Reden wir über…Ziegel

Aus profil 29/2017

Vorstandvorsitzender Heimo Scheuch und Produktmanager Alexander Lehmden vom weltgrößten Ziegelkonzern Wienerberger über die Kulturgeschichte des Ziegels.

Interview: Joseph Gepp

ÖSTERREICH, DEINE PRODUKTE, TEIL I: In einer neuen Serie reden wir mit österreichischen Wirtschaftstreibenden ausschließlich über das wichtigste Fabrikat aus ihrem Haus.

Heimo Scheuch: Der 1966 geborene Kärntner ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Wienerberger AG, der er seit 1996 angehört. Scheuch studierte in London und Wien Jus und Wirtschaft.
Alexander Lehmden: Der 38-Jährige arbeitet seit 2008 bei der Wienerberger AG. Er ist Leiter der Abteilung für Produktmanagement. Lehmden studierte Bauingenieurwesen an der TU Wien.
Die Wienerberger AG: Rund 16.000 Mitarbeiter in 30 Ländern arbeiten für das Unternehmen, das nach eigenen Angaben der weltgrößte Ziegelproduzent ist. Der Umsatz betrug 2016 knapp drei Milliarden Euro. Produktionsstandorte in Österreich liegen etwa in Gleinstätten (Steiermark) und Göllersdorf (Niederösterreich). Der Name des 1819 gegründeten Unternehmens kommt vom Wienerberg, einem Hügel in Wien-Favoriten. Auf ihm wurden bereits zur Römerzeit Ziegel gebrannt. Die Konzernzentrale befindet sich bis heute in einem Hochhaus auf dem Wienerberg.

profil: Herr Scheuch, Herr Lehmden, wir haben Ihnen etwas mitgebracht.

Heimo Scheuch: Jetzt sind wir gespannt.

profil: Wissen Sie, was das ist?

Scheuch: Ein Drasche-Ziegel. Die Insignien „HD“ stehen für den Firmengründer Heinrich Drasche. Das Doppeladler-Wappen durfte Drasche als einer von wenigen Ziegelbrennern in Österreich benutzen.

profil: Dieser Ziegel stammt aus den Wienerberger Ziegelwerken, dem Vorgänger der heutigen Wienerberger AG. Das Wien des 19. Jahrhunderts ist zum Gutteil aus Ziegeln wie diesem errichtet worden. In einer Festschrift aus dem Jahr 1873 führt Wienerberger stolz an, 450 Millionen Ziegel pro Jahr zu produzieren. Wie viele erzeugen Sie heute?

Scheuch:
Wir messen heute in Kubikmetern; Größen und Formate der Ziegel haben sich seither verändert und variieren. Wir betreiben derzeit knapp 150 Ziegeleien in 30 Ländern. Insgesamt entstehen dort jährlich elf Millionen Kubikmeter. Zur Illustration: Mit diesem Volumen könnte man 160.000 Häuser bauen. Das entspricht circa einer Stadt wie Graz.

Alexander Lehmden: Rechnet man das Volumen in alte Drasche-Ziegel um, wären wir bei knapp sechs Milliarden Stück pro Jahr.

profil: Ziegel sind im Wesentlichen gebrannte Erde, heute wie damals. Was unterscheidet einen modernen Wienerberger-Ziegel von so einem alten Stück?

Scheuch: Vieles. Der Ziegel hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Produktion und Anwendung sind heute völlig anders. Früher mussten Ziegel vor allem Gebäude tragen; heute zusätzlich Schall und Wärme dämmen, vor Feuer schützen, dauerhaft und widerstandsfähig sein.

Drasche-Ziegel: Initialen „HD“, Doppeladler: Aus diesen Ziegeln wurde das Wien des 19. Jahrhunderts großteils errichtet.



profil: Was waren die letzten großen Innovationen im Ziegel-Business?


Lehmden:
Einer unserer modernsten Ziegel ist ein Kombinationsprodukt. In den Hochlöchern dieses Ziegels, den Kammern, befindet sich mineralischer Dämmstoff. Sie müssen sich das so vorstellen: Die Dämmung, die heute bei Gebäuden oft außen angebracht wird, ist bei diesem Produkt schon in den Ziegel integriert. Dieser Ziegel eignet sich besonders für den mehrgeschossigen Wohnbau, wo Menschen auf engem Raum zusammenleben. Er spart Energie, schützt vor Lärm, sorgt für ein gesundes Raumklima und ist schnell zu verarbeiten. Dieser Ziegel erfüllt alle Anforderungen, die wir heute an den modernen Wohnbau stellen.

Scheuch: Es gibt aber auch andere Entwicklungen im Ziegelbereich. Sie betreffen weniger das Produkt selbst, eher den Produktionsprozess und die Einsatzmöglichkeiten.

profil: Welche?

Scheuch: Denken Sie an den heutigen Ablauf auf vielen Baustellen: Erst wird gemauert, dann überlegt man, wo die Leitungen hinkommen. Also muss wieder gestemmt werden. So gesehen ist der Ablauf recht ineffizient. Vergleichen Sie das mit einer Fertigungslinie in der Automobilindustrie: Dort ist alles optimiert, jede Handbewegung des Arbeiters sitzt.

Modernes Wienerberger-Sortiment (in der Mitte der Ziegel mit dem Dämmstoff in den Hochlöchern)

profil: Wie wollen Sie das ändern?

Scheuch: Mit auftragsbezogener Fertigung. Wir stellen nicht einfach eine Palette gleicher Ziegel auf die Baustelle, sondern liefern ein komplettes System.

Lehmden: Eine Wand besteht ja nicht nur aus einer Fläche, sondern es gibt Fenster, Türen, Deckenanschlüsse, Trennwände – darauf nehmen wir Rücksicht und bieten passende Systemlösungen für das gesamte Gebäude. Dabei hilft uns die digitale Planung, der datengestützte Informationsaustausch zwischen Planung, Baustelle und Ziegelproduzent.

profil: Wie kann man sich das vorstellen?

Scheuch: Nehmen wir an, ein Kunde bespricht mit seinem Architekten, welches Haus er gerne hätte. Architekt und Baumeister rechnen danach mit IT-Unterstützung exakt aus, von welchem Material sie wie viel Stück in welcher Form benötigen. Bei uns werden diese Daten ins System eingespeist. Dann produzieren wir genau nach Bedarf, mischen die Produkte zusammen und liefern just-in-time auf die Baustelle. Es wird in der Bauwirtschaft eine viel stärkere Vernetzung geben – und moderne Ziegel müssen diesen Anforderungen entsprechen.

profil: Laufen Baustellen heutzutage schon so?

Scheuch: Vorläufig noch nicht, es gibt Pilotprojekte, etwa in Großbritannien. Aber in diese Richtung wird es gehen. Das integrative Denken auf der Baustelle wird eine hohe Bedeutung haben.

profil: Quasi die Individualisierung des Ziegels.

Scheuch: In Deutschland, einem unserer größten Märkte, bieten wir schon heute 500 Typen von Ziegeln für unterschiedlichste Anforderungen an; vor zwei Jahrzehnten waren es höchstens 50. Und noch früher gab es überhaupt nur den von Ihnen mitgebrachten Drasche-Ziegel als Standard für alle Anwendungen. Auch erinnere ich mich an den berühmten Quadro 30, mit dem in den 80er-Jahren viele soziale Wohnbauten in Wien entstanden sind.

profil: Klingt doch nach einer unkomplizierten Angelegenheit.

Lehmden: Wären alle Ziegel gleich, könnten sie einen ihrer großen Vorteile nicht ausspielen. Das Schöne am Ton ist seine Formbarkeit – und damit die Möglichkeit, technische Eigenschaften von Ziegeln zu verändern. Wir können Ziegel hinsichtlich Druckfestigkeit, Wärmedämmung, Brand- und Schallschutz ganz genau optimieren. Und diese Anforderungen sind unterschiedlich, je nachdem, ob der Ziegel für eine Außenwand, Innenwand, einen Keller oder eine Gewerbefläche gebraucht wird.

Scheuch: Diese Individualisierung der Baustoffe und die Digitalisierung der Baubranche werden, wenn man so will, die nächste Revolution im Ziegelgewerbe nach jener des Heinrich Drasche sein.

profil: Was war Drasches erste Revolution?


Scheuch:
Drasche und sein Vorgänger Alois Miesbach hatten im 19. Jahrhundert die Vision, Ziegel industriell zu fertigen. Vorher gab es nur sogenannte Feldziegeleien. Da nahm man den Ton, klatschte ihn in eine Holzform, ließ ihn trocknen. Danach wurde Holz oder Kohle zwischen die rohen Ziegel geschlichtet, das Ganze mit Erde überdeckt -und gebrannt. Drasches und Miesbachs Leistung bestand darin, zu ermöglichen, dass Ziegeln industriell in großer Zahl erzeugt werden. Dafür konstruierten sie etwa leistungsfähige Öfen. Für eine Stadt wie Wien im 19. Jahrhundert, damals die viertgrößte der Welt, reichten die alten Feldziegeleien nicht mehr.

profil: Und heute soll jeder Ziegel unterschiedlich sein.

Scheuch: So wird die Zukunft aussehen. Aber ich muss hinzufügen: Es gibt auch Hindernisse. Die Baubranche ist träge. Oft höre ich von Maurern, Planern und Baumeistern: Das hab ich immer so gemacht, das mach ich weiter so. Es dauert Jahre, bis sich ein neues Produkt oder Verfahren durchsetzt.

profil: Gibt es in Ihrem Ziegel-Sortiment auch Dauerbrenner, die sich halten, obwohl sie schon etwas aus der Zeit gefallen sind?

Lehmden: Bei manchen Ziegeln fragt man sich angesichts der Anforderungen im modernen Baugewerbe schon: Warum gibt’s den noch? Aber er hält sich konstant in den Verkaufszahlen. Hier jetzt ein Produkt hervorzuheben, ist aber schwierig, da sich unsere Märkte stark unterscheiden.

profil: Ziegel unterscheiden sich von Land zu Land?

Scheuch: Unsere Märkte sind traditionell gewachsen, die lokalen Anforderungen unterscheiden sich je nach Land oder Region. In Deutschland baut man gern mit 36,5 Zentimeter Wandstärke, in Österreich mit 38. In Belgien ist die tragende Wand vielleicht nur zehn bis 13 Zentimeter dick. In Südeuropa gibt es Erdbebenzonen mit seismischen Anforderungen an den Ziegelbau. In Mittel-und Westeuropa spielt Wärmedämmung eine größere Rolle.

profil: Wo setzen sich neue Produkte am schnellsten durch?

Lehmden: Unsere modernen Ziegel mit Dämmstofffüllung haben wir beispielsweise zuerst in Bayern eingeführt, einem wichtigen Ziegelland. Das war bereits vor fast 20 Jahren. Heute hat er dort einen Marktanteil von 35 Prozent. In Österreich hingegen haben wir den gleichen Ziegel erst vor zwei Jahren auf den Markt gebracht. Der Marktanteil ist noch entsprechend niedrig, wenn auch stark steigend.

profil: Warum?

Scheuch: Zum einen ist das Land generell konservativ bei Neuerungen, nicht nur bei Ziegeln. Andererseits gibt es auch im Ziegelgeschäft Trends, die von Land zu Land variieren. In Österreich gab es einen besonders ausgeprägten Trend zum Dämmen. Das Passivhaus wurde allseits hochgelobt. Rund um die Jahrtausendwende begann man, schlankere Mauern zu bauen -und mit viel Isolierung einzupacken. Später zeigten sich die Probleme, von Algen- und Schimmelbildung bis zu Fragen der Haltbarkeit und Entsorgung. Die Deutschen haben den Dämm-Wahnsinn nicht so mitgemacht – beispielsweise in der staatlichen Förderpolitik. Unter anderem deshalb reagierten die Bayern schneller auf Innovationen bei den Ziegeln als die Österreicher.

profil: In welchem Land produziert Wienerberger die meisten Ziegel?

Scheuch: Pro Einwohner produzieren und verkaufen wir in Belgien am meisten. Das hat erneut mit der regionalen Bauweise zu tun. Dort bestehen häufig sowohl tragende Wände als auch Fassaden aus Ziegeln, dazu kommen ein Ziegeldach oder Terrassen und Wege mit Ziegelpflaster. Für uns ein Eldorado.

profil: Ich dachte, Sie antworten China oder Indien.

Scheuch: In diesen Märkten sind wir nicht besonders präsent. Wir haben eine Ziegelei in Indien, in Bangalore. Dabei handelt es sich um die erste und einzige industrielle Ziegelfertigung in Indien. Die Ziegelei ist zwar ein Erfolg, aber insgesamt ist unser Marktanteil noch klein.

profil: Gibt es einen Baustoff oder eine Bauweise, welche den Ziegel eines Tages verdrängen könnte?

Scheuch: Ich bin seit 20 Jahren im Unternehmen; mir haben schon viele Leute erklärt, dass der Ziegel tot sei. Dabei erlebt er gerade eine Renaissance, wir arbeiten stark an Innovationen und neuen Produkten. Wenn es den perfekten Baustoff gäbe, hätte er sich längst durchgesetzt. Aber ob Stahlbetonbau, Holzleichtbau, Ziegel – alles hat Vor-und Nachteile, oft entscheidet die Kombination. Und der Ziegel lässt sich, neben seinen vielen anderen Vorzügen, wunderbar kombinieren, ob mit Holz, Beton, Stahl, Glas oder Aluminium.

profil: Zurück zum alten Drasche-Ziegel hier: Die letzten 150 Jahre lag er im Freien, in einem Erholungsgebiet gar nicht weit von hier, das einst eine Ziegelgrube von Wienerberger war. Dafür hat sich dieses Exemplar, bis auf einige kleine Absplitterungen, gut gehalten. Haben Ziegel ein Ablaufdatum?

Scheuch: Ziegel zerfallen nicht. Das Kolosseum in Rom ist teilweise aus Ziegeln errichtet und steht noch heute. In Amsterdam und in Städten Flanderns können Sie Ziegelhäuser aus dem Mittelalter sehen.

Lehmden: Was diesen Ziegel betrifft: Sie können ihn nochmals 150 Jahre liegen lassen. Er wird immer noch aussehen wie heute.

Fünf Assoziationen zum Thema Ziegel

Viktor Adler veröffentlichte 1888 in der Zeitschrift „Gleichheit“ seinen Bericht „Die Lage der Ziegelarbeiter“. Es ging um die Ausbeutung der Wienerberger-Arbeiter, vor allem Zuwanderer aus Böhmen und Mähren, nach dem Tod Drasches. Der Text, der prägend für die heimische Arbeiterbewegung wurde, lässt sich im Internet nachlesen.

In der Pop-Musik ist der Ziegel durchaus unterschiedlich konnotiert: In Pink Floyds „Another Brick in the Wall“ (1979) steht er für Vereinsamung; in Wolfgang Ambros‘ Austro-Pop-Song „Die Blume aus dem Gemeindebau“ (1977) hat selbige Augen „wie ein Stadlauer Ziegelteich“.

Apropos Ziegelteich. Dieser entsteht häufig aus jenen Gruben, aus welchen der Ton für Ziegel gewonnen wird. Nach deren Auflassung füllen sich die Senken häufig mit Grundwasser. In Österreich finden sich im Süden Wiens und im Wiener Becken zahlreiche Ziegelteiche.

Die Drasche-Ziegel, von denen im Gespräch die Rede ist, werden von Wienerberger auch neu produziert – aus nostalgischen Gründen, etwa für Weinkeller. Der Verkauf laufe aber eher schleppend, heißt es. Grund: Es gibt noch immer genug alte Ziegel, die wiederverwendet werden. In Online-Kleinanzeigenplattformen werden Drasche-Ziegel häufig gar geschenkt angeboten.

Die ältesten Dachziegel
Österreichs wurden vergangenes Jahr auf der Dominikanerkirche in Krems in Niederösterreich entdeckt. Wie kanadische Gutachter feststellten, stammen sie ungefähr aus dem Jahr 1350.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Wirtschaft

Eine Antwort zu “Reden wir über…Ziegel

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