Archiv der Kategorie: Allgemein

Spieltrieb

Aus dem profil 06/2019 vom 3.2.2019

Vergangene Woche berichtete profil über ein umstrittenes Angebot der Donau-Uni Krems (DUK) in Niederösterreich. Sie betreibt neuerdings den Glücksspiel-Lehrgang „Leisure, Entertainment and Gaming Business Management“. Ein steuergeldfinanziertes Service für Manager der Glücksspiel-Industrie, kritisieren die niederösterreichischen Grünen rund um Obfrau Helga Krismer und Abgeordneten Georg Ecker. Nun beschäftigt die Causa den Sankt Pöltner Landtag. Die Grünen fordern das Land auf, keine Mittel für den Lehrgang freizugeben – und appellieren überdies an die DUK, das Angebot überhaupt zu überdenken.

In der DUK verwies man vergangene Woche darauf, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema durchaus gesellschaftlich relevant sei. Überdies werde der Lehrgang ausschließlich durch Teilnahmegebühren finanziert. Weder flössen Steuergelder hinein noch etwaige Unterstützungsgelder aus der Branche, so DUK-Sprecher Stefan Sagl.

Nicht ganz ins Bild jedoch passt da ein Eintrag auf der Fach-Website „spieler-info.at“ vom vergangenen Oktober, der sich positiv mit dem Lehrgang auseinandersetzt. Darin wird Managern von Novomatic AG und Casinos Austria gedankt, dass sie das Projekt unterstützen. Insbesondere Novomatic-Vorstandschef Harald Neumann „gebührt Dank für die massive Unterstützung, die es ermöglicht, dass der erste Lehrgang für Studenten ab dem Sommersemester 2019 offensteht“, so der Artikel. Novomatic-Gründer Johann Graf, heißt es, habe „bereits im Jahr 2014 die Bedeutung einer derartigen universitären Ausbildung erkannt und Unterstützung zugesagt“.

Dem Vorstand der Casinos Austria wiederum gebühre Dank, weil er „einen wesentlichen Beitrag zum Entstehen dieses weltweit vorbildlichen universitären Glücksspiel-Lehrganges“ geleistet habe.

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Darf Krems Las Vegas werden?

Aus dem profil 05/2019 vom 27.01.2019

Dass Universitäten und Fachhochschulen mitunter recht ausgefallene Studienrichtungen anbieten, um spezifischen Bedürfnissen der Wirtschaft gerecht zu werden, ist nichts Neues. Die Donau-Universität Krems in Niederösterreich (DUK) jedoch hat nun mit einer Neugründung über das Ziel hinausgeschossen, monieren Kritiker. „Leisure, Entertainment and Gaming Business Management“ heißt ein neuer Lehrgang an der DUK. Im Klartext: Glücksspiel-Management. Das Programm zwischen zwei und vier Semestern, das berufsbegleitend angeboten wird, richtet sich laut DUK- Website ausschließlich an bereits tätige „Manager im Leisure, Entertainment and Gaming Business mit mehrjähriger Berufserfahrung, die sich auf eine zukünftige Führungsposition vorbereiten“. Heißt: Im Wesentlichen dürfte es sich um Weiterbildungsseminare für Führungskräfte aus der Glücksspielbranche handeln.

Die Universität wird mit Steuergeld gefördert. Mit 5,43 Millionen Euro sponsert Sankt Pölten die DUK, Niederösterreichs einzige Universität, aus dem laufenden Landesbudget. Dazu kommen Fördergelder des Bundes. Helga Krismer, Landessprecherin der niederösterreichischen Grünen, spricht von einer „Grenzüberschreitung“:“Ein derartiger Lehrgang ist nicht im Sinne der Steuerzahler. Wenn Konzerne wie beispielsweise die Novomatic AG Schulungen ihrer Mitarbeiter benötigten, dann mögen sie dies ohne Steuergeld selbst organisieren.“

Dass Glücksspiel häufig Leid und Gewalt hervorbringt, ist jedenfalls hinreichend dokumentiert. In Österreich dürften laut Spielsuchthilfe rund ein Prozent der Erwachsenen spielsüchtig sein. An zahlreichen Kriminalfällen -von Beziehungsgewalttaten bis zu Trafiküberfällen -hat die Spielsucht ihren Anteil. Zuletzt etwa war auch jener Mazedonier spielsüchtig, der in Tulln seine Frau erstach. In den vergangenen Jahren hat sich das Problem laut Experten von Automaten eher in die Online-Sphäre verlagert. Der Trend in Europa geht klar in Richtung mehr gesetzlicher Einschränkung: In Deutschland wurden beispielsweise kürzlich die Gewinn-und Verlustchancen an Automaten stark beschränkt. Italien verbietet gerade die Werbung für Online-Wetten.

Braucht es angesichts all dessen wirklich ein steuergeldfinanziertes Glücksspiel-Studium? Der Lehrgang sei durchaus von gesellschaftlicher Relevanz, sagt Alexander Pfeiffer, Leiter des Zentrums für Angewandte Spieleforschung an der DUK. „Digitale Spiele verschwimmen immer mehr mit Elementen des Glücksspiels. Diese Sphäre wollen wir als eine der führenden Institutionen in Sachen Spieleforschung akademisch abbilden und erforschen. Da geht es auch um Themen wie Spielerschutz, Suchtprävention und Aufklärungsarbeit.“ Überdies sei der Lehrgang nicht nur für Manager gedacht, sondern auch für andere Leute, die mit dem Bereich zu tun haben, etwa Beamte und Journalisten. Zudem wird laut DUK kein Steuergeld für den Lehrgang aufgewendet. Er finde nur statt, wenn er -durch Teilnahmegebühren -kostendeckend zu finanzieren sei.

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Ungleichklang

Aus dem profil 04/2019 vom 20.01.2019

Wer besitzt was und wie verteilen sich die Vermögen in Österreich?


Joseph Gepp

„Die Verteilung des Nettovermögens in Österreich rangiert unter den ungleichsten in Europa.“ So lautet die zentrale Erkenntnis des aktuellen HFCS-Berichts („Eurosystem Household Finance and Consumption“). Dabei handelt es sich um eine EU-weit standardisierte Umfrage unter einigen Tausend Haushalten pro Land. Die Letztfassung für Österreich wurde vergangene Woche von der heimischen Nationalbank präsentiert (einige Erkenntnisse daraus siehe links und rechts).

Demnach besitzt das reichste Prozent der Österreicher derzeit knapp ein Viertel des Nettovermögens. Die untere Hälfte nennt hingegen nur vier Prozent ihr Eigen, also fast nichts. Immerhin ist die gibt es die HFCS-Erhebungen – nicht noch weiter angewachsen. Vermögensungleichheit in Österreich seit dem Jahr 2010 -seither

Hinter der Ungleichverteilung stecken widersprüchliche Ursachen. Einerseits sind die Vermögen hierzulande vergleichsweise niedrig besteuert -etwa im Gegensatz zu den Löhnen der Beschäftigten. Vor allem von einer Wiedereinführung der Erbschafts-und Schenkungssteuer, die im Jahr 2008 ersatzlos abgeschafft wurde, würden sich Experten mehr Gleichverteilung und eine Entlastung für mittlere und ärmere Haushalte versprechen. Doch daran ist derzeit politisch nicht gedacht.

Andererseits hängt die Ungleichheit auch mit einer prinzipiell positiven Errungenschaft zusammen, dem gut ausgebauten Sozialstaat in Österreich. Seinetwegen müssen die Bürger beispielsweise weniger Geld für private Gesundheitsvorsorge zur Seite legen oder können im Sozialen Wohnbau zur Miete wohnen. Ausgerechnet solche Annehmlichkeiten befördern paradoxerweise die statistisch gemessene Ungleichverteilung.

43 % der befragten Haushalte finden, dass arme Menschen in Österreich durch harte Arbeit zu Reichtum kommen können. Daran glauben jedoch die Reichen viel öfter als die Armen.

45,9 % der Österreicher sind Eigentümer jener Immobilie, in der sie wohnen. Wem seine Wohnung gehört, der zählt fast immer zur oberen Hälfte in der Reichtumsskala.

Zwei Drittel der österreichischen Haushalte besitzen zumindest ein Auto. Durchschnittlicher Wert: 13.000 €.

13,8 %
der Haushalte haben, wenn man Schulden mitberücksichtigt, überhaupt kein Vermögen.

267.000 €
besitzt der durchschnittliche österreichische Haushalt an Nettovermögen. Diese Zahl inkludiert Bargeld und Bankkonten ebenso wie den Wert von Immobilien und Autos, abzüglich der Schulden.

7 % der österreichischen Haushalte haben privat Geld verliehen. Durchschnittliche Summe: 9000 Euro.

67,3 %
der heimischen Haushalte sind schuldenfrei. Die Durchschnittshöhe bei jenen, die Schulden haben, beträgt 57.000 €.

4 %
der Haushalte halten Aktien oder Anleihen.

46 % wünschen sich eine Vermögenssteuer, aber nur

20 % eine Erbschaftssteuer. Dabei werden die beiden Begriffe in der politischen Debatte meist synonym verwendet (in Wahrheit gibt es zwar Unterschiede, aber diese dürften den Befragten kaum bewusst sein).

Keine Superreichen, also x-fache Millionäre oder Milliardäre, sind in der HFCS-Befragung inkludiert. Warum nicht? Dass sich unter wenigen Tausend Befragten ein Superreicher findet, ist höchst unwahrscheinlich. Aufgrund dieser methodischen Unschärfe dürfte die heimische Vermögensungleichheit in Wahrheit noch größer ist, als die HFCS-Erhebung ergibt.

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Sollen wir immer weiterwachsen, Herr Badelt?

Aus profil 50/2018 vom vom 10.12.2018

Sein Institut weiß heute, wie sich Österreichs Wirtschaft morgen entwickeln wird. Aber lässt sich das in bewegten Zeiten prognostizieren? Und wofür soll Wachstum überhaupt gut sein? Christoph Badelt, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), im Gespräch.

Von Joseph Gepp und Michael Nikbakhsh

Das ist der zweite Teil der profil-Serie zum Thema Wirtschaftswachstum. Hier gehts zum ersten Teil, einem Interview mit dem US-Ökonomen James K. Galbraith.

Es hat etwas von einem Ritual. Alle drei Monate nehmen die Chefs der beiden wichtigen heimischen Wirtschaftsforschungsinstitute, des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) und des Instituts für Höhere Studien (IHS), vor Journalisten Platz, um darzulegen, wie sich die Konjunktur ihrer Ansicht nach entwickeln wird. Vor holzvertäfeltem Hintergrund werden dann mehr oder weniger erfreuliche Zahlen präsentiert und Mahnungen an die Politik ausgesprochen. Die Zeitungen des folgenden Tags strotzen vor Prozentzahlen und ökonomischen Fachausdrücken. Wozu die Übung? Sollten wir uns nicht vielmehr generell fragen, ob das Konzept des Wirtschaftswachstums noch Sinn hat? profil fand sich bei Wifo-Chef Christoph Badelt zu einem Gespräch grundsätzlicher Art ein.

profil: Herr Badelt, wie wird sich Österreichs Wirtschaft im kommenden Jahr entwickeln?

Badelt: Unsere aktuelle Konjunkturprognose geht von einem Wirtschaftswachstum von zwei Prozent aus. In der neuen, die demnächst herauskommen wird, wird sich das nicht dramatisch ändern.

profil: Plus/minus zwei Prozent sind so schlecht nicht.


Badelt:
Nein, das ist so schlecht nicht. Der Höhepunkt ist zwar überschritten und die Konjunkturlage gedämpfter als zum Jahresende 2017/2018, aber wir befinden uns nach wie vor im positiven Bereich.

profil: Wenn Sie von Höhepunkt reden, dann sind damit rund drei Prozent aufs Jahr gemeint?

Badelt: Ja, wobei sich in jeder entwickelten Industriegesellschaft die grundsätzliche Frage stellt, wie hoch das Wirtschaftswachstum überhaupt noch sein kann. Vor ein paar Jahren, als wir in der Nachhallphase der großen Krise waren, gab es Zweifel, ob in Europa jemals wieder drei Prozent erreicht werden können. Für 2018 rechnen wir nun in Österreich mit etwa drei Prozent. Diese Größenordnung ist im Augenblick das, was man als echte Hochkonjunktur bezeichnen kann.

Christoph Badelt (Foto: WU)

profil: Wie valide kann eine Konjunkturprognose in unsteten Zeiten überhaupt sein? Stichworte: Klimawandel, Brexit, Handelskonflikte, Irans Atomprogramm, Italiens Staatsschulden.

Badelt: Mit den konventionellen Methoden der Konjunkturprognose können wir relativ sicher vorhersagen, dass die Wirtschaft 2019 wachsen wird, wenn auch nicht mehr so stark. Ob das jetzt ein oder zwei Zehntelprozentpunkte mehr oder weniger sind, ist völlig irrelevant. Die von Ihnen angesprochenen Risiken sind tatsächlich signifikant und größer als üblich. Aber das können wir schlicht nicht einpreisen.

profil: Wie oft liegen Ihre Prognosen daneben?

Badelt:
Natürlich gibt es Abweichungen. Dafür gibt es verschiedene Typen von Gründen. Dem Grunde nach arbeitet die Wirtschaftsforschung mit Annahmen, und je weiter man in die Zukunft blickt, umso unschärfer wird der Blick. Tatsächlich kennen wir immer erst zwei bis drei Jahre danach die verlässlichen Daten. Wir wissen zum Beispiel erst rückblickend, dass die Konjunktur zum Jahreswechsel 2017/2018 ihren Höhepunkt überschritten hat.

profil: Kann die Politik sich beim Wifo etwas wünschen?

Badelt: Wir geben keinen Interventionen nach, das können wir uns gar nicht leisten. In den zwei Jahren, in denen ich das verantworte, gab es das auch nicht. Ich weiß aber von Vorgängern, dass es immer wieder Einflussversuche vonseiten der Politik gegeben hat.

profil: Dergestalt?

Badelt: Wir sind ja nicht politisch naiv. Es gibt Konstellationen, wo bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen etwas davon haben, wenn die Prognose optimistischer oder pessimistischer ist. Die Herbstprognose im September zum Beispiel ist immer heikel im Hinblick auf die Lohnverhandlungen. Was an BIP, Produktivität und Inflation prognostiziert wird, geht ja alles in die Lohnverhandlungen ein.

profil: Da könnten Sie Anrufe von gleich zwei Seiten bekommen: Die Arbeitgebervertreter müssen ihren Beschäftigten weniger Lohn zugestehen, wenn die Wirtschaftsaussichten schlechter sind. Und die Gewerkschafter können umgekehrt mehr Geld fordern, falls sie besser ausfallen.

Badelt:
Trotzdem, in der Praxis gibt es solche Anrufe nicht. Wifo-Vertreter sind sogar oft in frühe Sitzungen von Kollektivvertragsverhandlungen eingebunden. Wir stellen uns beiden Sozialpartnern, das ist Teil des Rituals. Erst kürzlich hat mir ein Gewerkschafter erzählt, dass sich die Verhandler im Vergleich zum Ausland Wochen an Vertragsverhandlungen sparen, weil man sich meist schon vorab auf einen Datensatz einigen konnte. Und da spielen wir als Wifo auch eine wichtige Rolle.

profil: Wer sieht eine Konjunkturprognose, bevor diese veröffentlicht wird?

Badelt: Wenn sie fertig ist, informieren wir vorab die Trägerorganisationen. Das sind im Wesentlichen Sozialpartner, Nationalbank und Finanzministerium. Unmittelbar vor der jeweiligen Pressekonferenz gibt es dann noch eine intensive Diskussion mit den Trägern, die aber das Ergebnis nicht beeinflusst.

profil: Warum wird dann diskutiert?

Badelt: Konjunkturprognosen erklären sich nicht notwendigerweise selbst. Ich habe auch schon Diskussionen erlebt, wo die Vertreter von Industrie und Arbeiterkammer argumentativ in die gegenteilige Richtung gezerrt haben. Das hat mich zu der Feststellung gebracht, dass wir richtigliegen. Wie gesagt, wir diskutieren die Prognose erst, wenn sie fertig ist. Das ist beim IHS meines Wissens auch so.

profil: IHS und Wifo liegen mit ihren Prognosen und Einschätzungen immer recht nah beieinander. Da geht es in aller Regel um Zehntelprozentpunkte. Sprechen Sie diese ab?

Badelt: Nein!

profil: Wenn der Bundeskanzler zu Ihnen käme und Sie fragte, was er denn tun könne, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln – welche drei Vorschläge würden Sie ihm machen?

Badelt:
Forschung und Bildung. Forschung und Bildung. Forschung und Bildung. Für eine entwickelte Volkswirtschaft ist das essenziell. Forschung, um in der Technologie weiterzukommen. Und zwar bis in die Grenzbereiche der Technologie – nur Nachahmer zu sein, ist nicht genug. Und zur Bedeutung der Bildung für das Wirtschaftswachstum: Um die größtmöglichen Effekte zu erreichen, muss ein entwickeltes Land in Universitäten und Spitzenbildung investieren, während ein Entwicklungsland in die Alphabetisierung und Grundbildung investieren muss. So steht’s im Lehrbuch. Wir haben in Österreich in der Zwischenzeit aber bereits in den untersten Schul-und Ausbildungsbereichen gravierende Defizite. In Schulen mit einem hohen Anteil an sozial Benachteiligten gibt es einen hohen Prozentsatz an Schülern, die nicht einmal die elementarsten Lernziele erreichen.

profil: Da wird Ihnen vernünftigerweise niemand widersprechen. Oder doch?

Badelt: Die Botschaft ist wahrlich nicht neu – aber es geschieht zu wenig. Die Uni-Budgets sind zwar deutlich gestiegen, und dennoch liegen wir im Bereich der Grundlagenforschung weit weg vom Niveau guter europäischer Vergleichsländer. Gehen wir hinunter in den Bereich der Vorschulerziehung, sehen wir auch hier, dass nicht ausreichend investiert wird. Gerade in Schulen und Kindergärten mit hohem Ausländeranteil müsste mehr Personal eingesetzt werden, damit die Betreuungsraten besser werden. Ich sehe das übrigens nicht nur aus ökonomischer Sicht, sondern vor allem aus sozialer. Das Bildungsthema hat noch eine weitere Komponente: Es betrifft auch Menschen in der Lebensmitte. Es gilt, angesichts der Digitalisierung neue Formen der Weiterbildung zu finden. Früher hieß es, dass man im Alter von 50 am Arbeitsmarkt gefährdet sei, jetzt geht das eher in Richtung 40. Die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) haben generell ein großes Problem mit dem Internet, der Grad des Einsatzes digitaler Instrumente ist im internationalen Vergleich gering. Das trifft Arbeitnehmer, in kleineren Unternehmen, aber durchaus auch die Chefs.

profil: Es gibt viele gute Gründe, in Forschung und Bildung zu investieren. Aber sollten wir es ausgerechnet deshalb machen, weil es das Wachstum ankurbelt? Sollen wir überhaupt weiterhin wachsen wollen, angesichts des Ressourcenmangels und vor allem Klimawandels?


Badelt:
Natürlich geht mehr Wachstum meist mit einem höheren Einsatz an Energie und Ressourcen einher. Aber es ist destruktiv, deshalb zu fordern, dass wir deshalb überhaupt nicht mehr wachsen dürfen. Wie soll man eine solche Forderung überhaupt umsetzen? Wir können das Wachstum ja nicht einfach per Gesetz verbieten. Außerdem ist die Forderung abgehoben und lässt soziale Aspekte außer Acht. Wir vom Wifo sprechen lieber vom sogenannten inklusiven Wachstum. Das bedeutet, dass man zwar Wirtschaftswachstum anstrebt, aber auch benachteiligte Gruppen mitnimmt und ökologische Fragen nicht ausblendet. Der Fetisch BIP (Anm.: das Bruttoinlandsprodukt, also der Gesamtwert aller jährlich produzierten Güter und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft) rückt dabei in den Hintergrund. Unter benachteiligten Gruppen verstehen wir nicht nur die Menschen am Rand der Gesellschaft, sondern beispielsweise auch KMUs. Sie haben zwar in Österreich einen hohen wirtschaftlichen und kulturellen Wert, laufen aber zugleich Gefahr, vom multinationalen Konzernen aufgefressen zu werden. Wir müssen also eine Wachstumspolitik betreiben, die derartigen Akteuren zugute kommt. Ich finde aber darüber hinaus auch, es wäre Zeit für eine grundsätzlich andere Betrachtung des Wachstums.

profil: Welche?

Badelt: Wir sollten darüber reden, was konkret Nutzen für den Menschen stiftet, und uns fragen, wie wir dieses Ziel energiesparend erreichen können.

profil: Was heißt das?


Badelt:
Nehmen wir beispielsweise den Mobilitätssektor. Hier können wir körperliche Mobilität durch andere Formen ersetzen. Wenn etwa ein Geschäftsreisender zu einer Sitzung von Wien nach Frankfurt fliegt, kann ich ihm stattdessen ein gutes Kommunikationssystem für Videokonferenzen anbieten. Dann spart er sich den Flug – und hat seinen Nutzen genauso. profil: Eine Videokonferenz bringt aber weniger BIP-Wachstum hervor als ein Flug nach Frankfurt samt Hotelübernachtung.

Badelt: Das ist schon richtig – auch wenn die Möglichkeit einer guten Videokonferenz durchaus ebenfalls das Wachstum steigert, denn sie erfordert Investitionen in Kommunikationssysteme. Aber die Frage muss lauten, was wir vom Wachstum haben: Wenn ich nur das BIP steigern will, kann ich genausogut das Flugzeug ganz ohne Passagiere von Wien nach Frankfurt schicken. Eine moderne Diskussion darf sich nicht nur ums Wirtschaftswachstum drehen, sondern auch um Umwelt, Soziales und den konkreten Nutzen des Wachstums für die Menschen. Wir müssen uns fragen, wie wir den Wohlstand steigern können, nicht das BIP. Und wie dieser Wohlstand überhaupt definiert wird.

profil: Es braucht dafür ein anderes Maß als das BIP?

Badelt:
Ja, ein breiteres Messkonzept. Daran wird intensiv gearbeitet, etwa aufseiten der OECD (siehe Buchtipp unten). Wir haben derzeit noch das Problem, dass sich die neuen, breiteren Wohlstandsindikatoren noch nicht datenmäßig so engmaschig erfassen lassen wie das BIP. Deshalb kann man sie auch nicht laufend erheben und berichten -und das verhindert, dass diese neuen Wohlstandsindikatoren bei der breiten Masse und den Politikern einsickern.

profil: Aber unabhängig von solchen Indikatoren: Sind wir nicht dazu verdammt, mehr zu konsumieren – in unserem Beispiel: das Flugzeug nach Frankfurt zu nehmen statt uns mit einer Videokonferenz zu begnügen -, damit wir unseren Wohlstand erhalten?

Badelt: Eine komplexe Frage. Was ist unser Wohlstand? Wenn damit Arbeitsplätze gemeint sind, stimmt es -wir müssen tatsächlich, zumindest kurzfristig betrachtet, konsumieren, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Denn bei wenig Konsum bleiben Menschen und Maschinen unausgelastet, also verlieren Leute ihre Arbeit. Aber es gibt auch langfristigere, teils philosophische Perspektiven: Wohin entwickelt sich unser Wirtschaftssystem allgemein? Ob wir auf immer und ewig konsumieren müssen, damit unsere Arbeitsplätze weiterbestehen, da bin ich mir nicht sicher.

profil: Was wäre die Alternative?

Badelt: Langfristig muss man überlegen, inwiefern die Arbeitszeit außer Diskussion steht. Ich bin nicht generell für eine Arbeitszeitverkürzung -aber perspektivisch stellt sich durchaus die Frage, wie sich die Zeit der Menschen künftig aufteilt zwischen klassischer Erwerbsarbeit und anderen, unbezahlten Formen.

profil: Sie waren jahrelang Rektor der Wiener Wirtschaftsuniversität. Wenn man die ökonomische Forschung betrachtet, hat man den Eindruck, sie beschäftige sich immer noch vor allem damit, wie man das BIP steigern kann -statt generell Charakter und Sinnhaftigkeit des Wirtschaftswachstum zu hinterfragen. Stimmt das?

Badelt: Ich selbst war nie ein konventioneller Ökonom, sondern immer in Randgebieten der Ökonomie unterwegs, mit starker Neigung zu Sozialwissenschaften. Insgesamt bin ich der Meinung, dass es inzwischen viele Felder in den angewandten Wirtschaftswissenschaften gibt, die eine breitere Perspektive einnehmen, als sie die enge neoklassische Ökonomie vorgibt. Institute und Lehrprogramme für Sozial-und Umweltökonomie werden gegründet. Die Disziplinen werden laufend breiter aufgestellt, und das ist gut so.

Drei Buchtipps von Christoph Badelt

-) Fred Luks: Öko-Populismus. Warum einfache „Lösungen“, Unwissen und Meinungsterror unsere Zukunft bedrohen. Metropolis 2014, 20,40 Euro
-) Ivan Krastev: Europadämmerung. Suhrkamp 2017, 14,40 Euro
-) OECD (Herausgeber): For Good Measure. Advancing Research On Well-Being Metrics Beyond GDP (nur auf Englisch verfügbar). Gratis abrufbar hier

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Ein Festmeter Abschied

Aus profil 14/2018

Der österreichische Holzkonzern Schweighofer zieht sich von seinem wichtigsten Standort, Rumänien, zurück – zumindest ein Stück weit. Wie das Unternehmen mitteilte, wird umfangreicher Waldbesitz (mehr als 14.000 Hektar) an die schwedische Greengold- Gruppe verkauft. Schweighofer ist Marktführer bei der Holzverarbeitung in Rumänien und sah sich in den vergangenen Jahren mit Vorwürfen konfrontiert, illegal geschlägertes Holz in seinen Sägewerken zu akzeptieren (profil berichtete 2016).

Manche Branchenkenner interpretieren den Rückzug als ersten Schritt eines größeren Abschieds; mittelfristig wolle sich Schweighofer auf andere Märkte konzentrieren. Die Begeisterung für Rumänien sei bei Alleineigentümer Gerald Schweighofer – auch infolge der Affäre – abgekühlt, behaupten Insider.

Allerdings habe der Waldverkauf „keine Auswirkungen“ auf den Betrieb der drei großen Sägewerke in Rumänien, sagt Schweighofer-Sprecher Thomas Huemer auf profil- Anfrage. Man wolle sich eben „strategisch auf die Holzverarbeitung im Land konzentrieren“, statt Waldbesitzer zu sein.

Tatsache ist aber auch, dass in Schweighofers Werken immer mehr importiertes Holz verarbeitet wird. Laut Huemer stammt derzeit rund die Hälfte etwa aus der Slowakei, Polen, Tschechien und Österreich -vor einigen Jahren noch kamen 85 Prozent des Holzes aus Rumäniens Wäldern. Dass sich Österreichs größter Holzkonzern breiter aufstellt, statt nur in Rumänien tätig zu sein, ist unverkennbar.

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Geld-Kolumne: Das war meine Woche

Aus profil 26/2017

Joseph Gepp

Ich finde, man sollte es sich auf der Zunge zergehen lassen, was gerade in Griechenland geschieht: Da streiten die Eurostaaten monatelang mit Athen, unter welchen Bedingungen weitere Notkredite ausbezahlt werden. Schließlich, vor einer Woche: die ersehnte Einigung. Und jetzt: Steht wieder alles auf der Kippe.

Warum? Seit 2014 ermittelt Griechenlands Justiz gegen drei Privatisierungsexperten aus Spanien, Italien und der Slowakei. Sie wurden 2011 von der EU-Kommission nominiert, um bei den Privatisierungen zu beraten, die auf Druck der Gläubiger zu erfolgen haben. Es lief aber nicht wie geplant. Es soll zu Betrug gekommen sein. Es geht um 28 Immobilien, die der Staat verkauft und wieder zurückgemietet hat. Kürzlich erhob die Justiz Anklage.

Die Regierungen Spaniens und Italiens protestieren. Wenn die Justiz das Verfahren nicht einstelle, werde die Auszahlung der Kredite „blockiert“, so Spaniens Finanzminister. Spanien und Italien argumentieren, Griechenland habe den Experten Immunität zugesichert. Das stimmt zwar, aber ein solches Gesetz trat erst 2016 in Kraft und gilt nicht rückwirkend. Trotzdem: Immunität sei auch für diese Experten versprochen worden, so die Kreditgeber.

Für Griechenland geht es immerhin um eine Staatspleite. Also entledigt man sich des Falls. Am Mittwoch wurde der Oberste Gerichtshof aufgefordert, die Klage aufzuheben. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble -der wichtigste Architekt des Kreditprogramms – springt Spanien und Italien zur Seite. Deren Vorstoß sei keine Einzelmeinung. Und zugleich beteuert Schäuble: „Niemand mischt sich in die rechtsstaatliche Ordnung Griechenlands ein.“ Es soll neues Geld fließen, wenn die Justiz das Verfahren einstellt. Ich frage mich: Wie sonst soll man das interpretieren?

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Gaddafis Geld

Aus profil 14/2017

März 2011. Die Österreichische Nationalbank (OeNB) verlautbart, dass libysches Staatsvermögen in der Höhe von mindestens 1,2 Milliarden Euro in Österreich veranlagt sei. Wegen der Sanktionen werde das Geld eingefroren, so die OeNB. Dikator Muammar al-Gaddafi hat da gerade mit einem Aufstand zu kämpfen. Einige Monate später wird er in der Stadt Sirte getötet; mittlerweile versinkt Libyen in einem Bürgerkrieg. Was wurde aus den 1,2 Milliarden? Dies hätte der Wiener Transparenz-Aktivist Mathias Huter gern von der OeNB gewusst. Huter stellte eine Anfrage nach dem Auskunftspflichtgesetz. Antwort: „Aufgrund Verschwiegenheitspflichten können keine Informationen erteilt werden.“

Unterhielt zeitlebens intensiv geschäftliche Kontakt nach Österreich: Muammar Al Gaddafi

Wie profil aus Bankenkreisen erfahren hat, scheint das Geld vor allem offiziellen libyschen Einrichtungen zuzurechnen zu sein: konkret der Zentralbank sowie dem Staatsfonds (LIA -„Libyan Investment Authority“). Für diese Einrichtungen sind die Sanktionen inzwischen aufgehoben. Etwaige Kontenbesitzer könnten also das Geld in Österreich abheben. Ob dergleichen seit 2011 geschehen ist, unterliegt tatsächlich dem Bankgeheimnis -man weiß es also nicht. Eine wichtige Frage ist aber: Steht überhaupt fest, wer die Inhaber sind? Hat in Libyens Kriegswirren noch jemand den Überblick über die Vermögenswerte?“Die Frage der Rechtsnachfolge in Libyen ist derzeit alles andere als geklärt“, sagt der deutsche Libyen-Experte Andreas Dittmann. Die vom Westen anerkannte Regierung ist aus der Hauptstadt Tripolis nach Tobruk geflohen. Unterschiedliche Kriegsparteien gründen ihre eigenen Zentralbanken. Beim Staatsfonds LIA erheben derzeit laut Medienberichten gleich zwei Personen Anspruch auf die Führung.

Unter Gaddafi war der Staatsfonds auch in Österreich engagiert. Die NGO „Global Witness“ präsentierte im Jahr 2010 eine interne Liste mit LIA-Beteiligungen. Darauf finden sich etwa der Ziegelkonzern Wienerberger (0,58 Prozent), Raiffeisen International (0,20 Prozent) und die Bank-Austria-Mutter UniCredit (13,16 Prozent).

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