Archiv der Kategorie: Aeryn Gillern

Aeryn Gillern: Police re-opens case

Originally published in „FALTER“ 24/14 in German language

Six years ago the US citizien disappeared without a trace after visiting a sauna in Vienna. Now, a murder investigation is finally on its way.

Words: Joseph Gepp
Photo: Heribert Corn
Translation: Dominique Gromes

There are stories that just don’t make sense. Where contradictions remain, no matter how you look at it. Like the story of Aeryn Gillern, US citizen, who lived in Vienna, worked at the UN and was gay.

When Gillern disappeared on the evening of the 29th of October 2007, he was 34 years old.

On that day, more than six years ago, that man ran out of the Kaiserbründl, a discrete gay sauna in Vienna’s first district, completely naked. Since then he is gone. „He jumped into the Danube Canal to commit suicide“, is was police said after the incident. But inconsistencies and doubt remain until today.

Gillern’s case is one of the most mysterious in recent Austrian history – however police never cared much about him. For years now critics, such as members of the Green Party, and Gillern’s mother Kathy, have accused the investigators of sloppiness, indifference and homophobia. In 2008 the “Falter” exposed numerous and severe shortcomings that took place during the investigation.

Gillern's mother Kathy and others holding a vigil in front of the "Kaiserbründl" in Vienna in 2013 (Photo: Corn)

Gillern’s mother Kathy and others holding a vigil in front of the „Kaiserbründl“ in Vienna in 2013 (Photo: Corn)

Now things are about to change. “We are re-opening the case and looking at every detail”, says Mario Hejl, spokesperson of the Federal Office of Criminal Investigation. Before that, the Ombudsman Board re-evaluated the case. On the part of the police, the new Cold Case Squad is now responsible for the case. This department, founded 2010, is using special investigative methods to deal with complex cases that date back some time. Among these are the cases of Julia Kührer and Natascha Kampusch.

Is is possible, that the mysterious disappearance of the US citizien was no suicide at all, but a crime case? Even after six years time, some heavy weight evidence is pointing in that direction. For example they never found his dead body in the Danube, which is very implausible. Furthermore there was a dubious quarrel at the sauna right before Gillern’s disappearance. Details about that were never brought to light, as the owners of the sauna stay silent until today.

And it’s not only the quarrel, and the absence of a dead body that are leading to more questions, it is also Gillern’s run through the City Centre. No one saw the running, naked man – 6 feet tall, muscular, with a shaved head – in the very lively streets of the first district. Only two students from Germany came forward in 2008, after an article in the „Falter“, who had seen Gillern running by Stubentor. They thought he had just lost a bet.

Apart from the low number of witnesses it is the chronology of events from that evening in October 2007 that doesn’t add up. At exactly 8:21pm a fisherman at the Danube Canal heard a splash – perhaps Gillern jumping into the water. But that is 90 minutes after he had left the sauna. And the distance between the Kaiserbründl and the Danube Canal is only about half a mile.

„We want to resolve these oddities now“, says police spokesperson Hejl. He is asking potential witnesses to get in contact with the Federal Office of Criminal Investigation.

ARTIKEL AUF DEUTSCH

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Fall Aeryn Gillern: Die Polizei rollt die Causa neu auf

Aus dem FALTER 24/2014

Vor sechs Jahren verschwand ein US-Amerikaner nach einem Saunabesuch spurlos. Nun beginnen endlich Mordermittlungen

BERICHT: JOSEPH GEPP
FOTO: HERIBERT CORN

Es gibt Geschichten, die einfach keinen Sinn ergeben. Die Widersprüche bleiben groß, wie man sie auch dreht und wendet. So wie die Geschichte von Aeryn Gillern, US-Amerikaner, in Wien lebend, Uno-Mitarbeiter, homosexuell.

Als Gillern am Abend des 29. Oktober 2007 spurlos verschwand, war er 34 Jahre alt.

An diesem Tag vor über sechs Jahren rannte der Mann nackt aus dem Kaiserbründl, einer diskreten Schwulensauna im ersten Bezirk. Seither ist er weg. Er habe durch einen Sprung in den Donaukanal Selbstmord begangen, meinte die Polizei nach dem Vorfall. Doch die Ungereimtheiten und Zweifel sind bis heute immens.

Der Fall Gillern ist einer der rätselhaftesten in Österreich in den vergangenen Jahren – doch die Polizei hat sich bisher nie besonders für ihn interessiert. Seit Jahren machen Kritiker wie die Grünen oder Gillerns Mutter Kathy den Ermittlern Schlamperei, Desinteresse und Homophobie zum Vorwurf. Im Jahr 2008 deckte der Falter zahlreiche schwere Mängel bei den Ermittlungen auf.

Nun aber soll alles anders werden. „Wir gehen die Causa neu und gründlich an“, sagt Mario Hejl, Pressesprecher des Bundeskriminalamts. Zuvor hatte auch die Volksanwaltschaft den Fall Gillern komplett neu aufgerollt. Aufseiten der Polizei ist nun die neue Cold-Case-Einheit dafür zuständig. Diese 2010 gegründete Abteilung behandelt mit speziellen Ermittlungsmethoden komplizierte und länger zurückliegende Causen, etwa auch jene von Julia Kührer und Natascha Kampusch.

Aeryn Gillerns Mutter Kathy and andere trauern um den Verschollenen, in Wien vor dem Kaiserbründl 2013 (Foto: Corn)

Aeryn Gillerns Mutter Kathy and andere trauern um den Verschollenen, in Wien vor dem Kaiserbründl 2013 (Foto: Corn)

Ist das rätselhafte Verschwinden des Amerikaners vielleicht doch nicht auf einen Selbstmord zurückzuführen, sondern auf einen Kriminalfall? Darauf deuten auch nach sechs Jahren noch schwerwiegende Indizien hin. So tauchte niemals eine Leiche aus der Donau auf, was äußerst selten vorkommt. Zudem gab es unmittelbar vor Gillerns Verschwinden einen ominösen Streit in der Sauna. Genaueres darüber hat man nie erfahren, die Betreiber schweigen bis heute eisern.

Doch nicht nur der Streit und die fehlende Leiche werfen Fragen auf, sondern auch Gillerns Lauf durch die Innenstadt. Niemand will den rennenden nackten Mann gesehen haben – 1,85 Meter groß, muskulös, rasierte Glatze –, und das mitten in den belebten Gassen des ersten Bezirks. Einzig ein deutsches Studentenpärchen meldete sich im Jahr 2008 nach Falter-Berichten. Das Paar sah Gillern am Stubentor vorbeilaufen und hielt dies für eine verlorene Wette.

Neben der geringen Zahl an Zeugen ist auch die zeitliche Abfolge an jenem Oktoberabend 2007 total unstimmig. Exakt um 20.21 Uhr vernahm ein Angler am Donaukanal ein Platschen – möglicherweise Gillern, der ins Wasser sprang. Doch zu diesem Zeitpunkt waren bereits fast eineinhalb Stunden vergangen, seit der Mann aus der Sauna gerannt war. Dabei beträgt die Entfernung zwischen dem Kaiserbründel und dem Donaukanal nicht einmal einen Kilometer.

„All diese Merkwürdigkeiten wollen wir jetzt aufklären“, sagt Polizeisprecher Hejl. Etwaige Zeugen bittet er, sich beim Bundeskriminalamt zu melden.

Hier geht’s zum Artikel in englischer Sprache

Bisheriges zum Fall Aeryn Gillern:

Der Tag, an dem Aeryn verschwand (November 2008)
„Einen total perplexen, verfolgten Eindruck“ (Dezember 2008)
Der Fall Aeryn Gillern: Die Grünen bringen eine parlamentarische Anfrage ein (Februar 2009)
Ein kleiner Streit mit großen Folgen (Februar 2009)
GONE: Der Film zum Fall (Oktober 2011)
Vier Jahre ohne Spur (November 2011)
Abgängig mitten im ersten Bezirk (November 2012)
Sechs Jahre ohne Spur: Eine Mutter trauert um ihren verschollenen Sohn (November 2013)

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Sechs Jahre ohne Spur: Eine Mutter trauert um den verschollenen Sohn

Aus dem FALTER 45/2013

Da steht sie wieder vor der Schwulensauna Kaiserbründl in der Innenstadt. So wie jedes Jahr in den Abendstunden des 29. Oktober. Zum mittlerweile sechsten Mal hält die US-Amerikanerin Kathy Gilleran eine Mahnwache für ihren Sohn Aeryn . „Bis ich 90 bin“, sagt sie, „werde ich fragen, was eigentlich geschehen ist.“

Am 29. Oktober 2007 rannte der UN-Mitarbeiter nackt aus dem Kaiserbründl. Er soll durch einen Sprung in den Donaukanal Selbstmord begangen haben, sagt die Polizei. Doch die Umstände sind völlig unklar: Ein Leichnam wurde nie gefunden; zudem werden der Polizei massive Schlampereien vorgeworfen. Etwa in Bezug auf einen mysteriösen Streit im Kaiserbründl vor dem Verschwinden. Derzeit untersucht die Volksanwaltschaft den Fall.

Bisheriges zum Fall Aeryn Gillern:

Der Tag, an dem Aeryn verschwand (November 2008)
„Einen total perplexen, verfolgten Eindruck“ (Dezember 2008)
Der Fall Aeryn Gillern: Die Grünen bringen eine parlamentarische Anfrage ein (Februar 2009)
Ein kleiner Streit mit großen Folgen (Februar 2009)
GONE: Der Film zum Fall (Oktober 2011)
Vier Jahre ohne Spur (November 2011)
Abgängig mitten im ersten Bezirk (November 2012)

Hält Mahnwache vor dem Kaiserbründl: Aeryns Mutter Kathy Gilleran (Foto: Heribert Corn)

Hält Mahnwache vor dem Kaiserbründl: Aeryns Mutter Kathy Gilleran (Foto: Heribert Corn)

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Abgängig mitten im ersten Bezirk

Aus dem FALTER 45/2012

Vor fünf Jahren verschwand Aeryn Gillern aus einer Schwulensauna. Seine Mutter kämpft bis heute um Aufklärung

Update: Joseph Gepp
Foto: Hans Hochstöger

Am Abend des 29. Oktober 2007, es war kühl und regnerisch draußen, kam ein nackter Mann aus der Wiener Schwulensauna Kaiserbründl gelaufen. Er rannte durch die Gassen der Innenstadt und wurde beim Stubentor zum letzten Mal gesehen. Seitdem fehlt jede Spur von Aeryn Gillern.

Der Fall des US-Amerikaners und Uno-Mitarbeiters, damals 34, ist einer der rätselhaftesten der vergangenen Jahre. Die Polizei behauptet steif und fest, er habe durch einen Sprung in den Donaukanal Selbstmord begangen. Kathy Gilleran, die Mutter des Verschwundenen, wirft den Beamten vor, Hinweise auf ein mögliches Verbrechen übergangen zu haben. Selbst eine pensionierte Polizistin, kämpft Gilleran (die ihren Namen in der irischen Urform noch immer mit „a“ schreibt) für Aufklärung. Die heimischen Beamten hätten „homophob, ignorant und desinteressiert“ gehandelt, sagt die Mutter.

Vergangene Woche reiste Gilleran wie jedes Jahr aus dem US-Bundesstaat New Jersey nach Wien. Am 29. Oktober, dem fünften Jahrestag des Verschwindens ihres Sohnes, stand sie samt Kerze und Foto des Verschwundenen vor dem Kaiserbründl. Diesmal gesellten sich so viele Unterstützer wie nie zuvor zu Kathy Gilleran. Denn nach fünf Jahren hat die rätselhafte Geschichte einen neuen Schub an Aufmerksamkeit erhalten.

Mahnwache vor der Sauna: Mutter Kathy und ein Freund des
Verschwundenen (Foto: Hans Hochstöger)

Ein Dokumentarfilm entfachte das Interesse am Fall. „Gone“, ein Werk der US-Amerikaner John und Gretchen Morning, lief vergangenes Jahr im US-Fernsehen und später in Wiener Kinos, etwa im Rahmen der Viennale. Im Sommer dieses Jahres legte der ORF mit einer umfassenden TV- Doku nach.

Während das allgemeine Interesse solcherart steigt, ist die behördliche Ermittlung des Falls jedoch an einem toten Punkt angelangt: Die Polizei weist alle Vorwürfe zurück. Die Staatsanwaltschaft Korneuburg stellte die Prüfung der Anschuldigungen aus Mangel an Beweisen 2009 ein. Eine parlamentarische Anfrage der Grünen im selben Jahr lieferte ebenfalls kaum neue Erkenntnisse – obwohl bis heute zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten des Falls nicht aufgeklärt werden konnten.

Zum Beispiel der Umstand, dass es unmittelbar vor dem Verschwinden laut Polizei einen „Streit mit einem anderen Saunagast“ gab – doch mit Gillerns Abgängigkeit soll dieser Streit nichts zu tun haben. Oder die Frage, warum die Polizei behauptet hatte, es gebe keine Zeugen für Gillerns abendlichen Lauf durch die Innenstadt. Als jedoch der Falter 2008 über die Causa berichtete, meldeten sich prompt zwei Studenten, die ihre einstige Sichtung auch der Polizei gemeldet hatten.

Was geschah 2007 wirklich in der diskreten Schwulensauna? Hat die Polizei Hinweise auf ein Verbrechen tatsächlich übergangen? Kathy Gilleran erhofft sich nun als letzten Ausweg von der Volksanwaltschaft Antworten auf diese Fragen. Diese könnte den Fall nochmals aufrollen – etwa indem sie von der Polizei die Herausgabe relevanter Informationen zum ominösen Streit im Kaiserbründl fordert.

Diese finden sich zwar im polizeilichen Ermittlungsakt – doch der ist geheim. Mutter Kathy hat mehrmals beantragt, das Dokument einsehen zu dürfen. Die Beamten jedoch lehnten ab.

Begründung: Es könnte ja möglich sein, dass Sohn Aeryn noch lebt. Und dann würde es seine Privatsphäre gefährden, wenn die Mutter Einsicht in die Ermittlungen nehmen würde.

Mehr zum Fall Aeryn Gillern?
Der Tag, an dem Aeryn verschwand (November 2008)
„Einen total perplexen, verfolgten Eindruck“ (Dezember 2008)
Der Fall Aeryn Gillern: Die Grünen bringen eine parlamentarische Anfrage ein (Februar 2009)
Ein kleiner Streit mit großen Folgen (Februar 2009)
GONE: Der Film zum Fall (Oktober 2011)
Vier Jahre ohne Spur (November 2011)

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Vier Jahre ohne jede Spur

Aus dem FALTER 44/2011

2007 verschwand in Wien ein US-Amerikaner. Seine Mutter kämpft gegen das Vergessen

Bericht: Joseph Gepp
Foto: Hans Hochstöger

Vergangenen Samstag, 29. Oktober, von 18.45 bis 20.20 Uhr, stand Kathy Gilleran wie jedes Jahr vor der Schwulensauna Kaiserbründl. Sie hielt ein Foto und eine Kerze in der Hand. Das ist für sie ein jährliches Ritual geworden. Mitte Oktober kommt die US-Amerikanerin regelmäßig aus Cortland, Bundesstaat New York, angereist, um zu fragen, was mit ihrem Sohn geschehen ist.

Vor genau vier Jahren, am 29. Oktober 2007, gegen 18.45 Uhr, rannte Aeryn Gillern, damals 34, nackt aus der Sauna in der Weihburggasse im ersten Bezirk und verschwand spurlos. Die Polizei denkt, er habe Selbstmord mittels Sprung in den Donaukanal begangen. Eine Leiche wurde aber nie gefunden. Der einzige Zeuge des angeblichen Suizids, ein Angler, änderte mehrmals die Aussage.

Kathy Gilleran wirft der Polizei Desinteresse, Schlampereien und Homophobie vor. „Ich habe niemals zuvor so viel Rohheit, Grobheit und Unprofessionalität erlebt“, schrieb sie 2008 an die damalige US-Senatorin Hillary Clinton. „Wenn ich sage, dass das Verhalten der Polizei an Sadismus grenzt, übertreibe ich nicht.“

Mahnwache für den Verschwundenen: Mutter Kathy Gilleran und ein Freund von Aeryn Gillern vor der Sauna Kaiserbründl (Foto: Hochstöger)

Für die angesprochene Behörde stellt sich der Fall trotzdem derart klar dar, dass die Ermittlungen, kaum begonnen, wieder eingestellt wurden: Ein Streit unter Saunagästen habe Gillern zu einer Panikattacke und der selbstmörderischen Flucht verleitet. Doch welcher Streit löst so etwas aus?

Bei kaum einem Fall der letzten Jahre bleiben so viele Fragen offen: Minuten vor seiner angeblichen Panikattacke schrieb Gillern noch eine harmlose SMS an seinen Lebenspartner: Call you then, will be home soon. Flugtickets für eine bevorstehende Reise waren gebucht, zu Hause am Küchentisch lagen Rice Krispies, die Gillern am nächsten Tag seinen Kollegen bei der Unido mitbringen wollte.

Dazu kommt eine Polizeiarbeit, die die Geschehnisse jenes Abends eher zusätzlich zu verschleiern denn aufzuklären scheint. So begründete die Polizei laut Kathy Gilleran den Selbstmord mit einer positiven Aidsdiagnose – dabei fand sich gerade unter jenen Unterlagen, die zu Ermittlungszwecken konfisziert worden waren, ein negativer HIV-Test. Außerdem behauptete die Polizei gegenüber der verzweifelten Mutter stets, es habe außer dem Angler keine Zeugen des Vorfalls gegegeben. Als jedoch der Falter 2008 über Gillern berichtet hatte, meldeten sich prompt zwei Studenten, die ihn 2007 durch die Innenstadt laufen sahen – was sie Tage danach auch bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatten.

Mittlerweile räumt Friedrich Kovar, Menschenrechtskoordinator der Wiener Polizei, Kommunikationsmängel und homophobe Anwandlungen eines inzwischen pensionierten Ermittlers ein. Doch eine polizeiinterne Untersuchung der Vorwürfe endete ergebnislos. Und auch eine parlamentarische Anfrage der Grünen an die damalige ÖVP-Innenministerin Maria Fekter brachte kaum neue Erkenntnisse.

Das liegt vor allem daran, dass niemand weiß, welche Ermittlungen im Fall Gillern eigentlich durchgeführt wurden. Sämtliche Angaben dazu – alle Einvernahmen und Abläufe – stünden zwar im Ermittlungsakt. Doch die Polizei will ihn nicht an die Mutter herausgeben. Begründung: Sollte der Sohn noch leben, würde es seine Privatsphäre beschneiden, wenn Angehörige Details aus seinem Leben erfahren würden.

Auch wenn neue Erkenntnisse ausbleiben und Gillerns Verschwinden inzwischen vier Jahre zurückliegt, zieht der Fall weite Kreise. Im Vorjahr drehte etwa das kalifornische Dokumentarfilmerpaar John und Gretchen Morning einen Film über Aeryn Gillern und seine kämpferische Mutter Kathy. Nach Aufführungen in den USA wurde der Film „Gone“ kürzlich auch im Rahmen der Viennale in Wien uraufgeführt.

Als Kathy Gilleran vergangenen Samstag wie jedes Jahr mit Kerze und Foto vor dem Kaiserbründl stand, gesellten sich erstmals einige Passanten zu ihr. Es waren Leute, die im Kino den Film gesehen hatten.

Mehr zum Fall Aeryn Gillern?
Der Tag, an dem Aeryn verschwand (November 2008)
„Einen total perplexen, verfolgten Eindruck“ (Dezember 2008)
Der Fall Aeryn Gillern: Die Grünen bringen eine parlamentarische Anfrage ein (Februar 2009)
Ein kleiner Streit mit großen Folgen (Februar 2009)
GONE: Der Film zum Fall (Oktober 2011)

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GONE: Der Film zum Fall

„GONE“ heißt der US-Dokumentarfilm über Aeryn Gillern. 2007 verschwand der Amerikaner nach einem Saunabesuch in Wien spurlos (siehe hier). Der Fall wurde im Falter von Joseph Gepp ausführlich behandelt. Im Rahmen der Viennnale kommt „GONE“ nach Wien: am 23.10., 18.30 Uhr, im Urania-Kino und am 24.10., 13 Uhr, im Gartenbau

Ankündigung auf der Viennale-Seite

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Ein kleiner Streit mit großen Folgen

Ein Disput soll dazu geführt haben, dass Aeryn Gillern nackt durch Wien rannte und möglicherweise Selbstmord beging

Bericht: Joseph Gepp

So klingt das also auf Amtsdeutsch: „Herr Gillern geriet (…) mit einem anderen Saunagast in Streit. Grund war die Frage des Gastes nach dem Befinden des Herrn Gillern.“

Die fatale Folge: Am 29. Oktober 2007, gegen 19 Uhr rannte Aeryn Gillern nackt aus der Wiener Schwulensauna Kaiserbründl in der Weihburggasse. Beim Stubentor sah ihn zum letzten Mal ein Passant.

Dann verschwand der US-Amerikaner, der in der Uno-City arbeitete, spurlos. Laut Polizei hat er durch einen Sprung in den Donaukanal Selbstmord begangen. Seine Mutter, Kathy Gilleran aus dem amerikanischen Cortland, will daran allerdings ganz und gar nicht glauben.

Auf einen Selbstmord ihres Sohnes habe rein gar nichts hingedeutet, berichten sie und andere, die Gillern kannten. Und die Polizei habe sich bei den Ermittlungen grob homophob und unwillig verhalten. „Ich habe niemals zuvor so viel Rohheit, Grobheit und Unprofessionalität erlebt“, schrieb die Mutter 2008 an die damalige US-Senatorin Hillary Clinton. „Das Verhalten der Polizei“ habe geradezu „an Sadismus gegrenzt“.

Der Falter berichtete vergangenen November ausführlich – und der Fall schlug Wellen: Peter Pilz und Ulrike Lunacek von den Grünen richteten daraufhin eine parlamentarische Anfrage an ÖVP-Innenministerin Maria Fekter. 39 detaillierte Fragen an die oberste Polizeichefin sollten alle Unregelmäßigkeiten klären.

Nun, vergangenen Mittwoch, lief die Frist zur Beantwortung aus. Und so stellt sich der Fall laut ministerieller Antwort dar: Ein Streit im Kaiserbründl führte zu Gillerns plötzlicher Flucht. Kurz darauf alarmierte ein Angler die Polizei: „Ein Mann treibt im Wasser des Donaukanals, Höhe Urania und Hermann’s Strandbar. Er schreit um Hilfe.“ Der Mann war glatzköpfig, „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ sei er Aeryn Gillern gewesen.

Vier Polizeiautos rückten danach zum Kanal vor. Sie suchten eine Stunde nach dem Vermissten – erfolglos. „Ein Taucheinsatz (…) erschien wegen der starken Strömung nicht sinnvoll.“

Seitdem laufen die Ermittlungen. Die Donaustaaten wurden kontaktiert, um nach einer möglichen Wasserleiche zu suchen. Zusätzlich hat man laut Anfrage „sieben Personen zur Sache niederschriftlich einvernommen; weitere zehn Personen (…) fernmündlich“. Zieht man von den sieben Einvernommenen Gillerns Mutter, seinen Freund, seinen Nachbarn und den Zeugen vom Stubentor ab, dann bleiben noch drei Menschen – im Kaiserbründl, wo offenbar die Ursachen für den Fall liegen, scheint man sich also nicht eben eifrig umgehört zu haben.

Es bleiben Fragen offen: So sagt der Betreiber der Sauna, dass es an jenem Abend keinen Streit im Lokal gegeben habe, Gillern sei aus heiterem Himmel verschwunden. Außerdem habe die Polizei gar nicht mit Saunagästen sprechen können, weil das Management sich weigerte, Kontakte der Gäste dieses Abends herauszugeben.

Und: Die Polizei erklärte dem Falter im November, dass der Donaukanal von 20.23 Uhr bis 20.50 durchsucht worden sei – 27 Minuten lang. In den Antworten der Ministerin hat sich die Suchzeit mehr als verdoppelt: von 20.21 bis 21.21 Uhr, eine Stunde. Immerhin scheinen die Beamten schnell am Tatort gewesen zu sein: Um 20.21 verständigte laut Anfrage der erschrockene Angler die Polizei. Um 20.23 Uhr, zwei Minuten später, waren die Ermittler schon da.

Erschienen im Falter 8/09

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Der Fall Aeryn Gillern: Die Grünen bringen eine parlamentarische Anfrage ein

Bericht: Joseph Gepp

Im Fall Aeryn Gillern haben Peter Pilz und Ulrike Lunacek von den Grünen ein parlamentarische Anfrage an Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) eingebracht.

Der Falter berichtete ausführlich über die Causa: Der in Wien lebende US-Amerikaner verschwand im Oktober 2007 spurlos, nachdem er nackt aus einer Wiener Schwulensauna gerannt war. Die Polizei spricht von Selbstmord durch Sprung in den Donaukanal. Die Mutter allerdings, die nicht an einen Selbstmord ihres Sohnes glauben will, wirft den Ermittlern Homophobie und schwere Schlampereien bei der Suche nach dem Vermissten vor. Kathy Gilleran, selbst pensionierte Polizistin, berichtete über widersprüchliche Aussagen der Ermittler und Verhöhnungen von Gillerns Homosexualität. „Ich habe niemals zuvor so viel Rohheit, Grobheit und Unprofessionalität erlebt“, schrieb sie in einem Dossier an US-Senatorin Hillary Clinton. „Wenn ich sage, dass das Verhalten der Polizei an Sadismus grenzt, dann übertreibe ich nicht“ (siehe Falter 47/08).

„In diesem Fall passt so vieles nicht zusammen“, sagt Lunacek. „Wir wollen eine Untersuchung, die all diese Unklarheiten und Widersprüche zufriedenstellend aufklärt.“

39 Fragen umfasst die Anfrage, die knapp vor Weihnachten eingebracht wurde. Sie beschäftigt sich mit Details der Suche nach dem Verschwundenen ebenso wie mit der angeblichen Schwulenfeindlichkeit der Beamten. So wollen die Grünen etwa wissen, ob der Donaukanal von Tauchern durchsucht wurde und ob andere Donaustaaten bezüglich eines eventuellen Leichenfunds kontaktiert worden seien. Andere Fragen betreffen die Angemessenheit des polizeilichen Verhaltens, den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe und interne Disziplinarmaßnahmen. Und auch das „Bild Österreichs in der Welt“ in diesem Fall wird angesprochen.

Bis 11. Februar hat Innenministerin Fekter nun Zeit, den Abgeordneten ihre Antworten vorzulegen. „Und falls uns die zu allgemein ausfallen“, sagt Lunacek, „dann werden wir in der parlamentsinternen Anfragebesprechung konkretere Antworten einfordern.“

Erschienen im Falter 04/09

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„Einen total perplexen, verfolgten Eindruck“

Vergangene Woche berichtete der Falter über den verschwundenen Amerikaner Aeryn Gillern. Jetzt meldet sich ein Zeuge zu Wort

Bericht: Joseph Gepp

Der Falter berichtete: Aeryn Gillern, 34, US-Amerikaner und Uno-Mitarbeiter, rannte am Abend des 29. Oktober 2007 nackt aus der Wiener Schwulensauna Kaiserbründl im ersten Bezirk und verschwand danach spurlos. Die Polizei sagt, er habe durch einen Sprung in den Donaukanal Selbstmord begangen. Seine Mutter, Kathy Gilleran, will daran nicht glauben. Selbst eine pensionierte Polizistin, warf sie der Wiener Polizei im Falter-Gespräch Homophobie und schwere Schlampereien bei der Suche nach ihrem Sohn vor.

Niemand will den nackten Mann gesehen haben, der am frühen Abend durch die stark frequentierte Innenstadt in Richtung Donaukanal gelaufen sein soll. Die Polizei sagt, es gebe lediglich Zeugen, die ihn beim Verlassen der Sauna beobachtet hätten. Das Saunapersonal verlor an jenem Abend Gillern schon nach wenigen Metern aus den Augen. Nachdem er aus der Saunatür gekommen war, verschwand er sofort in den Gassen rund um den Franziskanerplatz.

Jetzt meldet sich ein Zeuge zu Wort. Wolf Deucker, 26, Student aus der Leopoldstadt, war an jenem Abend mit seiner Freundin in den Cafés der Innenstadt unterwegs. Zwischen 19 und 20 Uhr durchquerten sie die Unterführung zwischen Stubentor und Bäckerstraße. „Wir sahen einen nackten Mann“, erzählt Deucker. „Er kam von der Stubenbastei und lief über die Dominikanerbastei davon, in Richtung Donaukanal.“ Der Mann hatte eine Glatze und war muskulös – Deucker erkannte ihn auf dem Foto in der Zeitung als Aeryn Gillern wieder. „Wir dachten an einen seltsamen Scherz oder eine verlorene Wette. Wir konnten uns nicht erklären, warum jemand nackt bei leichtem Schneerieseln über den Platz lief. Meine Freundin pfiff ihm nach, daraufhin dreht er sich kurz im Laufen um, wie erschreckt, rannte aber gleich weiter. Er war nassgeschwitzt. Er machte einen total perplexen, verfolgten Eindruck. Wir sahen aber keine Verfolger auf der Straße.“ Und: „Es waren sonst keine Passanten in dieser zentralen Gegend unterwegs.“

Tage später meldete sich Deucker bei der Polizei, nachdem das Gratisblatt Heute über den Fall berichtet hatte. Zwei Polizisten nahmen seine Aussage auf. Jetzt behauptet die Polizei, es habe keine Zeugen gegeben – außer jenen unmittelbar am Saunaeingang. Deucker wusste nicht, dass seine Beobachtung offensichtlich nicht in die Ermittlungen einfloss. „Das muss vor allem für die Angehörigen schlimm sein“, sagt er. „Die erfahren seit über einem Jahr nichts und müssen in unerträglicher Ungewissheit abwarten.“

Erschienen im Falter 48/08

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Der Tag, an dem Aeryn verschwand

Vor einem Jahr lief ein Amerikaner nackt aus einer Wiener Schwulensauna und verschwand spurlos. Jetzt enthüllt seine Mutter einen Polizeiskandal

Reportage: Joseph Gepp

Sie hätte nach Wien kommen wollen, für sechs Monate vielleicht, Europa kenne sie ohnehin kaum. Danach hätte sie übersiedeln wollen, weg von der zugigen Ostküste, nach Florida, ins sonnige Altenteil Amerikas. Doch zu all dem kam es nicht mehr.

Am 31. Oktober 2007, zwei Uhr nachmittags, bekam Kathy Gilleran einen Anruf, der alle ihre Pläne bedeutungslos werden ließ.

Gilleran ist heute 56 Jahre alt. Sie sitzt in einem braunen Lederfauteuil in der Lobby eines hübschen und nicht allzu teuren Wiener Innenstadthotels. Sie ist nach Wien gekommen, aber nicht mehr, weil Europa sie interessiert.

Bis zu ihrer Pensionierung habe sie als Polizistin gearbeitet, erzählt sie, in Cortland, US-Bundesstaat New York. Sie habe gedacht, von Polizist zu Polizist rede es sich leichter. Man würde einander verstehen, habe sie geglaubt, man würde ihr schon helfen, hier in Wien, bei der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn.

Es kam anders. Ein Jahr nach seinem Verschwinden schickte Kathy Gilleran ein zwölfseitiges Dossier an US-Senatorin Hillary Clinton. „Ich habe niemals zuvor so viel Rohheit, Grobheit und Unprofessionalität erlebt“, schrieb sie. Und: „Wenn ich sage, dass das Verhalten der Polizei an Sadismus grenzt, dann übertreibe ich nicht.“

Am Abend des 29. Oktober 2007 rannte ihr Sohn Aeryn Michael John Gillern, US-Bürger, damals 34, nackt aus der Wiener Schwulensauna Kaiserbründl im ersten Bezirk. Seitdem hat ihn keiner mehr gesehen.

Er sei zum Donaukanal gelaufen, habe sich nahe der Urania ins Wasser gestürzt und Selbstmord begangen, sagt die Polizei.

Das sei ganz und gar unmöglich, sagt Kathy Gilleran. „Wenn ich etwas weiß, dann, dass mein Sohn sich nicht umgebracht hat.“ Und sie sei keine Mutter, die die Realität nicht anerkennen könne, keine mother in denial.

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Aeryn Gillern, fotografiert von Kathy Gilleran

Psychologen sagen, dass acht von zehn Selbstmördern in irgendeiner Form auf ihren bevorstehenden Suizid hinweisen. Bei Aeryn Gillern lag der Fall anders: An dem Tag, als er verschwand, drehte sich noch die Schmutzwäsche in der Waschtrommel seiner penibel aufgeräumten Wohnung am Leopoldstädter Handelskai. Er hatte Flugtickets gekauft, zwei Monate später wollte er seinen Freund, einen Schweizer, in Zürich besuchen. Er hatte mit seiner Mutter sorgfältig ihre vorübergehende Übersiedlung nach Wien durchbesprochen. Mit dem Nachbarn hatte er über seinen bevorstehenden Geburtstag getratscht. Als Aeryn Gillern am Morgen des 29. Oktober seine Wohnung verließ, um ins Büro zu fahren, lag eine Packung Rice Krispies am Küchentisch. Er hatte sie am Vorabend für seine Arbeitskollegen gebacken und sie dann in der Wohnung vergessen. Nichts, rein gar nichts, deutet darauf hin, dass er am Abend desselben Tages seinem Leben ein Ende setzen wollte.

Kathy Gilleran erzählt über ihren Sohn. Er habe Comics von Goofy und Scherze des englischen Slapstickstars Benny Hill gemocht, sagt sie, er habe Bücher über Biologie und Philosophie gelesen, er habe für sein Leben gern Kekse gebacken und mit seiner Homosexualität nie ein großes Problem gehabt.

Es ist einer der merkwürdigsten Fälle der vergangenen Jahre. Aeryn Gillern war Stammgast im Kaiserbründl, der bekanntesten Schwulensauna der Stadt. An diesem Abend war er dort, wie so oft, fast jede Woche kam er hierher. Er deponierte den Sportrucksack mit seinen Sachen in Kabine Nummer fünf. Dann stieg er die Treppe hinunter und ging in den Saunabereich.

Danach muss etwas Entscheidendes passiert sein. Gegen 19 Uhr kommt Gillern herauf zur Bar, nackt, nur mit Badeschlapfen an den Füßen. Der Kellner denkt, er brauche nur ein frisches Handtuch. Doch Gillern geht an der Bar vorbei. Er eilt durch den Gang des Gründerzeithauses, öffnet die Eingangstür, läuft ins Freie, es ist schon dunkel an diesem Abend, kalt, leicht windig. Dass er das Gebäude verlässt, sieht der Barkeeper am Schirm der Überwachungskamera, und er springt auf, läuft hinterher, in den Gang, durch die Eingangstür ins Freie. Doch Aeryn Gillern ist schon in den verwinkelten Gassen rund um den Franziskanerplatz verschwunden. Vor dem Portal der Franziskanerkirche, 15 Meter von der Sauna entfernt, liegen seine nassen Badeschlapfen.

Niemand kennt den Grund seines plötzlichen Verschwindens. Gerüchten zufolge soll es in der Sauna zu einem Streit gekommen sein zwischen einheimischen Gästen und Touristen. Der Chef der Sauna behauptet jedoch, dass an jenem Abend nichts vorgefallen sei. Aeryn sei einfach über die Treppe zur Bar heraufgekommen, einfach so, er sei verschwunden, aus heiterem Himmel.

Wenn er tatsächlich Selbstmord begangen hat, muss er danach zum Donaukanal gelaufen sein, durch die Singerstraße und über die Ringstraße. Er muss dabei das Palais Coburg, das übervolle Café Prückl, das Mak, das abendlich hellerleuchtete Uraniakino passiert haben. Es war am frühen Abend, doch niemand hat den nackten Mann – 1,85 Meter groß, muskulös, rasierte Glatze – gesehen. Nur dass er die Sauna verlassen hat, bestätigen Augenzeugen. Der einzige Zeuge, der danach etwas beobachtet haben will, ist ein Mann, der an jenem Abend unterhalb der Urania im Donaukanal fischte. Er erzählte der Polizei, er habe jemanden mit Glatze im Fluss treiben sehen.

Später relativierte der Angler seine Aussage: Er habe eigentlich nur einen Mann im Kanal gesehen, sagte er, mit oder ohne Glatze. Und dann änderte er sie nochmals: Er habe eigentlich nur ein Platschen gehört.

Im dem Dossier, das Kathy Gilleran für Hillary Clinton geschrieben hat, finden sich Ortsangaben, Zeitabläufe, auf Minuten genau, widersprüchliche Aussagen, minutiös dokumentiert. Die Namen der beteiligten österreichischen Polizisten hat Kathy Gilleran mit amerikanischen Titeln versehen, Investigator Weiss, Lieutenant Haimeder.

Sie sagt, die Wiener Polizei habe roh und unkooperativ gehandelt, weil ihr Sohn schwul gewesen sei. Sie sagt, sie habe Aeryn verloren und wisse nicht, was ihm zugestoßen sei. Jetzt wolle sie zumindest seine Würde wiederherstellen.

Am 31. Oktober 2007, nachmittags, zwei Tage nach seinem Verschwinden, telefoniert Kathy in Cortland mit Gillerns Freund, dem Schweizer, der seit acht Monaten mit Aeryn Gillern liiert ist. Dem Falter sagt der Freund, er habe am Tag des Verschwindens, 29. Oktober, kurz nach 19 Uhr, noch eine SMS von Aeryn bekommen: Will be home soon, er rufe ihn dann gleich an. Der Mutter erklärte der Freund am 31. Oktober, sie solle schnellstmöglich nach Wien fliegen. Er sei auch schon hergekommen, komme aber hier mit der Polizei nicht zurecht.

Seit Tagen war Aeryn Gillern nicht in seinem Büro aufgetaucht, bei der Unido, der UN-Organisation für industrielle Entwicklung, wo er seit fünf Jahren arbeitete. Er, der pflichtbewusste Forschungsmitarbeiter, der Dreifachmagister, der noch nie zuvor einen Tag grundlos gefehlt hatte. Die besorgten Arbeitskollegen alarmierten seinen Nachbar, seinen Freund, seine Mutter.

Zwei Tage später stand Kathy Gilleran am Wiener Flughafen. Sie zog vorläufig in die Wohnung ihres Sohnes. In den folgenden fünfeinhalb Wochen sprach sie mit allen Beteiligten, mit Aeryn Gillerns Freunden, seinen Kollegen, seinen Nachbarn, der Polizei, der Saunaverwaltung, dem Hausarzt. Sie protokollierte jedes Gespräch, jedes Indiz, jeden Hinweis.

Heute sagt sie, diese Zeitspanne laufe wie ein Film an ihr vorbei, sie erinnere sich an jede Kleinigkeit. Um die komplizierte Geschichte zu vereinfachen, hat sie die Visitenkarten, die sie in den fünfeinhalb Wochen bekommen hat, vor sich auf den Hoteltisch gelegt, aneinandergereiht wie Memorykärtchen. Ihr Finger rast von Name zu Name. Kathy Gilleran erzählt präzise, chronologisch exakt. Wenn sie zu entscheidenden Stellen kommt, dann listet sie auf, was passiert ist, Minute für Minute.

Sie sagt, dass die Polizisten sie gefragt hätten, ob sie eigentlich stolz darauf sei, einen schwulen Sohn zu haben. Sie sagt, die Ermittler hätten sich geweigert, Englisch zu sprechen, und gleichzeitig durchblicken lassen, dass sie die Sprache beherrschen. Mit höhnischem Unterton habe man sie nach der Art ihrer Polizeiarbeit gefragt, ob sie denn Parksheriff gewesen sei in Amerika. Sie erzählt, dass die Dolmetscherin – eine Unido-Mitarbeiterin – die Polizisten gebeten habe, Sprechpausen einzulegen, damit sie für Kathy Gilleran übersetzen kann. Und die Polizisten hätten verweigert.

Gilleran behauptet, die Polizei habe weder Aeryns Wohnung durchsucht noch den Donaukanal, in den er angeblich gesprungen sein soll.

Zwei Ermittler seien gekommen, um in der Wohnung in der Leopoldstadt nach Spuren eines möglichen Verbrechens zu suchen, erzählt sie. „Einer der beiden ist durch die Zimmer gegangen. Er hat unter das Bett geschaut. Er hat die ausziehbare Couch auf- und wieder zugeklappt. Er hat kein einziges Beweisstück mitgenommen. Das war die ganze Wohnungsdurchsuchung.“ Zwei weitere Personen, die ebenfalls bei dem Polizeibesuch anwesend waren und ungenannt bleiben möchten, schildern den Ablauf genauso.

Die Polizei sagt, man habe die Wohnung von Aeryn Gillern vorschriftsmäßig durchsucht und Beweisstücke mitgenommen.

Kathy Gilleran behauptet, die Polizisten hätten im Donaukanal nicht nach der möglichen Leiche von Aeryn Gillern gesucht. Nach einer halben Stunde seien sie unverrichteter Dinge wieder abgefahren. „Sie haben mir später erzählt, dass sie dort waren, mit Taucherteams, Booten und der Feuerwehr. Aber wie soll das möglich sein in einer halben Stunde?“

Die Polizei sagt, man habe den Donaukanal ordnungsgemäß durchsucht. Am 29. Oktober 2007, dem Abend des Verschwindens, zwischen 20.23 und 20.50 Uhr – 27 Minuten lang. „Manchmal hat es keinen Sinn, genauer zu suchen“, sagt Friedrich Kovar, Menschenrechtskoordinator am Wiener Landespolizeikommando. „Am nächsten Tag kann die Leiche schon in Ungarn sein. Oder eine Strömung drückt den Körper auf den Grund. Dann findet man ihn unter Umständen erst nach Jahren. Oder gar nicht mehr.“

Am 6. November 2007, eine Woche nach dem Verschwinden, erklärten die Polizisten Kathy Gilleran, dass ihr Sohn sich umgebracht habe, er sei HIV-positiv gewesen und emotional instabil.

An diesem Tag bekam sie den Sportrucksack ihres Sohnes überreicht. Aeryn hatte ihn in der Sauna liegen lassen, in Kabine Nummer fünf. Die Polizisten hatten ihn dort konfisziert. Nun wurde er der Mutter überreicht. Sie weinte, nahm die Kleidung aus dem Rucksack, drückte sie an ihr Gesicht, sog den Geruch des Sohnes ein.

In dem Rucksack, den Kathy Gilleran zuhause durchsuchte, lagen neben der Kleidung Gillerns Reisepass, sein Uno-Ausweis, sein Handy. Und ein negativer Aidstest.

„Ich hatte die Tasche doch gerade vorher von der Polizei bekommen. Und sie haben mir erzählt, dass mein Sohn HIV-positiv gewesen sei“, sagt sie. „Entweder sie haben nicht hineingeschaut – oder sie haben mich belogen.“

Sofort faxte sie den Befund an die Polizei. Tage später jedoch, erzählt sie, sei sie bei einem weiteren Termin bei der Kriminalpolizei erneut angeherrscht worden: Der Fall sei doch klar, ihr Sohn habe wegen Aids Selbstmord begangen. „Obwohl sie es da schon besser gewusst haben müssen, dass mein Sohn kein HIV hatte.“

Die Polizei will zu all diesen Vorwürfen keine Stellung nehmen. Sie seien allesamt an die interne Beschwerdekommission weitergeleitet worden, sagt Friedrich Kovar. Man werde jetzt alles untersuchen und danach möglicherweise Sanktionen aussprechen.

Rund 700 Menschen verschwinden in Österreich pro Jahr. 90 Prozent davon sind Jugendliche, die ein paar Tage ausreißen, oder Asylwerber, die samt ihren Familien untertauchen. Beim Rest, jährlich etwa 70 Personen, handelt es sich um die Ehemänner, die Zigaretten holen und nicht mehr zurückkehren. Oder um die Selbstmorde. Oder um die Kriminalfälle.

Das Wiener Kaiserbründl ist kein Ort von Traurigkeit. „Viele Gäste kommen, um zu saunieren und zu entspannen, die meisten kommen aber, um Sex zu haben“, steht in einem Wiener Erotikführer. Vor 120 Jahren ließ der persische Botschafter in Wien die prächtigen Badehallen im Stil eines orientalischen Hamam errichten, um seinem Sohn ein Geschenk zu machen. In den 80ern posierte Mickey Rourke vor dem pompösen Hintergrund für Erotikfilme. Heute kommen Beamte aus den umliegenden Ministerien und gesetzte ältere Innenstadtbewohner. Sie legen ihre Kleider ab, binden sich weiße Handtücher um die Hüften und tauchen in eine Welt ein, in der ihre sexuelle Orientierung jener der Mehrheit entspricht.

Aeryn Gillern war unter ihnen beliebt. Er war großgewachsen und muskulös, er achtete penibel auf sein Aussehen. 2005 wählte man ihn zum „Mister Gay Austria“. Sponsor der Veranstaltung war das Kaiserbründl. Da habe es durchaus Neid und Eifersucht unter den Saunagästen gegeben, erzählt Gillerns Schweizer Freund.

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Aeryn und Mutter Kathy

Gleichzeitig war Gillern tiefreligiös. Er habe immer ein abgegriffenes katholisches Liederbuch bei sich getragen, sagt seine Mutter. In verschiedenen Wiener Kirchen half er als Messdiener aus. Sein Bekanntenkreis musste sich oft scherzhafte Vorwürfe von ihm gefallen lassen, wenn sonntägliche Kirchenbesuche ausblieben. Eine Zeitlang verbrachte er probehalber im Priesterseminar im niederösterreichischen Gaming. „Während dieser Zeit war er auch Mitglied einer Burschenschaft. Da war Homosexualität natürlich tabu“, sagt ein Bekannter. „Jenen Menschen, denen er nicht nahestand, erzählte er dann von einer erfundenen Freundin, ,meiner großen Liebe in München‘, wie er sagte. Er lebte in einer Scheinwelt. Wie in der Truman-Show. Alles musste perfekt sein.“

Trotz der vergessenen Rice Krispies am Küchentisch, trotz der gebuchten Flüge, trotz der erfolgreichen Karriere und der Zukunftspläne – vielleicht verbarg sich ein Problem tief in Aeryn Gillerns Psyche. Vielleicht quälte es ihn, fräste sich langsam durch sein Gehirn. Vielleicht suchte er die Lösung im Schoß von Kirche und konservativer Burschenschaft. Und irgendwann kollabierte das System – und Aeryn beging in einer Anwandlung von Panik Selbstmord. Und zufällig sah ihn niemand dabei.

Das ist jedoch nur Spekulation. Alle, die ihn kannten und zu einem Gespräch bereit waren, schließen den Selbstmord aus oder glauben zumindest nicht daran. Und die Polizei, die vom Suizid ausgeht, sieht sich mit drei schweren Zweifeln konfrontiert: Erstens sah niemand den großen nackten Mann, der abends durch die stark frequentierte Innenstadt gelaufen sein soll. Zweitens änderte der einzige Zeuge des Selbstmords, der Angler am Donaukanal, mehrmals seine Aussage. Und drittens – wohl das Schwerwiegendste – werfen alle Beteiligten den Polizisten Desinteresse und Homophobie vor. Sogar ein Polizist bestätigt im informellen Gespräch mit dem Falter die „Aufklärungswürdigkeit“ des Falls Nummer DOB 4/28/73, der verschwundene Aeryn Gillern.

Seit mehr als einem Jahr tingelt Kathy Gilleran nun durch amerikanische Talkshows auf Provinzkanälen, sie gibt Journalisten Interviews, sie redet mit Schwulenvertretern und Politikern. Sie erzählt ihnen, dass ein Selbstmord ihres Sohnes ganz und gar unmöglich und dass sie keine mother in denial sei. Sie wollte im Kaiserbründl eine Gedenktafel anbringen lassen, der Chef aber lehnte ab, er müsse auch an die anderen Gäste denken. Am Abend des 29. Oktober 2008, ein Jahr nach dem Verschwinden ihres Sohnes, stand sie mit einigen Kerzen und Fotos von Aeryn Gillern vor dem Kaiserbründl. Sie hielt eine Mahnwache, alleine, vor der Eingangstür, aus der ihr Sohn gerannt war, es war schon dunkel an diesem Abend, kalt, leicht windig.

Sie sagt, Medien und Polizei in Österreich würden sie nicht unterstützen, man arbeite gegen sie. Die Polizei sei unwillig, die Medien schlampig. Einer amerikanischen Journalistin erzählte sie, ihr Schicksal erinnere sie an einen ähnlichen Fall, jenem von Nathalie Holloway im Jahr 2005. Die 19-jährige amerikanische Schülerin verschwand damals spurlos bei einem Klassenausflug auf die Karibikinsel Aruba. Der Fall erregte in den USA Aufsehen, weil sich die Behörden von Aruba an der Suche nach dem Mädchen kaum interessiert zeigten. Genauso wie die österreichischen Behörden im Fall Aeryn Gillern, sagt Kathy. „Nur dass ich nicht die Mutter eines Cheerleader-Mädchens bin, sondern die Mutter eines schwulen Sohnes.“

Dann sucht sie nach einem Beleg für ihre Aussagen und kramt nach einem kurzen Zeitungsartikel. Er erschien vor wenigen Monaten im Gratisblatt Heute. Dort steht, dass Kathy Gilleran der österreichischen Polizei schlampige Ermittlungen vorwerfe. Und dann, im letzten Satz, heißt es plötzlich, Kathy Gilleran wäre die Mutter des verschwundenen Mädchens gewesen: „Die Verzweiflung der Mutter ist verständlich: 2005 verschwand bereits Tochter Nathalie – nie gefunden.“

Ein Fall voller Widersprüche

Geht man von einem Selbstmord aus, dann muss Aeryn Gillern in etwa den Weg zwischen Kaiserbründel und Donaukanal zurückgelegt haben. Er führte direkt über die Ringstraße und durch die stark frequentierte Innenstadt

29. Oktober 2007

19 Uhr: Laut Sauna und Polizei läuft Gillern etwa um diese Zeit aus dem Kaiserbründl

19.20 Uhr: Gillern telefoniert mit einem Unido-Kollegen. Das Gespräch soll normal, er selbst guter Laune gewesen sein

19.27 Uhr: Gillerns Schweizer Freund bekommt die letzte SMS: Er sei bald zuhause, er rufe ihn dann an

20.23–20.50 Uhr: Die Polizei durchsucht den Donaukanal

Kathy und Aeryn tragen zwei verschiedene Familiennamen. „Gilleran“ ist die irische Urform, „Gillern“ die amerikanisierte Fassung.

Erschienen im Falter 47/08

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