Monatsarchiv: August 2018

Standortwechsel

Aus dem profil 34/2018 vom 20.08.2018

Ein Proteststurm der etwas anderen Art spielt sich derzeit auf der Website des österreichischen Parlaments ab. Dort können Betroffene ihre Meinung zu Gesetzen abgeben, welche die schwarz-blaue Regierung plant. Aktuell zur Begutachtung aufliegend: das sogenannte „Standort-Entwicklungsgesetz“ (StEntG), das Anfang 2019 in Kraft treten soll. Dieses sieht eine einschneidende Reform von Umweltverträglichkeitsprüfungen und anderer Genehmigungsverfahren vor, die der Errichtung von Großprojekten wie Mülldeponien und Industrieanlagen vorausgehen. Konkret: Wenn die Regierung ein Projekt künftig für „standortrelevant“ erklärt, also für wichtig für Österreichs Wirtschaft, dann greifen „verfahrensbeschleunigende Maßnahmen“. Ein Projekt soll automatisch als genehmigt gelten, wenn die Verfahrensdauer länger als ein Jahr dauert. Das StEntG basiert auf langjährigen Wünschen der Unternehmensvertretungen Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung.

Allerdings: Die Kritik daran ist immens. Sogar von ÖVP-Regierungen wie jener von Vorarlberg und der Stadt Graz kommt scharfer Widerspruch. Einzig Unternehmen wie die Flughafen Wien AG und Elektrizitätsbetriebe springen für das Vorhaben in die Bresche.

„Ein noch nie dagewesener Angriff auf das Umweltrecht ( ) Wir fordern auf, diesen absurden Gesetzesentwurf ersatzlos zurückzuziehen!“ Greenpeace

„Absurd und rechtswidrig“
WWF

„Höchst bedenklich“
Kuratorium für Fischerei und Gewässerschutz

„Rückschrittlich“ Grüne Niederösterreich

„Das Gesetz ist mehrfach europarechtsvölkerrechts-und verfassungswidrig und würde deshalb in der Praxis zu unvorstellbarer Rechtsunsicherheit und Verfahrensverzögerungen führen.“ Ökobüro, Dachverband der Umweltschutzorganisationen

„Zu begrüßen“ Flughafen Wien AG

„Aufgrund von verfassungs-und unionsrechtlichen Unvereinbarkeiten sehr kritisch zu sehen“
Land Vorarlberg

„Zur Gänze abzulehnen“
Stadt Graz

„Ein politisch-strategisches Planungsinstrument ( ), um den Wirtschaftsstandort Österreich langfristig abzusichern und für Investoren attraktiv zu erhalten.“ Österreichs E-Wirtschaft

„Europarecht, Völkerrecht und Verfassungsrecht sind in meist kaum behebbarer Weise betroffen.“ Arbeiterkammer

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Eingeordnet unter Behörden, Innenpolitik, Stadtplanung, Umwelt und Klima

Reiserestgeldverwertung

Aus dem profil 33/2018 vom 13.08.2018

Die Web-Wechselstube aus Österreich.

Wer gern verreist, kennt das Problem. „Ich war früher viel als Rucksacktourist unterwegs“, erzählt Werner Noisternigg. „Und aus jedem Land, das ich durchquert habe, ist mir immer ein bisschen Geld übrig geblieben.“ Am Ende habe man 40 Millionen in irgendwelchen Landeswährungen gesammelt, „in unserer Währung sind das schnell einmal 150 Euro“. Es ist Geld, das nach der Rückkehr typischerweise in Vergessenheit gerät. Es verstaubt in Schreibtischladen oder Gurkengläsern, denn wegwerfen will man es ja auch nicht. Noisternigg -Salzburger, gelernter Programmierer -hat ein Projekt hochgezogen, das Abhilfe schaffen soll. In diesem Sommer ging die Website jojmoney.com nach einer Testphase in den Vollbetrieb. Dort lassen sich kleine Summen in mehr oder weniger exotischen Währungen kaufen und verkaufen. Funktionsweise: Man gibt an, wie viel Geld man in welcher Fremdwährung loswerden möchte – und wartet auf interessierte Käufer. Haben sich selbige gefunden und den Gegenwert in Euro überwiesen, wird das Geld per Post verschickt. Weil es sich um kleine Summen handelt, stellt der Postweg kein Problem dar. Der durchschnittliche Jojmoney-Benutzer wechselt umgerechnet 37 Euro ein.

Tauschen kann man Banknoten, aber auch Münzen. Die Währungen dürfen maximal zum aktuellen Kurswert verkauft werden; mit Gewinnen ist also nicht zu rechnen. „Es geht eben darum, dass man sein nach Hause mitgebrachtes Geld unkompliziert in Euro wechseln kann, oder umgekehrt“, sagt Noisternigg. Kommissionen und Gebühren sind nicht fällig. Dies -ebenso wie die leichtere Handhabe – unterscheidet die Web-Plattform vom traditionellen Geldwechseln bei einer Bank.

Das Projekt erfreut sich derzeit wachsender Popularität, täglich 20 neue Benutzer registrieren sich beim Web-Portal – kaum überraschend zur Hauptreisesaison . Aber auch für jene, die in Österreich oder in der Eurozone urlauben, wäre es möglicherweise an der Zeit, eine sommerliche Reiserestgeldverwertung in Betracht zu ziehen. Da liegen doch noch irgendwo indische Rupien, thailändische Baht und kroatische Kuna herum.

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Glosse: Das war meine Woche

Aus dem profil 33/2018 vom 13.08.2018

Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Tax Freedom Day (TFD). Dieser Tag wurde am vergangenen Sonntag, dem 4. August, begangen. Es ist jener Tag im Jahr, bis zu dem die Österreicher durchschnittlich arbeiten müssen, bis sie alle Steuern und Abgaben an den Staat berappt haben. Bis 4. August also werfen wir unser hart verdientes Geld dem Staat in den Rachen -mit diesem Unterton trommeln gern FPÖ, einige Unternehmerverbände und wirtschaftsliberale Thinktanks die Nachricht vom TFD.

Schauen wir uns das Konzept genauer an. Je früher der TFD, desto mehr Geld bleibt den Leuten in der Tasche, suggeriert es. Stimmt aber nicht. In den USA beispielsweise -TFD: 19. April -zahlen die Menschen zwar weniger Steuern, stecken aber umso größere Summen in Gesundheits-und Bildungsdienstleistungen, die Private anbieten. Dies tun sie wohl nicht hundertprozentig freiwillig, denn immerhin will jeder gesund und ausgebildet sein. Unterschiedliche Leistungen kosten eben unterschiedlich viel. Genau das lässt der TFD außer Acht.

Um seriös herauszufinden, in welchen Bereichen der Staat tatsächlich ineffizient wirtschaftet, müsste man vielmehr die Ausgaben für konkrete Leistungen vergleichen – unabhängig ob staatlich oder privat. Wie viel kostet eine Krebstherapie in unterschiedlichen Staaten? Ein Programmierer-Lehrgang? Der Bau von einem Kilometer Autobahn? Wenn herauskommt, dass die Leistung tatsächlich dort teurer ist, wo sie vom Staat erbracht wird – dann läuft wirklich etwas schief im Steuersystem.

Aber darüber sagt der TFD nichts aus. Er will nur vermitteln, dass wir alle angeblich viel zu viel an den Staat zahlen. Dass wir bis zum 4. August von selbigem gnadenlos gegängelt werden. Der TFD ist ein Propagandakonstrukt aus dem Umfeld rabiat staatsfeindlicher US-Rechter, die hinter jeder Ecke den Sozialismus wittern. Er hat keinen echten Erkenntniswert.

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Fragenrennen

Aus dem profil 33/2018 vom 13.08.2018

Um wie viel Geld hat die Gemeinde Wien die Trabrennbahn Krieau im Prater an ein privates Immobilienunternehmen verkauft? Warum laufen solche Deals derart diskret ab? Infolge eines profil-Berichts vergangene Woche („Geheimplan Rennbahn“, profil 32/18) tun sich zahlreiche Fragen auf. Bald müssen die verantwortlichen Politiker Antworten liefern. Denn gleich drei Parteien kündigen an, auf parlamentarischer Ebene in der Causa aktiv zu werden. Die oppositionellen Wiener NEOS haben bereits eine umfassende Fragenliste an SPÖ-Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál übermittelt. Die Wiener ÖVP indes macht von ihrem Recht Gebrauch, einmal jährlich eine Sondersitzung des Gemeinderats einzuberufen: Neben der Krieau soll sie sich etwa mit den Semmelweis-Gründen und dem Verkauf von 3000 Sozialwohnungen durch die WBV-GÖD befassen. Auf Bundesebene schließlich will Wolfgang Zinggl, Abgeordneter der Liste Pilz, im Rahmen einer Anfrage Details „zu anhängigen Verfahren bei fragwürdigen Immo-Deals“ à la Krieau erfahren. „Wenn öffentliches Gut schon verkauft werden muss, dann ist es wohl selbstverständlich, dass alle Konditionen dazu öffentlich gemacht werden“, sagt Zinggl. Für Aufklärung in den kommenden Wochen und Monaten wird also gesorgt. Hoffentlich.

Vorangegangene Geschichte:
Privatbahn, Juni 2018
Geheimplan Rennbahn, August 2018

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Ein Sommer wie damals

Aus dem profil 33/2018 vom 13.08.2018

Es gab eine Zeit, da schoben Büromenschen im Sommer noch die ruhige Kugel, selbst wenn sie nicht gerade auf Urlaub weilten. Da lief kein Telefon heiß, weil sowieso wenige Leute zu erreichen waren. Da war die kreativste Aktivität des Arbeitstages die Planung jener Projekte, mit deren Anlaufen ab September gerechnet wurde. Frühestens. Doch das Sommerloch gibt es nicht mehr. Was das subjektive Empfinden bereits erahnen ließ, bestätigt nun eine aktuelle Umfrage des Job-Portals karriere.at (siehe Grafik): Für knapp mehr als die Hälfte der Befragten unterscheidet sich die Arbeitsbelastung im Sommer nicht von jener während des restlichen Jahres. Darüber hinaus fühlt sich fast ein Viertel gar stärker gestresst als sonst. Die Ursache ist die Mehrarbeit aufgrund urlaubsbedingter Abwesenheiten von Kollegen -bei häufig ohnehin schlanker Personalbesetzung. Lediglich 16 Prozent der befragten Arbeitnehmer können heutzutage noch ein klassisches Sommerloch mit geringer Arbeitsbelastung genießen. Einen Sommer wie damals, quasi.

Etwas stressfreier haben es wenigstens die Chefs. Die Antworten von Unternehmensvertretern wurden bei der karriere.at-Umfrage gesondert erhoben. Unter ihnen geben immerhin 40 Prozent an, dass es im Sommer ruhiger sei als sonst. 31 Prozent stellen keinen Unterschied zum restlichen Jahr fest; für 16 Prozent ist es stressiger.

Nicht nur in Bezug auf die Flut politischer Nachrichten hat sich der Sommer also dem restlichen Jahr angepasst, sondern auch im Büroalltag. Wobei: Hin und wieder ist es dann doch wieder wie früher. Dann schreibt man Artikel über das Sommerloch. So wie den, den Sie gerade lesen.

Joseph Gepp

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Eingeordnet unter Kurioses

Geheimplan Rennbahn

Aus dem profil 32/2018 vom vom 06.08.2018

Die Gemeinde Wien hat vor Kurzem die Trabrennbahn Krieau im Prater an ein privates Immobilienunternehmen verkauft. Wurde der kostbare Grund zu billig verscherbelt? Und warum behauptet die rot-grüne Stadtregierung, die Bahn bliebe erhalten, während es in Wahrheit offenkundig Gespräche über ihren Verbau gibt? Ein Immo-Deal, der Fragen aufwirft.

Von Joseph Gepp

An einem lauen Sommerabend kommt die halbe Stadt in den Wiener Prater zum Sporteln. Radfahrer und Jogger tummeln sich auf der Hauptallee. Kaum einen Steinwurf entfernt hat eine weniger bekannte Sportart ihre Heimstatt. Auf der Trabrennbahn Krieau ziehen die Traber mit ihren Pferden ihre Runden. Vor 140 Jahren, anno 1878, wurde die Rennbahn im 2. Bezirk eröffnet. Mit ihren denkmalgeschützten Tribünen und einem filigranen Schiedsrichterturm gilt sie als architekturhistorisch wertvoll. Sie ist eine Wiener Sehenswürdigkeit.

Doch ob hier auch in Zukunft noch Pferde traben, scheint fraglich. Anfang Juli berichtete profil, dass die Gemeinde Wien die Rennbahn an einen privaten Immobilienentwickler verkauft hat. Der Deal ging still und leise vonstatten. Keine Presseaussendung wies darauf hin; keine Debatte im Gemeinderat fand statt. Der Käufer heißt Viertel Zwei Entwicklungs GmbH & Co Krieau KG. Dieses Unternehmen mit Sitz in Wien hat bereits in den vergangenen Jahren große Flächen neben der Rennbahn erworben. Nun kam die Bahn selbst an die Reihe.

Droht jetzt ein Verbau mit Luxuswohnungen und teuren Büros? Wird somit das bebaute Areal der Stadt tief in jene Praterflächen hineinrücken, die heute noch frei stehen? Müssen die Pferde weichen? Garantiert nicht, beteuerten in den vergangenen Wochen Vertreter der privaten Viertel Zwei genauso wie der Stadt Wien. Die Rennbahn bleibe erhalten, wenn auch unter neuem Besitzer.

Nun jedoch wecken interne Unterlagen, die profil zugespielt wurden, Zweifel an dieser Darstellung. Das Konvolut, das von der Viertel Zwei stammt und teilweise mit dem Vermerk „streng vertraulich“ versehen ist, enthält detaillierte Informationen zu Verkauf und Zukunft der Rennbahn. Eine Bebauung ist durchaus in Überlegung, entgegen aller Beteuerungen. Die Pläne wirken sogar ziemlich konkret. Die rot-grüne Wiener Stadtregierung – konkret Michael Ludwig, bis vor Kurzem SPÖ-Wohnbaustadtrat und heute Bürgermeister – ist offenkundig seit Jahren in das Ansinnen eingeweiht. Noch als Stadtrat fand ein Treffen zwischen Ludwig und Viertel-Zwei-Managern statt, in dem Ludwig umfassend über deren Pläne aufgeklärt wurde, dies zeigen die Dokumente.

Bereits seit Jahren tönt Kritik an den Grundstücksgeschäften der Stadt Wien in der Krieau und Umgebung.
Extrem diskret und ohne Ausschreibung wurden hier im Lauf von bald eineinhalb Jahrzehnten Liegenschaften verkauft. Jetzt hat mit der Trabrennbahn erneut eine wertvolle und große Fläche den Eigentümer gewechselt. Oppositionspolitiker, Rechnungshofprüfer und gar manch Stadt-Wien-Beamter kritisierten im Lauf der vergangenen Jahre, dass das Rathaus die Liegenschaften nicht nur heimlich, sondern auch zu billig verkauft habe. Politisch verantwortlich sind die ehemaligen SPÖ-Wohnbaustadträte Werner Faymann und Michael Ludwig. Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, die Öffentlichkeit nicht genug informiert zu haben, dass hier im großen Stil Privatisierungen stattfinden – und was der Zweck dahinter sein soll.

Traber auf der Rennbahn: Links im Hintergrund das neue Viertel Zwei (Foto: Joseph Gepp)

Die Krieau-Causa reiht sich in eine Serie von Immobiliengeschäften der Stadt Wien, die derzeit für Schlagzeilen sorgen. Zum Beispiel rund um das Semmelweis-Areal im 18. Bezirk, wo das Rathaus Liegenschaften zum Spottpreis an einen Privatschulbetreiber und ein SPÖ-nahes Wohnbauunternehmen verkauft haben soll. Im zweiten Fall ermittelt die Korruptionsstaatsanwaltschaft. Das Rathaus stoße Flächen viel zu billig ab, kritisiert regelmäßig die Stadt-Wien-Opposition aus FPÖ, ÖVP und NEOS. Der Gemeinde – und damit dem Steuerzahler -würden Millionen entgehen.

Was den Krieau-Verkauf betrifft, beginnt dessen Vorgeschichte im Jahr 2004. Damals beschließt die Stadt, große Grundstücke am Rand des Praters einem Tochterunternehmen der stadteigenen Wien Holding zu übertragen. Dieses reicht die Flächen an einige handverlesene Privatunternehmen weiter. Hintergedanke: Die Privaten sollen attraktive Bürobauten und Einkaufszentren errichten. Immerhin naht die Verlängerung der U-Bahn-Linie 2 heran ebenso wie die Fußball-EM 2008 im Praterstadion -da soll der 2. Bezirk etwas hermachen.

Bei den Deals kommt unter anderem die Viertel Zwei zum Zug.
Sie erhält Vorkaufsrechte rund um die Krieau. Auf dieser Basis erwirbt sie nach und nach Flächen. Hinter der Viertel Zwei steht Michael Griesmayr, 57 Jahre alt. Der gebürtige Steirer, der in den 1990er-Jahren als Immobilienfinanzierer bei der Raiffeisen-Zentralbank begann, ist heute ein großer Player in der Wiener Immobilienszene. Im Jahr 2010 feiert Griesmayrs erstes großes Projekt im Prater Fertigstellung: das „Viertel Zwei“, ein Bürogrätzel, architektonisch durchaus gelobt, gelegen unmittelbar neben der Trabrennbahn. Im Jahr 2012 folgt der nächste Streich: Die Viertel Zwei kauft das Areal der Stallungen, ebenfalls neben der Bahn. Die Bebauung dieses Geländes („Viertel Zwei Plus“) läuft derzeit an. Im Frühjahr 2017 schließlich krönt das Unternehmen seine Einkaufstour mit dem Erwerb der Rennbahn selbst. Sie ist nahezu 13 Hektar groß; die Lage zwischen U-Bahn und Grünem Prater könnte nicht besser sein. Zugleich jedoch gestalten sich hier die Umstände schwieriger als bei den früheren Käufen: Die Bahn ist seit dem Jahr 1945 unbefristet an den Wiener Trabrennverein verpachtet, der die Rennen betreibt. Überdies darf das Gelände derzeit nicht bebaut werden, weil es als „Sportstätte“ gewidmet ist. Sollte die Rennbahn irgendwann aufgelassen werden, muss laut Gesetz anderswo eine Ersatzsportstätte geschaffen werden.

Aus den geheimen Unterlagen: So soll die Rennbahn dereinst aussehen

Aufseiten der Stadt gibt es von Anfang an Kritik an den Deals. Im Jahr 2004 wettern Oppositionelle im Gemeinderat gegen die „freihändigen, handstreichartigen Vergaben“. Zwei Jahre später kritisiert der Stadtrechnungshof, dass es keine Ausschreibungen gegeben habe, bei denen der Bestbieter zum Zug hätte kommen können. Stattdessen basierten die Kaufpreise auf Sachverständigengutachten, welche die Stadt Wien in Auftrag gab. „Bei ordnungsgemäßer Ausschreibung hätte ein weit höherer Kaufpreis erzielt werden können“, so der Stadtrechnungshof. Die Deals „entbehren den üblichen Gepflogenheiten im Immobilienwesen“. Und: „Es stellt sich die Frage, warum gerade diese Investoren für das Megaprojekt ausgewählt wurden.“ Im Jahr 2014 taucht noch dazu ein interner Aktenvermerk aus der Wien Holding auf. Wie die Wochenzeitung „Falter“ damals berichtete, hatte ein Wien- Holding-Mitarbeiter im Jahr 2007 seine Vorgesetzten gewarnt: Die Kaufpreise für die Krieau-Gründe seien derart niedrig, dass der Deal „einer Korrektur bzw. Auflösung“ bedürfe.

Wie viel zahlt die Viertel Zwei heute für die Rennbahn? Den endgültigen Kaufpreis wisse man noch nicht, sagt Unternehmenssprecherin Judith Erlfelder. „Er kann erst festgelegt werden, wenn gewisse Parameter feststehen, darunter die Art der Nutzung sowie die erzielbare Bruttogeschossfläche auf Basis der Widmung.“ Je nach errichteter Fläche komme es zu „Nachbesserungen“, erklärt Erlfelder. In Immobiliendingen sei dies „ein normaler und üblicher Vorgang“.

Wurde über den gewünschten Verbau der Krieau informiert, als er noch Wohnbaustadtrat war: SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig (Wikipedia)

Laut einer internen Präsentation der Viertel Zwei, die profil vorliegt, beträgt der Kaufpreis inklusive Nebenkosten 16,5 Millionen Euro. Das entspricht einem ungefähren Quadratmeterpreis von 130 Euro. Es sei ein „Mindestkaufpreis“ exklusive Nachbesserungen, heißt es auch hier.

Ist die Summe angemessen? Und wie viel könnte durch die Nachzahlungen noch dazukommen? Aufschluss darüber würde jenes Gutachten der Stadt liefern, mit dessen Hilfe der Kaufpreis bestimmt wurde. Doch dies sei unter Verschluss, erklärt Daniel Benyes, Sprecher von SPÖ-Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál, der Nachfolgerin Faymanns und Ludwigs. „Aus rechtlichen Gründen darf es nicht herausgegeben werden.“

Benyes weist scharf zurück, dass der Kaufpreis
im Fall Krieau zu niedrig ausgefallen sein könnte. Er verweist vor allem auf besagte Nachbesserungen. Sollte die Krieau dereinst wirklich bebaut werden, würde -je nach Umfang der Gebäude – ein durchaus marktüblicher Kaufpreis an die Stadt Wien fließen. Allerdings: Dies setzt ja genau jenes Szenario voraus, das offiziell alle Seiten bestreiten -einen Verbau. Was der Sinn hinter dem ganzen Konstrukt sein soll, bleibt letztlich rätselhaft.

Doch zurück zu den internen Dokumenten. Sie enthalten neben Details zum Kauf auch Pläne, was wirklich mit der Trabrennbahn geschehen soll. Und siehe da -im Gegensatz zu allen Beteuerungen von Gemeinde Wien und Viertel Zwei ist es keine ausgemachte Sache, dass die Bahn erhalten bleibt. Dabei hat Viertel- Zwei-Sprecherin Erlfelder noch im Juli betont, man habe „keine“ Pläne mit der Rennbahn. Angeblich einziges Motiv für den Kauf: „Wir wollen nicht, dass uns irgendjemand wo etwas hinbaut – auch in Zukunft nicht“, so Erlfelder gegenüber ORF Wien. Auch das Büro von Gaál beschwichtigte: „Der Weiterbestand der Trabrennbahn ist abgesichert.“

In Wahrheit laufen bereits seit Jahren Gespräche mit Vertretern der Gemeinde über eine Bebauung des Geländes -so geht das zumindest aus den internen Unterlagen der Viertel Zwei hervor. „Gespräche bzgl. dem Absiedlungsprozedere finden mit Stadt Wien statt“, heißt es beispielsweise in einer Präsentation vom Vorjahr. Die Absiedlung bezieht sich auf den Wiener Trabrennverein (WTV) – er muss verschwinden, ehe eine Bebauung beginnen kann. Dementsprechend heißt es in einem internen Protokoll zu einer Viertel-Zwei-Sitzung, in der sich die Manager untereinander über ihre Ziele austauschen: „Der WTV muss weg!“

Sogar der heutige SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig wurde über die Pläne informiert -und zwar ziemlich ausführlich. Am 30. März 2016 fand laut den Dokumenten ein Termin von Viertel-Zwei-Vertretern mit dem damaligen SPÖ-Wohnbaustadtrat statt. Der Verkauf der Rennbahn war damals noch nicht unter Dach und Fach. Es galt für die Manager, Ludwig von ihren Krieau-Plänen zu überzeugen. profil liegt das Protokoll einer internen Sitzung von Anfang März 2016 vor, kurz vor dem Termin bei Michael Ludwig. Darin entwerfen die Manager des Immobilienunternehmens eine Strategie für das bevorstehende Gespräch mit dem Stadtrat.

Was den Plan einer „Bebauung des Infields“ (also der Rennbahn) betrifft, müsse man „Überzeugungsarbeit“ bei Ludwig leisten, heißt es. Man werde ihm „Varianten“ vorlegen, „wie eine grundlegende Bebauung aussehen kann“. Als mögliches Argument für den Verbau könne man beim Ludwig-Termin anführen, dass rund um die Rennbahn ja bereits in den vergangenen Jahren zahlreiche Neubauten entstanden seien. „Somit kann eine Bebauung des Planungsgebiets 3 (die interne Viertel-Zwei-Bezeichung für die Trabrennbahn, Anm.) als logische Konsequenz dargestellt werden.“

Wie lautet also das Fazit im Fall Krieau? Was die Informationspolitik gegenüber der Öffentlichkeit betrifft: Die Stadtregierung verliert kein Wort darüber, dass offenkundig durchaus intensiv debattiert wird, eine Großfläche zu verbauen, die immerhin einen wichtigen Teil des Wiener Praters darstellt. Und in Sachen Kaufpreis? Hier bedient sich die Gemeinde eines Systems geheimer Gutachten und Nachzahlungen, dessen Details niemand kennt und das für jede Menge Kritik sorgt.

Die Viertel Zwei meint gegenüber profil, man mache „keine Angaben zum Inhalt einzelner Gespräche“. Grundsätzlicher: „Wenn der Trabrennverein die gepachtete Fläche aufgeben und/oder seinen Standort verändern will, werden wir ihn bei diesem Vorhaben unterstützen“. Man bereite sich jedoch „als professioneller Stadtteilentwickler auf verschiedene Szenarien vor.“

Und die Gemeinde? In einer Stellungnahme der MA 69 für Immobilienmanagement, die Gaál untersteht, bleibt die Stadt bei ihrer bisherigen Darstellung: Es gäbe „keine Gespräche über eine Gesamtabsiedlung des Trabrennvereines“. Dies wäre nämlich beim Wiener Sportamt zu beantragen -und genau das sei nicht geschehen. Und das Gespräch mit Ludwig? Darauf geht die MA 69 in ihrer Stellungnahme nicht ein. Hinter vorgehaltener Hand meinen Rathausvertreter, das seien lediglich „total unverbindliche Vorab-Gespräche“ gewesen.

Wie ernst über die Zukunft der Krieau diskutiert wird, das muss offen bleiben. Genauso wie viele andere Fragen in der mysteriösen Causa. Immerhin auf einige könnte es bald Antworten geben. Die Oppositionspolitikerin Bettina Emmerling, Vize-Klubchefin der Wiener NEOS, will SPÖ-Stadträtin Gaál mittels einer umfangreichen Anfrage zu Auskünften zwingen. Emmerling fragt beispielsweise, warum es keine Ausschreibung gab und worin überhaupt der Zweck lag, die Rennbahn zu verkaufen. Mit einer Antwort ist Mitte September zu rechnen.

Die Viertel Zwei jedenfalls hofft laut den profil zugespielten Unterlagen, im Jahr 2021 mit einer Bebauung beginnen zu können. Man rechnet mit einer Bruttogeschossfläche von „ca. 90.000-110.000 Quadratmetern (Minimalvariante)“. Die denkmalgeschützten Tribünen und der Schiedsrichterturm sollen in das neue Stadtviertel integriert werden. Angedacht ist ein künstlicher See auf der ehemaligen Rennbahn, um den sich Gebäude mit den Zwecken „Wohnen, Gewerbe und Bildungsstätten“ gruppieren.

Und all das mitten im Grünen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Behörden, Das Rote Wien, Stadtplanung

Glosse: Das war meine Woche

Aus dem profil 31/2018 vom 30.07.2018

Ich frage mich, ob bald die nächste große Finanzkrise kommt. Und zwar nicht wegen etwaiger Handelskriege zwischen der EU und den USA, neuerlicher Crashes von Großbanken oder Dochnoch-Pleiten von Euroländern (wobei all dies durchaus möglich wäre). Sondern aufgrund eines ganz anderen Umstands.

Viele Unternehmen haben ihr Geld in fossile Energien investiert. So als wüssten sie nicht, dass man das dahinterstehende Öl und Gas in nicht allzu ferner Zukunft wohl nicht mehr verbrennen wird können. Andernfalls geht das Klima endgültig vor die Hunde. Versicherungen, Banken und Energiekonzerne sind abhängig, dass Billionenwerte in Öl und Gas nicht irgendwann rapide absacken. Aber genau das droht.

Zukunftsmusik, meinen Sie? Panikmache? Das hätten Vertreter der internationalen Kohleindustrie vor ungefähr eineinhalb Jahrzehnten auch gesagt. Damals war sie noch ein mächtiger Wirtschaftszweig; inzwischen hat die Branche 90 Prozent ihres einstigen Börsenwerts verloren. Der US-Konzern Peabody, weltgrößtes privates Kohleunternehmen, musste 2016 Insolvenz anmelden.

Und Öl? Auch hier „sind wir an einem Wendepunkt“, sagen Vertreter der französischen Fondsgesellschaft Amundi laut „FAZ“.“Wird das Risiko falsch bepreist, droht eine Korrektur“, warnt Amundi, das derzeit 1,5 Billionen Euro Kundengelder verwaltet. Vor allem französische Geldhäuser sind Vorreiter beim sogenannten Divesting, also beim Abgang vom Investieren in Fossilenergien, konstatiert die FAZ.

Das ist auch richtig so. Früher oder später ist mit gesetzlichen Einschränkungen und Verboten beim Einsatz fossiler Energien zu rechnen. Immerhin wurde im Klimaabkommen von Paris 2015 ein Stopp der Klimaerwärmung verbindlich vereinbart. Überdies werden Erneuerbare Energien weiter an Bedeutung zulegen, allein schon aus Mangel an Alternativen. Bleibt zu hoffen, dass die Botschaft rechtzeitig in der Wirtschaft ankommt, bevor das Erwachen allzu böse wird.

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