Hausfreunde

Aus profil 23/2017

Im niederösterreichischen Baden rebellieren Hausbewohner gegen eine ÖVP-nahe Wohnbaugenossenschaft. Wer den Vorwürfen nachgeht, stößt auf ein bemerkenswertes Firmennetzwerk.

Von Joseph Gepp

Es sei überfallsartig geschehen, sagt Natascha Müller*. Eines Tages im vergangenen Sommer habe die Hausverwaltung die Bewohner zusammengetrommelt. Das Dach müsse dringend saniert werden, hieß es. „Sie haben uns erklärt, es gibt keine Alternative“, sagt Müller. „Die Aufträge müssen schnellstens raus, das Dach hält keinen weiteren Winter durch.“

Baden bei Wien, ein Nachkriegszeit-Wohnblock, beste Lage nahe Kurpark und Casino. Hier tobt seit Monaten ein Streit zwischen Hausverwaltung und Wohnungseigentümern. So etwas kommt wohl häufig vor in Österreich. Wer jedoch in Baden genauer hinsieht, stößt auf mehr als nur ein bisschen Uneinigkeit.

Die Hausverwaltung schanze Aufträge an Unternehmen zu, die in äußerst engem Kontakt mit ihr stehen – bis hin zu personellen Überschneidungen, kritisieren die Bewohner. Angebote von Unternehmen, welche dieselben Leistungen billiger anbieten, würden schlicht ignoriert.

Die Hausverwaltung ist gut bekannt in Niederösterreich. Es handelt sich um die Atlas-Wohnbau, eine große gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft im Bundesland (Credo: „Glückliche Menschen in schönen Häusern“). Das Unternehmen mit Sitz in Wiener Neudorf erwirtschaftet knapp 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Atlas verwaltet Tausende Wohnungen, zudem werden laufend neue errichtet. Politisch hat man kein Problem, Farbe zu bekennen: „Ja, wir sind schwarz“, erklärte Atlas-Geschäftsführer Anton Bosch, der Exbürgermeister von Leobersdorf, vergangenes Jahr im „Badener Bezirksblatt“. Auf der Atlas-Website bedankt man sich artig für „die großzügige Förderung des Landes Niederösterreich unter Johanna Mikl-Leitner“.

Doch zurück nach Baden. Dort fühlen sich die Bewohner überrollt, nachdem die eilige Sanierung verkündet wurde. Die Kosten von rund 300.000 Euro schienen ihnen zu hoch. Sie begannen nachzufragen. Sie holten eigenständig Angebote bei anderen Baufirmen ein. Diese seien billiger ausgefallen als jene, die Atlas vorgelegt hatte, so die Hausbewohner. Doch die Verwaltung blieb dabei. „Wir werden von der Wahl der beauftragten Professionisten nicht ohne stichhaltige Argumente abweichen“, heißt es in einem Brief im Sommer 2016. Die Bewohner drohten mit Klage, sollten Aufträge gegen ihren Willen vergeben werden.

Als Beleg für den Sanierungsbedarf präsentierte Atlas ein Gutachten eines profil namentlich bekannten Sachverständigen für Dachdeckerarbeiten in Wien. Dieser empfahl eine umfassende Sanierung, „da eine Reparatur der einzelnen Schäden finanziell (…) nicht sinnvoll ist“. Auf Basis dessen machte sich Atlas daran, ein Bauunternehmen zu beauftragen. Die Wahl fiel auf die Rohacek &Häusler GmbH im 2. Wiener Gemeindebezirk. Sie hatte sich im Rahmen eines Wettbewerbs als Bestbieter herausgestellt. Solch ein Procedere ist üblich.

Beste Lage, gleich neben dem Kurpark (Wikipedia)

Wer allerdings ins Firmenbuch blickt, entdeckt zwischen Atlas, dem Gutachter und dem Bauunternehmen Rohacek & Häusler bemerkenswerte Querverbindungen. Der Alleineigentümer von Rohacek & Häusler, Gerhard Häusler, ist zugleich Mitgesellschafter im Unternehmen des Sachverständigen für Dachdeckerarbeiten . Dieses hat seinen Sitz an derselben Wiener Adresse wie Rohacek &Häusler. Heißt: Der Gutachter bescheinigt dringenden Sanierungsbedarf – und der darauffolgende Auftrag soll ausgerechnet an einen Kompagnon und engen Geschäftspartner des Gutachters gehen.

Es gibt aber noch weitere Verbindungen, etwa bei einer Atlas-Managerin. Diese fungiert als Chefin der Atlas-Hausverwaltung und ist für sämtliche Sanierungen zuständig. Die Frau entstammt selbst einer Familie, die einst ein Bauunternehmen besaß, die „Baumeister Tupy GmbH“ in Wien. Diese Gesellschaft wurde im Jahr 2013 verkauft – und zwar ausgerechnet an Gerhard Häusler, besagten Eigentümer von Rohacek & Häusler. Die spätere Atlas-Managerin arbeitete danach noch einige Jahre bei Rohacek & Häusler, ehe sie zu Atlas wechselte.

Es gibt also enge Überschneidungen zwischen dem ehemaligen Familienbetrieb einer Atlas-Managerin, einem Gutachter und einer Baufirma, welche den Auftrag bekommen soll. Wird hier ein Netzwerk befreundeter Unternehmen bedient – und dies ausgerechnet unter dem Dach einer politiknahen, mit Steuergeld geförderten Wohnbaugenossenschaft?

profil liegt jedenfalls das Angebot eines Bauunternehmens aus dem niederösterreichischen Lichtenwörth vom Juni 2016 vor, das die Hausbewohner eigenständig eingeholt haben. Diese Firma verlangt für die Sanierung exakt 232.118 Euro – elf Prozent weniger als das günstigste Angebot, das die Hausverwaltung eingeholt hat. Dennoch: Als Atlas in einem Rundschreiben Ende August verlautbart, wer den Auftrag bekommen soll, erwähnt die Hausverwaltung das Angebot des Lichtenwörther Unternehmens mit keinem Wort. Als „Bestbieter“, heißt es knapp, habe sich Rohacek &Häusler erwiesen.

Können die Hausbewohner angesichts dieser Verwicklungen sicher sein, dass Reparaturarbeiten vom besten und billigsten Anbieter durchgeführt werden? „Ja, absolut“, heißt es in einer Stellungnahme vonseiten Atlas. „Um zu ermitteln, wer den Auftrag bekommen soll, wurde in diesem Fall ein streng geregeltes Bieterverfahren unter Aufsicht eines unabhängigen Architekten durchgeführt.“ Dass die von den Bewohnern vorgeschlagene Firma den Auftrag bekommen könne, werde „noch in Erwägung gezogen“, so Atlas weiter.

Und die Verstrickungen zwischen Atlas, dem Gutachter und dem Bauunternehmen Rohacek & Häusler? Im Fall des Gutachters argumentiert Atlas, dass dieser noch nicht als Firmenkompagnon von Bauunternehmer Häusler fungierte, als er sein Gutachten schrieb. Das Gutachten entstand Ende 2015, die Gründung der gemeinsamen Firma erfolgte erst Mitte 2016. Und die Atlas-Managerin mit der einschlägigen beruflichen Vergangenheit? Dieses Arbeitsverhältnis habe es zwar gegeben, so Atlas, aber mit aktuellen Auftragsvergaben habe es rein gar nichts zu tun.

Eine gleichlautende Version der Geschichte präsentiert auf profil-Anfrage auch der Bauunternehmer Gerhard Häusler von Rohacek & Häusler. Lediglich der Gutachter meldete sich nicht zurück.

In Baden jedenfalls ist die Dachsanierung momentan aufgeschoben. Die Aufträge wurden noch nicht erteilt. Wie es weitergehen soll, ist aufgrund des Widerstands der Hausbewohner unklar. Atlas hat neuerdings angeboten, dass ein neuer Gutachter den Zustand des Daches nochmals bewerten könnte. Doch das Misstrauen gegenüber dem Unternehmen ist derart groß, dass dieses Zugeständnis den Streit wohl auch nicht mehr beruhigen wird. „Wir suchen uns jetzt eine neue Hausverwaltung“, sagt die Bewohnerin Natascha Müller.

*) Die Namen der Hausbewohner wurden anonymisiert.

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