verbreitet werden vorerst drei Sujets, vor allem im Internet.

Künstlerisch gestaltet wurden die Plakate vom kroatischen Illustrator Vedran Klemens. Unter den Bildern liest man nicht nur die ins Deutsche übersetzten Begriffe, es finden sich dort auch dazupassende Detailinfos. Zum Beispiel in welchen Phrasen das Wort „Drek“ vorkommt. Oder mit welchen Fingerbewegungen man in kroatischen Lokalen den „Gemišt“ auch im richtigen Mischverhältnis bekommt.

Frajla-LOWRES

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Verwechseln die Leute Portfolio mit Polio, Herr Kapfer?

Aus dem FALTER 26/2013

Gute Werbungen sollten sich auf Situationen beziehen, die möglichst jeder kennt, erklärt Michael Kapfer, der Geschäftsführer von Lowe GGK. Zum Beispiel auf den berüchtigten Zeitpunkt in einer Gruppendiskussion, ab dem der kollektive Fundus an Wissen langsam, aber sicher zu schwinden beginnt. „Dann gibt’s zwei Typen von Menschen“, sagt Kapfer. „Die einen hören auf mit dem Reden. Die anderen machen trotzdem weiter, und dann wird’s meist lustig.“

Genau auf diese Situation bezieht sich eine aktuelle Werbekampagne des Erwachsenbildungsinstituts Wifi, die von den Agenturen Lowe GGK und Lobster gestaltet wurde. In Fernsehspots und auf Plakaten geht es darin um Menschen, die mit komplizierten Begriffen aus Wirtschaft und Technik nichts anfangen können. „Portfolio? Dagegen bin ich doch geimpft“, heißt es da zum Beispiel. Oder: „Mikrochips? Gibt’s die auch mit Paprika?“

Die Herausforderung an der Kampagne sei gewesen, das Thema „lebenslanges Lernen“ breitenwirksam einem teils inhomogenen Publikum zu vermitteln, erklärt Kapfer. Deshalb seien die Werber schließlich auf die einfache Idee mit den Sprüchen verfallen. Als diese einmal stand, wucherten die Einfälle. „Unserem Kreativteam sind in zwei Stunden sicher 40 Sujets eingefallen“, sagt Kapfer. „Davon haben wir die besten ausgewählt.“

Anschließend blieb nur noch eine Kleinigkeit zu tun, bevor die Kampagne öffentlich gemacht wurde: Im Internet ließ Lowe GGK abtesten, wie die Sujets bei Usern ankommen. „Schließlich“, sagt Kapfer, „soll sich ja niemand beleidigt fühlen.“

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