Archiv der Kategorie: Energie

Kämpfen gegen Kapriolen

Aus profil 35/2017

Sie platzieren Käferfallen im Wald, planen raffinierte Lüftungssysteme und pflanzen neue Rebsorten an. Wie ein Förster, ein Bautechniker und eine Winzerfamilie ganz konkret mit den Folgen des Klimawandels umgehen.

Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

DIE WINZER
Willi und Vincent Bründlmayer, Weingut Bründlmayer, Langenlois, Niederösterreich

„Heuer ist ein extremes Jahr“, sagt Willi Bründlmayer und blickt einem Reh nach, das sich zwischen den Weinstöcken aus dem Staub macht. Für den Winzer ist der Klimawandel eine Tatsache -wiewohl er nach Lektüre des Buchs „Was auf dem Spiel steht“ des Kulturhistorikers Philipp Blom eher von einer „Klimakatastrophe“ sprechen würde.

Eigentlich weiß Bründlmayer schon seit Mitte der 1980er-Jahre Bescheid. Ein US-Klimaforscher, zu Gast bei einer Weinverkostung, erzählte von seinen Computermodellen. Bründlmayer bat ihn um eine Prognose für Langenlois. „Alles, was er vorhergesagt hat, ist tatsächlich eingetroffen“, erzählt der Weinbauer. Dass die Durchschnittstemperatur um ein Grad steigen würde, dass es längere Trockenphasen und extremere Niederschläge geben wird – all das ist mittlerweile längst empirisch bestätigt.

An der Weinbauschule Krems wird seit Mitte der 1960er-Jahre die sogenannte Blühzeitkurve erhoben. Während damals die durchschnittliche Blütezeit der Weinstöcke zwischen Mitte und Ende Juni lag, verschob sie sich ab Beginn der 1990er-Jahre auf Anfang bis Mitte Juni -das Messgerät des Winzers ist der Rebstock. „Trotzdem gibt es noch immer Kollegen, welche die Situation ignorieren“, sagt Bründlmayer. „Wir aber konnten rechtzeitig auf sie reagieren.“

Hier sind ein paar Beispiele: Etwa 20 Hektar Weingarten werden durch Netze vor Hagel geschützt. Das stört zwar das ästhetische Empfinden des Winzers, erhält aber im Katastrophenfall zumindest einen Teil der Ernte. Um die Trauben seiner besten Lagen vor allzu großem Stress zu schützen, hat Willi Bründlmayer -zusammen mit Kollegen -bereits Ende der 1980er-Jahre eine Tröpfchenbewässerung installieren lassen. „Würden wir das nicht machen, würden viele Terrassen unkultiviert bleiben“, so Sohn Vincent. Die Trauben für den gefeierten Riesling vom Heiligenstein wären auch heuer ohne Bewässerung schon in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Weinbauern im Kamptal haben im gesamten Gebiet Wetterstationen verteilt. Die gesammelten Daten werden elektronisch übertragen und sind für alle beteiligten Winzer zugänglich. So kann recht kleinräumig auf die Bedürfnisse im Weingarten eingegangen werden: Welche Lage hatte die wenigsten Niederschläge und sollte deshalb dringend bewässert werden? Wo hat es so viel geregnet, dass man jetzt besser darauf verzichten sollte, mit dem Traktor in den Weingarten zu fahren, weil man sonst den Boden extrem verdichten würde? In einer Branche, die derart stark von äußeren Einflüssen geprägt ist, wird möglichst wenig dem Zufall überlassen. Denn eine Traube, die unter Stress steht, reagiert -im wörtlichen Sinne -mit Verbitterung und baut Gerbstoffe auf.

Einem Teil ihrer Weinstöcke lassen die Bründlmayers die sogenannte Lyra-Erziehung angedeihen. Dabei werden die Reben so geteilt, dass über dem Stamm zwei y-förmig auseinanderstrebende Laubwände formiert werden. Die Blätter schützen die Trauben vor aggressivem Sonnenlicht. Dieses in Bordeaux entwickelte Erziehungssystem hat allerdings seinen Preis. Man benötigt die doppelte Menge an Unterstützungsmaterial (Pfähle, Drähte) als bei den in Österreich üblichen Hochkulturen. Und der Arbeitsaufwand beträgt ein Vielfaches. Denn die Laubwände müssen zwei-bis dreimal jährlich händisch entflochten werden, um den freien Luftraum in der Mitte des Stockes wiederherzustellen.

Und manchmal muss man umdenken und sich von alten Gewohnheiten trennen: „Müller-Thurgau und Frühroten Veltliner haben wir gerodet und durch andere Sorten ersetzt. Die standen zwar in unseren kühlsten Lagen, aber selbst dort ist es für diese zu warm“, erzählt Sohn Vincent. Dafür ist mittlerweile der Rotweinanteil bei den Bründlmayers mit mehr als 25 Prozent für die Region untypisch hoch. So werden etwa mit Merlot und Cabernet Franc am Fuße des Heiligensteins spätreifende Sorten angebaut. „Das wäre vor 30 Jahren in Langenlois nicht möglich gewesen“, sagt Willi Bründlmayer.

Eigentlich sehen sich die beiden Winzer derzeit als Klimagewinner. Ihre wichtigsten Sorten, Grüner Veltliner und Riesling, gedeihen unter den aktuell herrschenden Bedingungen prächtig. „Aber man müsste auf ‚Stopp‘ drücken können“, sagt Bründlmayer Senior. „Denn wenn es mit der Erderwärmung in diesem Tempo weitergeht, werden massive Probleme auf uns alle zukommen.“

DER FÖRSTER
Thomas Lengger Reidlingberg, Wang, Niederösterreich

„Schauen Sie, neue Buchen“, sagt Thomas Lengger. Der Förster deutet vom Forstweg in den Wald, und stapft sogleich mit weit ausholenden Schritten in das Unterholz hinein, um die Neuankömmlinge zu begutachten. „Buchen, Kiefern, Lärchen, Eichen“, sagt Lengger. „Der Wald schaut heute anders aus als früher.“

Der Reidlingberg, ein idyllisch-bewaldeter Hügel im niederösterreichischen Mostviertel, im Besitz der Österreichischen Bundesforste (ÖBf). Lengger ist hier Revierleiter, 26, ein Bergbauernkind aus der Steiermark mit schweren Wanderschuhen und einem Jeep, der oben auf dem Forstweg parkt. In diesem Job erlebt Lengger an vorderster Front, wie sich der Klimawandel auf den Wald auswirkt.

Die Veränderung ist massiv. Sie zeigt sich etwa in der Zusammensetzung der Baumsorten, nicht nur am Reidlingberg. Früher war die Fichte „das Nonplusultra in den Wäldern“, sagt Lengger. Viele von ihnen bestanden weitgehend aus Fichten. Forstwirte nennen den Nadelbaum bis heute Österreichs „Brotbaum“, weil er schnell wächst und das Holz vielseitig einsetzbar ist.

Auch heute noch schießen zwar rund um Lengger hauptsächlich Fichten in die Höhe, kerzengerade wie Säulen in einem antiken Tempel. Aber sie verlieren an Bedeutung. Zwischendrin machen sich andere Baumarten breit. „Wo viel Licht ist, gedeiht gern der Ahorn“, erklärt der Förster. „Und im Schatten wachsen Tannen.“

Bei den Fichten hingegen sei es ungefähr seit der Jahrtausendwende zu immer mehr Problemen gekommen. Sie brauchen mehr Feuchtigkeit und Kühle als andere Bäume; ihr hoher, gerader Wuchs macht sie anfällig für Sturmschäden. Keine guten Voraussetzungen in Zeiten des Klimawandels. „Der Wald ist trockener als früher“, sagt Lengger. Aus Trockenheit und Sturmschäden ergeben sich Folgeprobleme – etwa der Borkenkäfer, der über geschwächte Bäume herfällt. Gegen diesen wird etwa mit Käferfallen vorgegangen, die im Wald aufgestellt werden. All das erhöht Kosten und Aufwand für die Erhaltung der Fichtenwälder in Österreich enorm.

Die Fichte gedieh ursprünglich in höheren Lagen -vor rund zwei Jahrhunderten jedoch wurde sie auch im flacheren Osten Österreichs wegen ihrer Vorteile im großen Stil angesetzt. Sie verdrängte die ursprünglichen Laubwälder. Und gedieh prächtig, ehe sich das Klima zu verändern begann.

„Das Thema Klimawandel beschäftigt uns täglich“, sagt Rudolf Freidhager, Vorstandschef der Bundesforste. Das Jahr 2014 gilt als das letzte in Österreich, das in forstwirtschaftlicher Hinsicht einigermaßen regulär ausfiel. Seither beträgt die Menge des schadhaften Holzes jährlich jeweils 50 bis 60 Prozent der gesamten Ernte. „Es hat zwar immer schon Wetterextreme wie Dürre, Regen und Sturm gegeben, aber nie zuvor in einem derart hohen Ausmaß.“ Die Bundesforste sehen sich deshalb mit steigenden Kosten konfrontiert. Beispielsweise schlägt sich die Erhaltung von Forstwegen aufgrund häufigerer Überschwemmungen teurer zu Buche. Oder, noch gravierender: Das Budget für Schädlingsbekämpfung musste in den vergangenen Jahren um rund ein Viertel erhöht werden. Derartige Veränderungen laufen rasant ab, sagt Freidhager. Beispiel: „Als ich in den 70er-Jahren studiert habe, habe

ich noch gelernt: Wenn der Wald auf mehr als 1000 Meter Seehöhe liegt, ist der Borkenkäfer kein Thema. Heute finden wir das Insekt sogar noch auf 1600 Meter Höhe.“

Die Bundesforste kämpfen gegen die Klimaveränderung mit einem Bündel an Maßnahmen. Beispielsweise werden vermehrt trockenheitsresistente Bäume angepflanzt, etwa die Douglasie, ein Nadelgehölz nordamerikanischen Ursprungs. Außerdem setzt man statt auf Aufforstung vermehrt auf die sogenannte „Naturverjüngung“: Das bedeutet, dass nicht gezielt Bäume angepflanzt werden -man lässt stattdessen jene sprießen, die von alleine entstehen. Der solcherart wachsende Wald kann sich besser seiner Umwelt anpassen. Freilich: Häufig hat der Mensch keine andere Wahl als einzugreifen. Im Gebirge etwa spielen die sogenannten „Schutzwälder“ eine bedeutende Rolle. Sie bewahren darunter liegenden Siedlungen vor Muren und Lawinen – und bei ihnen muss auf die Baumzusammensetzung genau Bedacht genommen werden.

Stürme, Trockenheit, Borkenkäfer. „Derzeit müssen wir auf immer neue Probleme reagieren „, sagt Förster Lengger am Reidlingberg. Gerade hat er einen neuen Baumtrieb am Waldboden entdeckt, so klein, dass er kaum als Baum zu erkennen ist. Lengger hockt sich hin und zupft an der Pflanze herum. Eine junge Fichte, sagt er. Trotz aller Probleme wachsen auch sie noch hier. „Dieser kleine Baum hat einen langen Weg zum Erfolg vor sich.“

DER BAUTECHNIKER
Helmut Schöberl Gebäude der Technischen Universität, Wien-Mariahilf

Es ist ein Hochhaus von der eher unscheinbaren Sorte. Das Gebäude der Technischen Universität Wien (TU) aus den 1970er-Jahren liegt in einem Innenhof in Wien-Mariahilf. Elf Stockwerke, 700 Personen arbeiten hier. Graue Fensterreihen, schräges Dach. Trotz zentraler Lage zwischen Naschmarkt und Museums-Quartier fällt der Bau kaum auf.

Blickt man jedoch ins Innere, stellt man fest: Das Gebäude spielt alle Stücke. Im Jahr 2014 wurde es nach umfassender Sanierung wiedereröffnet -als erstes Plusenergie-Hochhaus der Welt. Das bedeutet, in dem Gebäude wird mehr Energie erzeugt als verbraucht. Es funktioniert, wenn man so will, wie ein kleines Kraftwerk.

„Es ist ein Pionierprojekt“, freut sich Helmut Schöberl. Der 49-jährige Bauphysiker von der Firma Schöberl und Pöll GmbH in Wien entwickelte das Energiekonzept für das Gebäude. „Angesichts des Klimawandels müssen wir neu darüber nachdenken, wie wir bauen.“ In Zeiten steigender Temperaturen gilt es vor allem, Gebäude ausreichend zu kühlen – ohne dass dabei allzu viel Energie verbraucht wird, was dem Klima noch mehr schaden würde. Eine Herausforderung, denn gerade die Kühlung zählt zu den größten Energiefressern in Gebäuden.

Im Inneren des TU-Gebäudes wird Energie erzeugt, beispielsweise durch Solarpanele an der Fassade und durch Nutzung der Wärme, welche die Computer-Server abstrahlen. „Aber diese Energieerzeugung ist gar nicht so sehr das Besondere“, sagt Schöberl. Die entscheidendere Frage lautet: Wie gelingt es, derart wenig Energie zu verbrauchen, dass man mit der bisschen erzeugten auskommt? Und genau hier, im niedrigen Verbrauch, liegen die Raffinessen des TU-Gebäudes.

Von den laufenden Computern über das brennende Licht bis zum fahrenden Aufzug: In diesem Haus wird rund zehn Mal weniger Energie verbraucht als in einem gewöhnlichen von vergleichbarer Dimension. Um derart hohe Einsparungen zu erzielen, arbeiteten sich Schöberl und sein Team im Zuge der Sanierung minutiös durch alles, was im Gebäude Energie benötigt. „Das reicht von der großen Kältemaschine im Keller bis zum kleinen Bewegungsmelder am Gang, der dafür sorgt, dass das Licht angeht“, sagt Schöberl. Insgesamt klopfte das Team 9300 unterschiedliche Energieverbrauchsstellen im Gebäude ab. Und überlegte bei jeder, wie man deren Verbrauch optimieren könnte.

In Sachen Kühlung beispielsweise befasste sich Schöberl zunächst gar nicht mit der unmittelbaren Kühlung selbst, sondern mit anderen Fragen: Wie könnte man dafür sorgen, dass gar nicht erst zu viel Wärme ins Gebäude reinkommt -und auch drinnen wenig entsteht? Er entwickelte zu diesem Zweck „viele kleine Low-Tech-Lösungen“. Beispiel: Die Jalousien sind nicht, wie üblich, außen vor den Fenstern angebracht, sondern zwischen Glasscheiben eingeklemmt. Dadurch kann man sie auch hinunterlassen, wenn draußen starker Wind weht. Die Wärme bleibt fern.

Oder, etwas raffinierter: Abends öffnet sich automatisch ein Gangfenster je Stockwerk. Eine spezielle Sogwirkung sorgt dafür, dass kühle Nachtluft durch den ganzen Stock strömt, bis zu einem Schacht, durch den sie wieder entweicht. „Das ergibt eine Wahnsinns-Kühlung“, sagt Schöberl, „und kostet fast nichts, es braucht nur einen kleinen Motor zum Öffnen des Fensters.“

Anschließend fährt Schöberl mit dem Lift in den Keller. Durch eine Metalltür betritt er einen Raum, in dem Maschinen dröhnen. Hier steht eine klassische Kältemaschine, welche das Gebäude auf konventionelle Weise kühlt -also ziemlich energieintensiv. Allerdings: Bei dieser Maschine wurden nicht nur zahlreiche Bauteile optimiert, sodass sie sparsamer funktioniert, beispielsweise sind die Rohre dicker als üblich. Diese Kühlung kommt auch erst zum Einsatz, wenn sämtliche andere Methoden -Jalousien, Luftzug und vieles andere – ausgeschöpft sind. „Wenn die Kältemaschine anläuft, haben wir schon 90 Prozent der Hitze, die unter normalen Bedingungen entstanden wäre, weggespart.“ Wenn heutzutage Gebäude errichtet werden, sagt Schöberl, würden die dahinterstehenden Techniker häufig über viele Arbeitsschritte nicht mehr nachdenken. „Sie verwenden diese oder jene Leitung, sie bauen diesen oder jenen Sensor ein. Vielleicht verschwendet das unnötig Energie. Aber man hat es eben immer schon so gemacht und kennt es nicht anders.“

Was es also brauche, möchte man ein Projekt wie das TU-Haus realisieren, sei ein frischer Blick auf die Dinge. „Diesen Blick zu bekommen, haben mir oft die Gespräche geholfen, die ich zu Hause mit meinen Kindern geführt habe. Sie stellen die einfachen Fragen, die zugleich schwierig sind. Sie interessieren sich zum Beispiel nicht dafür, wie man ein Haus kühlen kann. Sondern sie fragen: Warum gibt es überhaupt Wärme?“ Nachsatz: „Und dadurch geht mir plötzlich ein Licht auf.“

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Reiches Land, ganz allein

Aus profil 24/2017

Von Joseph Gepp

Das Emirat Katar im Persischen Golf steckt in Problemen. Seit vergangener Woche wird es von Saudi-Arabien und weiteren Nahoststaaten isoliert und boykottiert. Katar unterstütze Terroristen, so das Argument – Katar spricht von Fake News, die Hacker verbreitet hätten. Die Causa ist auch deshalb brisant, weil Katar über stolze 13 Prozent der weltweiten Gasreserven verfügt. Die hohen Einnahmen investiert das Land über einen Staatsfonds in aller Welt – auch in Österreich. Genauso machen es andere rohstoffreiche Staaten auch. Doch worüber genau verfügen die großen internationalen Staatsfonds in Österreich? Eine Auswahl.

Qatar Investment Authority
Gesamtvolumen: 298 Mrd. Euro

Die internationalen Beteiligungen reichen von der Großbank Barclay’s über das Londoner Nobelkaufhaus Harrods bis zur Volkswagen AG (17 Prozent). In Österreich allerdings hält sich Katar bisher zurück: Hier weiß man nur vom Palais Clam-Gallas im 9. Wiener Gemeindebezirk im Besitz des Emirats. Im Jahr 2015 kaufte es Katar von Frankreich.

International Petroleum Investment Company, Abu Dhabi
49 Mrd. Euro

Die prominenteste Beteiligung dieses Teilstaats der Vereinigten Arabischen Emirate ist jene an der OMV, Österreichs größtem Industriebetrieb. An ihr hält Abu Dhabi 24,9 Prozent. Auch 64 Prozent des Kunststoffherstellers Borealis gehören dem Fonds von Abu Dhabi, den Rest besitzt die OMV.

Statens pensjonsfond, Norwegen
819 Mrd. Euro

Dieser weltgrößte Staatsfonds hält laut Medienberichten Beteiligungen an insgesamt 35 österreichischen Unternehmen. Diese liegen jedoch durchwegs unter zwei Prozent und müssen deshalb nicht öffentlich gemacht werden. 3,96 Prozent hält Norwegen am Linzer Stahlkonzern voestalpine. Der Wiener Immobilienkonzern Conwert gehört zu 93 Prozent dem deutschen Wohnungsunternehmen Vonovia – an dem wiederum hält Norwegen 7,6 Prozent.

Libyan Investment Authority
59 Mrd. Euro

Wegen des Krieges in Libyen liegt die Geschäftstätigkeit derzeit auf Eis. Über meldepflichtige Beteiligungen in Österreich ist nichts bekannt. Im Jahr 2010 jedoch, noch vor dem Sturz von Gaddafi, veröffentlichte die NGO Global Witness eine interne Liste mit Beteiligungen des libyschen Staatsfonds. Darauf zu finden: der Ziegelkonzern Wienerberger (0,58 Prozent), Raiffeisen International (0,20 Prozent) und Italiens UniCredit, Mutter der Bank Austria (13,16 Prozent).

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Energiearm

Aus profil 46/2016

Seit vergangenem Jahr gilt in Österreich das neue Energieeffizienzgesetz. Heimische Unternehmen können Geld verdienen, indem sie Energie sparen und das Klima schonen. Doch Lobbying-Aktionen und Alibi-Maßnahmen ließen das Projekt bisher scheitern. Protokoll eines ambitionierten Plans mit mangelhafter Umsetzung.

Von
Joseph Gepp

Kurz vor Büroschluss im Kundenzentrum von Wien Energie im 9. Wiener Gemeindebezirk. Es ist einiges los beim städtischen Energieversorger. Kunden wedeln mit Stromrechnungen und fragen die Schaltermitarbeiter nach dieser oder jener Unklarheit. Daneben liest jemand seine Gasanschlussnummer von einem Zettel ab.

Doch es gibt auch einen Schalter, an dem es schnell geht. Hier braucht man keine Unterlagen. Stattdessen bekommt jeder, der möchte, ein Geschenk. Ein sogenanntes Energiesparpaket. Darauf abgebildet: ein glücklich lächelndes Pärchen. Inhalt: eine Broschüre mit Energiespartipps, zwei Energiesparlampen, ein Werkzeug zur Entlüftung von Heizkörpern und weitere Utensilien zum Energiesparen (siehe Bilder). Wie nett, Wien Energie verteilt Geschenke. Einfach so? Weil es der Umweltschutzgedanke gebietet? Nicht ganz. Denn hinter diesem Paket -und ähnlichen Aktionen anderer Energieunternehmen – steckt die Geschichte eines wichtigen Gesetzes: des Energieeffizienzgesetzes (Eeffg), das im Jahr 2014 von der SPÖ-ÖVP-Regierung beschlossen wurde.

ENERGIESPARLAMPE Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 12 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr 18 Stunden auf einem Großbild-TV fernsehen.

ENERGIESPARLAMPE
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 12 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr 18 Stunden auf einem Großbild-TV fernsehen.

Bei der Klimakonferenz von Paris vor einem Jahr hat sich die Weltgemeinschaft entschlossen, die globale Erwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen. Es ist ein herausforderndes Ziel, für das 80 Prozent der weltweiten Energieversorgung auf neue Beine gestellt werden müssen. Beim derzeitigen Treffen in Marrakesch wird nun die Umsetzung debattiert. Österreichs Energieeffizienzgesetz ist im internationalen Kampf gegen den Klimawandel nur eine Schlacht – aber keine unwesentliche. Basierend auf einer Richtlinie der EU sollen heimische Unternehmen und Haushalte bis zum Jahr 2020 insgesamt 20 Prozent weniger Energie verbrauchen, als sie es würden, wenn der derzeitige Energiekonsum unvermindert weiterginge.

Doch das Gesetz ist umstritten. Umweltschützer, Politiker und auch Unternehmer kritisieren es scharf. „Es gibt zu viele Alibimaßnahmen“, sagt Christian Rakos, Geschäftsführer der Firma Save Energy Austria GmbH im niederösterreichischen Wolfsgraben. Rakos entwickelt Energiesparkonzepte, die er an andere Unternehmen verkauft. „Das Gesetz ist nicht so umgesetzt, dass es zu echten Einsparungen kommt.“

Schummelt sich Österreich über wichtige Klimaschutz-Maßnahmen hinweg? Und was hat das alles mit dem Päckchen von Wien-Energie zu tun?

Das Energieeffizienzgesetz betrifft jedenfalls jedes größere heimische Unternehmen, das Energie jeder Art an Endkunden verkauft. Zum Beispiel Tankstellen, Heizwerke und Holzpellets-Lieferanten. Sie alle müssen jährlich 0,6 Prozent Energie sparen, im Vergleich zur jeweiligen Vorjahresmenge. Kontrolliert und verwaltet wird dies von der sogenannten „Monitoring-Stelle Energieeffizienz“ in Wien.

Erreichen die Betriebe das Ziel nicht, ist eine Strafe fällig: 20 Cent je überzähliger Kilowattstunde. Mit einer Kilowattstunde Energie kann man etwa eine Stunde staubsaugen oder ein Mittagessen für vier Personen zubereiten.

WASSEREDUZIERER Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 234 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr von Wien nach München mit dem Auto fahren.

WASSEREDUZIERER
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 234 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr von Wien nach München mit dem Auto fahren.

Gelingt es hingegen einem Betrieb, mehr als die 0,6 Prozent einzusparen, geht dieser Effizienzgewinn nicht verloren. Stattdessen kann das Unternehmen seine zusätzlich eingesparten Kilowattstunden an andere verkaufen, die sich schwerer tun, das Ziel zu erreichen. Die Energie-Ersparnis wird gutgeschrieben und auf privaten Internet-Plattformen gehandelt. Solcherart soll ein Markt für eingesparte Energie entstehen. Die Wirtschaftstreibenden, so der Hintergedanke, bekommen dadurch einen starken Anreiz, zum Klimaschutz beizutragen: nämlich Gewinne.

Blickt man auf die Zahlen, wirkt diese Idee wie ein durchschlagender Erfolg. Im ersten Jahr seit Inkrafttreten des Gesetzes 2015 haben „die Unternehmen die Vorgaben übertroffen“, freute sich im Februar der zuständige ÖVP-Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Die Betriebe haben in Summe nicht nur die geforderten 0,6 Prozent Energie eingespart, sondern fast das Doppelte, mehr als ein Prozent.

Zugleich ist der Preis für die Energieeffizienz-Reserven abgestürzt. Vor mehr als einem Jahr war eine Kilowattstunde eingesparter Energie noch 15 Cent wert. Mittlerweile liegt der Preis laut „Energieeffizienz-Radar“ der Wirtschaftskammer bei nur rund einem Cent.

Offenbar fällt es den Unternehmen also ziemlich leicht, effizient zu werden. Derart leicht, dass nach überschüssiger Energieersparnis kaum Nachfrage besteht. Geht das Sparen gar so einfach? Nein, sagt Kritiker Rakos. „Der Grund ist, dass zahlreiche fragwürdige Maßnahmen als Energieeffizienzmaßnahmen anerkannt werden. Solcherart können die Unternehmen die Anforderungen des Gesetzes mit minimalem Aufwand erfüllen -nur wird in Wahrheit gar keine Energie gespart.“ Der Markt werde „mit Maßnahmen geflutet“.

Das führt zur Frage, was denn laut Energieeffizienzgesetz konkret als Sparmaßnahme gilt. Dies steht unter anderem im Anhang einer Verordnung des Wirtschaftsministeriums. 239 Seiten, rund 100 Maßnahmen, komplizierte Formeln, die regelmäßig auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Derartige Umsetzungsdokumente wurden durch massives Lobbying verwässert, klagen Kritiker wie Rakos.

Ein Beispiel: die sogenannten Diesel-Additive. Dabei handelt es sich um Zusätze, die in den Diesel geleert werden. Dies reinigt die Motordüsen der Autos, wodurch sie rund drei Prozent weniger Treibstoff verbrauchen. Damit erhöht die Maßnahme die Energieeffizienz. Die Additive sorgen laut Experten deshalb für rund ein Viertel aller gutgeschriebenen Effizienz, die sich im Umlauf befindet.

BROSCHÜRE "ENERGIESPAREN" Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 32 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man sich 100 Jahre lang drei Mal täglich elektrisch rasieren.

BROSCHÜRE „ENERGIESPAREN“
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 32 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man sich 100 Jahre lang drei Mal täglich elektrisch rasieren.

Grundsätzlich ist dieser Einspareffekt zwar unbestritten. Kritiker monieren allerdings: In vielen handelsüblichen Kraftstoffen in Österreich seien bereits standardmäßig -ganz unabhängig vom Energieeffizienzgesetz – Reinigungsadditive beigemengt. Verringert es den Verbrauch nun noch mehr, wenn man weitere von ihnen dazuschüttet? Nein, kritisieren etwa die Grünen. Sie orten einen „Energieeffizienz-Betrug“.

Im Oktober bekam die Kritik an den Additiven neue Nahrung (profil berichtete hier und hier). Messergebnisse, welche die Umweltschutzorganisation Global 2000 präsentierte, zeigen: Jene Labors, welche die Einsparwirkung der Additive überprüfen, benutzen dafür einen Test-Diesel -aber der enthält vorab keine Additive.

Doch die Additive sind nicht der einzige Kritikpunkt. Auf Widerstand stoßen auch die „Wasserreduzierer“, kleine Plastiksiebe, die man in Wasserhähne schraubt. Damit fließt weniger Wasser aus der Leitung. Eine prinzipiell sinnvolle Maßnahme, denn dessen Erwärmung macht in einem durchschnittlichen heimischen Haushalt ein Viertel des Energieverbrauchs aus. Allerdings: Findige Energieunternehmen verschickten die Siebe per Postwurfsendung einfach massenhaft an österreichische Haushalte. Laut Verordnung gilt dies bereits als Energieeffizienzmaßnahme. Ob die Empfänger die Wasserreduzierer auch wirklich einbauen oder eher wegwerfen, bleibt unberücksichtigt. Jedenfalls: Jedes Sieb bringt eine rechnerische Einsparung und Effizienz-Guthaben von stolzen 650 Kilowattstunden pro Jahr. Das entspricht der Energie eines vollen Autotanks. Womit wir zurück beim Geschenkpäckchen von Wien Energie wären. Inhalt: zwei Energiesparlampen, ein Heizungsentlüftungsschlüssel, zwei Wasserreduzierer, eine Info-Broschüre. Ergibt in Summe 525 Kilowattstunden formelle Ersparnis, die sich Wien Energie gutschreiben lassen kann – für jede Person, die sich ein solches Päckchen abholt.

ENTLÜFTUNGS-SCHLÜSSEL Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: von der Monitoring-Stelle Energieeffizienz noch nicht festgelegt

ENTLÜFTUNGS-SCHLÜSSEL
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: von der Monitoring-Stelle Energieeffizienz noch nicht festgelegt

Was sagt zu all dem das Wirtschaftsministerium, das für die Energieeffizienz-Verordnung verantwortlich ist? Die Energiemaßnahmen „basieren auf wissenschaftlichen Studien, geltenden technischen Normen sowie der Einbeziehung von Experten“, heißt es auf profil-Anfrage. Österreich habe ein strengeres System als viele andere EU-Staaten. In manchen Bereichen brauche es trotzdem „einen Mittelweg, damit der bürokratische Aufwand für die Betroffenen nicht überbordend ausfällt“. Ähnlich argumentiert Stephan Schwarzer, Leiter der Abteilung für Umwelt-und Energiepolitik der Wirtschaftskammer, welche die Interessen der Unternehmen vertritt. „Das Energieeffizienzgesetz ist noch ziemlich neu und hochkomplex“, sagt er. „Manche Regelungen und EDV-Tools funktionieren noch nicht optimal, aber es ist ein Work in progress.“ Und: „Ein gewisses Maß an Verallgemeinerung ist nicht zu vermeiden. Man kann nicht in jeden Haushalt hineinschauen, wie stark Effizienzmaßnahmen tatsächlich wirken.“ Schwarzer verweist auf die laufenden Überarbeitungen der Verordnung durch die Monitoring-Stelle: So sind manche Typen Wasserreduzierer in der letztgültigen Fassung nicht mehr enthalten. Und für Energiesparlampen bekommt man neuerdings weniger Effizienz gutgeschrieben als zuvor. Trotzdem: Das ambitionierte Projekt, einen Markt für Energieeffizienz zu schaffen, ist vorerst gescheitert. „Die Unternehmen haben sich massenweise mit spottbilligen Maßnahmen eingedeckt“, sagt Werner Krenek, Anwendungstechniker bei der Honeywell Austria GmbH in Wien, die Effizienzmaßnahmen entwickelt. „Damit ist der Markt auf Jahre ruiniert. Die Energielieferanten sind teilweise jetzt schon für die kommenden fünf Jahre über Bedarf mit Maßnahmen versorgt.“

Wir müssen also noch fünf weitere Klimakonferenzen abwarten. Danach kann die Sache mit der Energieeffizienz in Österreich von Neuem beginnen.

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Die energetische Schlacht

Aus dem FALTER 50/2013

Die Energiewende ist in Verruf geraten: Sie verteuere den Strom unnötig, heißt es – und führe zu massiven Investitionen in Geschäftsfelder, die ohnehin nicht zukunftsfähig seien. Solchen Argumenten setzt die deutsche Umweltökonomin Claudia Kemfert ein wortgewaltiges Pamphlet entgegen: „Kampf um Strom“ seziert die Parolen der Gegner der Energiewende, setzt Sachverhalte auseinander und trifft die Unterscheidungen, die man braucht, um die Sachlage zu verstehen. Rechnet man Folgekosten ein, dann sei fossile Energie nicht billiger als erneuerbare, lautet eine Kernthese Kemferts. Und: Kaum etwas hat sich zur Umsetzung der Energiewende als so brauchbar erwiesen wie das – ebenso geliebte wie verdammte – deutsche Erneuerbare-Energie-Gesetz.

Joseph Gepp

Claudia Kemfert: Kampf um Strom. Murmann, 144 S., € 17,30

Claudia Kemfert: Kampf um Strom. Murmann, 144 S., € 17,30

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Holpern in die Energiezukunft

Aus dem FALTER 33/2013

Der Fall Güssing bringt erneuerbare Energien insgesamt, vor allem Biomasse, ins Gerede. Zu Recht?

Zurechtrückung: Joseph Gepp

Es gibt Bilder, die sich der Öffentlichkeit einprägen. Zum Beispiel Arnold Schwarzenegger, wie er 2012 Güssing besucht. Lächelnd posiert der Ex-Gouverneur neben dem damaligen ÖVP-Bürgermeister der burgenländischen Stadt, Peter Vadasz. „Österreich muss Güssing werden“, tönt Schwarzenegger. Medien verbreiten seine Botschaft in aller Welt. Heute bereut es Vadasz vielleicht, den aufsehenerregenden Auftritt eingefädelt zu haben.

Denn das Bild des energieautarken Güssing, das international als Beispiel für nachhaltigen Umgang mit Energie gilt, hat inzwischen gehörig Schaden genommen.

Das Biomassekraftwerk, Herzstück unter vielen Projekten im Ort, wäre kürzlich fast in Konkurs gegangen. Sechs Millionen Euro Schulden hatte die Anlage angehäuft, als sie im Juni heruntergefahren wurde. Das Finanzamt hatte dem Kraftwerk den Status als Forschungsanlage aberkannt – womit Subventionen wegfielen. Im letzten Moment wurde das Werk vergangene Woche gerettet. Die notwendigen 200.000 Euro kamen angeblich von Michael Dichand, Sohn des verstorbenen Krone-Gründers.

Der Fall zieht weite Kreise. Er bringt den Einsatz erneuerbarer Energien insgesamt ins Gerede, insbesondere den von Biomasse. Bei dieser Technologie wird meist Holz verbrannt, um Wärme oder Strom zu gewinnen. Ein Subventionsgrab, lautet das alte, neue Vorurteil. Walter Boltz, Chef der Regulierungsbehörde E-Control, nannte Güssing im ORF „die Spitze des Eisbergs“. Man müsse das Konzept Biomasse überdenken; Holz sei zu teuer, um es nur zu verheizen.

Hat Boltz recht? Was unterscheidet Güssing von anderen Biomasseanlagen? Und wie wichtig ist diese Art der Energiegewinnung überhaupt, die im Vergleich zu Windrädern und Fotovoltaik ja eher selten Gesprächsthema ist?

Ein Blick in Energiestatistiken überrascht:
Biomasse ist außerordentlich wichtig. Allerdings weniger beim Strom. Dort stellte sie im Jahr 2011 nur 3,9 Prozent Anteil an der Erzeugung. Um zu verstehen, was Biomasse abseits davon so wichtig macht, muss man ein entscheidendes Faktum kennen: Energie und elektrischer Strom, das ist nicht dasselbe.

Strom, die teuerste und vielseitigste Form der Energie, macht nur allerhöchstens 20 Prozent des Energieverbrauchs aus. Die anderen 80 teilen sich die Autotreibstoffe und Brennstoffe für Heizung und Warmwasser. Bei Letzterem schließlich ist die Biomasse ganz vorn dabei.

Ungefähr ein Viertel des heimischen Wärmebedarfs stillt die Holzverbrennung, in Form von Hackgut, Pellets oder ganzen Scheiten. Das Spektrum reicht vom Kachelofen im Wohnzimmer bis zu rund tausend „Nahwärmenetzen“ in Österreich.

Warum gilt diese Art der Verbrennung als klimaschonend? Schließlich entsteht dabei CO2. „Der Wald nimmt das CO2 wieder auf“, erklärt Michael Cerveny von der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT). „Solange so viele Bäume nachwachsen, wie gefällt werden, gilt die Holzverfeuerung als CO2-neutral.“

Güssing jedoch war viel mehr als nur
eine Art höherentwickelter Kachelofen. Dort wurde im Gegenteil „ziemlich alles ausprobiert, was man mit Biomasse machen kann“, sagt Cerveny. In der komplexen, modernen Anlage wurde nicht nur Wärme gewonnen, sondern auch Strom und Prozessgas. Und genau hier setzt die Kritik an.

Schauplatz eines Energiewiunders? Biomassekraftwerk in Güssing (Foto: Wikipedia)

Schauplatz eines Energiewiunders? Biomassekraftwerk in Güssing (Foto: Wikipedia)

Holz zur Stromgewinnung zu verbrennen – das ist viel umstrittener als Verbrennung zur Wärmegewinnung. Die technologischen Anforderungen sind viel komplexer, monieren Kritiker. Diese Position teilt sogar der Biomasseverband, die Interessenvertretung der Biomassebranche. „Die Basis des Biomasseeinsatzes muss Wärmeversorgung sein“, sagt Sprecher Antonio Fuljetic. „Neue Biomassekraftwerke, die alleine Elektrizität erzeugen, wird es künftig wohl nicht mehr geben.“ Wärmeproduzierende Anlagen hingegen – und solche, die sowohl Strom als auch Wärme erzeugen – bezeichnet Fuljetic als „wirtschaftlich, wenn sie richtig geplant sind“.

Auch für die Kunden und ihre Heizungen
zahlt sich der Einsatz von Biomasse oft aus: Zwar ist die Errichtung der Holzheizungen teurer als die klassischer Öl- und Gasheizungen – allerdings ist der anschließende Betrieb viel billiger. Zum Beispiel kostet eine Kilowattstunde Energie in Form von Pellets fünf Cent, halb so viel wie bei Heizöl. Ein Blick auf die Preisentwicklung lässt darauf schließen, dass sich diese Tendenz noch verstärken wird: Im Jahr 1999 zahlte der durchschnittliche Heizölkonsument noch fünfmal weniger für seine Wärme als heute. Allerdings: Auch bei der Biomasse ist bei weitem nicht alles perfekt.

„Biomasse hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine stürmische Entwicklung erlebt“, sagt Experte Cerveny. Deswegen sei in den 1990er-Jahren, als etliche Biomassenetze entstanden, vieles zu groß dimensioniert worden. Dabei gehe Energie verloren, sagt Cerveny. „Man hat spät erkannt, dass man Biomassenetze nur in kompakten, dichten Siedlungen errichten sollte“.

Zudem führt die Nachfrage nach Holz zu einem Preisanstieg des Rohstoffs – rund ein Viertel betrug er in den vergangenen Jahren. Außerdem: Zu viel Biomasse kann andere Formen des effizienten Energieeinsatzes konterkarieren. „Zum Beispiel bringt die thermische Sanierung eines Hauses bis zu drei Viertel an Energieersparnis“, sagt der Umweltökonom Stefan Schleicher von der Uni Graz. „Wenn ich mir aber gerade eine Pelletheizung angeschafft habe, werde ich wohl auf die Sanierung eher verzichten.“

Fazit: Biomasse ist – wenn zur Wärmeerzeugung genutzt
– nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber auch kein hoffnungsloses Subventionsgrab. „Die Energieversorgung der Zukunft wird sich aus vielen Quellen speisen müssen, auch aus Biomasse“, sagt Cerverny. „Und nichts davon wird je so dominant sein, wie es das Öl einst war.“

Und Güssing? Güssing ist ein Labor, in dem zahlreiche neue Technologien ausprobiert wurden – auch wenig erfolgreiche. Kein Vorbild, wie Schwarzenegger meinte. Eher ein Vorreiter.

Wofür verbraucht Österreich Energie? (In Prozent 2009)

52% Wärme: Heizung, Dampferzeugung, Industrieöfen
45% Bewegung: Verkehr, Standmotoren
3% Strom: Beleuchtung, EDV, Elektrochemie

Wie wird der Strom produziert? (In Österreich 2011)

57,4 % Wasserkraft
31,5 % Kohle & Gas
4,2 % Sonstige
3,9 % Biomasse
2,9 % Windkraft
0,1 % Photovoltaik

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Die angekündigte Energierevolution

Aus dem FALTER 50/2011
Rezension: Joseph Gepp

Der deutsche Vordenker Hermann Scheer und Österreichs Grüne skizzieren ihre Visionen von der bevorstehenden Energiewende

Die Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 hat Hermann Scheer nicht mehr erlebt. Dabei hätte sie eindrucksvoll bestätigt, was der SPD-Bundestagsabgeordnete sein Leben lang predigte: dass an der raschen und 100-prozentigen Einführung erneuerbarer Energien kein Weg vorbeiführt.

Dieser Leitgedanke war in den Jahren vor Fukushima etwas in die Defensive geraten. Stattdessen sollten „Brückentechnologien“, wie die Atomkraft plötzlich genannt wurde, den Weg in die neue Zeit weniger opferreich gestalten. Scheer erlebte nicht mehr, wie sich dies als Illusion entpuppte. Am 14. Oktober 2010 starb er – plötzlich und unerwartet. Sein letztes Buch vom Herbst 2010, „Der energethische Imperativ“, fasst noch einmal alle Argumente für die Energiewende zusammen. Zugleich skizzieren auch Österreichs Grüne in einer soeben erschienen 82-seitigen Broschüre ihre Vorstellung von der Wende. Der Vergleich der beiden Schriften zeigt, wie die Energiedebatte in Österreich und Deutschland geführt wird und inwieweit man bereit ist, Dogmen zu verwerfen, falls sie sich als falsch oder undurchführbar herausstellen.

Bei Letzterem liegt Scheer eindeutig vorne. So betrachtet er große Klimaschutzkonferenzen wie vergangene Woche in Durban, bei der man sich lediglich auf eine Vertagung des Problems um einige Jahre einigen konnte, als geradezu hinderlich für die Verbreitung erneubarer Energien. Der CO2-Emissionshandel stellt in seinen Augen kein Bündnis zum Guten dar, sondern führt dazu, dass sich die Staaten auf einem Minimalkompromiss ausruhen – statt unilateral kraftvolle Initiativen zu setzen, die sich im zwischenstaatlichen Wirtschafts-und Innovationswettbewerb ausbreiten. Ebenso vehement verwirft Scheer Großvorhaben wie das Wüstenstromprojekt Desertec oder Windparks in der Nordsee. Das sei unrealisierbare „Gigantomanie“.

Im Oktober 2010 unerwartet gestorben: Umweltpolitiker und Vordenker Hermann Scheer (Foto: Wikipedia)

Wie aber lässt sich, davon abgesehen, die Wende bewerkstelligen? Scheer bezieht sich hier auf ein deutsches Gesetz, das er selbst im Jahr 2000 maßgeblich geschaffen hat: das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Der Gedanke: Mittels garantierter Mindestpreise für Strom und bevorzugter Einspeisung ins Netz schafft der Staat einen Rahmen, in dem sich private Innovationen und Investitionen in Erneuerbare Energie lohnen. Subvention sei das keine, widerspricht Scheer einem gängigen Argument. Vielmehr stelle es Kostenwahrheit her, denn konventionelle Energie koste zehn- bis zwanzigmal mehr als den regulären Preis, wenn man soziale und ökologische Folgeschäden mitberechnet.

Das Gesetz hat Deutschland zum Vorreiter gemacht. So wurden dort 2010 44 Prozent der weltweiten Photovoltaik-Anlagen installiert. Im selben Jahr entstanden auf deutschen Dächern mehr Solaranlagen als 2009 auf der ganzen Welt. Scheer plädiert für fortgesetzte staatliche Förderung privater Innovation. Modulare Kleinkraftwerke, Autos als mobile Energielieferanten, Alleen aus Windrädern entlang von Autobahnen: Solchermaßen soll sich sein Land künftig mit Energie versorgen.

Konkrete Berechnungen zu diesem Szenario bleibt Scheer zwar nicht schuldig, sie kommen aber etwas zu kurz – allerdings sind sie bei den derzeit rasanten Innovationsschüben bei Green Technologies auch schwierig vorauszusehen.

Gar nicht zu kurz kommt hingegen bei Österreichs Grünen ein Aspekt der Energiedebatte, den Scheer etwas übersieht: das gewaltige effizienzsteigernde Potenzial durch Energiesparen. Dieses zu nutzen, ist zentrale Forderung einer Energiewende, wie sie sich die Grünen für Österreich wünschen. Konkrete Szenarien oder etwa genaue Zeitpläne fehlen zwar auch hier. Ansonsten aber fasst die Broschüre seriös und profund den Wissensstand zur Energiewende zusammen.

Einzig die etwas einseitige Fixierung auf die Gefahren der Atomkraft wirkt zuweilen penetrant. Die desaströsen Folgen fossiler Energiegewinnung kommen im Vergleich eher dürftig daher. Und bei langen Passagen zu Temelin und Mochovce denkt man unwillkürlich an den wohlbekannten erhobenen Zeigefinger der Kronen Zeitung, bei dem Öko-Sorgen und Austro-Chauvinismus eine sehr österreichische Symbiose eingehen. Doch im Jahr von Fukushima lässt sich die Dringlichkeit der Energiewende mit der Gefahr von Atomkraft allemal besser darstellen als mit schleichenden klimatischen Veränderungen.


Hermann Scheer:
Der energethische Imperativ. Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist. Kunstmann, 271 S., € 20,50

Eva Glawischnig, Rudi Anschober: Die Grüne Energiewende. Ja, es geht! Zu beziehen unter: gruene.at

Filmtipp:
Die 4. Revolution – Energy Autonomy. Ein Film von Carl-A. Fechner. Siehe: www.4-revolution.de

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Mit voller Energie gegen den Strom

Ein Ausstieg aus der Atomkraft ist möglich, aber nur der Anfang der nötigen Energiewende

Bericht: Ingrid Brodnig und Joseph Gepp

Häuser, die Energie produzieren wie kleine Kraftwerke. Küchengeräte, die kaum Elektrizität verschlingen. Industrieanlagen, die nur Strom abzapfen, wenn das Netz nicht überlastet ist. Und 500-mal so viel Sonnenenergie, die Solarzellen auffangen. All das sind Bausteine für ein energieunabhängiges, atomstromfreies Österreich.

Der Störfall im japanischen AKW Fukushima und die Panik vor der Verstrahlung haben zu einer globalen Energiedebatte geführt. Deutschland macht eine Kehrtwende und will veraltete Meiler schließen. Die Schweiz rückt vom Bau neuer Atommeiler ab. Die USA lassen Kraftwerke prüfen.

Fukushima führt zu mehr als nur dem Wunsch nach einer Welt ohne Atomkraft. Es wirft eine große Frage auf: Was ist die Energie der Zukunft?

Atommeiler sind vielleicht die meistüberschätzten Stromlieferanten der Welt. Global gesehen werden in ihnen nur 15 Prozent des Stroms erzeugt. Zwei Drittel der Elektrizität hingegen stammen aus der Verbrennung fossiler Energieträger. Dass ein Ausstieg aus dem Atomstrom möglich ist, bestätigen Experten. Das deutsche Öko-Institut stellte vergangene Woche eine Studie im Auftrag des WWF vor – ihr zufolge wäre ein komplettes Abschalten der 17 deutschen Atomkraftwerke sogar schon 2020 möglich, ohne Preisexplosion. Dafür müssten vorerst Kohlekraftwerke länger am Netz hängen und zusätzliche moderne Gaskraftwerke eingeschaltet werden.

Am billigsten wäre es, die nuklearen Brennstäbe durch fossile Brennstoffe zu ersetzen. Doch sie, allen voran die Braunkohle, sind die größten Luftverpester. Deswegen warnen Umweltforscher davor, sich nach dem Atomausstieg zu sehr von Kohle abhängig zu machen. „Besser, wir werfen kurzfristig alte Kohlekraftwerke an, als wir bauen neue“, sagt etwa Charlotte Loreck vom deutschen Öko-Institut. Bei Neubauten befürchtet die Ingenieurin den sogenannten „Lock-in-Effekt“: Wer jetzt zusätzliche Kohlekraftwerke errichte, unterwirft sich für weitere Jahrzehnte klimaschädigenden Brennstoffen.

Bisher war die Atomindustrie eine Hoffnung, um billig CO2-armen Strom zu erzeugen. Wer Kernkraft ablehnt und nicht die Luft verpesten will, dem bleiben nur zwei Möglichkeiten: mehr Öko und weniger Stromverschwendung. In den letzten Jahren wurde die Nuklearenergie auch deswegen forciert, weil der Hunger nach Energie zunahm. Allein in Österreich stieg seit 1990 der Stromkonsum um ein Drittel. Strom muss teurer werden, damit wir ihn nicht mehr achtlos verschwenden, fordert der deutsche Umweltforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker (siehe Interview rechts). Er ist nicht der Einzige.

In Österreich etwa müsste man den Energieverbrauch bis 2050 auf circa 60 Prozent des derzeitigen drosseln. Das verlangen nicht etwa radikale Öko-Aktivisten, das fordert die aktuelle „Energieautarkie-Studie“ des Umweltministeriums. Auf diese Weise würde das Land nur grüne Energie konsumieren, ohne fossile Kraftwerke und importierten Atomstrom. 60 Prozent sind eine enorme Vorgabe. Die Hälfte davon ließe sich ohne Einbußen in der gewohnten Lebensqualität erreichen, etwa durch thermische Sanierung und effiziente Geräte. Die zweite aber erfordert immense Umstellungen, etwa im Mobilitätsverhalten. So würden Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren praktisch nur noch in der Landwirtschaft und am Bau eingesetzt werden. Der übrige Individualverkehr wäre – wenn es ihn überhaupt gäbe – elektrisch.

Der Weg zu einem sauberen Energiemix ist somit kein Spaziergang, sondern ein Gewaltmarsch. „Klotzen, nicht kleckern“, verlangt Michael Cerveny von der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik und meint damit den massiven Ausbau erneuerbarer Energien. Auch laut Energieautarkie-Bericht braucht es bis 2050 je ein Drittel mehr Biomasse und Wasserkraft. Die Zahl der Windräder müsste sich verfünffachen, die der Solarflächen gar verfünfhundertfachen.

Kritikern zufolge sind solche Maßnahmen nicht durchsetzbar. In Graz etwa bekämpfen Bürger derzeit ein Flusskraftwerk, das den Lebensraum des geschützten Huchens gefährden würde. Im Weinviertel treiben Windräder Dorfbildretter auf die Barrikaden. Der Bau einer Starkstromleitung vom Burgenland in die Steiermark zog sich 25 Jahre hin, so groß war die Angst vor Landschaftsverschandelung und Elektrosmog. Ausgerechnet die österreichische Grünbewegung entstammt der Besetzung der Hainburger Au 1984 – also dem Kampf gegen ein Wasserkraftwerk.

„Die Leute wollen ein hochtechnisiertes Lebensumfeld und gleichzeitig unberührte Natur“, sagt Barbara Schmidt von „Oesterreichs Energie“, der Interessenvertretung der E-Wirtschaft. Skeptiker wie sie verweisen darauf, dass derzeit keine erneuerbare Energie außer der Wasserkraft am Markt konkurrenzfähig sei. Öko-Fürsprecher wie Cerveny allerdings meinen, dass dies sich schon bald ändern könnte – und zwar wegen des steigenden Ölpreises.

Schon 2008, als er auf fast 150 Dollar je Barrel kletterte, war Windkraft billiger als fossile Energie. Der Ölpreis wirkt sich auf den Strompreis aus, da in Kraftwerken auch Öl und Gas verfeuert werden. Vom „grünen Goldrausch“ schrieben 2008 die Zeitungen. Während der Wirtschaftskrise sackte der Ölpreis auf 40 Dollar ab. Heute liegt er wieder bei 115, Tendenz steigend. „Nicht etwa aus Weltverbesserungsgründen werden sich die erneuerbaren Energien durchsetzen“, sagt Michael Cerveny, „sondern allein aus ökonomischer Vernunft.“

Derzeit scheint das Land noch weit von der Energiewende entfernt. Laut Global 2000 liefern Windkraft, Sonnenenergie und Erdwärme zusammen nicht mehr als 2,2 Prozent der heimischen Stromversorgung.

Die Konsequenz aus Fukushima müsste eine Neuausrichtung der Energiepolitik sein. „Atomkraft? Nein danke“, das ist nicht das Ende der Debatte – sondern erst der Anfang.
Stromverbrauch weltweit
40,3 % Kohle
19,7 % Gas
16 % Wasserkraft
15,2 % Atomkraft
6,6 % Öl
2,2 % Wind, Solar

Stromverbrauch Österreich
48,6 % Wasserkraft
26,4 % Wärme (Öl, Gas, Kohle)
2,24 % Wind, Solar
22 % importierter Strom

Vom importierten Strom in Österreich kommen 35,1 % aus tschechischen Kraftwerken und 61,2 % aus deutschen. Laut Global 2000 sind 6,4 % Atomstrom

Erschienen im Falter 12/2011

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