Archiv der Kategorie: Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

Baumbefall

Aus profil 10/2016

In Rumänien droht den letzten großen unberührten Wäldern Europas Gefahr durch illegale Schlägerungen. Schuld daran soll laut Umweltschützern und Behörden der österreichische Holzkonzern Schweighofer sein. Alles nicht wahr, sagt Schweighofer. Eine Spurensuche.

Text und Fotos von Joseph Gepp, Bukarest

„Serious allegation again timber company Schweighofer in Romania“: English version of the article

Es ist eine lange Fahrt, bis das Nichts beginnt. Zuerst verwandeln sich die großen und stattlichen Plattenbauten der Hauptstadt in die kleinen und heruntergekommenen der Provinz. Dann ziehen nur noch Bauernhäuser am Autofenster vorbei. Schließlich Holzhütten. Und am Ende gar nichts mehr.

Am Rand des Nichts stellt Gabriel Paun den Motor ab. Er holt die Gummistiefel aus dem Kofferraum, denn der Schnee liegt hoch. Es ist nicht weit von hier, sagt er. Der 38-jährige Umweltschützer der Organisation „Agent Green“ kennt den Weg. Er war schon oft hier. Er hat Sorge, dass das Nichts verschwindet.

Câmpuşel, nahe der Kleinstadt Petroșani, Rumänien. Auf diesen Karpatenhängen breitet sich einer der letzten Urwälder Europas aus. In ihre Entwicklung hat seit Jahrhunderten kein Mensch eingegriffen. Wölfe hinterlassen ihre Spuren im Schnee. Wenn er unter den Sohlen nachgibt, ist sein Knirschen alles, was man hört. „Buchen, Fichten, alte Bäume, junge“, sagt Paun, „wild durcheinander“. Die Fläche in Rumänien, auf der bis heute Urwälder wachsen, soll fast jener von Vorarlberg entsprechen. Noch, sagt er.

Gabriel Paun im Wald von Câmpuşel (Gepp)

Gabriel Paun im Wald von Câmpuşel (Gepp)

Diese Geschichte handelt vom Eigentümer des Waldes von Câmpuşel, einem Holzkonzern mit administrativem Sitz in der Wiener Favoritenstraße 7. Dort residiert die Schweighofer-Gruppe. Sie gehört Gerald Schweighofer, einem gebürtigen Waldviertler. Seit 400 Jahren ist Schweighofers Familie im Holzgeschäft tätig. In den vergangenen Jahrzehnten baute er den Betrieb zu einem multinationalen Konzern aus, mit einem Umsatz von jährlich rund einer halben Milliarde Euro. Der Schwerpunkt liegt in Rumänien, wo das Unternehmen seit 2002 tätig ist. Heute rangiert Gerald Schweighofer laut „Trend“ mit einem geschätzten Vermögen von 1,2 Milliarden Euro auf Platz 25 der reichsten Österreicher.

In Rumänien kennt fast jeder die „Holzindustrie Schweighofer S. R. L.“. Nicht nur, weil das Unternehmen mit drei großen Sägewerken und knapp 3000 Mitarbeitern der überlegene Marktführer bei der Nadelholzverarbeitung im Land ist. Sondern auch, weil es unentwegt auftaucht. In den Artikeln von Aufdeckerjournalisten, den Facebook-Einträgen von Umweltschützern, den Transparenten von Demonstranten auf der Straße, den Dossiers von Staatsanwälten.

Die Vorwürfe tönen seit Monaten, und sie wiegen schwer. Schweighofer soll seine Holzlieferanten in großem Stil zu illegalen Schlägerungen animieren. Er soll wegschauen, wenn illegales Holz die Werkstore passiert. Er soll für das Abholzen in Naturschutzgebieten verantwortlich sein. „Sein ganzes Geschäftsmodell dreht sich ums illegale Holz“, sagt Alexander Bismarck, Umweltschützer der US-Organisation Environmental Investigation Agency. Für die Konzernverantwortlichen gilt die Unschuldsvermutung.

Mit einer Aktion Bismarcks hat alles angefangen, das war vor neun Monaten. Als Holzhändler getarnt, sprach der Amerikaner mit versteckter Kamera in einem Schweighofer-Sägewerk im zentralrumänischen Sebeș vor. Er bot illegales Holz an – und stieß, so das Video, auf Interesse (siehe Text weiter unten). Im vergangenen Juli sagte dann Rumäniens damalige Umweltministerin Grațiela Gavrilescu, dass Inspektionen bei Schweighofer „eine Anzahl von Unregelmäßigkeiten und Ungenauigkeiten“ ergeben hätten. Es bestehe der Verdacht, dass das Unternehmen Holz aus illegalen Schlägerungen beziehe. Dazu berichten Investigativ-Medien über dubiose Geschäftspartner und Scheinfirmen, mit deren Hilfe Schweighofer weite Teile des Holzmarkts kontrollieren soll.

Doch Schweighofer schlägt zurück. Man werde zum Sündenbock erklärt für Korruption und Missstände, die anderswo in der Branche grassieren. Das Undercover-Video? „Irreführend zusammengeschnitten“, sagt Georg Erlacher, Sprecher der Schweighofer-Geschäftsführung. Die Vorwürfe? „Zutiefst unmoralisch“, „rechtlich bedenklich“, eine „Verleumdungskampagne“.

Schießen sich Umweltschützer und Behörden hier auf ein populäres Feindbild ein, jenes des ausländischen Großkonzerns? Oder zeigt sich Österreichs vielgelobte wirtschaftliche Expansion in den Osten tatsächlich von ihrer dunklen Seite? Trägt der heimische Konzern Schuld an der Plünderung eines der letzten unberührten Naturschätze Europas?

Ja, sagt Gabriel Paun, der Umweltaktivist. Im Wald von Câmpuşel will er das anhand eines konkreten Beispiels belegen. Der Schnee türmt sich hoch, aber das reicht nicht, um die Baumstümpfe ganz zu bedecken, auf die Paun deutet. Da, die orange Markierung auf dem Baum, sagt Paun. Dort, noch eine. Und drüben liegen schon Baumstämme zum Abtransport bereit. „Das alles mitten im Urwald.“

Câmpuşel, ein sogenanntes Natura-2000-Schutzgebiet, befindet sich seit dem Jahr 2005 im Besitz von Schweighofer, ebenso wie 18 weitere Wälder in Rumänien. Eine Studie aus demselben Jahr, durchgeführt von einem rumänischen Waldforschungsinstitut und der niederländischen Gesellschaft für Naturschutz, definiert das Areal als Urwald. Diese sind laut Forstgesetz „strengstens zu schützen“. Dennoch lässt Schweighofer hier Bäume fällen.

Wer diese und andere Kontroversen besser verstehen will, muss mit dem System im Hintergrund vertraut sein. Jeder Wald in Rumänien benötigt laut Gesetz einen sogenannten Management-Plan. Er wird vom Staat genehmigt und gilt für zehn Jahre. Dieses Dokument legt fest, ob geschlägert werden darf, und, wenn ja, wie viel von welcher Sorte.

Waldarbeiter in Nordrumänien (Gepp)

Waldarbeiter in Nordrumänien (Gepp)

Wenn dann Forstarbeiter Bäume fällen und auf Lastwägen hieven, bekommt jede Ladung einen individuellen Code. Dieser zeigt an, dass die Holzfracht gemäß den Angaben im Management-Plan geschlägert werden durfte. Damit ist sie legal.

In der Praxis jedoch funktioniert das System schlecht. In Rumänien wird viel mehr umgeholzt, als die Management-Pläne vorsehen und der Wald verträgt. Holzfirmen tricksen die Gesetze aus, etwa indem sie mit ein und demselben Code mehrere Ladungen führen. Oder die Lastwägen fahren überhaupt ohne Code zu Sägewerken, die ihre Fracht kaufen. Die Folge: Geschätzte 20 bis 50 Prozent der Holzschlägerungen in Rumänien erfolgen illegal. Laut Umweltministerium kostet der Raubbau jedes Jahr 8,8 Millionen Kubikmeter Holz. Umgerechnet auf die Fläche entspricht das 44.000 Hektar Wald, die jährlich unrechtmäßig verschwinden. Zum Vergleich: Die Fläche der Stadt Wien beträgt 41.000 Hektar.

Schuld daran trage hauptsächlich Schweighofer, sagt der US-Umweltschützer Bismarck. „Das Unternehmen hat gezielt und bewusst große Mengen illegalen Holzes gekauft.“ Zwei Jahre lang hat Bismarcks Team die angeblichen Methoden des Konzerns recherchiert. Im vergangenen Herbst erschien das Ergebnis als umfangreicher Bericht, „Der gestohlene Urwald“. Ursprünglich habe man sich gar nicht mit Schweighofer befassen wollen, sagt Bismarck; stattdessen stand das illegale Holzgeschäft in Rumänien insgesamt im Fokus der Umweltschützer. „Aber während der Recherche stellten wir fest: Fast jeder Truck mit illegalem Holz ging zu Schweighofer.“

Nachdem Bismarcks Initiative in Rumänien Aufsehen erregt hatte, griffen die Behörden den Fall auf. Umweltinspektoren und Staatsanwälte leiteten Ermittlungen ein. Seither sollen sie auf große Mengen illegalen Holzes gestoßen sein. Darauf deutet zumindest ein interner Bericht hin, der profil vorliegt. Das 61-seitige Dossier überstellte das Umweltministerium vergangenen November an die Sonderstaatsanwaltschaft Diicot, die bei Verdachtsfällen von Organisierter Kriminalität ermittelt. Darin ist von Hunderttausenden Kubikmetern unregistrierten Holzes die Rede.

Zum Beispiel im Schweighofer-Werk von Sebeș – demselben, in dem Bismarck für sein Video vorsprach. Hier sollen zwischen Juli 2014 und April 2015 Frachtbriefe „für ein Volumen von 281.461 Kubikmeter“ nicht mit dem offiziellen System übereinstimmen, so der Bericht. Oder etwa: „Es gibt Gründe zur Annahme, dass 27 Lieferanten Rundholz mit einem Gesamtvolumen von 30.141 Kubikmeter nach Sebeș geliefert haben, ohne über Dokumente legalen Ursprungs zu verfügen.“ Wohlgemerkt: Die Behörde hat sich niemals offiziell zu dem Bericht geäußert. Der Ausgang der Ermittlungen ist offen.

Rădăuți, Nordrumänien. Auf einem Parkplatz drängen sich Dutzende Lastwägen mit Baumstämmen um einen Baustellencontainer. Sie warten auf Einlass ins Schweighofer-Sägewerk. Mehr als 20 von ihnen würden jeden Tag diesen Punkt passieren, erklärt Schweighofer-Manager Erlacher, ehemals ein Vorstandsmitglied der Österreichischen Bundesforste. Dazu eine ähnliche Zahl an Frachtzugswaggons. „Und das“, sagt er, „ist nur unser erster Checkpoint.“

Schweighofer-Sägewerk in Radauti

Schweighofer-Sägewerk in Radauti

Der zweite liegt weiter vorne, ein Schranken samt einem gläsernen Verschlag, in den Fernfahrer Transportdokumente zur Durchsicht reichen. „Bei uns kommt kein illegaler Lastwagen rein“, sagt Erlacher. Wegen derartiger Einlasskontrollen. Und wegen strenger Prüfverfahren, in denen die Schweighofer-Lieferanten vorab die legale Herkunft ihres Holzes belegen müssten.

Hinter dem Schranken breitet sich ein Sägewerk aus, das anders aussieht, als es ein Laie erwarten mag. Kein lautes Kreischen von Sägen, keine Schuhabdrücke in Holzspänen, kaum schwitzende Arbeiter. Stattdessen ein vollautomatisierter Apparat, groß wie ein kleines Dorf. Ruhig und rhythmisch werkt er vor sich hin. Vom Kommandoraum aus blicken die Mitarbeiter auf schwingende Roboterarme, die Baumstämme ergreifen. Splitter und Späne werden automatisch abgesaugt, um sie zu Biomasse und Pellets zu pressen. Die Baumstämme selbst gleiten auf Fließbändern leise ihrer Verarbeitung entgegen. Stamm um Stamm, fast 24 Stunden am Tag. Auf der anderen Seite der Fabrik kommen sie als Bretter und Balken wieder raus.

Inmitten all der Technik weisen freundliche österreichische Manager die Vorwürfe allesamt von sich. Sie erzählen von profilierungssüchtigen Umweltschützern, sensationsheischenden Medien, unternehmensfeindlichen Politikern, die es auf Schweighofer abgesehen hätten. Möglicherweise würden manche der Politiker selbst mit der Holz-Mafia unter der Decke stecken, sagen sie. „Als die Vorwürfe aufkamen“, erzählt einer der Mitarbeiter, „habe ich meinem Chef Gerald Schweighofer tief in die Augen geschaut und ihn gefragt, ob da etwas dran ist. Und er hat gesagt: ‚Nein, nichts.‘“

Bei Schweighofer räumt man lediglich ein paar kleine Verfehlungen ein, lässliche Versehen, keineswegs mit krimineller Absicht. Beispielsweise stießen behördliche Inspektoren im Jahr 2014 in Rădăuți auf rund 9000 Kubikmeter illegales Holz. Für Umweltschützer wie Bismarck gilt der Fund als Beleg dafür, dass die Dinge bei Schweighofer im Argen liegen. Im Konzern hingegen bestätigt man den Fall zwar, betont aber, dass es sich dabei lediglich um einen winzigen Teil des gesamten Holzes gehandelt habe – exakt 0,9 Prozent. Derartiges seien Formalfehler, entstanden in der Alltagshektik, etwa weil Mitarbeiter beim Ausfüllen von Formularen die Kommas falsch gesetzt hätten.

Ähnlich klingen die Argumente im Fall des Urwalds von Câmpuşel, wo der Umweltschützer Paun auf Schlägerungen gestoßen ist. Diese habe die dortige Forstbehörde selbst angeordnet, sagt Erlacher. In dem Wald wütete nämlich ein Sturm, dessen Schäden laut Gesetz beseitigt werden mussten. Das ist zum Schutz des umliegenden Wirtschaftswaldes vor Schädlingen notwendig. Die Grenze zum Nutzwald sei eben derart fließend, dass sie nicht einmal die Behörden immer genau zu ziehen wissen, sagt Erlacher. Deshalb sind Schlägerungen laut Management-Plan erlaubt. „Solche Anordnungen bringen uns in ein Dilemma. Wenn wir die Schäden nicht bereinigen, widersetzen wir uns der Behörde. Und wenn, dann kritisieren uns die Umweltschützer.“

Und der Bericht der Staatsanwaltschaft? Jener von den Hunderttausenden Kubikmetern illegalen Holzes? Dazu will sich Erlacher nicht äußern, der Konzern sei darüber niemals offiziell informiert worden. Der illegale Holzhandel sei zweifellos ein Problem in Rumänien, sagt er. „Aber eines mancher lokaler Netzwerke und Kleinunternehmer.“ Schweighofer als großes Unternehmen könne sich solche Dinge gar nicht leisten.

Zwei konträre Wirklichkeiten tun sich also auf, hier, in Rumänien, hier, in einer offensichtlich korruptionsverseuchten Branche. Draußen bezichtigen Umweltschützer und Behörden Schweighofer massiver Verfehlungen. Drinnen das saubere, hochtechnisierte Werk von Rădăuți und seine freundlichen österreichischen Manager. Können denn in einem derartigen Umfeld solche Verfehlungen geschehen? Ja? Oder eher nein?

Abends, unweit des Sägewerks von Rădăuți. Das Hotel „The Gerald’s“, fünf Stöcke, vier Sterne, das beste Haus weit und breit. Es gehört zum Schweighofer-Konzern und trägt sogar den Namen des Eigentümers. Das Unternehmen betreibt das Hotel, weil es sonst in der Nähe keines gäbe, in dem man Geschäftspartner und Angestellte gut einquartieren könnte.

Da sitzt nun Gerald Schweighofer. Er hat im Hinterzimmer des Restaurants Platz genommen, braungebrannt, randlose Brille, ein Lodenjackett mit Hirschgeweihknöpfen. Er redet davon, dass die Motive der rumänischen Politiker unergründlich sind. Einmal stimmen sie Gesprächen mit Schweighofer-Managern zu, dann blocken sie urplötzlich ab. Man weiß nie, woran man ist in diesem Land hier.

Gerald Schweighofer (Gepp)

Gerald Schweighofer (Gepp)

Die Vorwürfe der US-Umweltschützer? Die investigativen Journalisten? Die Staatsanwälte? Soll das alles eine Verschwörung gegen Schweighofer sein? „Wir haben nichts falsch gemacht“, sagt Gerald Schweighofer. In solchen Fällen ergebe eine Anschuldigung häufig die nächste. Schweighofer stellt sich hier im Hotel den Journalisten, um angebliche Missverständnisse aufzuklären und den Ruf seiner Firma zu retten, aber jetzt sagt er kaum etwas außer: alles nicht wahr.

Wenn tatsächlich eine Verschwörung gegen das Unternehmen in Gang ist, entfaltet sie sich derzeit eifrig weiter. Die Staatsanwaltschaft Diicot beantwortet die profil-Anfrage nach den Ermittlungen nicht. Aber hinter den Kulissen behaupten Insider, die Arbeit könnte bereits in wenigen Monaten abgeschlossen sein.

Der Handel von illegal geschlägertem Holz sei heutzutage kein Kavaliersdelikt mehr, sagt der Umweltschützer Bismarck. „Schweighofer muss dafür sorgen, dass die Herkunft des Holzes für die Konsumenten klar nachvollziehbar ist.“

Bei Schweighofer kündigt man Schritte in diese Richtung an. So plant Erlacher, mithilfe eines GPS-Systems den Weg des Holzes transparenter zu machen. Dahinter steckt wohl auch die Angst, Marktanteile zu verlieren. Mittlerweile sprechen angeblich bereits Großkunden aus Westeuropa und Japan beim Konzern vor, aus Sorge, mit illegalen Holzgeschäften in Verbindung gebracht zu werden.

Im Flugzeug zurück nach Wien. Bald nach seinem Start verschwinden unten die breiten Straßen und die großen Plattenbauten. Es dauert nicht lange, und die Straßen der rumänischen Provinz werden zu Pfaden, die Dörfer zu vereinzelten Häusern, die Häuser zu Hütten. Am Ende sieht man nur noch Berge und Wald. Nichts mehr.

Dann, abrupt, hört das Nichts auf. Stattdessen kommen Baumstümpfe.

Bei sämtlichen Exkursionen mit Umweltschützern und mit Schweighofer trug profil die Flug- und Hotelkosten selbst.

Im Internet

Das Undercover-Video der Umweltschützer (englisch)
http://tinyurl.com/holzundercover

Der Bericht „Der gestohlene Urwald“ in voller Länge (englisch)
http://tinyurl.com/dergestohleneurwald

Der Gegenbericht von Schweighofer
http://tinyurl.com/schweighofergegenbericht

„Fragen Sie mich nicht, wie“

Was das Undercover-Video aus dem Schweighofer-Werk wirklich zeigt.

Im Schweighofer-Werk von Sebeș sprechen US-Investoren vor. Sie wollen Holz aus Rumäniens Wäldern an den Konzern verkaufen. Allerdings: Wie viel geschlägert werden dürfe, diese Vorgaben sei ihnen zu „unflexibel“, sagen sie. Die Schweighofer-Manager: „Kein Problem.“

Dieses Video erregte vor neun Monaten Aufsehen. Die Holzhändler waren in Wahrheit von der US-NGO „Environmental Investigation Agency“ (EIA). Ihr Undercover-Film soll zeigen, dass Schweighofer illegales Holz akzeptiert.

Allerdings: Laut Schweighofer ist das Video „irreführend geschnitten“. Der Konzern fordert die EIA auf, das ungeschnittene Material herauszugeben. Doch „wir würden damit künftige Recherchen und unbeteiligte Dritte gefährden“, weigert sich EIA-Chef Bismarck.

profil konnte dennoch exklusiv das ungeschnittene Material zur Gänze einsehen. Es handelt sich um zwei rund einstündige Besuche in Sebeș. Unter anderem trifft man sich mit Karl S., Schweighofer-Einkaufsleiter für Rumänien. Vorweg: profil konnte inhaltlich keinen Unterschied zwischen der ungeschnittenen und geschnittenen Version erkennen.

Mehrmals betont Karl S. im Gespräch, wie dringend Schweighofer Holz für seine Werke benötige. „Es gibt nicht genug Rohmaterial für das, was wir brauchen.“ Die vorgeblichen Händler mögen daher so viele Lastwägen schicken, „wie Sie beladen können“.

Szene aus dem Undercover-Video: rechts sitzt Karl S. (Gepp)

Szene aus dem Undercover-Video: links sitzt Karl S. (Gepp)

Die Besucher betonen mehrmals, dass sie gern mehr schlägern würden als vorgesehen. Sie würden „jede Extra-Produktion begrüßen“, sagen sie etwa. Karl S. antwortet auf derlei Ansinnen: „Wir haben jeden Tag 120 (ankommende, Anm.) Trucks. Wir sind sehr flexibel.“ Kurioserweise kritisieren die Manager zugleich das Problem des illegalen Schlägerns in Rumänien.

Weiters dreht sich das Gespräch um ein Bonussystem für Lieferanten, die mehr Holz als vereinbart liefern. Diese erhalten von Schweighofer Extra-Geld „an den Monats- und Quartalsenden“. Heute argumentiert Schweighofer, diese Boni würden sich auf geringe Zusatzmengen an Holz beziehen, deren Schlägerung in Sonderfällen legal sei.

Am Ende des Treffens betont Karl S. erneut, wie enorm die Holzmengen bei Schweighofer seien: „Wir verarbeiten (in Sebeș, Anm.) eineinhalb Millionen Kubikmeter, und das ohne jeden Import“, sagt er, „und es funktioniert“. Nachsatz: „Fragen Sie mich nicht, wie, aber es funktioniert.“ S. hat das Unternehmen inzwischen verlassen, obwohl er nichts falsch gemacht haben soll.

Auch E-Mails, die profil vorliegen, zeichnen ein ähnliches Bild. So fragen die vorgeblichen Händler schriftlich nach, ob sie wirklich „zweimal das erlaubte Level“ liefern dürfen. Ein Schweighofer-Mitarbeiter darauf: „Es ist kein Problem, den Vertrag im Juni zu unterzeichnen.“

Später – es ist der 24. April 2015 – langt jedoch eine völlig andere E-Mail ein. Plötzlich weist derselbe Mitarbeiter klar hin, dass „die Legalität allen Holzes (…) von den Papieren bestätigt werden muss“.

Also doch alles gut? Nicht ganz. Am Tag vor dieser letzten E-Mail hat nämlich ein rumänischer TV-Journalist vom Sender Antena 3 bei Schweighofer angefragt. Ihm würden Geheimvideos von fragwürdigen Gesprächen vorliegen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Wirtschaft

Serious allegations against timber company Schweighofer in Romania

From profil 10/2016

Illegal logging is endangering Europe’s last big virgin forests. Environmental activists and Romanian authorities blame Austrian timber company Schweighofer. Schweighofer denies the allegations. The author goes in search of evidence.

By Joseph Gepp (March 7, 2016)
Translated by EIA

Here’s the original German version

It’s a long drive until we leave all traces of mankind behind. The large and imposing prefabricated apartment blocks in the capital gradually get smaller and more run down as we leave the city behind and head into the countryside. Soon after, only the occasional farmhouse flashes past the car window. Then wooden huts. Then nothing at all.

At the edge of this nothingness, Gabriel Paun pulls to a halt. He gets his rubber boots out of the trunk as the snow is deep. It’s not far from here, he tells us. The 38-year-old environmental activist who works for the organization Agent Green knows the way. He’s been here many times before. He is worried that the nothingness is disappearing.

We are in Câmpuşel, near the small town of Petroșani in Romania, where Europe’s last remaining virgin forests sprawl over the slopes of the Carpathian mountains. The forests here have grown for centuries without any human interference. There are wolf tracks in the snow. The sound of the snow crunching underfoot is the only sound far and wide. “There’s a wild mix of beeches, pine trees, old trees and saplings here,” says Paun. The area of virgin forest in Romania today is thought to be almost as big as the Austrian state of Vorarlberg. Not for long, he warns.

This story is about the owner of Câmpuşel forest, the Schweighofer Group. Schweighofer is a timber company with administrative headquarters in Favoritenstrasse 7, Vienna. The group is owned by Gerald Schweighofer, who comes from the Austrian region of Waldviertel. Schweighofer’s family has been in the timber business for 400 years. Over the past decades, Schweighofer has expanded the family business into a multinational corporation with annual sales of around €500 million. The focus of Schweighofer’s operations is in Romania, where the company has been active since 2002. Business magazine Trend ranks Gerald Schweighofer as the 25th richest Austrian with estimated assets of €1.2 billion.

Gabriel Paun in the forest of Câmpuşel (Gepp)

Gabriel Paun in the forest of Câmpuşel (Gepp)

ALLEGATIONS HAVE BEEN CIRCULATING FOR MONTHS

Almost everybody in Romania has heard of Holzindustrie Schweighofer S. R. L. This is not just because Schweighofer is by far the country’s largest softwood processor with three large sawmills and just under 3,000 employees. It’s also because the name Schweighofer keeps popping up everywhere – in articles by investigative journalists, in the Facebook posts of environmental activists, on the banners of demonstrators on the streets, and in the dossiers of public prosecutors.

The allegations have been circulating for months and they are serious. Mr Schweighofer is said to widely and systematically encourage illegal logging among his timber suppliers. He is said to turn a blind eye when illegal timber is delivered to his mills and is suspected of logging in nature reserves. According to Alexander Bismarck, environmental activist from the US organization Environmental Investigation Agency, Schweighofer’s entire business model is based on illegal timber. For the company’s management it is a case of innocent until proven guilty.

It all started with an undercover operation by Bismarck nine months ago. Posing as a timber merchant, Bismarck visited a Schweighofer sawmill in the Romanian city of Sebeș with a hidden camera. He offered to sell the mill illegal timber and, as shown in the video (see below), his offer was met with interest. Last July, the Romanian Minister of the Environment at the time, Grațiela Gavrilescu, said that inspections at Schweighofer had revealed “a number of irregularities and inaccuracies”. The company was suspected of sourcing timber from illegal logging. Investigative media have also reported on dubious business partners and bogus companies that Schweighofer is allegedly using to control further sections of the timber market.

But Schweighofer is hitting back, claiming that it is being used as a scapegoat for corruption and shortcomings in other sections of the industry. What about the undercover video? “It was edited in a very misleading way,” says Georg Erlacher, spokesman for the Schweighofer management. What about the allegations? “Deeply immoral”, “questionable from a legal point of view”, a “smear campaign”.

Is this just a matter of environmental activists and public authorities zeroing in on the popular boogeyman of the foreign corporation? Or is this the dark side of Austria’s much praised economic expansion in the east? Is the Austrian company to blame for plundering Europe’s last remaining untouched natural treasures?

“RIGHT IN THE MIDDLE OF VIRGIN FOREST”

Yes it is, according to environmentalist Gabriel Paun. He wants to prove this by showing us a concrete example here in the forest of Câmpuşel. Although the snow is piled high, it’s not quite deep enough to completely cover the tree stumps that Paun points out. Look at the orange marking on the tree, says Paun. And there, another one. And over there, tree trunks ready to be taken away. “Right in the middle of virgin forest.”

Câmpuşel, a Natura 2000 protected area, has been owned by Schweighofer since 2005, along with 18 other forests in Romania. A study conducted in the same year by a Romanian forest research institute and the Dutch Society for Nature Conservation classifies the area as virgin forest. According to forestry law, these areas are to be “rigorously protected”. And yet Schweighofer is cutting timber here.

Getting to the bottom of these and other controversies requires an understanding of the system operating in the background. The law requires every forest in Romania to have a management plan. This plan has to be approved by the government and applies for a period of ten years. The management plan sets out whether logging is permitted, and, if so, how much of which kind.

When a forestry worker cuts down trees and loads them on to trucks, every load is given an individual code. This code indicates that the timber was logged in accordance with the management plan. It is then legal timber.

Forest workers in Romania (Gepp)

Forest workers in Romania (Gepp)

However, the system does not work well in practice. Many more trees are logged in Romania than are set out in the management plans. Much more than the forests can tolerate. Timber companies fool the laws by, for example, using one and the same code for several loads of timber. Or the trucks simply drive off to the sawmills without a code, and the sawmills buy their timber. As a result an estimated 20 to 50 percent of timber logging in Romania is illegal. The Ministry of the Environment estimates that 8.8 million cubic meters of timber are logged illegally every year. This corresponds to an area of around 44,000 hectares of forest that vanish illegally every year. For comparison – the area of the city of Vienna is 41,000 hectares.

ENVIRONMENTAL INSPECTORS AND PUBLIC PROSECUTORS TAKE UP THE CASE

According to US environmentalist Bismarck, Schweighofer is indeed the main culprit: “The company has purposefully and knowingly bought large volumes of illegal timber.” Bismarck’s team spent two years researching the methods allegedly practiced by Schweighofer, publishing its findings last fall in the extensive report “Stealing the Last Forest”. Initially, Bismarck says, his team did not intend to focus specifically on Schweighofer at all, but on illegal logging in Romania in general. “But in the course of our research, we found out that almost every truck carrying illegal timber went to Schweighofer.”

Once Bismarck’s initiative had attracted attention in Romania, the authorities took up the case. Environmental inspectors and public prosecutors initiated investigations. Since then, they have discovered large amounts of illegal timber – at least this is what an internal report made available to profil suggests. Last November, the Environmental Ministry passed this 61-page report on to Diicot, the Directorate for Investigating Organized Crime and Terrorism. The report speaks of hundreds of thousands of cubic meters of unregistered timber.

The Schweighofer mill in Sebeș, for example – the same one that Bismarck visited for his undercover video. According to the report, there is a discrepancy “of a volume of 281,461 cubic meters” between the figures in the official system and the consignment notes between July 2014 und April 2015. Another example: “There is reason to believe that 27 suppliers of logs delivered a total volume of 30,141 cubic meters to Sebeș without documents proving their legal origin.” However, the authorities have never officially commented on the report. The outcome of the investigations is still open.

At a parking area in Rădăuți, north Romania, dozens of trucks loaded with logs are clustered around a construction site container. They are waiting to be let in to the Schweighofer mill. Schweighofer manager Erlacher, formerly a board member of ÖBF (Austrian Federal Forests), says that more than 20 trucks pass this point every day. Plus a similar number of freight cars. “And this,” he says, “is just our first checkpoint.”

The second checkpoint is further along, a barrier with a glass-fronted shack, where the truck drivers hand in their transportation papers to be checked. “No illegal truck gets in here”, says Erlacher. Because of these kinds of entry checks. And because of the stringent inspection procedures requiring Schweighofer suppliers to prove the legal origin of their timber before they are let onto the premises.

Schweighofer's sawmill at Rădăuți (Gepp)

Schweighofer’s sawmill at Radauti

Behind these checkpoints there is a huge sawmill that looks nothing like people unfamiliar with the industry might expect. No screeching saws, no footprints in the wood shavings, hardly any sweating workers. Instead, a fully automated system the size of a small village that works away, quietly and rhythmically. The staff in the control room watch the swinging robot arms gripping the tree trunks. The chips and shavings are sucked up automatically and crushed to make biomass and pellets. The tree trunks themselves glide quietly forwards for processing. Trunk after trunk, almost 24 hours a day. They come out at the other end of the factory as planks and beams.

FORMAL ERRORS IN THE HECTIC COURSE OF DAY-TO-DAY BUSINESS

In the midst of all this technology, friendly Austrian managers dismiss all the allegations. They talk about environmentalists seeking the spotlight, sensationalist media, politicians that are biased against corporations, all of whom are targeting Schweighofer. They suspect that some of the politicians may themselves be in cahoots with the timber mafia. “When the allegations came out,” one employee told us, “I looked my boss Gerald Schweighofer straight in the eye and asked him whether there was anything to it. And he said, no, nothing at all.”

Schweighofer only concedes to having made a few small errors, venial oversights, entirely without criminal intent. The fact that official inspectors found around 9000 cubic meters of illegal timber in Rădăuți in 2014 is proof for environmentalists like Bismarck that things at Schweighofer are sorely amiss. But Schweighofer, while admitting to the case, emphasizes that this amounts to just a tiny proportion of the total timber it deals with – just 0.9 percent to be precise. Schweighofer puts this down to formal errors that occur in the hectic course of day-to-day business, such as employees putting the commas in the wrong places on forms.

The same arguments are used to dismiss the logging revealed by environmental activist Paun in the virgin forest of Câmpuşel. Erlacher claims that the logging was actually ordered by the local forestry authority itself. The forest was hit by a storm, and, according to the law, the damage has to be removed. This is necessary to protect the surrounding areas of commercial timberland from disease. The borders to the commercial forests are so fluid that not even the authorities always know exactly where these are, says Erlacher. For this reason, logging is permitted according to the management plan. “These kinds of instructions put us in a dilemma. If we don’t dispose of the damaged trees, we are not complying with the authorities. And if we do, we face criticism from environmentalists.”

What about the public prosecutor’s report? The one about the hundreds and thousands of cubic meters of illegal timber? Erlacher does not wish to comment on this as he says Schweighofer was never officially informed of this. It is undoubtedly true that illegal timber trading is a problem in Romania, he says. “But only among local networks and small businesses.” A large company like Schweighofer cannot afford to do such things.

There seem to be two contradictory realities here in Romania, here in this evidently deeply corrupt industry. Out there, environmentalists and Romanian authorities are accusing Schweighofer of serious offences. In here, there is the clean and hi-tech Rădăuți mill and its friendly Austrian managers. Could such serious offences really take place in these surroundings? Yes? Or, perhaps, no?

It is evening, not far from the Rădăuți mill. “The Gerald’s” is a four-star five-story hotel, the best one far and wide. It belongs to the Schweighofer Group and even bears the name of its owner. Schweighofer runs the hotel because there is no hotel close by where it could accommodate its business partners and employees.

And here we find Gerald Schweighofer, sitting in the back room of the restaurant, tanned and wearing rimless spectacles and a loden coat with antler buttons. He says that the motives of the Romanian politicians are unfathomable. They sometimes agree to talks with Schweighofer managers, then they abruptly block them off. You never know where you’re at in this country, he says.

What about the US environmentalists’ allegations? And those of the investigative journalists? The public prosecutors? Can this really all be a conspiracy against Schweighofer? “We haven’t done anything wrong”, says Gerald Schweighofer. In such cases, he says, one accusation often leads to the next. Schweighofer has agreed to meet journalists here in the hotel in order to clarify the alleged misunderstandings and to salvage the reputation of his company. In fact, however, he hardly says anything except: it’s all not true.

Gerald Schweighofer (Gepp)

Gerald Schweighofer (Gepp)

If there really is a conspiracy against the company then it is rapidly gaining ground. While the public prosecution Diicot did not answer profil’s query as to the current stage of investigations, insiders believe their work will be completed in the next few months.

Trading in illegally logged timber is no longer a trivial offence, environmentalist Bismarck points out. “Schweighofer needs to make the origin of its timber easy to track for consumers.”

Schweighofer has already announced steps in this direction. Erlacher is planning to increase transparency by tracking its timber with the help of a GPS system. This move is probably motivated by the fear of losing market shares. Major customers from Western Europe and Japan are apparently already contacting Schweighofer due to concerns of being associated with illegal timber trading.

In the airplane on the way back to Vienna. Soon after take-off, the broad roads and big apartment blocks disappear from view. Very soon, the roads in the Romanian countryside turn into paths, villages to individual houses, houses to huts. Finally, only mountains and forest are visible. Nothing else.

Then, suddenly, the nothingness stops. Instead there are tree stumps.

On all excursions with environmental activists and Schweighofer, profil covered the flight and hotel costs itself.

Schweighofer video: “Don’t ask me how”
By Joseph Gepp (March 7, 2016)

What the undercover video shot at the Schweighofer sawmill really shows.

US investors visit the Schweighofer sawmill in Sebeș, wanting to sell the company timber from Romania’s forests. However, they also say that the legal stipulations on the volume of permitted logging are too “rigid” for them. The Schweighofer managers reply that this is “no problem”.

This video caused quite a stir nine months ago. The timber traders were actually from the US NGO Environmental Investigation Agency (EIA). Their undercover film allegedly shows Schweighofer accepting illegal timber.

Schweighofer, however, claims that the video was “edited in a misleading way”. The company has requested that EIA release the unedited footage. EIA Executive Director Bismarck has refused, saying that this would “endanger further research and uninvolved third parties”.

profil nonetheless obtained exclusive access to the full, unedited footage. It consists of two roughly one-hour visits to Sebeș, including a meeting with Karl S., Schweighofer’s purchasing manager for Romania. To be clear: profil could not see any difference in content between the unedited and the edited version.

During the interview, Karl S. repeatedly emphasizes how urgently Schweighofer needs timber for its sawmills: “There isn’t enough raw material to meet our needs.” The supposed timber traders are told to send the company as many trucks “as you can load”.

The undercover investigators stress several times that they would like to log more than is officially permitted. They say, for example, that they would welcome “any extra production”. Karl S. replies to such suggestions: “We have 120 trucks (arriving, ed.) every day. We are very flexible.” Curiously, the managers criticize the problem of illegal logging in Romania at the same time.

From the undercover video (Gepp)

From the undercover video (Gepp)

The conversation moves on to a bonus system for suppliers who supply more timber than agreed. They receive extra money from Schweighofer “at the end of the month and at the end of the quarter”. Schweighofer now claims that these bonuses are only for small additional volumes of wood that can be logged legally in special cases.

At the end of the meeting, Karl S. again emphasizes the enormous amounts of timber bought by Schweighofer: “We process (in Sebeș, ed.) one and a half million cubic meters without importing anything,” he says, “and it works.” Followed by: “Don’t ask me how, but it works.” S. has since left the company although the company claims he has done nothing wrong.

E-mails made available to profil paint a similar picture. The supposed timber traders follow up the meeting with an email asking whether they really can deliver “twice the allowed amount”. A Schweighofer employee replies: “We can sign the agreement in June, no problem.”

Later – on April 24, 2015 – a completely different e-mail arrives. The same employee now suddenly makes it clear that “the legal origin of all timber (…) must be confirmed by the documents”.

So is everything above board after all? Not quite, given that the day before this last e-mail a Romanian TV journalist working for the station Antena 3 contacted Schweighofer saying that they had undercover videos of questionable meetings.

Further Information:

EIA’s undercovervideo: http://tinyurl.com/holzundercover

Report „Stealing The Last Forest“, full length: http://tinyurl.com/dergestohleneurwald

Schweighofer Counter-report in English language: http://tinyurl.com/schweighofer-counter-report

Further reactions of Schweighofer on the allegations in English: http://www.schweighofer-initiative.org/en/

 

 

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„Ich bin auf der sicheren Seite“

Aus profil 53/2015

Ölpreistief, Russlandsanktionen, forcierter Klimaschutz: Die OMV, Österreichs größtes Industrieunternehmen, erlebte schon bessere Tage. Generaldirektor Rainer Seele lässt Visionen vermissen, hofft auf Sibirien und will nicht ans postfossile Zeitalter glauben.

Interview: Joseph Gepp, Christina Hiptmayr

profil: Herr Seele, der Klimagipfel in Paris ist zu einem überraschenden Ergebnis gekommen: Wie fühlt man sich als hochrangiger Vertreter einer Branche, die zum Sterben verurteilt ist?

Rainer Seele: Ich fühle mich sehr lebendig. Unsere Branche wird auch in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur Energieversorgung leisten, davon bin ich überzeugt. Für mich sind diesbezüglich die Studien der Internationalen Energieagentur verbindlich. Diese sagen klar voraus, dass wir die Primärenergieträger Öl und Gas auch in den nächsten Jahrzehnten brauchen werden. Für mich stellt sich eher die Frage, welchen Beitrag wir als OMV leisten können, um zu einer Verminderung des CO2-Ausstoßes zu kommen. Da ist es eindeutig, dass wir künftig stärker auf den umweltfreundlichsten Primärenergieträger setzen werden.

Rainer Seele, 55: Der gebürtige Bremerhavener übernahm im vergangenen Sommer die Führung der OMV. Der ehemalige Wintershall-Chef verfügt über exzellente Kontakte nach Russland und fungiert als Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (Foto: OMV).

Rainer Seele, 55: Der gebürtige Bremerhavener übernahm im vergangenen Sommer die Führung der OMV. Der ehemalige Wintershall-Chef verfügt über exzellente Kontakte nach Russland und fungiert als Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (Foto: OMV).

profil: Sie meinen Erdgas.

Seele: Wir sind der Meinung, dass man Erdgas wesentlich stärker in der Stromerzeugung einsetzen muss und nicht eine Energiepolitik verfolgen soll, die Kohle favorisiert. Damit würden wir einen erheblichen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen leisten. Dies ist allerdings nicht erfolgt, weil CO2-Zertifikate zu günstig sind. Wenn wir eine höhere Besteuerung von CO2 hätten, hätten wir auch eine ökologisch lenkende Wirkung. Dann würden Investitionsentscheidungen anders getroffen werden. Wir haben das durchgerechnet: Alleine in Europa könnten mit dieser Maßnahme 15 Prozent der CO2-Emissionen eingespart werden. Diese Größenordnung lohnt sich.

profil: In Paris hat man sich aber auch das – zugegebenermaßen sehr ambitionierte – Ziel gesetzt, bis 2050 gänzlich aus fossilen Energieträgern auszusteigen. Also auch aus Erdgas.

Seele: Unsere Gasstrategie geht aber nicht bis zum Jahr 2050. Im derzeitigen Umfeld hat die mittelfristige Ausrichtung der OMV für mich höhere Priorität. Wir haben in einem Niedrigölpreis-Umfeld einen Schwerpunkt zu setzen. Ich bin der Meinung, dass ein Ausstieg aus Öl und Gas bis 2050 nicht möglich ist. In der globalen Energieversorgung wird man darauf nicht verzichten können. Viele Entwicklungsländer wollen ihren Lebensstandard erhöhen. Und das geht mit einem höheren Energieverbrauch einher. Bis dato habe ich noch kein einziges Konzept gesehen, wonach die komplette Energieversorgung eines Landes mit Erneuerbaren Energien möglich wäre.

profil: Zusammengefasst lautet die klimapolitische Strategie der OMV also: Von den bösen fossilen Energieträgern arbeiten wir mit dem am wenigsten bösen. Oder haben Sie mehr zu bieten?

Seele:
Wir haben Öl und Gas, wobei Letzteres im Portfolio der OMV künftig ein größeres Gewicht bekommen wird. In erster Linie deshalb, weil die Wachstumsaussichten beim globalen Verbrauch besser sind. Aber auch Öl bietet noch Potenzial: Im Mobilitätssektor etwa ist es nach wie vor unschlagbar. Dazu haben wir ein gesundes Raffineriegeschäft.

profil: Die von Ihnen zitierte Internationale Energieagentur prognostiziert aber, dass sich der Einsatz der Fossilen bis 2040 halbieren wird.

Seele: Alle Prognosen haben eines gemeinsam: Sie stimmen nicht. Man muss eine ausbalancierte Sichtweise entwickeln, die man seinen unternehmerischen Entscheidungen zugrunde legt. Wir sehen eindeutig die gute Perspektive von Erdgas. Insgesamt glaube ich, dass kurzfristig der Verbrauch von fossilen Primärenergieträgern sogar nach oben gehen wird, als Folge des günstigen Preisniveaus. Die Zunahme des Ölverbrauchs beträgt derzeit mehr als eine Million Barrel pro Tag. Das entspricht etwa dem, was ein Produktionsland wie Libyen in seinen guten Zeiten produziert hat. Für nächstes Jahr rechnet die Internationale Energieagentur mit einem mindestens ebenso großen Wachstum.

profil: Ist es denn nicht eine Strategie der Förderländer, den Weltmarkt mit billigem Öl zu schwemmen, um die Weiterentwicklung der Erneuerbaren Energien zu bremsen?


Seele:
Es gibt viele Interpretationen, welche Strategien die Förderländer verfolgen.

profil: Welche halten Sie für die richtige?


Seele:
Wir haben einen Weltrohölmarkt, der derzeit nicht durch das Regulativ OPEC beeinflusst wird (Anm.: Die Organisation erdölexportierender Länder ist nicht imstande, sich auf eine Förderquote zu einigen). Die Förderländer haben die Produktion kräftig gesteigert. Als Strategie dahinter vermute ich, dass sie schlicht die Staatseinnahmen brauchen. Viele Energieunternehmen leiden stark unter dieser Situation, weil die Ölpreise fallen. In den USA beobachten wir einen Förderrückgang, viele Firmen mussten aufhören. Die OMV aber ist in diesem Kontext stark und stabil aufgestellt. Trotz der schwierigen Zeiten.

profil: Wann kommt der Zeitpunkt, an dem die Welt völlig aus fossilen Energien aussteigt und die OMV ihren Geschäftszweck verliert?

Seele: Ich als OMV-Chef werde das nicht erleben. Da bin ich auf der sicheren Seite. Abgesehen davon lautet unsere langfristige strategische Grundannahme, dass der Anteil von Erdgas am Energieverbrauch größer wird, und danach handeln wir.

profil: Erdgas wird vor allem in Russland gefördert, Ihrem großen Hoffnungsmarkt. Überhaupt gelten Sie als Russen-Versteher. Kürzlich haben sich die OMV und Gazprom darauf geeinigt, dass die OMV einen Anteil an einem Gasfeld in Westsibirien bekommt. Gazprom soll dafür ein Asset aus dem Besitz der OMV erhalten. Verraten Sie uns welches?

Seele: Nein. Wir haben die Gespräche dazu vor einem knappen halben Jahr begonnen. Bisher haben wir uns darauf konzentriert, uns als OMV ein Bild von dem Asset zu machen, die wir in Russland erhalten werden. Erst im nächsten Schritt werden wir gemeinsam mit der Gazprom bewerten, welche Assets der OMV für den Tausch infrage kommen. Hier haben wir uns lediglich auf eine Shortlist geeinigt, die wir in den kommenden Wochen diskutieren werden.

profil: Uns liegt ein internes Positionspapier der Arbeiterkammer vor. Diese fürchtet, Gazprom könnte durch dieses Geschäft zu viel wirtschafts- und energiepolitischer Einfluss in Österreich eingeräumt werden.

Seele: Wie soll das passieren? Wie soll man über eine Beteiligung an einem Tochterunternehmen der OMV einen derartigen Einfluss nehmen?

profil: Spekuliert wird, dass es sich bei dem Asset um die Gas Connect Austria handeln könnte, das österreichische Ferngasleitungsnetz. Das wäre wichtige Infrastruktur, die an die Gazprom geht.

Seele: Was die Gas Connect betrifft, werden wir zwar tatsächlich Anteile veräußern. Wir haben einen Bieterwettbewerb gestartet und dafür eine Investmentbank beauftragt. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Gazprom an dem Verkaufsprozess partizipiert, gleich null.

profil: Die Gas Connect steht also nicht auf der streng geheimen Gazprom-Shortlist.

Seele: In der Tat. Wenn ich mich über dieses Asset mit der Gazprom unterhalten würde, könnte ich es ja nicht gleichzeitig hundert anderen Teilnehmern anbieten.

profil: Die Gas Connect ist ein profitables Unternehmen, warum wollen Sie das verkaufen?

Seele: In erster Linie wollen wir den Wert wir den Wert monetarisieren und den Gewinn aus dem Verkauf in lukrativere Projekte stecken. Als Betreiberin des Fernleitungsnetzes ist die Gas Connect von der EU derart stark reguliert, dass wir als OMV keinerlei unternehmerischen Einfluss ausüben können. Wir können nicht einmal das Management selbst besetzen, das ist Sache der Regulierungsbehörde. Die Gas Connect ist für uns fast so etwas wie eine Finanzbeteiligung.

profil: Zurück zur Shortlist. Wie viele Positionen stehen derzeit drauf?

Seele: Drei.

profil: Wie viele davon in Österreich?

Seele: Das sage ich Ihnen nicht.

profil: Ist die Raffinerie Schwechat darunter, wie Medien spekulieren?

Seele: Keine dieser Spekulationen kommentiere ich. Wir haben eine Vertraulichkeitsvereinbarung mit der Gazprom vereinbart. Außerdem will ich die Mitarbeiter nicht beunruhigen und Gerüchte anheizen.

profil: Verstehen Sie die europäische oder österreichische Angst vor Gazprom?

Seele: Ich würde es nicht als Angst bezeichnen, eher als Vorbehalt. Teilweise lässt sich das aus der europäischen Geschichte heraus erklären. Zudem betreibt die Gazprom auch eine Kommunikationspolitik, die nicht unbedingt westlich orientiert ist, um das vorsichtig zu formulieren. Das trägt nicht zum Aufbau von Vertrauen bei. Auf der anderen Seite verstehe ich aber auch die Haltung der Gazprom. Sie argumentiert, die Europäer würden das Signal aussenden, sie sei hier nicht willkommen. Wir als OMV hingegen bekommen aus Russland das Signal: Ihr seid willkommen. Die Gazprom lädt uns ein, an der Ausbeutung einer Lagerstätte teilzunehmen, die eine der besten ist, die man in der Russischen Föderation finden kann. Das alles dient auch der Absicherung der russischen Gaslieferungen nach Österreich.

profil: Das stößt aber nicht auf allen Seiten auf Freude. Die EU wünscht sich eine Diversifizierung der Energiequellen, damit die Abhängigkeit von Russland reduziert wird. Außerdem sind gegen Russland wegen der Besetzung der Krim Sanktionen aufrecht. Darf man mit einem teilstaatlichen Unternehmen wie der Gazprom in diesen Zeiten große, wichtige Geschäfte machen?

Seele: Ich verstehe die Bedenken der EU-Kommission. Aber ich kritisiere, dass sie die Prioritäten falsch setzt. Nur 25 Prozent des europäischen Gasbedarfs stammen aus Russland. Ich bin zwar ein Verfechter einer weiteren Diversifizierung, aber nicht zulasten von Quellen, die sich in der Vergangenheit als verlässlich erwiesen haben. Wo soll denn die Diversifizierung zukünftig herkommen? In Nordafrika etwa haben wir derzeit erhebliche Probleme. Diversifizierung bedeutet für uns als OMV auch Transitsicherheit. Wir wollen Transitunterbrechungen ausschließen und investieren zum Beispiel in das Nord-Stream-2-Projekt. Damit stellen wir eine direkte Verknüpfung der europäischen Verbrauchermärkte mit den russischen Gasquellen sicher.

profil: Halten Sie die europäische Sanktionspolitik für falsch?

Seele: Ich möchte meine persönliche Meinung außen vor lassen. Aber Umfragen unter unseren Mitgliedern der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer ergeben, dass 80 Prozent die Sanktionen für politisch unwirksam halten. Zwei Drittel sagen zudem, dass sie das operative Geschäft stark beeinflussen. Das Handelsvolumen mit Russland ist heuer in Österreich wie in Deutschland um etwa ein Drittel eingebrochen. In Russland haben die Sanktionen die Abschwächung der Konjunktur verstärkt – und das wirkt zurück auf deutsche und österreichische Unternehmen. Denken Sie beispielsweise an die Automobilbranche.

profil: Was hätte man sonst machen sollen?

Seele: Ich verstehe, dass die Politik keine Alternative zu den Sanktionen hatte. Man wollte gegenüber Russland ein Zeichen setzen: Hier wurde eine Grenze überschritten. Dass hingegen die Wirtschaft zugleich gerne die Exportpotenziale in Russland wahrnehmen würde, ist auch keine Frage.

profil: Klimakonferenz, Russland-Sanktionen, Ölpreistief – alles in allem keine rosigen Aussichten für die OMV. Wird es das Unternehmen in 40 Jahren noch geben?

Seele: Ich hätte gehofft, sie sagen 100 Jahre. In 40 Jahren? Aber allemal. Stärker, effizienter, größer, profitabler. Das wird eine tolle OMV sein. Warten Sie mal ab.

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Wo ist der Wurm drin?

Aus profil 44/2015

Von Joseph Gepp

Die Wiener Schweighofer-Gruppe, eines der größten Holzunternehmen Österreichs, sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Die Firma soll in Rumäniens Wäldern für illegale Schlägerungen verantwortlich sein, behaupten Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace. Schweighofer ist ein einstiges Familienunternehmen aus dem Waldviertel, das der Eigentümer Gerald Schweighofer zu einem international tätigen Konzern ausgebaut hat.

„Unmengen illegalen Holzes geht in die Werke von Schweighofer“, sagt etwa Alexander von Bismarck von der US-NGO „Environmental Investigation Agency“(EIA). Laut Bismarck handelt es sich um „den wichtigsten Fall in Europa“. profil berichtete bereits im Sommer über die Causa.

SCHWEIGHOFER-WERK: In Sägewerken in Rumänien wie in diesem in der Stadt Sebes soll illegales Holz verarbeitet werden, sagen Umweltschutzorganisationen (Foto: Matthias Schickhofer)

SCHWEIGHOFER-WERK: In Sägewerken in Rumänien wie in diesem in der Stadt Sebes soll illegales Holz verarbeitet werden, sagen Umweltschutzorganisationen (Foto: Matthias Schickhofer)

Diese Woche hat die EIA erneut einen Bericht vorgelegt. Unter dem Titel „Der gestohlene Urwald“ werden Indizien und angebliche Beweise gegen Schweighofer präsentiert. Zwei davon: Im Jahr 2014 etwa stieß die Polizei bei einer Kontrolle in einem Schweighofer-Sägewerk in der Stadt Rădăuți auf fast 10.000 Festmeter illegales Holz, das Unternehmen musste deshalb 21.000 Euro Strafe zahlen. Ein weiterer Fall: Im Jahr 2004 habe Schweighofer einen rumänischen Waldbesitzer mit hohen Anzahlungen dazu verleitet, fast 7000 Bäume illegal zu fällen, um versprochene Lieferungen gegenüber Schweighofer tätigen zu können.

Schweighofer weist die Vorwürfe scharf zurück. Man beziehe kein illegal geschlägertes Holz, heißt es. „Die Umweltorganisationen machen uns für alles zum Sündenbock, was im rumänischen Holzgeschäft schiefläuft“, sagt Schweighofer-Geschäftsführer Georg Erlacher. Und die konkreten Fälle? In jenem der Kontrolle von Rădăuți würden Formalfehler dahinterstecken; dazu habe eine durch Wintereinbruch unbefahrbare Forststraße den Abtransport von einigem Holz verhindert – was die Behörde als nicht gesetzeskonform ansah. Und im Fall des Waldbesitzers „hat sich die Anzahlung nur auf legale Lieferungen bezogen. Mit illegalem Holz hätte der Lieferant unser Werkstor gar nicht passieren können.“

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Wald und Krise

Aus profil 30/2015

Ein österreichischer Holzkonzern will vor einem internationalen Schiedsgericht gegen ein Gesetz in Rumänien klagen. Das Fallbeispiel aus dem Osten zeigt, wie sich das EU/USA-Handelsabkommen TTIP ganz konkret auswirken könnte.


Von Joseph Gepp
Fotos: Matthias Schickhofer

Wenn es um die abgelegenen Wälder Rumäniens geht, geraten Naturliebhaber gern ins Schwärmen. Zum Beispiel der Wiener Fotograf Matthias Schickhofer, der gerade an einem Buch über die letzten Urwälder Mitteleuropas arbeitet. Dort herrsche ein „anarchisches Chaos von Werden und Vergehen“, sagt er: „Totes Holz stapelt sich. Spechte klopfen. Durch das Kronendach dringt Zwielicht.“

In Rumänien hat sich erhalten, was im größten Teil Europas längst der Vergangenheit angehört: Urwald. Ganze 11.000 Hektar sind bis heute vom Menschen völlig unberührt. Und dabei handelt es sich lediglich um den inneren Kern eines großen, wilden Waldgebiets.

Das ist nicht nur schön anzuschauen, sondern bietet auch Schutz für Arten, die anderswo verdrängt wurden, wie etwa Wölfe und Braunbären. Allein von Letzteren schätzt man die Population in Rumänien auf 5000 Exemplare. Der komplette Alpenraum bringt es, zum Vergleich, auf ungefähr 50 Braunbären.

Doch die rumänischen Wälder sind massiv gefährdet. Illegale Holzschläger setzen ihnen zu. Seit der Wende ist in Rumänien illegal ungefähr so viel Wald abgeholzt worden, wie das Burgenland Fläche hat, beklagen Umweltschützer.

Glaubt man lokalen Aktivisten, sind dafür auch österreichische Holzunternehmen verantwortlich. Sie sind die mächtigsten Player auf dem rumänischen Markt. Vor allem der Marktführer steht in der Kritik. Das Wiener Unternehmen Schweighofer Holzindustrien soll, behaupten Kritiker, seit Jahren kaum darauf achten, wo das Holz für seine vier Säge- und Holzwerke herkommt. Schweighofer weist die Vorwürfe zurück.

Doch es geht nicht nur um angeblich fragwürdige Praktiken österreichischer Unternehmen in Osteuropa. Es geht auch um die Auswirkungen des geplanten EU/USA-Freihandelsabkommens TTIP („Transatlantic Trade and Investment Partnership“).

Das Abkommen sieht vor, dass Konzerne künftig vor internationalen Schiedsgerichten gegen Staaten klagen können, sollten sich die Unternehmen diskriminiert fühlen. Ein solches Instrument steht österreichischen Unternehmen in Rumänien bereits heute zur Verfügung (und in einer Vielzahl anderer Staaten), denn Rumänien und Österreich schlossen im Jahr 1996 ein zwischenstaatliches Investitionsschutzabkommen ab, welches diese Möglichkeit vorsieht.

Schweighofer will sie nun nutzen. Das Unternehmen fühlt sich durch ein neues Forstgesetz in Rumänien benachteiligt. Die sozialdemokratische Regierung des Landes – sie steht selbst unter massivem Korruptionsverdacht – hat das Gesetz Ende Mai beschlossen. Es soll zu mehr Waldschutz und einer verträglicheren Nutzung des Holzes führen, argumentiert die Regierung.

Der Streit zwischen Schweighofer und dem rumänischen Staat zeigt, exemplarisch und quasi als Vorgriff, wie sich TTIP auswirken könnte – abseits aller Kampagnen der Gegner und Befürworter. Und der Fall Schweighofer führt hinein in einen erbitterten Kampf um eine der letzten naturbelassenen Landschaften, der sieben Autostunden östlich von Wien stattfindet.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2002, als Schweighofer in den rumänischen Holzmarkt einsteigt, der bis dahin von Kleinbetrieben geprägt ist. Der Konzern ist sogleich überlegener Marktführer. Der geschäftstüchtige Alleineigentümer Gerald Schweighofer hat seine Firma vom einstigen Familienbetrieb im Waldviertel in ein multinationales Unternehmen verwandelt. Zu den Kunden in Österreich zählen heute etwa das Heizunternehmen Genol, der Holzverarbeiter Drauholz und die Handelskette Spar. Im Jahr 2013 erzielt Schweighofer in Rumänien einen Umsatz von ungefähr 700 Millionen Euro. Der Marktanteil bei Nadelhölzern erreicht etwa 27 Prozent.

Problem Abholzung: Riesige Waldflächen sind in Rumänien seit der Wende verschwunden, oft illegal (Foto: Matthias Schickhofer)

Problem Abholzung: Riesige Waldflächen sind in Rumänien seit der Wende verschwunden, oft illegal (Foto: Matthias Schickhofer)

Das sei zu groß für den rumänischen Markt, lautet von Anfang an die Kritik. Schweighofer holze selbst zwar keine Wälder ab, setze aber durch seine Marktmacht andere Firmen unter Druck. Da das Unternehmen noch dazu gutes Geld für Holz bezahle, entstehe ein Anreiz, möglichst viel abzuholzen. Und sei es illegal.

Einer der schärfsten Kritiker heißt Gabriel Paun, Umweltaktivist der NGO „Agent Green“. Paun filmte im November 2014 einen Lastwagen mit angeblich illegalem Holz. Jeder Holztransport ist in Rumänien registriert, dadurch kann man die Herkunft der Ladung per Telefon-Hotline nachprüfen. Dort hieß es, dieser Transport sei illegal. Der Lastwagen rollt später in Sebeș, Zentralrumänien, in ein Werksgelände von Schweighofer ein.

Dazu bringt auch ein Gerichtsurteil, das profil vorliegt, Schweighofer mit illegal geschlägertem Holz in Verbindung. Es richtet sich gegen einen staatlichen Forstmanager in der Stadt Sibiu im Jahr 2011.

Am schwersten wiegt schließlich ein weiteres Video vom heurigen April. US-amerikanische Umweltschützer der Organisation „Environmental Investigation Agency“ geben sich darin mit versteckter Kamera als Holzverkäufer aus, die einen Deal mit Schweighofer machen wollen. Es sei „kein Problem“, mehr Holz zu kaufen, als das erlaubte Kontingent vorsieht, erklären die Schweighofer-Mitarbeiter ihren vermeintlichen Geschäftspartnern. Fazit der Umweltschützer: Nicht nur „akzeptiert Schweighofer wissentlich und geplant illegal geschlägertes Holz“. Mehr noch, das Unternehmen „animiert zu zusätzlichen Schlägerungen durch ein Bonus-System“.

Schweighofer weist alle Vorwürfe zurück. Das Video sei „stark zusammengeschnitten und inhaltlich im falschen Kontext dargestellt“, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber profil. Auch das Bonus-System habe nicht etwa mit illegalen Schlägerungen zu tun, sondern lediglich „mit bestmöglicher Erfüllung von Lieferantenverträgen“. Insgesamt kaufe Schweighofer „nachweislich nur Holz aus einwandfreien Quellen“. Die betroffenen Mitarbeiter sind trotzdem vorübergehend suspendiert, eine Prüfung der Vorwürfe erfolgt.

Doch Schweighofer kämpft nicht nur gegen die Anschuldigungen von Aktivisten, sondern auch an einer zweiten Front. Am 20. Mai brachte die rumänische Regierung nach langer Debatte ein neues Forstgesetz durch das Parlament. Es soll, so der sozialdemokratische Premierminister Victor Ponta, dazu führen, dass sich auch künftige Generationen noch an Rumäniens Wäldern erfreuen.

Das Gesetz schreibt Waldbesitzern beispielsweise
strikte Management-Pläne vor – so weit noch kein Politikum. Doch es gibt auch einen höchst umstrittenen Aspekt, der sich vor allem gegen Schweighofer richtet: In Artikel 63, Paragraf 5, begrenzt Rumänien künftig den Marktanteil großer Unternehmen auf dem rumänischen Holzmarkt. Pro Holzsorte darf eine Firma nur noch 30 Prozent verarbeiten. Schweighofer steht derzeit bei rund 27 Prozent, aber ein neues Sägewerk steht vor seiner Eröffnung.

Die vielen Vorwürfe, mit denen sich Schweighofer konfrontiert sieht, haben wohl zusätzlich zur Einführung dieser 30-Prozent-Klausel beigetragen. Doch der Gedanke dahinter ist ein größerer: Rumäniens Regierung will die Macht großer Unternehmen in der Branche beschränken. Dann können sie, so die Hoffnung, ihren kleinen Mitbewerbern nicht mehr Bedingungen diktieren, was illegale Schlägerungen reduzieren helfen könnte.

Ob dieser Plan aufgeht, ist in Rumänien umstritten. Die staatliche Wettbewerbsbehörde und der liberale Staatspräsident Klaus Johannis etwa sehen darin einen unrechtmäßigen Eingriff in den freien Markt und halten die aktuelle Gesetzeslage für ausreichend. Umweltschützer hingegen bewerten die Maßnahme eher positiv. Magor Csibi beispielsweise, Direktor des WWF Rumänien, befürwortet, dass „Monopole eingeschränkt“ werden: „Für eine nachhaltige Zukunft des Waldes müssen wir dafür sorgen, dass in erster Linie lokale Marktteilnehmer von seiner Bewirtschaftung profitieren. Dann werden sie auch Interesse daran haben, den Wald langfristig zu schützen.“

Schweighofer jedenfalls mobilisiert mit allen Mitteln gegen die Gesetzesänderung. Und hier kommt TTIP ins Spiel. Oder besser gesagt: die Art, wie sich das Handelsabkommen nach Inkrafttreten auch in Österreich und Resteuropa auswirken könnte.

Im September 2014 und Mai 2015 schickte Gerald Schweighofer zwei Briefe an Premier Victor Ponta. Darin legte er mit durchaus drastischen Worten die Konsequenzen für den Fall dar, dass das Gesetz in Kraft treten sollten. Nicht nur könnte sein Unternehmen abwandern, wodurch 2600 Arbeitsplätze verloren gingen. Schweighofer kündigte auch an, Rumänien vor dem „Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten“ (ICSID) in Washington zu klagen. Denn die 30-Prozent-Klausel, so der Unternehmer, „verletzt definitiv das zwischenstaatliche Investitionsschutzabkommen zwischen Österreich und Rumänien“.

Das ICSID ist ein halböffentliches Schiedsgericht,
das zur Weltbank gehört, zuständig für Streitigkeiten zwischen Regierungen und Unternehmen. Die Verfahren sind teuer, die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen, nicht einmal die Urteile müssen publiziert werden. Die Befürworter solcher Schiedsgerichte argumentieren, dass sie Unternehmen vor willkürlichen Regierungsmaßnahmen schützen, etwa Enteignungen. Die Gegner warnen vor zu viel Konzernmacht und der Aushebelung nationaler Justizapparate – und davor, dass schon die Drohung mit dem Gang vor ein Schiedsgericht als starke Waffe gegen einen Staat eingesetzt werden könne.

Schweighofer-Werk in Sebes, Zentralrumänien (Foto: Matthias Schickhofer)

Schweighofer-Werk in Sebes, Zentralrumänien (Foto: Matthias Schickhofer)

Zumindest diese Befürchtung bestätigt der Fall Schweighofer. Mit Verweis auf das ICSID macht nicht nur der Firmenchef Druck beim Premier – auch die österreichische Botschaft in Rumänien interveniert. Im September 2014 schreibt Botschafter Gerhard Reiweger an Rumäniens damaligen Umweltminister Attila Korodi. Das geplante Gesetz beeinträchtige die Investitionen Schweighofers in Rumänien, heißt es in dem Brief. Er hoffe, so der Botschafter, man werde eine für alle Seiten günstige Lösung finden.

Die Firma Schweighofer selbst hat die angekündigte Klage beim ICSID bislang nicht eingebracht. Man warte noch ab, „da erst die Ausführungs- und Umsetzungsbestimmungen des Gesetzes von den zuständigen Behörden ausgearbeitet werden“, so das Unternehmen in einer Stellungnahme gegenüber profil.

Der Fall Schweighofer ist ein Schulbuchbeispiel, was internationale Schiedsgerichte betrifft. Und er zeigt, wie komplex das Thema ist. Es geht in dieser Causa um eine Gesetzesänderung, die in den Augen vieler Umweltschützer durchaus wünschenswert ist. Zugleich jedoch ist das Unternehmen Schweighofer – bei allen schweren Vorwürfen seitens der Umweltaktivisten – tatsächlich mit einem unerwarteten Schritt der rumänischen Politik konfrontiert, der seine Zukunft in Rumänien gefährdet.

Der Gang vor ein Schiedsgericht, den Schweighofer nun antreten will, ist einer, den Jahr für Jahr mehr Unternehmen beschreiten. Die Zahlen zeigen eine enorme Zunahme einschlägiger Klagen. Beim ICSID zum Beispiel, vor das auch Schweighofer ziehen will, wurden im Jahr 1996 noch 38 Fälle behandelt. Ende 2011 waren es schon 450.

Zwar gewinnen vor derartigen Gerichten angeblich Staaten häufiger als Unternehmen – genau lässt sich das jedoch nicht beziffern, weil die Entscheidungen nicht öffentlich sind. Doch mit der Möglichkeit einer Klage verfügen die Unternehmen definitiv über ein mächtiges Instrument. Wenn man aus dem Fall Schweighofer eine Lehre ziehen will, könnte es diese sein: Investor-Staat-Klagen müssen – wenn es sie schon gibt – höchst transparent und ihre Einsatzgebiete strengstens definiert sein. Nur dann können sie sinnvolle Gesetzesvorhaben nicht behindern.

Ob eher Schweighofer oder der rumänische Staat gewinnen wird, sollte es tatsächlich zu einem Verfahren kommen, wagen Juristen auf profil-Anfrage nicht einzuschätzen. Aber vielleicht wird man es bald wissen. Denn die rumänische Politik scheint dem Ansinnen des österreichischen Unternehmens nicht nachzukommen.

Laut eigenen Angaben bekam die Firma Schweighofer bislang auf die Briefe an Premier Ponta keine Antwort.

RAND-INFOS:

TTIP
Der Verhandlungsbeginn für das EU/USA-Handelsabkommen erfolgte im Sommer 2013. Ursprünglich wollte man bereits 2014 fertig sein. Nun soll zumindest bis 2016 eine prinzipielle Einigung erfolgen. Da das Abkommen das EU-Parlament und alle nationalen Parlamente passieren muss, könnte es sogar bis 2018 oder 2019 dauern. Einer der strittigsten Punkte von TTIP sind die internationalen Schiedsgerichtsverfahren.

Investitionsschutzabkommen
Von Ägypten bis Vietnam – 63 internationale Investitionsschutzabkommen hat Österreich in den vergangenen Jahrzehnten abgeschlossen. Sie legen zum Beispiel die Regeln für den Einsatz internationaler Schiedsgerichte fest. Das Abkommen mit Rumänien stammt aus einer Zeit (1996), als das Land noch nicht in der EU war. Trotzdem macht der EU-Beitritt die Abkommen nicht überflüssig, denn Instrumente wie die Schiedsgerichte sind im regulären EU-Recht nicht vorgesehen.

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Ein Imam aus Meidling

Aus dem FALTER 5/2014

Moderate Imame warnen seit Jahren vor einem Zinshaus im zwölften Bezirk. Dort sollen radikale Islamisten ihr Unwesen treiben. Fliegen sie jetzt auf?

Bericht:
Joseph Gepp

Als die Lautsprecher den Gesang des Muezzins durch den Raum tragen, wird die Menge still. Das Rascheln der Jacken und das Vibrieren der Handys verstummen. Aufmerksam blicken die Besucher auf die Gestalt, die vorn heraustritt. Freitagsgebet in einer Moschee in Meidling. Der Imam, ein stattlicher Mann mit grauem Bart und wallenden braunen Gewändern, spricht salbungsvolle Worte auf Arabisch und Bosnisch. Rund 200 Leute, ausschließlich Männer, viele mit Vollbärten, lauschen ihm. Später verneigen sie sich in Richtung Mekka.

Die Gläubigen drängen sich auf einem grünen Teppichboden in einem Saal von der Größe zweier 80-Quadratmeter-Wohnungen. Draußen im Vorraum kann man Schinken nach islamischen Ernährungsgeboten kaufen, dazu gibt es den Koran gratis. Arabisch-Kurse werden auf Zetteln angeboten, daneben klären ein paar Broschüren über den Islam auf.

Was in der Tewhid-Moschee, Murlingengasse, zwölfter Bezirk, geschieht, wirkt wie eine harmlose Andacht. Ein unauffälliger zweistöckiger Altbau, dem man die Gebetsräume hinter seiner Fassade nicht ansieht. Draußen eine Stadtgegend voller Billigpizzerien und Autowerkstätten. Die Moschee hier wird vor allem von bosnischstämmigen Muslimen besucht. Viele der Gläubigen wirken, als würden sie das Freitagsgebet gerade hektisch in ihre Mittagspause zwängen.

Doch glaubt man zahlreichen Quellen, vor allem auf dem Balkan, dann ist die Tewhid-Moschee nicht so harmlos, wie es scheint. Vor allem nicht ihr Imam, Muhammed P., der Prediger in den braunen Gewändern.

Zum Beispiel Večernje novosti, eine serbische Zeitung mit guten Kontakten zu den Geheimdiensten des Balkans. Unter Berufung auf ebendiese berichtete das Blatt im Dezember von einer Hierarchie unter den mutmaßlichen Dschihadisten bosnischer Herkunft in Wien. Einer davon: Mirsad O., jener Mann, den die Polizei bei einer Großrazzia Ende November festgenommen hat. O. soll Kämpfer aus Österreich nach Syrien geschleust haben. Laut Večernje novosti ist O. aber nur ein Untergebener von Muhammed P., Imam von der Murlingengasse.

Viel weiß man nicht über diesen Prediger. Laut der US-amerikanischen Jamestown Foundation ließ er sich im Jahr 1993 in Wien nieder, nachdem er in Saudi-Arabien studiert hatte. Ist er das Mastermind des islamischen Fundamentalismus ex-jugoslawischer Provenienz in Wien? Wenn das nur eine einzige Zeitung schriebe, könnte man es als haltlos abtun. Doch im Lauf vieler Jahre haben sich auch zahlreiche weitere Indizien angesammelt. Fragwürdige Inhalte von Gebetsbüchern deuten etwa ebenfalls darauf hin, dass P. und seine Tewhid-Moschee zumindest eine wichtige Rolle unter Wiens radikalen Islamisten spielen. Oder Warnungen von Geheimdienstlern und moderaten Muslimen.

Seit Jahren im Fokus der Ermittler

Aus dem Innenministerium heißt es zu alldem nur: „Kein Kommentar.“ Hinter vorgehaltener Hand sagen Ermittler, dass die Tewhid-Moschee schon seit Jahren im Fokus des Verfassungsschutzes stehe. Und was sagt Imam P. selbst zu den Vorwürfen? Ein Interview mit dem Prediger sei nicht möglich, erklärt am Telefon ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will. „Das sind alles Lügen. Wir sind nicht radikal. Probleme wie Syrien interessieren uns nicht.“

Meidling, Murlingengasse: Was passiert hinter diesen Mauern? (Foto: Gepp)

Meidling, Murlingengasse: Was passiert hinter diesen Mauern? (Foto: Gepp)

Welche Rolle spielt die unauffällige Moschee in Meidling für die radikalislamistische Szene, deren Gefährlichkeit die Anschläge von Paris einmal mehr gezeigt haben? Und warum sind es ausgerechnet bosnische Muslime, also Bosniaken, die in diesem Bereich offenbar eine wichtige Rolle spielen? Wer die Hintergründe verstehen will, muss mit dieser zweiten Frage beginnen.

Die Muslime Bosniens waren stets dafür bekannt, dass sie einen liberalen und gemäßigten Islam praktizieren, der auch vom ex-jugoslawischen Sozialismus mitgeprägt worden war. Dass etwa Frauen Kopftücher trugen, war selten. Seit den Balkankriegen in den 90ern allerdings sehen sich die moderaten Kräfte herausgefordert. Damals kamen tausende Mudschaheddin nach Bosnien-Herzegowina, um ihren bedrängten europäischen Glaubensbrüdern im Kampf gegen die feindlichen Serben und Kroaten beizustehen. Gotteskrieger aus den Bergen Afghanistans und aus Saudi-Arabien kämpften plötzlich acht Autostunden von Wien entfernt. Viele blieben dort nach dem Krieg. Die Mudschaheddin brachten neue, radikale Formen des Islam nach Bosnien. Und bis heute missionieren sie eifrig.

Moderate Muslime unter Druck

Liberale Muslime werden von diesen Radikalen oft als Verräter am Glauben beschimpft. Der moderaten Mehrheit versuchen sie gern ein schlechtes Gewissen einzureden, weil sie, so die Logik, vom reinen Glauben abgefallen seien. So behaupten radikale Prediger häufig, die bosnischen Muslime seien an grausamen Massakern wie jenem von Srebrenica 1995 ein Stück weit selbst schuld – das sei quasi Gottes Strafe für ihre Anpassung an den westlichen Lebensstil. Solche Worte fallen auf fruchtbaren Boden in einem Land, das bis heute vom Krieg zerstört, ethnisch zerrissen und wirtschaftlich gelähmt ist.

Dazu brachten die Radikalen Geld ins Land, vor allem aus Saudi-Arabien. Laut dem bosnischen Journalisten Esad Hećimović, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigte, floss zwischen den Jahren 1992 und 2001 rund eine halbe Milliarde Euro an saudischem Ölgeld nach Bosnien. Damit wurden hunderte Moscheen errichtet, Propagandisten bezahlt und Glaubenszentren finanziert. Auf dem Weg von Riad nach Sarajevo passierte das Geld einen Umschlagplatz: Wien.

Über Agenturen in Wien, die sich vordergründig der humanitären Hilfe widmeten und Namen wie „Hohes Saudisches Komitee“ trugen, seien die Gelder in Bosnien verteilt und die Missionstätigkeit organisiert worden, schreibt Hećimović in einem Papier für das österreichische Bundesheer. In und nach dem Balkankrieg war vor allem Wiens bosnische Botschaft eine wichtige Anlaufstelle: Selbst Osama bin Laden, damals vergleichsweise unbekannt, ließ sich dort Anfang der 90er-Jahre einen Reisepass ausstellen, wie vor Jahren eine Spiegel-Journalistin berichtete.

Das radikale Erbe aus der Zeit des Jugoslawienkrieges wirkt in Wien bis heute nach: So hat laut Innenministerium von insgesamt 170 österreichischen Syrienkämpfern rund ein Viertel Migrationshintergrund auf dem Balkan. Ex-jugoslawische Medien berichten immer wieder von bosnischen Radikalen, die von Wien aus operieren. Eines der Zentren dieser Aktivitäten soll Muhammed P.s Tewhid-Moschee in Meidling sein. Das behauptet beispielsweise Mustafa Cerić, bis vor zwei Jahren als Bosniens Großmufti das Oberhaupt des dortigen offiziellen Islam.

Cerić gehört zu jenen, die von den radikalen Muslimen gerne als liberale Verräter angefeindet werden. Der Geistliche klagt immer wieder darüber, dass jene Radikale, die in Bosnien für Scharia und Gottesstaat kämpfen, in Wien „rekrutiert und finanziert“ werden. In einer Rede im Februar 2007 etwa bezog sich Cerić ausdrücklich auf die Moschee in Meidling. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin News sagte er weiters: „Diese Gruppen sind bei euch groß geworden, sie sind in eurer Umwelt zu dem geworden, was sie heute sind.“ Die österreichischen Behörden seien aufgefordert, endlich etwas gegen die radikalislamische Bedrohung zu unternehmen. Es handle sich um „Parallelgesellschaften außer Kontrolle“.

Viele Spuren führen nach Meidling

Im Jahr 2007, als Cerić diese Worte sprach, sorgte auch ein weiterer Vorfall für Verwirrung – und erneut führt die Spur nach einigen Umwegen bis Meidling, in die Moschee von Muhammed P. Im Oktober dieses Jahres verübte ein verwirrter Exil-Bosnier in Österreich, Asim Č., einen Attentatsversuch auf die Wiener US-Botschaft. Er tauchte dort mit einem Rucksack voller Plastiksprengstoff und zwei Handgranaten auf und wurde prompt außer Gefecht gesetzt. Bald darauf sprach man Č. frei, denn er war schwer kriegstraumatisiert und litt unter psychischen Störungen. Bis heute ist nicht klar, ob der Mann die Botschaft angreifen oder nur vor Terroraktionen warnen wollte.

Wie dem auch sei, Č. hatte neben dem Sprengstoff auch ein Buch in seinem Rucksack. Das gaben die Behörden damals bekannt. Es trägt den Titel „Namaz u islamu“, zu Deutsch „Das Gebet im Islam“. Bei dem Buch handelt es sich um einen theologischen Leitfaden für den frommen Muslim, geschrieben in stark arabisiertem Serbokroatisch. Bei der Lektüre offenbart sich ein bedenkliches Weltbild.

Muhammad O. in einem Youtube-Video

Muhammad O. in einem Youtube-Video

Die Ungläubigen würden schmerzhafte Strafen erfahren, steht da beispielsweise. Oder: „Der reine und aufrichtige Glaube vollendet sich erst im Märtyrertod.“ Als Lektor des Buches scheint im Impressum auf: Muhammed P., der Imam aus der Meidlinger Murlingengasse.

Bis heute hängen im Vorraum der Gebetshalle in der Murlingengasse Plakate, auf denen für das Buch „Namaz u islamu“ geworben wird, wie ein Lokalaugenschein des Falter vergangenen Freitag zeigte. Ende des Jahres 2007 – da war der Falter ebenfalls vor Ort – lag das Buch in Glaskästen zum Verkauf. Asim Č., der mit dem Sprengstoff in die US-Botschaft gekommen war, sei hier ein häufiger Besucher, erzählten damals einige Gläubige in der Murlingengasse.

Doch das fragwürdige Buch und die Warnungen des bosnischen Geistlichen Cerić sind nicht die einzigen Zusammenhänge, in denen Muhammed P. und seine Tewhid-Moschee auftauchen. Ein weiterer stammt aus dem Jahr 2010. Damals rückte die bosnische Polizei ins Dorf Gornja Maoča ein. In diesem abgelegenen Flecken im Norden des Landes leben einige radikalislamische Familien ihre Vorstellung eines gottgefälligen Daseins. Abgeschottet von der Außenwelt, propagieren sie die Scharia; bei Razzien werden immer wieder Waffen beschlagnahmt. Zwischen den Bewohnern von Gornja Maoča und der bosnisch-muslimischen Gemeinde in Wien bestünden rege Reiseaktivitäten, berichteten 2010 bosnische Medien. Der Terrorfachmann Dževad Galijašević, Mitglied einer Gruppe von Experten für organisierte Kriminalität im Land, nannte Imam P. als den wichtigsten Verbindungsmann zwischen Wien und Gornja Maoča. Sogar von Waffenlieferungen ab Meidling war in mehreren bosnischen Medien die Rede, wie die Apa 2010 berichtete.

„Harter Kern des Salafismus“

Wie ernst sind all diese Anschuldigungen zu nehmen? Das lässt sich derzeit nicht seriös beantworten. Auffällig ist nur, dass es – sobald es um radikale Islamisten zwischen Wien und Sarajevo geht – nicht lange dauert, bis Imam P. und seine Moschee zur Sprache kommen.

So auch bei Mirsad O. Laut Staatsanwaltschaft soll der Mann, der vergangenen November in seiner Gemeindewohnung in der Donaustadt von der Cobra verhaftet wurde, 64 Syrienkämpfer angeworben haben. Die Justiz nennt ihn einen „Hauptideologen des globalen dschihadistischen Islamismus“. O. soll sich immer wieder im Dörfchen Gornja Maoča aufgehalten haben. Zudem untersteht er in Wien, wie die Zeitung Večernje novosti aus geheimdienstlichen Dossiers erfahren haben will, Muhammed P. aus Meidling. Konkret soll O. die sogenannte „Sandschak-Zelle“ leiten – der Sandschak ist jene muslimisch dominierte Region in Serbien, aus der O. ursprünglich stammt. Die Sandschak-Zelle wiederum ist laut Večernje novosti nur eine Filiale der größeren „Bosnien-Zelle“. Und deren Chef, schreibt die Zeitung, sei der Imam P. aus Meidling.

Der Wiener Islamexperte Thomas Schmidinger schätzt die Moschee in der Murlingengasse als „ideologisch durchaus im harten Kern des salafistischen Bereichs“ ein. Das heiße aber nicht automatisch, dass ihr Gedankengut dasselbe sei wie jenes der Terrororganisationen Islamischer Staat und al-Qaida. „Es gibt sicher Überschneidungen“, sagt Schmidinger. „Aber im neosalafistischen Spektrum gibt es viele feine Unterschiede, mit einer Gleichsetzung würde ich aufpassen.“

Wie sind die Tewhid-Moschee in Meidling und ihr Imam Muhammed P. also tatsächlich einzuschätzen? Was bedeuten all die Hinweise auf Verbindungen zum gewaltbereiten Islamismus? In letzter Konsequenz muss diese Frage offenbleiben. Zumindest vorerst. Denn angesichts des Terrors in Paris und in Syrien gehen die Sicherheitsbehörden derzeit hart gegen Islamisten in Österreich vor. Auch gegen Mirsad O., den mutmaßlichen Syrien-Anwerber, der in Untersuchungshaft sitzt und dem enge Verbindungen zu Muhammed P. nachgesagt werden.

Weitere Ermittlungen der Behörden im Fall O. werden möglicherweise zeigen, wie diese Verbindung wirklich aussieht. Vielleicht kommt auf diese Weise mehr über das Netzwerk bosnischer Islamisten ans Licht, das in Wien seit vielen Jahren vor sich hinwerkt.

Ein Kommentar

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„Der Hype um den Ersten Weltkrieg ist nicht nur gut“

Aus dem FALTER 51/2014


Die Historikerin Tamara Scheer über Völkerkerker, Historikerstreite und den Stolz auf K.u.k.-Vorfahren

Interview: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

In Österreich erscheint der Erste Weltkrieg wie eine in Stein gemeißelte Historie. Anders in Ungarn, Tschechien oder Ex-Jugoslawien: In Osteuropa wirkt der Weltkrieg gegenwärtiger, die Erinnerung ist umstrittener. Die Wiener Historikerin Tamara Scheer hat erforscht, wie sich die Wahrnehmung des Krieges in Osteuropa verändert hat.

Falter: Frau Scheer, eine der Ursachen des Weltkriegs war, dass Serbien das österreichisch-ungarische Vordringen auf den Balkan als imperialistisch empfand. Wie bewertet man in Serbien heute den Ausbruch des Weltkriegs?

Tamara Scheer: Vorweg will ich sagen: Es gibt nie die eine Erinnerungsgeschichte. Sie verändert sich je nach Epoche, Gesellschaftsschicht und Region. Bei Historikertagungen beispielsweise ist die Erinnerungskultur anders als beim einfachen Bürger.

Wie denkt der einfache Serbe, wie der professionelle Historiker über den Weltkrieg?

Scheer: Beim Bürger fällt mir ein gewisser Bedeutungswandel auf. Man streicht zum Beispiel – im Gegensatz zu früher – gern hervor, dass man einen K.u.k.-Soldaten in der Familie hatte. In Fachkreisen hingegen gibt es zwei Strömungen: Eine hängt noch der alten Sicht an, dass der serbische Staat mit dem Attentat 1914 nichts zu tun gehabt habe. Eine modernere Gruppe, die glücklicherweise immer größer wird, sagt: Selbstverständlich waren in Serbien Offiziere und Politiker an der Planung des Attentats beteiligt. Es ist aber schwierig, die tatsächliche Beteiligung vonseiten Serbiens am Attentat festzumachen. Wie in Österreich-Ungarn auch gab es Gruppen, die einer Eskalation des seit Jahren schwelenden Konflikts Sympathie entgegenbrachten, aber auch Kräfte, die um jeden Preis deeskalieren, also einen gewaltsamen Konflikt verhindern wollten.

Tamara Scheer, 34, forscht am Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft und verbringt auch viel Zeit in Archiven in Ungarn oder Ex-Jugoslawien. Ihre jüngste Publikation handelt von der österreichisch-ungarischen Besetzung des Sandschak ("Minimale Kosten, absolut kein Blut"). Zum Ersten Weltkrieg publizierte sie etwa "Die Ringstraßenfront - Österreich-Ungarn, das Kriegsüberwachungsamt und der Ausnahmezustand während des Ersten Weltkriegs"

Tamara Scheer, 34, forscht am Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft und verbringt auch viel Zeit in Archiven in Ungarn oder Ex-Jugoslawien. Ihre jüngste Publikation handelt von der österreichisch-ungarischen Besetzung des Sandschak („Minimale Kosten, absolut kein Blut“). Zum Ersten Weltkrieg publizierte sie etwa „Die Ringstraßenfront – Österreich-Ungarn, das Kriegsüberwachungsamt und der Ausnahmezustand während des Ersten Weltkriegs“

Das klingt, als wäre das Thema umstritten.

Scheer: Durchaus. Natürlich möchte niemand gerne Schuld am Ausbruch des Krieges haben, deshalb sollte man die aktuell hitzig geführte Diskussion wieder sachlicher und von heutigen politischen Debatten abgewandt betrachten. Heute lebende Personen und Staaten haben mit den Ereignissen von 1914 nichts zu tun. Das Interesse ist aber groß, die Gemüter sind erhitzt, nicht nur in Serbien. Auch in Ungarn und Tschechien forscht man schon seit Jahrzehnten viel intensiver an dem Thema als in Österreich, vor allem, inwieweit zum Beispiel Tschechen nicht nur Opfer des Systems, sondern auch an der Planung und Politik der Habsburgermonarchie beteiligt waren. Ebenso geht es in den Medien häufig darum. Man braucht nur in Belgrad oder Budapest den Fernseher aufzudrehen.

Was spielt es da beispielsweise?

Scheer: 90 Prozent sind populärwissenschaftlich, etwa Leidensgeschichten von der Front oder der Gefangenschaft. Aber dann gibt es auch immer wieder große Kontroversen, die den Kampf um die Deutungshoheit widerspiegeln – zum Beispiel kürzlich die um Christopher Clarks Buch in Serbien oder in Deutschland. Für viele schätzt Clark die Beteiligung Serbiens am Krieg zu hoch ein, in Deutschland ist es genau umgekehrt. Für viele war das Deutsche Kaiserreich Kriegstreiber, und angeblich spielt Clark diese Bedeutung herunter. Clark ist ein australischer Historiker, der die Vorgeschichte des Weltkriegs erforschte. In seinem Buch „Die Schlafwandler“ unterscheidet er in jedem Land – auch in Serbien – zwischen moderaten Kräften und Hardlinern. Er nennt sie Tauben und Falken.

In Österreich erscheint das Thema längst nicht so aktuell. Warum nicht?

Scheer: Aus mehreren Gründen. Zunächst hat in Österreich der Zweite Weltkrieg das Interesse am Ersten stark überdeckt. Weiters stellte der Erste Weltkrieg für viele osteuropäische Staaten die Geburtsstunde der Nation dar -in Österreich hingegen löste er vor allem eine Identitätskrise aus und führte direkt in die antidemokratischen und autoritären Regime der Zwischenkriegszeit und schließlich zum „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland. In Osteuropa hingegen hat der Kommunismus viel Beschäftigung mit der Historie überdeckt, das bricht nun hervor.

Wie hat sich nach dem Ende des Ostblocks die Wahrnehmung verändert?

Scheer: Zunächst trat das nationale Element stark in den Vordergrund. Das zeigt sich zum Beispiel am Blick auf das tschechische k.u.k. Infanterieregiment 28, das beinahe als Ganzes zu den Russen desertierte. Nach 1918 wurden die Soldaten deshalb in der tschechischen Geschichtsschreibung als Helden gefeiert, weil sie nicht für Österreich kämpfen wollten. Heute werden solche Vorstellungen durch neuere, differenziertere ersetzt. Zum Beispiel erforscht man, dass Desertionen bei weitem nicht nur aus nationalistischen Gründen erfolgten. Ein Soldat floh etwa auch, weil er zu wenig zu essen bekam oder zu Hause seine kranke Mutter pflegen wollte.

Also verlieren nationalistische Perspektiven an Kraft?

Scheer: Ja, ein Aufbruch setzt ein. Auf Fachtagungen geht es seltener um die alte Wahrnehmung von Österreich-Ungarn als Völkerkerker. Man befasst sich lieber mit der eigenen Rolle in der Habsburgermonarchie, beispielsweise mit der Rolle von slowakischen oder rumänischen Politikern im Staatsapparat. Allerdings scheint mir die größere Offenheit heute wieder gefährdet, wenn ich mir die Debatte in diesem Jahr ansehe. Es geht wieder um Schuldzuschreibungen, wie schon 1918.

Warum?

Scheer: Zum Teil hat das landesspezifische Gründe, zum Beispiel in Ungarn, wo die Orbán-Regierung gern die alte Sicht auf die Leidensgeschichte des Landes propagiert. Es scheint mir aber auch, als habe die weltweite Aufmerksamkeit im Gedenkjahr 2014 dazu geführt, dass die Staaten Osteuropas ein wenig um ihre Selbstbilder fürchten. In Bosnien-Herzegowina hat etwa im Juni eine große internationale Konferenz zu 1914 stattgefunden, die deutsche, ungarische, österreichische, kroatische und mazedonische Historiker abhielten. Nun beschwerten sich unter anderen serbische Nationalisten, dass nur „Verliererstaaten“ des Kriegs diese Konferenz bestückten. Der Hype um den Ersten Weltkrieg ist nicht nur gut.

Was muss geschehen, damit die Debatte zur alten Aufbruchsstimmung zurückfindet?

Scheer: Um den Weltkrieg in Mitteleuropa zu erforschen, muss man übernational kooperieren. Wenn ich zum Beispiel über Nordserbien arbeite, muss ich nach Budapest ins Archiv und Ungarisch beherrschen. In vielen anderen Fällen muss ich nach Wien und Deutsch sprechen. Deshalb sollten die Erinnerungskulturen grenzübergreifend aufgearbeitet werden. Dafür brauchen wir allerdings eine andere, weniger national orientierte Forschungs-und Förderungskultur.

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