Archiv der Kategorie: Arbeitswelten

„Es ist das Logischste der Welt, dass die Menschen weniger arbeiten werden“

Aus profil 17/2018

Viele klagen, dass es keine großen Visionen für die Gesellschaft mehr gäbe. Nun hat sich der bekannte deutsche Philosoph Richard David Precht an einer versucht. Ein Gespräch über die Zukunft der Arbeit und das Ende des Kapitalismus.

Interview:
Joseph Gepp

Von der Hirnforschung zur Eltern- Kind- Bindung, von Tierrechten zur Theologie, vom moralisch richtigen Handeln bis zum Bildungssystem -der deutsche Philosoph, TV-Moderator und Bestsellerautor Richard David Precht, Jahrgang 1964, hat sich im Lauf seiner Karriere schon auf vielen Gebieten betätigt. In seinem neuesten Werk, das am 23. April erscheint, erschließt er sich wieder eines: die Frage nach der Zukunft der Arbeitswelt angesichts der Digitalisierung und des Aufstiegs großer Datenkonzerne.

Wir brauchen eine komplette Neuorganisation derselben, ist Precht überzeugt -beispielsweise in Form kürzerer Arbeitszeiten, neuer Steuern und eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Und: Je früher die Staaten mit dem Systemumbau beginnen, desto weniger Verwerfungen wird die Transformation nach sich ziehen.

Das Werk zeichnet ein großes Bild, will eine Vision vermitteln -genau dies nämlich, meint Precht, komme in modernen Gesellschaften oft unter die Räder zwischen knappen Politiker-Slogans und technokratisch-wissenschaftlicher Detailverliebtheit. Ein Exklusiv-Interview für Österreich.

profil: Der Titel Ihres neuen Buchs -„Jäger, Hirten, Kritiker“ – ist ein Zitat von Karl Marx. Es bezieht sich darauf, dass in einer vollendet kommunistischen Gesellschaft jeder jener Tätigkeit nachgehen kann, nach der ihm der Sinn steht. Was sagt uns Marx heutzutage?

Precht: Der Marxismus galt lange als diskreditiert. Aber heute gilt es, ihn wiederzuentdecken. Wir müssen ihn gegen Stalinismus und Maoismus verteidigen, die kaum mit dem echten Marx zu tun haben. Marx hat zwar einige bedenkliche Passagen geschrieben, über die „Diktatur des Proletariats“ zum Beispiel. Aber schon er selbst hat sich von solchen Ansichten distanziert. Im dritten Band des „Kapitals“ spricht Marx nicht mehr von einer zwischenzeitlichen Diktatur auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft, sondern skizziert ein ganz anderes Szenario, wie der Kapitalismus zugrunde gehen wird.

profil:
Wie denn?

Precht: Einerseits ist dort die Rede von unglaublichen Mengen fiktiven Kapitals, wie Marx das nennt – also von überbordendem Finanzkapital. Andererseits führt Marx aus: Je stärker die Automatisierung der weltwirtschaftlichen Produktion voranschreitet, umso geringer wird die Profitrate. Denn es braucht immer weniger Arbeitskräfte, um die Waren herzustellen. Demnach haben die Beschäftigten weniger Einkommen und weniger Kaufkraft, um sich die Produkte zu leisten -worunter wiederum die Unternehmen leiden. An dieser Dynamik würde der Kapitalismus langfristig zerbrechen, meinte Marx. Gerade erleben wir, wie die Automatisierung durch die Digitalisierung einen neuen Schub erhält.

profil: Also geschieht, was Marx prophezeit hat?

Precht: Das ist die spannende Frage. Ich glaube nicht, dass man Marx hundertprozentig auf die Realität umlegen kann. Er sieht die Angelegenheit naturgesetzlich, aber in Wahrheit erweist sich der Kapitalismus als geschmeidig und anpassungsfähig. Trotzdem bemerken wir seit den 1970er-Jahren eine auseinandergehende Schere zwischen Produktivität und Kaufkraft. Das heißt, die Unternehmen produzieren zwar immer größere Mengen, aber die Menschen können sich das nicht genauso entsprechend leisten. Dieses Phänomen passt durchaus zu Marx‘ Vorhersagen. Vorläufig haben viele Regierungen das Problem ausgeglichen durch Staatsverschuldung, aber das geht nicht dauerhaft so weiter.

Richard David Precht

profil: Marx meinte, wenn der Kapitalismus schlussendlich zerfallen sei, werde sich der paradiesische Zustand des Kommunismus einstellen, in dem alle Menschen ohne Erwerbszwang tun, was sie wollen.

Precht: Darin stimme ich nicht mit ihm überein. Wenn Staat und Kapitalismus absterben, werden sich vielmehr anarchische Verhältnisse wie in Afghanistan und Somalia breitmachen. Es gilt das Recht des Stärkeren; irgendwelche Oligarchen werden sich durchsetzen. Ich glaube an einen anderen Weg: Langfristig müssen wir mehr Sozialismus im Kapitalismus implementieren. Zum Beispiel durch Mittel wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen.

profil: Wie soll man sich das vorstellen, Sozialismus im Kapitalismus?

Precht:
Bei genauer Betrachtung ist es historisch folgerichtig. Denken Sie an die erste Industrielle Revolution im 19. Jahrhundert. Die Masse der Arbeiter bekam rein gar nichts ab von ihren Segnungen. Deshalb führte der deutsche Kanzler Bismarck auf Druck der Sozialdemokratie erstmals Sozialgesetze ein. Damals wurde also schon ein klein bisschen Sozialismus in den Kapitalismus implementiert. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, haben die Denker der Freiburger Schule die Soziale Marktwirtschaft propagiert. Sie wollten damit verhindern, dass sich das Volk dem realsozialistischen Osten zuwendet. Das Konzept diente als Hintergrund für den modernen Sozialstaat mit seinen vielfältigen sozialen Absicherungen. Wieder wurde ein weiteres Stück Sozialismus in den Kapitalismus eingebaut. Heute steht uns schließlich mit der Digitalisierung die vierte Industrielle Revolution ins Haus. Die Antwort kann nur lauten: noch mehr Sozialismus in den Kapitalismus.

profil: Inzwischen geht die Entwicklung doch seit Jahrzehnten wieder in die andere Richtung: Arbeitsmärkte werden liberalisiert, Hürden für Unternehmen abgebaut, Grenzen für Kapital geöffnet.

Precht:
Die Entwicklung ist nicht ganz linear, sondern geschieht in Wellen. Es gab etwa Initiativen wie die Hartz-IV-Reformen in Deutschland. Aber das bedeutet keineswegs, dass die Soziale Marktwirtschaft abgeschafft worden wäre. In Summe lebt man in Deutschland und anderen europäischen Staaten heute viel stärker sozialistisch abgesichert als beispielsweise im formell kommunistischen China.

profil: Sie schreiben, die Ideologie der Arbeitsfreiheit habe sich bereits zur Hälfte erfüllt. Vor einem Jahrhundert arbeiteten die Menschen noch 70 bis 80 Wochenstunden, heute sind es 40. Werden wir bald noch weniger arbeiten?

Precht: Genau das ist der Sinn der Übung. Wir bauen Maschinen, damit sie uns körperlich harte und eintönige Arbeiten abnehmen. Durch die Digitalisierung bekommt dieser Prozess einen weiteren Schub. Es ist das Logischste der Welt, dass die Menschen weniger arbeiten werden.

profil: Aktivisten wie die Ludditen – frühe Maschinenstürmer im England des 19. Jahrhunderts – fürchteten schon vor 200 Jahren, dass Maschinen menschliche Arbeit überflüssig machen würden. Es gibt „Spiegel“-Titelgeschichten aus den 1980er-Jahren, die warnen, dass die Roboter kommen. Warum sollte es ausgerechnet jetzt wirklich so weit sein?

Precht: In der Tat hat der technische Fortschritt bisher langfristig immer mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet. Die Kinder jener Arbeiter, die einst im Kohlenschacht oder Stahlwerk geschuftet hatten, wurden später Verwaltungsangestellte und Versicherungsvertreter. Berufe verlagerten sich also in den Dienstleistungssektor. Ich frage mich aber, ob das so weitergehen kann. Die Automatisierung ist inzwischen schlicht zu weit fortgeschritten. Neue Jobs entstehen zwar, aber nur noch wenige, und dies vor allem im High-End-Bereich. Können wir in einigen Jahrzehnten wirklich ehemalige Busfahrer massenhaft am Arbeitsmarkt unterbringen, indem wir sie rechtzeitig zu Top-Informatikern ausbilden? Werden wir dann überhaupt noch Informatiker brauchen -oder wird bereits künstliche Intelligenz die Programmierarbeit übernommen haben?

profil: Es droht also Massenarbeitslosigkeit.

Precht: Ich sehe es nicht so negativ. Was war gut daran, dass die Leute einst 80 Stunden gearbeitet haben? Noch Anfang des 19. Jahrhunderts sind Bauern in schlechten Erntejahren häufig verhungert, trotz härtester Knochenarbeit. Wenn wir weniger arbeiten, bedeutet das mehr Freizeit. Neben den Müttern können sich beispielsweise auch Väter um ihre Kinder kümmern – ein relativ neues Phänomen. Diese Entwicklung trifft den Nerv vieler, zumal junger Menschen. Und zwar in ganz und gar positiver Hinsicht.

profil: Aber die Finanzierbarkeit unserer staatlichen Sozialsysteme hängt davon ab, dass viele Menschen lange erwerbstätig sind, Güter und Dienstleistungen erwirtschaften und darauf Steuern zahlen.

Precht: Die Transformation wird auch Verlierer hervorbringen. Besagten Busfahrer beispielsweise droht die Frühpensionierung; viele werden im mittleren Alter keinen Job mehr finden. Ich plädiere deshalb für eine materielle Absicherung in Form eines Grundeinkommens, die deutlich höher liegt als das, was man derzeit in Deutschland in Form von Hartz IV bekommt.

profil: Ein Grundeinkommen wäre letztlich auch nur durch die Wertschöpfung jener finanziert, die arbeiten gehen. Es braucht quasi genug Jobs, damit sich ein Staat ein Grundeinkommen leisten kann.

Precht: In dem Konzept, das ich skizziere, ist dies nicht der Fall. Das Grundeinkommen könnte – statt durch Steuern auf Arbeit – auch durch Mikrosteuern finanziert werden, etwa eine Finanztransaktionssteuer. Diese würde den kleinen Mann kaum treffen. Wenn er irgendwo 100 Euro abhebt, gehen davon eben 40 Cent an den Staat. So viel berappt er unter Umständen bereits heute an Bankgebühren. Bei jenen hingegen, die täglich Milliardensummen bewegen, würden gewaltige Summen zusammenkommen.

profil: In der EU verhandeln einige Staaten bereits seit Jahren über diese Steuer. Auch Österreich und Deutschland hätten sie gern. Doch das Projekt gilt aufgrund des Widerstands der Finanzwirtschaft inzwischen als gescheitert.

Precht: Im Moment ist die Beschäftigungslage noch ausgesprochen gut – zumindest in jener Kernzone von Europa, zu der auch Österreich und Deutschland zählen. Der Leidensdruck ist schlicht nicht hoch genug für solche großen Reformen. In jenem Moment jedoch, in dem die Arbeitslosen kommen, wird alles anders sein. Wenn es unseren Sozialsystemen wirklich an den Kragen geht, werden Politiker und Bürger neue starke Motive für Maßnahmen wie eine Finanztransaktionssteuer vorfinden.

profil: Vielleicht werden wir aber zuvor in ein neues Zeitalter autoritärer Systeme abgleiten, in dem demagogische Parteien und Regierungen mit fragwürdigem Demokratieverständnis Fremdenangst und Abschottung schüren, während die EU allmählich zerfällt. Darauf deutet doch einiges hin, finden Sie nicht?

Precht: Ich glaube, dass die Rechtspopulisten mittelfristig scheitern werden. Im Grunde genommen haben sie nichts anzubieten. Sie sagen immer nur, wogegen sie sind – und niemals, wofür. Die Rechten könnten eine echte Vision vorweisen, wenn sie beispielsweise praktikabel darlegen würden, welche Maßnahmen man setzen könnte, damit Menschen aus fremden Ländern nicht mehr gezwungen sind, diese zu verlassen. Aber diese Lösung bieten sie nicht an, genausowenig wie andere.

profil: Es gibt neben der Zukunft der Arbeitswelt noch ein weiteres Thema, dem Sie breiten Raum widmen: dem Datenschutz. Sie warnen davor, dass uns in einigen Jahrzehnten große Datenkonzerne à la Google und Facebook praktisch jede Entscheidung abnehmen, was wir konsumieren und mit wem wir uns umgeben. Gerade empört sich die internationale Öffentlichkeit auch darüber, dass das britische Unternehmen Cambridge Analytica Facebook-Daten abgesaugt hat, um Wahlkämpfe zu beeinflussen. Wie soll man diese Entwicklung abwehren?

Precht: Die neue europäische Datenschutzgrundverordnung ist eigentlich ein guter Schritt – mit Betonung auf „eigentlich“. Denn es hängt stark davon ab, wie konsequent man dieses brauchbare Gesetzeswerk in der Praxis anwendet, ebenso wie die damit verbundene E-Privacy-Regelung. Hier können die EU-Politiker zeigen, wie entschlossen sie sind. Derzeit gebe ich im Umgang mit den Datenkonzernen mein Recht auf informationelle Selbstbestimmung zur Gänze ab. Ich mache ein Häkchen bei einem Feld, dessen Bedeutung ich nicht verstehe. Danach können die Unternehmen mit meinen Daten machen, was immer sie wollen. Ich müsste bei jedem einzelnen Schritt erneut um Einverständnis gebeten werden: jeder individuell zugeschnittenen Werbeaktion, jedem Datenweiterverkauf, jeder Profiling-Maßnahme. Erst wenn dies geschehen ist, wird die Datenschutzgrundverordnung zum Erfolg.

profil: Das hieße, dass man – sobald man Google oder Facebook auch nur öffnet – sogleich gefragt wird, ob man einverstanden ist, dass das aktuelle Nutzungsverhalten gespeichert und verwertet wird. Denn derzeit fließt ja jeder einzelne Mausklick in jenen Datenschatz ein, den die Unternehmen über ihre User sammeln.

Precht: Es würde die Nutzung verkomplizieren, aber diesen Preis müssen wir eben für Selbstbestimmung zahlen. Die bessere Idee wäre allerdings, soziale Netzwerke und Suchmaschinen überhaupt durch die EU bereitzustellen statt durch Spionage-Konzerne wie Google und Facebook. Der Staat garantiert Stromnetze und Straßen – warum nicht auch eine digitale Grundversorgung ohne kommerzielle Interessen?

profil: Lassen Sie uns zuletzt ein Experiment machen. Nehmen wir an, ein Politiker würde ernsthaft jene Visionen in die Tat umsetzen wollen, die Sie propagieren. Er beginnt also konkrete Planungen. Doch dann kommen die Experten. Sie warnen davor, dass die Projekte das Budgetdefizit anschwellen lassen, dass andere EU-Mitgliedsstaaten nicht mitziehen oder dass die Gefahr einer Wirtschaftskrise droht. Allerlei praktische Hindernisse tun sich also auf. Wo ganz konkret – mit Blick auf diese Hindernisse – würden Sie mit den Reformen beginnen?

Precht: Spontan fallen mir zwei wichtige Vorhaben ein. Eine Finanztransaktionssteuer könnte man zur allergrößten Not auch auf nationaler Ebene einführen. Wenn ein großes Land wie Deutschland vorangeht, würden andere wohl nachziehen. Zweitens könnte man auch im Bildungssystem auf der Stelle etwas tun. Man könnte den Schulen mehr Spielraum und Autonomie verleihen. Das wären zwei Schritte, die unmittelbar machbar wären.

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Goldman, € 20,60

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Können Opfer gleichzeitig auch Täter sein, Frau Winter?

Aus dem FALTER 33/2013

Werbekolumne: Joseph Gepp

Helfen, das klingt einfach. Jemand benötigt Hilfe, man leistet sie und steht damit moralisch auf der richtigen Seite. Ein Werbespot des Roten Kreuzes, der zum Spenden auffordert, durchkreuzt dieses schlichte Bild. Er liefert etwas, das man in der Werbewelt selten findet: Differenzierung. Trotzdem verliert die Botschaft nichts von ihrer Wucht, im Gegenteil.

Zu sehen sind Hilfsbedürftige – und zu hören sind Zweifel. „Warum Opfern helfen, die auch Täter sind?“, heißt es beispielsweise mit Blick auf einen müden Guerillakämpfer, der sich in einem Zeltlager in einem Kriegsgebiet ausrastet, das Gewehr auf dem Schoß. Nächstes Bild: ein demenzkranker alter Mann im Nachtmantel. „Warum zuhören, wenn einer ständig dasselbe erzählt“, lautet die dazugehörige Frage. Die Antwort liefert schließlich der Slogan des Roten Kreuzes: „Aus Liebe zum Menschen.“

Statt nur auf die Tränendrüse zu drücken, lässt der Spot die Zuseher ahnen, dass die Arbeit als Helfer manchmal frustrierend ist. Er zeigt Situationen, in denen man als Helfer nicht mehr tun kann, als das Unvermeidliche etwas abzumildern.

Die Botschaft der Werbung richte sich deshalb nicht nur an potenzielle Unterstützer, erklärt Andrea Winter, Kommunikationschefin des Roten Kreuzes – sondern auch „an die interne Zielgruppe“. Das sind jene rund 60.000 ehrenamtliche Helfer, die Situationen wie die aus der Werbung wohl aus ihrer Arbeit kennen. Darüber hinaus spiegelt der Spot laut Winter „die Basis der Grundsätze des Roten Kreuzes wieder“: dass jedem unterschiedslos geholfen werde.

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Nachgesehen: Stehen alle Räder still, wenn die Gewerkschaft das will? In Wien nicht

Aus dem FALTER 47/2012

Der vergangene Mittwoch hätte nach dem Wunsch der europäischen Gewerkschaften zum übernationalen „Solidaritätstag“ werden sollen. Widerstand gegen radikale Sparpolitik lautete die Devise der Arbeitnehmervertretungen des Kontinents – und alle Räder sollten stillstehen: In Spanien und Portugal gab es einen 24-stündigen Generalstreik, Hunderttausende demonstrierten. Ebenso streikten Arbeitnehmer in Italien, Griechenland und Belgien. Und in Wien?

Rund 200 Leute, größtenteils ÖGBler, haben sich auf dem Stephansplatz versammelt und tanzen Sirtaki für Griechenland. Bald danach hat sich die Ansammlung schon wieder verlaufen. Transparente („Eat the Rich“) werden verstaut, die letzten Flugzettelverteiler verlieren sich schnell im Fluss der Passanten und Touristen.

So verkehrt sich die geplante Solidaritätsaktion eher in ihr Gegenteil: in ein Symbol dafür, wie weit die Krise Südeuropas von Wien entfernt scheint.

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Akademie der Wissenschaften: totales Sparen an der Forschung

Aus dem FALTER 47/2011

Ein Wiener Schauplatz, an dem kleine oder große Politik stattfindet

Foto: Heribert Corn

Mit „dramatischen Auswirkungen“ rechnet Bedanna Bapuly, wenn tatsächlich realisiert wird, was das Wissenschaftsministerium und die Akademie der Wissenschaften bis 2014 planen: den Abbau eines Drittels der Planstellen der Institution. „Die Langfristigkeit für Grundlagenforschung kann nur eine außeruniversitäre Einrichtung wie wir garantieren“, ergänzt Kollege Hans Peter Hye.

Machen gegen den radikalen Sparkurs in ihrer Wissenschaftsinstitution mobil: Betriebsräte Hans Peter Hye und Bedanne Bapuly auf der Dachterrasse der altehrwürdigen Akademie der Wissenschaften

Hye und Bapuly sind Betriebsräte an der Akademie. Die radikalen Sparmaßnahmen, die die Bundesregierung außeruniversitären Institutionen auferlegt, trifft ihren Arbeitsplatz besonders hart. Mit einer Petition soll nun dagegen mobil gemacht werden, dass 300 von 900 fixen Planstellen abgebaut werden, durch Kündigung und Personaltransfer zu Universitäten.

Von der Notwendigkeit eines „Sozialplans“ spricht Bapuly. Hye sagt, dass selbst langjährige Anstellungen zur Disposition stünden. „Das ist eine Katastrophe für den Wissenschaftsstandort Österreich.“

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Geburtenrate: Mehr vom Selben macht’s auch nicht besser

Aus dem FALTER 33/2011

Kommentar Sozialpolitik

Wir erhöhen die Dosis, auch wenn das Medikament nicht anschlägt – so lautet das Rezept der Politik, die Österreicherinnen zum Kinderkriegen zu motivieren. Mit 1,4 Kindern pro Frau liegt die Geburtenrate seit Jahren unter dem EU-Schnitt. Was macht Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP), um sie anzuheben? Sie erweitert das bisherige System.

Wer in Österreich Kinder kriegt, dem gewährte der Staat vor allem steuerliche Vorteile. Die Kosten für ein Kindermädchen etwa kann man beim jährlichen Steuerausgleich ebenso geltend machen wie das Au-pair, das man sich leistet. Mittels Fekter’schem Erlass kann nun zusätzlich etwa auch der große Brocken Ferienbetreuung – also Sommercamps – steuerlich abgesetzt werden.

Eines hat die Ministerin dabei aber nicht bedacht: Steuerbefreiungen kommen vor allem denen zugute, die viele Steuern zahlen. Also den Gutverdienenden.

Die alleinerziehende Mutter von heute, die knapp über der Armutsgrenze lebt, kann sich oft keinen Sportkurs für ihre Kleinen leisten. Ebenso fällt das teure Sommercamp flach. Wenn sie einen Babysitter braucht, kommt wohl eher die Schwarzarbeiterin als das ausgebildete Kindermädchen zum Zug.

29 Prozent der heimischen Alleinerziehenden sind armutsgefährdet. Was müssten sie tun, um der Armut zu entrinnen? Arbeiten. Was müssten sie tun, um staatliche Steuervorteile zu genießen? Arbeiten.

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Damit Fekters Maßnahmen greifen und die Geburtenrate steigt, müssten zuallererst Kinderbetreuungsmöglichkeiten ausgebaut und Alleinerziehenden somit das Erwerbsleben erleichtert werden.

Joseph Gepp

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MA 2412 wird wahr! Der Magistrat zieht ins besetzte Haus

Aus dem FALTER 31/2011

Glosse

Eine Hausbesetzung kürzlich in der Triester Straße gibt uns Gelegenheit, über Selbst- und Fremdbilder nachzudenken. Es war nämlich nicht irgendein Haus, das 20 junge Aktivisten einnahmen, um polizeilich wieder nach draußen geleitet zu werden. Es war die Kulisse für „MA2412“.

In der Serie führen Herr Breitfuß und Frau Knackal vor, wie man sich den Alltag kommunaler Beamten vorzustellen hat. In der Wirklichkeit sollen tatsächlich zwei Magistratsabteilungen einziehen. Wie werden sie sich fühlen? Wird sie das Arbeitsumfeld zu Leistungen anspornen, gegen die jede Privatwirtschaft wie „MA2412“ wirkt? Oder wird jede Mauerritze daran erinnern, wie die Welt draußen den Magistrat sieht?

Wären die Besetzer doch geblieben! Sie hätten den Beamten solche Identitätskonflikte erspart.

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Der Aufstand der Massen im Namen des Guten

Aus dem FALTER, 19/2011

Die Webgemeinschaft bläst zum Angriff, weil ein Obdachloser rüde aus einem Bierlokal geworfen wurde. Angeblich

Bericht: Ruth Eisenreich,
Joseph Gepp

Foto: Heribert Corn

Es ist eine empörende Geschichte, die der Informatiker Andreas Marek, 30, von seinem Besuch in einem Bierlokal im Alten AKH erzählt. Eine Geschichte von der Demütigung eines ohnehin Schwachen in der Stiegl-Ambulanz, einer Gaststätte am Uni-Campus, die auf etwas schicker macht als die sie umgebenden Lokale.

Ende April sei ihr Sohn dort zu Gast gewesen, berichtet Mareks Mutter in einem E-Mail. Die Bedienung habe einen Augustin-Verkäufer, etwa 60, rüde des Lokals verweisen wollen. Marek fand die Behandlung derart unerhört, dass er den Obdachlosen auf ein Getränk einlud. Daraufhin kam der Restaurantleiter und wies dem Verkäufer erneut die Tür. Die Situation schaukelte sich auf, schreibt Frau Marek, als eine zweite Kellnerin für den Obdachlosen Partei ergriff – der Chef entließ sie. „Na“, soll er zu Marek gesagt haben, „sind Sie stolz, dass sie Ihretwegen ihren Job verliert?“

Derartige Mails über große und kleine Ungerechtigkeiten erreichen Redaktionen tagtäglich. Viele versanden, manche lösen Skandale aus.

Mareks Erlebnis im Beisl hatte im Internet einen Sturm der Entrüstung von bisher selten gekannten Dimensionen zur Folge. Nachdem die Online-Ausgabe des Standard über den Fall berichtet hatte, artikulierten Tausende in Webforen, auf Twitter und Facebook ihren Unmut. Sie bliesen zur „Hetze auf die Hetzer“, wie ein User schreibt. Schnell ging die allgemeine Wut über den konkreten Vorfall hinaus: In Postings sprachen Empörte von langen Wartezeiten in der Stiegl-Ambulanz und davon, dass das Bier dort „wie Seifenwasser“ schmecke. Sie forderten die Schließung des Lokals, orteten Rassismus, durchleuchteten angebliche private Geldsorgen der Geschäftsführerin und unterstellten gar der Salzburger Stiegl-Brauerei eine Nähe zu „deutschnationalen Ideen“ – obwohl diese nur als Verpächter der Ambulanz fungiert.

Der Vorfall in der Stiegl-Ambulanz wirft nicht nur die Frage auf, wie Straßenzeitungsverkäufer in Lokalen behandelt werden. Er zeigt auch, wie rasch sich in Plattformen wie Facebook und Twitter – unterstützt durch schnellen Internetjournalismus – die Masse im Namen des Guten emotionalisiert.

Ein Augustin-Verkäufer vor der Stiegl-Ambulanz. Was geschah drinnen?

„Ohne Social Networks hätte der Fall nicht so viel Aufsehen erregt“, sagt Axel Maireder vom Publizistikinstitut der Uni Wien. „Über Facebook verteilte Nachrichten erwecken besonderes Interesse, weil sie von Menschen kommen, die wir kennen.“ Eine „sehr niederschwellige Aktivität“ – das „Liken“ oder Kommentieren einer Seite – reiche aus, um die Nachricht in seinem Umfeld zu verbreiten.

Auch der Falter hat vor drei Wochen Andreas Mareks E-Mail erhalten – und die Stiegl-Ambulanz um eine Stellungnahme gebeten. Restaurantleiter Hans Peter Fasching verstrickte sich daraufhin in Widersprüche und drohte dem Falter schließlich mit dem Anwalt. Auf weiteres Insistieren präsentierte Geschäftsführerin Manuela Nagl eine andere Version der Geschichte als Andreas Marek: Augustin-Verkäufer seien grundsätzlich willkommen, sagte sie – der Betreffende aber habe keinen Verkäuferausweis gehabt, außerdem sei er stark alkoholisiert und verwahrlost gewesen. Dass eine Kellnerin gefeuert worden sei, weist Nagl vehement zurück.

Der Falter wollte den Fall daraufhin genauer prüfen – doch welche Version richtig ist, ließ sich nicht feststellen. Andreas Marek war trotz tagelanger Versuche nicht erreichbar; unbeteiligte Zeugen des Vorfalls fanden sich nicht; der betroffene Verkäufer tauchte in der Augustin-Redaktion niemals auf. Und Manuela Nagl wollte nach dem Aufruhr im Web kein weiteres Mal mit Medien sprechen. Per Aussendung lud sie alle Wiener Augustin-Verkäufer auf ein Kesselgulasch in die Stiegl-Ambulanz ein.

Was bleibt, ist eine widersprüchliche Geschichte, die eine Massenempörung hervorrief. „Nur eine Stunde nachdem der Artikel im Online-Standard erschienen war, hatten sich schon hunderte im Internet zu Wort gemeldet“, erzählt der Wiener PR-Manager Stefan Bachleitner, der „aus Empörung“ mittwitterte. „Es war eine große Dynamik. Aber als sich noch am selben Abend Stiegl-Ambulanz und Stiegl-Brauerei vom Fall distanzierten, dachte ich mir: Damit hat sich die Sache jetzt langsam.“

Bachleitner sollte Unrecht behalten.

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Eingeordnet unter Arbeitswelten, Soziales, Wien