Reden wir über … Klammermaschinen

Aus profil 32/2017

Clemens Ellmauthaler, Verkaufs-Chef beim burgenländischen Büromaterialienhersteller Sax, über ein kaum beachtetes Gerät, das auf fast jedem Schreibtisch steht.

Interview: Joseph Gepp

Österreich, deine Produkte, Teil II: In einer neuen profil-Serie sprechen wir mit heimischen Wirtschaftstreibenden ausschließlich über das wichtigste Fabrikat aus ihrem Haus. (Hier geht’s um ersten Teil über Ziegel).

profil: Herr Ellmauthaler, das älteste Heftklammermaschinen-Modell, das Sie verkaufen, wurde laut Ihrer Website bereits im Jahr 1928 entwickelt.

Clemens Ellmauthaler: Ja, das ist unser Klassiker, der „Frog“ . Er besteht zur Gänze aus Metall. Robuster, guter Federstahl. Das bringst du nicht um; der Frog hält 30, 40 Jahre. Aber er kostet auch was, rund acht Euro.

profil: Wer kauft eine Klammermaschine von 1928?

Ellmauthaler: Viele Kunden haben den Frog seit Jahrzehnten auf dem Schreibtisch. Das Modell ist weithin bekannt, auch deshalb, weil es die Verkäuferinnen an der Wurstsemmeltheke früher benutzten. Sie machten damit die Sackerl zu. Mittlerweile werden aber stattdessen Pickerl verwendet.

Modell Frog

profil: Wieso kam an der Semmeltheke ausgerechnet der Frog zum Einsatz?

Ellmauthaler:
Als Ganzmetallgerät kann man ihn nach Benutzung in den Sterilisator geben – das geht nicht bei Geräten, die teilweise aus Kunststoff bestehen. Deshalb war der Frog lange Zeit im Lebensmittelbereich beliebt, oder auch in Krankenhäusern.

profil: Warum bestehen Heftklammermaschinen heutzutage meist aus Kunststoff?


Ellmauthaler:
Es gibt mehrere Gründe. Es ist eine Frage des Designs – bei Kunststoffen verwenden wir frischere, buntere Farben. Aber der Kunststoff ist auch eine Reaktion darauf, dass es heutzutage mehr Vorschriften gibt. Kunststoff lässt sich besser formen als Metall. Kunststoffkanten lassen sich beispielsweise leichter abrunden. Damit ist die Gefahr geringer, dass man sich die Finger einzwickt. Gewisse Kriterien hinsichtlich Produktsicherheit erreichen wir mit Kunststoffgeräten besser als mit dem Frog.

profil: Wie haben sich Klammermaschinen seit dem Frog technisch weiterentwickelt?

Ellmauthaler:
Eine Neuerung ist der Flachhefter, den wir vor 15 Jahren eingeführt haben.

profil: Was ist das?


Ellmauthaler:
Stellen Sie sich einen Ordner mit viel zusammengeheftetem Papier vor. Nehmen wir an, die Heftung befindet sich immer an derselben Stelle, links oben. Was passiert?

profil: Keine Ahnung.

Ellmauthaler: Im linken oberen Eck bildet sich eine Art Schanze. Denn der Draht der Heftklammern verbraucht Platz. Seine Rundung ist jeweils ungefähr einen Millimeter hoch – bei viel geheftetem Papier im Ordner summiert sich das. Mit dem Flachhefter hingegen spart man Platz. Hier ist die Biegung des Drahtes nicht rund, sondern ganz gerade, im rechten Winkel.

profil: Warum haben Hefter dann nicht von Anfang an eckige statt gerundete Klammern fabriziert?

Ellmauthaler: Beim Flachhefter ist der Kraftaufwand viel höher. Sie können das selbst ausprobieren: Wenn Sie ein Stück Draht mit der Hand verbiegen, wird etwas Rundes dabei herauskommen. Je eckiger der Draht werden soll, desto mehr Kraft brauchen Sie. Dasselbe gilt für einen Hefter: Wenn er eckig geformte Klammern hervorbringen soll, muss man ihn mit viel Kraft betätigen. Unsere Herausforderung war, den Kraftaufwand zu reduzieren und die Klammer trotzdem eckig hinzubekommen.

profil: Wie?

Ellmauthaler: Durch eine spezielle Konstruktion am Amboss, jenes Metallteils unten am Gerät, in den die Klammer beim Heften hineingedrückt und gebogen wird. Mithilfe dieser Konstruktion wird die Klammer flach gebogen. Der Kraftaufwand ist bei unseren Flachheftern um 30 Prozent geringer als bei No-Name-Produkten.

profil: In welchen Ländern verkauft Sax die meisten Heftklammermaschinen?


Ellmauthaler:
In Österreich sind wir Marktführer, unser Bekanntheitsgrad liegt bei 91 Prozent. Darüber hinaus verkaufen wir viel in Europa, insbesondere in Skandinavien und im Osten. Äußerst stark sind wir außerdem im gesamten arabischen Raum und in Nordafrika. Vor allem staatliche Stellen dort zählen zu unseren besten Kunden.

profil: Wieso ausgerechnet der arabische Raum?

Ellmauthaler: Die Leute dort haben Geld und legen Wert auf Qualität aus Europa, auch auf ihrem Schreibtisch. Der Schreibtisch und alles, was sich auf ihm befindet, ist im arabischen Raum ein Statussymbol. In Europa hat sich dies ja längst aufgehört; hier sitzen ja heutzutage selbst die Vorstandschefs manchmal im Gemeinschaftsbüro. Allerdings: Die Nachfrage aus dem arabischen Raum schwankt stark mit dem Ölpreis. Ist er niedriger, sind die Budgets dort klammer. Wir spüren das sofort in der Nachfrage.

profil: Und wenn er höher ist, darf es ruhig die teure Klammermaschine sein.

Ellmauthaler:
In den 1990er-Jahren haben wir sogar, speziell für hohe arabische Beamte, Geräte produziert, die mit 18 Karat vergoldet waren. Eines hat umgerechnet rund 100 Euro gekostet.

profil: Spielen Privatkunden im Klammermaschinen-Geschäft auch eine Rolle? Oder geht es nur um Unternehmen und staatlichen Einrichtungen?

Ellmauthaler: Wir haben kürzlich eine Marktumfrage unter 500 Österreichern gemacht, wo sie ihre privat benutzen Sax-Hefter herbekommen. Wissen Sie, was das Ergebnis war? Sie nehmen sie aus ihren Büros mit! 80 Prozent der Befragten geben an, ihre Hefter, wenn man so will, ausgeborgt zu haben. Demnach: Das Privatkunden-Geschäft ist wichtig, aber eher unspannend.

profil: Warum bleiben die Klammern in den Maschinen so oft stecken?


Ellmauthaler:
Es hängt davon ab, welche Klammern man verwendet. Bei den falschen kommt es zum Stau. Schlimmstenfalls verbiegt sich das Metall der Klammerlade. Das Gerät wird kaputt, egal wie langlebig und hochwertig es konstruiert ist.

profil: Gibt es denn so viele unterschiedliche Typen von Klammern, dass die Gefahr von Fehlern derart hoch ist?

Ellmauthaler: Grundsätzlich stimmen die internationalen Hersteller die Formate ihrer Klammern zwar aufeinander ab. Aber das Problem ist, dass es immer mehr Mitbewerber aus China, Indien und Pakistan gibt. Sie bauen Klammern billig nach und bieten sie günstiger an, etwa um 30 Prozent. Sie nehmen häufig minderwertigen Draht oder halten gewisse Kriterien nicht ein. Zum Beispiel sortieren sie beim Produktionsvorgang schadhafte Klammern nicht ausreichend aus.

profil: Und das macht die Maschinen kaputt?


Ellmauthaler:
Es ist teilweise eine Frechheit, was es am Markt alles an Klammern gibt. Wenn man sie in unsere Geräte gibt, ist das, als würde man einen Audi A6 mit irgendeinem Industrie-Alkohol betanken. Natürlich fährt er dann nicht wie erwartet und bleibt stehen.

profil: Sehen Sie neue Methoden, Papier zusammenzuklippen, welche die Heftklammer eines Tages ablösen könnte?


Ellmauthaler:
Eine Methode nennt sich PDF. (lacht) Nein, im Ernst, es gibt neben der Heftklammer vor allem die Büroklammer. Sie wird ebenfalls in unserem Haus produziert. Sie macht der Heftklammer aber keine Konkurrenz. Das Verhältnis ist seit langer Zeit konstant. Da ändert sich nichts.

profil: Aber das PDF, also der Trend zum papierlosen Büro, ist eine Gefahr für die Heftklammer?


Ellmauthaler:
Wir spüren, dass man in den Büros heutzutage weniger Papier als früher verwendet. Unsere Umsätze bei Heftern gingen bis vor einigen Jahren zurück, um rund zehn Prozent pro Jahr. In den letzten Jahren jedoch haben sie sich stabilisiert. Man kommt eben nicht um ein gewisses Maß an Papier herum. Viele Verträge und Akten müssen ausgedruckt und geheftet werden, allein schon wegen der gesetzlichen Aufbewahrungspflichten. Der Büroalltag hat sich umgestellt, aber die Heftklammermaschine wird es weiter geben.

Zwei Assoziationen zum Thema Hefter
Die Heftklammer wurde eineinhalb Jahrzehnte vor der dazugehörigen Maschine erfunden. Im Jahr 1866 entwickelte der US-Amerikaner George McGill die Klammer – die Heftung erfolgte noch manuell. Erst 1879 erfand McGill auch die Maschine dazu.
Das zangenartige Instrument zum Entfernen von Heftklammern nennt man „Schwiegermutter“. Wie es zu diesem Begriff kam, ist laut Ellmauthaler nicht bekannt. Es gibt übrigens auch die „Schwiegertochter“: eine Art Heber, ebenso zur Klammerentfernung.

Die Brevillier Urban & Sachs GmbH & Co KG

Das Unternehmen mit Sitz in Hirm nahe Eisenstadt geht auf eine Schrauben- und Bleistiftfabrik zurück, die im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Heute fertigen rund 300 Mitarbeiter Künstlerbedarf (unter dem Markennamen Cretacolor), Buntstifte (Jolly) sowie Locher, Hefter und andere Bürogeräte (Sax). In Österreich werden Klammermaschinen sowie die dazugehörigen Klammern ausschließlich von diesem Unternehmen erzeugt. Produziert wird in Hirm, Graz und im ungarischen Pomáz. Der Betrieb gehört der Wiener Unternehmerfamilie Hromatka.

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