Archiv der Kategorie: Konsum

Mehr ist mehr

Aus profil 14/2019 vom 31.03.2019

Bier, Milch, Mineralwasser: Das umweltfreundliche Mehrwegsystem -also der Einsatz wiederbefüllbarer Pfandflaschen -feiert seine Rückkehr in Österreichs Supermarktregale. Über eine Renaissance mit Hindernissen.

Von
Joseph Gepp

Früher war es fast jedem Österreicher bestens vertraut, das kleine Fließband im Supermarkt, auf das man die leeren Getränkeflaschen und -kisten stellte. Dann kam ein Bon aus einem Schlitz, den man an der Kassa gegen Geld eintauschte. Die Flaschen und Kisten wurden gereinigt, neu befüllt und wiederverwendet.

Heute gibt es das kleine Fließband zwar noch immer. Aber inzwischen steht es immer öfter still. Während Ende der 1990er-Jahre der Anteil wiederbefüllbarer Pfandflaschen an den gesamten Getränkeverpackungen in Österreich noch bei mehr als zwei Drittel lag, ist er heute auf 22 Prozent gesunken. „Mehrweg“ heißt ein Verpackungsmodus der Vergangenheit, dem neuerdings wieder eine Zukunft prophezeit wird. In Zeiten von Klimawandel und Plastikmüllbergen setzen Umweltschützer große Hoffnungen in die alte neue Wiederverwendbarkeit. Bis zu 40 Mal kann eine Flasche benutzt werden, ehe sie endgültig zu Bruch geht. „Beim derzeitigen Grad unserer Umweltprobleme ist es nicht zu verantworten, dass Getränkeverpackungen, die man viele Male verwenden könnte, nach einmaliger Benutzung weggeworfen werden“, sagt Nunu Kaller von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. „Wir brauchen eine signifikante Reduktion des Verpackungsmülls, und das geht nur mit Mehrweg.“

Österreichs Konsumenten scheinen das ähnlich zu sehen. Das oberösterreichische Unternehmen Berglandmilch -größter Milchverarbeiter im Land, der unter anderem hinter der Marke Schärdinger steht -investiert gerade acht Millionen Euro in zwei neue Mehrweg-Abfüllanlagen in Tirol und Niederösterreich. Wegen der „hohen Kundennachfrage“, sagt Geschäftsführer Josef Braunshofer. Frühestens Ende des Jahres wird die Milch in der Mehrweg-Glasflasche im Handel erhältlich sein, erstmals wieder seit Jahrzehnten.

Auch die Vöslauer GmbH, Österreichs größte Mineralwasserfirma aus Bad Vöslau, hat seit 2014 wieder eine Ein-Liter-Pfand-Glasflasche samt dazupassender Kiste im Sortiment – mit jährlichen Umsatzzuwächsen von 25 Prozent. „Sie entwickelt sich überproportional“, sagt Vöslauer-Chefin Birgit Aichinger (siehe auch Bilder). Überdies gibt es auch in anderen Branchen Überlegungen, den Umstieg auf Mehrweg zu wagen: etwa bei Glasbehältnissen, wie sie für Marmeladen, Sugos oder eingelegtes Gemüse verwendet werden, erzählt ein Branchen-Insider gegenüber profil. Nicht zuletzt laufen in Graz und Wien Versuche mit wiederverwendbaren Coffee-to-go-Bechern.

Werden Österreichs Supermarktregale bald wieder aussehen wie in den 90er-Jahren? Warum ist der Mehrweganteil überhaupt derart drastisch gesunken? Und hat eine Rückkehr wirklich das Zeug, einen Beitrag im Kampf gegen Klimawandel und Rohstoffverschwendung zu leisten?

Fest steht, dass Handlungsbedarf besteht. Jahr für Jahr produzieren die Österreicher mehr Müll, vor allem aus Plastik. Laut Zahlen des Umweltministeriums von Elisabeth Köstinger (ÖVP) beträgt das Aufkommen an Plastikverpackungsmüll derzeit rund 300.000 Tonnen pro Jahr -zwei Drittel mehr als Ende der 1990er-Jahre. Zwar verfügt Österreich im internationalen Vergleich über ein gut funktionierendes System des Sammelns und Recyclens von Abfällen -beispielsweise landen hierzulande drei von vier Plastikflaschen im Sammelcontainer -, doch das Verfahren ist aufwendig und energieintensiv. Und längst nicht alle Kunststoffe sind recyclingfähig. Bevor man also ans Wiederverwerten denkt, muss man möglichst vermeiden, dass Müll überhaupt anfällt. Es gilt, „konkrete Einsparpotenziale beim Kunststoffeinsatz durch Industrie, Handel und Haushalte“ zu heben, rät das Umweltbundesamt in einem Bericht zum Thema Plastik.

Die Politiker sind sich dessen bewusst. Erst letzte Woche beschloss das EU-Parlament, bestimmte Einweg-Plastikprodukte wie Teller und Strohhalme ab 2021 zu verbieten. Überdies muss bis 2030 der Verbrauch von Einwegkunststoffen reduziert werden. Darüber hinaus hat man sich auch auf österreichischer Ebene einiges vorgenommen: Im Dezember beschloss die Regierung eine „nachweisliche Reduktion von Plastikverpackungen bis 2025“ um mindestens 20 Prozent. Ein hochambitioniertes Ziel, räumen selbst Kritiker der schwarz-blauen Regierung ein. Fragt sich nur, wie man es erreichen will. Das vieldiskutierte Plastiksackerl trägt, wiewohl Gegenstand einer regen öffentlichen Debatte, gerade einmal 2,3 Prozent zum Müll bei. Mit dem Sackerlverbot ist es nicht getan. Weitere Maßnahmen? Offen.

Vor dem Hintergrund derart hehrer Vorsätze ist es schade, dass der Mehrweganteil in Österreich einst viel höher war – und dann abstürzte. Noch vor zweieinhalb Jahrzehnten wurden fast alle Mineralwässer und rund die Hälfte der Limonaden in Mehrwegflaschen abgefüllt. Heute sind Pfandflaschen in beiden Produktgruppen fast ausgestorben, bis auf wenige Wiederbelebungsversuche à la Vöslauer. Dass der Mehrweganteil trotzdem noch 22 Prozent beträgt, liegt zum Gutteil an der Gastronomie, deren Fässer und Flaschen durchwegs Mehrwegprodukte sind. Und, betreffend Supermärkte: am Bier. Österreichs Biertrinker waren nie für den Umstieg auf Einweg-Plastik zu begeistern, im Gegensatz zu den Mineralwasser-Fans. Entsprechend findet sich Bier immer noch häufig in der klassischen – wiederverwendbaren – Halbliter-Glasflasche.

Hinter dem Niedergang des Mehrwegsystems stecken Veränderungen auf dem Lebensmittelmarkt seit den 1990er-Jahren, aber auch politisches Versagen. Von einer „Deregulierungsgeschichte made in Austria“ spricht Christian Pladerer vom Wiener Ökologie-Institut. Es begann, als nach dem EU-Beitritt die Auswahl in den Supermärkten stieg. Plötzlich gab es etwa Mineralwässer aus Italien; parallel dazu wuchs die Vielfalt an Flaschen und anderer Verpackungen. Zugleich kam die PET-Wegwerf-Flasche auf, also jene aus Einweg-Plastik. Aus Sicht von Kunden wie Unternehmen hatte diese Neuerung durchaus Vorteile: Nicht nur ist die Flasche leicht und bruchsicher im Vergleich zum Vorgänger aus Glas; es ist für Konsumenten auch bequem, keine Flaschen in den Markt zurückschleppen zu müssen. Gerade für den schnellen Konsum unterwegs – man denke an die Limonade aus dem Autobahntankstellen-Shop -ist Mehrweg denkbar ungemütlich. Aus Perspektive der Getränkeindustrie wiederum ermöglichen Einwegverpackungen unterschiedlichste Flaschenformen und -größen – wünschenswert aus Werbezwecken. Und: Weil Einweg-Flaschen stets neu produziert werden, stehen sie immer tipptopp aus. Keine Kratzer, keine Schrammen.

Trotzdem hätte die Politik rund um die Jahrtausendwende noch Schritte setzen können, um den Mehrweganteil hoch zu halten. Das geschah vielerorts -aber nicht in Österreich. Beim deutschen Nachbarn beispielsweise wurde ein sogenanntes „Einwegpfand“ eingeführt. Das bedeutet, dass man auch für Wegwerfflaschen Geld bekommt, wenn man sie zurückträgt. Deshalb ist Einweg für deutsche Kunden nicht bequemer als Mehrweg. Tatsächlich konnte sich das Mehrwegsystem in Deutschland stärker halten als in Österreich.

Hierzulande unterblieben derlei politische Schritte. Stattdessen entschloss sich die Getränkeindustrie zu einer „freiwilligen Selbstverpflichtung“. Dabei handelt es sich schlicht um ein Bekenntnis der Unternehmen, den Mehrweganteil hoch zu halten und in Verpackungsfragen umweltgerecht zu agieren. Wenig überraschend erwies sich das als zahnlos. Der Fall des Mehrweganteils ging weiter. 2010 schließlich pendelte er sich bei 22 Prozent ein; seither geht es immerhin nicht weiter bergab.

An der Einweg-Mehrweg-Frage entschied sich damals das Schicksal ganzer Getränkekonzerne. Einen eindrücklichen Fall lieferte der Konkurrenzkampf zwischen den Mineralwasserunternehmen Römerquelle und Vöslauer. Die burgenländische Marke Römerquelle, die seit 2003 zu Coca-Cola gehört, war in den 1990er- Jahren Österreichs klare Nummer eins. Römerquelle entschloss sich jedoch, beim Mehrwegsystem zu bleiben. Vöslauer indes -also ausgerechnet jenes Unternehmen, das später als erstes wieder zur Mehrweg- Glasflasche zurückkehrte -setzte damals stark auf Einweg-PET-Flaschen. Die Folge: Römerquelle verlor seine Marktführerschaft dauerhaft an Vöslauer.

Droht Mehrweg-Getränken heute immer noch ein Ladenhüterdasein wie einst Römerquelle? Nein, glaubt man einer Greenpeace-Umfrage vom Anfang dieses Jahres. Demnach wünschen sich 78 Prozent der Konsumenten wieder mehr Mehrweg in Österreichs Supermärkten. Derlei Zahlen bleiben allerdings nicht unwidersprochen: Werner Knausz – Vorstand der Altstoff Recycling Austria (ARA), die für Österreichs Unternehmen Abfall-Entsorgung und -Recycling organisiert – spricht von „sozial erwünschten Antworten“, die bei solchen Erhebungen herauskämen. Befragungen der ARA würden ein ganz anderes Bild zeigen: Die Österreicher würden nicht unbedingt zu mehr Mehrweg- Produkten greifen, selbst wenn es diese wieder ausreichend gäbe. Einweg ist schlicht bequemer.

Wie die Kundenakzeptanz letztlich ausfallen wird, ist nur eine offene Frage bei der Rückkehr zu Mehrweg. Eine zweite, grundsätzlichere: Ist Mehrweg wirklich besser betreffend Umwelt, Rohstoffen und Klima? Wer sich in die Frage vertieft, stößt auf komplexe Öko-Bilanzen, die den exakten Fußabdruck verschiedener Verpackungssysteme vermessen. Sie sind durchwegs von Akteuren der Lebensmittel-und Verpackungsindustrie beauftragt, zum Beispiel der EU-Lobbygruppe Plastics Europe oder Österreichs Fachverband der Nahrungs-und Genussmittelindustrie. Entsprechend werfen Experten und Umweltschützer diesen Studien gern Schönrechnerei und fragwürdige Annahmen zugunsten von Einweg vor. Dennoch lässt sich aus den Bilanzen ein Fazit herausschälen: Vergleicht man dieselben Materialien miteinander – also etwa Glas mit Glas und Plastik mit Plastik -, gewinnt stets das Mehrweg-System. Kompliziert wird es mitunter beim detaillierten Vergleich unterschiedlicher Materialien: Eine (leichtere) Wegwerf-Plastikflasche kann unter bestimmten Annahmen ökologisch vorteilhafter sein als eine (schwerere) Mehrweg-Glasflasche, etwa bei weiten Transportwegen. Dennoch, in Summe konstatiert etwa das deutsche Umweltbundesamt: „Mehrwegflaschen sind umweltfreundlicher als Einwegflaschen.“

Abseits der generellen Frage nach dem besseren System geht aus den Studien manch verblüffende Detailerkenntnis hervor. So ist beispielsweise die allerumweltfreundlichste Getränkeverpackung ausgerechnet eine vielgescholtene Plastikflasche. Und zwar eine ganz bestimmte, die vor mehr als einem Jahrzehnt aus Österreichs Supermarktregalen entfernt wurde. Bis dahin gab es im Handel eine Mehrweg-PET-Flasche, befüllt beispielsweise mit Cola. Sie vereinte das geringe Gewicht von Plastik mit dem Vorteil der Wiederverwendbarkeit: aus Klimaschutzperspektive eine unschlagbare Kombination.

Umgekehrt findet sich unter den umweltschädlichsten Getränkeverpackungen just das (Einweg-)Glas. Es muss nach Benutzung mit derart hohem Energieeinsatz eingeschmolzen werden, dass die Schäden für das Klima höher ausfallen als bei vielen Kunststoffen.

Wie müssten also wahrhaft umwelt-und klimagerechte Getränkeverpackungen aussehen? Ein deutlich höherer Mehrweg-Anteil wie anno dazumal wäre ein großer Schritt, verbunden mit dem konsequenten Recycling jenes Mülls, der sich trotzdem nicht vermeiden lässt. Aber es gilt auch weitere Umstände mitzubedenken. So sollte es nicht nur mehr Mehrweg geben, sondern auch kurze Transportwege. Wenn Getränke durch ganz Europa gekarrt werden, bleibt die Öko-Bilanz trotz Mehrweg schlecht. Kurze Wege und viel Mehrweg wiederum lassen sich vor allem erreichen, wenn Getränkeverpackungen möglichst standardisiert und einheitlich sind.

In dieser Hinsicht würden in den Supermarktregale also tatsächlich wieder die 1990er-Jahre einkehren. Die Verpackungen wären gleichförmiger; nicht mehr jedes Getränk hätte sein eigenes, unverwechselbares Design. Aber vielleicht wäre das gar nicht so schlimm. Schließlich geht’s um den Inhalt.

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Eingeordnet unter Klimaschutz, Konsum, Umwelt und Klima

Neuer Weg

Aus profil 11/2019 vom 10.3.2019

70 Prozent. So hoch war in den 1990er-Jahren der Anteil an Pfandflaschen an Getränkeverpackungen in Österreich. Inzwischen ist der Anteil auf 20 Prozent geschrumpft. Hauptsächlich bei Bier hält sich noch Mehrweg. Dabei gelten Mehrweg-Flaschen, ob aus Glas oder Plastik, als weitaus umweltfreundlicher als ihre Einweg-Pendants.

Nun aber scheint angesichts von Klimawandel und Plastikmüll eine Renaissance von Mehrweg einzusetzen. Das Milchverarbeitungsunternehmen Berglandmilch im oberösterreichischen Wels verkündete soeben, acht Millionen Euro in zwei neue Mehrweg-Standorte in Tirol und Niederösterreich zu investieren. Die Handelsketten Spar und Rewe haben bereits erklärt, die Pfandflaschen-Milch ab Herbst ins Sortiment zu nehmen.

Möglicherweise wird es nicht bei Milch allein bleiben. Die Vöslauer GmbH -Österreichs Marktführer bei Mineralwasser und ursprünglich ein Pionier beim Umstieg von Mehrweg-Glas-auf Einweg-Plastikflaschen – hat bereits seit 2014 wieder eine PfandGlasflasche im Angebot. Die Zuwachsraten liegen jährlich im zweistelligen Prozentbereich. Andere Unternehmen könnten nachziehen. Schließlich gibt es auch außerhalb der Getränkeindustrie Gespräche über einen möglichen Umstieg auf Mehrweg. Konkret geht es dabei um Glasbehältnisse beispielsweise für Marmeladen, Sugos und eingelegtes Gemüse. Doch die Verhandlungen darüber stecken in der Frühphase fest, sagt ein Branchenkenner gegenüber profil. Nicht nur etwaige hohe Investitionskosten bereiten den Unternehmen Sorgen, sondern auch, dass es sogenannte „Normgebinde“ bräuchte: also einheitliche Glasbehälter für unterschiedliche Produkte. Angesichts dessen fürchten die Unternehmen um die Unterscheidbarkeit ihrer Waren.

Joseph Gepp

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Eingeordnet unter Klimaschutz, Konsum

„Es muss von Anfang an konsequente Regeln geben“

Aus profil 09/2019 vom 24.02.2019


Nina von Gayl forscht bei der Erste Group über Taschengeld und das Finanzwissen von Mädchen.

Kommenden Mittwoch findet wieder einmal der „Equal Pay Day“ statt. Bis zu jenem 27. Februar arbeiten Österreichs Frauen statistisch betrachtet unbezahlt. Der Hintergrund: Laut aktuellen Statistiken verdienen sie im Schnitt immer noch lediglich 84,1 Prozent des Einkommens der Männer. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass bereits kleine Mädchen über weniger Finanzwissen verfügen als Burschen. Nina von Gayl, Kuratorin im „Financial Life Park“, einem Info- Zentrum der Erste Group zu Finanzwissen (und selbst Mutter einer neunjährigen Tochter), legt dar, wie man das ändern könnte.

profil: Frau von Gayl, wie viel Taschengeld bekommt Ihre Tochter?

Von Gayl: Wir schlagen vor, dass unter Zwölfjährige 30 bis 50 Cent pro Woche bekommen sollten, multipliziert mit dem Lebensjahr. Aber meine Tochter erhält weniger, einen Euro pro Woche. Hoffentlich liest sie das jetzt nicht.

profil: Was sollen Eltern beim Vergeben von Taschengeld beachten, damit Kinder ein besseres Verständnis für Geld entwickeln?

Von Gayl:
Bei uns zu Hause ist das Taschengeld deshalb niedriger, weil meine Tochter viele Dinge extra bezahlt bekommt, zum Beispiel das Eis im Sommer. Das bringt mich zum ersten wichtigen Punkt: Es muss von Anfang an konsequente Regeln geben -etwa bei der Frage, welche Ausgaben vom Taschengeld abgedeckt werden und welche nicht. Weiters sollte das Taschengeld nicht im Rahmen von Bestrafungen gekürzt werden. Teenager sollten das Taschengeld monatlich bekommen. All diese Empfehlungen dienen dazu, dass die Kinder fix mit dem Geld rechnen können -und somit lernen zu budgetieren.

profil: Was können Eltern sonst noch tun?


Von Gayl:
Man sollte zu Hause darüber sprechen, wofür Geld ausgegeben wird. Die Kinder können ruhig wissen, wie teuer die Miete und Tickets für Verkehrsmittel kommen. Und es sollte vermittelt werden, dass Geldfragen interessant und wahnsinnig wichtig sind. Was passiert mit den 80 Cent, die ich für einen Schokoriegel ausgebe? Solche Fragen durchzubesprechen, kann Spaß machen.

profil: Mädchen verfügen über weniger Finanzbildung als Burschen?

Van Gayl: Darauf deuten einige Studien in europäischen Ländern hin. Ein Grundelement der Finanzbildung ist nämlich die Rechenfähigkeit -und es zeigt sich bereits in den Schulen, dass Burschen besser rechnen als Mädchen. Von den Mädchen wird in Sachen Mathematik häufig weniger erwartet. Das Problematische daran: Gerade Frauen müssen im Lauf ihres späteren Lebens finanziell stärker vorsorgen als die Männer. Denn sie leben länger, arbeiten öfter in Teilzeit und in schlechter bezahlten Branchen.

profil: Abseits vom Verhalten des Einzelnen -was müsste auf politischer Ebene geschehen, um die Finanzbildung von Mädchen zu verbessern?

Von Gayl: Bei der Ausbildung von Pädagoginnen und Pädagogen müsste viel mehr Bedacht darauf genommen werden, dass die Geschlechter gleich behandelt werden. Außerdem plädieren wir für die fixe Verankerung des Faches „Finanz-und Wirtschaftsbildung“ im Lehrplan der Schulen. Das ist bisher eine Querschnittsmaterie, die sich über mehrere Fächer erstreckt und häufig unter die Räder kommt.

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Reden wir über … Essiggurkerl

Aus dem profil 05/2019 vom 27.01.2019

Klaus Hraby, Geschäftsführer des oberösterreichischen Lebensmittelunternehmens Efko, über die Löhne von Erntehelfern – und warum Karamell-Gurkerl am Markt nachgefragt werden, zitronige aber nicht.

Interview: Joseph Gepp
Foto: Monika Saulich

Der 60-jährige Niederösterreicher Klaus Hraby arbeitet seit sechs Jahren als Geschäftsführer bei Efko. Hraby begann seine Karriere beim Fruchtsaft-Hersteller Yo und ist seit Jahrzehnten in der Lebensmittelindustrie tätig. Efko steht für „Eferdinger Kostbarkeiten“. Die GmbH aus dem oberösterreichischen Hinzenbach bei Eferding produziert knapp die Hälfte der österreichischen Essiggurkerl. Sie geht auf eine Gartenbaugenossenschaft zurück, die im Jahr 1941 gegründet wurde. Heute beschäftigt die Unternehmensgruppe 602 Mitarbeiter und verarbeitet jährlich rund 20.000 Tonnen Sauergemüse und Obstkonserven. Efko gehört zu 51 Prozent der Raiffeisen-Landesbank Oberösterreich und zu 49 Prozent einem Verbund von Landwirten.

Foto: Monika Saulich


profil: Herr Hraby, Ihr Unternehmen hat eine Abteilung für Produktentwicklung. Was gibt es bei Essiggurkerln noch zu entwickeln?


Hraby:
Auch wenn sie auf den ersten Blick profan erscheinen, stecken durchaus Technologie und Know-how dahinter. Mit Blick auf die landbauliche Seite wäre uns die Lösung einer Herausforderung wichtig: Die Gurkenernte ist eine sehr personalintensive Tätigkeit. Viele Landwirte haben Probleme, Erntehelfer zu finden. Wir wünschen uns deshalb einen Gurkerlernteroboter. In Deutschland wird daran schon geforscht; für Erdbeeren gibt es bereits Prototypen. Bis zur Serienreife wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Eine weitere Frage ist die Entwicklung neuer Rezepturen.

profil: Der Gewürzmischung, in der die Gurkerl schwimmen?


Hraby:
Da gibt es Klassiker, an denen wir nie etwas ändern. Wenn wir an unserer klassischen Delikatessgurke herumdoktern, trudeln auf der Stelle Reklamationen von eingefleischten Efkoianern ein. Das kommt am nächsten Tag. Aber es gibt auch Essiggurkerl-Varianten, bei denen Experimente möglich sind: etwa scharfe Gurkerl, solche mit Meersalz oder Blütenhonig. Für die kommende Saison haben wir ein Produkt in der Pipeline, das von konventionellen Geschmacksvarianten stark abweicht: Salted Caramell. Das haut wirklich auf den Tisch!

profil: Karamellgurkerl?

Hraby:
Unser Unternehmen muss dasjenige sein, das in der Kategorie Sauergemüse – also bei Gurkerln und anderem eingelegten Gemüse – mit neuartigen Kreationen Zeichen setzt. Immerhin sind wir mit 40 Prozent Marktführer in Österreich. Bei unseren Verkostungen stellen wir bei Salted Caramel fest: Die Hälfte lehnt es ab, die andere liebt es.

profil: Wie kommt man auf die Idee, Essiggurkerl mit Karamell zu versetzen?

Hraby:
Es geht auf einen Innovationskreis zurück, den wir im Jahr 2017 veranstaltet haben. Dabei wurde jede Projektgruppe von einem Mitarbeiter geführt, der nicht länger als ein Jahr im Unternehmen war. Da sind steile Geschichten rausgekommen. Komplett out of the box. Am Ende haben wir den Christbaum abgeputzt und die Ideen herausgefiltert, die Marktchancen haben könnten.

profil: Welche Ideen, die in solchen Zirkeln entstehen, fliegen raus?

Hraby: Es gibt mehrere, die nicht realisiert wurden. Aber vielleicht stecken da doch noch Ideen für die nächsten Jahre drin, deshalb verraten wir sie nicht.

profil: Gibt es Experimente, von denen Sie wissen, dass sie definitiv gescheitert sind?

Hraby:
Was wir in Tests versucht haben, ohne dass es zu einer Markteinführung kam, sind beispielsweise Gurkerl mit Zitrone. Wir dachten: Sowohl Zitrone als auch Gurkerl haben Säure und schmecken frisch – das passt doch gut. Aber in unseren Tests hat das nicht funktioniert, unter anderem, weil sich das Produkt bei längerer Lagerhaltung verfärbte.

profil: Wer verkostet Ihre Produkte bei solchen Tests?


Hraby:
Ein internes Team trifft sich wöchentlich.

profil: Ihr Klassiker ist ja besagte Delikatessgurke …

Hraby:
Ja, wobei, wie gesagt, da steht die Rezeptur seit 77 Jahren unabänderlich fest. Wasser, Essig, Gewürze, das ist es im Wesentlichen.

profil: Trotzdem sind Sie sicher der Meinung, dass die klassischen Efko-Gurkerln den Gurkerln Ihrer Mitbewerber vorzuziehen seien. Warum eigentlich?

Hraby: Zum einen stecken trotz aller Unabänderlichkeiten gewisse Besonderheiten in der Rezeptur. Die Mischung an Kräuteressenzen ist speziell. Darüber hinaus geht es aber auch um den Prozess. Im Sommer, in einem Zeitraum von ungefähr zwölf Wochen, werden unsere Gurkerl tagtäglich geerntet, angeliefert und sofort verarbeitet. Da muss alles reibungslos funktionieren. In unseren Kühlräumen steht die Rohware bis zur Verarbeitung höchstens einen Tag. Die kurze Zeitspanne ist wichtig für Qualität und Knackigkeit der Gurkerl. Bei diesem Prozess, also der optimierten Supply Chain, haben wir jahrzehntelange Erfahrung und viel Gespür.

profil: Manchmal findet man in einem Glas knackigere und weniger knackige Gurken. Warum?

Hraby:
Da steckt ein systemimmanentes Thema dahinter. Ab den frühen Morgenstunden wird geerntet. Bis ein Traktoranhänger voll mit rohen Gurken ist, dauert es gemeinhin einen halben Tag. Wenn die Temperatur im Sommer bei 35 Grad liegt, werden einige Gurken in diesem Zeitfenster etwas zu warm. Im Verzehr sind sie dann nicht mehr ganz so knackig. Wir kriegen über die Qualitätskontrolle am Werkseingang zwar viele raus, aber eben nicht alle. Das bereitet uns Kopfzerbrechen.

profil: Essen die Österreicher mehr oder weniger Essiggurkerl als früher?

Hraby: Das Essverhalten in Österreich hat sich verändert. Die klassische Jause am Abend findet weniger statt. Dabei hat man traditionell Gurkerl oder anderes eingelegtes Gemüse gegessen. Wir spüren das in Form eines leicht rückläufigen Marktvolumens. Wir konnten in den letzten Jahren unseren Marktanteil zwar ausbauen. Aber Fakt ist, dass der Markt für Sauergemüse stagniert, während beispielsweise mehr Frischgemüse als früher gekauft wird, genauso wie sogenanntes Convenience-Food, also vorgefertigte Produkte. Hier müssen wir dagegenhalten. Wir wollen junge Konsumenten ansprechen, etwa in sozialen Netzwerken. Wir sehen in Erhebungen, dass die Altersgruppe zwischen 18 und 24 zwar gerne Gurkerl isst, aber nur dann, wenn sie zu Besuch bei den Eltern ist. Von sich aus greifen die Jungen im Supermarkt selten zu Gurkerln. Deshalb wollen wir ein neues Bewusstsein schaffen. Übrigens: Sobald Kinder ins Haus kommen, werden die Gurkerl wieder mehr nachgefragt. Dann richtet man beispielsweise Brote für die Schuljause her. Und die Kinder essen die Gurkerl auch gerne.

profil: Teenager offenbar weniger. Wer Fast-Food- Lokale besucht, kann sie häufig dabei beobachten, wie sie Gurkerlscheiben mühselig aus ihren Hamburgern klauben.

Hraby: Wirklich? Mir wäre das nicht untergekommen. Würde ich so etwas sehen, würde ich sofort einschreiten!

profil: Stammen die Gurkerl in den Hamburgern auch von Efko?

Hraby: Nein, das sind Salzgurken, für die es für ganz Europa einen zentralen Lieferanten gibt, einen deutschen Betrieb. Wir führen aber in unserem Sortiment auch größere Glaseinheiten, die beispielsweise an Würstelstände und Heurigenlokale gehen, wo die Gurkerl als Beilage oder Garnitur kredenzt werden. Worum wir uns außerdem zentral bemühen, sind Feinkost-Theken in Österreichs Supermärkten. Es kann nicht sein, dass es dort eine Extrawurstsemmel ohne Efko-Gurkerl gibt. Da sind wir inzwischen recht erfolgreich unterwegs.

profil: Gurken werden seit jeher vor allem in Ostösterreich angebaut; der gebirgige Westen eignet sich klimatisch weniger dafür. Gibt es auch auch beim Gurkerl-Verzehr ein Ost-West-Gefälle?


Hraby:
Interessanterweise gibt es eines – noch dazu ein starkes – bei unserem Efko-Kartoffelsalat. Aber bei Gurkerln merken wir das nicht.

profil: Früher wurde Gemüse eingelegt, damit es lange haltbar bleibt und im Winter als Vitaminquelle zur Verfügung steht. Essen die Leute heute immer noch mehr Gurkerl zur kalten Jahreszeit?

Hraby: Ab Oktober legt der Verkauf um ungefähr 20 Prozent zu. Unser umsatzstärkster Monat ist der Dezember, auch deshalb, weil rund um Weihnachten zahlreiche Familienzusammenkünfte stattfinden, bei denen häufig Gurkerl zur Jause auf dem Tisch stehen. Wenn im Frühjahr die Frischgemüsesaison beginnt, lässt der Gurkerlverkauf wieder nach.

profil: Wo werden die Efko-Gurkerl angebaut?

Hraby: Regelrecht rund um den Kirchturm. Unsere Lieferanten sind maximal zehn Kilometer von unseren beiden Standorten in Österreich entfernt. Es sind Gemüsebauern mit 20 bis 40 Hektar Anbaufläche. Im Jahr 2018 hatten wir 15 Lieferanten, die circa 3800 Tonnen Rohware lieferten.

profil: 15 Lieferanten sind nicht viel.

Hraby: Vor 50 Jahren hatte Efko noch 600 Lieferanten. Das waren teilweise Leute, die in ihrem eigenen Garten Gurkerl angebaut haben. Zur Erntezeit haben sie ein Jutesäckchen auf ihr Fahrrad oder Moped gepackt und es hergebracht. Inzwischen hat sich der Prozess professionalisiert. Für einen Kleingartler zahlt sich das längst nicht mehr aus.

profil: Wer erntet die Gurken?


Hraby:
Um einen Gurkenflieger (siehe „Assoziationen“ weiter unten) zu bedienen, braucht man 25 Leute: einen Fahrer und 24 Pflücker. In Summe muss ein Landwirt während der zwölfwöchigen Erntezeit auf einen Pool von bis zu 35 Personen zurückgreifen können, um mit der maximalen Arbeitszeit pro Pflücker kein Problem zu bekommen. Diese müssen untergebracht und verköstigt werden; man muss Wäsche waschen und die medizinische Versorgung organisieren. Für einen Landwirt ohne Management-Erfahrung ist das eine Herausforderung, mit der er erst einmal zurechtkommen muss. Ein robustes Nervenkostüm ist auch kein Nachteil.

profil: Woher stammen die Erntehelfer?

Hraby: Meistens aus Osteuropa. Gurkenpflücker aus Österreich findet man fast keine. Das erste Ziel für unsere Bauern sind EU-Bürger aus Rumänien, Bulgarien oder Polen. Unter ihnen gibt es Leute, die jedes Jahr aufs Neue kommen, weil sie bereits seit Jahrzehnten pflücken und die Landwirte gut kennen. Aber neue Pflücker dazuzugewinnen, ist inzwischen auch im EU-Inland schwierig. Deshalb schauen sich die Landwirte in Drittstaaten um, im Kosovo oder der Ukraine. Die Beschäftigung dieser Leute ist aufwendig und bürokratisch – allein über die Arbeitsbewilligungen könnte ich stundenlang erzählen. Das Personalproblem gibt es nicht nur in der Gurkerlerzeugung, sondern im gesamten personalintensiven Landbau. Genauso wie Gurkerl muss beispielsweise auch jeder Eisbergsalat händisch geschnitten werden. Bei jedem Wetter, millionenfach, und in gebückter Haltung.

profil: Wie viel verdient ein Gurkenpflücker?

Hraby: Netto bleiben ihm 1200 bis 1400 Euro pro Monat, je nach Überstunden. Das ist im Landarbeiterkollektivvertrag geregelt. Kost, Logis und anteilige Sonderzahlungen sind auch noch zu berücksichtigen. Für die schwere Arbeit und für österreichische Verhältnisse ist das ein sehr niedriger Lohn. Aber für ukrainische Standards ist es gutes Geld. Deshalb funktioniert das System.

profil: Haben Sie Sorge, dass sich der Gurkenanbau in Österreich irgendwann nicht mehr rentiert, weil die Landwirte keine Arbeiter mehr finden oder weil es sich schlicht für sie nicht mehr auszahlt?

Hraby:
Das Problem ist, dass wir als österreichisches Erzeugnis gegen ausländische Billigproduzenten antreten müssen. Im österreichischen Handel findet man beispielsweise Gurkerl aus Indien. Sie werden mit riesigem CO2-Fußabdruck um den Globus transportiert. Und sie sind spottbillig, weil Arbeitskräfte in Indien fast nichts kosten. Gegen solche Mitbewerber müssen wir uns durchsetzen, mit unserer bekannten Marke und der österreichischen Herkunft unserer Gurkerl. Wir schauen, dass für unsere Landwirte eine Umsatzrendite von zwei bis fünf Prozent herauskommt. Das ist nicht wahnsinnig hoch, aber auch nicht nichts. Irgendwann könnte trotzdem die Gefahr drohen, dass die Bauern vom Gurkenanbau nicht mehr leben können. Gurkerl österreichischer Herkunft würden es dann nicht mehr geben. Aber so weit sind wir glücklicherweise noch lange nicht. Trotzdem: Wenn wir erfahren, dass ein Gemüsebauer unter unseren Lieferanten nicht aufhört, sondern der Betrieb von seinem Sohn weitergeführt wird, dann machen wir hier schon ein Fass Bier auf. Interview: Joseph Gepp

Fünf Assoziationen zum Thema Essiggurkerl:

„Sauregurkenzeit“
nennt man in Deutschland das Sommerloch, also jene Hitzewochen, in denen politisch, geschäftlich und medial wenig los ist. Woher der Begriff stammt, ist unklar. Möglicherweise hat er gar nichts mit Gurken zu tun, sondern ist eine Verballhornung des jiddischen „Zores“, was Ärger oder Wirrwarr bedeutet.

Der Gurkenflieger
ist jenes Gefährt, das zur Erntezeit langsam über die Gurkenfelder rollt. Auf seinen Flügeln liegen bäuchlings zwei Dutzend Pflücker, um die Gurken in mühevoller Handarbeit zu brocken. Das Gerät ähnelt entfernt einem großen Segelflugzeug.

Die Extrawurstsemmel mit Gurkerl ist eine Art österreichisches National-Fast-Food und Lieblingsspeise von Kommissar Rex. Ein Klecks Senf darf sein, Butter nicht.

Dass Schwangere gern Heißhunger auf Essiggurkerl haben, dürfte ein Mythos sein. Eine Befragung von 1000 Schwangeren in den Niederlanden im Jahr 2006 ergab, dass sie diese nicht häufiger essen als vor Beginn der Schwangerschaft.

Erwin Wurm hat Essiggurkerl zum Kunstwerk erhoben. 2008 verfertigte er „36 Selbstporträts als Essiggurkerl“, eine Installation aus Gurken, die in Akryl gegossen und hyperrealistisch bemalt waren.

Weitere Gespräche aus der Reden-wir-über-Reihe:

Reden wir über … Ziegel
Reden wir über … Klammermaschinen

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Eingeordnet unter Konsum, Kurioses, Wirtschaft

Ausgeliefert

Aus dem profil 02/2019 vom 07.01.2019

Seit Jahren wird beklagt, dass die großen Supermarktketten kleine Landwirte und Lebensmittelproduzenten ausbeuten. Jetzt will die Politik in Wien und Brüssel mit neuen Gesetzen gegen unlautere Geschäftspraktiken vorgehen.


Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

Ein Wochenende im Frühsommer. Die Österreicher zieht es ins Freie, die Grillsaison steht an. Der Lebensmittelhandel rechnet damit, dass die Konsumenten in den kommenden Tagen massenhaft Salat kaufen werden, um ihn zum Grillfleisch zu verzehren. Also ordern die Supermarktketten bei ihren Lieferanten Zehntausende Salathäuptel. Doch es regnet, und die Grillpartys fallen buchstäblich ins Wasser. Den liegen gebliebenen Salat schicken die Ketten zurück an die Produzenten, auch wenn das in keinem Vertrag jemals so vorgesehen war. Die Landwirte bekommen keinen Cent, obwohl sie den Salat nur noch wegwerfen können. Überdies müssen sie die Kosten für die Entsorgung tragen.

Es ist eine Episode von vielen. Sie wirft ein Schlaglicht auf einen Missstand in Österreich, über den kaum jemand spricht. Im Lebensmittelhandel stehen Tausende kleine und mittelständische Produzenten einer Handvoll großer Ketten gegenüber. Die Konstellation führt zu einem dramatischen Machtungleichgewicht. Die großen Konzerne, so geht seit Jahren die Klage, diktieren ihren Lieferanten gnadenlos Bedingungen, beuten sie aus und setzen sich über vertragliche Verpflichtungen einfach hinweg.

Kaum jemals deklarieren sich Betroffene öffentlich – immerhin steht häufig ihre wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel. Dennoch ist das Problem so virulent, dass sich die EU-Institutionen in Brüssel Ende Dezember -noch unter der Ägide der österreichischen Ratspräsidentschaft -auf ein umfangreiches Gesetzesbündel geeinigt haben. Ein „Verbot von unlauteren Handelspraktiken in der Lebensmittelversorgungskette“ soll mehr Fairness sicherstellen. „Wir müssen denjenigen zur Gerechtigkeit verhelfen, die sich völlig unverschuldet in einer schwachen Verhandlungsposition befinden“, sagt Phil Hogan, Landwirtschaftskommissar in Jean-Claude Junckers EU-Kommission und selbst Sohn irischer Bauern.

Auch in Österreich tut sich etwas. ÖVP- Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger – sie entstammt ebenfalls einer Bauernfamilie und begann ihre politische Karriere im schwarzen Bauernbund – hat das Thema nicht nur auf EU-Ebene zum Schwerpunkt erklärt, sondern stieß auch hierzulande Maßnahmen an. „Wir sehen das Problem der Übermacht der Handelsketten“, erklärte die Ministerin. Künftig soll es etwa eine Ombudsstelle geben, bei der Handelsunternehmen und ihre Lieferanten außergerichtlich Streitigkeiten beilegen können. Außerdem wurde bei der Bundeswettbewerbs behörde eine anonyme Hotline eingerichtet, bei der Betroffene Missstände melden können. Wie wirkungsvoll sind diese Initiativen? Ist es notwendig, dass die Politik mit Verboten in Geschäftsbeziehungen auf dem freien Markt eingreift? Und wie stellen sich die Missstände im Einzelnen dar?

Die Grundkonstellation ist jedenfalls problemanfällig, so viel steht fest. In Österreich etwa haben die drei größten Ketten Spar, Rewe (Billa, Merkur, Bipa, Penny) und Hofer gemeinsam einen Marktanteil von 86 Prozent. Die EU-Kommission ortet „unterschiedlich starke Verhandlungspositionen der einzelnen Akteure in der Lebensmittelversorgungskette“. Die Folge: „Lieferanten müssen eine Fülle von offiziellen und versteckten Rabatten akzeptieren, wenn sie mit dem Handelsunternehmen in Geschäftsbeziehung bleiben wollen“, erklärt Christian Jochum von der Landwirtschaftskammer. „Dazu kommen verspätete Zahlungen vonseiten der Ketten und einseitig vorgeschriebene Qualitätsanforderungen ohne preisliche Abgeltung.“

Konkrete Fälle werden kaum je publik. Nur wenige – meist prominentere – Unternehmen haben es sich in den vergangenen Jahren geleistet, gegen die Ketten aufzubegehren. Eines davon ist der Fleischereibetrieb Neuburger aus dem oberösterreichischen Mühlviertel. Im Jahr 2004 entfernte Billa den Neuburger-Leberkäse aus seinem Sortiment, weil das Unternehmen darauf bestand, aufgrund höherer Produktionskosten den Verkaufspreis zu erhöhen. Neuburger geriet zwar in wirtschaftliche Turbulenzen, konnte sich letztlich aber durchsetzen. Nach zwei Jahren hielt der Leberkäse wieder Einzug in den Billa-Regalen.

Doch man muss gar nicht so weit in die Vergangenheit zurückblicken, um die Ungleichgewichte in diesen Geschäftsbeziehungen auszumachen. So hatten etwa Österreichs Erdäpfelbauern immer wieder mit schwerem Schädlingsbefall zu kämpfen: Der Drahtwurm vernichtete in der vergangenen Saison in manchen Regionen bis zu 40 Prozent der Ernte. Obwohl es Schädlingsbekämpfungsmittel gibt, die laut Gesetz auch verwendet werden dürfen, akzeptierten die Lebensmittelketten aufgrund eigener, schärferer Umweltschutzauflagen den Einsatz nicht. „Im Jahr davor haben wir Bauern von diesem Verbot erst erfahren, als die Erdäpfel schon gelegt waren“, sagt Lorenz Mayr, Landwirt in Niederösterreich. Die Folge: Jene Bauern, die Pflanzenschutzmittel eingesetzt hatten, fanden für ihre einwandfreien Feldfrüchte ebenso wenig Abnehmer wie jene, die darauf verzichteten. Denn wurmstichige Kartoffeln kauft niemand. Und so wanderten Tausende Tonnen Erdäpfel statt ins Supermarktregal in die Biogasanlage. „Die Kosten dafür werden auf die Produzenten abgewälzt“, sagt Mayr.

Bereits im kommenden März werden voraussichtlich keine heimischen Erdäpfel mehr im Handel erhältlich sein. Stattdessen muss man sie importieren, etwa aus Israel oder Ägypten. Dies führt die Bemühungen der Handelsketten um hohe Umweltschutz-und Biostandards erst recht ad absurdum – denn die Importware unterliegt, im Gegensatz zur heimischen, keinen strengen Regelungen. Das heißt, die Konsumenten greifen ab März zu Gemüse, das deutlich stärkerem Pestizideinsatz ausgesetzt war und außerdem Tausende Kilometer weit transportiert wurde.

Um gegen solche Missstände anzugehen, haben sich kurz vor Weihnachten EU-Kommission, Rat und Europaparlament überraschend auf neue Regeln geeinigt. In rund 20 EU-Staaten gibt es zwar bereits nationale Regelungen für Fairness in den Geschäftsbeziehungen. Doch diese unterscheiden sich erheblich voneinander. Nun wurden EU-weit 16 unlautere Handelspraktiken definiert, um einen Mindestschutz in der gesamten Union zu gewährleisten. Gelten sollen die Regelungen ab 2021. Zwar müssen sie von EU-Parlament und Mitgliedsstaaten noch offiziell angenommen werden. Doch das gilt als Formsache.

So dürfen künftig – unter anderem – Werbeausgaben nicht mehr auf die Lieferanten abgewälzt werden. Bei der Lieferung von verderblichen Waren müssen Stornierungen mindestens 30 Tage im Voraus getätigt werden. Verspätete Zahlungen von verderblichen Waren werden nicht mehr akzeptiert. Verträge dürfen nicht mehr einseitig oder rückwirkend geändert werden.

Dass man ein Verbot des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln den Bauern erst nach Aussaat mitteilt, wird also nicht mehr erlaubt sein. Genauso wenig dürfen etwa Salathäuptel nicht mehr ohne Vorankündigung und Entschädigungszahlung an Lieferanten zurückgeschickt werden.

Bei Zuwiderhandlungen ist mit Geldbußen zu rechnen. Dafür sorgen soll eine Behörde, die in jedem Mitgliedsland neu zu gründen ist. In Österreich wird die Aufgabe aller Voraussicht nach die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) übernehmen. Bereits im Sommer präsentierte die BWB gemeinsam mit Landwirtschaftsministerin Köstinger einen Katalog „für unternehmerisches Wohlverhalten“. Der Leitfaden soll Unternehmen, aber auch landwirtschaftlichen Betrieben dabei helfen, „zu erkennen, welche Handlungsweisen als fair betrachtet werden“, sagte BWB-Chef Theodor Thanner bei der Präsentation. Der Katalog listet einige „Ausbeutungspraktiken“ auf, wie zum Beispiel das „Fordern sachlich nicht gerechtfertigter Rabatte oder Sonderkonditionen“.

Wer sich unfair behandelt fühlt, kann dies auch anonym bei der BWB melden – mittels einer Whistleblower-Website, die neu eingerichtet wurde. 24 Nachrichten seien auf diese Weise bisher bei der BWB eingelangt, berichtet Sarah Fürlinger, Sprecherin der Behörde. Die Meldungen bezögen sich aber nicht nur auf Lebensmittelhändler und deren Lieferanten, sondern umfassten alle Branchen, so Fürlinger.

Landwirtschaftsvertreter sehen in diesen Maßnahmen einen Erfolg. „Sie bringen für alle Beteiligten mehr Fairness und Transparenz und führen dazu, dass kleine Erzeuger vor unfairen Geschäftspraktiken geschützt sind“, sagt Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger. Er lobt auch Köstinger dafür, sich „des Themas intensiv angenommen“ zu haben. Was aber sagen die Handelskonzerne dazu? Rainer Will -Geschäftsführer des Handelsverbandes, der Österreichs Supermarktketten vertritt -nennt die heimischen Handelskonzerne ohnehin „EU-weite Vorreiter“ im Kampf gegen unlautere Geschäftspraktiken. Dass nun neue Maßnahmen in Kraft treten, begrüße man prinzipiell. „Sie bringen weitere Verbesserungen entlang der Wertschöpfungskette“, sagt Will: „Damit haben wir absolut kein Problem.“

Nur etwas missfällt dem Handel: Die neue EU-Richtlinie wird für alle Lieferanten mit einem Jahresumsatz bis 350 Millionen Euro gelten. Diese Umsatzgrenze sei zu hoch, kritisiert Will. Sie schütze nicht nur Landwirte, sondern etwa auch internationale Großkonzerne. „Das ist ein unverhältnismäßiger Eingriff in den Wettbewerb und grob fahrlässig.“ Die Landwirtschaftskammer hält auf profil-Anfrage mit einem Beispiel dagegen: Auch Österreichs Molkereien -die von den Bauern beliefert werden -erzielten einige Hundert Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Demnach bedeute ein hoher Umsatz allein noch nicht, dass keine Schutzbedürftigkeit im Sinn der neuen EU-Regeln besteht.

Die neuen Regeln auf österreichischer und europäischer Ebene werden mit einiger Wahrscheinlichkeit dazu beitragen, Missstände zu bekämpfen – auch deshalb, weil aufgrund der intensiven Debatte zwischen Handelsketten und Lieferanten künftig wohl ein höheres Problembewusstsein besteht. Allerdings können die neuen Regeln an einem grundlegenden Dilemma nur wenig ändern: Im stark umkämpften österreichischen Supermarktsektor wetteifern auch weiterhin wenige Ketten gegeneinander. Die Leidtragenden werden, über weite Strecken, auch künftig Landwirte und Lieferanten sein.

Beispiel Bio-Lebensmittel. Ihre angebotene Vielfalt ist erfreulich für die Konsumenten, weite Teile der Bauernschaft stellt sie aber vor erhebliche Probleme. Da kämpfen Rewe mit „Ja! natürlich“, Spar mit „Natur pur“ und Hofers „Zurück zum Ursprung“ um Marktanteile. Um sich von den Mitbewerbern abzugrenzen, werden von den Lieferanten immer strengere Auflagen verlangt. Seit 2016 stammt Milch von „Ja! natürlich“ von Kühen, die niemals im Stall angebunden werden. Nun will „Zurück zum Ursprung“ nachziehen. Für viele Landwirte ist das aber nicht machbar. Der Hintergrund: Vor allem in Österreichs Gebirgsregionen können die Tiere schon aufgrund der klimatischen Bedingungen nicht das gesamte Jahr im Freien auf der Weide verbringen. Im Winter müssen sie in den Stall. Das lässt sich zwar bewerkstelligen, wenn die Bauern großzügig dimensionierte Laufställe bauen, in denen sich die Tiere frei bewegen können. Aber: Für solche Laufställe fehlen vielen Bauern nicht nur die Kapitalmittel, sondern schlicht auch Flächen, zum Beispiel in steilen Hanglagen.

Die Folge: Auch die Produkte jener Bauern, die auf das Tierwohl achten, fliegen aus den rigoros konzipierten Bio-Programmen der Supermärkte. „Wir verwenden keinen Kunstdünger und arbeiten nach biologischen Grundsätzen“, sagt etwa ein Milchbauer aus dem Flachgau. „Trotz alledem können wir aber keine Biomilch verkaufen, weil die Maße unseres Laufstalles nicht zu den Vorgaben des Handels passen.“ Nachsatz: „Die Entwicklungen gehen immer schneller, aber die Preise gehen nicht mit.“

Die Auswüchse eines rabiaten Wettbewerbs unter wenigen Großen landen also auf dem Rücken vieler kleiner Landwirte und Lieferanten. Daran können auch die neuen EU-Regeln nur wenig ändern.

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Eingeordnet unter Konsum

Kein Weg

Aus profil, 36/2018 vom 03.09.2018

Österreichs Supermärkte bieten neuerdings Milch in Glasflaschen statt in Kartons an. Ökologisch jedoch bringt das rein gar nichts, weil es sich um Einwegbehältnisse zum Wegwerfen handelt. Mehrweg-Getränkeverpackungen hingegen haben seit Jahren einen schweren Stand.

Von
Joseph Gepp

Neues gibt es derzeit in Österreichs Supermarktregalen. Erstmals seit vielen Jahren bieten die Handelsketten Spar, Billa und Hofer wieder (Bio-)Milch und Joghurt in Glasflaschen an statt in Bechern und Tetra-Packs. Allerdings: Was manch Kunden aus nostalgischen Gründen erfreuen mag, bringt ökologisch rein gar nichts. Bei den neuen Glasverpackungen handelt es sich um Wegwerfgebinde für den einmaligen Gebrauch. Selbst wenn man sie brav im Altglascontainer entsorgt, ist der Ressourcen-und Energieaufwand mindestens ebenso hoch wie bei den bisherigen Kartons. „Mit Einweg-Glas hat man sich für den falschen Weg entschieden“, kritisiert die Wiener Umweltberatung in Richtung der Handelskonzerne.

Diese rechtfertigen sich mit Verweis auf einen Mangel an Alternativen. „In Österreich gibt es derzeit leider keinen Betrieb, bei dem die Abfüllung in Glasgebinde im Mehrwegsystem möglich wäre“, heißt es etwa vonseiten der Billa-Mutter Rewe. Wie sieht es generell aus bei Mehrweggetränkeverpackungen in Österreich?

Diese sind zwar laut einhelliger Expertenmeinung die eindeutig umweltfreundlichere Variante – eine Mehrwegflasche kann bis zu 40 Mal wiederverwendet werden. Dennoch haben sie seit Jahren einen schweren Stand. Der Anteil an Mehrwegverpackungen stürzte in den vergangenen Jahrzehnten geradezu ab. Im Jahr 1997 lag er noch bei knapp 70 Prozent aller Getränkeverpackungen; im Vorjahr betrug er laut Wirtschaftskammer nur noch 22 Prozent.

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Hinter dem rapiden Rückgang steckt eine „Deregulierungsgeschichte, made in Austria“, kritisiert Christian Pladerer vom österreichischen Ökologie- Institut. Früher gab es noch fixe gesetzliche Quoten, wie hoch der Mehrweganteil je Getränkesegment sein musste – und der Anteil hielt sich stabil. Im Lauf der 1990er-Jahre jedoch wurden die Vorgaben gelockert, ehe sie die erste schwarz-blaue Regierung 2001 ganz abschaffte. Anstelle der bisherigen Quoten trat eine freiwillige Selbstverpflichtung der Getränkewirtschaft. Eine Maßnahme, die ihren Zweck seither nicht erfüllt hat. Derzeit fallen in Österreich laut Schätzung der Umweltabteilung der Stadt Wien jährlich vier Milliarden Stück Einwegflaschen und -dosen als Abfall an.

In den vergangenen Jahren konnte sich der Mehrweganteil immerhin – auf niedrigem Niveau – stabilisieren. Dies ist vor allem den Brauereien zu verdanken, die ihr Bier immer noch oft in klassische Halbliterflaschen füllen, traditionell Mehrwegbehältnisse. Auch in Gastronomiebetrieben ist der Mehrweganteil hoch. Und auch Mineralwasser gibt es immer wieder in Mehrweg-Glasflaschen.

In vielen anderen Bereichen jedoch heißt es: Wegwerfen bitte! Fruchtsäfte bekommt man in Österreichs Supermärkten eher selten in Mehrwegverpackungen, ebensowenig wie Limonaden. Und die besagte Milch? Konsumenten haben kaum Möglichkeiten, sie in umweltfreundlichen Mehrwegglasflaschen zu erwerben. Die Einzigen, die dies derzeit anbieten, sind einige verstreute Bio-Läden – und Milchbauern.

Mehrweganteil bei Getränken in Österreich (ohne Milch, Soda, Fässer und Container)

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„Keine Instandhaltung“

Aus profil 38/2017

Der Fall Fairphone: Wie ausgerechnet ein Handy mit Weltverbesserungsanspruch zur Wegwerfware mutiert.

Von
Joseph Gepp

Schon einmal vom „Fairphone“ gehört? Dieses Smartphone aus den Niederlanden will das Gegenkonzept zu den Massenprodukten aus dem Hause Apple und Samsung sein. Das Fairphone kostet zwar stolze 521 Euro, dafür ist es aber unter gerechten Bedingungen produziert, etwa ohne Mineralien aus Kriegsgebieten. Und: Die Möglichkeit langer Wartung und die Verfügbarkeit von Ersatzteilen sollen dafür sorgen, dass man ein Fairphone deutlich länger besitzt als handelsübliche Smartphones. Sozial und ökologisch verträglich, so lautet zumindest der Anspruch.

Umso peinlicher eine Mitteilung des Unternehmens, die derzeit per E-Mail bei österreichischen Fairphone-Besitzern eintrudelt. Für die vielverkaufte erste Edition des Geräts – Baujahr: 2013 – stünden keine Ersatzteile mehr zur Verfügung. „Wir bedauern sehr, dass wir die Instandhaltung für das Fairphone 1 beenden müssen.“ Konsequenz: Ist ein Teil des Telefons kaputt, kann man das ganze Gerät wegwerfen. So war das wohl nicht gedacht mit der Nachhaltigkeit.

Die Hintergründe beschreibt Fairphone-Gründer Bas van Abel auf seiner Website. Das chinesische Unternehmen Guohong, welches das Fairphone 1 fertigte, habe seine Tätigkeit eingestellt. Deshalb mussten jene Lieferanten, welche unterschiedliche Ersatzteile fertigen, einzeln kontaktiert und beauftragt werden. Diese produzieren aber nur in großen Mengen – größeren, als Fairphone sie benötigt. Manche Teile werden aufgrund ihres Alters gar nicht mehr produziert. „Wir haben alles versucht, neue Lieferanten zu finden und sie zu überzeugen, die Teile zu fertigen, die wir benötigen“, schreibt van Abel. „Aber es war unmöglich.“

Was neuere Editionen des Fairphones betrifft, gelobt der Firmengründer Besserung. Man werde auf Jahre den Ersatzteilbedarf vorausplanen, verspricht er. Trotz alledem: In Zeiten global tätiger Lieferketten ist das mit dem Fair-sein gar nicht so einfach.

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