Frühschluss

Aus profil 30/2017

Aus 9-to-5 wird 10-to-4: Immer mehr Experten, Politiker und Gewerkschafter fordern die 30-Stunden-Woche. Ist die Zeit reif für eine Arbeitszeitverkürzung? Über eine Utopie, die für viele Beschäftigte längst Wirklichkeit geworden ist.

Von Joseph Gepp

Zum Beispiel die Makava GmbH in Graz. In dem jungen Unternehmen, 2004 gegründet, produzieren derzeit zwölf Mitarbeiter Bio-Eistee aus edlen Zutaten. Nach dem Start wurde das Projekt zwar rasch zum Erfolg, „aber wir haben auch rund um die Uhr gearbeitet“, erzählt Agnes Fogt, PR-Beauftragte bei Makava. Die Wohnung der Unternehmensgründer diente anfänglich zugleich als Büro; das Berufsleben ging nahtlos ins private über, wenn man etwa abends die Sitzungen bei ein paar Bier fortsetzte. „Es war eine spannende Zeit, aber irgendwann wurde es etwas zu viel“, sagt Fogt. „Wir mussten uns selbst schützen.“ Also setzte man bei Makava im Jahr 2012 einen radikalen Schritt.

Beim Grazer Eistee-Produzenten ist seither Wirklichkeit, was anderswo noch als Träumerei gilt: eine Arbeitszeitverkürzung. Man ging auf jenes Maß hinunter, das Befürworter gern als Zielvorstellung nennen: eine 30-Stunden-Woche, sechs Stunden pro Tag. Die Gehälter blieben gleich hoch wie zuvor. Alles über 30 Stunden gilt bei Makava als Mehrarbeit. Dafür können sich die Mitarbeiter Zeitausgleich nehmen.

Österreichs gesetzliche Normalarbeitszeit wurde zuletzt im Jahr 1975 verkürzt, unter Bruno Kreisky, von 45 auf 40 Wochenstunden. Seither hat sich nicht mehr viel getan. Lediglich bei Kollektivvertragsverhandlungen wurden dann und wann, auf Ebene einzelner Branchen, kleinere Reduktionen vereinbart. Ist die Zeit reif für eine neue umfassende Verkürzung?

Jedenfalls gewinnt das Thema seit einigen Jahren an Bedeutung. Für viele Arbeitnehmer fühlt sich der Job intensiver und fordernder an als früher; beruflich und privat nimmt der Stress zu. Dazu kommen hohe Arbeitslosenzahlen und prekäre Jobverhältnisse. Sie lassen Rufe nach einer besseren Verteilung der Arbeit laut werden.

Medienberichte und Forschungsarbeiten befassen sich heute häufiger mit Arbeitszeitverkürzung als früher, zeigt ein Blick in Archive. Unternehmen wie Makava versuchen sich an Pionierprojekten. Und auch in der Politik hält die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung wieder Einkehr.

Das Thema werde „auf die Agenda kommen“,
sagte SPÖ-Bundeskanzler Christian Kern vor einem Jahr nach seinem Amtsantritt. Kerns Parteikollegin Katharina Kucharowits, Vorsitzende der „Jungen Generation“ der SPÖ, wird konkreter: Sie fordert dezidiert eine gesetzliche 30-Stunden-Woche. Und zwar bei vollem Lohnausgleich – also ohne, dass die Beschäftigten weniger Geld bekommen als für die bisherigen 40 Stunden.

Auch manche Grünpolitiker plädieren für eine Verkürzung. Und selbst ein paar Konservative können der Idee zumindest ansatzweise etwas abgewinnen. So meinte ÖVP-Familienministerin Sophie Karmasin in einem ORF-Interview im Jahr 2014, angesprochen auf eine bessere Aufteilung von beruflichen und familiären Pflichten zwischen den Geschlechtern: „Die Idealvorstellung wäre, dass Männer und Frauen gleichermaßen ihre Vollzeittätigkeit reduzieren.“

In Deutschland erhebt indes die IG Metall, die größte Gewerkschaft des Landes, weitgehende Forderungen. Sie verlangt freie Tage und Teilzeit-Optionen – Maßnahmen, die in Summe auf eine 28-Stunden-Woche hinauslaufen. Die Aktion zeigt, dass neben der klassischen gewerkschaftlichen Forderung nach mehr Lohn immer öfter auch eine zweite an Gewicht gewinnt: jene nach mehr Zeit.

Was ist von der Debatte zu halten?
Welche Erfahrungen mit Arbeitszeitverkürzung gibt es? Und woher kommt diese Idee überhaupt?

Für die Gegner der Verkürzung jedenfalls ist sie vor allem eines: Gift für die Wirtschaft. Reduziert man bei gleichbleibendem Lohn die Arbeitszeit, steigen die Kosten der Unternehmen für ihre Belegschaften, warnen ÖVP und Österreichs Wirtschaftsvertreter. Die Folge sei ein Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Betriebe würden abwandern, mehr Arbeitslosigkeit drohe. Im Zeitalter der Globalisierung solle man vielmehr dafür sorgen, dass die Arbeitszeiten möglichst exakt der jeweiligen Auftragslage eines Unternehmens entsprechen können, so die Kritiker. Eine ihrer Forderungen ist deshalb jene nach Ausweitung der täglichen Höchstarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden. Flexibilisierung ist angesagt, nicht Verkürzung.

Woher aber kommt die Idee, dass man die Arbeitszeit reduzieren sollte? Wer dies auf grundsätzlicher Ebene verstehen will, könnte bei einer Statistik beginnen: der Anzahl der gesamten geleisteten Arbeitsstunden in Österreich. Im vergangenen Jahr arbeiteten alle Österreicher zusammen laut Statistik Austria 6,9 Milliarden Stunden. Interessant daran: Diese Zahl verändert sich seit vielen Jahren kaum. Vor einem Jahrzehnt beispielsweise, 2007, arbeiteten die Österreicher sogar geringfügig mehr als heute: sieben Milliarden Stunden.

Warum die Stagnation? Angesichts technischer Fortschritte und effizienterer Abläufe braucht es heute keinen Zuwachs an Arbeitsstunden, um mehr Produkte erzeugen zu können. Die Produktivität wächst. Beispielsweise brachte ein heimischer Beschäftigter 2016 pro Stunde durchschnittlich um knapp acht Prozent mehr Waren und Dienstleistungen hervor als im Jahr 2010.

Grundsätzlich sind das gute Nachrichten – Österreichs Arbeitnehmer leisten derart viel, dass die Gesamtarbeitszeit nicht steigen muss. Aber es gibt ein Problem: Zugleich legt die Anzahl der unselbstständig Beschäftigten zu. Zwischen 2007 und 2016 stieg sie um acht Prozent, auf 4,2 Millionen Personen. Die Gründe? Junge drängen ins Berufsleben, Zuwanderer aus anderen EU-Staaten kommen ins Land, es gibt mehr erwerbstätige Frauen.

Wenn sich immer mehr Arbeitskräfte auf eine gleichbleibende Menge Stunden verteilen, ist die Konsequenz klar: „In gewisser Weise findet die Arbeitszeitverkürzung längst statt“, sagt Christine Mayrhuber, Ökonomin vom Wiener Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). „Aber sie geschieht ungeregelt, unsystematisch, also in ungesteuerter Form.“

Diese ungesteuerte Arbeitszeitverkürzung zeigt sich beispielsweise in Form der weit verbreiteten Teilzeit-Verhältnisse in Österreich. Fast jeder dritte Arbeitnehmer werkt kürzer als die reguläre Wochenarbeitszeit. Das trifft vor allem Frauen: Ganze 48 Prozent der weiblichen Unselbstständigen arbeiten in Teilzeit.

Die Teilzeit-Kräfte verdienen nicht nur weniger als jene mit Vollzeit, es mangelt ihnen auch häufiger an finanzieller Absicherung, etwa für das Alter. Noch dazu arbeiten Österreichs teilzeitbeschäftigte Frauen im Europavergleich besonders kurz, wie eine Erhebung des Wifo vom vergangenen Jänner zeigt – durchschnittlich nur 22,5 Wochenstunden. Viele Teilzeitbeschäftigte würden gern länger arbeiten. Zwar nicht gleich Vollzeit, weil sich das häufig nicht ausginge neben der Betreuung von Kindern oder Alten. Aber ein paar Stunden zusätzlich könnten es durchaus sein.

Bei Vollzeitbeschäftigten ist die Situation genau umgekehrt. Sie arbeiten laut einer Erhebung des EU-Statistikamts Eurostat pro Woche so lang wie in kaum einem anderen Land in Europa. Inklusive aller Überstunden kam ein vollzeitangestellter Österreicher im Jahr 2014 auf durchschnittlich 41,5 Wochenstunden. Umfragen zeigen, dass Vollzeit-Arbeitnehmer, vor allem die älteren Semester, gerne einige Stunden kürzer arbeiten würden.

Die einen arbeiten zu viel, die anderen zu wenig – und beide Gruppen sind damit eher unzufrieden. Die ungeregelte Arbeitszeitverkürzung, die sich von selbst ihren Weg bahnt, äußert sich als Kluft zwischen Voll- und Teilzeitkräften. Die Frage sollte weniger lauten, ob man eine Verkürzung befürwortet oder nicht. Sondern eher: Wie gehen wir mit ihr um?

Es sei jedenfalls nicht damit zu rechnen, dass die Gesamtzahl der Arbeitsstunden künftig wieder zunehmen werde, sagt Jörg Flecker, Soziologie-Professor an der Universität Wien. Technischer Fortschritt und Digitalisierung lassen eher das Gegenteil erwarten: Künftig könnten noch weniger Stunden ausreichen, um sämtliche Produkte zu erzeugen. Flecker befürwortet klar die 30-Stunden-Woche samt Lohnausgleich. Unter den derzeitigen Bedingungen nämlich würden die Beschäftigten gewissermaßen zu Opfern ihrer eigenen steigenden Produktivität. Eine kurze Vollzeit für Männer und Frauen würde die Nachteile der Teilzeitarbeit vermeiden, so Flecker. Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsformen würden zurückgehen. „Die wirtschaftlichen Chancen und die finanzielle Absicherung der Arbeitnehmer wären größer.“

Historisch gesehen wurde die gesetzliche Arbeitszeit stets verringert, wenn der technische Fortschritt zulegte. In den Fabriken des späten 19. Jahrhunderts betrug sie noch 66 Wochenstunden. Später sank sie schrittweise, bis sie schließlich im Jahr 1975 40 Stunden erreichte. Seither jedoch ist die Entwicklung stehengeblieben. Würde man heute die Arbeitszeitverkürzung in Österreich wieder aufnehmen, wie ließe sich dies praktisch bewerkstelligen?

Göteborg, Schweden. Die linksgeführte Stadtregierung
der zweitgrößten Stadt des Landes führte in den vergangenen beiden Jahren ein lehrreiches Experiment durch. In einem Altersheim mit rund 60 Pflegerinnen wurde die Arbeitszeit auf 30 Stunden reduziert, bei vollem Lohnausgleich. Alle Konsequenzen wurden protokolliert, von der Anzahl der Krankenstände bis zur Zufriedenheit im Job. Als Vergleichsobjekt diente ein zweites Altersheim, in dem die Arbeitszeit unverändert geblieben war. Das Experiment zeigt die Chancen einer Verkürzung, aber auch die Probleme.

Zunächst die positiven Effekte: Es entstanden tatsächlich neue Jobs; die Gemeinde Göteborg stellte 15 zusätzliche Pflegerinnen für das Heim an. Und: Reduzierte Arbeitszeiten machen offenbar gesünder und glücklicher. Die Krankenstände sanken um zehn Prozent. Bei der Zufriedenheit am Arbeitsplatz, die mit Fragebögen erhoben wurden, gab es „einen richtiggehenden Schub“, sagt Daniel Bernmar, Vizebürgermeister von Göteborg.

Auf der Negativseite stehen die höheren Kosten. Die zusätzlichen Jobs machten dem Betrieb des Heims um 25 Prozent teurer. Später zeigten sich zwar bei anderen Posten Einsparungen: etwa wegen der geringeren Krankenstände und aufgrund der Tatsache, dass sich die Gemeinde nun Arbeitslosengelder sparte. Dennoch kam der Betrieb des Heims am Ende immer noch zehn Prozent teurer.

Das Experiment in Göteborg zeigt, welche Probleme auch in Österreich eine Arbeitszeitverkürzung nach sich ziehen könnte. Der Anstieg der Lohnkosten würde wohl vor allem personalintensiven Branchen Schwierigkeiten bereiten. Beispielsweise in Tourismus-Betrieben, wo viele Köche und Kellner arbeiten, bei Handelsunternehmen mit zahlreichen Verkäuferinnen, in Spitälern, in Schulen.

In Göteborg wollen die Stadtverantwortlichen gerne die 30-Stunden-Woche flächendeckend in allen städtischen Betrieben einführen. Aber nun geht man es doch „vorerst schrittweise an“, sagt Vizebürgermeister Bernmar – trotz des Erfolgs des Experiments im Altersheim. Die Herausforderungen wären schlicht zu groß. „Eine sofortige Umstellung käme uns zu teuer; außerdem ließe sich nicht auf die Schnelle genug qualifiziertes Personal finden.“

Würde man in Österreich die 30-Stunden-Woche einführen, könnte es außerdem noch weiteres Problem geben. Wer die Arbeitszeit verkürzen will, muss auch genau wissen, wie viel jeder Beschäftigte arbeitet. Hier gibt es aber durchaus Lücken. Nur rund 50 Prozent der heimischen Arbeitnehmer haben fixe Beginn- und Endzeiten. Und die andere Hälfte? Sie arbeitet etwa unregelmäßig, je nach Bedarf. Oder unterliegt einem sogenannten All-in-Vertrag, so wie rund jeder fünfte Arbeitnehmer in Österreich. Bei diesem Arbeitsverhältnis, das ursprünglich nur für Führungskräfte gedacht war, werden Überstunden pauschal mit dem Lohn abgegolten. Die echte Arbeitszeit kennt man oft gar nicht.

Im Fall einer Arbeitszeitverkürzung müsste man derlei Zustände einschränken – und das könnte zur Herausforderung werden. Denn in der modernen Arbeitswelt findet eine Entgrenzung statt. Manche Beschäftigte arbeiten nachts, andere von zu Hause, wieder andere setzen sich mit ihrem Computer ins Café. Der Staat darf aber überlange Arbeitszeiten nicht einfach akzeptieren, soll die Arbeitsverkürzung erfolgreich sein. Andererseits: Inwieweit soll er seinen Bürgern hinterherschnüffeln, um kürzere Zeiten sicherzustellen? Darf der Staat zulassen, dass die Verkürzung zwar eine Krankenschwester im Spital betrifft, deren Schichtdienste leicht zu regeln sind – nicht aber einen jungen Anwaltsgehilfen, der von Termin zu Termin eilt? Solche wichtigen Fragen sind in Sachen Arbeitszeitverkürzung noch offen.

Auch bei Makava, dem Eistee-Unternehmen aus Graz, gab es vor der Einführung der 30-Stunden-Woche viele Bedenken. Man fürchtete beispielsweise, dass die Lohnkosten zu hoch werden könnten. „Gerade junge Unternehmen haben wenig finanziellen Spielraum“, sagt Makava-Mitarbeiterin Agnes Fogt. Tatsächlich benötigte das Unternehmen bald nach der Verkürzung im Jahr 2012 drei zusätzliche Mitarbeiter. Trotzdem: Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, die Anzahl der verkauften Eistee-Flaschen ging schneller denn je nach oben. „Das liegt auch daran, dass die Mitarbeiter motivierter sind als früher“, sagt Fogt. „Manche wollen sogar dezidiert wegen der 30-Stunden-Woche bei uns arbeiten.“ In einem kleinen Team wie jenem von Makava sei es wichtig, dass alle an einem Strang ziehen. „Und das ist wegen unserer Arbeitszeiten heute umso mehr der Fall.“

Vielleicht wird Makava ja das erste Unternehmen von vielen sein.

Dieser Artikel ist Teil einer profil-Serie, die sich in losen Abständen mit Reformideen für die Wirtschaft befasst, die seit der Finanzkrise des Jahres 2008 an Bedeutung gewinnen. Bisher ging es um die Maschinensteuer, das Vollgeld und das Bedingungslose Grundeinkommen.

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