Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 42/2018, 15.10.2018

Ich vermute, dass sich wohl jeder hin und wieder die bange Frage stellt: Wie großzügig wäre man eigentlich noch, wenn es einmal eng wird im Leben? Ist Moral nur ein Schönwetterprogramm? Eine Selbsttäuschung in guten Zeiten, die sogleich entsorgt wird, sollte es dereinst so weit kommen, dass Hunger und Durst drohen, dass man obdachlos ist oder keinen Euro mehr besitzt?

Wen solche Fragen umtreiben, den werden Erkenntnisse aus der Wissenschaft interessieren. An der Alpen- Adria-Universität in Klagenfurt führte ein Forscherteam rund um die Psychologin Astrid Kause ein eigenwilliges und spannendes Experiment durch. Die Studienteilnehmer radelten so lange auf einem Hometrainer, bis sie durstig waren. Durch selbiges Radeln „verdienten“ sie sich etwas, nämlich Einheiten an Wasser und Geld.

Danach maßen die Forscher: Was sind die Probanden eher bereit, mit den anderen, ebenso durstigen Radler zu teilen? Die Wasser-Einheiten oder die Geld-Einheiten?

Man sollte meinen, ein Durstiger stürzt sein Wasser selbst hinunter, statt es mit Fremden zu teilen -zumal er sich durch das Radeln hart erarbeitet hat. Beim Teilen von Geld hingegen mag er vielleicht mit sich reden lassen. Immerhin stillt das Geld sein unmittelbares Bedürfnis gerade weniger als das Wasser.

In Wahrheit geschah das Gegenteil. Die Teilnehmer teilten das Wasser bereitwilliger als das Geld. Als Ursache vermuten die Forscher nun, dass ein Durstiger stärker nachempfindet, wie sich ein anderer Durstiger fühlt -und daher Wasser, selbst wenn es ihm schwerfällt, eher zu teilen bereit ist als das abstrakte Gut Geld.

Fazit: Sollten die Zeiten dereinst schlecht werden, wird man nicht zwangsläufig zum eiskalten Egoisten. Das sind doch einmal gute Nachrichten.

Joseph Gepp

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