Archiv der Kategorie: Arbeitswelten

„Es ist das Logischste der Welt, dass die Menschen weniger arbeiten werden“

Aus profil 17/2018

Viele klagen, dass es keine großen Visionen für die Gesellschaft mehr gäbe. Nun hat sich der bekannte deutsche Philosoph Richard David Precht an einer versucht. Ein Gespräch über die Zukunft der Arbeit und das Ende des Kapitalismus.

Interview:
Joseph Gepp

Von der Hirnforschung zur Eltern- Kind- Bindung, von Tierrechten zur Theologie, vom moralisch richtigen Handeln bis zum Bildungssystem -der deutsche Philosoph, TV-Moderator und Bestsellerautor Richard David Precht, Jahrgang 1964, hat sich im Lauf seiner Karriere schon auf vielen Gebieten betätigt. In seinem neuesten Werk, das am 23. April erscheint, erschließt er sich wieder eines: die Frage nach der Zukunft der Arbeitswelt angesichts der Digitalisierung und des Aufstiegs großer Datenkonzerne.

Wir brauchen eine komplette Neuorganisation derselben, ist Precht überzeugt -beispielsweise in Form kürzerer Arbeitszeiten, neuer Steuern und eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Und: Je früher die Staaten mit dem Systemumbau beginnen, desto weniger Verwerfungen wird die Transformation nach sich ziehen.

Das Werk zeichnet ein großes Bild, will eine Vision vermitteln -genau dies nämlich, meint Precht, komme in modernen Gesellschaften oft unter die Räder zwischen knappen Politiker-Slogans und technokratisch-wissenschaftlicher Detailverliebtheit. Ein Exklusiv-Interview für Österreich.

profil: Der Titel Ihres neuen Buchs -„Jäger, Hirten, Kritiker“ – ist ein Zitat von Karl Marx. Es bezieht sich darauf, dass in einer vollendet kommunistischen Gesellschaft jeder jener Tätigkeit nachgehen kann, nach der ihm der Sinn steht. Was sagt uns Marx heutzutage?

Precht: Der Marxismus galt lange als diskreditiert. Aber heute gilt es, ihn wiederzuentdecken. Wir müssen ihn gegen Stalinismus und Maoismus verteidigen, die kaum mit dem echten Marx zu tun haben. Marx hat zwar einige bedenkliche Passagen geschrieben, über die „Diktatur des Proletariats“ zum Beispiel. Aber schon er selbst hat sich von solchen Ansichten distanziert. Im dritten Band des „Kapitals“ spricht Marx nicht mehr von einer zwischenzeitlichen Diktatur auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft, sondern skizziert ein ganz anderes Szenario, wie der Kapitalismus zugrunde gehen wird.

profil:
Wie denn?

Precht: Einerseits ist dort die Rede von unglaublichen Mengen fiktiven Kapitals, wie Marx das nennt – also von überbordendem Finanzkapital. Andererseits führt Marx aus: Je stärker die Automatisierung der weltwirtschaftlichen Produktion voranschreitet, umso geringer wird die Profitrate. Denn es braucht immer weniger Arbeitskräfte, um die Waren herzustellen. Demnach haben die Beschäftigten weniger Einkommen und weniger Kaufkraft, um sich die Produkte zu leisten -worunter wiederum die Unternehmen leiden. An dieser Dynamik würde der Kapitalismus langfristig zerbrechen, meinte Marx. Gerade erleben wir, wie die Automatisierung durch die Digitalisierung einen neuen Schub erhält.

profil: Also geschieht, was Marx prophezeit hat?

Precht: Das ist die spannende Frage. Ich glaube nicht, dass man Marx hundertprozentig auf die Realität umlegen kann. Er sieht die Angelegenheit naturgesetzlich, aber in Wahrheit erweist sich der Kapitalismus als geschmeidig und anpassungsfähig. Trotzdem bemerken wir seit den 1970er-Jahren eine auseinandergehende Schere zwischen Produktivität und Kaufkraft. Das heißt, die Unternehmen produzieren zwar immer größere Mengen, aber die Menschen können sich das nicht genauso entsprechend leisten. Dieses Phänomen passt durchaus zu Marx‘ Vorhersagen. Vorläufig haben viele Regierungen das Problem ausgeglichen durch Staatsverschuldung, aber das geht nicht dauerhaft so weiter.

Richard David Precht

profil: Marx meinte, wenn der Kapitalismus schlussendlich zerfallen sei, werde sich der paradiesische Zustand des Kommunismus einstellen, in dem alle Menschen ohne Erwerbszwang tun, was sie wollen.

Precht: Darin stimme ich nicht mit ihm überein. Wenn Staat und Kapitalismus absterben, werden sich vielmehr anarchische Verhältnisse wie in Afghanistan und Somalia breitmachen. Es gilt das Recht des Stärkeren; irgendwelche Oligarchen werden sich durchsetzen. Ich glaube an einen anderen Weg: Langfristig müssen wir mehr Sozialismus im Kapitalismus implementieren. Zum Beispiel durch Mittel wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen.

profil: Wie soll man sich das vorstellen, Sozialismus im Kapitalismus?

Precht:
Bei genauer Betrachtung ist es historisch folgerichtig. Denken Sie an die erste Industrielle Revolution im 19. Jahrhundert. Die Masse der Arbeiter bekam rein gar nichts ab von ihren Segnungen. Deshalb führte der deutsche Kanzler Bismarck auf Druck der Sozialdemokratie erstmals Sozialgesetze ein. Damals wurde also schon ein klein bisschen Sozialismus in den Kapitalismus implementiert. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, haben die Denker der Freiburger Schule die Soziale Marktwirtschaft propagiert. Sie wollten damit verhindern, dass sich das Volk dem realsozialistischen Osten zuwendet. Das Konzept diente als Hintergrund für den modernen Sozialstaat mit seinen vielfältigen sozialen Absicherungen. Wieder wurde ein weiteres Stück Sozialismus in den Kapitalismus eingebaut. Heute steht uns schließlich mit der Digitalisierung die vierte Industrielle Revolution ins Haus. Die Antwort kann nur lauten: noch mehr Sozialismus in den Kapitalismus.

profil: Inzwischen geht die Entwicklung doch seit Jahrzehnten wieder in die andere Richtung: Arbeitsmärkte werden liberalisiert, Hürden für Unternehmen abgebaut, Grenzen für Kapital geöffnet.

Precht:
Die Entwicklung ist nicht ganz linear, sondern geschieht in Wellen. Es gab etwa Initiativen wie die Hartz-IV-Reformen in Deutschland. Aber das bedeutet keineswegs, dass die Soziale Marktwirtschaft abgeschafft worden wäre. In Summe lebt man in Deutschland und anderen europäischen Staaten heute viel stärker sozialistisch abgesichert als beispielsweise im formell kommunistischen China.

profil: Sie schreiben, die Ideologie der Arbeitsfreiheit habe sich bereits zur Hälfte erfüllt. Vor einem Jahrhundert arbeiteten die Menschen noch 70 bis 80 Wochenstunden, heute sind es 40. Werden wir bald noch weniger arbeiten?

Precht: Genau das ist der Sinn der Übung. Wir bauen Maschinen, damit sie uns körperlich harte und eintönige Arbeiten abnehmen. Durch die Digitalisierung bekommt dieser Prozess einen weiteren Schub. Es ist das Logischste der Welt, dass die Menschen weniger arbeiten werden.

profil: Aktivisten wie die Ludditen – frühe Maschinenstürmer im England des 19. Jahrhunderts – fürchteten schon vor 200 Jahren, dass Maschinen menschliche Arbeit überflüssig machen würden. Es gibt „Spiegel“-Titelgeschichten aus den 1980er-Jahren, die warnen, dass die Roboter kommen. Warum sollte es ausgerechnet jetzt wirklich so weit sein?

Precht: In der Tat hat der technische Fortschritt bisher langfristig immer mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet. Die Kinder jener Arbeiter, die einst im Kohlenschacht oder Stahlwerk geschuftet hatten, wurden später Verwaltungsangestellte und Versicherungsvertreter. Berufe verlagerten sich also in den Dienstleistungssektor. Ich frage mich aber, ob das so weitergehen kann. Die Automatisierung ist inzwischen schlicht zu weit fortgeschritten. Neue Jobs entstehen zwar, aber nur noch wenige, und dies vor allem im High-End-Bereich. Können wir in einigen Jahrzehnten wirklich ehemalige Busfahrer massenhaft am Arbeitsmarkt unterbringen, indem wir sie rechtzeitig zu Top-Informatikern ausbilden? Werden wir dann überhaupt noch Informatiker brauchen -oder wird bereits künstliche Intelligenz die Programmierarbeit übernommen haben?

profil: Es droht also Massenarbeitslosigkeit.

Precht: Ich sehe es nicht so negativ. Was war gut daran, dass die Leute einst 80 Stunden gearbeitet haben? Noch Anfang des 19. Jahrhunderts sind Bauern in schlechten Erntejahren häufig verhungert, trotz härtester Knochenarbeit. Wenn wir weniger arbeiten, bedeutet das mehr Freizeit. Neben den Müttern können sich beispielsweise auch Väter um ihre Kinder kümmern – ein relativ neues Phänomen. Diese Entwicklung trifft den Nerv vieler, zumal junger Menschen. Und zwar in ganz und gar positiver Hinsicht.

profil: Aber die Finanzierbarkeit unserer staatlichen Sozialsysteme hängt davon ab, dass viele Menschen lange erwerbstätig sind, Güter und Dienstleistungen erwirtschaften und darauf Steuern zahlen.

Precht: Die Transformation wird auch Verlierer hervorbringen. Besagten Busfahrer beispielsweise droht die Frühpensionierung; viele werden im mittleren Alter keinen Job mehr finden. Ich plädiere deshalb für eine materielle Absicherung in Form eines Grundeinkommens, die deutlich höher liegt als das, was man derzeit in Deutschland in Form von Hartz IV bekommt.

profil: Ein Grundeinkommen wäre letztlich auch nur durch die Wertschöpfung jener finanziert, die arbeiten gehen. Es braucht quasi genug Jobs, damit sich ein Staat ein Grundeinkommen leisten kann.

Precht: In dem Konzept, das ich skizziere, ist dies nicht der Fall. Das Grundeinkommen könnte – statt durch Steuern auf Arbeit – auch durch Mikrosteuern finanziert werden, etwa eine Finanztransaktionssteuer. Diese würde den kleinen Mann kaum treffen. Wenn er irgendwo 100 Euro abhebt, gehen davon eben 40 Cent an den Staat. So viel berappt er unter Umständen bereits heute an Bankgebühren. Bei jenen hingegen, die täglich Milliardensummen bewegen, würden gewaltige Summen zusammenkommen.

profil: In der EU verhandeln einige Staaten bereits seit Jahren über diese Steuer. Auch Österreich und Deutschland hätten sie gern. Doch das Projekt gilt aufgrund des Widerstands der Finanzwirtschaft inzwischen als gescheitert.

Precht: Im Moment ist die Beschäftigungslage noch ausgesprochen gut – zumindest in jener Kernzone von Europa, zu der auch Österreich und Deutschland zählen. Der Leidensdruck ist schlicht nicht hoch genug für solche großen Reformen. In jenem Moment jedoch, in dem die Arbeitslosen kommen, wird alles anders sein. Wenn es unseren Sozialsystemen wirklich an den Kragen geht, werden Politiker und Bürger neue starke Motive für Maßnahmen wie eine Finanztransaktionssteuer vorfinden.

profil: Vielleicht werden wir aber zuvor in ein neues Zeitalter autoritärer Systeme abgleiten, in dem demagogische Parteien und Regierungen mit fragwürdigem Demokratieverständnis Fremdenangst und Abschottung schüren, während die EU allmählich zerfällt. Darauf deutet doch einiges hin, finden Sie nicht?

Precht: Ich glaube, dass die Rechtspopulisten mittelfristig scheitern werden. Im Grunde genommen haben sie nichts anzubieten. Sie sagen immer nur, wogegen sie sind – und niemals, wofür. Die Rechten könnten eine echte Vision vorweisen, wenn sie beispielsweise praktikabel darlegen würden, welche Maßnahmen man setzen könnte, damit Menschen aus fremden Ländern nicht mehr gezwungen sind, diese zu verlassen. Aber diese Lösung bieten sie nicht an, genausowenig wie andere.

profil: Es gibt neben der Zukunft der Arbeitswelt noch ein weiteres Thema, dem Sie breiten Raum widmen: dem Datenschutz. Sie warnen davor, dass uns in einigen Jahrzehnten große Datenkonzerne à la Google und Facebook praktisch jede Entscheidung abnehmen, was wir konsumieren und mit wem wir uns umgeben. Gerade empört sich die internationale Öffentlichkeit auch darüber, dass das britische Unternehmen Cambridge Analytica Facebook-Daten abgesaugt hat, um Wahlkämpfe zu beeinflussen. Wie soll man diese Entwicklung abwehren?

Precht: Die neue europäische Datenschutzgrundverordnung ist eigentlich ein guter Schritt – mit Betonung auf „eigentlich“. Denn es hängt stark davon ab, wie konsequent man dieses brauchbare Gesetzeswerk in der Praxis anwendet, ebenso wie die damit verbundene E-Privacy-Regelung. Hier können die EU-Politiker zeigen, wie entschlossen sie sind. Derzeit gebe ich im Umgang mit den Datenkonzernen mein Recht auf informationelle Selbstbestimmung zur Gänze ab. Ich mache ein Häkchen bei einem Feld, dessen Bedeutung ich nicht verstehe. Danach können die Unternehmen mit meinen Daten machen, was immer sie wollen. Ich müsste bei jedem einzelnen Schritt erneut um Einverständnis gebeten werden: jeder individuell zugeschnittenen Werbeaktion, jedem Datenweiterverkauf, jeder Profiling-Maßnahme. Erst wenn dies geschehen ist, wird die Datenschutzgrundverordnung zum Erfolg.

profil: Das hieße, dass man – sobald man Google oder Facebook auch nur öffnet – sogleich gefragt wird, ob man einverstanden ist, dass das aktuelle Nutzungsverhalten gespeichert und verwertet wird. Denn derzeit fließt ja jeder einzelne Mausklick in jenen Datenschatz ein, den die Unternehmen über ihre User sammeln.

Precht: Es würde die Nutzung verkomplizieren, aber diesen Preis müssen wir eben für Selbstbestimmung zahlen. Die bessere Idee wäre allerdings, soziale Netzwerke und Suchmaschinen überhaupt durch die EU bereitzustellen statt durch Spionage-Konzerne wie Google und Facebook. Der Staat garantiert Stromnetze und Straßen – warum nicht auch eine digitale Grundversorgung ohne kommerzielle Interessen?

profil: Lassen Sie uns zuletzt ein Experiment machen. Nehmen wir an, ein Politiker würde ernsthaft jene Visionen in die Tat umsetzen wollen, die Sie propagieren. Er beginnt also konkrete Planungen. Doch dann kommen die Experten. Sie warnen davor, dass die Projekte das Budgetdefizit anschwellen lassen, dass andere EU-Mitgliedsstaaten nicht mitziehen oder dass die Gefahr einer Wirtschaftskrise droht. Allerlei praktische Hindernisse tun sich also auf. Wo ganz konkret – mit Blick auf diese Hindernisse – würden Sie mit den Reformen beginnen?

Precht: Spontan fallen mir zwei wichtige Vorhaben ein. Eine Finanztransaktionssteuer könnte man zur allergrößten Not auch auf nationaler Ebene einführen. Wenn ein großes Land wie Deutschland vorangeht, würden andere wohl nachziehen. Zweitens könnte man auch im Bildungssystem auf der Stelle etwas tun. Man könnte den Schulen mehr Spielraum und Autonomie verleihen. Das wären zwei Schritte, die unmittelbar machbar wären.

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Goldman, € 20,60

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Können Opfer gleichzeitig auch Täter sein, Frau Winter?

Aus dem FALTER 33/2013

Werbekolumne: Joseph Gepp

Helfen, das klingt einfach. Jemand benötigt Hilfe, man leistet sie und steht damit moralisch auf der richtigen Seite. Ein Werbespot des Roten Kreuzes, der zum Spenden auffordert, durchkreuzt dieses schlichte Bild. Er liefert etwas, das man in der Werbewelt selten findet: Differenzierung. Trotzdem verliert die Botschaft nichts von ihrer Wucht, im Gegenteil.

Zu sehen sind Hilfsbedürftige – und zu hören sind Zweifel. „Warum Opfern helfen, die auch Täter sind?“, heißt es beispielsweise mit Blick auf einen müden Guerillakämpfer, der sich in einem Zeltlager in einem Kriegsgebiet ausrastet, das Gewehr auf dem Schoß. Nächstes Bild: ein demenzkranker alter Mann im Nachtmantel. „Warum zuhören, wenn einer ständig dasselbe erzählt“, lautet die dazugehörige Frage. Die Antwort liefert schließlich der Slogan des Roten Kreuzes: „Aus Liebe zum Menschen.“

Statt nur auf die Tränendrüse zu drücken, lässt der Spot die Zuseher ahnen, dass die Arbeit als Helfer manchmal frustrierend ist. Er zeigt Situationen, in denen man als Helfer nicht mehr tun kann, als das Unvermeidliche etwas abzumildern.

Die Botschaft der Werbung richte sich deshalb nicht nur an potenzielle Unterstützer, erklärt Andrea Winter, Kommunikationschefin des Roten Kreuzes – sondern auch „an die interne Zielgruppe“. Das sind jene rund 60.000 ehrenamtliche Helfer, die Situationen wie die aus der Werbung wohl aus ihrer Arbeit kennen. Darüber hinaus spiegelt der Spot laut Winter „die Basis der Grundsätze des Roten Kreuzes wieder“: dass jedem unterschiedslos geholfen werde.

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Nachgesehen: Stehen alle Räder still, wenn die Gewerkschaft das will? In Wien nicht

Aus dem FALTER 47/2012

Der vergangene Mittwoch hätte nach dem Wunsch der europäischen Gewerkschaften zum übernationalen „Solidaritätstag“ werden sollen. Widerstand gegen radikale Sparpolitik lautete die Devise der Arbeitnehmervertretungen des Kontinents – und alle Räder sollten stillstehen: In Spanien und Portugal gab es einen 24-stündigen Generalstreik, Hunderttausende demonstrierten. Ebenso streikten Arbeitnehmer in Italien, Griechenland und Belgien. Und in Wien?

Rund 200 Leute, größtenteils ÖGBler, haben sich auf dem Stephansplatz versammelt und tanzen Sirtaki für Griechenland. Bald danach hat sich die Ansammlung schon wieder verlaufen. Transparente („Eat the Rich“) werden verstaut, die letzten Flugzettelverteiler verlieren sich schnell im Fluss der Passanten und Touristen.

So verkehrt sich die geplante Solidaritätsaktion eher in ihr Gegenteil: in ein Symbol dafür, wie weit die Krise Südeuropas von Wien entfernt scheint.

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Akademie der Wissenschaften: totales Sparen an der Forschung

Aus dem FALTER 47/2011

Ein Wiener Schauplatz, an dem kleine oder große Politik stattfindet

Foto: Heribert Corn

Mit „dramatischen Auswirkungen“ rechnet Bedanna Bapuly, wenn tatsächlich realisiert wird, was das Wissenschaftsministerium und die Akademie der Wissenschaften bis 2014 planen: den Abbau eines Drittels der Planstellen der Institution. „Die Langfristigkeit für Grundlagenforschung kann nur eine außeruniversitäre Einrichtung wie wir garantieren“, ergänzt Kollege Hans Peter Hye.

Machen gegen den radikalen Sparkurs in ihrer Wissenschaftsinstitution mobil: Betriebsräte Hans Peter Hye und Bedanne Bapuly auf der Dachterrasse der altehrwürdigen Akademie der Wissenschaften

Hye und Bapuly sind Betriebsräte an der Akademie. Die radikalen Sparmaßnahmen, die die Bundesregierung außeruniversitären Institutionen auferlegt, trifft ihren Arbeitsplatz besonders hart. Mit einer Petition soll nun dagegen mobil gemacht werden, dass 300 von 900 fixen Planstellen abgebaut werden, durch Kündigung und Personaltransfer zu Universitäten.

Von der Notwendigkeit eines „Sozialplans“ spricht Bapuly. Hye sagt, dass selbst langjährige Anstellungen zur Disposition stünden. „Das ist eine Katastrophe für den Wissenschaftsstandort Österreich.“

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Geburtenrate: Mehr vom Selben macht’s auch nicht besser

Aus dem FALTER 33/2011

Kommentar Sozialpolitik

Wir erhöhen die Dosis, auch wenn das Medikament nicht anschlägt – so lautet das Rezept der Politik, die Österreicherinnen zum Kinderkriegen zu motivieren. Mit 1,4 Kindern pro Frau liegt die Geburtenrate seit Jahren unter dem EU-Schnitt. Was macht Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP), um sie anzuheben? Sie erweitert das bisherige System.

Wer in Österreich Kinder kriegt, dem gewährte der Staat vor allem steuerliche Vorteile. Die Kosten für ein Kindermädchen etwa kann man beim jährlichen Steuerausgleich ebenso geltend machen wie das Au-pair, das man sich leistet. Mittels Fekter’schem Erlass kann nun zusätzlich etwa auch der große Brocken Ferienbetreuung – also Sommercamps – steuerlich abgesetzt werden.

Eines hat die Ministerin dabei aber nicht bedacht: Steuerbefreiungen kommen vor allem denen zugute, die viele Steuern zahlen. Also den Gutverdienenden.

Die alleinerziehende Mutter von heute, die knapp über der Armutsgrenze lebt, kann sich oft keinen Sportkurs für ihre Kleinen leisten. Ebenso fällt das teure Sommercamp flach. Wenn sie einen Babysitter braucht, kommt wohl eher die Schwarzarbeiterin als das ausgebildete Kindermädchen zum Zug.

29 Prozent der heimischen Alleinerziehenden sind armutsgefährdet. Was müssten sie tun, um der Armut zu entrinnen? Arbeiten. Was müssten sie tun, um staatliche Steuervorteile zu genießen? Arbeiten.

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Damit Fekters Maßnahmen greifen und die Geburtenrate steigt, müssten zuallererst Kinderbetreuungsmöglichkeiten ausgebaut und Alleinerziehenden somit das Erwerbsleben erleichtert werden.

Joseph Gepp

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MA 2412 wird wahr! Der Magistrat zieht ins besetzte Haus

Aus dem FALTER 31/2011

Glosse

Eine Hausbesetzung kürzlich in der Triester Straße gibt uns Gelegenheit, über Selbst- und Fremdbilder nachzudenken. Es war nämlich nicht irgendein Haus, das 20 junge Aktivisten einnahmen, um polizeilich wieder nach draußen geleitet zu werden. Es war die Kulisse für „MA2412“.

In der Serie führen Herr Breitfuß und Frau Knackal vor, wie man sich den Alltag kommunaler Beamten vorzustellen hat. In der Wirklichkeit sollen tatsächlich zwei Magistratsabteilungen einziehen. Wie werden sie sich fühlen? Wird sie das Arbeitsumfeld zu Leistungen anspornen, gegen die jede Privatwirtschaft wie „MA2412“ wirkt? Oder wird jede Mauerritze daran erinnern, wie die Welt draußen den Magistrat sieht?

Wären die Besetzer doch geblieben! Sie hätten den Beamten solche Identitätskonflikte erspart.

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Der Aufstand der Massen im Namen des Guten

Aus dem FALTER, 19/2011

Die Webgemeinschaft bläst zum Angriff, weil ein Obdachloser rüde aus einem Bierlokal geworfen wurde. Angeblich

Bericht: Ruth Eisenreich,
Joseph Gepp

Foto: Heribert Corn

Es ist eine empörende Geschichte, die der Informatiker Andreas Marek, 30, von seinem Besuch in einem Bierlokal im Alten AKH erzählt. Eine Geschichte von der Demütigung eines ohnehin Schwachen in der Stiegl-Ambulanz, einer Gaststätte am Uni-Campus, die auf etwas schicker macht als die sie umgebenden Lokale.

Ende April sei ihr Sohn dort zu Gast gewesen, berichtet Mareks Mutter in einem E-Mail. Die Bedienung habe einen Augustin-Verkäufer, etwa 60, rüde des Lokals verweisen wollen. Marek fand die Behandlung derart unerhört, dass er den Obdachlosen auf ein Getränk einlud. Daraufhin kam der Restaurantleiter und wies dem Verkäufer erneut die Tür. Die Situation schaukelte sich auf, schreibt Frau Marek, als eine zweite Kellnerin für den Obdachlosen Partei ergriff – der Chef entließ sie. „Na“, soll er zu Marek gesagt haben, „sind Sie stolz, dass sie Ihretwegen ihren Job verliert?“

Derartige Mails über große und kleine Ungerechtigkeiten erreichen Redaktionen tagtäglich. Viele versanden, manche lösen Skandale aus.

Mareks Erlebnis im Beisl hatte im Internet einen Sturm der Entrüstung von bisher selten gekannten Dimensionen zur Folge. Nachdem die Online-Ausgabe des Standard über den Fall berichtet hatte, artikulierten Tausende in Webforen, auf Twitter und Facebook ihren Unmut. Sie bliesen zur „Hetze auf die Hetzer“, wie ein User schreibt. Schnell ging die allgemeine Wut über den konkreten Vorfall hinaus: In Postings sprachen Empörte von langen Wartezeiten in der Stiegl-Ambulanz und davon, dass das Bier dort „wie Seifenwasser“ schmecke. Sie forderten die Schließung des Lokals, orteten Rassismus, durchleuchteten angebliche private Geldsorgen der Geschäftsführerin und unterstellten gar der Salzburger Stiegl-Brauerei eine Nähe zu „deutschnationalen Ideen“ – obwohl diese nur als Verpächter der Ambulanz fungiert.

Der Vorfall in der Stiegl-Ambulanz wirft nicht nur die Frage auf, wie Straßenzeitungsverkäufer in Lokalen behandelt werden. Er zeigt auch, wie rasch sich in Plattformen wie Facebook und Twitter – unterstützt durch schnellen Internetjournalismus – die Masse im Namen des Guten emotionalisiert.

Ein Augustin-Verkäufer vor der Stiegl-Ambulanz. Was geschah drinnen?

„Ohne Social Networks hätte der Fall nicht so viel Aufsehen erregt“, sagt Axel Maireder vom Publizistikinstitut der Uni Wien. „Über Facebook verteilte Nachrichten erwecken besonderes Interesse, weil sie von Menschen kommen, die wir kennen.“ Eine „sehr niederschwellige Aktivität“ – das „Liken“ oder Kommentieren einer Seite – reiche aus, um die Nachricht in seinem Umfeld zu verbreiten.

Auch der Falter hat vor drei Wochen Andreas Mareks E-Mail erhalten – und die Stiegl-Ambulanz um eine Stellungnahme gebeten. Restaurantleiter Hans Peter Fasching verstrickte sich daraufhin in Widersprüche und drohte dem Falter schließlich mit dem Anwalt. Auf weiteres Insistieren präsentierte Geschäftsführerin Manuela Nagl eine andere Version der Geschichte als Andreas Marek: Augustin-Verkäufer seien grundsätzlich willkommen, sagte sie – der Betreffende aber habe keinen Verkäuferausweis gehabt, außerdem sei er stark alkoholisiert und verwahrlost gewesen. Dass eine Kellnerin gefeuert worden sei, weist Nagl vehement zurück.

Der Falter wollte den Fall daraufhin genauer prüfen – doch welche Version richtig ist, ließ sich nicht feststellen. Andreas Marek war trotz tagelanger Versuche nicht erreichbar; unbeteiligte Zeugen des Vorfalls fanden sich nicht; der betroffene Verkäufer tauchte in der Augustin-Redaktion niemals auf. Und Manuela Nagl wollte nach dem Aufruhr im Web kein weiteres Mal mit Medien sprechen. Per Aussendung lud sie alle Wiener Augustin-Verkäufer auf ein Kesselgulasch in die Stiegl-Ambulanz ein.

Was bleibt, ist eine widersprüchliche Geschichte, die eine Massenempörung hervorrief. „Nur eine Stunde nachdem der Artikel im Online-Standard erschienen war, hatten sich schon hunderte im Internet zu Wort gemeldet“, erzählt der Wiener PR-Manager Stefan Bachleitner, der „aus Empörung“ mittwitterte. „Es war eine große Dynamik. Aber als sich noch am selben Abend Stiegl-Ambulanz und Stiegl-Brauerei vom Fall distanzierten, dachte ich mir: Damit hat sich die Sache jetzt langsam.“

Bachleitner sollte Unrecht behalten.

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Eingeordnet unter Arbeitswelten, Soziales, Wien

Lehrersprechtag

Österreichs Pisa-Ergebnisse sind ein Desaster. Nun soll eine Reform der Lehrerausbildung die Zukunft unserer Kinder retten: Bloß, was macht einen guten Lehrer eigentlich aus? Wir haben bei unseren Lieblingslehrern nachgefragt

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Irene Trost, 63, unterrichtete 42 Jahre lang Deutsch für die erste Leistungsgruppe der Hauptschule in Wolkersdorf, Niederösterreich. Sie ging 2002 in Pension
Foto von Heribert Corn

Von sich selbst Leistung verlangen, bevor man sie von Schülern erwartet

Zum letzten Mal sah ich meine Deutschlehrerin Irene Trost bei meinem Hauptschulabschluss 1996. Ich erlebte sie damals als jemanden, der gleichzeitig streng und wohlmeinend war – ein Grat, den nicht viele Lehrer meistern. Sie vermittelte Begeisterung und gebot zugleich jenen Respekt, der nötig ist, damit der Schüler auch lernt, was er nicht unbedingt lernen will. Daraus folgte, dass ich bei Trost ziemlich viel gelernt habe.

„Was einen guten Lehrer ausmacht? An erster Stelle Humor, eine Eselsgeduld, eine hohe Reizschwelle. Letztere braucht man, damit man sich nicht schnell provoziert fühlt. Und mit Humor soll man auf die vielen komischen Situationen in einem Klassenraum reagieren. Mit den Kindern zu lachen, manchmal auch über sich selbst, ist wichtig. Dafür muss man auch im Privatleben ausgeglichen sein. Man benötigt psychische Freiheit, darf nichts in die Schule mitnehmen. Ein guter Lehrer verlangt von sich selbst Leistung, bevor er sie von Schülern erwartet. Er setzt sich nicht blind durch, sondern zeigt: Ich arbeite für euch, ich helfe euch. Begeisterung stellt sich dann von alleine ein.

Ein guter Lehrer muss auch bereit sein, von jungen Kollegen zu lernen. Einmal zum Beispiel organisierte eine Hilfslehrerin an meiner Seite ein Spiel, bei dem Kinder an Stationen Aufgaben lösten – wir standen nur beratend zur Seite. Es hat toll funktioniert. Mir fällt als ältere Kollegin kein Zacken aus der Krone, wenn ich Jüngere Ideen verwirklichen lasse.

Freilich entscheiden auch äußere Umstände über den Erfolg. Zum Beispiel ist mir im Lauf der Jahre immer stärker die Veränderung von Familienverhältnissen aufgefallen. Eltern kommen abends nach Hause, sind nach der Arbeit fertig, ohne Nerv, sich bei ihren Kindern durchzusetzen. Als Lehrer steht man allein da. Zum Beispiel, wenn zum x-ten Mal die Hausübung fehlt, weil es den Eltern egal ist. Die Sorgen führen dazu, dass sich Kinder schlechter konzentrieren als früher. Dass sie nicht bereit sind, zum Unterricht beizutragen. In den 70ern gab es meinem Eindruck nach in einer 30-Personen-Klasse circa drei Problemfälle. Heute sind es sicher zehn.

Wenn ich vom Pisa-Test höre, frage ich mich, warum wir überhaupt daran teilnehmen. Wir lehnen Reformen ja doch ab. Ein Schulsystem wie in Finnland ist bei uns unerwünscht. Damit meine ich etwa die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Mit zehn soll man noch nicht selektieren; in dieser Zeit hängt das Wesen des Kindes noch ganz am Volksschullehrer. Der Abnabelungsprozess beginnt später, mit elf oder zwölf.

Freilich müsste man die gemeinsame Schule mit Investitionen aufwerten. Derzeit wird derselbe Lehrinhalt in immer weniger Stunden durchgedrückt. Zeit für Wiederholung und spielerische Aneignung fehlt. Diese Phasen müsste man in den Nachmittag verlegen. Dazu soll statt dem derzeitigen Durchfallen ein Kurssystem eingeführt werden – Schüler könnten dann fächerweise weiterkommen oder müssten Einheiten wiederholen. Didaktik und Methodik in der Lehrerausbildung müssten gestärkt werden. Wie zum Beispiel erklärt man Kindern den pythagoräischen Lehrsatz? Manche Lehrer wissen das, andere nicht. In der Klasse meiner Nichte zum Beispiel bekam kürzlich die Hälfte einen Fünfer auf die Physikschularbeit. Darauf wurde sie wiederholt – und noch mehr Leute flogen durch. Dann nahm die Nichte Nachhilfe. Und sagte nach zwei Stunden: ‚Jetzt hab ich’s verstanden.‘

Wenn ich Unterrichtsministerin wäre, würde ich ein Konklave einberufen. Politiker und Experten müssten beraten, bis alle Blockaden und parteipolitischen Gegensätze überwunden sind. Warum werden außerdem die Betroffenen nicht stärker einbezogen? Es gibt so viele blitzgescheite Schüler, die viel zu sagen hätten. Und warum spricht man nicht mit den Studenten über Bildung? Sie werden nur als Gfraster und arbeitsscheue Besetzer abgetan. In mancher Hinsicht ist diese eingefahrene Situation schon erschütternd.“

Aufgezeichnet von Joseph Gepp

Erschienen im Falter 49/2010

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Advent Event

Kaum ein Markt in Europa ist so berühmt und erfolgreich wie der Christkindlmarkt auf dem Rathausplatz. Das Geheimnis der Wiener Weihnachtswirtschaftsmaschine

Reportage: Joseph Gepp

Stephanie heißt das Christkind des Jahres 2010. Blond gelockt, weiß gewandet und etwas unsicher tapst die 20-jährige Medizinstudentin in den neugotischen Rathaussaal, wo sie sogleich von Kameras und Diktiergeräten umringt wird. Vergangenen Mittwoch, 44 Tage vor Weihnachten, war der erste große Auftritt des jährlich neugewählten Stadtengels. In den kommenden Wochen wird sich die Frau Kinderwünsche am Christkindlmarkt anhören und damit jene Rolle übernehmen, die in US-amerikanischen Malls traditionell weißbärtige Männer innehaben. Vorerst aber wohnt sie noch der Präsentation der organisatorischen und finanziellen Aspekte des sogenannten Wiener Adventzaubers bei, der dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Das Müllentsorgungssystem beispielsweise werde noch besser als in den vergangenen Jahren, schwärmt einer der Redner am Podium. Auf den Pfandhäferln für den Punsch prange heuer erstmals ein Mini-Rathaus in Reliefform. Denn immerhin entstehe vor den Toren desselben in den kommenden Wochen einer der größten Wirtschaftsbetriebe der Stadt.

Jährlich drei Millionen Besucher

Über drei Millionen Menschen, davon eine halbe Million Touristen, besuchen laut Wirtschaftskammer jährlich das Advent-Event am Rathausplatz. 18 Euro gibt der Besucher im Schnitt dafür aus, was einen stolzen Umsatz von 54 Millionen ergibt. Was Nächtigungen betrifft, ist der graue Wiener Dezember deshalb in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum Boommonat geworden: 2009 kamen mit 916.000 Gästen im Dezember genauso viele wie im schönen Monat Mai. Um 19 Prozent ist die Nächtigungszahl jeweils im November und Dezember von 2005 bis 2009 gestiegen. „Deshalb ist die Adventzeit einer der Markenbausteine der Wien-Werbung“, erklärt Robert Nürnberger von Wien-Tourismus und zeigt jene Plakatsujets, die dies auch für die Zukunft sicherstellen sollen: leuchtende Kinderaugen zwischen illuminierten Standreihen, ein Luftblick über laternenbehängte Bäume auf schneebedeckte Markthütten. „Seit Mitte der 90er“, sagt Nürnberger, „spielen die heimischen Adventmärkte touristisch eine wesentliche Rolle.“

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So wirbt Wien-Tourismus für den Weihnachtsurlaub (Foto: Wien-Tourismus)

Eine Notwendigkeit wird zur Show
Schon im Jahr 1764 wird erstmals in Wien ein „Nikolomarkt“ urkundlich erwähnt, damals auf der Freyung. Jener am Rathausplatz findet seit 1975 statt – im Vergleich zu anderen Christkindlmärkten ein Neuling. Zehn Jahre später begann man auch den umliegenden Rathauspark saisongemäß idyllisch herzurichten. Was ursprünglich im ganzen deutschen Sprachraum aus der Not heraus entstanden war, sich vor den klirrend kalten Monaten mit Überlebensnotwendigem einzudecken, ist heutzutage beliebt wie noch nie: Auf festlich beleuchteten Märkten entwischt man dem Wintergrau; heißer Alkohol und die Körperwärme der Passanten vertreiben die Kälte. Der Christkindlmarkt scheint im modernen Städter eine Saite anzuschlagen, sonst wäre sein Konzept nicht inzwischen sogar nach Übersee exportiert worden – ins japanische Osaka beispielsweise und nach Denver, Colorado, wo ein „Christkindl Market“ jährlich „German Christmas Spirit“ vermitteln will.

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Klingelingeling am Rathausplatz: Im November und Dezember
werden am Rathausplatz 54 Millionen Euro umgesetzt – hier durch die Balustrade des Rathauses fotografiert (Foto:
Heribert Corn)


Ein Türke und der Christkindlmarkt

Doch der sich jedes Jahr neu manifestierende Traum von der dörflichen Geborgenheit will auch angemessen realisiert sein. In Wien arbeiten gleich drei Institutionen daran, dass die Bustouristen nicht enttäuscht von der Weihnachtsmarktfahrt nach Hause fahren: Da ist zuerst die Gemeinde Wien, die den „Adventzauber“, also das Drumherum, stellt – sie hält etwa das Rathauserdgeschoß für bastelnde Kinder frei und bestückt Parkwiesen mit Wolkenpostamt und Leseturm. Da ist zweitens die Wirtschaftskammer, die mit 240.000 Euro finanzieller Unterstützung den Werbeetat des Events aufpeppt. Und da sind drittens die Marktstandler, die den eigentlichen Christkindlmarkt bilden. Sie werden von Akan Keskin, 53, Kommerzialrat und Landesgremialobmann der Wirtschaftskammer, vertreten. Der Herr über den Wiener Christkindlmarkt ist ursprünglich Türke, geboren neben der Sülemaniye-Moschee im Zentrum Istanbuls und mit elf Jahren nach Wien gekommen. Im Zivilberuf führt er das Orient & Occident am Naschmarkt.

In dem Marktlokal herrscht auch im November kein Winteridyll. Die Sonne scheint durch die Glasfront auf Frühstücksplatten mit taufrischen Petersilienblättern, dazwischen zupft der Chef liegengebliebene Brotbrösel von Sitzbänken und führt hektische Telefonate. Und wenn Akan Keskins Handy zwischendurch fünf Minuten schweigt, erzählt der Geschäftsmann, wie das Weihnachtsbusiness funktioniert.

Es startet schon im Jänner, beginnt Keskin, nur Tage nachdem der Trubel des vorangegangenen Jahres vorüber ist. Zu dieser Zeit kommt erstmals jener Verein zusammen, dessen Obmann Keskin ist. Er dient der „Förderung des Marktgewerbes“ in der traditionell schwierigen Winterzeit. „Das ist ein Vereinszweck, für den sich ein Christkindlmarkt natürlich ziemlich gut eignet.“

Bis 2006 hatte die Gemeinde Wien die Stände auf Weihnachtsmärkten selbst vergeben. Danach lagerte sie die Aufgabe – unterschiedlich je nach Standort – an Eventagenturen und Geschäftsleute aus. Am Rathausplatz kam Keskins Verein zum Zug, der sonst Kirtage und Straßenfeste organisiert.

Dieser entscheidet nun jeden Jänner über alle Angelegenheiten, die dem einzelnen Standler übergeordnet sind. Das Logo des Markts wird hier beispielsweise besprochen oder das Design der so identitätsstiftenden Pfandhäferln (siehe unten). Danach müssen bis zum 1. April die Ansuchen jener Betriebe eingetroffen sein, die einen Stand betreiben wollen. Fünf bis zehn Seiten ist so ein Antrag dick, erzählt Akan Keskin. Darin findet sich eine Beschreibung des Unternehmens samt Firmenbuchauszug, Fotos der Waren, die man anzubieten gedenkt, und „Referenzen“, wie Keskin das nennt. „Wenn jemand unterm Jahr irgendwo einen Stand betrieben hat, dann legt er normalerweise ein Foto davon bei.“

Rund 7000 Euro kostet ein solcher Stand für die gesamte Dauer des Weihnachtsmarkts. Bietet man Speisen und Getränke an, erhöht sich der Preis deutlich, auf etwa 12.000 Euro. Am Rathausplatz bewerben sich jährlich rund 500 Betriebe für heuer 144 Stände. Fünf bis zehn davon werden jährlich ausgetauscht, sagt Akan Keskin. Aber insgesamt sei das System ziemlich „familiär“. Die Antragsteller durchlaufen ein Verfahren, in dem die Qualität ihrer Produkte und das weihnachtliche Ambiente geprüft werden – schließlich will der Kunde möglichst Bratäpfel statt Falafel und Weihnachts- statt Mottenkugeln.

Im ersten Schritt des Auswahlverfahrens durchleuchtet eine Jury die Ansuchen. Sie besteht aus jeweils einem Vertreter von Rathaus, Wien-Marketing, Wien-Tourismus, Wiener Wirtschaftsagentur und „meiner Wenigkeit“, sagt Akan Keskin. „Aber die Namen der einzelnen Vertreter verrate ich Ihnen nicht. Es soll ja niemand außerhalb des Verfahrens mit Begehrlichkeiten an die Jury herantreten.“ Später wird das, was das Gremium für gut befunden hat, dem siebenköpfigen Vorstand von Keskins Verein zur Förderung des Marktgewerbes vorgelegt. „Die Zahl sieben verhindert nämlich Pattsituationen bei den Beschlüssen“, sagt der mächtige Marktfunktionär.

Tonnen von Waldviertler Reisig
Diesen Auswahlprozess überlagern zahlreiche Regeln, die das weihnachtliche Flair des Ganzen sicherstellen sollen. Für die tausenden Euro, die der Verein von den Standlern kassiert, stellt er die Hütten samt Strom, Licht, Reinigung und Müllentsorgung. Auch die Dekoration fällt in seine Zuständigkeit, dafür karren Lastwägen Tonnen von Reisig aus dem Waldviertel heran. Pflanzen aus Plastik lehnt Akan Keskin ebenso ab wie den übermäßigen Einsatz von Neonlicht, „da wird einem nicht so warm ums Herz“. Und wer mehr Speisen als nur belegte Brötchen anbietet, der muss aus Wettbewerbsgründen seine Punschkesselbatterien dezent in den Hintergrund rücken.

Überhaupt nimmt die Gastronomie am Christkindlmarkt weniger Raum in Beschlag, als der Augenschein glauben macht. Sie stellt nur zehn Prozent der Stände, sagt Keskin. „Es wirkt, als wäre es mehr, weil die Kunden so lange dort stehen, bis sie ihr Häferl zurückbringen.“

Generell sei der Christkindlmarkt bisher jedes Jahr gewachsen, immer um eine einstellige Prozentzahl. Nur im Vorjahr gab es wirtschaftskrisenbedingt einen Rückgang. „Der Standler raunzt ja die ganze Zeit. Aber 2009 hat er eindeutig mehr geraunzt“, sagt Keskin. Deswegen sind heuer die Standmieten zehn Prozent niedriger. Ob der Markt unabhängig davon tatsächlich – wie man es ihm gern nachsagt – eine Goldgrube für Standler ist, kann Keskin nach eigener Aussage nicht beantworten: Er koordiniere ja nur das große Ganze. Eine einfache Rechnung liefert aber eine Erklärung, warum sich Jahr für Jahr 500 Bewerber um rund 140 Stände reißen: Laut Wirtschaftskammer gibt jeder der drei Millionen Besucher im Schnitt 18 Euro aus. Dividiert man das Ergebnis von 54 Millionen Euro durch die 144 Stände, ergibt das 375.000 Euro Umsatz pro Stand. Selbst wenn man hiervon noch etwa 10.000 Euro Standmiete sowie Kosten für Personal, Material und Organisation abzieht – der Gewinn bleibt trotzdem beträchtlich. Freilich muss man bei dieser Milchmädchenrechnung bedenken, dass nicht jeder Stand gleich viel Geld macht. Die Punschtheke wird wohl weit mehr abwerfen als der Stand mit den mundgeblasenen Christbaumkugeln.

Keskin ist jedenfalls optimistisch, den Expansionskurs fortzusetzen. Er leert sein Glas mit Zitronentee, während einen Kilometer vom Orient & Occident entfernt die Christkindlstandler die allerletzten Vorbereitungen für den Eröffnungstag treffen.

Nach den Kindern die Punschfraktion
Drei Tage später, Sonntag, 17 Uhr nachmittags. Untertags hatten 20 Grad Celsius die Stadt in Frühlingsstimmung versetzt, jetzt ist der Christkindlmarkt überraschenderweise trotzdem übervoll. Fortbewegen kann man sich nur stockend. Die Menschen drängen sich um Stände, drehen prüfend Haarreifen mit rotleuchtenden Weihnachtssternen hin und her, reden darüber, wie chemisch der Punsch doch heutzutage geworden ist. Um 16 Uhr vernahm Stephanie, das Christkind des Jahres, Kinderwünsche. Zwei Stunden danach sind die Kinder schon eher von der Punschfraktion verdrängt worden. Wie Inseln stehen Gruppen junger Menschen im Gedränge und balancieren Pfandhäferln. Manch Winterjacke hat schon Mayonnaisespuren abbekommen von den prall gefüllten Erdäpfeln auf Papiertellern, die hier überall verkauft werden.

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Übervolle Punschtheke: Die Wirklichkeit zum Klischee (Foto: Corn)

Man verdiene nicht schlecht am Markt, sagt einer der Standler. Er bietet Süßgebäck an, Zahlen möchte er keine nennen. Ein „weihnachtliches Einkaufserlebnis“ hat Akan Keskin den Markt Tage zuvor genannt. Hier kommt einem eher eine brummende Maschine in den Sinn, die Menschen ansaugt und sie nach einiger Zeit in leicht erschöpftem Zustand wieder in die normale Welt entlässt. Nicht selten halten sie am Ausgang immer noch ihre Häferln mit dem Mini-Rathaus in der Hand.

Christkindlmarkt und Adventzauber
1., Rathausplatz
13.11. bis 23.12.
So-Do 10-21.30,
Fr-Sa 10-22 Uhr,
7.12. 10-22 Uhr

Die kleine Häferlhistorie
Kitsch, Kommerz und Symbol des Christkindlmarkts ist das Anfang der 90er aufgekommene Pfandhäferl, aus dem Hektoliter an Punsch und Glühwein ihren letzten Weg antreten. Am Rathausplatz kam es erstmals 1992 zum Einsatz:

Erschienen im Falter 46/2010

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Hochzeit, Firmung, Erstkommunion: Wer geht heutzutage eigentlich noch in ein klassisches Wiener Fotostudio?

Hier geht’s zur Hauptgeschichte

Michael Weinwurm, 47, führt seit 20 Jahren ein Fotostudio in der Neubaugasse. Im Falter spricht er über seinen Beruf im Wandel der Zeit.

Falter: Herr Weinwurm, heutzutage kann jeder, der über einen mittelguten Computer verfügt, mit wenig Aufwand ein schönes Porträt von sich basteln. Wer braucht in diesen Zeiten eigentlich noch klassische Fotostudios?

Michael Weinwurm: Ein Foto lebt ja nicht nur von der Ablichtung, sondern auch von der Aussage. Bei Werbung und PR zum Beispiel ist jede Nuance wichtig, von Körpersprache über Haltung bis Lichtführung. Da geht es um viel mehr, als bloß ein einigermaßen schönes Bild zu basteln.

Ist in Ihrer Arbeit der Anteil privater Porträts im Vergleich zu anderen Geschäftszweigen zurückgegangen?

Weinwurm: Ja, der klassische Privatanwendungsbereich ist sicher weniger geworden. Es gibt zum Beispiel – gerade in Wien – viel weniger kirchliche Trauungen als früher. Die waren immer ein Hauptgeschäft.

Also Hochzeit, Erstkommunion, Firmung, Geburt …

Weinwurm: … spielen nicht mehr so eine große Rolle. Außerdem hat man vor 20 Jahren viel öfter im Studio arrangiert. Heute greift man natürlich auch noch ein. Aber eine volle Stunde Herumstehen, die Hand feierlich auf ein Buch gelegt – das gibt es heute nicht mehr.

Stellen sich Leute überhaupt noch gerahmte Fotos ins Wohnzimmer, wenn sie schon 10.000 auf der Festplatte liegen haben?

Weinwurm: Absolut. Das Für-sich-selbst-ein-Denkmal-Setzen gibt es genauso wie früher. Damen- und Herrenserien sind heute unser Schwerpunktgeschäft, manchmal nur der Selbstdarstellung halber, manchmal mit erotischer Note.

Würden Sie sagen, dass Ihre klassischen Fotos unverfälschter sind als Amateurfotos, die möglicherweise mit Photoshop nachbearbeitet sind? Legen Ihre Kunden auf solche Unverfälschtheit wert? Oder wollen sie nur schön und proper dargestellt sein?

Weinwurm: Ich glaube, Bildkorrekturen gibt es schon seit den Pharaonen. Das Studio Simonis war ja seinerzeit auch ein Meister der Negativretusche. Diese Retusche ist heute einfacher geworden – der Wunsch nach Selbstdarstellung ist aber immer derselbe. Die Umsetzung dieses Wunsches ist unser Job. Wobei der Fotograf meist mehr spüren und wissen muss, als sein Kunde sagt, weil dieser sich mancher Dinge selbst nicht ganz bewusst ist. Das ist dann mehr Psychologie als Fototechnik.

Simonis hat 2005 zugesperrt. Hat sich die Zahl an Fotostudios in Wien stark reduziert?

Weinwurm: Der Markt hat sich verändert. Es gibt wahrscheinlich nicht weniger Fotografen als früher, aber wesentlich weniger mit offenem Gassengeschäft. In einem Atelier in einer Wohnung kann ich mir Termine machen, andernfalls muss ich zu den Öffnungszeiten hier sein. Heute gibt es nicht einmal mehr in jedem Bezirk ein Studio.

Erschienen im Falter 24/2010

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