Archiv der Kategorie: Bücher

Buch: Das Handwerk der Blitzbuben

Aus dem FALTER 45/2014

Rezension: Joseph Gepp

Es ist paradox: In der Phase seiner größten Mobilität und Entgrenzung wird der moderne Finanzkapitalismus wieder ganz lokal und räumlich. Dies verdeutlicht der US-Wirtschaftsjournalist Michael Lewis in seinem grandiosen Buch „Flash Boys“.

Es handelt vom US-Hochfrequenzhandel, der inzwischen rund die Hälfte des amerikanischen Börsenhandels ausmachen dürfte. Die Funktionsweise, vereinfacht gesagt: Wenn jeden Tag Millionen Kauforder an US-Börsen übermittelt werden, fangen Superrechner moderner Finanzfirmen diese ab, bevor sie ihr Ziel erreichen. Die Flash-Trader tätigen blitzschnelle Transaktionen, manipulieren Preise und lukrieren minimale Profite. Die Geschäfte dauern kürzer als ein Wimpernschlag und verhelfen den Hochfrequenzhändlern in Summe – völlig risikofrei – zu riesigen Gewinnen.

Lewis beschreibt dieses System als eine Art digitale Wegelagerei. Der Trader muss seine Kabel und Rechner nur an der richtigen Stelle platzieren, idealerweise nah an großen Börsenrechnern. Es geht um die Geschwindigkeit, mit der Signale durch Kabel schießen. Deshalb entscheiden bei den Flash-Tradern kleine Ortsunterschiede über Milliardengewinne.

Eingebettet ist „Flash Boys“ in die wahre Geschichte des kanadischen Bankers Brad Katsuyama, der mit Computerprogrammen und gar der Gründung einer eigenen Börse gegen den Hochfrequenzhandel kämpfen will. Wenn man ein Buch über den modernen Kapitalismus lesen will, sollte es dieses sein.

Michael Lewis: Flash Boys. Revolte an der Wall Steet. Campus, 288 S., € 25,70

Michael Lewis: Flash Boys. Revolte an der Wall Steet. Campus, 288 S., € 25,70

Werbeanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Wirtschaft

Buch: Ein besseres Leben?

Aus dem FALTER 43/2014

Rezension: Joseph Gepp

Seit Ende des vergangenen Jahrhunderts die Postwachstums-Bewegung entstanden ist, zieht sie immer mehr Menschen in ihren Bann. Dieses Büchlein liefert einen Überblick über die wachstumskritische Szene, ihre Protagonisten und Positionen. Dabei geht Autorin Barbara Muraca, eine deutsche Philosophin, durchaus kritisch vor und nennt auch jene fragwürdigen Tendenzen, wo die Wachstumskritik in Richtung Rechtspopulismus oder gar Neofaschismus abdriftet.

Einen Aspekt jedoch lässt Muraca weitgehend außer Acht – genauso wie andere Theoretiker der noch jungen Degrowth-Bewegung: Wie genau könnte eine sogenannte „stationäre Wirtschaft“ funktionieren, die genug Anreize für Produktion und Konsum liefert und zugleich nicht zu ständigen Produktivitätsforschritten verdammt ist – also zu ständigem Wachstum? Diese Kernfrage der Wachstumskritik bleibt unbehandelt. Und damit gerät dieses Buch etwas zu sehr zur Nabelschau. J

Barbara Muraca: Gut leben. Wagenbach, 96 S., € 10,20

Barbara Muraca: Gut leben. Wagenbach, 96 S., € 10,20

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Wirtschaft

Buch: In der Geiselhaft der Banken

Aus dem FALTER 43/2014

Rezension: Joseph Gepp

Bücher über Zustand und Zukunft der Bankenwelt gibt es seit der Lehman-Pleite 2008 genug. Bücher dazu aus Österreich gibt es kaum. Jetzt legt Esther Mitterstieler, Ex-Chefin des Wirtschaftsblatts, eines vor.

Kurzweilig und gut lesbar behandelt das Werk all die Probleme, die zur Bankenkrise führten, vom mangelnden Eigenkapital bis hin zur institutionellen Vermischung vom Handel im Auftrag der Kunden und jenem der eigenen Bank. Dazu gesellen sich die jeweiligen, bislang unbefriedigenden Lösungsansätze in Europa und den USA.

Was das Buch darüber hinaus von anderen zum Thema unterscheidet, ist jedoch der Fokus auf Mitteleuropa. Immer wieder befasst sich Mitterstieler eingehend mit der Schweizer UBS, deutschen Landesbanken sowie der österreichischen Hypo Alpe Adria. Die Causa Hypo zum Beispiel betrachtete die Autorin auf diese Weise im Kontext der Entwicklung der internationalen Bankenwelt – und erklärt sie ein Stück weit aus ihr heraus. Fazit: ein lesenswerter Blick über den Tellerrand der heimischen Skandalberichterstattung.

 Esther Mitterstieler: Stoppt die Banken. Braumüller, 190 S., € 21,90


Esther Mitterstieler: Stoppt die Banken. Braumüller, 190 S., € 21,90

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Wirtschaft

Die Geschichte von Anker

Aus dem FALTER 36/2014

Nur wenige, die sich in der Früh beim Anker ein Weckerl kaufen, ahnen: Sie betreten quasi historischen Boden.

Die Ankerbrotfabrik in Favoriten zählte einst zu den größten ihrer Art in Europa; die Pferdewägen, die das Brot in die Stadt brachten, hatten den Status von Wahrzeichen. Im Jahr 2011, zum 120-jährigen Bestehen der Bäckerei, zeichneten Christian Rapp und Markus Kristan in einem Buch die Geschichte der Großbäckerei nach.

Es enthält nicht nur eine fundierte Historie des Unternehmens, sondern auch zahlreiche alte Werbesujets sowie Bilder und Pläne vom alten Fabriksgebäude, in dem sich heute teilweise Lofts befinden. Ein kaum beachtetes und faszinierende Stück Stadtgeschichte in Buchform. JG

Markus Kristan, Christian Rapp: Ankerbrot. Die Geschichte einer großen Bäckerei. Brandstätter Verlag. Antiquarisch erhältlich

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Stadtgeschichte

Die Frage nach der Legitimation

Aus dem FALTER 36/2014

Rezension: Joseph Gepp

Ist unser politisches System ausreichend demokratisch legitimiert? Daran bestehen angesichts der „Inter-und Supranationalisierung politischer Herrschaft und der Zerfaserung des Verfassungsstaats“ Zweifel, schreibt der Jurist Florian Meinel in der deutschen Intellektuellenzeitschrift Merkur. In einem Essay seziert Meinel die europäische Legitimitätskrise und ihre Auswirkungen, die sich etwa in Sprüchen des deutschen Verfassungsgerichts manifestiert. Der Legitimationsdirkurs sei, so Meinel, ein Stück weit auch nur romantischer Ausdruck einer „Sehnsucht nach erlebbarer Politik“. Ein lesenswerter Essay.

Florian Meinel: Die Legalisierung der Legitimation. Aus: Merkur 9/2014,96 S., € 12,-

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher

Kampf um öffentliche Leistungen

Aus dem FALTER 36/2014

Rezension: Joseph Gepp

Seit Jahrzehnten werden in Europa staatliche Leistungen dereguliert, liberalisiert und privatisiert. Nun steht ein Richtungsentscheid an, von dem viele nichts mitbekommen: Führt der Sparzwang zur noch stärkeren Entstaatlichung vieler Bereiche? Oder schwingt das Pendel in die Gegenrichtung – und Leistungen gehen zurück zu öffentlichen Playern, etwa Gemeinden? Tendenzen gibt es derzeit in beide Richtungen.

Mit diesen Fragen befasst sich ein aktuelles Kompendium zweier Arbeiterkammer-Ökonomen – umfassend, akribisch und durchaus parteiisch. Es versammelt Expertenbeiträge, etwa zu Public-private-Partnerships, zum Dienstleistungsabkommen GATS und zu aktuellen Debatten wie den EU-Wasserliberalisierungsplänen.

Belege und Statistiken bleiben die Autoren keine schuldig, etwa zum massiven Beschäftigungsrückgang im Anschluss an Liberalisierungsprojekte in der E-Wirtschaft oder zum Missbrauch öffentlicher Gelder, die auf die europaweite Ausbreitung von Public-private-Partnerships folgten. Fazit: eine umfassende, engagierte und verständliche Lektüre, die jene breiten Lücken füllt, die tagesaktuelle Berichte oft offen lassen.

 Oliver Prausmüller, Alice Wagner: Reclaim Public Services. Bilanz und Alternativen zur neoliberalen Privatisierungspolitik. VSA Verlag, 304 S., € 23,50


Oliver Prausmüller, Alice Wagner: Reclaim Public Services. Bilanz und Alternativen zur neoliberalen Privatisierungspolitik. VSA Verlag, 304 S., € 23,50

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Wirtschaft

Letzte Station Aktienmarktsozialismus?

Aus der FALTER-Beilage „Die Krise verstehen“ 34/2014


Giacomo Corneo begibt sich auf die faszinierende Suche nach einem besseren Wirtschaftssystem


Rezension: Joseph Gepp

Es gibt Fragen, die darf man sich nicht stellen, sonst gilt man als Naivling und als weltfremder Träumer. Zum Beispiel die nach Alternativen zum Kapitalismus. Diese Frage, sagen die Verteidiger, habe die Geschichte doch längst beantwortet. Der Kapitalismus sei alternativlos. Der italienischstämmige Berliner Ökonom Giacomo Corneo stellt die Frage in einem kürzlich erschienenen Buch trotzdem. Und darauf aufbauend liefert er ein faszinierendes Porträt unseres Wirtschaftssystems – und etwaiger anderer.

Corneo ist nicht etwa ein wütender Kapitalismuskritiker. Nein, er definiert sich sogar als „Neoklassiker“, also als ein Anhänger der herrschenden ökonomischen Lehre. Dennoch konstatiert Corneo ganz nüchtern, dass in unserem System einiges schief läuft: die hohe Arbeitslosigkeit etwa, die wachsende Ungleichheit, die Ressourcenverschwendung und Umweltzerstörung. Gibt es also andere, bessere Möglichkeiten? Ohne in seinen Befunden Gnade walten zu lassen, klopft Corneo sämtliche Alternativen auf ihre Praxistauglichkeit ab.

Könnten die anderen Systeme
denn ausreichend Ressourcen produzieren, um allgemeinen Wohlstand zu schaffen? Würden die Menschen ausreichend mitarbeiten? Oder ihrem jeweiligen System aufgrund mangelnder Motivation den Rücken kehren? Solche Fragen stellt sich der Ökonom auf erfrischend undogmatische Weise.

Corneos Tour führt lehrreich durch Jahrhunderte westlicher Ideengeschichte. Sie beginnt bei Platons Wächterstaat, in dem ein allmächtiges oberstes Gremium die Ressourcenverteilung harmonisch regeln soll, ohne dass Marktkräfte ins Spiel kommen. Später führt die Tour etwa zur Insel Utopia, erdacht von Thomas Morus im 16. Jahrhundert, wo sich Demokratie und Toleranz mit dem Verbot von Privateigentum verbinden. Schließlich endet Corneo bei modernen Konzepten wie dem Genossenschaftswesen, dem Realsozialismus osteuropäischen Zuschnitts und dem bedingungslosen Grundeinkommen.

 Giacomo Corneo: Bessere Welt. Hat der Kapitalismus ausgedient? Goldegg 2014, 368 S., € 24,90


Giacomo Corneo: Bessere Welt. Hat der Kapitalismus ausgedient? Goldegg 2014, 368 S., € 24,90

Doch bei all diesen Modellen fällt Corneos Urteil enttäuschend aus. Manchmal hätten die Menschen nicht genügend Anreize zur Mitarbeit, erhebt der Ökonom mithilfe spieltheoretischer Ansätze. In anderen Fällen reiche der Grad an Innovation und Produktion nicht aus. Das Zwischenfazit: Es muss eine Art Marktsystem sein. Nur dieses, so Corneo, sorge für genug Anreize und Güter.

Doch seine Reise ist an dieser Stelle nicht vorbei, denn es gibt unterschiedliche Marktsysteme. Die Rolle des öffentlichen Eigentums ist in ihnen etwa verschieden geregelt. Oder die Frage, was mit dem Vermögen von Verstorbenen geschieht: Bekommen es die Erben oder beispielsweise eine staatliche Einrichtung?

Corneo durchleuchtete die Vor- und Nachteile sämtlicher Marktsysteme. Hier wird sein Buch stellenweise etwas technisch, schließlich sind die Unterschiede nicht allzu groß. Doch es mangelt Corneo niemals an Verständlichkeit und wissenschaftlicher Redlichkeit. Schließlich stößt er auf den sogenannten „Aktienmarktsozialismus“.

Es ist eine wilde Mischung der Systeme, auf die der unkonventionelle Denker da gekommen ist: Große Unternehmen würden verstaatlicht und an die Börse gebracht, wo sie gegeneinander um höhere Effizienz ringen sollen – die Gewinne flössen an die Allgemeinheit. Ein florierender Sektor aus privaten Kleinunternehmen sorgt zudem dafür, dass die Innovationen nicht ausgehen.

Corneo sieht hier die Chance auf einen weniger mangelhaften Kapitalismus – und zugleich eine Art wohlfahrtsstaatliches Modell für die Zukunft. Denn vereinfacht gesagt sorgt im Aktienmarktsozialismus der Staat für Gerechtigkeit – und gleichzeitig sollen neuartige Organisationsweisen und Anreizstrukturen dafür sorgen, dass diesem System ein Schicksal erspart bleibt, wie es beispielsweise die verstaatlichten Industrien in den 1970er-Jahren erlitten.

Corneo plädiert in aktuellen Interviews gern dafür, den Praxistest in Sachen Aktienmarktsozialismus zu wagen – vorerst etwa bei zwei oder drei Großunternehmen. Mal schauen, was besser funktioniert. Man mag seine Meinung teilen oder nicht, jedenfalls war Corneos Weg zu diesem Ziel ein höchst aufschluss- und lehrreicher.

Interview mit Giacomo Corneo vom Mai 2014

Hier gibt es die komplette Ökonomie-Beilage zu bestellen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Wirtschaft