Archiv der Kategorie: Energie

Reiches Land, ganz allein

Aus profil 24/2017

Von Joseph Gepp

Das Emirat Katar im Persischen Golf steckt in Problemen. Seit vergangener Woche wird es von Saudi-Arabien und weiteren Nahoststaaten isoliert und boykottiert. Katar unterstütze Terroristen, so das Argument – Katar spricht von Fake News, die Hacker verbreitet hätten. Die Causa ist auch deshalb brisant, weil Katar über stolze 13 Prozent der weltweiten Gasreserven verfügt. Die hohen Einnahmen investiert das Land über einen Staatsfonds in aller Welt – auch in Österreich. Genauso machen es andere rohstoffreiche Staaten auch. Doch worüber genau verfügen die großen internationalen Staatsfonds in Österreich? Eine Auswahl.

Qatar Investment Authority
Gesamtvolumen: 298 Mrd. Euro

Die internationalen Beteiligungen reichen von der Großbank Barclay’s über das Londoner Nobelkaufhaus Harrods bis zur Volkswagen AG (17 Prozent). In Österreich allerdings hält sich Katar bisher zurück: Hier weiß man nur vom Palais Clam-Gallas im 9. Wiener Gemeindebezirk im Besitz des Emirats. Im Jahr 2015 kaufte es Katar von Frankreich.

International Petroleum Investment Company, Abu Dhabi
49 Mrd. Euro

Die prominenteste Beteiligung dieses Teilstaats der Vereinigten Arabischen Emirate ist jene an der OMV, Österreichs größtem Industriebetrieb. An ihr hält Abu Dhabi 24,9 Prozent. Auch 64 Prozent des Kunststoffherstellers Borealis gehören dem Fonds von Abu Dhabi, den Rest besitzt die OMV.

Statens pensjonsfond, Norwegen
819 Mrd. Euro

Dieser weltgrößte Staatsfonds hält laut Medienberichten Beteiligungen an insgesamt 35 österreichischen Unternehmen. Diese liegen jedoch durchwegs unter zwei Prozent und müssen deshalb nicht öffentlich gemacht werden. 3,96 Prozent hält Norwegen am Linzer Stahlkonzern voestalpine. Der Wiener Immobilienkonzern Conwert gehört zu 93 Prozent dem deutschen Wohnungsunternehmen Vonovia – an dem wiederum hält Norwegen 7,6 Prozent.

Libyan Investment Authority
59 Mrd. Euro

Wegen des Krieges in Libyen liegt die Geschäftstätigkeit derzeit auf Eis. Über meldepflichtige Beteiligungen in Österreich ist nichts bekannt. Im Jahr 2010 jedoch, noch vor dem Sturz von Gaddafi, veröffentlichte die NGO Global Witness eine interne Liste mit Beteiligungen des libyschen Staatsfonds. Darauf zu finden: der Ziegelkonzern Wienerberger (0,58 Prozent), Raiffeisen International (0,20 Prozent) und Italiens UniCredit, Mutter der Bank Austria (13,16 Prozent).

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Energiearm

Aus profil 46/2016

Seit vergangenem Jahr gilt in Österreich das neue Energieeffizienzgesetz. Heimische Unternehmen können Geld verdienen, indem sie Energie sparen und das Klima schonen. Doch Lobbying-Aktionen und Alibi-Maßnahmen ließen das Projekt bisher scheitern. Protokoll eines ambitionierten Plans mit mangelhafter Umsetzung.

Von
Joseph Gepp

Kurz vor Büroschluss im Kundenzentrum von Wien Energie im 9. Wiener Gemeindebezirk. Es ist einiges los beim städtischen Energieversorger. Kunden wedeln mit Stromrechnungen und fragen die Schaltermitarbeiter nach dieser oder jener Unklarheit. Daneben liest jemand seine Gasanschlussnummer von einem Zettel ab.

Doch es gibt auch einen Schalter, an dem es schnell geht. Hier braucht man keine Unterlagen. Stattdessen bekommt jeder, der möchte, ein Geschenk. Ein sogenanntes Energiesparpaket. Darauf abgebildet: ein glücklich lächelndes Pärchen. Inhalt: eine Broschüre mit Energiespartipps, zwei Energiesparlampen, ein Werkzeug zur Entlüftung von Heizkörpern und weitere Utensilien zum Energiesparen (siehe Bilder). Wie nett, Wien Energie verteilt Geschenke. Einfach so? Weil es der Umweltschutzgedanke gebietet? Nicht ganz. Denn hinter diesem Paket -und ähnlichen Aktionen anderer Energieunternehmen – steckt die Geschichte eines wichtigen Gesetzes: des Energieeffizienzgesetzes (Eeffg), das im Jahr 2014 von der SPÖ-ÖVP-Regierung beschlossen wurde.

ENERGIESPARLAMPE Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 12 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr 18 Stunden auf einem Großbild-TV fernsehen.

ENERGIESPARLAMPE
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 12 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr 18 Stunden auf einem Großbild-TV fernsehen.

Bei der Klimakonferenz von Paris vor einem Jahr hat sich die Weltgemeinschaft entschlossen, die globale Erwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen. Es ist ein herausforderndes Ziel, für das 80 Prozent der weltweiten Energieversorgung auf neue Beine gestellt werden müssen. Beim derzeitigen Treffen in Marrakesch wird nun die Umsetzung debattiert. Österreichs Energieeffizienzgesetz ist im internationalen Kampf gegen den Klimawandel nur eine Schlacht – aber keine unwesentliche. Basierend auf einer Richtlinie der EU sollen heimische Unternehmen und Haushalte bis zum Jahr 2020 insgesamt 20 Prozent weniger Energie verbrauchen, als sie es würden, wenn der derzeitige Energiekonsum unvermindert weiterginge.

Doch das Gesetz ist umstritten. Umweltschützer, Politiker und auch Unternehmer kritisieren es scharf. „Es gibt zu viele Alibimaßnahmen“, sagt Christian Rakos, Geschäftsführer der Firma Save Energy Austria GmbH im niederösterreichischen Wolfsgraben. Rakos entwickelt Energiesparkonzepte, die er an andere Unternehmen verkauft. „Das Gesetz ist nicht so umgesetzt, dass es zu echten Einsparungen kommt.“

Schummelt sich Österreich über wichtige Klimaschutz-Maßnahmen hinweg? Und was hat das alles mit dem Päckchen von Wien-Energie zu tun?

Das Energieeffizienzgesetz betrifft jedenfalls jedes größere heimische Unternehmen, das Energie jeder Art an Endkunden verkauft. Zum Beispiel Tankstellen, Heizwerke und Holzpellets-Lieferanten. Sie alle müssen jährlich 0,6 Prozent Energie sparen, im Vergleich zur jeweiligen Vorjahresmenge. Kontrolliert und verwaltet wird dies von der sogenannten „Monitoring-Stelle Energieeffizienz“ in Wien.

Erreichen die Betriebe das Ziel nicht, ist eine Strafe fällig: 20 Cent je überzähliger Kilowattstunde. Mit einer Kilowattstunde Energie kann man etwa eine Stunde staubsaugen oder ein Mittagessen für vier Personen zubereiten.

WASSEREDUZIERER Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 234 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr von Wien nach München mit dem Auto fahren.

WASSEREDUZIERER
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 234 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man ungefähr von Wien nach München mit dem Auto fahren.

Gelingt es hingegen einem Betrieb, mehr als die 0,6 Prozent einzusparen, geht dieser Effizienzgewinn nicht verloren. Stattdessen kann das Unternehmen seine zusätzlich eingesparten Kilowattstunden an andere verkaufen, die sich schwerer tun, das Ziel zu erreichen. Die Energie-Ersparnis wird gutgeschrieben und auf privaten Internet-Plattformen gehandelt. Solcherart soll ein Markt für eingesparte Energie entstehen. Die Wirtschaftstreibenden, so der Hintergedanke, bekommen dadurch einen starken Anreiz, zum Klimaschutz beizutragen: nämlich Gewinne.

Blickt man auf die Zahlen, wirkt diese Idee wie ein durchschlagender Erfolg. Im ersten Jahr seit Inkrafttreten des Gesetzes 2015 haben „die Unternehmen die Vorgaben übertroffen“, freute sich im Februar der zuständige ÖVP-Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Die Betriebe haben in Summe nicht nur die geforderten 0,6 Prozent Energie eingespart, sondern fast das Doppelte, mehr als ein Prozent.

Zugleich ist der Preis für die Energieeffizienz-Reserven abgestürzt. Vor mehr als einem Jahr war eine Kilowattstunde eingesparter Energie noch 15 Cent wert. Mittlerweile liegt der Preis laut „Energieeffizienz-Radar“ der Wirtschaftskammer bei nur rund einem Cent.

Offenbar fällt es den Unternehmen also ziemlich leicht, effizient zu werden. Derart leicht, dass nach überschüssiger Energieersparnis kaum Nachfrage besteht. Geht das Sparen gar so einfach? Nein, sagt Kritiker Rakos. „Der Grund ist, dass zahlreiche fragwürdige Maßnahmen als Energieeffizienzmaßnahmen anerkannt werden. Solcherart können die Unternehmen die Anforderungen des Gesetzes mit minimalem Aufwand erfüllen -nur wird in Wahrheit gar keine Energie gespart.“ Der Markt werde „mit Maßnahmen geflutet“.

Das führt zur Frage, was denn laut Energieeffizienzgesetz konkret als Sparmaßnahme gilt. Dies steht unter anderem im Anhang einer Verordnung des Wirtschaftsministeriums. 239 Seiten, rund 100 Maßnahmen, komplizierte Formeln, die regelmäßig auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Derartige Umsetzungsdokumente wurden durch massives Lobbying verwässert, klagen Kritiker wie Rakos.

Ein Beispiel: die sogenannten Diesel-Additive. Dabei handelt es sich um Zusätze, die in den Diesel geleert werden. Dies reinigt die Motordüsen der Autos, wodurch sie rund drei Prozent weniger Treibstoff verbrauchen. Damit erhöht die Maßnahme die Energieeffizienz. Die Additive sorgen laut Experten deshalb für rund ein Viertel aller gutgeschriebenen Effizienz, die sich im Umlauf befindet.

BROSCHÜRE "ENERGIESPAREN" Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 32 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man sich 100 Jahre lang drei Mal täglich elektrisch rasieren.

BROSCHÜRE „ENERGIESPAREN“
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: 32 Kilowattstunden / Jahr Mit dieser Energiemenge kann man sich 100 Jahre lang drei Mal täglich elektrisch rasieren.

Grundsätzlich ist dieser Einspareffekt zwar unbestritten. Kritiker monieren allerdings: In vielen handelsüblichen Kraftstoffen in Österreich seien bereits standardmäßig -ganz unabhängig vom Energieeffizienzgesetz – Reinigungsadditive beigemengt. Verringert es den Verbrauch nun noch mehr, wenn man weitere von ihnen dazuschüttet? Nein, kritisieren etwa die Grünen. Sie orten einen „Energieeffizienz-Betrug“.

Im Oktober bekam die Kritik an den Additiven neue Nahrung (profil berichtete hier und hier). Messergebnisse, welche die Umweltschutzorganisation Global 2000 präsentierte, zeigen: Jene Labors, welche die Einsparwirkung der Additive überprüfen, benutzen dafür einen Test-Diesel -aber der enthält vorab keine Additive.

Doch die Additive sind nicht der einzige Kritikpunkt. Auf Widerstand stoßen auch die „Wasserreduzierer“, kleine Plastiksiebe, die man in Wasserhähne schraubt. Damit fließt weniger Wasser aus der Leitung. Eine prinzipiell sinnvolle Maßnahme, denn dessen Erwärmung macht in einem durchschnittlichen heimischen Haushalt ein Viertel des Energieverbrauchs aus. Allerdings: Findige Energieunternehmen verschickten die Siebe per Postwurfsendung einfach massenhaft an österreichische Haushalte. Laut Verordnung gilt dies bereits als Energieeffizienzmaßnahme. Ob die Empfänger die Wasserreduzierer auch wirklich einbauen oder eher wegwerfen, bleibt unberücksichtigt. Jedenfalls: Jedes Sieb bringt eine rechnerische Einsparung und Effizienz-Guthaben von stolzen 650 Kilowattstunden pro Jahr. Das entspricht der Energie eines vollen Autotanks. Womit wir zurück beim Geschenkpäckchen von Wien Energie wären. Inhalt: zwei Energiesparlampen, ein Heizungsentlüftungsschlüssel, zwei Wasserreduzierer, eine Info-Broschüre. Ergibt in Summe 525 Kilowattstunden formelle Ersparnis, die sich Wien Energie gutschreiben lassen kann – für jede Person, die sich ein solches Päckchen abholt.

ENTLÜFTUNGS-SCHLÜSSEL Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: von der Monitoring-Stelle Energieeffizienz noch nicht festgelegt

ENTLÜFTUNGS-SCHLÜSSEL
Rechnerischer Effizienzgewinn laut Energieeffizienzgesetz: von der Monitoring-Stelle Energieeffizienz noch nicht festgelegt

Was sagt zu all dem das Wirtschaftsministerium, das für die Energieeffizienz-Verordnung verantwortlich ist? Die Energiemaßnahmen „basieren auf wissenschaftlichen Studien, geltenden technischen Normen sowie der Einbeziehung von Experten“, heißt es auf profil-Anfrage. Österreich habe ein strengeres System als viele andere EU-Staaten. In manchen Bereichen brauche es trotzdem „einen Mittelweg, damit der bürokratische Aufwand für die Betroffenen nicht überbordend ausfällt“. Ähnlich argumentiert Stephan Schwarzer, Leiter der Abteilung für Umwelt-und Energiepolitik der Wirtschaftskammer, welche die Interessen der Unternehmen vertritt. „Das Energieeffizienzgesetz ist noch ziemlich neu und hochkomplex“, sagt er. „Manche Regelungen und EDV-Tools funktionieren noch nicht optimal, aber es ist ein Work in progress.“ Und: „Ein gewisses Maß an Verallgemeinerung ist nicht zu vermeiden. Man kann nicht in jeden Haushalt hineinschauen, wie stark Effizienzmaßnahmen tatsächlich wirken.“ Schwarzer verweist auf die laufenden Überarbeitungen der Verordnung durch die Monitoring-Stelle: So sind manche Typen Wasserreduzierer in der letztgültigen Fassung nicht mehr enthalten. Und für Energiesparlampen bekommt man neuerdings weniger Effizienz gutgeschrieben als zuvor. Trotzdem: Das ambitionierte Projekt, einen Markt für Energieeffizienz zu schaffen, ist vorerst gescheitert. „Die Unternehmen haben sich massenweise mit spottbilligen Maßnahmen eingedeckt“, sagt Werner Krenek, Anwendungstechniker bei der Honeywell Austria GmbH in Wien, die Effizienzmaßnahmen entwickelt. „Damit ist der Markt auf Jahre ruiniert. Die Energielieferanten sind teilweise jetzt schon für die kommenden fünf Jahre über Bedarf mit Maßnahmen versorgt.“

Wir müssen also noch fünf weitere Klimakonferenzen abwarten. Danach kann die Sache mit der Energieeffizienz in Österreich von Neuem beginnen.

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Die energetische Schlacht

Aus dem FALTER 50/2013

Die Energiewende ist in Verruf geraten: Sie verteuere den Strom unnötig, heißt es – und führe zu massiven Investitionen in Geschäftsfelder, die ohnehin nicht zukunftsfähig seien. Solchen Argumenten setzt die deutsche Umweltökonomin Claudia Kemfert ein wortgewaltiges Pamphlet entgegen: „Kampf um Strom“ seziert die Parolen der Gegner der Energiewende, setzt Sachverhalte auseinander und trifft die Unterscheidungen, die man braucht, um die Sachlage zu verstehen. Rechnet man Folgekosten ein, dann sei fossile Energie nicht billiger als erneuerbare, lautet eine Kernthese Kemferts. Und: Kaum etwas hat sich zur Umsetzung der Energiewende als so brauchbar erwiesen wie das – ebenso geliebte wie verdammte – deutsche Erneuerbare-Energie-Gesetz.

Joseph Gepp

Claudia Kemfert: Kampf um Strom. Murmann, 144 S., € 17,30

Claudia Kemfert: Kampf um Strom. Murmann, 144 S., € 17,30

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Holpern in die Energiezukunft

Aus dem FALTER 33/2013

Der Fall Güssing bringt erneuerbare Energien insgesamt, vor allem Biomasse, ins Gerede. Zu Recht?

Zurechtrückung: Joseph Gepp

Es gibt Bilder, die sich der Öffentlichkeit einprägen. Zum Beispiel Arnold Schwarzenegger, wie er 2012 Güssing besucht. Lächelnd posiert der Ex-Gouverneur neben dem damaligen ÖVP-Bürgermeister der burgenländischen Stadt, Peter Vadasz. „Österreich muss Güssing werden“, tönt Schwarzenegger. Medien verbreiten seine Botschaft in aller Welt. Heute bereut es Vadasz vielleicht, den aufsehenerregenden Auftritt eingefädelt zu haben.

Denn das Bild des energieautarken Güssing, das international als Beispiel für nachhaltigen Umgang mit Energie gilt, hat inzwischen gehörig Schaden genommen.

Das Biomassekraftwerk, Herzstück unter vielen Projekten im Ort, wäre kürzlich fast in Konkurs gegangen. Sechs Millionen Euro Schulden hatte die Anlage angehäuft, als sie im Juni heruntergefahren wurde. Das Finanzamt hatte dem Kraftwerk den Status als Forschungsanlage aberkannt – womit Subventionen wegfielen. Im letzten Moment wurde das Werk vergangene Woche gerettet. Die notwendigen 200.000 Euro kamen angeblich von Michael Dichand, Sohn des verstorbenen Krone-Gründers.

Der Fall zieht weite Kreise. Er bringt den Einsatz erneuerbarer Energien insgesamt ins Gerede, insbesondere den von Biomasse. Bei dieser Technologie wird meist Holz verbrannt, um Wärme oder Strom zu gewinnen. Ein Subventionsgrab, lautet das alte, neue Vorurteil. Walter Boltz, Chef der Regulierungsbehörde E-Control, nannte Güssing im ORF „die Spitze des Eisbergs“. Man müsse das Konzept Biomasse überdenken; Holz sei zu teuer, um es nur zu verheizen.

Hat Boltz recht? Was unterscheidet Güssing von anderen Biomasseanlagen? Und wie wichtig ist diese Art der Energiegewinnung überhaupt, die im Vergleich zu Windrädern und Fotovoltaik ja eher selten Gesprächsthema ist?

Ein Blick in Energiestatistiken überrascht:
Biomasse ist außerordentlich wichtig. Allerdings weniger beim Strom. Dort stellte sie im Jahr 2011 nur 3,9 Prozent Anteil an der Erzeugung. Um zu verstehen, was Biomasse abseits davon so wichtig macht, muss man ein entscheidendes Faktum kennen: Energie und elektrischer Strom, das ist nicht dasselbe.

Strom, die teuerste und vielseitigste Form der Energie, macht nur allerhöchstens 20 Prozent des Energieverbrauchs aus. Die anderen 80 teilen sich die Autotreibstoffe und Brennstoffe für Heizung und Warmwasser. Bei Letzterem schließlich ist die Biomasse ganz vorn dabei.

Ungefähr ein Viertel des heimischen Wärmebedarfs stillt die Holzverbrennung, in Form von Hackgut, Pellets oder ganzen Scheiten. Das Spektrum reicht vom Kachelofen im Wohnzimmer bis zu rund tausend „Nahwärmenetzen“ in Österreich.

Warum gilt diese Art der Verbrennung als klimaschonend? Schließlich entsteht dabei CO2. „Der Wald nimmt das CO2 wieder auf“, erklärt Michael Cerveny von der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT). „Solange so viele Bäume nachwachsen, wie gefällt werden, gilt die Holzverfeuerung als CO2-neutral.“

Güssing jedoch war viel mehr als nur
eine Art höherentwickelter Kachelofen. Dort wurde im Gegenteil „ziemlich alles ausprobiert, was man mit Biomasse machen kann“, sagt Cerveny. In der komplexen, modernen Anlage wurde nicht nur Wärme gewonnen, sondern auch Strom und Prozessgas. Und genau hier setzt die Kritik an.

Schauplatz eines Energiewiunders? Biomassekraftwerk in Güssing (Foto: Wikipedia)

Schauplatz eines Energiewiunders? Biomassekraftwerk in Güssing (Foto: Wikipedia)

Holz zur Stromgewinnung zu verbrennen – das ist viel umstrittener als Verbrennung zur Wärmegewinnung. Die technologischen Anforderungen sind viel komplexer, monieren Kritiker. Diese Position teilt sogar der Biomasseverband, die Interessenvertretung der Biomassebranche. „Die Basis des Biomasseeinsatzes muss Wärmeversorgung sein“, sagt Sprecher Antonio Fuljetic. „Neue Biomassekraftwerke, die alleine Elektrizität erzeugen, wird es künftig wohl nicht mehr geben.“ Wärmeproduzierende Anlagen hingegen – und solche, die sowohl Strom als auch Wärme erzeugen – bezeichnet Fuljetic als „wirtschaftlich, wenn sie richtig geplant sind“.

Auch für die Kunden und ihre Heizungen
zahlt sich der Einsatz von Biomasse oft aus: Zwar ist die Errichtung der Holzheizungen teurer als die klassischer Öl- und Gasheizungen – allerdings ist der anschließende Betrieb viel billiger. Zum Beispiel kostet eine Kilowattstunde Energie in Form von Pellets fünf Cent, halb so viel wie bei Heizöl. Ein Blick auf die Preisentwicklung lässt darauf schließen, dass sich diese Tendenz noch verstärken wird: Im Jahr 1999 zahlte der durchschnittliche Heizölkonsument noch fünfmal weniger für seine Wärme als heute. Allerdings: Auch bei der Biomasse ist bei weitem nicht alles perfekt.

„Biomasse hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine stürmische Entwicklung erlebt“, sagt Experte Cerveny. Deswegen sei in den 1990er-Jahren, als etliche Biomassenetze entstanden, vieles zu groß dimensioniert worden. Dabei gehe Energie verloren, sagt Cerveny. „Man hat spät erkannt, dass man Biomassenetze nur in kompakten, dichten Siedlungen errichten sollte“.

Zudem führt die Nachfrage nach Holz zu einem Preisanstieg des Rohstoffs – rund ein Viertel betrug er in den vergangenen Jahren. Außerdem: Zu viel Biomasse kann andere Formen des effizienten Energieeinsatzes konterkarieren. „Zum Beispiel bringt die thermische Sanierung eines Hauses bis zu drei Viertel an Energieersparnis“, sagt der Umweltökonom Stefan Schleicher von der Uni Graz. „Wenn ich mir aber gerade eine Pelletheizung angeschafft habe, werde ich wohl auf die Sanierung eher verzichten.“

Fazit: Biomasse ist – wenn zur Wärmeerzeugung genutzt
– nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber auch kein hoffnungsloses Subventionsgrab. „Die Energieversorgung der Zukunft wird sich aus vielen Quellen speisen müssen, auch aus Biomasse“, sagt Cerverny. „Und nichts davon wird je so dominant sein, wie es das Öl einst war.“

Und Güssing? Güssing ist ein Labor, in dem zahlreiche neue Technologien ausprobiert wurden – auch wenig erfolgreiche. Kein Vorbild, wie Schwarzenegger meinte. Eher ein Vorreiter.

Wofür verbraucht Österreich Energie? (In Prozent 2009)

52% Wärme: Heizung, Dampferzeugung, Industrieöfen
45% Bewegung: Verkehr, Standmotoren
3% Strom: Beleuchtung, EDV, Elektrochemie

Wie wird der Strom produziert? (In Österreich 2011)

57,4 % Wasserkraft
31,5 % Kohle & Gas
4,2 % Sonstige
3,9 % Biomasse
2,9 % Windkraft
0,1 % Photovoltaik

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Die angekündigte Energierevolution

Aus dem FALTER 50/2011
Rezension: Joseph Gepp

Der deutsche Vordenker Hermann Scheer und Österreichs Grüne skizzieren ihre Visionen von der bevorstehenden Energiewende

Die Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 hat Hermann Scheer nicht mehr erlebt. Dabei hätte sie eindrucksvoll bestätigt, was der SPD-Bundestagsabgeordnete sein Leben lang predigte: dass an der raschen und 100-prozentigen Einführung erneuerbarer Energien kein Weg vorbeiführt.

Dieser Leitgedanke war in den Jahren vor Fukushima etwas in die Defensive geraten. Stattdessen sollten „Brückentechnologien“, wie die Atomkraft plötzlich genannt wurde, den Weg in die neue Zeit weniger opferreich gestalten. Scheer erlebte nicht mehr, wie sich dies als Illusion entpuppte. Am 14. Oktober 2010 starb er – plötzlich und unerwartet. Sein letztes Buch vom Herbst 2010, „Der energethische Imperativ“, fasst noch einmal alle Argumente für die Energiewende zusammen. Zugleich skizzieren auch Österreichs Grüne in einer soeben erschienen 82-seitigen Broschüre ihre Vorstellung von der Wende. Der Vergleich der beiden Schriften zeigt, wie die Energiedebatte in Österreich und Deutschland geführt wird und inwieweit man bereit ist, Dogmen zu verwerfen, falls sie sich als falsch oder undurchführbar herausstellen.

Bei Letzterem liegt Scheer eindeutig vorne. So betrachtet er große Klimaschutzkonferenzen wie vergangene Woche in Durban, bei der man sich lediglich auf eine Vertagung des Problems um einige Jahre einigen konnte, als geradezu hinderlich für die Verbreitung erneubarer Energien. Der CO2-Emissionshandel stellt in seinen Augen kein Bündnis zum Guten dar, sondern führt dazu, dass sich die Staaten auf einem Minimalkompromiss ausruhen – statt unilateral kraftvolle Initiativen zu setzen, die sich im zwischenstaatlichen Wirtschafts-und Innovationswettbewerb ausbreiten. Ebenso vehement verwirft Scheer Großvorhaben wie das Wüstenstromprojekt Desertec oder Windparks in der Nordsee. Das sei unrealisierbare „Gigantomanie“.

Im Oktober 2010 unerwartet gestorben: Umweltpolitiker und Vordenker Hermann Scheer (Foto: Wikipedia)

Wie aber lässt sich, davon abgesehen, die Wende bewerkstelligen? Scheer bezieht sich hier auf ein deutsches Gesetz, das er selbst im Jahr 2000 maßgeblich geschaffen hat: das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Der Gedanke: Mittels garantierter Mindestpreise für Strom und bevorzugter Einspeisung ins Netz schafft der Staat einen Rahmen, in dem sich private Innovationen und Investitionen in Erneuerbare Energie lohnen. Subvention sei das keine, widerspricht Scheer einem gängigen Argument. Vielmehr stelle es Kostenwahrheit her, denn konventionelle Energie koste zehn- bis zwanzigmal mehr als den regulären Preis, wenn man soziale und ökologische Folgeschäden mitberechnet.

Das Gesetz hat Deutschland zum Vorreiter gemacht. So wurden dort 2010 44 Prozent der weltweiten Photovoltaik-Anlagen installiert. Im selben Jahr entstanden auf deutschen Dächern mehr Solaranlagen als 2009 auf der ganzen Welt. Scheer plädiert für fortgesetzte staatliche Förderung privater Innovation. Modulare Kleinkraftwerke, Autos als mobile Energielieferanten, Alleen aus Windrädern entlang von Autobahnen: Solchermaßen soll sich sein Land künftig mit Energie versorgen.

Konkrete Berechnungen zu diesem Szenario bleibt Scheer zwar nicht schuldig, sie kommen aber etwas zu kurz – allerdings sind sie bei den derzeit rasanten Innovationsschüben bei Green Technologies auch schwierig vorauszusehen.

Gar nicht zu kurz kommt hingegen bei Österreichs Grünen ein Aspekt der Energiedebatte, den Scheer etwas übersieht: das gewaltige effizienzsteigernde Potenzial durch Energiesparen. Dieses zu nutzen, ist zentrale Forderung einer Energiewende, wie sie sich die Grünen für Österreich wünschen. Konkrete Szenarien oder etwa genaue Zeitpläne fehlen zwar auch hier. Ansonsten aber fasst die Broschüre seriös und profund den Wissensstand zur Energiewende zusammen.

Einzig die etwas einseitige Fixierung auf die Gefahren der Atomkraft wirkt zuweilen penetrant. Die desaströsen Folgen fossiler Energiegewinnung kommen im Vergleich eher dürftig daher. Und bei langen Passagen zu Temelin und Mochovce denkt man unwillkürlich an den wohlbekannten erhobenen Zeigefinger der Kronen Zeitung, bei dem Öko-Sorgen und Austro-Chauvinismus eine sehr österreichische Symbiose eingehen. Doch im Jahr von Fukushima lässt sich die Dringlichkeit der Energiewende mit der Gefahr von Atomkraft allemal besser darstellen als mit schleichenden klimatischen Veränderungen.


Hermann Scheer:
Der energethische Imperativ. Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist. Kunstmann, 271 S., € 20,50

Eva Glawischnig, Rudi Anschober: Die Grüne Energiewende. Ja, es geht! Zu beziehen unter: gruene.at

Filmtipp:
Die 4. Revolution – Energy Autonomy. Ein Film von Carl-A. Fechner. Siehe: www.4-revolution.de

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Mit voller Energie gegen den Strom

Ein Ausstieg aus der Atomkraft ist möglich, aber nur der Anfang der nötigen Energiewende

Bericht: Ingrid Brodnig und Joseph Gepp

Häuser, die Energie produzieren wie kleine Kraftwerke. Küchengeräte, die kaum Elektrizität verschlingen. Industrieanlagen, die nur Strom abzapfen, wenn das Netz nicht überlastet ist. Und 500-mal so viel Sonnenenergie, die Solarzellen auffangen. All das sind Bausteine für ein energieunabhängiges, atomstromfreies Österreich.

Der Störfall im japanischen AKW Fukushima und die Panik vor der Verstrahlung haben zu einer globalen Energiedebatte geführt. Deutschland macht eine Kehrtwende und will veraltete Meiler schließen. Die Schweiz rückt vom Bau neuer Atommeiler ab. Die USA lassen Kraftwerke prüfen.

Fukushima führt zu mehr als nur dem Wunsch nach einer Welt ohne Atomkraft. Es wirft eine große Frage auf: Was ist die Energie der Zukunft?

Atommeiler sind vielleicht die meistüberschätzten Stromlieferanten der Welt. Global gesehen werden in ihnen nur 15 Prozent des Stroms erzeugt. Zwei Drittel der Elektrizität hingegen stammen aus der Verbrennung fossiler Energieträger. Dass ein Ausstieg aus dem Atomstrom möglich ist, bestätigen Experten. Das deutsche Öko-Institut stellte vergangene Woche eine Studie im Auftrag des WWF vor – ihr zufolge wäre ein komplettes Abschalten der 17 deutschen Atomkraftwerke sogar schon 2020 möglich, ohne Preisexplosion. Dafür müssten vorerst Kohlekraftwerke länger am Netz hängen und zusätzliche moderne Gaskraftwerke eingeschaltet werden.

Am billigsten wäre es, die nuklearen Brennstäbe durch fossile Brennstoffe zu ersetzen. Doch sie, allen voran die Braunkohle, sind die größten Luftverpester. Deswegen warnen Umweltforscher davor, sich nach dem Atomausstieg zu sehr von Kohle abhängig zu machen. „Besser, wir werfen kurzfristig alte Kohlekraftwerke an, als wir bauen neue“, sagt etwa Charlotte Loreck vom deutschen Öko-Institut. Bei Neubauten befürchtet die Ingenieurin den sogenannten „Lock-in-Effekt“: Wer jetzt zusätzliche Kohlekraftwerke errichte, unterwirft sich für weitere Jahrzehnte klimaschädigenden Brennstoffen.

Bisher war die Atomindustrie eine Hoffnung, um billig CO2-armen Strom zu erzeugen. Wer Kernkraft ablehnt und nicht die Luft verpesten will, dem bleiben nur zwei Möglichkeiten: mehr Öko und weniger Stromverschwendung. In den letzten Jahren wurde die Nuklearenergie auch deswegen forciert, weil der Hunger nach Energie zunahm. Allein in Österreich stieg seit 1990 der Stromkonsum um ein Drittel. Strom muss teurer werden, damit wir ihn nicht mehr achtlos verschwenden, fordert der deutsche Umweltforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker (siehe Interview rechts). Er ist nicht der Einzige.

In Österreich etwa müsste man den Energieverbrauch bis 2050 auf circa 60 Prozent des derzeitigen drosseln. Das verlangen nicht etwa radikale Öko-Aktivisten, das fordert die aktuelle „Energieautarkie-Studie“ des Umweltministeriums. Auf diese Weise würde das Land nur grüne Energie konsumieren, ohne fossile Kraftwerke und importierten Atomstrom. 60 Prozent sind eine enorme Vorgabe. Die Hälfte davon ließe sich ohne Einbußen in der gewohnten Lebensqualität erreichen, etwa durch thermische Sanierung und effiziente Geräte. Die zweite aber erfordert immense Umstellungen, etwa im Mobilitätsverhalten. So würden Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren praktisch nur noch in der Landwirtschaft und am Bau eingesetzt werden. Der übrige Individualverkehr wäre – wenn es ihn überhaupt gäbe – elektrisch.

Der Weg zu einem sauberen Energiemix ist somit kein Spaziergang, sondern ein Gewaltmarsch. „Klotzen, nicht kleckern“, verlangt Michael Cerveny von der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik und meint damit den massiven Ausbau erneuerbarer Energien. Auch laut Energieautarkie-Bericht braucht es bis 2050 je ein Drittel mehr Biomasse und Wasserkraft. Die Zahl der Windräder müsste sich verfünffachen, die der Solarflächen gar verfünfhundertfachen.

Kritikern zufolge sind solche Maßnahmen nicht durchsetzbar. In Graz etwa bekämpfen Bürger derzeit ein Flusskraftwerk, das den Lebensraum des geschützten Huchens gefährden würde. Im Weinviertel treiben Windräder Dorfbildretter auf die Barrikaden. Der Bau einer Starkstromleitung vom Burgenland in die Steiermark zog sich 25 Jahre hin, so groß war die Angst vor Landschaftsverschandelung und Elektrosmog. Ausgerechnet die österreichische Grünbewegung entstammt der Besetzung der Hainburger Au 1984 – also dem Kampf gegen ein Wasserkraftwerk.

„Die Leute wollen ein hochtechnisiertes Lebensumfeld und gleichzeitig unberührte Natur“, sagt Barbara Schmidt von „Oesterreichs Energie“, der Interessenvertretung der E-Wirtschaft. Skeptiker wie sie verweisen darauf, dass derzeit keine erneuerbare Energie außer der Wasserkraft am Markt konkurrenzfähig sei. Öko-Fürsprecher wie Cerveny allerdings meinen, dass dies sich schon bald ändern könnte – und zwar wegen des steigenden Ölpreises.

Schon 2008, als er auf fast 150 Dollar je Barrel kletterte, war Windkraft billiger als fossile Energie. Der Ölpreis wirkt sich auf den Strompreis aus, da in Kraftwerken auch Öl und Gas verfeuert werden. Vom „grünen Goldrausch“ schrieben 2008 die Zeitungen. Während der Wirtschaftskrise sackte der Ölpreis auf 40 Dollar ab. Heute liegt er wieder bei 115, Tendenz steigend. „Nicht etwa aus Weltverbesserungsgründen werden sich die erneuerbaren Energien durchsetzen“, sagt Michael Cerveny, „sondern allein aus ökonomischer Vernunft.“

Derzeit scheint das Land noch weit von der Energiewende entfernt. Laut Global 2000 liefern Windkraft, Sonnenenergie und Erdwärme zusammen nicht mehr als 2,2 Prozent der heimischen Stromversorgung.

Die Konsequenz aus Fukushima müsste eine Neuausrichtung der Energiepolitik sein. „Atomkraft? Nein danke“, das ist nicht das Ende der Debatte – sondern erst der Anfang.
Stromverbrauch weltweit
40,3 % Kohle
19,7 % Gas
16 % Wasserkraft
15,2 % Atomkraft
6,6 % Öl
2,2 % Wind, Solar

Stromverbrauch Österreich
48,6 % Wasserkraft
26,4 % Wärme (Öl, Gas, Kohle)
2,24 % Wind, Solar
22 % importierter Strom

Vom importierten Strom in Österreich kommen 35,1 % aus tschechischen Kraftwerken und 61,2 % aus deutschen. Laut Global 2000 sind 6,4 % Atomstrom

Erschienen im Falter 12/2011

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Ein Liquidator aus Wien blickt nach Fukushima

Aus dem Falter 11/2011

Einst dirigierte Iouli Andreev als Oberst den Hilfseinsatz in Tschernobyl. Japans Informationspolitik traut er nicht

Bericht: Joseph Gepp

Foto: Hans Hochstöger

Iouli Andreev, 73, steht jetzt am Ufer der Alten Donau und klettert auf sein Segelboot: „Heute bin ich kein Oberst der Roten Armee mehr“, sagt er, „sondern mein eigener Kapitän.“

25 Jahre ist es her, dass Andreev der Sowjetarmee diente – in Tschernobyl. Sein letzter Einsatz kommt ihm dieser Tage wieder in den Sinn.

Der stämmige Mann stand der nuklearen Notfalltruppe vor. Im April 1986 war er einer der ersten Soldaten vor Ort. Vom nahen Prypjat aus befehligte er fünf Jahre die Katastrophenbewältigung. Heute liegt die Kleinstadt überwuchert in einer verbotenen Zone, ein zugewachsener Rummelplatz erinnert an das Stadtleben von einst.

Nach der Wende übersiedelte Andreev nach Wien, um an Universitäten zu unterrichten. Wie erlebt er die Katastrophe in Japan? „Ein Aspekt erinnert mich an Tschernobyl: die Informationspolitik.“ In der Absicht, Panik zu vermeiden, verbreite die Regierung Desinformation. Dass der Reaktor früher außer Kontrolle geraten ist, als die Behörden zugeben, darauf weisen für den Experten etliche Details hin.

Etwa der Versuch, schmelzende Brennstäbe mit Meerwasser zu kühlen. „Das sei „reine Improvisation, panische Schadensbegrenzung“. Salzwasser greife Metall stärker an als das hochgradig saubere Wasser, mit dem man sonst kühlt. „Niemand weiß, wie sich das auswirkt.“

Dreieinhalb Meter breit und 18 Meter hoch seien die Reaktoren in Fukushima, erklärt Andreev. Drinnen sind Brennstäbe, bleistiftdicke Röhren. Diese wiederum enthalten das spaltbare Material in Form von Pellets – Tabletten, klein wie Aspirin, keramikfarben, Uran oder Plutonium.

Ein Oberst der Roten Armee in Kaisermühlen: Atomexperte Iouli Andreev über Tschernobyl und Fukushima

Was wird in Fukushima passieren? „Es könnte gelingen, die Reaktoren zu kühlen – mit wenig entweichender Radioaktivität.“ Oder? „Die Masse bricht durch den Reaktor oder explodiert in die Luft.“ Diese unwahrscheinlichere Variante verursache eine Kettenreaktion wie Tschernobyl.

Dorthin schickte das Sowjet-Regime einst bis zu eine Million Aufräumarbeiter, sogenannte Liquidatoren. Es waren junge Soldaten, die von der Gefahr nichts ahnten. Andreev selbst durfte nicht länger als zehn Minuten mit dem Hubschrauber über dem Kraftwerk kreisen, sonst wäre die Belastung zu groß geworden.

„Es müsste eine unabhängige Instanz geben, die atomare Notfälle managt und über Gefahren aufklärt“, sagt er heute und deutet leicht abfällig auf die Uno-City, die unweit in den Himmel ragt. „Die Internationale Atomenergiebehörde hat ja dezidiert die Aufgabe, eine friedliche Nutzung der Kernkraft zu fördern.“ Andreev selbst wurde kürzlich wegen einer Krebserkrankung ein Lungenflügel entfernt. Nun will er eine Website starten. „Auf ihr sollen sich alle Liquidatoren eintragen, die Schäden davontragen. Wenn es sonst keiner tut, machen wir eben unsere eigenen Statistiken.“


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