Monatsarchiv: März 2018

„Diesem Vorschlag wird nicht die höchste Priorität beigemessen“

Aus profil 7/2018

Im Koalitionsprogramm bekennt sich die schwarz-blaue Regierung vollmundig zu mehr Transparenz für Großkonzerne in Steuerfragen. Bei konkreten Plänen auf EU-Ebene hingegen steigt der neue ÖVP-Finanzminister Hartwig Löger auf die Bremse.

Von
Joseph Gepp

Paradise Papers, Panama Papers, Lux Leaks – die Steuerskandale, die alle paar Monate die internationale Öffentlichkeit bewegen, tragen klingende Namen. Weniger eingängig sind die Bezeichnungen jener Initiativen, mit denen versucht wird, der Steuervermeidung Herr zu werden. Eine davon heißt: „öffentliche länderweise Berichterstattung für multinationale Unternehmensgruppen“.

Hinter dem sperrigen Ausdruck verbirgt sich ein hochkontroversielles Vorhaben, über das seit Jahren gestritten wird. Ökonomen und Steueraktivisten trauen ihm durchaus Potenzial zu, im Kampf gegen die Steuervermeidung ein probates Mittel zu sein. Im Jahr 2016 legte Jean-Claude Junckers EU-Kommission den Vorschlag der länderweisen Berichterstattung vor. Seither wird im EU-Parlament und unter den EU-Finanzministern verhandelt.

Der Inhalt des Plans: Großkonzerne, die in der EU tätig sind, sollen transparenter werden. Sie sollen künftig wichtige Informationen auf ihrer Website veröffentlichen müssen, zum Beispiel Umsatz je Land, Gewinn vor Steuern, Mitarbeiterzahl – und vor allem entrichtete Gewinnsteuer. Dadurch sollen sich Interessierte ein Bild machen können, ob das Unternehmen tatsächlich dort Steuern zahlt, wo es Geschäfte tätigt und Profite lukriert. Oder ob es Steuern vermeidet, indem es seine Gewinne in Steueroasen verschiebt.

In Sonntagsreden beschwören Europas Politiker gern den Kampf gegen Steuervermeidung. Auch Österreichs schwarz-blaue Regierung verspricht im Koalitionsabkommen dezidiert, sich für „mehr (Steuer-)Transparenz für multinationale Unternehmen auf Basis der EU-Vorgaben“ einzusetzen.

Aber wie sieht es in der Praxis aus? Auf der Ebene konkreter Projekte? Genau das zeigt der Blick auf Reforminitiativen wie die öffentliche Berichterstattung.

Eine derartige Berichtspflicht (auch bekannt unter „Country-by-Country-Reporting“) besteht derzeit schon – aber nur im Geheimen, für Finanzbehörden. Dass darüber hinaus auch öffentliche Berichte vorgelegt werden müssen, dieser Regel sind vorläufig nur bei zwei besonders sensible Branchen unterworfen: Banken und Bergbaubetriebe. Nun soll die Transparenzregel auf alle anderen Branchen ausgeweitet werden. Konkret soll sie Großunternehmen ab einem Jahresumsatz von 750 Millionen Euro betreffen, das wären ungefähr die 6000 größten Konzerne weltweit.

18.12.2017. Amtsübergabe im Finanzministerium von Dr. Hans Jörg Schelling
an den neuen Finanzminister Hartwig Löger und Staatssekretär Hubert Fuchs.

Dass Steuervermeidung ein Problem ist, darüber besteht weitgehend Einigkeit. Der Kommission zufolge entgehen den EU-Staaten jährlich 50 bis 70 Milliarden an Einnahmen wegen Steuertricks von Großkonzernen – das entspricht ungefähr Österreichs kompletten jährlichen Pensionsausgaben. Die Praktiken führen nicht nur zu leeren Staatssäckeln, sondern auch zu Wettbewerbsverzerrungen: Laut einer Studie der ETH Zürich und der Universität Salzburg von 2010 zahlen grenzüberschreitend tätige Unternehmen durchschnittlich 30 Prozent weniger Steuern als jene, die in nur einem Land aktiv sind. „Die öffentliche länderweise Berichterstattung schafft eine Hemmschwelle, damit Konzerne wie Amazon, Starbucks oder Monsanto vor Steuervermeidungspraktiken zurückschrecken“, sagt die SPÖ-Europaparlamentsabgeordnete Evelyn Regner, die mit dem Projekt betraut ist. „Und sie hilft, die Schieflage zwischen multinationalen Unternehmen und allen anderen auszugleichen.“

Auch an Österreich geht die Steuervermeidungspraxis nicht vorbei: Wie die Österreich-Ausgabe des deutschen Wochenblattes „Die Zeit“ berichtet, zahlte eine Reihe von Großkonzernen im Land im Jahr 2015 lediglich 61 Millionen Euro an Gewinnsteuern. Angemessen aufgrund Unternehmensgrößen und -umsätzen wären jedoch 308 Millionen.

Doch trotz solcher Missstände fällt die Unterstützung für die öffentliche Berichterstattung in Brüssel lückenhaft aus. Die Grenze zwischen Befürwortern und Gegnern zieht sich dabei weniger zwischen politischen Fraktionen als zwischen gemeinschaftlichen EU-Institutionen und Mitgliedsstaaten. Konkret: Im EU-Parlament befürwortet eine große Mehrheit aus Konservativen und Sozialdemokraten das Projekt – vergangenen Juli fiel der Beschluss. Zustimmen müssen aber auch die Finanzminister der EU-Mitgliedsländer. Und unter denen finden sich Skeptiker. Die ministeriellen Verhandlungen über die öffentliche Berichterstattung – meist diskutieren nicht die Politiker selbst, sondern Beamte aus den Ministerien -laufen zwar offiziell geheim ab, aber immer wieder tun die Minister in Statements ihre Meinung kund.

Regelmäßig kritisch geäußert hat sich bisher vor allem Deutschlands konservativer Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble -wenig überraschend, denn in Deutschland sitzen besonders viele jener Großunternehmen, die von der neuen Transparenzregel betroffen wären. Dazu gaben sich die Minister aus Malta und Belgien bisher stets ablehnend. Und: Auch Hans Jörg Schelling, bis vor Kurzem Österreichs Finanzminister, war dagegen. Im April 2016 erklärte Schelling dem Online-Fachmagazin „MNE Tax“:“Das Steuergeheimnis ist ein wichtiges Prinzip in Österreich.“ Der derzeitige Austausch von Finanzinformationen zwischen den Behörden sei ausreichend, es brauche darüber hinaus kein öffentliches Country-by-Country- Reporting.

Dies führt zur Frage: Ist von der neuen Regierung nun ein Schwenk zu erwarten? Immerhin bekennt sie sich im Programm offensiv zu mehr Transparenz für multinationale Unternehmen in EU-Steuerfragen.

Nein, heißt es auf profil-Anfrage aus dem Büro des neuen ÖVP-Finanzministers Hartwig Löger. „Diesem Vorschlag wird nicht die höchste Priorität beigemessen.“ Die öffentliche Berichterstattung ist aus Sicht des Ministers „nicht unbedingt erforderlich, um effektiver für Steuergerechtigkeit kämpfen zu können“. Man unterstütze dafür andere Maßnahmen für mehr Steuergerechtigkeit, betont Lögers Büro und verweist zum Beispiel auf geplante strengere Regeln für Digitalkonzerne.

In einem Monat jedenfalls, am 9. März, sollen sich wieder einmal die Experten aus den EU-Finanzministerien in Brüssel zusammensetzen, um über die öffentliche Berichterstattung zu verhandeln. Kenner der Abläufe in der EU-Hauptstadt rechnen damit, dass an diesem Tag neue Bewegung in die Verhandlungen kommen könnte. Hintergrund: Im kommenden März dürfte bereits die neue deutsche Regierung im Amt sein. Das Finanzministerium wird sich voraussichtlich in der Hand der sozialdemokratischen SPD befinden – und diese hat, im Gegensatz zur konservativen CDU, immer für die öffentliche länderweise Berichterstattung plädiert. Deutschland also, der mächtigste Gegner des Projekts, könnte bald seinen Kurs ändern.

Österreich jedoch wird weiter dagegenhalten. Trotz aller Transparenzbekundungen im Regierungsprogramm.

KASTEN:

Politik oder Buchhaltung? Was ein haarspalterischer Streit über das Wesen der EU verrät.

Handelt es sich beim Vorhaben des öffentlichen Country-by-Country-Reporting um eine buchhalterische Angelegenheit oder eine steuerpolitische? Die Frage klingt haarspalterisch. Sie spielt aber in den Verhandlungen eine wichtige Rolle – und das erzählt vieles über die Funktionsweise der EU. Dem Vernehmen nach würden einige Finanzminister das Projekt gern zu einer steuerpolitischen Causa erklären. Denn Steuerpolitik obliegt in der EU ausschließlich den Mitgliedsstaaten. Das EU-Parlament hätte nichts mehr mitzureden – und unter den Finanzministern müsste Einstimmigkeit herrschen. Erfahrungsgemäß kommen bei steuerpolitischen Vorhaben in Europa oft besonders dünne Kompromisse heraus, weil jedes Land das Projekt blockieren kann. Anders buchhalterische Causen: Für sie ist die EU zuständig. Das Parlament hat also Mitsprache; und unter den Ministern reichen qualifizierte Mehrheiten für Beschlüsse. Interessant daran: Vor einigen Jahren wurde in der EU bereits eine öffentliche Berichterstattungspflicht für Banken eingeführt. Damals zweifelte niemand, dass es sich um eine buchhalterische Angelegenheit handelt – keine steuerpolitische. Das zeigt, dass die vermeintliche Rechtsfrage in Wahrheit eine hochpolitische ist.

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Fehltherapie

Aus profil 6/2018

Vor bald zehn Jahren löste der Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers eine globale Finanzkrise aus. Die Folgen sind auch eine Dekade später nicht überwunden. Ist die Weltwirtschaft heute stabiler als damals? Nein, meint Joseph Gepp. Teil 1 einer losen Serie zum zehnten Jahrestag der Krise.

Oft hört man in Politik und Medien den Vorwurf, jemand bekämpfe anstelle eines echten Problems lediglich die Symptome. Das ist ungerecht. Denn es ist wichtig, Symptome zu bekämpfen. Auch Symptome können töten, ob hohes Fieber oder schwerer Durchfall. Nur: Auf die Symptombekämpfung muss noch etwas folgen. Vor zehn Jahren begann, was wir heute „Große Rezession“ nennen. Oder schlicht: „die Krise“. Zunächst setzte ein starker Wirtschaftsabschwung in den USA ein. Darauf folgte eine jahrelange Serie an internationalen Verwerfungen, die sich zur größten Wirtschaftskrise seit 1929 auswuchs. Die Wegmarken: Bankenpleiten von Lehman Brothers bis zur isländischen Kaupthing Bank. Platzende Immobilienblasen in vielen Ländern. Schuldenkrisen in Griechenland und anderen Staaten.

Heute, so scheint es, ist alles wieder in Ordnung. Vielerorts wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) so stark wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr; in Österreich sind für 2018 drei Prozent prognostiziert. Die Angst vor dem Zerfall des Euroraums ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Die Wirtschaftsleistung der EU erreichte im Vorjahr erstmals wieder das Niveau des Jahres 2007, also von vor der Krise. Die Arbeitslosenzahlen sinken; selbst im gebeutelten Südeuropa gibt es Anzeichen einer Erholung. Ein Kreislauf zum Besseren ist in Gang gekommen, zumindest vordergründig. Ein Jahrzehnt nach 1929 brach der Zweite Weltkrieg los – heute hingegen, ein Jahrzehnt nach 2008, klingen die Wirtschaftsmeldungen positiv. Wurde die große Krise also erfolgreich überwunden? Oder trügt der Schein? Was lehrt uns der Vergleich zwischen 2008 und 1929? Und wie könnte und soll es weitergehen?

Womit wir wieder beim Thema Symptombekämpfung wären. Eben diese nämlich hat bei der Krise 2008 ausnehmend gut funktioniert. Die oft gescholtenen Politiker – in Wien, in Brüssel, bei den Konferenzen der 20 wichtigsten Staats-und Regierungschefs – haben entschlossen und schnell auf Symptome der Krise reagiert. Sie schnürten Konjunkturpakete, um die Wirtschaft zu stützen (in Österreich stellte die damalige SPÖ-ÖVP-Koalition 2008 eine Milliarde Euro für mittelständische Unternehmen zur Verfügung). Die Politiker konzipierten Notprogramme à la Kurzarbeit, um die Arbeitslosigkeit in Zaum zu halten. Die Zentralbanken in Frankfurt und Washington senkten die Leitzinsen radikal – denn wenn die Zinsen niedrig sind, nehmen mehr Leute Kredite auf und halten damit die Wirtschaft am Laufen. Und: Die Regierungen nahmen Steuergeld in die Hand, um Bankenpleiten zu verhindern. Dies war zwar hochumstritten, aber notwendig. Denn infolge der Pleiten hätte sich Panik breitgemacht. Bankkunden hätten ihre Konten leergeräumt, wodurch die Zahlungsfähigkeit weiterer Banken bedroht gewesen wäre. Am Ende hätten die Bankomaten möglicherweise kein Geld mehr ausgespuckt; das Finanzsystem wäre kollabiert.

Wie hingegen eine Krise verläuft, deren Symptome nicht bekämpft werden, das zeigt die Große Depression von 1929. Damals unterblieben die Maßnahmen, die 2008 gesetzt wurden. Der wichtigste Grund für die Untätigkeit war, dass alle wichtigen Währungen mit Gold gedeckt waren. Infolge des Goldstandards konnten die Zentralbanken die Leitzinsen nicht senken -die Leute hätten ihr Geld sogleich in Gold umgetauscht, die Goldreserven der Staaten wären weggeschmolzen. Auch konnten die Politiker keine relevanten Konjunktur-und Bankenpakete schnüren, da die verfügbare Geldmenge starr vom Gold abhing, welches die Länder gebunkert hatten. Erst nach Jahren beschlossen die meisten Regierungen, den Goldstandard aufzugeben. Aber da war es schon zu spät.

Bank Run in den USA 1933: Was unterscheidet die damalige Krise von der heutigen? (Wikipedia)

Die Industrieproduktion in den USA sank zwischen 1929 und 1931 um ein Drittel. Die Arbeitslosigkeit in Österreich im Jahr 1933 betrug 27 Prozent der Erwerbstätigen, in Deutschland 44 Prozent – wobei es kaum Sozialsysteme gab, welche die Arbeitslosen vor dem Sturz ins Elend bewahrten. Die soziale Situation, die daraus resultierte, hat viel zum Aufstieg des Faschismus beigetragen.

2008 hingegen verhinderten besagte Sofortmaßnahmen das Schlimmste. Zwar sackte die deutsche Industrieproduktion ebenfalls um 19 Prozent ab, jene von Japan gar um 33. Viele Aktienmärkte brachen sogar stärker ein als einst im Jahr 1929. Aber insgesamt konnten die Regierungen den Kollaps von Bankensektor und Realwirtschaft verhindern. Funktionierende Sozialsysteme sorgten dafür, das sich kein Elend breitmachte. Österreichs Wirtschaftsleistung beispielsweise ging im Jahr 2009 um knapp vier Prozent zurück, wuchs aber bereits 2010 wieder leicht um 2,1 Prozent.

Allerdings: Was folgte auf die erfolgreiche Symptombekämpfung? Auch hier ist ein Blick auf die Weltwirtschaftskrise 1929 aufschlussreich. In ihrem Gefolge etablierte sich in den Ländern des Westens ein völlig neues System: ein Wandel hin zum Sozialstaat. Der Paradigmenwechsel vollzog sich langsam, mit Brüchen, von Land zu Land unterschiedlich – aber doch. „Die Weltwirtschaftskrise zerstörte den wirtschaftlichen Liberalismus für die Dauer eines halben Jahrhunderts“, schrieb der britische Historiker Eric Hobsbawm. Stattdessen trat ein staatlich gebändigter Kapitalismus auf den Plan. Die Währungen waren fix aneinandergekoppelt, die Banken strikt reguliert. Die Regierungen intervenierten in die Wirtschaft, legten Lohnhöhen und Produktionsziele fest, bedachten ihre Bürger mit großzügigen Sozial-und Arbeitslosenhilfen und betrieben selbst Unternehmen. All das sorgte für Massenwohlstand und -kaufkraft, welche der Wirtschaft hohes Wachstum ermöglichten. Das System erwies sich als stabil und krisenresistent – bis in die 1970er-Jahre, als es infolge von Wirtschaftskrisen und Inflation erstmals aufgeweicht wurde.

Dräut im Gefolge der Krise 2008 ebenfalls ein Systemwechsel? Und wenn ja, wie könnte er aussehen -so wie anno 1929 oder anders? Derzeit scheint die Politik, nachdem sie das Schlimmste abgewendet hat, nicht an tiefergehenden Reformen interessiert. Die Untätigkeit könnte sich rächen. Denn die aktuell gute Wirtschaftslage resultiert nicht etwa daraus, dass man tiefere Ursachen der Krise erfolgreich angegangen wäre. Die positiven Nachrichten hängen vielmehr nach Ansicht vieler Ökonomen damit zusammen, dass China – die neue ökonomische Supermacht mit 1,4 Milliarden Einwohnern – in den vergangenen Jahren unterschiedliche wirtschaftsfördernde Maßnahmen gesetzt hat. Insgesamt betrachtet jedoch ist die Weltwirtschaft im Vergleich zu 2008 kaum krisenresistenter geworden. Der Ökonom Karl Aiginger etwa, Ex-Chef des Wiener Wirtschaftsforschungsinstituts, spricht von einem „verlorenen Jahrzehnt“ seit 2008. Echte Verbesserungen sind nicht erfolgt. Vielleicht lauert um die Ecke schon die nächste Krise.

Beispiel Finanzmarktregulierung. Banken werden heute zwar durchaus strenger überwacht als 2008; Europas 150 größte Finanzinstitute etwa unterstehen seit 2014 direkt der Kontrolle der Europäischen Zentralbank. Doch abseits solcher Regulierungsoffensiven wuchern neue, ungeregelte Bereiche. So stammt laut Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) jeder vierte Kredit in der Eurozone von einer sogenannten Schattenbank. Das sind keine regulären Institute, die Konten verwalten und Sparbücher herausgeben -sondern beispielsweise Investmentfonds, Wertpapierhäuser oder Banking-Abteilungen von Konzernen. Schattenbanken fallen nicht unter das Regelwerk klassischer Geschäftsbanken. Laut IWF wächst ihre Bedeutung rapide. Und zwar desto stärker, je strikter die Regulierungen konventioneller Banken ausfallen.

Für manche Schattenbanken, etwa Investmentfonds, gelten durchaus Regeln. Für andere hingegen nicht. Die Wiener Finanzmarktexpertin Elisabeth Springler verweist zum Beispiel auf Auslandsfinanzierungen als Quelle möglicher Verwerfungen. Hintergrund: Immer öfter beteiligen sich Investoren aus Schwellenländern wie China und Brasilien an EU-Unternehmen. Ob deren Geld aus Schattenbanken stammt und wie stabil sie überhaupt finanziell aufgestellt sind, weiß niemand. Bricht im Schwellenland eine Finanzkrise aus, könnten die Investoren ihr Kapital schnell abziehen – und dem Unternehmen in Europa droht unversehens eine Notlage. Um der Gefahr zu begegnen, wünscht sich die Brüsseler EU-Kommission, dass Investitionen aus Nicht- EU-Ländern künftig in Form sogenannter „Investment Screenings“ auf ihre Transparenz geprüft werden sollen. Doch der Erfolg dieses Vorhabens ist fraglich. Schließlich freut es jede EU-Regierung, wenn Geldgeber aus Übersee anklopfen, um hierzulande für Arbeitsplätze zu sorgen.

Damit verbunden gibt es ein zweites unerledigtes Problem: der freie Fluss von Kapital über alle Staatsgrenzen hinweg. In hoher Geschwindigkeit saust es derzeit quer über die Erde. In der ökonomischen Theorie ist die Kapitalfreiheit begrüßenswert, weil Geld dorthin gelangt, wo es sinnvoll investiert werden kann. Praktisch aber sorgt sie für Probleme. Denn das Geld kann blitzschnell aus Staaten abgezogen werden -zum Beispiel infolge einer Marktpanik, die lediglich aus Gerüchten und dem Herdentrieb von Anlegern resultiert. Mit dem Kapitalabfluss stürzt der Wert der Landeswährung ab, die Geldquellen nationaler Unternehmen versiegen, eine Wirtschaftskrise droht.

Dazu kommt ein verhängnisvoller Nebeneffekt: Um sich vor der Gefahr plötzlicher Geldabflüsse zu schützen, halten viele Regierungen Reserven in Dollar und US-Wertpapieren. Dies führt zu international hoher Nachfrage nach dem Dollar. Weil alle Welt die US-Währung horten möchte, können sich die USA überall günstig verschulden. Das bedeutet: In den USA steigt die Gefahr finanzieller Blasen, zum Beispiel im Immobiliensektor, weil derart viel billig geborgtes Kapital zur Verfügung steht.

Um solchen Problemen zu begegnen, bräuchte es eine internationale Finanzarchitektur, die darauf abzielt, Kapitalströme zu steuern und zu verlangsamen. Doch Reformen in diese Richtung – fundamentaler als die Symptombekämpfung nach 2008 – bleiben aus. Dabei gäbe es vielversprechende Ansätze. Im Jahr 2010 zum Beispiel präsentierte die EU-Kommission den Plan einer Finanztransaktionssteuer: einer geringen Gebühr, sobald Gelder Grenzen überqueren. Dies würde den Fluss des Kapitals etwas bremsen. Allerdings scheiterte das Projekt am Widerstand von Bankenvertretern und einzelner EU-Regierungen. Ebenso misslang beispielsweise im Jahr 2015 ein EU-Plan zur Regulierung eines Typs von Schattenbanken: einer bestimmten Art besonders riskanter Geldmarktfonds (sogenannte „Constant Net Asset Value Money Market Funds“, abgekürzt CNAVs). Das Projekt scheiterte am Widerstand von Irland und Luxemburg, wo viele Anbieter derartiger Fonds sitzen.

Was wird geschehen, wenn tatsächlich eine neue Krise ausbricht? Man wird sich jedenfalls nicht darauf verlassen können, dass die Symptombekämpfung ebenso gut funktionieren wird wie 2008. Denn im Kampf gegen die Rezession 2008 haben die Staaten bereits viel Pulver verschossen. Die Leitzinsen befinden sich heute noch immer auf Tiefständen -es würden den Zentralbanken also schwerfallen, mit Zinssenkungen die Wirtschaft weiter anzukurbeln. Auch Konjunktur-und Bankenrettungspakete zu schnüren, wäre schwieriger als 2008. Denn die Staaten haben heute ungleich höhere Schulden als vor einem Jahrzehnt. Der Kampf gegen die Krise hat sie viel Geld gekostet.

Die Weltwirtschaftskrise 1929 hat einst Katastrophen nach sich gezogen, aber schließlich folgten Jahrzehnte wirtschaftlicher Stabilität. Die Große Rezession 2008 hatte durchaus kritische Momente, doch das echte Desaster blieb aus. Und damit auch der Systemwechsel.

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Reizblase

Aus profil 52/2017

1500 Prozent Wertsteigerung in einem Jahr? Das schafft nur Bitcoin! Kryptowährungen sind der letzte Schrei auf dem globalen Finanzmarkt. Joseph Gepp und Christina Hiptmayr über einen digitalen Geldrausch, der für viele wohl mit einem bösen Kater enden wird.

Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

Stellen Sie sich vor, Sie hätten zu Jahresbeginn 2017 einen Bitcoin gekauft. 949 Euro hätten Sie dafür bezahlt. Im März wäre der Bitcoin schon mehr als 1000 Euro wert gewesen. Anfang September: 4000 Euro. Ende November: 8000 Euro. Letztstand Mitte Dezember: 14.654 Euro.

Sie haben keine Bitcoins gekauft? Tja, dann gehören Sie wohl zu jenen, die in hoffnungslos veralteten, der neuen Geldwelt nicht mehr entsprechenden Denkmustern gefangen sind. Töricht, wer nicht in das hohe Lied auf das goldene Bitcoin-Zeitalter einstimmt.

Oder?

Tatsache ist: Kein anderes Finanzprodukt legte im Jahr 2017 einen derartigen Höhenflug hin wie der Bitcoin. Der Aufstieg der Kryptowährungen (dazu gehören auch Etherum, Dash oder Bitcoin Cash) zum neuen Geld der Digitalisierungsära scheint unaufhaltsam zu sein.

Doch warum sollte privates, durch unbekannte Hintermänner, Algorithmen und Netzwerke geschaffenes Geld mehr Vertrauen genießen als jenes der staatlichen Zentralbanken, zumal es sich im Alltag als völlig untauglich erweist? Und wie kann man angesichts so dramatischer Kurssprünge sein Vermögen schützen? Auf dem Tummelplatz für Glücksritter mögen Kryptowährungen ein attraktives Spielzeug sein. Aber darüber hinaus?

Eine Spurensuche in vier Stationen.

Der Miner

Im Waldviertel, am Ufer des Flusses Kamp. Über die braunen Blätter hat sich Raureif gelegt, auf dem Wasser ziehen junge Schwäne ihre Kreise. Daneben steht ein Kleinkraftwerk, wovon es viele in dieser Gegend gibt. Michael Marcovici, ein 48-jähriger Wiener, sperrt die Tür zu dem unscheinbaren weißen Häuschen auf. „Es war nicht so einfach, das hier zu mieten“, sagt er. „Viele Kraftwerksbesitzer reagieren skeptisch, wenn sie hören, was wir machen.“

Es lässt sich tatsächlich nicht so leicht nachvollziehen. Marcovici – Unternehmer, HTL-Abbrecher und immer schon ein technikaffiner Tüftler – ist ein sogenannter „Miner“ (Schürfer). Zusammen mit fünf Gleichgesinnten hat er kürzlich in Wien die Hydrominer GmbH gegründet, um nach neuen Einheiten von Kryptowährungen zu schürfen. Obwohl bei diesem Prozess nichts Physisches entsteht, benötigt Marcovici viel Energie -also ein eigenes Kraftwerk.

Würde er seine Elektrizität regulär aus der Steckdose beziehen, kämen ihn die Stromkosten teurer, als das Kryptogeld Erträge abwirft. In der Mitte dreht sich eine Turbine, angetrieben vom Wasser des Kamp. Rundherum: Grafikprozessoren aus Metall und Kunststoff, geschichtet auf Blechregale. Man steigt über Bündel aus Kabel und bückt sich unter Entlüftungsrohren durch. Hier wird ungefähr jene Menge Strom erzeugt, die ein kleines Dorf benötigen würde -und sogleich auch verbraucht. Das Ergebnis: Kryptoeinheiten im Gegenwert von täglich rund 1500 Euro, erklärt Marcovici. „Wir schürfen immer gerade jene Währung, die den höchsten Profit abwirft. Ich steuere das alles von meinem Computer in Wien aus.“

Kryptogeld zu schürfen, ist eine aufwendige Angelegenheit. Schätzungsweise 0,13 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs dürften derzeit insgesamt dafür aufgewendet werden. Hintergrund: Bei Kryptogeld ist die Knappheit gewissermaßen einprogrammiert. Bei Bitcoin beispielsweise entstehen alle zehn Minuten genau 12,5 neue Einheiten. Die Rechenleistung, um diese zu produzieren, wird ständig höher – und damit auch der Strombedarf. Je mehr Bitcoins es gibt, desto schwieriger ist es, neue zu erzeugen. Es handelt sich dabei quasi um einen fix vorgegebenen Inflationsschutz. Die künstliche Knappheit soll dafür sorgen, dass der Bitcoin niemals an Wert verliert. Die zugrunde liegende Technologie nennt sich „Blockchain“. Die Entstehung des Kryptogelds passiert dezentral, öffentlich einsehbar und strikt regelgebunden auf den Rechnern sogenannter Miner wie Marcovici.

Für ihn manifestiert sich in all dem eine Art Zeitenwende. Nicht mehr Staaten und Zentralbanken -„intransparente und potenziell korrumpierbare Entitäten“, wie Marcovici sie nennt -sollen in Zukunft die Hoheit über Geldangelegenheiten haben, sondern die Schwarmintelligenz der Nutzer, auf Basis unumstößlicher Computerprotokolle.

Tatsächlich hat sich die Blockchain-Technologie bisher als fälschungssicher erwiesen -zumindest unmittelbar. Das gilt allerdings nicht für viele vor-und nachgelagerte Bereiche, die mit Kryptogeld zusammenhängen: Auf Online-Handelsplattformen und Krypto-Börsen kommt es immer wieder zu Diebstählen und Hacker-Attacken; Anlegerbetrügereien und Täuschungen gibt es im unregulierten Krypto-Sektor zuhauf. Eine Geldwelt ohne staatliche Autoritäten, gesteuert allein von Hochleistungsrechnern?

Der Notenbanker

„Nein“, sagt Beat Weber von der Abteilung für Integrationsangelegenheiten und Internationale Finanzorganisationen bei der Oesterreichischen Nationalbank. Weder glaubt der Notenbanker daran, dass Bitcoin eine neue Zeit voller Transparenz und wahrer Demokratie in Geldangelegenheiten einläutet, noch erwartet er die Ablösung klassischer Währungen durch Kryptogeld. Denn: „Sie sind schlechte Währungen.“

Für Weber stellt die Absenz einer zentralen Instanz, die regulierend eingreifen kann, das größte Manko von Kryptogeld dar -also genau das, was Verfechter als dessen entscheidenden Vorteil sehen. In einem dynamischen Wirtschaftssystem müsse Geldversorgung flexibel sein. Das bedeutet, sie sollte -zum Beispiel im Fall einer Wirtschafts-und Bankenkrise -von fix vorgegebenen Regeln abweichen dürfen. Wenn Notenbanken für Preisstabilität und Vertrauen ins Geldsystem sorgen wollen, müssen sie je nach Bedarf mehr oder weniger Geld in den Kreislauf der Wirtschaft einspeisen, ganz unabhängig von Computerprotokollen.

Eben dies ist bei Kryptogeld und der zugrunde liegenden Blockchain nicht möglich. Zwar besteht im althergebrachten System die Gefahr, dass Regierungen die Geldpolitik der Zentralbanken missbrauchen -sie könnten zum Beispiel für eine hohe Inflation sorgen, damit die Staatsschulden verschwinden. Doch moderne Zentralbanken besitzen in nahezu allen westlichen Staaten ein hohes Maß an Autonomie. Regierungen können gar nicht oder nur geringfügig auf sie einwirken.

Weber verweist darauf, dass der Bitcoin extrem volatil ist, also im Wert schwankt -trotz aller Regeln. „Stellen Sie sich vor, Sie würden Ihr Gehalt in Bitcoin ausbezahlt bekommen. Das wären aufregende Tage. Sie wüssten zu Beginn des Monats nicht, wie viel am Ende tatsächlich auf Ihrem Konto landen wird.“ Auch im Supermarkt könne es passieren, dass bei Betreten des Geschäfts die gewünschte Ware einen anderen Preis hat als kurz danach, wenn der Kunde bei der Kassa ankommt. Als alltägliches Zahlungsmittel seien Bitcoins deshalb ungeeignet, folgert Weber. Die Berechenbarkeit, die eine gut funktionierende Wirtschaft auszeichnet, ist mit Kryptowährungen -zumindest derzeit -nicht gegeben. Lediglich für einige früh aufgesprungene Glücksritter mag ein Investment in Bitcoins tatsächlich das Geschäft ihres Lebens gewesen sein. „Doch es ist völlig ungewiss, was das in Zukunft wert sein wird“, meint Weber.

Als Bedrohung für die Stabilität des Finanzsystems sieht er Kryptowährungen dennoch nicht. „Allein das Finanzvermögen österreichischer Haushalte ist fünf Mal so groß wie das weltweite Bitcoin-Marktvolumen“, sagt Weber: „Das ist eine Größenordnung, die volkswirtschaftlich irrelevant ist.“ Immerhin droht also keine Kernschmelze des internationalen Finanzsystems infolge eines Bitcoin-Crashs.

Die Händlerin

Magdalena Isbrandt glaubt fest an die Zukunft des digitalen Geldes. In zehn Jahren werde es keine Banken mehr geben, nur noch unterschiedliche Kryptowährungen, ist sie überzeugt. Die gebürtige Deutsche ist Geschäftsführerin der Bit-Trust store GmbH, die einen von wenigen Bitcoin-Shops in Österreich betreibt. Das „House of Nakamoto“ (benannt nach Satoshi Nakamoto, dem ominösen Bitcoin-Erfinder, dessen wahre Identität bis heute ungeklärt ist) liegt in einer Seitengasse der Wiener Kärntner Straße. Es erinnert an einen Souvenirshop. An den Wänden hängen T-Shirts in unterschiedlichen Farben, in den Regalen stehen Kaffeetassen, hinter kleinen Glaskästchen werden Geschenkwertkarten präsentiert. Eines haben alle Artikel gemeinsam: Auf ihnen prangt das Bitcoin-Logo, ein großes B mit zwei vertikalen Strichen.

„Wir sind eine Anlaufstelle für Neulinge, die sich beraten lassen wollen“, sagt Isbrandt. Und das wollen momentan viele. Rund 150 Interessierte täglich würden im House of Nakamoto vorbeischauen, sagt Isbrandt. Während des Lokalaugenscheines findet sich ein halbes Dutzend Kunden ein, ausnahmslos Männer zwischen 25 und 55 Jahren. Ein repräsentativer Querschnitt, wie Isbrandt meint -die Branche sei stark männerdominiert. Einer will wissen, wie man sich die „Wallet“, also das virtuelle Portemonnaie, einrichtet. Ein anderer benötigt Informationen, über welche Börse man die digitale Währung am unkompliziertesten handeln kann. Der Nächste will Euro in Bitcoin tauschen. Er wird auf einen Automaten in der Ecke verwiesen. Man schiebt einen Euroschein in gewünschter Höhe in das Gerät, scannt den erscheinenden QR-Code mit dem Handy, und schon wird der entsprechende Bitcoin-Betrag der elektronischen Geldbörse gutgeschrieben. Für jede Transaktion zahlt man im House of Nakamoto fünf Prozent der Summe an Gebühren. Dazu kommen weitere Abgaben, die nach einem bestimmten Schlüssel an die Miner verteilt werden -Kosten also, die locker an die von in Kryptokreisen so verpönten Bankengebühren herankommen.

Dass die enormen Wertsteigerungen, welche das Interesse an Bitcoin befeuern, auf eine spekulative Blase hindeuten könnten, glaubt Isbrandt nicht. Da die Menge der Bitcoins begrenzt sei, werde der Wert auch in Zukunft immer weiter steigen.

Der Ökonom

Seit Anfang 2017 hat der Bitcoin eine astronomische Wertsteigerung von 1500 Prozent zugelegt. „Derzeit hat das durchaus Anklänge an die Dotcom-Blase“, sagt Guido Schäfer, Vize-Vorstand des Instituts für Analytische Volkswirtschaftslehre und Mitglied des Forschungsinstituts für Kryptoökonomik an der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU). Während der Dotcom-Blase im Jahr 2000 stürzten sich Anleger auf Aktien neu gegründeter Internet-Unternehmen. „Diese erlebten einen beispiellosen Höhenflug, bevor sie ins Bodenlose abstürzten“, sagt Schäfer. Derselbe Mechanismus lässt sich schon seit Jahrhunderten beobachten -ob bei Anteilsscheinen an britischen Kolonien zur Barockzeit oder bei Tulpenzwiebeln im Holland des Jahres 1637. Blasenprozesse verlaufen streng schematisch, sodass Ökonomen wie der US-Amerikaner Hyman Minsky eine typische Abfolge definiert haben: Der Auslöser resultiert aus einer Neuerung jedweder Art, sei es die Entdeckung neuer Kolonien, sei es die Internet-Technologie. Es folgen Boom und Euphorie. Doch irgendwann dreht sich der Wind -beispielsweise weil erstmals ein großer Anleger verkauft. Die letzte Phase nennen Ökonomen „Abneigung“: Die Preise brechen ein, Anleger verlieren Unsummen. Nachträglich kommen dann allerlei windige Geschäfte aus der Zeit der Euphorie ans Licht.

Bislang folgt auch der Krypto-Boom diesem Schema -und zwar passgenau. Offenbar lernen Anleger seit Jahrhunderten nichts dazu und sitzen immer den gleichen Illusionen auf. Man spricht in diesem Zusammenhang vom „This time it’s different“-Syndrom:

Bei jedem Boom glauben die Anleger, dass diesmal alles anders sei. Aber könnte es diesmal nicht tatsächlich anders sein? Oder umgekehrt gefragt: Wird der Bitcoin zwangsläufig abstürzen?“Wenn eine Blase platzt, bedeutet das üblicherweise, dass der Preis eines Gutes von spekulativen Höhen auf seinen inneren oder fundamentalen Wert zurückfällt“, sagt Schäfer. Beispiel Aktien: Platzt in diesem Bereich eine Blase, fallen die Kurse auf ein Niveau, das sich an harten Daten der börsennotierten Unternehmen orientiert, etwa Gewinnen.

Allerdings: Worin besteht der fundamentale Wert einer Kryptowährung? Im echten Nutzen, den der Preis dereinst widerspiegeln wird, sobald die Euphorie vorbei ist?“Diesen Nutzen erkennt man an den Rändern des Systems“, sagt Schäfer, „in Staaten mit Kapitalverkehrsbeschränkungen und zerrütteten Währungsverhältnissen.“ Etwa wenn die Inflation ausufert, wie in Venezula; oder wenn eine Regierung verbietet, Geld außer Landes zu bringen, wie teilweise in China. In solchen Fällen ziehen die Menschen echten Nutzen daraus, wenn sie von ihrer Landeswährung auf Kryptogeld umsteigen. Es handelt sich für sie um mehr als nur ein Spekulationsobjekt.

Kryptogeld kann demnach durchaus eine sinnvolle Funktion haben, wenn auch eine klar eingeschränkte. Das lässt allerdings immer noch eine Frage offen: Wie viel von den derzeit 14.000 Euro je Bitcoin macht der echte Nutzen aus -und wie viel jene Spekulation, die darüber hinausgeht?

Wir werden es irgendwann erfahren. Für viele wird der Kryptorausch jedoch mit einem bösen Kater enden.

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