Archiv der Kategorie: Das war meine Woche

Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 18/2019 vom 28.04.2019

Ich bemerke, wie sich die Reisesaison anbahnt. Mein Umfeld beginnt in diesen Wochen allmählich, Urlaubspläne zu schmieden. Wohin dieses Jahr? Wie lang? Wird es auch nicht zu spät, an diesem oder jenem Ort etwas zu reservieren?

Derlei Gedanken machen sich aber bei Weitem nicht alle Leute, wie eine aktuelle Erhebung des Instituts für Freizeitund Tourismusforschung in Wien zeigt. Demnach verreisen 29 Prozent der Österreicher im heurigen Jahr „sicher nicht“. Dahinter stecken vor allem finanzielle Erwägungen. Laut der Erhebung bleiben nämlich hauptsächlich jene zu Hause, die über weniger als 1500 Euro Nettoeinkommen pro Monat und Haushalt verfügen: Stolze zwei Drittel sind es in dieser Gruppe. Genauso hoch ist der Anteil unter denjenigen, die lediglich über einen Pflichtschulabschluss verfügen. Heißt: Im zehntreichsten Land der Welt -auf diesem Platz wird Österreich vom Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos gereiht -kann sich fast jeder Dritte keinen Urlaub leisten. Nicht einmal ein paar Tage. Nicht einmal am Bauernhof in der österreichischen Provinz. Ein durchaus trauriger Befund. Immerhin bedeutet Urlaub für die meisten Menschen nicht bloß verzichtbaren Luxus wie eine teure Uhr oder ein PSstarkes Auto. Man bekommt den Kopf frei von den üblichen Herausforderungen, sieht die Dinge anders als im Alltag, gewinnt an Ideen und Inspirationen. All das spielt’s nicht – für ganze 30 Prozent.

Auffällig an der Erhebung ist noch ein weiterer Aspekt. Der Anteil jener, die nicht auf Urlaub fahren, steigt nicht an. Er stagniert vielmehr seit den 1990er- Jahren. Das bedeutet: Den Österreichern geht es offenbar nicht schlechter als vor zwei Jahrzehnten. Es gab stattdessen immer schon viele Menschen, die sich eine grundlegende Angelegenheit wie eine kurze Urlaubsreise schlicht nicht leisten können. Schade.

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das war meine Woche

Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 17/2019 vom 19.04.2019

Ich lese, es gibt eine internationale Verständigung auf eine CO2-Abgabe. Das ist zweifellos ein notwendiger Schritt. Auf der Frühjahrstagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds in Washington D. C. haben sich die Finanzminister aus 22 Ländern darauf geeinigt. Erfreulicherweise ist auch Österreichs ÖVP-Minister Hartwig Löger darunter, ebenso wie sein sozialdemokratischer deutscher Amtskollege Olaf Scholz (wenn auch nicht die USA). Das zeigt, dass die Politiker das Problem erkennen. Liest man aber die Nachricht zu Ende, kehrt ein Stück weit Ernüchterung ein. Denn die sogenannte „Klimakoalition“ hat sich bisher eher vage Ziele gesetzt. Man will über eine wirksame Bepreisung von Treibhausgasen zur Verringerung von deren Ausstoß „beraten“, liest man da. Und klimaschädliche Subventionen, etwa in Kraftwerke und den Flugverkehr -weltweit immer noch Billionen Euro -möchte man „überdenken“. Sorry, aber es ist höchst an der Zeit für mehr als nur ein paar Telefonate. Auch wenn dies manch Verschwörungstheoretiker in Abrede stellen: Wasserdichte wissenschaftliche Erkenntnisse -stark steigende Durchschnittstemperaturen, stark zunehmende Konzentrationen von Treibhasgasen in der Atmosphäre -zeigen, dass dringend etwas Wirkungsvolles geschehen muss. Am besten wäre eine Steuer auf jede Tonne CO2, egal woher sie her (Industrie, Verkehr, Haushalte). Damit das gut geht, braucht es Begleitmaßnahmen wie einen Aufbau klimaneutraler Verkehrssysteme und finanzielle Unterstützung für arme Haushalte, damit sie die Last der CO2-Steuer nicht voll abbekommen. Es gäbe also Großes zu tun für die Klimakoalition. Jetzt muss sie nur noch anfangen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das war meine Woche

Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 10/2019 vom 3.3.2019

Ich nehme an, Ihnen ist dieses Phänomen der modernen Wirtschaftswelt auch aufgefallen: Großkonzerne stellen sich extrabreit auf, um nur ja keine Entwicklung am Markt zu verpassen. Schnöde Autokonzerne beispielsweise gerieren sich neuerdings gern als allumfassende Mobilitätsanbieter, die sich vom Car Sharing bis Batterientechnologien allen möglichen Aspekten widmen.

Dass die Wandlung zur Gemischtwarenhandlung nicht immer gelingt, führt gerade Weight Watchers eindrücklich vor Augen. Das US-Unternehmen kannte man bisher dafür, seinen Kunden mittels Gruppensitzungen und Verabreichung dickflüssiger Breie zum Abnehmen zu verhelfen. Damit hat es Weight Watchers zu einem börsennotierten Konzern mit 1,3 Milliarden Dollar Jahresumsatz und 18.000 Mitarbeitern in aller Welt gebracht.

Aber das ist nicht mehr genug. Man wollte zur bloßen Gewichtsabnahme „ganzheitliche Wellness-Lösungen“, sagte kürzlich Vorstandschefin Mindy Grossmann. Zum gesunden Essen komme auch Sport. Und ein anregendes soziales Umfeld. Weight Watchers sorge künftig dafür, dass sich Menschen „mit anderen verbinden und die freudige Erfahrung machen, ein gesundes Leben zu führen“. Sogar Meditations-Trainings kommen ins Programm. Um all das deutlich zu machen, hat sich das Unternehmen unbenannt. Aus „Weight Watchers“ wurde vergangenes Jahr schlicht „WW“. Vielleicht bringt die Umbenennung das Dilemma auf den Punkt. Wofür „Weight Watchers“ steht, ist sonnenklar. „WW“ hingegen bedeutet -genau gar nichts. Vergangene Woche jedenfalls sackte der Börsenkurs infolge von Gewinneinbrüchen um beinahe 30 Prozent ab.

Joseph Gepp

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das war meine Woche

Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 09/2019 vom 24.02.2019

Ich mache ungern Witze über die Titelsucht, die angeblich in Österreich grassiert. Das kommt mir vor wie ein altes und langweiliges Klischee. Manchmal jedoch schlägt die Wirklichkeit selbst abgeschmackte Vorurteile.

So wie kürzlich im Wirtschaftsministerium von Margarete Schramböck (ÖVP). Dort wurden „Persönlichkeiten der heimischen Wirtschaft für ihre Verdienste“ auszeichnet. Konkret verliehen: zwei Große Silberne Ehrenzeichen, zwei Goldene Ehrenzeichen, zwei (normale) Silberne Ehrenzeichen, ein Goldenes Verdienstzeichen, einmal der Berufstitel „Baurat honoris causa“, einmal „Technischer Rat“ und einmal schlichtweg „Dank und Anerkennung“.

Unter den Preisträgern finden sich unter anderem Josef Dietrich (Präsident der Börse für landwirtschaftliche Produkte), Gerhard Schösswender (Salzburger Möbelunternehmer) und Herbert Tree (Chef einer nach ihm benannten Beteiligungsgesellschaft). Die anderen Preisträger auch noch aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Rubrik sprengen.

Entscheidend: Unter ihnen findet sich keine einzige Frau. Besonders eindrücklich vor Augen geführt bekommt man das auf dem Foto von der Verleihung. Mittig Schramböck. Links, rechts je fünf Männer.

Schon klar, Frauen sind in wirtschaftlichen Führungspositionen immer noch stark unterrepräsentiert. Die Ursachen sind vielschichtig, sie reichen von immer gleichen Männernetzwerken bis zu starren Geschlechterrollen, die teils bis in die Schulzeit zurückreichen (siehe auch Interview unten). Würde man also bei Preisverleihungen brav halbe-halbe simulieren, würde das nicht der Realität gerecht, sondern wäre Verzerrung und Schönfärberei.

Dass Männer bei derlei Auszeichnungsreigen häufiger als Frauen zum Zug kommen, ist also ein Stück weit verständlich. Allerdings: Musste sich unter ganzen zehn Preisträgern tatsächlich keine einzige Frau finden? Diesbezüglich sticht Schramböcks titelfreudige Verleihung doch hervor.

Joseph Gepp

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das war meine Woche

Glosse: Das war meine Woche

Aus dem profil 05/2019 vom 27.01.2019

Ich verfolge interessiert die Nachrichten aus Luxemburg. Dort wird die Benutzung von Zügen, Bussen und Straßenbahnen ab 2020 gratis sein. Der Autoverkehr ist ein Hauptverursacher des Klimawandels. Im Gegensatz zu Sektoren wie der Industrie steigen die CO2 Emissionen aus dem Verkehr rasant. Wäre also ein Schritt wie in Luxemburg auch für Österreich zu empfehlen? Zum Beispiel in Wien? Laut Wiener Linien kostet der Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel die Hauptstadt jährlich rund 800 Millionen Euro. Ungefähr 40 Prozent davon, mehr als 300 Millionen, kommen aus den Steuermitteln der Stadt. Den größeren Rest, rund 500 Millionen, bringen die Wiener Linien selbst auf, großteils aus Ticketverkäufen. Besagte 500 Millionen müsste also das Rathaus stemmen, wollte es die Öffis gratis anbieten. Das entspräche rund einem Dreißigstel der jährlichen Gesamtausgaben der Stadt Wien. Es ist also prinzipiell leistbar. Aber ist es auch vernünftig? Würden Öffis gänzlich aus Steuermitteln finanziert, gäbe es wohl Jahr für Jahr eine hitzige Debatte. Wie viel Steuergeld für Gratis-Öffis darf sein? Wo liegen Sparpotenziale? Für Politiker wären die Gratis-Öffis ein vielversprechender Reibebaum. Egal ob es ihnen um ausgeglichene Budgetzahlen oder doch eher um die Stimmen der Autofahrer geht: Hier ließe sich viel gewinnen. Das Budget der Gratis-Öffis wäre also für etwaige Senkungsgelüste anfälliger als momentan, wo sich die Verkehrsbetriebe zu mehr als der Hälfte selbst finanzieren. Es zu senken hieße aber: weniger Qualität, mangelnder Ausbau -und am Ende kehren die Wiener trotz Gratis-Öffis zum Auto zurück. Aktionen wie in Luxemburg klingen gut, aber Wiens rot-grüne Stadtregierung hat sich wohl zur besseren Strategie entschlossen. Die Öffis dürfen ruhig ein bisschen etwas kosten, nur besonders viel sollte es nicht sein.

Joseph Gepp

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das war meine Woche

Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 46/2018, vom 12.11.2018

Ich bin mir kürzlich vorgekommen wie ein Zeitreisender in eine nicht allzu weit zurückliegende Vergangenheit. Auslöser war ein Ausflug ins nahe Ausland, der in wenigen Tagen durch mehrere Staaten führte. Da wurde mir eine Sache bewusst, die allgemein bekannt ist und dennoch ein Stück weit überrascht: Von den acht Nachbarländern Österreichs haben immer noch vier ihre eigene Währung. Wenn man also mehrere Währungsräume durchquert, sammelt sich allerlei Kleingeld in der Börse. Auseinanderzuklauben, welche Minimünzen welchem Land zuzuordnen sind, ist ein aufwendiges Unterfangen. Also bleibt der Geldhaufen liegen. Und wird größer. Am Ende stellte ich fest, dass da noch Geld auszugeben wäre. Hätte ich mir rechtzeitig die Mühe gemacht, die Münzen auseinanderzudröseln.

Als ich das Geld schließlich an Tankstellentresen als ungebetenes Trinkgeld liegen ließ, kam mir eine Idee. Wechselstuben akzeptieren bekanntlich kein Kleingeld, aber warum gibt es zu diesem Zweck keine Automaten? In diese könnte man seine tschechischen Kronen-, ungarischen Forint-oder kroatischen Kuna-Münzen werfen, um im Gegenzug Euro zu erhalten. An Orten wie Flughafenhallen, Grenzübergängen, grenznahen Tankstellen oder Autobahnvignettenverkaufskiosken wären solche Geräte gewiss hoch frequentiert.

Zu teuer und fehleranfällig, werden Realisten antworten. Entgegnung: Von den Summen könnte sich der Betreiber durchaus beachtliche Teile abzwacken. Die könnten sowohl zum Betrieb der Automaten dienen als auch dem Betreiber eine saftige Provision bescheren. Immerhin werden Reisende, bevor sie Kleingelder in Tankstellen hinterlassen, bereitwillig Maschinen damit füttern, egal wie hoch die Abschläge ausfallen.

Diese vielversprechende und lukrative Geschäftsidee sei hiermit der Welt mitgeteilt und interessierten Ingenieuren und Investoren als Anregung auf den Weg gegeben. Selbstverständlich provisionsfrei.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das war meine Woche

Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 42/2018, 15.10.2018

Ich vermute, dass sich wohl jeder hin und wieder die bange Frage stellt: Wie großzügig wäre man eigentlich noch, wenn es einmal eng wird im Leben? Ist Moral nur ein Schönwetterprogramm? Eine Selbsttäuschung in guten Zeiten, die sogleich entsorgt wird, sollte es dereinst so weit kommen, dass Hunger und Durst drohen, dass man obdachlos ist oder keinen Euro mehr besitzt?

Wen solche Fragen umtreiben, den werden Erkenntnisse aus der Wissenschaft interessieren. An der Alpen- Adria-Universität in Klagenfurt führte ein Forscherteam rund um die Psychologin Astrid Kause ein eigenwilliges und spannendes Experiment durch. Die Studienteilnehmer radelten so lange auf einem Hometrainer, bis sie durstig waren. Durch selbiges Radeln „verdienten“ sie sich etwas, nämlich Einheiten an Wasser und Geld.

Danach maßen die Forscher: Was sind die Probanden eher bereit, mit den anderen, ebenso durstigen Radler zu teilen? Die Wasser-Einheiten oder die Geld-Einheiten?

Man sollte meinen, ein Durstiger stürzt sein Wasser selbst hinunter, statt es mit Fremden zu teilen -zumal er sich durch das Radeln hart erarbeitet hat. Beim Teilen von Geld hingegen mag er vielleicht mit sich reden lassen. Immerhin stillt das Geld sein unmittelbares Bedürfnis gerade weniger als das Wasser.

In Wahrheit geschah das Gegenteil. Die Teilnehmer teilten das Wasser bereitwilliger als das Geld. Als Ursache vermuten die Forscher nun, dass ein Durstiger stärker nachempfindet, wie sich ein anderer Durstiger fühlt -und daher Wasser, selbst wenn es ihm schwerfällt, eher zu teilen bereit ist als das abstrakte Gut Geld.

Fazit: Sollten die Zeiten dereinst schlecht werden, wird man nicht zwangsläufig zum eiskalten Egoisten. Das sind doch einmal gute Nachrichten.

Joseph Gepp

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das war meine Woche