Monatsarchiv: Oktober 2017

Zahl der Woche: 8 Milliarden

Aus profil 37/2017

Diese enorme Summe müsse in Österreich zusätzlich an staatlicher Bankenhilfe aufgebracht werden, berichteten vergangene Woche heimische Medien. Warum? Die KA Finanz – die Bad Bank der Kommunalkredit, die während der Bankenkrise 2008 notverstaatlicht wurde – brauche unerwartet mehr Geld. Die Nachricht stimmt aber so nicht. Tatsächlich steckt hinter den angeblichen Mehrkosten eine organisatorische Änderung, die den Steuerzahler nichts zusätzlich kostet und im Budget längst eingerechnet ist: Die KA Finanz wird nach Beschluss der Finanzmarktaufsicht (FMA) nicht mehr als Bank geführt, sondern als gewöhnliches Unternehmen zum Abbau von Bankgeschäften. Daher darf sie keine Kredite mehr aufnehmen. Das Geld zur Finanzierung der KA Finanz – besagte acht Milliarden – kommt deshalb ab jetzt direkt vom Staat. Zuvor hat es sich die Bad Bank zwar von Privaten ausgeborgt – aber als Staatsunternehmen hat letztlich ebenfalls der Staat für die Summen gehaftet und sie zurückgezahlt. Trotz alledem: Die Gesamtkosten für die Abwicklung der Pleitebank sind enorm. Sie betragen derzeit insgesamt 10,6 Milliarden Euro.

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Frühlingsroller

Aus profil 37/2017

Hunderte gelbe Leihfahrräder aus China tauchen neuerdings in europäischen Städten auf – seit Kurzem auch in Österreich. Geniale Idee oder eher eine Plage?

Von Joseph Gepp

Wenn eine neue Geschäftsidee um die Welt geht, muss man schnell zuschlagen, bevor andere kommen. „Vor gerade einmal einer Woche haben wir den Auftrag erhalten, diese Firma zu betreuen“, sagt Jürgen Gangoly, PR-Berater der Skills Group in Wien. „Anschließend haben wir in vier Tagen einen Markteintritt organisiert. Das dauert sonst oft Monate. So etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Das Unternehmen, das derart auf die Tube drückt, heißt Ofo, Hauptsitz in Peking. Obwohl es erst drei Jahre alt ist, wird sein Marktwert aktuell auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Vor zwei Wochen verkündeten die Chinesen, dass ihre Geschäftstätigkeit auf Wien ausgeweitet werde. Seither stehen auch in dieser Stadt 200 von jenen gelben Dingern herum, mit denen Ofo sein Geld verdient: Leihfahrräder.

Überall in Europas Städten tauchen neuerdings die Räder aus Fernost auf. Ofo ist zwar Marktführer, aber bei Weitem nicht der einzige Anbieter. Andere heißen oBike, Mobike oder Yobike. In Wien hat neben Ofo in den vergangenen Wochen auch oBike (Hauptsitz in Singapur) 500 Räder platziert. In anderen Städten, etwa München und Zürich, finden sie sich ebenfalls. Auch in den Landeshauptstädten Linz, Graz und Salzburg antichambrieren die Manager schon (siehe unten). Es gilt für die Unternehmen, rasch bekannt zu werden und mit Stadtverwaltungen in Kontakt zu treten, bevor noch mehr Mitbewerber auf den Markt drängen.

An die Wucht des Kapitalismus chinesischer Prägung
muss man sich im gemächlichen Europa erst gewöhnen. In China begann der Leihfahrrad-Boom im Jahr 2014. Damals entwickelten ein paar Studenten der Universität Peking rund um den heute 26-jährigen Ofo-Gründer Dai Wei das Basiskonzept. Seither sind Dutzende Millionen Leihräder auf Chinas Straßen gekommen – allein Ofo betreibt acht Millionen. Die Unternehmen überbieten einander mit immer größeren Flotten. Weil der fernöstliche Markt inzwischen gesättigt ist, soll die Expansion in Europa weitergehen.

Aber lässt sich die Idee nach Europa übertragen? Sind die gemeinschaftlich genutzten Fahrräder eine gute Idee, um für mehr Platz und saubere Luft in dichtgedrängten Städten zu sorgen? Welche Probleme tauchen dabei auf? Und welche kulturellen Unterschiede offenbar sich?

Die Fahrräder von Ofo und Co. heben sich jedenfalls in einem entscheidenden Punkt von konventionellen Verleihdiensten ab: Es gibt keine fixen Stationen, an denen sie verankert sind, so wie beispielsweise bei den Vienna City Bikes in Wien. Stattdessen stehen die chinesischen Räder irgendwo in der Stadt herum; sie sind nirgends angekettet, lediglich mit einer Sperre verriegelt. Will man sie benutzen, muss man sich mittels Handy und Kreditkarte registrieren. Dann bekommt man einen Code zugesandt, mit dem sich die Verriegelung am Fahrrad öffnen lässt. Nach der Fahrt stellt man das Rad wieder ab und verriegelt es, wo immer man will.

Die rasante Ausbreitung dieser Idee zeigt auch, wie sich das chinesische Wirtschaftssystem verändert. Viele Jahre fungierte das Land als Werkbank – und als Kopierstudio – für Produkte, die Entwickler im Westen ausgetüftelt hatten. Heute transformiert China zunehmend seine Rolle. Es versucht sich an eigenen Innovationen. Die werden im Heimatland an die Konsumenten gebracht, aber sie sollen auch das Ausland erobern. Mit den Fahrrädern geschieht dies erstmals in großem Stil.

Ein Ofo-Leihrad (Ofo)

Doch nicht nur dieser Aspekt macht den Boom bemerkenswert. Interessant ist auch die Art, wie die Verleihunternehmen ihr Geld verdienen. Zwar heben sie ganz klassisch Leihgebühren ein (je nach Betreiber ein bis zwei Euro pro Stunde). Doch das ist zweitrangig. Wichtigere Ressource: die Daten der Benutzer. Jedes Fahrrad wird per Satellit geortet. Dadurch kommt eine gigantische Menge an Daten zusammen. Sie zeigt, wohin sich die Fahrer bewegen, welche Orte sie passieren, wo sie halten. Für Stadt- und Verkehrsplaner sind solche Informationen ebenso nützlich wie für Unternehmen. Wer beispielsweise einen Standort für ein Geschäft oder Restaurant sucht, wäre wohl dankbar, zu erfahren, an welchen Stellen zu welcher Tageszeit und in welchem Tempo sich wie viele Radfahrer vorbeibewegen. In China bekommen die Fahrradkunden regelmäßig Werbung auf ihre Handys gespielt, exakt angepasst an ihre Routen. In Europa hingegen würden die Kundendaten nicht kommerziell genutzt, beteuern Leihfahrradbetreiber wie Ofo. Doch wie lange das Versprechen hält, ist fraglich. Immerhin sitzen die Anbieter auf enorm wertvollen Datensammlungen.

Doch nicht nur hinsichtlich Daten wirft der Leihfahrradboom Fragen auf. Er führt auch zu Problemen im Stadtbild. In China beklagen Bürger, dass die Räder Gehsteige und Parkplätze verstellen, weil sie von Benutzern achtlos stehengelassen werden. Mancherorts, etwa in Shanghai, landeten sie sogar in Haufen übereinander. Wird es auch in Europa diese Probleme geben?

Schauplatzwechsel. In Manchester, der Stadt in Nordengland, lässt sich studieren, welche Nutzen und Nachteile aus den Leihfahrrädern resultieren. Im Gegensatz zu Festlandeuropa gibt es die Räder hier – konkret jene der Pekinger Firma Mobike, die in Manchester tätig ist – bereits seit einigen Monaten. Die Stadt, von der einst die Industrielle Revolution ausging, dient heute den Chinesen als Experimentierfeld für die Eroberung des westlichen Marktes, genauso wie andere Städte in Großbritannien.

Ob es Probleme gebe? Nein, sagt Rafael Cuesta, Chef für Innovation bei den Verkehrsbetrieben von Manchester. Zwar habe es gleich nach Einführung der Räder einige Fälle von Vandalismus gegeben.“Aber sonst sind wir sehr zufrieden.“ Das Verleihsystem helfe, die Stadt vom Autoverkehr zu entlasten; es sei umweltfreundlich und billig für die Benutzer. Und: Es kostet die Stadtverwaltung nichts. „Darüber hinaus sind die Räder kein Verkehrshindernis in Manchester.“ Cuesta setzt sich aufgrund der guten Erfahrungen sogar für noch mehr Mobikes in Manchester und Umgebung ein. Dies lässt sich schnell bewerkstelligen: Das Schiff von China nach Großbritannien, das neue Fuhren Räder bringt, braucht 42 Tage.

Dass die Leihräder in Manchester keinen Ärger bereiten, geschieht jedoch nicht von selbst. Dabei hilft ein ausgeklügeltes System. Beispielsweise steht ein siebenköpfiges Mobike-Team bereit, auszurücken, falls es zu ungünstig abgestellte Fahrräder zu entfernen gilt. Eine weitere Maßnahme: Vielerorts in Manchester wurden knallige Plaketten mit dem Mobike-Logo auf das Straßenpflaster geklebt. Sie zeigen den Benutzern, wo sie ihre Räder bevorzugt abstellen können, damit sie nicht stören. Theoretisch kann man sie überall zurücklassen – praktisch möge man es hier tun.

Ein weiteres Mittel der Leihfahrradunternehmen, für Disziplin unter ihren Kunden zu sorgen, ist ein System aus Bonus- und Malus-Punkten. Stellt jemand sein Fahrrad ordnungsgemäß ab, bekommt er Pluspunkte auf sein Verleihkonto gebucht – und umgekehrt. Bei zu vielen Minuspunkten sperren die Unternehmen das Konto, sodass der Kunde den Verleihdienst nicht mehr nutzen kann. Das System geht sogar noch weiter: Wer selbst gar kein Leihfahrrad benutzt, kann dennoch dem Unternehmen per Handy-App mitteilen, wo sich schlecht geparkte Räder befinden. Meldet man Verstöße wiederholt, winken Belohnungen wie Laptops oder Smartphones. Zumindest wird das in China so praktiziert.

Die Konsumenten sollen also zum Wohlverhalten erzogen werden, durch Belohnungen und Strafen, gespeist von Massen an Daten. Je mehr Informationen die Benutzer einspeisen, desto effizienter wirken die Belohnungen und Strafen. Je mehr Meldungen eingehen, desto eher können die Unternehmen auf den Straßen für Ordnung sorgen. Es ist ein Modell, das sich mit steigender Teilnehmerzahl selbst optimiert.

In China sind derartige Punktesysteme weit verbreitet. Sogar der Staat selbst betreibt eines, derzeit noch als Pilotprojekt: eine Art Big-Data-Sozialkreditsystem. Es basiert auf der Auswertung großer Datenmengen im Internet. Wenn ein Bürger beispielsweise in der Nachbarschaft mithilft, lukriert er Pluspunkte; wer hingegen im Internet die Kommunistische Partei kritisiert, rutscht ins Minus. Vom Grundgedanken her funktionieren die Verleihdienste ähnlich, freilich ohne die bedenkliche politische Komponente. Ob sich jedoch die Kunden in Europa dafür ebenso gewinnen lassen wie die Chinesen – ob sie also etwa bereitwillig falschparkende Räder melden werden -, das muss sich noch weisen.

Auch abseits dieser Frage ist es ungewiss, ob die Leihfahrräder in Europa zum Erfolg werden. Denn nicht überall sind die Erfahrungen so gut wie in Manchester. Zum Beispiel drei Autostunden südlich, in London. Clapham Junction, ein Bahnhof im Südwesten der Hauptstadt. Hier drängen sich Autos, Busse, Fußgänger, private Fahrräder. Zu all dem Großstadtgetriebe fügte oBike im Juni auch noch Hunderte Leihfahrräder hinzu. Die Folge: Sie landeten auf schmalen Gehsteigen, mitunter gar in Vorgärten. Lokalmedien schrieben bald von der „gelben Pest“. Schließlich rückte die Stadtverwaltung aus und konfiszierte die Räder.

„oBike hat uns vor dieser Maßnahme praktisch nicht konsultiert“, klagt ein Sprecher des Londoner Bürgermeisters Sadiq Khan gegenüber profil. Die Lehre daraus: Wenn die Leihfahrradwirtschaft nicht in Chaos ausarten soll, braucht es – unabhängig von etwaigen Bonus-Malus-Systemen – jedenfalls eine enge Kooperation mit den Behörden. Und begleitende Maßnahmen wie Bodenmarkierungen à la Manchester und Eingreiftrupps, die falsch geparkte Fahrräder entfernen.

In Wien gibt es zwar keine Markierungen, aber immerhin derzeit fünf Ofo-Mitarbeiter, die falsch geparkte Fahrräder einsammeln (von oBike in Wien kam keine Antwort auf die profil-Anfrage nach der Anzahl der zur Verfügung stehenden Mitarbeiter). Über den Erfolg des Systems in Wien lässt sich kurz nach Einführung noch nichts sagen. Allerdings gab es vergangene Woche erste Beschwerden. Laut ORF blockieren die Fahrräder die – ohnehin meist übervollen – Fahrradständer der Stadt. Martin Blum, Radfahrbeauftragter der rotgrünen Stadtregierung, spricht von einer „Beobachtungsphase“. Ende des Jahres werde man das System evaluieren und über die Zukunft der Räder in Wien entscheiden.

Werden sie am Ende nur eine vorübergehende Plage gewesen sein, die bald wieder aus dem Verkehr gezogen wurde? Oder handelt es sich um ein selbstlernendes Netzwerk, welches über das Potenzial verfügt, den städtischen Verkehr in den kommenden Jahren zu revolutionieren – in millionenfacher Stückzahl? Der Ausgang des chinesischen Fahrradexperiments ist offen.

Immerhin können die Unternehmen nicht über zu wenig finanziellen Rückhalt klagen. Laut der chinesischen Zeitung „Caixing Global“ konnten die Verleihdienste in den vergangenen Monaten enorme Summen von Investoren einsammeln, um die Expansion nach Europa zu finanzieren. Als Geldgeber fungieren etwa der chinesische E-Commerce-Anbieter Alibaba und das russische Internetunternehmen Mail.Ru. Ofo hat rund 600 Millionen Euro Kapital eingesammelt. Mobike folgt mit 500 Millionen.

Ein paar Fahrräder mehr in Wien und in anderen Städten werden sich um diese Summen jedenfalls ausgehen.

Zusatzinfo
Graz, Linz, Salzburg; Die Fahrradexpansion geht weiter

Wenn es um den Leihfahrradboom aus Fernost in Österreich geht, ist stets von Wien die Rede. In der Hauptstadt haben bisher drei Unternehmen (Ofo, oBike sowie eine dänische Firma namens Donkey Republic) insgesamt 900 Räder auf die Straße gebracht.

Wie ein profil-Rundruf ergab, könnte sich dies bald ändern. Denn auch in drei Landeshauptstädten wurden die Fahrrad-Anbieter aus China bereits vorstellig. Konkret laufen Verhandlungen in Graz, Linz und Salzburg, jeweils mit der Firma oBike mit Sitz in Singapur.

Die Verantwortlichen in Linz und Salzburg klingen bisher jedoch mäßig begeistert über das Ansinnen – man arbeite gerade am Aufbau eigener Fahrradverleihsysteme, heißt es. Linz gedenkt eines mit privaten Partnern einzuführen; Salzburg plant in Kooperation mit der landeseigenen Salzburg AG ein Leihsystem im Stil der „Vienna City Bikes“ in Wien. „Ein solches wäre uns lieber als eines ohne fixe Stationen“, sagt Salzburgs Fahrradbeauftragter Peter Weiss. Für Linz meint FPÖ-Infrastruktursstadtrat Markus Hein: Trotz der eigenen Pläne „schließe ich nichts aus“.

Am weitesten gediehen sind die Gespräche in Graz. Hier würde oBike gern noch im September starten, sagt KPÖ-Stadträtin Elke Kahr. Die Verhandlungen laufen. „Wir sind prinzipiell nicht abgeneigt.“ Allerdings: Kahr will die Fahrräder vorerst lediglich auf ein Jahr befristet in der Stadt haben. „Außerdem überlegen wir, Nutzungsentgelte von Anbietern einzuheben, da sie öffentliche Güter wie Fahrradständer nutzen.“

Eine enge Einbindung der Stadt sei jedenfalls unumgänglich, sagt Kahr. „Die Einführung muss in geordneten Bahnen erfolgen.“


Dieser Artikel entstand im Rahmen von eurotours 2017 – einem Projekt des Bundespressediensts, finanziert aus Bundesmitteln.

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Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 37/2017

Ich dachte immer, der Handel mit Münzen sei ein nüchternes Geschäft. Da geht es um Gewichtsangaben, Edelmetallgehalte und – bei alten Stücken – um die Herkunft und Art der Prägung. Aber die Münze Österreich belehrt mich eines Besseren. Das Münzgeschäft kann auch locker-flockig sein, fast ein Event.

Mitte vergangener Woche. Bereits frühmorgens warteten die ersten Kaufwilligen vor der Tür von Österreichs Münzprägegesellschaft im 3. Wiener Bezirk, teilweise ausgerüstet mit Campingsesseln und Thermosflaschen. Sie standen um eine neue Drei-Euro-Münze im Sortiment an. Motiv: ein kleiner bunter Eisvogel. Man mag es kaum glauben, das Federvieh auf der Münze leuchtet sogar in der Nacht.

Es ist nicht das erste Tier. Die Serie „Die bunte Welt der Tiere“, die seit einigen Jahren läuft, beinhaltete bisher auch Fledermäuse, Tiger und Krokodile. Wem das zu profan ist, der könnte die Münze-Österreich-Serie „Engel – Himmlische Boten“ in Betracht ziehen. Die Kupfer- oder Silberteile zeigen die Erzengel Michael und Gabriel. Allerdings leuchten sie nicht in der Nacht, wiewohl sich das angesichts ihrer religiösen Aura anbieten würde.

Kitsch!, hört man da schon den Kultur-Snob rufen. Gebt uns altehrwürdige Semmeringbahn-Viadukte und verstorbene Bundespräsidenten zurück! Oder am besten: dicklippige Habsburger-Gesichter! Aber verschont uns mit Engerln und Viecherln im Neon-Look.

Doch wer so argumentiert, kennt den Markt nicht. Der Eisvogel war bereits am Tag nach der Erstausgabe ausverkauft. Während der Ausgabepreis zehn Euro betrug, wurde die Münze tags darauf im Internet um 40 bis 90 Euro gehandelt. Der leuchtende Tiger bringt es gar auf 150 Euro.

Im November kommt übrigens der Wolf dran. Holen Sie schon mal die Campingsessel raus!

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Kämpfen gegen Kapriolen

Aus profil 35/2017

Sie platzieren Käferfallen im Wald, planen raffinierte Lüftungssysteme und pflanzen neue Rebsorten an. Wie ein Förster, ein Bautechniker und eine Winzerfamilie ganz konkret mit den Folgen des Klimawandels umgehen.

Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

DIE WINZER
Willi und Vincent Bründlmayer, Weingut Bründlmayer, Langenlois, Niederösterreich

„Heuer ist ein extremes Jahr“, sagt Willi Bründlmayer und blickt einem Reh nach, das sich zwischen den Weinstöcken aus dem Staub macht. Für den Winzer ist der Klimawandel eine Tatsache -wiewohl er nach Lektüre des Buchs „Was auf dem Spiel steht“ des Kulturhistorikers Philipp Blom eher von einer „Klimakatastrophe“ sprechen würde.

Eigentlich weiß Bründlmayer schon seit Mitte der 1980er-Jahre Bescheid. Ein US-Klimaforscher, zu Gast bei einer Weinverkostung, erzählte von seinen Computermodellen. Bründlmayer bat ihn um eine Prognose für Langenlois. „Alles, was er vorhergesagt hat, ist tatsächlich eingetroffen“, erzählt der Weinbauer. Dass die Durchschnittstemperatur um ein Grad steigen würde, dass es längere Trockenphasen und extremere Niederschläge geben wird – all das ist mittlerweile längst empirisch bestätigt.

An der Weinbauschule Krems wird seit Mitte der 1960er-Jahre die sogenannte Blühzeitkurve erhoben. Während damals die durchschnittliche Blütezeit der Weinstöcke zwischen Mitte und Ende Juni lag, verschob sie sich ab Beginn der 1990er-Jahre auf Anfang bis Mitte Juni -das Messgerät des Winzers ist der Rebstock. „Trotzdem gibt es noch immer Kollegen, welche die Situation ignorieren“, sagt Bründlmayer. „Wir aber konnten rechtzeitig auf sie reagieren.“

Hier sind ein paar Beispiele: Etwa 20 Hektar Weingarten werden durch Netze vor Hagel geschützt. Das stört zwar das ästhetische Empfinden des Winzers, erhält aber im Katastrophenfall zumindest einen Teil der Ernte. Um die Trauben seiner besten Lagen vor allzu großem Stress zu schützen, hat Willi Bründlmayer -zusammen mit Kollegen -bereits Ende der 1980er-Jahre eine Tröpfchenbewässerung installieren lassen. „Würden wir das nicht machen, würden viele Terrassen unkultiviert bleiben“, so Sohn Vincent. Die Trauben für den gefeierten Riesling vom Heiligenstein wären auch heuer ohne Bewässerung schon in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Weinbauern im Kamptal haben im gesamten Gebiet Wetterstationen verteilt. Die gesammelten Daten werden elektronisch übertragen und sind für alle beteiligten Winzer zugänglich. So kann recht kleinräumig auf die Bedürfnisse im Weingarten eingegangen werden: Welche Lage hatte die wenigsten Niederschläge und sollte deshalb dringend bewässert werden? Wo hat es so viel geregnet, dass man jetzt besser darauf verzichten sollte, mit dem Traktor in den Weingarten zu fahren, weil man sonst den Boden extrem verdichten würde? In einer Branche, die derart stark von äußeren Einflüssen geprägt ist, wird möglichst wenig dem Zufall überlassen. Denn eine Traube, die unter Stress steht, reagiert -im wörtlichen Sinne -mit Verbitterung und baut Gerbstoffe auf.

Einem Teil ihrer Weinstöcke lassen die Bründlmayers die sogenannte Lyra-Erziehung angedeihen. Dabei werden die Reben so geteilt, dass über dem Stamm zwei y-förmig auseinanderstrebende Laubwände formiert werden. Die Blätter schützen die Trauben vor aggressivem Sonnenlicht. Dieses in Bordeaux entwickelte Erziehungssystem hat allerdings seinen Preis. Man benötigt die doppelte Menge an Unterstützungsmaterial (Pfähle, Drähte) als bei den in Österreich üblichen Hochkulturen. Und der Arbeitsaufwand beträgt ein Vielfaches. Denn die Laubwände müssen zwei-bis dreimal jährlich händisch entflochten werden, um den freien Luftraum in der Mitte des Stockes wiederherzustellen.

Und manchmal muss man umdenken und sich von alten Gewohnheiten trennen: „Müller-Thurgau und Frühroten Veltliner haben wir gerodet und durch andere Sorten ersetzt. Die standen zwar in unseren kühlsten Lagen, aber selbst dort ist es für diese zu warm“, erzählt Sohn Vincent. Dafür ist mittlerweile der Rotweinanteil bei den Bründlmayers mit mehr als 25 Prozent für die Region untypisch hoch. So werden etwa mit Merlot und Cabernet Franc am Fuße des Heiligensteins spätreifende Sorten angebaut. „Das wäre vor 30 Jahren in Langenlois nicht möglich gewesen“, sagt Willi Bründlmayer.

Eigentlich sehen sich die beiden Winzer derzeit als Klimagewinner. Ihre wichtigsten Sorten, Grüner Veltliner und Riesling, gedeihen unter den aktuell herrschenden Bedingungen prächtig. „Aber man müsste auf ‚Stopp‘ drücken können“, sagt Bründlmayer Senior. „Denn wenn es mit der Erderwärmung in diesem Tempo weitergeht, werden massive Probleme auf uns alle zukommen.“

DER FÖRSTER
Thomas Lengger Reidlingberg, Wang, Niederösterreich

„Schauen Sie, neue Buchen“, sagt Thomas Lengger. Der Förster deutet vom Forstweg in den Wald, und stapft sogleich mit weit ausholenden Schritten in das Unterholz hinein, um die Neuankömmlinge zu begutachten. „Buchen, Kiefern, Lärchen, Eichen“, sagt Lengger. „Der Wald schaut heute anders aus als früher.“

Der Reidlingberg, ein idyllisch-bewaldeter Hügel im niederösterreichischen Mostviertel, im Besitz der Österreichischen Bundesforste (ÖBf). Lengger ist hier Revierleiter, 26, ein Bergbauernkind aus der Steiermark mit schweren Wanderschuhen und einem Jeep, der oben auf dem Forstweg parkt. In diesem Job erlebt Lengger an vorderster Front, wie sich der Klimawandel auf den Wald auswirkt.

Die Veränderung ist massiv. Sie zeigt sich etwa in der Zusammensetzung der Baumsorten, nicht nur am Reidlingberg. Früher war die Fichte „das Nonplusultra in den Wäldern“, sagt Lengger. Viele von ihnen bestanden weitgehend aus Fichten. Forstwirte nennen den Nadelbaum bis heute Österreichs „Brotbaum“, weil er schnell wächst und das Holz vielseitig einsetzbar ist.

Auch heute noch schießen zwar rund um Lengger hauptsächlich Fichten in die Höhe, kerzengerade wie Säulen in einem antiken Tempel. Aber sie verlieren an Bedeutung. Zwischendrin machen sich andere Baumarten breit. „Wo viel Licht ist, gedeiht gern der Ahorn“, erklärt der Förster. „Und im Schatten wachsen Tannen.“

Bei den Fichten hingegen sei es ungefähr seit der Jahrtausendwende zu immer mehr Problemen gekommen. Sie brauchen mehr Feuchtigkeit und Kühle als andere Bäume; ihr hoher, gerader Wuchs macht sie anfällig für Sturmschäden. Keine guten Voraussetzungen in Zeiten des Klimawandels. „Der Wald ist trockener als früher“, sagt Lengger. Aus Trockenheit und Sturmschäden ergeben sich Folgeprobleme – etwa der Borkenkäfer, der über geschwächte Bäume herfällt. Gegen diesen wird etwa mit Käferfallen vorgegangen, die im Wald aufgestellt werden. All das erhöht Kosten und Aufwand für die Erhaltung der Fichtenwälder in Österreich enorm.

Die Fichte gedieh ursprünglich in höheren Lagen -vor rund zwei Jahrhunderten jedoch wurde sie auch im flacheren Osten Österreichs wegen ihrer Vorteile im großen Stil angesetzt. Sie verdrängte die ursprünglichen Laubwälder. Und gedieh prächtig, ehe sich das Klima zu verändern begann.

„Das Thema Klimawandel beschäftigt uns täglich“, sagt Rudolf Freidhager, Vorstandschef der Bundesforste. Das Jahr 2014 gilt als das letzte in Österreich, das in forstwirtschaftlicher Hinsicht einigermaßen regulär ausfiel. Seither beträgt die Menge des schadhaften Holzes jährlich jeweils 50 bis 60 Prozent der gesamten Ernte. „Es hat zwar immer schon Wetterextreme wie Dürre, Regen und Sturm gegeben, aber nie zuvor in einem derart hohen Ausmaß.“ Die Bundesforste sehen sich deshalb mit steigenden Kosten konfrontiert. Beispielsweise schlägt sich die Erhaltung von Forstwegen aufgrund häufigerer Überschwemmungen teurer zu Buche. Oder, noch gravierender: Das Budget für Schädlingsbekämpfung musste in den vergangenen Jahren um rund ein Viertel erhöht werden. Derartige Veränderungen laufen rasant ab, sagt Freidhager. Beispiel: „Als ich in den 70er-Jahren studiert habe, habe

ich noch gelernt: Wenn der Wald auf mehr als 1000 Meter Seehöhe liegt, ist der Borkenkäfer kein Thema. Heute finden wir das Insekt sogar noch auf 1600 Meter Höhe.“

Die Bundesforste kämpfen gegen die Klimaveränderung mit einem Bündel an Maßnahmen. Beispielsweise werden vermehrt trockenheitsresistente Bäume angepflanzt, etwa die Douglasie, ein Nadelgehölz nordamerikanischen Ursprungs. Außerdem setzt man statt auf Aufforstung vermehrt auf die sogenannte „Naturverjüngung“: Das bedeutet, dass nicht gezielt Bäume angepflanzt werden -man lässt stattdessen jene sprießen, die von alleine entstehen. Der solcherart wachsende Wald kann sich besser seiner Umwelt anpassen. Freilich: Häufig hat der Mensch keine andere Wahl als einzugreifen. Im Gebirge etwa spielen die sogenannten „Schutzwälder“ eine bedeutende Rolle. Sie bewahren darunter liegenden Siedlungen vor Muren und Lawinen – und bei ihnen muss auf die Baumzusammensetzung genau Bedacht genommen werden.

Stürme, Trockenheit, Borkenkäfer. „Derzeit müssen wir auf immer neue Probleme reagieren „, sagt Förster Lengger am Reidlingberg. Gerade hat er einen neuen Baumtrieb am Waldboden entdeckt, so klein, dass er kaum als Baum zu erkennen ist. Lengger hockt sich hin und zupft an der Pflanze herum. Eine junge Fichte, sagt er. Trotz aller Probleme wachsen auch sie noch hier. „Dieser kleine Baum hat einen langen Weg zum Erfolg vor sich.“

DER BAUTECHNIKER
Helmut Schöberl Gebäude der Technischen Universität, Wien-Mariahilf

Es ist ein Hochhaus von der eher unscheinbaren Sorte. Das Gebäude der Technischen Universität Wien (TU) aus den 1970er-Jahren liegt in einem Innenhof in Wien-Mariahilf. Elf Stockwerke, 700 Personen arbeiten hier. Graue Fensterreihen, schräges Dach. Trotz zentraler Lage zwischen Naschmarkt und Museums-Quartier fällt der Bau kaum auf.

Blickt man jedoch ins Innere, stellt man fest: Das Gebäude spielt alle Stücke. Im Jahr 2014 wurde es nach umfassender Sanierung wiedereröffnet -als erstes Plusenergie-Hochhaus der Welt. Das bedeutet, in dem Gebäude wird mehr Energie erzeugt als verbraucht. Es funktioniert, wenn man so will, wie ein kleines Kraftwerk.

„Es ist ein Pionierprojekt“, freut sich Helmut Schöberl. Der 49-jährige Bauphysiker von der Firma Schöberl und Pöll GmbH in Wien entwickelte das Energiekonzept für das Gebäude. „Angesichts des Klimawandels müssen wir neu darüber nachdenken, wie wir bauen.“ In Zeiten steigender Temperaturen gilt es vor allem, Gebäude ausreichend zu kühlen – ohne dass dabei allzu viel Energie verbraucht wird, was dem Klima noch mehr schaden würde. Eine Herausforderung, denn gerade die Kühlung zählt zu den größten Energiefressern in Gebäuden.

Im Inneren des TU-Gebäudes wird Energie erzeugt, beispielsweise durch Solarpanele an der Fassade und durch Nutzung der Wärme, welche die Computer-Server abstrahlen. „Aber diese Energieerzeugung ist gar nicht so sehr das Besondere“, sagt Schöberl. Die entscheidendere Frage lautet: Wie gelingt es, derart wenig Energie zu verbrauchen, dass man mit der bisschen erzeugten auskommt? Und genau hier, im niedrigen Verbrauch, liegen die Raffinessen des TU-Gebäudes.

Von den laufenden Computern über das brennende Licht bis zum fahrenden Aufzug: In diesem Haus wird rund zehn Mal weniger Energie verbraucht als in einem gewöhnlichen von vergleichbarer Dimension. Um derart hohe Einsparungen zu erzielen, arbeiteten sich Schöberl und sein Team im Zuge der Sanierung minutiös durch alles, was im Gebäude Energie benötigt. „Das reicht von der großen Kältemaschine im Keller bis zum kleinen Bewegungsmelder am Gang, der dafür sorgt, dass das Licht angeht“, sagt Schöberl. Insgesamt klopfte das Team 9300 unterschiedliche Energieverbrauchsstellen im Gebäude ab. Und überlegte bei jeder, wie man deren Verbrauch optimieren könnte.

In Sachen Kühlung beispielsweise befasste sich Schöberl zunächst gar nicht mit der unmittelbaren Kühlung selbst, sondern mit anderen Fragen: Wie könnte man dafür sorgen, dass gar nicht erst zu viel Wärme ins Gebäude reinkommt -und auch drinnen wenig entsteht? Er entwickelte zu diesem Zweck „viele kleine Low-Tech-Lösungen“. Beispiel: Die Jalousien sind nicht, wie üblich, außen vor den Fenstern angebracht, sondern zwischen Glasscheiben eingeklemmt. Dadurch kann man sie auch hinunterlassen, wenn draußen starker Wind weht. Die Wärme bleibt fern.

Oder, etwas raffinierter: Abends öffnet sich automatisch ein Gangfenster je Stockwerk. Eine spezielle Sogwirkung sorgt dafür, dass kühle Nachtluft durch den ganzen Stock strömt, bis zu einem Schacht, durch den sie wieder entweicht. „Das ergibt eine Wahnsinns-Kühlung“, sagt Schöberl, „und kostet fast nichts, es braucht nur einen kleinen Motor zum Öffnen des Fensters.“

Anschließend fährt Schöberl mit dem Lift in den Keller. Durch eine Metalltür betritt er einen Raum, in dem Maschinen dröhnen. Hier steht eine klassische Kältemaschine, welche das Gebäude auf konventionelle Weise kühlt -also ziemlich energieintensiv. Allerdings: Bei dieser Maschine wurden nicht nur zahlreiche Bauteile optimiert, sodass sie sparsamer funktioniert, beispielsweise sind die Rohre dicker als üblich. Diese Kühlung kommt auch erst zum Einsatz, wenn sämtliche andere Methoden -Jalousien, Luftzug und vieles andere – ausgeschöpft sind. „Wenn die Kältemaschine anläuft, haben wir schon 90 Prozent der Hitze, die unter normalen Bedingungen entstanden wäre, weggespart.“ Wenn heutzutage Gebäude errichtet werden, sagt Schöberl, würden die dahinterstehenden Techniker häufig über viele Arbeitsschritte nicht mehr nachdenken. „Sie verwenden diese oder jene Leitung, sie bauen diesen oder jenen Sensor ein. Vielleicht verschwendet das unnötig Energie. Aber man hat es eben immer schon so gemacht und kennt es nicht anders.“

Was es also brauche, möchte man ein Projekt wie das TU-Haus realisieren, sei ein frischer Blick auf die Dinge. „Diesen Blick zu bekommen, haben mir oft die Gespräche geholfen, die ich zu Hause mit meinen Kindern geführt habe. Sie stellen die einfachen Fragen, die zugleich schwierig sind. Sie interessieren sich zum Beispiel nicht dafür, wie man ein Haus kühlen kann. Sondern sie fragen: Warum gibt es überhaupt Wärme?“ Nachsatz: „Und dadurch geht mir plötzlich ein Licht auf.“

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Der mysteriöse Herr Silberstein und seine Freunde

Aus profil 34/2017

Korruptionsvorwürfe. Undurchsichtige Firmenkonstrukte. Steueroasen. Und mittendrin die Geschäftsinteressen von Altkanzler Alfred Gusenbauer. Die Affäre um den Politikberater Tal Silberstein zieht immer weitere Kreise und versetzt SPÖ-Kanzler Christian Kern Tiefschläge. interessiert sich die Justiz? Und was hat das rumänische Königshaus damit zu tun? Wer ist der geheimnisvolle Wahlkampf-Guru? Welcher Methoden bediente er sich?


Von Joseph Gepp, Eva Linsinger und Michael Nikbakhsh

Die erste Information war kurz und schmerzlos. „Herr Silberstein würde sich gerne mit Ihnen unterhalten.“ Vor nunmehr eineinhalb Jahren, im Jänner 2016, ereilte profil der Anruf eines Wiener PR-Beraters, der ein Meeting mit einem gewissen Tal Silberstein koordinieren sollte. Wegen einer anhängigen Gerichtssache im Glücksspielsektor, wie es hieß. Wenig später kam der Termin auch tatsächlich zustande. Ende Jänner 2016 empfing Silberstein profil zu einem Gespräch in den Kanzleiräumlichkeiten seines Wiener Rechtsanwalts Leopold Specht, wo auch SPÖ-Altkanzler Alfred Gusenbauer immer wieder vorbeischaut.

Tal Silberstein, Jahrgang 1969, ist ein gewinnender Typ; lässiges Auftreten; verbindlicher Ton; scharfer Verstand; Tee statt Kaffee; Sneaker statt Budapester. Einerseits. Andererseits vermittelte der Politikberater und Unternehmer bei dem nicht ganz zweistündigen Gespräch rasch den Eindruck, als sei er einer, der nicht immer nur Spaß verstünde.

Silberstein hatte damals eine Zivilklage gegen die Österreichischen Lotterien vor dem Handelsgericht Wien angestrengt -er, genauer: eine ihm zuzurechnende Gesellschaft mit Sitz in Malta. Sie forderte die Kleinigkeit von 822.000 Euro. Aufwendungen, die im Zusammenhang mit einem nie realisierten Gemeinschaftsprojekt entstanden waren, wie er sagte. „Man hat mein Vertrauen missbraucht. Das kann ich mir nicht gefallen lassen“, betonte Silberstein damals.

Die vorerst letzte Information über Tal Silberstein war kurz und schmerzhaft: „Er hat das Vertrauen, das wir in ihn gesetzt haben, nicht gerechtfertigt. Selbstverständlich war es ein politischer Fehler, dass wir die Zusammenarbeit nicht schon vorher beendet haben.“ Also sprach Bundeskanzler Christian Kern Mittwoch vergangener Woche – eine Art erzwungene Folge der für die SPÖ desaströsen Pressefotos, die in den Tagen zuvor durch Medien diesund jenseits der Landesgrenzen gerast waren: Kerns Berater Silberstein in israelischem Polizeigewahrsam -zusammen mit seinem langjährigen Geschäftspartner Benjamin „Beny“ Steinmetz, Investor, Philanthrop, Mäzen, mit geschäftlichen Interessen im Rohstoff-, Immobilien- und Glücksspielsektor. Und beide wirkten sie, als hätten sie zumindest eine harte Nacht in den Knochen.

Was die für die SPÖ verhängnisvolle Bildsprache nur noch verschärfte.

Montag vergangener Woche waren Silberstein und Steinmetz in Tel Aviv vorübergehend arretiert und polizeilichen Befragungen unterzogen worden, erst am Freitag durften beide gehen. Wenn auch nicht weit. Sie wurden unter Hausarrest gestellt (Steinmetz darf Israel schon länger nicht mehr verlassen).

Was im Detail zu den Festnahmen führte, war bis Redaktionsschluss nicht zu klären. Israelische Medien hatten zunächst spekuliert, Steinmetz und Silberstein seien in Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen rund um die Erlangung von Eisenerz-Schürfrechten in Guinea vorgeführt worden. Ende der Woche hieß es dann, die israelische Polizei interessiere sich hauptsächlich für deren Verwicklung in unsaubere Grundstücksgeschäfte in Rumänien. Steinmetz und Silberstein ließen die Vorwürfe über ihre Rechtsanwälte bereits mit aller Entschlossenheit zurückweisen. Sie wähnen hinter den Festnahmen rein politische Motive.

Vermutete Korruption und Geldwäsche. Undurchsichtige Firmenkonstrukte. Ein Kanzlerberater in Polizeigewahrsam. Und mittendrin im verwobenen Silberstein-Steinmetz-Netzwerk Ex-SPÖ-Kanzler Alfred Gusenbauer (nebenher immerhin auch einer der Vizepräsidenten der Sozialistischen Internationale), der seit seinem Abschied aus der Politik seinen Zug zu lukrativen Geschäften nonchalant zur Schau stellt. Recht viel schlimmer könnte die Gemengelage für die SPÖ nicht mehr ausfallen: Ihr Slogan „Holen Sie sich, was Ihnen zusteht“ – Anlass für Kalauer. Ihr Sozialkämpfer-Motto – konterkariert . Ihr Spitzenkandidat Christian Kern, der eben erst Fuß zu fassen schien in diesem Stolper-Wahlkampf der SPÖ – schwer angeschlagen.

Dabei hätte die SPÖ gewarnt sein müssen. Spätestens seit Jänner dieses Jahres kursierten in anschwellender Lautstärke – und genüsslich befeuert von der ÖVP -Gerüchte, Silberstein stehe wegen dubioser Machenschaften in Rumänien kurz vor der Festnahme. Sogar von einem Haftbefehl wollte der ÖVP-Abgeordnete Werner Amon gehört haben. Mit den knappen Worten „völliger Unsinn“ blaffte Kanzler Kern diesen Vorwurf Mitte Jänner in der ORF-„Pressestunde“ nieder -o ffenbar gewiegt in falscher Sicherheit. Denn die SPÖ hatte die Vorwürfe der rumänischen Justiz gegen Silberstein durch eine Wiener Anwaltskanzlei prüfen lassen. Deren damaliger Befund: unbedenklich.

Eine zweifelhafte Auskunft. Denn den Haftbefehl gegen Silberstein, Steinmetz und zwei weitere Israelis gab es tatsächlich, oder genauer: einen nationalen Haftantrag der Bukarester Anti-Korruptionsbehörde DNA. Dieser datiert vom 9. März 2016, also vom Jahr zuvor, und liegt profil in englischer Übersetzung vor. Dieser wurde zwar nie exekutiert, das ändert nichts am fragwürdigen Gesamtbild.

Noch brisanter wurde die Causa Silberstein zu Jahresbeginn 2017. Seit 13. Jänner ist in Bukarest ein Gerichtsverfahren anhängig, das Steinmetz und Silberstein als Angeklagte führt, zusammen mit 21 weiteren Personen. Sie werden unter anderem der Bildung einer kriminellen Organisation und der Geldwäsche in Zusammenhang mit dem Erwerb von Liegenschaften bezichtigt. Silberstein und Steinmetz zogen es bisher allerdings vor, dem Prozess fernzubleiben. Die Anklageschrift ist 482 Seiten stark und liegt profil ebenfalls in englischer Übersetzung vor. Sie datiert vom 17. Mai 2016 – dem Tag, an dem Christian Kern als Bundeskanzler angelobt wurde. SPÖ-Chef wurde er erst einen Monat danach, von Wahlkampf und Silberstein war damals noch keine Rede.

Der Prozessauftakt in Rumänien drang übrigens auch nach Österreich durch. Das Magazin „News“ berichtete bereits am 7. Jänner davon.

Selbstverständlich ist bis heute nichts bewiesen, Steinmetz und Silberstein sind nicht verurteilt, konsequenterweise gilt die Unschuldsvermutung. Aber was hilft das? Die SPÖ muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit Tal Silberstein 2016 einen Berater engagiert zu haben, gegen den jedenfalls in Rumänien ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren lief (das nun in einen Strafprozess mündete).

Abseits der rechtlichen Fragen stellt sich auch eine politische. War es wirklich so schlau, ausgerechnet als Sozialdemokratie auf einen Mann zu setzen, der eine ausgeprägte Schwäche für steuerschonende Veranlagungen in Offshore-Destinationen zu haben scheint? Denn Silberstein nutzt – ganz unabhängig von der Rumänien-Causa – im Geschäftsverkehr Adressen in Zypern, Malta, den Britischen Jungferninseln. Sein Name taucht unter anderem in den „Panama Papers“ auf. Silberstein soll, das legen die 2016 geleakten Dokumente nahe, Klient der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca gewesen sein. Dass Silbersteins Partner Steinmetz seine geschäftlichen Aktivitäten von der britischen Kanalinsel Guernsey aus steuert, passt da nur zu gut ins Bild.

Aber was machte den Politikberater so interessant? Wer ist Tal Silberstein überhaupt? Geboren in Tel Aviv, verheiratet, Familienvater, politisch schon als junger Mann aktiv, keiner für die erste Reihe. Silberstein gibt so gut wie keine Interviews, bis Anfang vergangener Woche existierten auch kaum Fotos von ihm. Seine Referenzliste als Politikberater ist lang und prominent besetzt; er beriet etwa den israelischen Premier Ehud Olmert und die ukrainische Politikerin Julia Timoschenko.

Und seit Herbst 2016 auch wieder die SPÖ. Durchaus begleitet von gewissem Unbehagen – dies allerdings weniger wegen Silbersteins angeblich krummen Geschäften, sondern aufgrund seines militärisch angehauchten Stils, inhaltlich und in der Form.

Silberstein definiert sich im Geschäftlichen ganz gewiss nicht über das Bedürfnis, geliebt zu werden. Er gibt gerne das polternde Raubein, hat ein Faible für rüden Umgangston („there is no democracy in campaigns“, lautet eines seiner berühmtesten Zitate) und kryptisches Handwerk: Im derzeit laufenden SPÖ-Wahlkampf installierte er fast 20 verschiedene WhatsApp-Gruppen mit verschiedener Zusammensetzung im SPÖ-Team, nur er selbst war in jeder davon Mitglied. Auch so kann man sich die Aura des einzig Allwissenden verleihen – und Unruhe und Misstrauen unter allen anderen schüren. Der abrupte Abgang des feinsinnigen SPÖ-Wahlkampfmanagers Stefan A. Sengl im Juli war auch der unklaren Befehlskette geschuldet, die Silberstein mitgeprägt hatte.

Zudem wuchs, vor allem im linken Flügel der SPÖ, das Misstrauen gegen Silbersteins Betonung von Law and Order. In typisch US-amerikanischem Stil predigt er, dass ohne das Sicherheitsthema keine Wahl zu gewinnen ist – und überzeichnet dabei teils bis ins Groteske. Wiens Bürgermeister Michael Häupl, im Wahlkampf 2010 von der FPÖ bedrängt, riet er etwa, mit einer Spezialeinheit der Polizei einen Drogen-Hotspot aufzuräumen – und das entsprechend ins Bild zu setzen, versteht sich. Schneidige Fotos, die Kern und Doskozil beim Truppenbesuch im Burgenland zeigen, gehören noch zu den harmloseren Stempeln, die Silberstein der SPÖ aufdrückte -seinem Einfluss wird der Rechts-Kurs in Migrationsfragen angelastet. „Silberstein hat nie verstanden, was die Sozialdemokratie und Österreich ausmacht“, seufzt ein SPÖ-Mitarbeiter.

Warum hielt die SPÖ trotzdem so unverbrüchlich an Silberstein fest? Liegt es an zu gering ausgeprägter Menschenkenntnis von Christian Kern? An seinem Versuch, mangelnde Trittsicherheit durch ein voluminöses Aufgebot an Beratern zu kaschieren? Gar an Kerns langjähriger Verbundenheit mit Alfred Gusenbauer?

Wahrscheinlich kann die Antwort darauf simpler und ganz ohne plumpe Küchentisch-Psychologie so ausfallen: Tal Silberstein gehört seit vielen Jahren zum Wahlkampfinventar der SPÖ und genießt den verklärten Ruf, ein Trumpf-Ass zu sein. Seine Kernkompetenz besteht darin, aus elendslangen Zahlenreihen und dicken Bänden mit Tiefeninterviews in Fokusgruppen ein exaktes Bild der politischen Stimmungslage zu destillieren -und zwar gezielt für eng umrissene Gruppen: Welche Themen bewegen gut gebildete 30- bis 40-jährige Frauen mit Kindern in Kleinstädten am meisten? Welche Wünsche haben männliche steirische Facharbeiter an die Politik? Für welche Botschaften in welcher Formulierung sind Senioren in Wien empfänglich? Und, nicht zuletzt: Welche Schwäche des politischen Gegners kann verstärkt und ausgenutzt werden?

Mit dieser Methode konnte Silberstein, der kein Wort Deutsch spricht, exakt prognostizieren – etwa sagte er als einer der wenigen seiner Branche den Wahlsieg von Alexander Van der Bellen voraus. Und er kann bereits verloren geglaubte Wahlen doch noch gewinnen: Das Paradebeispiel dafür ist der Wahlkampf 2006, in dem die SPÖ auf Silbersteins Geheiß Kanzler Wolfgang Schüssel als eiskalt und taub für Alltagssorgen sozial Schwacher brandmarkte – und Gusenbauer mit dem Slogan „Hier fliegt ihre Pensionserhöhung“ zum Wahlsieg abhob.

Auf diesem Erfolg gründet Silbersteins Ruf als Wunderwuzzi, der Wahlkämpfe drehen kann. Seinen ersten Österreich-Einsatz erlebte der Globetrotter im Wien-Wahlkampf 2001, damals noch an der Seite des feinsinnigen Intellektuellen Stanley Greenberg, er endete mit der Rückeroberung der absoluten Mehrheit für die SPÖ. Silberstein, Offizier der israelischen Armee, musste den damaligen Wahlkampf übrigens für einen Einsatz auf dem Golan unterbrechen. In den Jahren danach jettete er regelmäßig nach Wien und in die Löwelstraße. Im Jahr 2015, für ihren Mitmenschlichkeits-Wahlkampf, verzichtete die Wiener SPÖ auf Silbersteins Dienste – er heuerte bei den NEOS an. Resultat: ein angriffiger Wahlkampf mit Slogans gegen „fette Politik“ und „g’stopfte Politiker“. Ergebnis: 6,2 Prozent für die Pinken .

Damals galt Silberstein noch als Guru. Heute können sich die Politiker gar nicht genug von ihm distanzieren. Mit dem Mut der Verzweiflung zog SPÖ-Vorsitzender Kern am Freitagvormittag die Folgen aus der Affäre – und preschte mit dem Versprechen völliger Transparenz nach vorne: keine Wahlkampfspenden über 20.000 Euro, keine Spenden über sein Personenkomitee oder dessen Verein, strengere Strafen für Parteien, die den Wahlkampffinanzrahmen von sieben Millionen Euro sprengen, verschärfte Kontrollen. Manche Verbindungen hat Kern damit gekappt – die zu Alfred Gusenbauer nicht. Der Altkanzler bleibt Präsident des SPÖ-Thinktanks Renner-Institut. Auf die Frage, ob Gusenbauer zur Belastung für die SPÖ wird, antwortet Kern ausweichend mit: „Das werde ich mir mit ihm unter vier Augen ausmachen.“

Gusenbauer also: zwischen 2000 und 2008 SPÖ-Bundesparteivorsitzender, zwischen 2007 und 2008 Bundeskanzler. Im Vorfeld der Nationalratswahlen 2002 hatte Gusenbauer Silberstein erstmals als „Spin Doctor“ verpflichtet, die SPÖ unterlag jedoch der ÖVP, 2006 eroberte sie das Kanzleramt zurück. Gusenbauer nahm 2008 Abschied aus der Bundespolitik, nicht aber von seinem Berater. Bis heute sind Gusenbauer, Silberstein und Steinmetz geschäftlich verbandelt. Zumindest bis ins Vorjahr hinein hatte Gusenbauer eine beratende Funktion in einer Silberstein zuzurechnenden Novia Management Limited mit Sitz in Malta. Diese Gesellschaft hatte Ende 2015 die eingangs skizzierte Klage gegen die Österreichischen Lotterien.

Bis heute sitzt Gusenbauer als Berater im Direktorium der kanadischen Bergbaugesellschaft Gabriel Resources Limited, an welcher wiederum Silberstein Partner Steinmetz substanziell beteiligt ist. Erst vor wenigen Wochen brachte Gabriel Resources eine 4,4 Milliarden US-Dollar schwere Schadenersatzklage gegen den rumänischen Staat ein. Die Klage steht in Zusammenhang mit einem gescheiterten Goldminen-Projekt in Siebenbürgen, eingebracht wurde sie beim Schiedsgericht der Weltbank-Gruppe ICSID in Washington (siehe Kasten: Die Goldigen). Das von Gusenbauer beratene Unternehmen bedient sich also eben jener Institutionen, gegen welche die SPÖ im Rahmen ihrer Kampagnen gegen die Handelsabkommen TTIP und CETA zu Felde zieht.

Steinmetz‘ materiell wichtigste Verbindung nach Österreich wurde jedoch im Jänner 2013 sichtbar: der Tiroler Immobilienunternehmer René Benko holte eine von Steinmetz‘ Gesellschaften als Investor in seine Signa-Gruppe. Im Beirat der Signa saß damals und sitzt auch heute: Gusenbauer.

Benko ist der Gründer eines Unternehmens, das in den vergangenen 15 Jahren zu einem der größten Immobilienkonzerne Europas aufgestiegen ist. Das Immobilienvermögen beträgt laut Eigenangaben derzeit rund 7,5 Milliarden Euro. Das hat auch mit Steinmetz zu tun. Der heute 61-jährige Unternehmer, der es einst via Antwerpen zu einem Milliardenvermögen im Diamantengeschäft gebracht hatte, investierte 2013/2014 einen Betrag von kolportierten zwei Milliarden Euro, um Signa die Übernahme der maroden deutschen Kaufhaus-Gruppe Karstadt in Essen zu ermöglichen: 125 Standorte, durchwegs in besten Innenstadtlagen, darunter Schmuckstücke wie das berühmte Berliner „Kaufhaus des Westens“.

Mittlerweile ist die Partnerschaft wieder aufgelöst. Anfang 2015 gingen Benko und Steinmetz getrennte Wege. Steinmetz schied mit 15 Karstadt-Häusern aus dem Joint Venture aus. Eine Trennung ohne großes Aufsehen, über deren Hintergründe spekuliert wird. Benko soll mit Blick auf internationale Ermittlungen gegen Steinmetz um einen Imageschaden gefürchtet haben, spekulierte das deutsche „Manager Magazin“.

Signa-Sprecher Robert Leingruber wollte gegenüber profil keine Stellung nehmen. Auch Leingruber ist mit Silberstein befreundet. Wenn Letzterer in Wien gastiert (zumeist im noblen Park-Hyatt-Hotel, einer Immobilie der Signa-Gruppe) geht er gern mit Leingruber joggen. Der Signa-Pressesprecher war einst Mitarbeiter im Kabinett von Kanzler Gusenbauer.

Gusenbauer selbst bekleidet neben seiner Funktion als Signa-Beiratsmitglied auch den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden der Tiroler Signa Prime Selection AG, einem wichtigsten Ableger der Immobiliengruppe. Der Kontakt zwischen Gusenbauer und Benko ergab sich einst auf einem Fest der SPÖ, als Gusenbauer noch nicht Kanzler war. Später, kurz nach Ende der Kanzlerschaft, heuerte zunächst Leingruber bei Benko an, kurz darauf läutete auch bei Gusenbauer selbst das Telefon.

Insidern zufolge ist der Ex-Kanzler heute bei Signa weit mehr als nur ein Promi zum Herzeigen. Gusenbauer verhandelt etwa mit Bürgermeistern und anderen Betroffenen in Städten, in denen Benko den Erwerb von Immobilien plant; für seine Funktion erhält Gusenbauer rund 200.000 Euro jährlich.

Hat er auch die Partnerschaft zwischen Benko und Steinmetz vermittelt – oder haben sich die Geschäftsleute unabhängig vom Alt-Kanzler kennengelernt? Die Frage bleibt offen. Genauso wie andere Sujets, die eher moralische Fragen betreffen. Etwa: Werden an Sozialdemokraten strengere Maßstäbe angelegt als an Politiker anderer Couleurs? Warum werden die Geschäfte und Oligarchen-Kontakte von Gusenbauer oder dem deutschen Ex-Kanzler Gerhard Schröder kritischer beurteilt als etwa jene von Ex-ÖVP-Obmann Michael Spindelegger? Diese Fragen stellen SPÖ-Politiker derzeit gerne in Hintergrundgesprächen, nicht ohne bitteren Unterton.

Die Antwort darauf wird nicht zuletzt davon abhängen, welche Details aus den Geschäftspraktiken Silbersteins noch zutage kommen.

Etwa jene aus der ziemlich verworrenen Geschichte, die seit Jahresbeginn von einem Strafgericht in Bukarest verhandelt wird. Es geht um Liegenschaftsdeals zu Lasten des rumänischen Staates mit einem behaupteten Schaden in einer Höhe von 145 Millionen Euro. Angeklagt sind 23 Personen: 19 Rumänen, darunter eine Reihe früherer Amtsträger, Geschäftsleute, ein Rechtsanwalt und ein früherer Berater des rumänischen Ministerpräsidenten Adrian Năstase; weiters Tal Silberstein, Benjamin Steinmetz und zwei ihrer Kompagnons, auch sie Israelis. Mitangeklagt ist auch die rumänische Immobiliengesellschaft SC Reciplia SRL, hinter der eine Gesellschaft ähnlichen Namens in Zypern steht, die wiederum Silberstein und Steinmetz zugerechnet wird. Im Zentrum der Affäre steht allerdings ein anderer: Paul-Philippe Hohenzollern, ein Spross des rumänischen Königshauses. Prinz Paul ist ein Enkel des vorletzten rumänischen Königs Karl II (regierte von 1930 bis 1940, starb 1953), ein Neffe des letzten Königs Michael I. (1927 bis 1930 und 1940 bis 1947, er lebt noch).

Laut der profil vorliegenden Anklageschrift der rumänischen Anti-Korruptionsbehörde DNA aus 2016 soll Prinz Paul Teil einer groß angelegten Verschwörung gewesen sein. Ab 2006 soll er mithilfe des rumänischen Geschäftsmannes Remus T. (einst ein Berater von Premier Năstase), dessen Freund Tal Silberstein (auch er einst ein Berater Năstases), Beny Steinmetz und weiteren Involvierten erfolgreich die Restitution von Ländereien des Königshauses betrieben haben, welche die Kommunisten einst enteignet hatten. Laut DNA geschah das zu Unrecht, weil Paul gar keinen Restitutionsanspruch hatte – und obendrein Liegenschaften restituiert wurden, die dem Königshaus gar nicht gehört hatten. Mehr noch: Paul soll sich auf einen obskuren Deal eingelassen haben. Demnach soll er Remus T., Steinmetz und Silberstein 50 bis 80 Prozent der allenfalls restituierten Flächen zugesagt haben. Im Abtausch für eine „Vorfinanzierung“ in einer Höhe von vier Millionen Euro. Eine weitere im Verfahren zu beweisende Annahme: T., Steinmetz und Silberstein sollen rumänischen Amtsträgern eine Beteiligung an den Grundstücksdeals angeboten haben. Im Abtausch dafür, dass sie bei den (bis heute unklaren) Erb-und Restitutionsansprüchen des Prinzen beide Augen zudrücken. Tatsache ist, dass Prinz Paul zwischen 2007 und 2008 insgesamt 75 Hektar Wälder, Wiesen und Immobilien vom Staat zugesprochen bekam, wovon ein erheblicher Teil anschließend an die Reciplia SRL weitergereicht wurde. Wer tatsächlich hinter dem Konstrukt steht, ist unklar. Die DNA rechnet es Steinmetz, Silberstein und Remus T. zu. Faktum ist, dass hinter der rumänischen Reciplia SRL eine Reciplia Limited mit Sitz in Zypern steht, hinter der wiederum eine Riverside Real Estate Corporation und eine STG Ventures Limited stehen. Zwei Briefkästen auf den Britischen Jungferninseln, die beide in den „Panama Papers“ genannt werden. Laut der online öffentlich zugänglichen „ICIJ“-Datenbank steht hinter Riverside ein „Tal Zylbersztejn“, geboren am 13. Oktober 1969, wohnhaft in Tel Aviv.

In der Anklageschrift finden sich unter anderem die Protokolle von Telefonüberwachungen, in welchen Silberstein, Steinmetz und ihre rumänischen Partner sich durchaus angeregt über den rumänischen Restitutionsfall unterhalten.

Dass der frühere Berater von Kanzler Kern und dessen Partner Steinmetz tatsächlich in krumme Dinge verwickelt wären, ist damit natürlich nicht belegt.

„Völliger Unsinn“, wie Kern es nannte, ist es allerdings auch nicht.

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Eingeordnet unter Innenpolitik

Wiener Fahrrad-Revolution

Aus profil 33/2017

Eine Meldung rauschte in den vergangenen Wochen durch Österreichs Blätterwald. Die chinesischen Leihfahrrad-Anbieter Ofo und oBike expandieren nach Europa – auch nach Wien. Ab nächster und übernächster Woche sollen mehrere Hundert Leihräder zur Verfügung stehen. Funktionsweise: Es gibt keine fixen Standorte. Stattdessen stehen die Räder – verriegelt – einfach irgendwo am Straßenrand. Der Benutzer ortet das nächstgelegene mittels Smartphone-App, entriegelt es und lässt es nach Benutzung wieder irgendwo stehen.

Der Anbieter Ofo hat einen sagenhaften Aufstieg hinter sich. Er begann vor gerade einmal drei Jahren als Studenten-Projekt der Universität Peking. Erst im Frühjahr 2016 ging das Unternehmen an den Start. Mittlerweile stehen in zahlreichen chinesischen Städten insgesamt rund 6,5 Millionen Ofo-Leihfahrräder zur Verfügung.

Geschäftsmodell: Die Fahrräder auszuborgen, kostet zwar wenig bis gar nichts. Allerdings wird permanent geortet, wo sich das Rad gerade befindet. Solcherart kann der Betreiber das Konsumverhalten der Benutzer auskundschaften – und ihnen etwa zielgruppenorienterte Werbung aufs Handy spielen. Das Schweizer Online-Wirtschaftsmagazin „Finanz und Wirtschaft“ nennt das Konzept „eine lernende, stetig besser werdende Plattform“.

Ofo ist damit derart erfolgreich, dass kürzlich 700 Millionen Dollar von Investoren aufgenommen werden konnten, um die Expansion nach Europa zu finanzieren, so die chinesische Zeitung „Caixing Global“. Die größten Geldgeber sind der chinesische E-Commerce-Anbieter Alibaba und eine Tochtergesellschaft des russischen Internet-Unternehmens Mail.Ru.

Martin Blum, Fahrrad-Beauftragter der Gemeinde Wien, nennt den Markteinstieg der Chinesen „eine der größten Disruptionen auf dem Fahrradmarkt bisher“. Wenn die Leih-Bikes in Wien auch nur annähernd so erfolgreich werden wie in Chinas Städten, stimmt das garantiert. GEPP

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Eingeordnet unter Behörden, Das Rote Wien, Stadtplanung, Verkehr, Wirtschaft

Worüber wir im Wahlkampf reden sollten: Österreich soll nicht noch mehr in die Breite gehen!

Aus profil 33/2017

Beim Bodenverbrauch und beim Zubetonieren von Flächen sind wir Europameister.

Von
Joseph Gepp

Ein Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht ertrinkt in einem See aus Asphalt. Über dem Bild liest man die Worte: „Bodenlos – Arbeitslos“. Die neue Plakatserie der österreichischen Hagelversicherung ist recht drastisch ausgefallen. Wer sich jedoch ins Thema vertieft, stellt fest: Ganz unbegründet ist das nicht.

Es geht um ein Problem, das in Österreich weithin übersehen wird – im derzeitigen Wahlkampf spielt es erst recht keine Rolle. In kaum einem Land wird derart verschwenderisch mit Boden umgegangen. Rund 20 Hektar werden in Österreich täglich zubetoniert. Das entspricht der Größe von 30 Fußballfeldern, auf der Supermärkte, Straßen, Einfamilienhaussiedlungen oder Industriehallen entstehen. Tag für Tag (siehe auch Seite 66).

Die Hagelversicherung kampagnisiert dagegen, weil sie unmittelbar betroffen ist. Die Naturkatastrophen in Österreich nehmen zu, auch infolge des Bodenverbrauchs. Damit steigt die Zahl der Schadensfälle, für welche die Versicherung aufzukommen hat.

Wenn zu viel organischer Boden unter Asphalt verschwindet, fehlt es an Möglichkeiten, Wasser und CO2 auf natürlichem Weg zu speichern. Dies beschleunigt den Klimawandel und erhöht die Gefahr von Naturkatastrophen – aktuell etwa zu beobachten bei den Überschwemmungen in der Steiermark. Außerdem müssen mehr Lebensmittel importiert werden, weil es weniger Ackerflächen im eigenen Land gibt, auf denen angebaut werden kann. Und nicht zuletzt führt der hohe Verbrauch zu ästhetisch fragwürdigen Ergebnissen. Davon kann jeder ein Lied singen, der die Kreisverkehrs- und Fachmarktwüsten kennt, die rund um Österreichs Kleinstädte wuchern.

International ist Österreich ein Spitzenreiter, was zubetonierte Flächen betrifft. Beispielsweise entfallen laut EU-Statistikamt Eurostat durchschnittlich 15 Meter Straßenfläche auf jeden Österreicher, fast doppelt so viel wie bei den Nachbarn Schweiz und Deutschland. Auch bei der Dichte von Supermärkten ist Österreich mit 1,8 Quadratmeter Verkaufsfläche je Einwohner einsame Europaspitze (Deutschland: 1,46 Quadratmeter). Der jährliche Verlust von Ackerfläche beträgt in Österreich 0,5 Prozent – auch dies ein doppelt so hoher Wert wie in Deutschland.

Die Politik versuchte bereits im Jahr 2002 zu reagieren. Damals verabschiedete die schwarz-blaue Bundesregierung eine Nachhaltigkeitsstrategie, der zufolge der Flächenverbrauch bis zum Jahr 2010 auf 2,5 Hektar pro Tag begrenzt werden sollte. Der Plan scheiterte desaströs: Heute übersteigt der Verbrauch mit rund 20 Hektar pro Tag die Vorgabe um das Zehnfache.

Was tun? Wie Flächen genutzt werden, ist in Österreich weitgehend Gemeindesache. Die Kommunen legen Flächenwidmungspläne fest. Wenn Unternehmen und Private neue Flächen erschließen, führt dies zu höheren Einnahmen aus der Grundsteuer – und schafft möglicherweise neue Arbeitsplätze. Dafür widmet manch Gemeinderat wohl gern eine Wiese in Bauland um. Denn wenn nicht, lässt sich der Betrieb im Nachbarort nieder.

Wie sich die Dynamik der Verschwendung durchbrechen ließe, haben Wirtschaftsforscher vom Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien und vom Kärntner Institut für Höhere Studien (KIHS) in Klagenfurt vergangenen März eruiert. Ergebnis: Vor allem Brachflächen sollten wiederverwendet werden. Davon gibt es in Österreich jede Menge – geschätzt 40.000 Hektar an Wohn-, Industrie- und Gewerbeflächen stehen leer. Problem: Trotzdem suchen sich Betriebe und Private lieber neue Grundstücke auf der grünen Wiese, weil das billiger kommt und Sanierungen häufig mit Problemen oder etwa Haftungen verbunden sind.

„Innenentwicklung statt Außenentwicklung“, fordern daher die Wirtschaftsforscher. Heißt: Neue Flächen sollen erst erschlossen werden dürfen, wenn die Gemeinde nachgewiesen hat, dass im Ort keine Brachflächen zur Verfügung stehen. In einem „Flächeninformationssystem“ nach deutschem Vorbild sollen brachstehende Grundstücke erfasst werden. Und: Betriebe, die Altes nutzen statt Neues zu erschließen, sollen mit staatlichen Investitionsförderungen belohnt werden.

Noch bleibt Zeit, das Ruder herumzureißen. In 200 Jahren wird beim derzeitigen Tempo des Flächenverbrauchs der letzte Acker Österreichs verbaut sein, hat die Hagelversicherung ausgerechnet.

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Eingeordnet unter Stadtplanung, Verkehr, Wirtschaft

Worüber wir im Wahlkampf reden sollten: Wir brauchen Steuern auf Umweltsünden!

Aus profil 33/2017

Während die Arbeit in Österreich mit hohen Abgaben belastet wird, spielen Öko-Steuern kaum eine Rolle.

Von
Joseph Gepp

Es gibt einen Missstand in Österreich, bei dem über alle Experten und politischen Lager hinweg Einigkeit besteht: Die Arbeit ist mit zu hohen Steuern belastet. Die Arbeitnehmer liefern derart viel Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuer ab, dass ihnen zu wenig Netto vom Brutto bleibt. Die Arbeitgeber stöhnen zugleich unter drückenden Lohnnebenkosten. Die hohen Abgaben auf Arbeit seien schädlich für das Wachstum und die Entwicklung der Volkswirtschaft, so die einhellige Meinung.

Bei der Frage, was gegen das Übel zu tun wäre, endet jedoch die Einhelligkeit. ÖVP und FPÖ fordern, dass der Staat spart – doch ob sich allein damit eine spürbare Entlastung der Arbeit erreichen lässt, ist fraglich. Die SPÖ fordert darüber hinaus eine Erbschaftssteuer. Denn Erbschaften und Vermögen kommen hierzulande im Vergleich mit Arbeitseinkommen billig davon.

Es gäbe aber auch noch eine weitere Möglichkeit, neue Steuerquellen zu erschließen, um die Arbeit zu entlasten: die Erhöhung von Umweltsteuern. Im bisherigen Wahlkampf spielt diese Option kaum eine Rolle. Dabei brächte sie neben der Entlastung der Arbeit auch einen zweiten Vorteil: Mit höheren Umweltsteuern ließen sich CO2-Verbrauch sowie Ressourcenverschwendung eindämmen, was dem Klima und der Lebensqualität guttut.

Österreich rangiert bei der Besteuerung von Umweltsünden unter Europas Schlusslichtern, betonen internationale Organisationen wie Währungsfonds und OECD. Das Wirtschaftsforschungsinstitut in Wien (Wifo) berechnete im Jahr 2008, was die Folgen wären, würde man eine Milliarde Euro in Form von Umweltsteuern lukrieren statt durch Abgaben auf Arbeit: Die Arbeitslosenrate würde um einen halben Prozentpunkt zurückgehen, die Realeinkommen der Österreicher leicht steigen.

Wie konkret könnte eine Erhöhung der Umweltsteuern aussehen? Wer das wissen will, muss sich nicht lang in komplizierte Modelle vertiefen. Manches liegt auf der Hand: In Österreich sind etwa Diesel- gegenüber Benzinfahrern immer noch privilegiert. Diesel-Nutzer zahlen derzeit 40 Cent Mineralölsteuer pro Liter, Benzin-Fahrer hingegen 48 Cent. „Eine Angleichung ist naheliegend“, urteilen die Wifo-Ökonominnen Angela Köppl und Margit Schratzenstaller. Denn: Aus der Verbrennung von Diesel resultiert zwar weniger CO2, aber mehr lungenschädliche Stickoxide. Vom ökologischen Standpunkt ist das Steuerprivileg demnach nicht zu rechtfertigen.

Es gibt auch andere Steuerprivilegien, die ökologisch fragwürdige Folgen haben – und Geld kosten. So sind Österreichs Dienstwagen gegenüber privaten steuerbegünstigt. Oder: Lkw zahlen lediglich auf Autobahnen Maut, nicht auf anderen Straßen. Neben der Abschaffung von derlei Vergünstigungen gäbe es größere Projekte: Eine Steuer auf den CO2-Ausstoß je Tonne könnte beispielsweise einen Anreiz schaffen, die Klimaziele von Paris zu erreichen.

Allerdings: All diese Projekte sind kaum in der österreichischen Politik angekommen. Umfassende Pläne in Richtung einer ökologisch orientierten Steuerreform haben lediglich die Grünen vorgelegt, zur breiten Masse der Bevölkerung sind sie damit nicht durchgedrungen.

Die SPÖ-ÖVP-Regierung indes hat in der auslaufenden Legislaturperiode kaum Schritte gesetzt. Nicht einmal die intensive Diesel-Debatte der vergangenen Monate infolge des VW-Abgasskandals in Deutschland führte etwa dazu, dass in Österreich das Steuerprivileg auf Diesel hinterfragt wurde.

Manche Maßnahmen zielen gar in die Gegenrichtung: Im Frühjahr dieses Jahres beschlossen SPÖ und ÖVP eine Halbierung der Steuer auf Flugtickets – auf Druck der Fluglinien. Dabei ist der Flugtreibstoff Kerosin ohnehin steuerbefreit. Noch so eine Ausnahme, die der Umwelt schadet und für Ebbe im Staatssäckel sorgt.

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Eingeordnet unter Wirtschaft

Glosse: Das war meine Woche

Aus profil 33/2017

Ich staune darüber, dass es auch bei Banknoten so etwas wie technischen Fortschritt gibt. In Großbritannien beispielsweise werden gerade die Pfundnoten erneuert. Die neue Fünf-Pfund-Note, eingeführt vor einem Jahr, sei nicht nur haltbarer und reißfester als bisher, schwärmt die Bank Of England. Sie hält auch mehrere Waschgänge aus.

Es gibt aber einen Wermutstropfen. Beziehungsweise einen Fetttropfen. Der Schein besteht zu einem geringen Anteil aus Talg, tierischem Fett, vor allem von Rindern. Spuren davon sei in den Polymerkügelchen enthalten, die das Grundmaterial des Scheins bilden, so die Zentralbank auf Nachfrage kritischer Vegetarier.

Jetzt hat Großbritannien neben Brexit, Wohnungsnot und anderen Lappalien auch ein Rinderfett-Problem. 130.000 Menschen haben eine Petition gegen die Scheine unterschrieben. „Das ist inakzeptabel für Millionen Veganer, Vegetarier, Hindus, Sikhs und Jains“, heißt es. Einzelne Hindu-Tempel akzeptieren die Scheine sogar nicht, so britische Medien.

Die Bank of England jedoch verweigert die Umstellung auf eine rein pflanzliche Produktionsweise. Dann nämlich würden die Scheine das ökologisch umstrittene Palmöl enthalten. Es scheint so, als bliebe aufrechten Tierfett-Verweigerern nur die Möglichkeit, große Mengen Münzen bei sich zu tragen, am besten im garantiert pflanzlichen Jutesack. Oder sie zahlen mit Kreditkarte.

Wie sieht es auf dem europäischen Festland mit Tierfett in Geldscheinen aus? Auf profil-Anfrage antwortert die EZB in Frankfurt, sie seien zu 100 Prozent vegan: „Die Euro-Scheine bestehen zur Gänze aus Baumwollfasern und enthalten keine tierischen Spuren.“ Festland-Vegetarier können aufatmen. Darauf einen Soja-Latte.

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Eingeordnet unter Wirtschaft

Reden wir über … Klammermaschinen

Aus profil 32/2017

Clemens Ellmauthaler, Verkaufs-Chef beim burgenländischen Büromaterialienhersteller Sax, über ein kaum beachtetes Gerät, das auf fast jedem Schreibtisch steht.

Interview: Joseph Gepp

Österreich, deine Produkte, Teil II: In einer neuen profil-Serie sprechen wir mit heimischen Wirtschaftstreibenden ausschließlich über das wichtigste Fabrikat aus ihrem Haus. (Hier geht’s um ersten Teil über Ziegel).

profil: Herr Ellmauthaler, das älteste Heftklammermaschinen-Modell, das Sie verkaufen, wurde laut Ihrer Website bereits im Jahr 1928 entwickelt.

Clemens Ellmauthaler: Ja, das ist unser Klassiker, der „Frog“ . Er besteht zur Gänze aus Metall. Robuster, guter Federstahl. Das bringst du nicht um; der Frog hält 30, 40 Jahre. Aber er kostet auch was, rund acht Euro.

profil: Wer kauft eine Klammermaschine von 1928?

Ellmauthaler: Viele Kunden haben den Frog seit Jahrzehnten auf dem Schreibtisch. Das Modell ist weithin bekannt, auch deshalb, weil es die Verkäuferinnen an der Wurstsemmeltheke früher benutzten. Sie machten damit die Sackerl zu. Mittlerweile werden aber stattdessen Pickerl verwendet.

Modell Frog

profil: Wieso kam an der Semmeltheke ausgerechnet der Frog zum Einsatz?

Ellmauthaler:
Als Ganzmetallgerät kann man ihn nach Benutzung in den Sterilisator geben – das geht nicht bei Geräten, die teilweise aus Kunststoff bestehen. Deshalb war der Frog lange Zeit im Lebensmittelbereich beliebt, oder auch in Krankenhäusern.

profil: Warum bestehen Heftklammermaschinen heutzutage meist aus Kunststoff?


Ellmauthaler:
Es gibt mehrere Gründe. Es ist eine Frage des Designs – bei Kunststoffen verwenden wir frischere, buntere Farben. Aber der Kunststoff ist auch eine Reaktion darauf, dass es heutzutage mehr Vorschriften gibt. Kunststoff lässt sich besser formen als Metall. Kunststoffkanten lassen sich beispielsweise leichter abrunden. Damit ist die Gefahr geringer, dass man sich die Finger einzwickt. Gewisse Kriterien hinsichtlich Produktsicherheit erreichen wir mit Kunststoffgeräten besser als mit dem Frog.

profil: Wie haben sich Klammermaschinen seit dem Frog technisch weiterentwickelt?

Ellmauthaler:
Eine Neuerung ist der Flachhefter, den wir vor 15 Jahren eingeführt haben.

profil: Was ist das?


Ellmauthaler:
Stellen Sie sich einen Ordner mit viel zusammengeheftetem Papier vor. Nehmen wir an, die Heftung befindet sich immer an derselben Stelle, links oben. Was passiert?

profil: Keine Ahnung.

Ellmauthaler: Im linken oberen Eck bildet sich eine Art Schanze. Denn der Draht der Heftklammern verbraucht Platz. Seine Rundung ist jeweils ungefähr einen Millimeter hoch – bei viel geheftetem Papier im Ordner summiert sich das. Mit dem Flachhefter hingegen spart man Platz. Hier ist die Biegung des Drahtes nicht rund, sondern ganz gerade, im rechten Winkel.

profil: Warum haben Hefter dann nicht von Anfang an eckige statt gerundete Klammern fabriziert?

Ellmauthaler: Beim Flachhefter ist der Kraftaufwand viel höher. Sie können das selbst ausprobieren: Wenn Sie ein Stück Draht mit der Hand verbiegen, wird etwas Rundes dabei herauskommen. Je eckiger der Draht werden soll, desto mehr Kraft brauchen Sie. Dasselbe gilt für einen Hefter: Wenn er eckig geformte Klammern hervorbringen soll, muss man ihn mit viel Kraft betätigen. Unsere Herausforderung war, den Kraftaufwand zu reduzieren und die Klammer trotzdem eckig hinzubekommen.

profil: Wie?

Ellmauthaler: Durch eine spezielle Konstruktion am Amboss, jenes Metallteils unten am Gerät, in den die Klammer beim Heften hineingedrückt und gebogen wird. Mithilfe dieser Konstruktion wird die Klammer flach gebogen. Der Kraftaufwand ist bei unseren Flachheftern um 30 Prozent geringer als bei No-Name-Produkten.

profil: In welchen Ländern verkauft Sax die meisten Heftklammermaschinen?


Ellmauthaler:
In Österreich sind wir Marktführer, unser Bekanntheitsgrad liegt bei 91 Prozent. Darüber hinaus verkaufen wir viel in Europa, insbesondere in Skandinavien und im Osten. Äußerst stark sind wir außerdem im gesamten arabischen Raum und in Nordafrika. Vor allem staatliche Stellen dort zählen zu unseren besten Kunden.

profil: Wieso ausgerechnet der arabische Raum?

Ellmauthaler: Die Leute dort haben Geld und legen Wert auf Qualität aus Europa, auch auf ihrem Schreibtisch. Der Schreibtisch und alles, was sich auf ihm befindet, ist im arabischen Raum ein Statussymbol. In Europa hat sich dies ja längst aufgehört; hier sitzen ja heutzutage selbst die Vorstandschefs manchmal im Gemeinschaftsbüro. Allerdings: Die Nachfrage aus dem arabischen Raum schwankt stark mit dem Ölpreis. Ist er niedriger, sind die Budgets dort klammer. Wir spüren das sofort in der Nachfrage.

profil: Und wenn er höher ist, darf es ruhig die teure Klammermaschine sein.

Ellmauthaler:
In den 1990er-Jahren haben wir sogar, speziell für hohe arabische Beamte, Geräte produziert, die mit 18 Karat vergoldet waren. Eines hat umgerechnet rund 100 Euro gekostet.

profil: Spielen Privatkunden im Klammermaschinen-Geschäft auch eine Rolle? Oder geht es nur um Unternehmen und staatlichen Einrichtungen?

Ellmauthaler: Wir haben kürzlich eine Marktumfrage unter 500 Österreichern gemacht, wo sie ihre privat benutzen Sax-Hefter herbekommen. Wissen Sie, was das Ergebnis war? Sie nehmen sie aus ihren Büros mit! 80 Prozent der Befragten geben an, ihre Hefter, wenn man so will, ausgeborgt zu haben. Demnach: Das Privatkunden-Geschäft ist wichtig, aber eher unspannend.

profil: Warum bleiben die Klammern in den Maschinen so oft stecken?


Ellmauthaler:
Es hängt davon ab, welche Klammern man verwendet. Bei den falschen kommt es zum Stau. Schlimmstenfalls verbiegt sich das Metall der Klammerlade. Das Gerät wird kaputt, egal wie langlebig und hochwertig es konstruiert ist.

profil: Gibt es denn so viele unterschiedliche Typen von Klammern, dass die Gefahr von Fehlern derart hoch ist?

Ellmauthaler: Grundsätzlich stimmen die internationalen Hersteller die Formate ihrer Klammern zwar aufeinander ab. Aber das Problem ist, dass es immer mehr Mitbewerber aus China, Indien und Pakistan gibt. Sie bauen Klammern billig nach und bieten sie günstiger an, etwa um 30 Prozent. Sie nehmen häufig minderwertigen Draht oder halten gewisse Kriterien nicht ein. Zum Beispiel sortieren sie beim Produktionsvorgang schadhafte Klammern nicht ausreichend aus.

profil: Und das macht die Maschinen kaputt?


Ellmauthaler:
Es ist teilweise eine Frechheit, was es am Markt alles an Klammern gibt. Wenn man sie in unsere Geräte gibt, ist das, als würde man einen Audi A6 mit irgendeinem Industrie-Alkohol betanken. Natürlich fährt er dann nicht wie erwartet und bleibt stehen.

profil: Sehen Sie neue Methoden, Papier zusammenzuklippen, welche die Heftklammer eines Tages ablösen könnte?


Ellmauthaler:
Eine Methode nennt sich PDF. (lacht) Nein, im Ernst, es gibt neben der Heftklammer vor allem die Büroklammer. Sie wird ebenfalls in unserem Haus produziert. Sie macht der Heftklammer aber keine Konkurrenz. Das Verhältnis ist seit langer Zeit konstant. Da ändert sich nichts.

profil: Aber das PDF, also der Trend zum papierlosen Büro, ist eine Gefahr für die Heftklammer?


Ellmauthaler:
Wir spüren, dass man in den Büros heutzutage weniger Papier als früher verwendet. Unsere Umsätze bei Heftern gingen bis vor einigen Jahren zurück, um rund zehn Prozent pro Jahr. In den letzten Jahren jedoch haben sie sich stabilisiert. Man kommt eben nicht um ein gewisses Maß an Papier herum. Viele Verträge und Akten müssen ausgedruckt und geheftet werden, allein schon wegen der gesetzlichen Aufbewahrungspflichten. Der Büroalltag hat sich umgestellt, aber die Heftklammermaschine wird es weiter geben.

Zwei Assoziationen zum Thema Hefter
Die Heftklammer wurde eineinhalb Jahrzehnte vor der dazugehörigen Maschine erfunden. Im Jahr 1866 entwickelte der US-Amerikaner George McGill die Klammer – die Heftung erfolgte noch manuell. Erst 1879 erfand McGill auch die Maschine dazu.
Das zangenartige Instrument zum Entfernen von Heftklammern nennt man „Schwiegermutter“. Wie es zu diesem Begriff kam, ist laut Ellmauthaler nicht bekannt. Es gibt übrigens auch die „Schwiegertochter“: eine Art Heber, ebenso zur Klammerentfernung.

Die Brevillier Urban & Sachs GmbH & Co KG

Das Unternehmen mit Sitz in Hirm nahe Eisenstadt geht auf eine Schrauben- und Bleistiftfabrik zurück, die im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Heute fertigen rund 300 Mitarbeiter Künstlerbedarf (unter dem Markennamen Cretacolor), Buntstifte (Jolly) sowie Locher, Hefter und andere Bürogeräte (Sax). In Österreich werden Klammermaschinen sowie die dazugehörigen Klammern ausschließlich von diesem Unternehmen erzeugt. Produziert wird in Hirm, Graz und im ungarischen Pomáz. Der Betrieb gehört der Wiener Unternehmerfamilie Hromatka.

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