Archiv der Kategorie: Bücher

Buch: Was ist schuld an der Krise?

Aus dem FALTER 12/2014

Was hat die Finanz-und Wirtschaftskrise seit 2008 samt all ihren desaströsen Folgen ausgelöst? Ein außer Rand und Band geratener Bankensektor, der Kreditnehmer ohne Vermögen mit Krediten zuschüttete, wie die Keynesianer gern glauben? Oder maßlose Staaten, die unverantwortlich Geld ausgaben und derweil auf Reformen verzichteten, wie die Neoliberalen oft dagegenhalten?

Der Wiener Historiker Anatol Schmied-Kowarzik legt ein Buch vor, das sich über solche Erklärungsansätze erhebt. Zunächst befasst sich der Autor mit der Definition von Grundbegriffen wie „Wert“,“Preis“ und „Geld“. Danach entwirft er mithilfe dieser Begriffe eine Theorie, die in einer grundlegenden Kritik des Gewinns gipfelt – und die derzeitigen Kreditblasen und -risiken in so vielen Bereichen der Wirtschaft erklärt. Ein streckenweise schwer lesbares, aber sehr interessantes Buch.

JOSEPH GEPP

Anatol Schmied-Kowarzik: Die Sackgasse. Warum die Finanzkrise nicht begriffen wird. New Academic Press, 145 S., € 25,-

Anatol Schmied-Kowarzik: Die Sackgasse. Warum die Finanzkrise nicht begriffen wird. New Academic Press, 145 S., € 25,-

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Buch: Noch weit hinter Budapest

Aus dem FALTER 9/2014

Bei vielen Reiseführern oder etwa TV-Dokus könnte man meinen, die Donau endet irgendwo bei Budapest. Denn flussabwärts von jenem Ort, wo die meisten Boots- und Radtouren aufhören, werden auch die Informationen oft lückenhaft.

Nicht so bei Duygu Özkan und Jutta Sommerbauer, zwei Presse-Redakteurinnen. Sie haben 2860 Flusskilometer bereist, gleichwertig, vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer. Herausgekommen ist eine faszinierende Reportagensammlung mit vielen Entdeckungen, die einen ahnen lässt, wie wichtig der Fluss für die Beförderung von Waren und Ideen in Europa seit jeher war. Man liest zum Beispiel von einem slowakischen Schwimmer, der die gesamte Donau durchmaß. Oder von jenen ganzen 460 Metern Donauufer, die zur Republik Moldau gehören und dort für einen Hafen genutzt werden. Oder von ukrainischen Altgläubigen, die sich im Schilf des Deltas zum Gebet treffen. Äußerst lesenswert!

Joseph Gepp

Duygu Özkan, Jutta Sommerbauer: Donau. Vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer. Picus, 132 S., € 14,90

Duygu Özkan, Jutta Sommerbauer: Donau. Vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer. Picus, 132 S., € 14,90

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Buch: Protokoll eines Psychokriegs

Aus dem FALTER 50-52/2013

Hoffentlich findet sich einmal ein talentierter Filmemacher, der sich der Vorgänge im Salzburger Budgetreferat in den vergangenen Jahren annimmt. Denn dieses Material offenbart die Abgründe der modernen Finanzwelt ebenso wie viel allzu Menschliches – perfekter Stoff für einen Thriller.

Der neueste Beitrag zum Puzzle ist das Buch von Monika Rathgeber. Diese Lektüre muss man freilich mit Vorsicht genießen. Die vormalige Landesbeamtin, die man für hohe Spekulationsverluste verantwortlich gemacht hat, sieht sich selbst als Märtyrerin und Mobbingopfer. Zu Verlusten sei es nur gekommen, weil ihre angeblich erfolgreichen Geschäfte von ihren Nachfolgern hektisch aufgelöst worden seien. Rathgeber habe erst in dieser Schlussphase Deals verheimlicht und Weisungen missachtet, behauptet sie – und zwar aus gutem Grund, wollte sie doch das Fortdauern der „systematischen Geldvernichtung“ verhindern.

Wie es zum riesigen „Schattenportfolio“ außerhalb der Landesbuchhaltung kam, das kein Experte jemals anzweifelte – das erklärt Rathgeber nicht. Trotzdem ist das Buch eine hochspannende Lektüre.

Joseph Gepp

Was ist ein Salzburg geschehen? Reportage vom Jänner 2013

Monika Rathgeber: Am System zerbrochen. Aumayer, 250 S., € 16,50

Monika Rathgeber: Am System zerbrochen. Aumayer, 250 S., € 16,50

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Die energetische Schlacht

Aus dem FALTER 50/2013

Die Energiewende ist in Verruf geraten: Sie verteuere den Strom unnötig, heißt es – und führe zu massiven Investitionen in Geschäftsfelder, die ohnehin nicht zukunftsfähig seien. Solchen Argumenten setzt die deutsche Umweltökonomin Claudia Kemfert ein wortgewaltiges Pamphlet entgegen: „Kampf um Strom“ seziert die Parolen der Gegner der Energiewende, setzt Sachverhalte auseinander und trifft die Unterscheidungen, die man braucht, um die Sachlage zu verstehen. Rechnet man Folgekosten ein, dann sei fossile Energie nicht billiger als erneuerbare, lautet eine Kernthese Kemferts. Und: Kaum etwas hat sich zur Umsetzung der Energiewende als so brauchbar erwiesen wie das – ebenso geliebte wie verdammte – deutsche Erneuerbare-Energie-Gesetz.

Joseph Gepp

Claudia Kemfert: Kampf um Strom. Murmann, 144 S., € 17,30

Claudia Kemfert: Kampf um Strom. Murmann, 144 S., € 17,30

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Das oberste Promille und seine Eigenschaften

Aus dem FALTER 43/2013

Von protzig bis pseudo-egalitär: Die kanadische Journalistin Chrystia Freeland hat sich in der Welt der Superreichen umgesehen

Rezension: Joseph Gepp

Manch einer kann sich vielleicht noch an das Schlagwort aus den 1990ern vom „Global Village“ erinnern. Zu diesem wachse die Welt angesichts der digitalen Revolution angeblich zusammen.

Heute ist das Global Village Wirklichkeit geworden – aber anders als erwartet. Seine Hauptstraßen liegen im Zentrum Londons oder Mumbais, seine Ausbildungsstätten in Harvard oder Cambridge, und den schönsten Ausblick hat man im Schweizer Davos. Immer stärker formiert sich ein Dorf der Milliardäre, eine „transglobale Gemeinde von Gleichen, die mehr miteinander als mit ihren Landsleuten zu Hause gemein hat“, schreibt Chrystia Freeland.

Die kanadische Wirtschaftsjournalistin hat sich in dem abgezirkelten Dorf auf bislang einzigartige Weise umgesehen. Ihr vielfach prämiertes, neues Buch verbindet ökonomische und soziologische Hintergründe mit konkretem Anschauungsmaterial und Interviews aus der Parallelwelt der Superreichen – und dies äußerst gelungen.

Freeland lässt dabei glücklicherweise die üblichen Muster der Reichendebatte außer Acht: Weder gibt sie sich klassenkämpferisch-polemisch noch kommen die Reichen als Helden des Kapitalismus daher, deren Wohlstand uns allen am Herzen liegen muss, weil er sicherlich noch auf die Normalbürger heruntertröpfeln wird.

Eine neue globale Kaste

Stattdessen konstatiert Freeland nüchtern: An der Spitze der Gesellschaft findet eine Reichtumskonzentration wie zuletzt in den 1920ern statt – im Westen ebenso wie in Russland, China oder Indien. Nie zuvor wurden so riesige Vermögenswerte in so kurzer Zeit in private Hände transferiert. „Wer je daran zweifelt, welche Macht eine Idee entfalten kann, sollte den erstaunlichen, ohne Blutvergießen errungenen Sieg des neoliberalen Denkens und seine konkreten Auswirkungen betrachten.“

Kurios daran: Innerhalb des reichsten Prozents ist die Vermögensungleichheit nicht kleiner als innerhalb der gesamten Gesellschaft. Nicht das oberste Prozent ist also der wahre Gewinner, sondern das oberste Promille. Dieses nimmt sich Freeland abseits aller Mythen vor – und offenbart dabei verblüffende Merkmale.

So sind die wahrhaft Reichen keine Angestellten, sondern Selbstständige – und dies vor allem im Finanzsektor. Die fünf obersten Hedgefonds-Investoren etwa verdienten 2004 zusammen mehr als alle Vorstände der 500 wichtigsten US-Unternehmen.

Auch stammen die neuen Plutokraten nicht etwa aus der Mitte der traditionell reichen Establishments ihrer Länder. Stattdessen kennzeichnet sie „die richtige Mischung aus Insidertum und Randständigkeit“. In den USA etwa erkannte niemand so rasch die Chancen von technischer Digitalisierung und finanzieller Deregulierung wie „die Harvard-Burschen mit Provinzschulbildung“, schreibt Freeland. Und in Russland schaffte es nicht etwa der Kern des vormals kommunistischen Kaders in die neue Oligarchie – sondern jene, „die nahe genug an den Hebeln der Macht waren, um den Übergang zur Marktwirtschaft zu ihrem Vorteil zu nutzen, aber weit genug davon entrückt, um zu verstehen, dass das alte Regime auseinanderbrach“.

Hinter der Fassade des Egalitären

Was bei all diesen faszinierenden Betrachtungen etwas zu kurz kommt, sind die strukturellen Vorbedingungen des Aufstiegs der Plutokraten. Was war die Ursache? Das schwache Wirtschaftswachstum? Oder die angeblich ineffizienten verstaatlichten Industrien? Diese Fragen bleiben bei Freeland außen vor. Dafür beschreibt sie meisterhaft, wie die Reichen – einmal einflussreich geworden – laufend mehr Macht erringen.

Dazu nutzen sie einerseits „legale Korruption“, etwa wenn sie sich in den USA in Gesetzgebungsprozesse einkaufen. Und andererseits das, was Freeland „die kognitive Kaperung des Staates“ nennt. Also die nachhaltige öffentliche Verankerung jener Mär, wonach mehr Privilegien für Reiche letztlich allen Bürgern nutzen.

Und noch eine Tendenz arbeitet Freeland heraus: Gerade in der westlichen Technikelite verbirgt sich der Reichtum gern hinter einer egalitären Fassade und Betriebskultur. So sind im kalifornischen Silicon Valley Limousinen und Chauffeure verpönt, erzählt Ex-Google-Chef Eric Schmidt, der geschätzte 4,6 Milliarden Euro besitzt.

An einem Privatjet hingegen findet niemand etwas Verwerfliches. Und wenn Eric Schmidt gerade nicht da ist, dann dürfen die Untergebenen sein kleines Büro im Google-Gebäude mitbenutzen.

Chrystia Freeland: Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft       einer neuen globalen Geldelite. Westend Verlag, 368 S., € 23,70

Chrystia Freeland: Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft
einer neuen globalen Geldelite. Westend Verlag, 368 S., € 23,70

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Im Land der Angefressenen

Aus dem FALTER 42/2013

Schlechtes System, blöde Politiker, totaler Stillstand: Immer mehr Menschen sind wütend über die Zustände in Österreich. Zu Recht?

Annäherung: Joseph Gepp

Ein Gefühl schleicht durch Österreich. Es ist schwer fassbar, blitzt aber immer wieder auf. In Fernsehbeiträgen. In Zeitungsartikeln. Abends in einer Runde beim Bier. Das Gefühl ist Wut.

Zum Beispiel im Falter, vor wenigen Wochen. Da kam das Gefühl besonders stark zum Vorschein. Vier junge Intellektuelle erzählten vor der Nationalratswahl, wie sie zu Österreich stehen und was sie sich von der Gesellschaft erwarten. Die Befunde waren verheerend: Wer sie las, wähnte sich passagenweise in einem Land am Rand des sozialen Zusammenbruchs. Die politische Situation sei nur noch „zum Weinen“, sagte einer der Diskutanten. Die Politiker: allesamt „lächerlich“. Als „pervers“ bezeichnete eine Befragte das Parteiensystem. „Ich hoffe, dass meine Enkel es einmal im Fach Geschichte und nicht im Fach Politische Bildung lernen werden.“

Mit dieser Wut stehen die jungen Intellektuellen bei weitem nicht allein da. Worte wie ihre hört man oft, vielleicht immer öfter. Eine diffuse Wut greift um sich. Eine Fundamentalkritik an Politik und Staat. Ein tiefer Pessimismus. Eine eher unbestimmte, aber heftige Sehnsucht nach Aufbruch und Erneuerung.

Wohlgemerkt, diese Geschichte handelt nicht vom wütenden Ressentiment vieler FPÖ-Wähler. Die Fremdenfeindlichkeit und Verschwörungstheorien der sogenannten Modernisierungsverlierer sind eine andere Sache. Träger der Wut, um die es hier geht, ist vielmehr eine urbane, oft junge Bildungsschicht mit Abstiegsängsten. Sie fürchtet, es einmal nicht mehr so gut zu haben wie einst ihre Eltern.

Neben ihrer ständigen Klage über die blöden Politiker empört sie sich gern über das angeblich so primitive Debattenniveau in Österreich – und verweist auf die Zustände in Deutschland als leuchtendes Gegenbeispiel. Außerdem erbost sie kaum etwas so sehr wie die berühmten, halbgaren „österreichischen Lösungen“, die dem Staat angeblich schaden. Stimmt das alles? Ist die Wut gerechtfertigt?

Quantifizieren oder messen lässt sich die Grundstimmung jedenfalls nur schwer. Einzig Umfragen über die Politikverdrossenheit geben Aufschluss darüber. So erhob das Meinungsforschungsinstitut OGM im Vorjahr, dass bei fast drei Vierteln der Österreicher das Vertrauen in die Politik in den vergangenen fünf Jahren zurückgegangen sei. 57 Prozent halten das derzeitige System sogar für „unreformierbar“. Ursache für den Pessimismus: der vielzitierte „Stillstand“.

Dieser allgemeine Negativbefund wirkt sich massiv auf die politische Machtverteilung im Land aus: Mit 74,91 Prozent war die Wahlbeteiligung bei der vergangenen Nationalratswahl – wiewohl im internationalen Vergleich immer noch hoch – die niedrigste seit 1945. Auch die jungen Neos verdanken ihren Wahlsieg wohl zum Großteil ihrem Ruf nach Systemerneuerung; die Hälfte ihrer Wähler nannte „Protest“ als Wahlmotiv. Und jetzt, wo dem Land erneut eine große Koalition ins Haus steht, erreicht die Klage über den gefühlten Stillstand in Medien und Öffentlichkeit wieder einen neuen furiosen Höhepunkt.

Wer verstehen will, wie es in Österreich tatsächlich aussieht, der muss die Gefühlsebene verlassen. Natürlich gibt es einen Reformstau in wichtigen Bereichen. Ärger ist gerechtfertigt, wenn es etwa um Österreichs unfaires Bildungswesen geht. Oder um undurchsichtige Verwaltungsabläufe. Um Klüngeleien, die Korruption begünstigen. Um die opportunistische, visionslose Europapolitik. Oder um die mangelnde Gleichstellung von Männern und Frauen.

Wenn man aber auf die Zahlen blickt, die beschreiben, wie gut es dem durchschnittlichen Österreicher geht und wie sich sein Wohlstand entwickelt – dann sieht die Sache anders aus. Diese Indikatoren sind etwa das Realeinkommen, die Arbeitslosenrate oder die Anzahl von Armutsgefährdeten, Teilzeitarbeitern und Working Poor. All diese Kennzahlen ergeben, mehr oder weniger, ein stimmiges Gesamtbild: Die Situation verschlechtert sich zwar allmählich. Aber sie ist immer noch sehr gut. Vor allem wenn man von außen auf Österreich blickt. Immerhin herrscht gerade die schwerste Wirtschaftskrise seit 1929.

Zum Beispiel das reale Einkommen eines durchschnittlichen unselbstständig Erwerbstätigen in Österreich. Dabei handelt es sich um rund vier Millionen Menschen. Wenn man die Inflation und Veränderungen am Arbeitsmarkt einberechnet, dann sank es laut Einkommensbericht des Rechnungshofs zwischen 1998 und 2011 um vier Prozent. Das ist deutlich weniger als in anderen Staaten. Dort brechen die Realeinkommen seit Ausbruch der Krise teils jedes Jahr um einige Prozentpunkte ein.

Oder die Arbeitslosenquote in Österreich. Sie hat sich seit dem Jahr 2000 nicht wesentlich verändert, trotz Krise. Derzeit beträgt sie 4,7 Prozent der Erwerbsfähigen. Das ist Platz eins in der EU. In Südeuropa liegt sie bei bis zu 27 Prozent. Selbst im boomenden Deutschland ist ein halbes Prozent mehr Menschen arbeitslos als hier.

Auch der Prozentsatz der Working Poor
liegt im vielgelobten Deutschland fast doppelt so hoch wie in Österreich, seit SPD-Kanzler Gerhard Schröder vor einem Jahrzehnt mit seinem Hartz-IV-Programm rigorose Arbeitsmarktreformen durchsetzte. Hierzulande gelten laut Sozialministerium und Statistik Austria rund vier Prozent der Menschen als trotz ihrer Erwerbstätigkeit arm – das ist drittbester Wert in Europa. Auch wuchs die Zahl der armutsgefährdeten Österreicher in den Krisenjahren nicht, sondern ging leicht zurück. Und was Teilzeitarbeit und Prekariat betrifft, hält ein Bericht der Statistik Austria fest: „Es kann in Österreich von keiner eindeutigen strukturellen Verschiebung in Richtung Atypisierung gesprochen werden.“

Charakterkopf: Der österreichisch-deutsche Barockbildhauer Franz X. Messerschmidt (1763–1783) stellte menschliche Emotionen dar – auch die Wut. Er arbeitete in Wien unter Maria Theresia. 16 seiner Büsten sind im Unteren Belvedere zu sehen

Charakterkopf: Der österreichisch-deutsche Barockbildhauer Franz X. Messerschmidt (1763–1783) stellte menschliche Emotionen dar – auch die Wut. Er arbeitete in Wien unter Maria Theresia. 16 seiner Büsten sind im Unteren Belvedere zu sehen

Was sagen all diese Zahlen? Natürlich veranlassen sie nicht zu Optimismus. Der normale Österreicher – einer, der mit einer unselbstständigen Beschäftigung ein durchschnittliches Einkommen von 24.843 Euro brutto im Jahr hat – scheint den Zenit seines Wohlstands überschritten zu haben. Auch hierzulande entkommt man nicht einem mächtigen internationalen Trend, den die kanadische Journalistin Chrystia Freeland als die „neue Gründerzeit“ bezeichnet: der massiven Macht- und Kapitalumverteilung von Staaten hin zu einer übernationalen, global tätigen Elite. Allerdings – und das ist entscheidend: Bislang hält Österreich bemerkenswert gut dagegen.

Hierzulande wächst die Anzahl der Armen nicht
– im restlichen Europa hingegen stieg laut Rotem Kreuz seit 2009 die Anzahl jener, die auf Nahrungsmittelspenden angewiesen sind, um drei Viertel. Hierzulande gibt es keine Massenentlassungen; kaum etwas an Infrastruktur verfällt; der soziale Frieden bleibt gewahrt. Für all das sorgten politische Unterfangen wie Kurzarbeit, staatliche Investitionen gegen die Krise oder breite Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit, etwa Ausbildungsgarantien. Freilich: Dass solche Aktionen überhaupt möglich waren, liegt weniger an der Brillanz der heimischen Regierungen – sondern am strukturellen Umfeld.

Im Gegensatz zu Ländern wie Spanien oder Griechenland hat Österreich noch Spielraum zum Investieren, ja generell zum politischen Handeln. Die enge Verflechtung mit Deutschland stimuliert die Wirtschaft. Für Stabilität sorgen zudem die Sozialpartnerschaft und ein starker betrieblicher Mittelstand, der nicht auf jede Zuckung der Märkte mit Panik reagiert. All das führt dazu, dass die Österreicher die Wirtschaftskrise im Alltag bislang kaum spüren. In Rankings und internationalen Medien wie Foreign Policy gilt das Land deshalb als Vorbild. Österreich – das ist das Land, in dem es die Krise nicht gibt.

Fazit: Trotz berechtigter Zukunftssorge,
trotz legitimen Nachdenkens über Reformen ist erbitterte Fundamentalkritik am heimischen System nicht angebracht. Hemmungsloses Schimpfen über den totalen Stillstand und dumme Politiker? Nein, so schlecht waren Österreich und seine politische Kaste bislang wahrlich nicht.

Im Gegenteil, vielleicht hat die heimische Reformunwilligkeit sogar ein wenig dazu beigetragen, dass die Lage heute besser ist als anderswo. Denn all jene Staaten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten massive Reformen verordneten – die also genau das taten, was so viele Österreicher herbeisehnen -, sind heute mit bestenfalls durchwachsenen Resultaten konfrontiert. Meistens gingen die Veränderungen auf Kosten der Mittelschicht und des breiten Wohlstands. Das zeigt sich etwa, so unterschiedlich die einzelnen Reformen auch waren, an Gerhard Schröders Deutschland, an Margaret Thatchers Großbritannien, an den USA unter Reagan und Clinton oder an den Staaten Südeuropas, denen Troika und EU Sparmaßnahmen aufzwingen. Hierzulande hingegen wurde keine Eisenbahn privatisiert und wurden keine Langzeitarbeitslosen mit Minijobs abgespeist. Die vielgeschmähten, halbgaren „österreichischen Lösungen“ – vielleicht sind sie ja besser als ihr Ruf.

Bleibt zuletzt eine Frage: Wenn die Situation in Österreich besser ist als angenommen – woher kommt dann die pessimistische Grundstimmung? Nun, hier gibt es zwei mögliche Antworten: eine österreichische und eine europäische.

Die österreichische hat mit der spezifischen Geschichte dieses Landes seit Kriegsende 1945 zu tun. Über drei Jahrzehnte lang lebte das offizielle Österreich danach mit der Illusion, mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit nichts zu tun zu haben. Man richtete es sich in einem spießigen Biedermeier ein – bis in den 1980er-Jahren das Stillschweigeabkommen aufbrach. Rund um die Waldheim-Affäre entspann sich eine bissige Debatte, in der die Identität des Landes auseinandergenommen wurde. Es war, wenn man so will, eine Art Selbsttherapie. Lügen verloren ihre Maske. Die Selbstbeschimpfung wurde zur Königsdisziplin im Kulturbetrieb. Thomas Bernhard porträtierte die degenerierten österreichischen Provinzler; Elfriede Jelinek beschrieb die seelischen Abgründe der Wiener Bürger; die sogenannte Anti-Heimat-Literatur gilt bis heute als nationales Spezifikum. Seitdem redet auch manch kritischer Intellektuelle gern wie Bernhard und Jelinek. Allerdings: Inzwischen hat sich der Diskurs von seinem Ursprung, der Entlarvung von Lebenslügen, entkoppelt. Ausgerechnet das, was einst der Gesellschaft aus dem Sumpf heraushalf, hat sich heute verselbstständigt und ist zur zwecklosen Gewohnheit geworden.

Und die europäische Antwort?
Die hängt mit der Krise zusammen. In dieser wird der Österreicher wohl mehr zum Europäer. Er hat Ängste und Sorgen der anderen Bevölkerungen übernommen. In deren sozialen Verwerfungen sieht er seine eigene Zukunft. Am Horizont merkt er bedrohlich den Wandel herannahen. Und die Schuld an all dem gibt er dann denen, die immer schon für alles verantwortlich waren: den wohlbekannten, nationalstaatlichen Politikern.

Buchtipps
Was prägt(e) unser Bild des Staates? Wie geht es national und international weiter? Einige Leseempfehlungen
Erwin Ringel: Die österreichische Seele. Kremayr & Scheriau, € 19,90
Chrystia Freeland: Die Superreichen.Westend, 368 S., € 23,70
Manfried Rauchensteiner: Der Erste Weltkrieg. Böhlau, 1222 S., € 45
Armin Thurnher: Republik ohne Würde. Zsolnay, 304 S., € 17,90
Petra Dobner: Bald Phoenix – bald Asche. Wagenbach, 96 S., € 9,90


:: „Dass niemand ganz bekommt, was er gern hätte, liegt im Wesen des Staates“

Wie stehen Bürger zum Staat? Wie entwickelt sich das Verhältnis? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die deutsche Politologin Petra Dobner von der Universität Halle. Dobner plädiert für einen „kritischen Etatismus“ der Bürger.

Falter: Frau Dobner, schimpfen die Deutschen auch so viel auf Staat und Politiker wie die Österreicher?

Petra Dobner: Ich glaube schon. Jedenfalls gibt es auch in Deutschland eine Grundhaltung, „die da oben“ für doof zu halten. Das betrifft aber nicht nur die Regierenden, es ist mehr eine generelle Tendenz.

Woher kommt diese Haltung?

Dobner: Zum einen gab es immer schon eine kritische Haltung gegenüber Staat und Politik. Man hält sich im weitesten Sinn für unterdrückt und meint, dass sich die Herrschenden nur bereichern. Andererseits glaube ich aber, dass sich die Lage verschärft.

Warum?

Dobner: Das hat meiner Ansicht nach mit dem zu tun, was wir sehr allgemein als „Neoliberalismus“ bezeichnen. Mit dessen Vordringen geschah eine Wende. Dem üblichen Gemurre über den Staat steht keine gesellschaftliche Kraft mehr gegenüber, die sagt: „Wir brauchen den Staat.“ Jetzt beginnen stattdessen alle, an ihm zu zweifeln.

Brauchen wir denn den Staat überhaupt noch, oder leben wir schon in einem postnationalen Zeitalter?

Dobner: Der Staat ist immer noch die unmittelbarste Form politischer Selbstbestimmung. Er fängt die sozialen und wirtschaftlichen Gefahren des globalen Kapitalismus ab und kanalisiert dessen Herausforderungen und Zumutungen. Wie unverzichtbar er ist, zeigt gerade die Finanz- und Wirtschaftskrise. Ich halte es für eine gefährliche Tendenz, die Gestaltungsmacht des Staates mit der pauschalen Behauptung zu bestreiten, dass die Geschichte ihn überholt hat.

Wird der Staat die Leistungen, die er anbietet, in die Zukunft retten können?

Petra Dobner, Politologin an der Universität Halle in Sachsen-Anhalt, befasst sich mit dem Verhältnis von Staat und privat. Ihr jüngstes Buch handelt von Wasserprivatisierungen

Petra Dobner, Politologin an der Universität Halle in Sachsen-Anhalt, befasst sich mit dem Verhältnis von Staat und
privat. Ihr jüngstes Buch handelt von Wasserprivatisierungen

Dobner: Das kann man derzeit nicht sagen, weil es davon abhängt, ob der Staat seine finanzielle Leistungsfähigkeit wiederherzustellen vermag. Jedenfalls aber liegt in dieser Frage auch ein Dilemma begründet, das unsere Sichtweise auf den Staat prägt. Historisch gesehen hat sich der Staat vom Rechtsstaat, der nur Spielregeln vorgibt, zum Leistungsstaat entwickelt. In dem Maß steigen auch die Ansprüche. Man will nun nicht mehr nur sicher leben, man will auch Bildung, soziale Versorgung und Ähnliches. Je höher die Ansprüche, desto mehr materielle Ressourcen benötigt der Staat. Wenn er jedoch an seine Grenze stößt, wächst das Misstrauen der Bürger. Schließlich spüren sie als Erstes, wenn irgendwo das Schwimmbad zusperrt oder die Gebühren in die Höhe schießen.

Wie könnte man diesen Kreis durchbrechen?

Dobner: Man könnte zumindest das Wissen über Systemlogiken stärken. Ich glaube, hier gibt es einen Mangel bei den Bürgern. Nicht nur der Staat hat eine Bringschuld. Auch der Bürger muss erkennen, dass Politik von Kompromissen lebt. Dass niemand voll und ganz bekommt, was er gern hätte, liegt im Wesen des Staates.

Und wie könnte man das vermitteln?

Dobner: Durch Dagegenhalten auf individueller Ebene. Im Grunde sprechen wir hier von klassischer Aufklärung. Es geht darum, nicht in billigen Unmut und billige Politikerschelte einzustimmen. Stattdessen soll man aufzeigen, wie die Dinge tatsächlich sind. Zum Beispiel bei den Politikergehältern. Diese werden immer wieder unendlich dramatisiert. Dabei stimmt es gar nicht, dass Politiker so gut verdienen. Solche Dinge muss man aber auch sagen.

:: „So kann es nicht weitergehen“: wie vor 1914 Endzeitstimmung um sich griff
Schon einmal machte sich eine gewisse Endzeitstimmung in der Bevölkerung breit. Das war am Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Periode endete mit einem Ereignis, das sich demnächst zum 100. Mal jährt: dem Attentat auf den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo am 28. Juni 1914 – mit allen bekannten Folgen.

Wie sah die Stimmung in den Jahren vor 1914 aus? Und kann man daraus irgendetwas für heute lernen?

Es war eine Zeit, „in der gerade in den intellektuellen Kreisen die Meinung vorherrschte: So kann es nicht weitergehen, es muss etwas geschehen“, erklärt Manfried Rauchensteiner, Historiker, Buchautor und Ex-Direktor des Wiener Heeresgeschichtlichen Museums. „Es krachte an allen Ecken und Enden.“ In Österreich wie auch in Ungarn kamen keine Budgets mehr zustande, zudem waren die Landeshaushalte in Unordnung. Im Abgeordnetenhaus des Reichsrats beflegelten sich Vertreter verschiedener Nationalitäten weit heftiger, als man es von heutigen Parlamentariern kennt. Die Konflikte waren durchwegs vom kompromisslosen Beharren auf eigenen Interessen geprägt – und gingen so weit, dass das Parlament im März 1914 sogar sistiert wurde.

„Als dann die Kriegserklärung an Serbien erfolgte, lautete der allgemeine Tenor: Jetzt sind wir endlich an dem Punkt, an dem das Alte überwunden wird“, sagt Rauchensteiner. Selbst ansonsten Friedliebende jubelten damals. So meinte Sigmund Freud, er sei nach Jahrzehnten endlich wieder stolz, Österreicher zu sein.

Die Erleichterung über das Ende des Alten erfasste mehr Bevölkerungsschichten als nur das Bürgertum. Auch die heimische Sozialdemokratie sprach sich in ihren Beschlüssen zwar nicht für den Angriffs-, aber doch für den Verteidigungskrieg aus. Der spätere russische Revolutionär Leo Trotzki, der sich 1914 in Wien aufhielt, notierte, er habe noch nie so viele Arbeiter auf der Ringstraße gesehen – dort hatten sie sich vor lauter Begeisterung über den Kriegsbeginn eingefunden.

Zwar hielt man vor allem in Deutschland und Frankreich den eigenen Staat für weniger kaputt als in Österreich-Ungarn. Dafür verband sich dort das Bewusstsein neuer Stärke mit der Sorge, ebendiese wieder an Konkurrenzmächte zu verlieren. Und so stand dem Weltkrieg nichts mehr im Wege.

Sein letzter Weg: Franz Ferdinand und seine Gattin auf Besuch in Sarajevo im Juni 1914

Sein letzter Weg: Franz Ferdinand und seine Gattin auf Besuch
in Sarajevo im Juni 1914

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„Wir müssen alle Kapitalisten werden“

Aus dem FALTER 41/2013

Was hilft gegen den Kapitalismus? Noch mehr Kapitalismus, sagt der Essayist Wolf Lotter

Interview: Joseph Gepp

Die einzige Alternative zum Kapitalismus sei „Unmündigkeit und Ohmacht“, schreibt Wolf Lotter. Wer das nicht einsieht, ignoriere die ständigen Verheerungen alter, vorkapitalistischer Zeiten – und den Fortschritt, der seit zwei Jahrhunderten zur Geld- und Marktwirtschaft führt. In einem neuen Buch fordert Lotter die Versöhnung der Gesellschaft mit dem Kapitalismus. Wobei – ganz in Ordnung ist er dann doch nicht: Ein neuer, wissensbasierter „Zivilkapitalismus“ müsse den alten, elitären „Industriekapitalismus“ ablösen.

Falter: Herr Lotter, was läuft schief im Kapitalismus?

Wolf Lotter: Schief läuft seine derzeitige Machart. Und ihre Protagonisten, die sich für Kapitalisten halten, sind gar keine.

Was sind sie sonst?

Lotter: Leitende Angestellte und Untergebene. Wir haben einen bürokratischen Managerkapitalismus ohne unternehmerisches Risiko. Moderne Kapitalisten übernehmen nur Organisationen und üben Macht aus.

Muss die Welt kapitalistischer werden, um den Managerkapitalismus zu überwinden?

Lotter: Ja, wir müssen alle Kapitalisten werden – in dem Sinn, dass wir verstehen, wie unsere Ökonomie funktioniert. Nur dann können wir den Kapitalismus als Werkzeug für unsere Befreiung und Emanzipation benutzen. In der Geschichte der Aufklärung haben wir viele mentale Türen aufgemacht – aber die zur Ökonomie blieb immer zu. Viele sagen sich lieber: Das System ist schlecht. Das ist gemütlich, ändert aber nichts.

Wie soll ein neuer Kapitalismus ausschauen, der die richtige Balance zwischen Freiheit und Sicherheit findet und die Menschen nicht entmündigt?

Lotter: Entscheidend ist, dass möglichst viele Menschen an ihm teilnehmen. Nur so kann eine Machtkonzentration an der Spitze vermieden werden, was immer zu Verwerfungen und Enttäuschungen führt. Man muss Leute aus materieller Abhängigkeit befreien und ihnen ökonomische Freiheit geben. Sie sollen Firmen, Genossenschaften und Kooperationen gründen – und sich aus dem Denken in Angestelltenverhältnissen lösen.

Bei solchen Worten denken viele Österreicher etwa ans teure Experiment der privaten Pensionsversicherungen. Osteuropäer denken wohl an die Verarmung nach der gnadenlosen Liberalisierung der 1990er-Jahre. Wie kann man verhindern, dass eine Elite das ständige Beschwören von unternehmerischer Freiheit einfach nutzt, um sich zu bereichern?

Wolf Lotter

Wolf Lotter


Lotter: Es gibt durchaus Sachen, die bei der öffentlichen Hand gut aufgehoben sind. Ein bedingungsloses Grundeinkommen zum Beispiel wirkt emanzipatorisch und schafft Unabhängigkeit. Es gibt allerdings auch Sachen, die gehören stärker in unsere eigene Initiative. Vor allem muss es möglich sein, für sich selbst tätig zu werden.

Ist Ihre Vorstellung von Kapitalismus mit unserem Sozialstaat vereinbar?

Lotter: Wir müssen grundsätzlich nachdenken, wie gut die industriekapitalistischen Strukturen, mit denen wir seit nunmehr 200 Jahren leben, noch passen. Wir verdanken ihnen viel Wohlstand, aber sie sind überholt. Deswegen müssen wir fragen: Was braucht eine Gesellschaft an Grundsicherung und sozialer Sicherheit? Wie können wir Leute ermächtigen, in einer Wissensökonomie ihre Probleme selbst zu lösen?

Wissensökonomie – noch so ein Schlagwort. Da denken viele an prekär beschäftigte Kreativarbeiter mit fünf Mini-Jobs.

Lotter: Das liegt an der Verfasstheit unserer derzeitigen Ökonomie. Auf einen Kreativen kommen neun andere Leute, die ihn administrieren. Die Kreativen steigen nur deshalb schlecht aus, weil unser System schlampig mit unserer wichtigsten Ressource, dem Wissen, umgeht. Der Ausweg ist, dass sich die Kreativen jene kapitalistischen Techniken und Fertigkeiten aneignen, die es braucht, um Strukturen und Organisationen zu verändern.

Was sind denn die Wissenslücken, die eine kapitalistische Entfaltung verhindern?

Lotter: Schauen Sie sich beispielsweise an, wie auf einer ganz alltäglichen Party in Wien über Wirtschaft geredet wird – da bekommt man für jedes Ressentiment Applaus. Und es ist absolut zulässig, wenn jemand prahlt, schlecht im Rechnen zu sein. Kapitalistische Fertigkeiten werden verachtet und lächerlich gemacht. Bis der Kreative zum Staat läuft und Subventionen will.

Wenn man Subventionen abschafft, überleben nur die harten, unfairen Spieler.

Lotter: Im Gegenteil. Subventionen verhindern, dass Leute mit Ideen zum Zug kommen. Die großen EU-Subventionen beispielsweise werden allein von Lobbygruppen und Parteien gesteuert – siehe Landwirtschaft. Das verhindert, dass sich auf den Märkten gute Lösungen durchsetzen. Oder im Bereich erneuerbare Energien – hier werden unökonomische und uninnovative Dinge massiv subventioniert.

Würde man erneuerbare Energien nicht subventionieren, dann würde wahrscheinlich der erstbeste Energiemulti das junge, ökologische Start-up aufkaufen – und es zusperren, bevor es zur Gefahr wird.

Lotter: Natürlich kann man eine Zeitlang in ein Projekt investieren, wenn es zukunfts-, aber noch nicht marktfähig ist. Aber man darf diesen Prozess nicht bürokratisieren und zu einer ständigen Einrichtung machen. Ich glaube durchaus, dass auch der freie Markt eine Energiewende hervorbringen könnte. Bei der Endlichkeit unserer Ressourcen müssen sich ja irgendwann auf dem Markt Lösungen finden. Sonst kommt es schlicht dazu, dass sich Leute Energie irgendwann nicht mehr leisten können.

Nehmen wir an, ein Land würde den Zivilkapitalismus einführen. Was soll als Erstes geschehen?


Lotter:
Zunächst würde es Gewerbefreiheit und eine Grundsicherung einführen. Dann das Subventionssystem rigoros durchforsten. Schließlich würde es entbürokratisieren – und zwar viel mehr die moderne Wirtschaft als die Politik.


Wolf Lotter, 51, ist Wirtschaftsautor und Leitartikler des deutschen Wirtschaftsmagazins Brand eins. Der gebürtige Steirer lebt heute nahe Hamburg. In den 1980er-Jahren schrieb er auch für den Falter

Wolf Lotter: Zivilkapitalismus. Wir können auch anders. Verlag Pantheon. 224 S., € 14,99

Wolf Lotter: Zivilkapitalismus. Wir können auch anders. Verlag Pantheon. 224 S., € 14,99

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Buchtipp: Gegen den Strom

Aus dem FALTER 41/2013

Schade, dass so wenige Wissenschaftler allgemeinverständliche Bücher darüber schreiben, was aus ihrer Fachperspektive in der Welt falsch läuft. Denn dann wäre die öffentliche Debatte um vieles reicher. Glücklicherweise gibt es immer wieder Ausnahmen – so wie die Politikwissenschaftlerin Petra Dobner, die ein kluges und hellsichtiges Essay zum Thema Wasser vorlegt.

Darin schildert sie nicht nur die desaströsen Auswirkungen der Privatisierung, die von EU und Weltbank forciert wird. Auch beschreibt Dobner einige faszinierende Lügen der ökologischen Debatte: So bringt Wassersparen im Haushalt viel weniger als allgemein angenommen. Besonders absurd wird es, wenn Menschen Leitungswasser einsparen und stattdessen mehr Flaschenwasser konsumieren – dieses ist gemeinhin nicht nur minderwertiger, sondern wegen des Plastiks auch viel umweltschädlicher.

Joseph Gepp

Petra Dobner: Quer zum Strom. Eine Streitschrift. Wagenbach, 96 S., € 14,90

Petra Dobner: Quer zum Strom. Eine Streitschrift. Wagenbach, 96 S., € 14,90

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Buch: Über Unglücksursachen

Aus dem FALTER 31/2013

Ob Kraftwerksausfälle. Umweltkatastrophen oder Zugsunglücke wie gerade in Spanien – das Procedere ist meist dasselbe: Wenn irgendwo ein schlimmer Unfall passiert, wird oft eine möglichst hochrangige Kommission beauftragt, die Ursache zu klären und das Vertrauen wiederherzustellen.

Einer solchen gehörte im Jahr 1986 auch der US-Physiknobelpreisträger Richard Feynman an. Es war jene Kommission, die im Auftrag von Präsident Ronald Reagan das Challenger-Unglück untersuchen sollte. Damals war ein Space Shuttle der Nasa kurz nach dem Start explodiert.

Feynman aber tat, was seine Auftraggeber gar nicht gern sahen: Er recherchierte wirklich. Und riskierte damit, die Nasa und US-Regierung in Misskredit zu bringen. Später verfasste Feynman einen Bericht, in dem er auf Dutzenden Seiten mit Ablenkungsmanövern, Mangelkommunikation und hohlem Expertentum abrechnet.

Der 1988 verstorbene Feynman lieferte damit eine geniale, schonungslose Innensicht, die viel über soziale Dynamiken erzählt – und übers Dagegensein. Die Ursache der Challenger-Katastrophe waren übrigens mangelhafte Dichtungsringe. JG

„Mr. Feynman geht nach Washington, um die Challenger-Katastrophe zu untersuchen.“ Aus: Richard Feynman: Kümmert Sie, was andere Leute denken? Piper, 256 S., € 10,30

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Buch: Ein Anwalt der Verwahrlosten

Aus dem FALTER 31/2013

Ein Anwalt der Verwahrlosten

Er begann als Wiener Volksschullehrer – und entwickelte sich zum Vordenker in der Frage, wie man mit problematischen Jugendlichen umgehen soll. August Aichhorn, gestorben 1949, wurde zu einem der wichtigsten Theoretiker der Erziehung im Roten Wien der Zwischenkriegszeit. Sigmund Freuds Psychoanalyse wollte Aichhorn in die Säle der Kinderheime und Gänge der Besserungsanstalten bringen. „Absolute Milde und Güte“ war dabei sein Credo. Man solle „nicht Anwalt der Gesellschaft, sondern Anwalt des Verwahrlosten“ sein.

Der vorliegende Band fasst – nach einer umfangreichen, sorgfältig ausgearbeiteten Biografie – zahlreiche Schriften Aichhorns zwischen 1923 und 1948 zusammen. Sie handeln allesamt von den Ansichten und Methoden des Erziehers und klingen, trotz ihres Alters, bisweilen viel moderner als das, was heute manch Politiker von sich gibt – zum Beispiel in Sachen Jugendstrafvollzug.

Thomas Aichhorn (Hg.): August Aichhorn. Pionier der psychoanalytischen Sozialarbeit. Löcker, 160 S., € 19,80

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