Archiv der Kategorie: Das war meine Woche

Glosse: Das war meine Woche

Aus profil, 36/2018 vom 03.09.2018
Ressort: Wirtschaft

Ich staune darüber, wie wenig das Geschehen an den Börsen mit jenem der realen Wirtschaft zusammenhängt. Man erinnere sich zum Beispiel an das Jahr 2009: Da rutschte die Weltwirtschaft in die schwerste Rezession seit 1929, noch lange danach herrschte tiefe Flaute; erst seit 2015 orten Ökonomen wieder einen Aufschwung.

Und an der Börse? Wer Anfang 2009 sein Geld in die 500 wichtigsten börsennotierten US-Unternehmen investiert hat, kann sich seither über Zuwächse von 320 Prozent freuen, melden dieser Tage US-Agenturen. Zwischen 2009 und heute verzeichnen die Börsianer den längsten Bullenmarkt der Wirtschaftsgeschichte. Er dauert inzwischen 3452 Tage. Die Kurse kletterten trotz realwirtschaftlicher Krise ungebrochen. Die gegenwärtige Hausse hat damit jene überholt, die fast über die kompletten 1990er-Jahre andauerte -ehe sie von der sogenannten Dotcom-Krise jäh beendet wurde.

Die realwirtschaftliche Krise hat dem Börsenfeuer nicht geschadet, im Gegenteil, sie hat es gar geschürt. In den vergangenen Jahren warfen Investitionen in die echte Wirtschaft nur wenig Gewinn ab, die Zinsen waren niedrig. Staaten, Privatpersonen und Unternehmen sparten. Also trugen jene, die über Geld verfügen, selbiges gern an die Börse was die Kurse hochtrieb. Analysten rechnen übrigens damit, dass die Hausse noch andauern wird. Immerhin zieht US-Präsident Donald Trump gerade Steuerreformen durch, die börsennotierte Unternehmen begünstigen.

Dennoch: Börsenkurse spiegeln letztlich die Erwartung der Börsianer auf künftige Umsätze und Gewinne wider – also die Hoffnung auf eine gut laufende Realwirtschaft. Nur falls sich echte Investitionen in Zukunft wieder stärker lohnen und der Konsum gut läuft, werden sich die hohen Kurse nicht als Strohfeuer entpuppen. Ansonsten kann auf die wilde Börsenparty nur eines folgen: der schwere Kater.

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Glosse: Das war meine Woche

Aus dem profil 33/2018 vom 13.08.2018

Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Tax Freedom Day (TFD). Dieser Tag wurde am vergangenen Sonntag, dem 4. August, begangen. Es ist jener Tag im Jahr, bis zu dem die Österreicher durchschnittlich arbeiten müssen, bis sie alle Steuern und Abgaben an den Staat berappt haben. Bis 4. August also werfen wir unser hart verdientes Geld dem Staat in den Rachen -mit diesem Unterton trommeln gern FPÖ, einige Unternehmerverbände und wirtschaftsliberale Thinktanks die Nachricht vom TFD.

Schauen wir uns das Konzept genauer an. Je früher der TFD, desto mehr Geld bleibt den Leuten in der Tasche, suggeriert es. Stimmt aber nicht. In den USA beispielsweise -TFD: 19. April -zahlen die Menschen zwar weniger Steuern, stecken aber umso größere Summen in Gesundheits-und Bildungsdienstleistungen, die Private anbieten. Dies tun sie wohl nicht hundertprozentig freiwillig, denn immerhin will jeder gesund und ausgebildet sein. Unterschiedliche Leistungen kosten eben unterschiedlich viel. Genau das lässt der TFD außer Acht.

Um seriös herauszufinden, in welchen Bereichen der Staat tatsächlich ineffizient wirtschaftet, müsste man vielmehr die Ausgaben für konkrete Leistungen vergleichen – unabhängig ob staatlich oder privat. Wie viel kostet eine Krebstherapie in unterschiedlichen Staaten? Ein Programmierer-Lehrgang? Der Bau von einem Kilometer Autobahn? Wenn herauskommt, dass die Leistung tatsächlich dort teurer ist, wo sie vom Staat erbracht wird – dann läuft wirklich etwas schief im Steuersystem.

Aber darüber sagt der TFD nichts aus. Er will nur vermitteln, dass wir alle angeblich viel zu viel an den Staat zahlen. Dass wir bis zum 4. August von selbigem gnadenlos gegängelt werden. Der TFD ist ein Propagandakonstrukt aus dem Umfeld rabiat staatsfeindlicher US-Rechter, die hinter jeder Ecke den Sozialismus wittern. Er hat keinen echten Erkenntniswert.

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Glosse: Das war meine Woche

Aus dem profil 31/2018 vom 30.07.2018

Ich frage mich, ob bald die nächste große Finanzkrise kommt. Und zwar nicht wegen etwaiger Handelskriege zwischen der EU und den USA, neuerlicher Crashes von Großbanken oder Dochnoch-Pleiten von Euroländern (wobei all dies durchaus möglich wäre). Sondern aufgrund eines ganz anderen Umstands.

Viele Unternehmen haben ihr Geld in fossile Energien investiert. So als wüssten sie nicht, dass man das dahinterstehende Öl und Gas in nicht allzu ferner Zukunft wohl nicht mehr verbrennen wird können. Andernfalls geht das Klima endgültig vor die Hunde. Versicherungen, Banken und Energiekonzerne sind abhängig, dass Billionenwerte in Öl und Gas nicht irgendwann rapide absacken. Aber genau das droht.

Zukunftsmusik, meinen Sie? Panikmache? Das hätten Vertreter der internationalen Kohleindustrie vor ungefähr eineinhalb Jahrzehnten auch gesagt. Damals war sie noch ein mächtiger Wirtschaftszweig; inzwischen hat die Branche 90 Prozent ihres einstigen Börsenwerts verloren. Der US-Konzern Peabody, weltgrößtes privates Kohleunternehmen, musste 2016 Insolvenz anmelden.

Und Öl? Auch hier „sind wir an einem Wendepunkt“, sagen Vertreter der französischen Fondsgesellschaft Amundi laut „FAZ“.“Wird das Risiko falsch bepreist, droht eine Korrektur“, warnt Amundi, das derzeit 1,5 Billionen Euro Kundengelder verwaltet. Vor allem französische Geldhäuser sind Vorreiter beim sogenannten Divesting, also beim Abgang vom Investieren in Fossilenergien, konstatiert die FAZ.

Das ist auch richtig so. Früher oder später ist mit gesetzlichen Einschränkungen und Verboten beim Einsatz fossiler Energien zu rechnen. Immerhin wurde im Klimaabkommen von Paris 2015 ein Stopp der Klimaerwärmung verbindlich vereinbart. Überdies werden Erneuerbare Energien weiter an Bedeutung zulegen, allein schon aus Mangel an Alternativen. Bleibt zu hoffen, dass die Botschaft rechtzeitig in der Wirtschaft ankommt, bevor das Erwachen allzu böse wird.

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Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 28/2018 vom 09.07.2018

Ich wollte mir kürzlich alte Fotos ansehen. Sie stammen aus einer Zeit, als Digitalkameras noch technische Neuheiten waren. Ich bin schließlich auf eine Festplatte gestoßen, die in Computer-Dimensionen geradezu steinzeitlich anmutet -und habe sogleich festgestellt, dass das dazugehörige Kabel längst nicht mehr in meinen Laptop passt.

Was das mit Geld zu tun hat? Nun, ähnlich wie mit den Fotos ist es mit den berühmt-berüchtigten Kryptowährungen à la Bitcoin. Auch wenn sie im vergangenen Halbjahr mitunter an Wert verloren haben, bedauern viele, dass sie nicht rechtzeitig ein paar Hundert Euro in das Digitalgeld investiert haben. Dann wären sie heute vielfache Millionäre.

Der reuige Gedanke an das verpasste Vermögen setzt aber etwas voraus, an das viele nicht denken: Man muss die notwendige technische Infrastruktur jahrelang am Laufen gehalten haben, selbst wenn sie schon völlig veraltet war. Jede verstaubte Festplatte muss aufgehoben, jede „Wallet“ auf auszumusternden Computern und Handys bewahrt, jedes Passwort archiviert worden sein. Dass dieser Aufwand dereinst Millionen Euro bringen könnte, weiß man dabei nicht.

So wie James Howells. Der Waliser erwarb im Jahr 2013 7500 Bitcoins, berichteten Ende vergangenen Jahres britische Medien. Heute wären sie rund 75 Millionen Euro wert. Die Passwörter speicherte Howells auf einer Festplatte, die er irgendwann wegwarf. Heute durchstöbert Howells die Mülldeponie, auf der er seinen Datenträger vermutet. Er ist kein Einzelfall: Laut einer Erhebung der US-Denkfabrik Chainanalysis sind mindestens 2,78 Millionen Bitcoins für immer verloren gegangen -17 Prozent der Gesamtmenge.

Freunde von Bitcoin betonen gern, dass deren digitales Vermögen vor Inflation und jeglichem staatlichen Zugriff geschützt sei. Stimmt. Aber Bitcoin hat einen schlimmeren Feind als selbst raffgierigste Zentralbanken und Finanzämer: die eigene unachtsame Vergesslichkeit.

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Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 27/2018 vom 02.07.2018

Ich denke an eine Festlegung, die immer wieder aus den Reihen der schwarzblauen Regierung ertönt (und nein, sie hat -Überraschung! – diesmal nichts mit Flüchtlingen zu tun). Die Steuern würden nicht erhöht, sagt ÖVP-Finanzminister Hartwig Löger regelmäßig. Vielmehr soll der Anteil der Steuern am BIP sinken, in Richtung 40 Prozent.

Zu dumm, dass bestimmte Steuern jetzt aber doch steigen. Und zwar völlig unbeabsichtigt. Solche Sachen geschehen nun mal in der komplizierten Welt der Steuerangelegenheiten.

Worum geht’s? Beim Kauf eines Autos wird die Normverbrauchsabgabe (NoVA) fällig. Diese ist desto höher, je mehr Kohlendioxid der Wagen ausstößt. Im Zuge der Dieselskandale der vergangenen Jahre gab es allerdings Kritik an jenen Labortests, bei denen die Ausstöße europaweit offiziell ermittelt werden. Sie seien weltfremd, so die Kritiker. Ab September wird deshalb ein neues, realitätsnäheres Testverfahren in Europa angewandt. Folge: Der festgestellte Ausstoß wird höher.

Damit nicht auch die NoVA in Österreich mitsteigt, gibt es eine Übergangsfrist. Bis Ende 2019 orientiert sich die Höhe der Steuer in Österreich noch nicht am Ausstoß gemäß neuem Testverfahren, sondern gemäß altem. Allerdings wird eben dieses alte Verfahren ab Herbst 2018 nicht mehr angewandt. Was also tun? Mithilfe einer komplizierten Formel wird zurückgerechnet, was die neuen Testergebnisse nach alten Maßstäben bedeutet hätten -und das Ergebnis dient dann als Grundlage für die NoVA.

Doch bei dieser Rechnung hakt es, klagen Österreichs Autoimporteure. Die neuen Angaben lassen sich nicht ohne Weiteres auf die alten umlegen. Die Formel sei ungenau. Das Resultat ist eine NoVA, die -trotz aller Mühen -ab September deutlich höher liegen wird als derzeit. Und zwar gleich um vier bis sieben Prozent, je nach Autotyp.

Der Finanzminister darf sich freuen. Er wollte die Steuern gar nicht erhöhen. Und jetzt steigen sie ganz von selbst.

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Glosse: Das war meine Woche

Aus dem profil 24/18 vom 11.06.2018

Ich staune: Es gibt eine Methode, mittels Betrug Geld zu lukrieren, ohne eine Strafe befürchten zu müssen. Laut Polizei handelt es sich zwar um einen uralten Trick, doch er kommt gerade wieder hoch. Es geht um die thailändische Zehn-Baht-Münze. Sie ist umgerechnet 0,27 Euro wert. Vorne ist Thailands verstorbener König abgebildet, hinten ein Tempel in Bangkok. Entscheidend ist, dass die Münze in Größe, Dicke und Zusammensetzung ziemlich unserer ZweiEuro-Münze entspricht. Nun sind findige Zeitgenossen auf die Idee gekommen, die Bath-Münzen in Parkund sonstige Münzautomaten zu schieben. Manchmal funktioniert es, zumindest bei Einkaufswagerl. Und immer wieder stoßen auch Restaurantgäste und Geschäftskunden auf Bath-Münzen in ihren Geldbörsen, berichten regelmäßig Medien im ganzen deutschen Sprachraum. Man mag nun einwenden, dass diese Form des Betrugs ziemlich aufwendig und kaum der Mühe wert sei. Nun, nicht alle denken so: Ein Blick in Internet-Verkaufsplattformen offenbart einen regen Markt für Zehn-Baht-Münzen. Auf ebay etwa werden sie in Hunderterpackungen angeboten. Preis: 50 Euro aufwärts. Und was soll man tun, wenn man Opfer von Bath-Betrügereien wird?

Eine Anzeige ist praktisch aussichtslos. Nicht nur weil der Besitz der Münzen völlig legal ist; es lässt sich überdies kaum feststellen, ob der mutmaßliche Täter tatsächlich betrügerische Absichten hegte. Muss man also einfach akzeptieren, Opfer geworden sein? Nicht unbedingt. „Wer clever ist, versteigert die thailändische Münze im Internet“, rät der „Schwarzwälder Bote“, eine Lokalzeitung im deutschen Baden- Württemberg. „‚Falschgeld‘ aus Thailand kann im Netz weiterverkauft werden.“ Ein genialer Plan! Falls ich einmal Bath-Opfer werde, verkaufe ich meine Münzen einfach weiter. An den nächsten Betrüger.

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Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 22/2018

Ich öffne meine E-Mails und finde: eine Rabattaktion für den Online-Bücherkauf. Eine Werbung für online buchbare Last-Minute-Städtereisen. Eine Tagesmenükarte von einem Restaurant, das ich einst im Jahre Schnee besucht habe. Newsletter von Internet-Flugticket-Versandhäusern.

All das interessiert mich nicht im Geringsten. Aber das Marketing via E-Mail wird wichtiger für Unternehmen -und das zeigt auch die Dauerwerbung in meiner Mailbox. Laut Zahlen des Instituts KMU Forschung Austria wurde im Jahr 2017 fast jedes fünfte Produkt in Österreich im sogenannten „Distanzhandel“ erworben, also per Internet oder Katalog. Allerdings fühlt sich der Distanzhandel ziemlich undistanziert an.

Nun aber rettet mich endlich die EU vor der Werbeflut. Im Rahmen der europäischen Datenschutzgrundverordnung erhalte ich neuerdings andere E-Mails: Ich werde um Zustimmung gebeten, ob ich die jeweiligen „Informationen“ weiterhin beziehen will. Wie herrlich, nicht zu antworten. Wie herrlich, wenn die jahrelangen Nervtöter, Zeitfresser und Aufmerksamkeitsdiebe plötzlich fernbleiben. Oft habe ich von einem großen Besen geträumt, der durch meine E-Mails fährt. Jetzt ist er da. Und er kehrt ganz von allein.

Doch mein Glück währte nur ein paar Tage. Schon nach kurzer Zeit haben die Distanzhändler eine neue Strategie ausgeheckt. In den neuesten Mails werde ich nicht mehr um Zustimmung bezüglich weiterer Nachrichten gebeten. Stattdessen möge ich bitte meinerseits eine kurze Mail schicken, falls ich die Sendung nicht mehr erhalten möchte. Aufgrund der Nachrichtenflut komme ich den zahlreichen Aufforderungen nach Rückmeldung natürlich nicht nach. Die Mails kommen weiterhin.

Europas Besen hat also nur kurz gekehrt . Und ich muss zurück zu meinen E-Mails. Unter den vielen unwichtigen die wenigen wichtigen heraussuchen.

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