Monatsarchiv: April 2017

Das war meine Woche

Aus profil 17/2017

Kolumne: Joseph Gepp

Ich dachte immer, Schurkenstaaten lägen irgendwo weit, weit weg. Heute belehrt mich das US-Finanzministerium eines Besseren. Es reiht gleich zwei Nachbarländer Österreichs unter die weltgrößten Währungsmanipulatoren: die Schweiz und Deutschland. Warum nur?

Fall eins, die Schweiz. Sie gilt seit jeher als sicherer Hafen für jene, die ihr Vermögen vor wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen schützen (oder einfach verstecken) wollen. Spätestens seit der Eurokrise 2010 ergab sich daraus ein Problem. Weil viele schutzsuchende Euro zuströmten, stieg der Wert des Franken. Eidgenössische Waren im Ausland verteuerten sich. Als Gegenmaßnahme kauft die Schweizer Nationalbank Euro im großen Stil, um den Franken-Höhenflug zu bremsen.

Und Deutschland? Hier liegt das Problem bei der EZB in Frankfurt. Sie ist für den ganzen Euroraum verantwortlich – auch für die krisengeplagten EU-Südstaaten. Um ihnen zu helfen, senkte die EZB den Leitzins auf null. Dies verbilligt EU-Exporte außerhalb Europas. Dummerweise auch jene des boomenden Deutschlands, obwohl es ohnedies viel mehr exportiert als importiert.

Aber kann man in diesen Fällen wirklich von Manipulation sprechen? Die Schweiz verfolgt nicht primär das Ziel, Schweizer Exporte zu verbilligen – sie will vielmehr die Folgen des Ansturms panischer Kapitalbesitzer abfedern. Und: Ausgerechnet Deutschland protestiert gern lautstark gegen die EZB-Nullzinspolitik, weil sie deutschen Sparern die Zinsen wegfrisst.

Es gäbe Lösungen. Zum Beispiel höhere Löhne in Deutschland, sodass dessen Exporte teurer würden. Oder strenge Kontrollen im Schweizer Bankensystem, sodass es für Kapitalflüchtlinge weniger attraktiv ist. Doch solche Ansätze gehen über die Währungspolitik hinaus. Der Schweiz und Deutschland Währungsmanipulation zu unterstellen, dieser Vorwurf greift jedenfalls viel zu kurz.

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„Der Trend geht zum Zweitwagen“

Aus profil 16/2017

In der modernen Konsumwelt steckt auch hinter scheinbar trivialen Dingen Strategie und Technik. Zum Beispiel hinter dem Einkaufswagen. Ein Gespräch mit Bernhard Renzhofer, Vertriebschef beim Weltmarktführer Wanzl im bayerischen Leipheim.

Interview: Joseph Gepp

profil: Beginnen wir bei einem weit verbreiteten Verdacht, was die Bauweise von Einkaufswagen betrifft: Der Gedanke hinter deren schrägen Flächen sei, dass die Waren nach hinten rollen – raus aus dem Blickfeld des Konsumenten. Dann kauft er mehr, als er ursprünglich vorhatte, weil er das Gefühl hat, bisher kaum etwas genommen zu haben. Stimmt’s?

Bernhard Renzhofer (Foto: Wanzl)

Bernhard Renzhofer: Das ist eine Legende. Die konische Form des Korbs braucht es, damit man die Einkaufswagen ineinanderschieben kann. Es wird immer viel Strategie vermutet, wie der Wagen gebaut ist, damit der Kunde mehr kauft. Meine Meinung: Er soll leicht laufen, sauber sein und nicht scheppern. Dann wird man entspannt einkaufen -und bereit sein, mehr Geld auszugeben.

profil: Auch die Füllmenge der Wagen ist seit der Nachkriegszeit sukzessive gestiegen. Damit die Kunden mehr kaufen?

Renzhofer: Das kommt eher daher, dass seit den 1970er-Jahren große Hypermärkte mit viel Non-Food im Sortiment entstanden sind. Wichtig in diesem Zusammenhang war auch die Ausbreitung der Diskonter, bei denen man beispielsweise gleich einen Monatsvorrat an Toilettenpapier kauft. Aber der Zenit bei der Füllmenge ist überschritten, da sich das Einkaufsverhalten der Konsumenten ändert.

profil: Ein Einkaufswagen wirkt auf viele Konsumenten trivial und alltäglich. Gibt es auch hier Trends und Moden?

Renzhofer: Absolut. Ein Trend ist jener zur Individualisierung. Unsere Kunden -also Märkte und Geschäfte aller Art -legen heute Wert auf kleinere und individualisierte Wagen. Sie wünschen spezielle Farben oder Logos. Für den Meinl am Graben in Wien haben wir zum Beispiel Einkaufswagen mit exklusiven Ledergriffen gemacht. Außerdem geht der Trend heute zum Zweitwagen. Oft haben die Märkte bisher nur einen zur Verfügung, einen relativ großen mit etwa 200 Litern Füllmenge. Nun jedoch kaufen viele Endkunden, vor allem in Städten, frischere Waren in geringerer Menge. Entsprechend gibt es die Entwicklung, parallel kleinere Wagen anzubieten.

profil: Was war die größte Innovation in der Geschichte Ihres Unternehmens?


Renzhofer:
Wenn man so will, war das besagte Ineinanderschiebbarkeit der Wagen. Es klingt einfach, aber oft ist gerade so etwas eine harte Nuss.

Wanzl-Einkaufswagen aus dem Jahr 1949 … (Foto: Wanzl)

profil: Das ist heute bei jedem Einkaufswagen gang und gäbe.

Renzhofer: Ja, es wurde von uns bei Wanzl 1950 erfunden, mit dem Wagen mit fest verbautem Korb namens Concreta.

profil: Alle reden von Vernetzung und Digitalisierung. Wird es irgendwann Einkaufswagen geben, die von selbst fahren? Oder Waren, die man in sie hineinlegt, autonom einlesen?

Renzhofer: Als schwäbisches Unternehmen agieren wir bodenständig, haben aber auch die Digitalisierung des Einzelhandels im Blick. Zuallerest zählt im Alltag unserer Kunden die Praktikabilität und Bezahlbarkeit von Lösungen. Beim Einkaufswagen geht es vor allem darum, ihn wetterunempfindlich und sicher vor Vandalismus zu machen.

profil: Trotzdem, was sind nach vorne gedachte Projekte?

Renzhofer:
Wir haben auf der Messe Euro- Shop im März den sogenannten „Smart Trolley“ vorgestellt. Dieser Einkaufswagen bekommt einen RFID-Chip verpasst. Das erlaubt dem Marktbetreiber zu sehen, an welcher Kassa es sich staut, ob am Parkplatz genug Einkaufswagen bereitstehen, und so weiter.

profil: Können Einkaufswagen auch erkennen, was der Kunde gerade kauft?

… und ein modernes Modell (Foto: Wanzl)

Renzhofer: Auch diesbezüglich gab es Prototypen, die unter dem Arbeitsbegriff „Smart Shopping“ vor knapp zehn Jahren vorgestellt wurden. Dabei war die Idee, alle Artikel im Markt mit einem RFID-Chip auszustatten. Wenn der Kunde dann eine Ware in den Wagen legt, erkennt sie dieser. Der Bezahl-und Abkassierprozess läuft völlig automatisiert ab – über einen Self-Checkout mittels Schleuse.

profil: Eine Art Supermarkt 4.0 also.

Renzhofer: Im weitesten Sinn. Aber es blieb in diesem Fall beim Pilotprojekt. Das System rechnet sich noch nicht, weil die RFID-Chips im Vergleich zu den Margen bei günstigen Produkten zu teuer sind. Eine Chip kostet rund fünf Cent – ein Joghurt 19 Cent. Vielleicht waren wir unserer Zeit ein wenig voraus.

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Nicht schwindelfrei

Aus profil 16/2017

Eurofighter, Steuerflucht, Hypo Alpe Adria. Normalerweise berichten wir auf diesen Seiten über die großen Skandale, welche die Republik beschäftigen. Aber was ist mit den vielen kleinen? Jene, die Menschen in ihrem Alltag und Konsumverhalten unmittelbar betreffen? Von unzureichend gefüllten Müsli-Schachteln über Schwindeleien bei Herkunftsangaben bis zu Abzocker-Schlüsseldiensten -eine Geschichte in acht Kapiteln. Wie uns Handel, Gewerbe und Industrie im Alltag verar*****.

Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

Geschmack der Heimat

Manchmal spürt man sie richtig, die Heimat. Zum Beispiel im erdigen Räuchergeschmack von Forellenfilets, welche die heimische Supermarktkette Billa bis zum Jahr 2015 anbot. „Zertifizierter österreichischer Familienbetrieb“, hieß es auf der Verpackung. Und: „In Österreich über feinem Buchenholz geräuchert“.

Stimmt schon. Und irgendwie auch nicht. Denn wer die Verpackungsangaben genau las, stellte fest, dass die Forellen nicht etwa aus einem kristallklaren heimischen Alpenbach stammten, sondern aus einer Fischfarm in Italien. Lediglich das Räuchern und Verpacken fand in Österreich statt. Irreführung, urteilte deshalb der Oberste Gerichtshof. Der Gesamteindruck suggeriere, dass der Fisch selbst aus Österreich stamme.

Von „in Österreich hergestellten“ Frankfurter-Würsteln der Marke Clever, deren Fleisch eigentlich aus mehreren EU-Ländern stammt, bis zu original steirischem Kürbiskernöl -aus China. Bei Herkunftsangaben wird gern getrickst. Und nicht auf jedes Gütesiegel ist Verlass. „Lassen Sie sich von einer österreichischen Fahne und sonstigem Österreichbezug nicht täuschen“, rät Katrin Mittl vom Verein für Konsumenteninformation (VKI). „Beides garantiert nicht, dass auch die Rohstoffe dieses Produktes tatsächlich aus Österreich kommen.“

Laut Gesetz muss nur bei frischem Obst und Gemüse (abgesehen von Ausnahmen wie etwa Erdäpfeln und Kukuruz) das genaue Ursprungsland auf dem Etikett angegeben werden. Aber auch hier gibt es Probleme. „In diesem Bereich stoßen wir zwar nicht auf den Etiketten selbst auf widersprüchliche Angaben, wohl aber beim gestalterischen Beiwerk im Gemüseregal“, sagt Mittl. Heißt: Auf Steckschildern und Tafeln im Supermarkt liest man zwar „Qualität aus Österreich“ oder „Herkunftsland Österreich“ – tatsächlich stammen die Paprika mitunter aus Spanien und die Birnen aus Belgien.

Derartige Praktiken finden sich gleichermaßen in allen großen Supermarktketten, ob Spar, Billa oder Hofer -aber auch in Restaurants. Zum Beispiel in jenen der Möbelhauskette Lutz. Diese bewarb in ihren Restaurants im vergangenen Herbst mit „100 Prozent Österreich“ Schweins-oder Putenschnitzel. Wer jedoch ganz genau hinblickte, erkannte winzig klein das Wort „Schweinefleisch“ – demnach stammt nur das Schwein aus Österreich, nicht aber die Pute.

„Auf derartige Praktiken weisen uns verärgerte Kunden immer wieder hin“, sagt Mittl. Man müsse eben ganz genau auf die Packungsaufschrift achten.

Prosciutto und Packpapier

Es ist eine Frage, die Österreichs Supermarktkunden seit langer Zeit beschäftigt: Wenn man an der Feinkost-Theke Schinken oder Käse ordert, zahlt man dann auch für das Papier, in das die Produkte eingeschlagen werden? Immerhin wiegt solch ein Bogen Papier bis zu sechs Gramm. Das Problem: Papier und Ware werden gleichzeitig gewogen. Heißt: Edler italienischer Prosciutto, hoher Preis für die Verpackung. Kauft man beispielsweise 20 Dekagramm Prosciutto um sechs Euro, entfallen davon rund 25 Cent auf das Papier.

Zumindest war das lange die Praxis. Bis VP-Wirtschafsminister Reinhold Mitterlehner aufgrund zahlreicher Beschwerden im Jahr 2012 aktiv wurde. Er brachte eine Novelle des Maß-und Eichgesetzes in den Ministerrat. Seit Anfang 2016 darf Papier nicht mehr ohne Weiteres auf das Produktgewicht aufgeschlagen werden.

An Österreichs Feinkosttheken wird seither -automatisch und zentral gesteuert – ein bestimmtes Gewicht für das Papier vom Preis abgezogen. Es handelt sich um ungefähr vier Gramm. Überwacht wird die Umsetzung in der Regel von den heimischen Eichämtern. „Derzeit werden zwar immer noch zwei bis drei Beschwerden pro Jahr an uns herangetragen“, sagt Herbert Renner, Sprecher des Bundesamts für Eich-und Vermessungswesen. „Aber insgesamt machen wir die Erfahrung, dass die Nettoverwiegung sehr gut funktioniert.“

Trotzdem: Es bleiben Schlupflöcher. Für manche Verpackungen bezahlt der Kunde immer noch mit. Zum Beispiel für die Trennfolie, die häufig zwischen einzelne Schinkenblätter gelegt wird -diese ist von der Gesetzesnovelle nicht erfasst. Das Gleiche gilt für Verpackungen von Bonbons, die nach Gewicht verkauft werden. Den größten Posten schließlich dürfte das Gewicht jener Plastiksackerl ausmachen, in welche die Kunden Obst und Gemüse legen, bevor sie die Gemüsewaage betätigen. Auch dieses kommt zum Gewicht der Produkte hinzu.

Demnach sei dem Sparsamen geraten: das Gemüse zuerst auf die Waage, nachher ins Sackerl. Und dem noch Sparsameren: Beim nächsten Kauf edlen italienischen Prosciuttos möge man darum bitten, die Trennfolie zwischen den Schinkenscheiben einfach wegzulassen.

Der etwas andere Urlaubs-Snack

Wenn sich die Regierungschefs der sogenannten Visegrád-Staaten treffen (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn), geht es normalerweise um große Themen wie Europas Flüchtlingspolitik und das Verhältnis zu Russland. Nicht aber im März dieses Jahres. Da setzten die Politiker ein anderes Thema auf ihre Agenda. Die Lebensmittel in Osteuropas Supermärkten seien von schlechterer Qualität als die gleichen Waren im Westen, beklagten die Visegrád-Regierungen. Ein Missstand, gegen den sie nun bei der Brüsseler EU-Kommission vorgehen wollen. Der Osten sei die „Mülltonne“ Europas, sagt der tschechische Agrarminister Marian Jurečka. Das Gerücht kursiert bereits seit den Jahren der Wende. Nun will es eine Studie der ungarischen Lebensmittelaufsichtsbehörde ŠVPS -einmal mehr -bewiesen haben. Darin wurden 24 Produkte aus ungarischen und österreichischen Geschäften verglichen. Ergebnis: Die Marzipanschokolade der Marke Ritter Sport sei in Österreich „zarter“, das Nutella von Ferrero „cremiger“, die Nudelsuppe von Knorr enthalte mehr Fleischstückchen. Sogar die Manner-Schnitten sollen „knuspriger“ sein. Derartige Studien werden regelmäßig durchgeführt – und die Ergebnisse sind immer ähnlich. Im Jahr 2011 etwa stellte der slowakische Verbraucherschutzdienst eine schlechtere Qualität bei Nescafé, Kotányi-Pfeffer und Coca-Cola im Vergleich zu West-Produkten fest (nur Milka-Schokolade erwies sich hüben wie drüben als gleich). Coca-Cola etwa werde im Westen mit teurerem Kristallzucker gesüßt, im Osten komme billigere Isoglucose aus Maisstärke zum Einsatz, so die Studie.

Die Unternehmen weisen die Anschuldigungen von sich. Manche -zum Beispiel der Wiener Süßwarenproduzent Manner -beharren darauf, dass in Ost und West die exakt gleichen Produkte angeboten worden. Andere -etwa das Management von Coca-Cola in Tschechien -räumen zwar ein, dass es Unterschiede gibt. Diese seien jedoch einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass Geschmäcker regional unterschiedlich seien. Nutella beispielsweise basiert auch in Frankreich, Spanien und Italien auf einer anderen Rezeptur als in Deutschland und Österreich. Dort ist es weicher und enthält weniger Kakao. Warum? Damit es sich besser auf das im romanischen Raum weitverbreitete Weißbrot schmieren lässt. In jedem Fall: Wer beim nächsten Adria-Urlaub einen Supermarkt betritt, sollte von den Produkten lieber nicht zu viel erwarten -selbst, wenn sie von zu Hause wohlvertraut erscheinen.

Flug ins Ungewisse

Wer einen Urlaub plant, ordert die dazugehörigen Flüge heutzutage oft auf einer Buchungsplattform im Internet. Zum Beispiel von Wien in die thailändische Hauptstadt Bangkok. Das deutsche Reiseportal fluege.de zeigt sogleich den Preis von 460 Euro an. Günstig, mag man da erfreut denken. Und nach Eintippen seiner Daten sogleich auf „Buchen“ klicken.

Allerdings: Während des Buchungsvorgangs verteuert sich der Preis. Er beträgt am Ende 510 Euro. Eine „Servicepauschale“ von stolzen 50 Euro ist hinzugekommen.

Hohe Aufschläge, die erst im Verlauf der Buchung angezeigt werden, sind gängige Praxis bei vielbenützten Buchungsplattformen, klagt die EU-Kommission. Dieser Tage veröffentlichte das Ressort von EU-Verbraucherschutzkommissarin Vera Jourová eine Analyse, wonach 235 von insgesamt 352 Portalen irreführend über ihre Preise informieren würden. Jourová sandte Mahnschreiben an deren Betreiber. Die Praxis verunmöglicht Preisvergleiche. Bei der fluege.de-Buchung gibt es den billigeren Preis von 460 Euro zwar tatsächlich – aber nur unter einer besonderen Bedingung: Man benötigt eine spezielle Kreditkarte, die sogenannte „fluege.de Mastercard Gold“. Diese besitzt selbstredend kaum jemand.

Die Höhe der Aufschläge der Flugplattformen ändern sich mitunter von Tag zu Tag -je nach aktueller Frequenz auf der Website. Juristen wie der deutsche Reiserechtsexperte Peter Hense nennen die Praxis „hochgradig illegal“. Denn eigentlich schreibt eine EU-Verordnung seit dem Jahr 2008 vor, dass der Endpreis bei Online-Käufen von Anfang an auszuweisen sei. Allerdings: Daran halten sich viele Plattformen schlicht nicht.

Drama vor verschlossenen Türen

Schon einmal passiert? Die Tür zur eigenen Wohnung ist verschlossen. Der Schlüssel ist irgendwo. Nur nicht hier. Möglicherweise gestohlen. Oder drinnen in der Wohnung.

In diesem Fall hilft oft ein Aufsperrdienst. Er offeriert seine Dienste im Internet oder auf dem Schwarzen Brett im Stiegenhaus. Die Handwerker sind ständig verfügbar. Sie ebnen den Weg zurück in die Wohnung. Und alles ist wieder gut. Oder auch nicht. Viele Kunden klagen über extrem schlechte Erfahrungen mit den Diensten. Bei einem Test des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) im Jahr 2015 erhielten elf von 14 Schlüsseldiensten die Bewertung „nicht zufriedenstellend“. Beklagt wird etwa, dass die Dienste viel höhere Preise verlangen als zuvor am Telefon vereinbart. Oder dass die Türschlösser beim Einsatz zerstört werden, obwohl dies nicht notwendig gewesen wäre.

Im Internet gibt es Klagen ohne Ende. In Wien beispielsweise beschweren sich derzeit Hunderte Kunden über den 24-Stunden-Notdienst eines gewissen Zakhir Mutaskhanov, der neben Aufsperrservices etwa auch Installateur-Arbeiten anbietet. „Ein Mitarbeiter dieser Firma kam gegen 23 Uhr und benötigte für seine Arbeit gut eine Stunde“, erzählt ein Kunde der Online-Zeitschrift „konsument.at“.“Dafür stellte er knapp 2900 Euro in Rechnung. () Er beharrte nachdrücklich auf sofortiger Barzahlung beziehungsweise einer Online-Überweisung.“ Der Kunde zahlte, weil er davon ausging, dass die Haushaltsversicherung ohnehin die Kosten übernehmen würde. Dann folgte das böse Erwachen. Denn die Versicherung zahlt nicht, wenn es sich um Wuchergeschäfte handelt. Mitunter reichen die Umtriebe gar ins Kriminelle. Bis vor Kurzem ermittelte die Staatsanwaltschaft Wien wegen Betrugs gegen ein EU-weites Netzwerk an Aufsperrservices, mutmaßlich mit Zentrale in Deutschland. Allerdings seien die Ermittlungen eingestellt worden, weil der Verdacht nicht erhärtet werden konnte, erklärt Diana Horvath, Leiterin des Rechtsreferats der Sparte Gewerbe und Handwerk der Wiener Wirtschaftskammer.

Für Bewohner, die vor verschlossenen Türen stehen, hat die Wirtschaftskammer jedenfalls mehrere Tipps parat. Zunächst: Services, die nur per 0800er-Nummer erreichbar sind, soll man gar nicht erst anwählen. Ebenso ist Vorsicht geboten, wenn sich ein deutsches Callcenter meldet und die Rechnungsadresse des Unternehmens nicht in Österreich liegt. Ist der Schlüsseldienst-Handwerker einmal vor Ort, sollte man schließlich überhöhte Forderungen keinesfalls mittels Barzahlung oder Sofortüberweisung begleichen -sondern auf einen Erlagschein bestehen.

Bis vor Kurzem ermittelte gar die Wiener Staatsanwaltschaft gegen ein EU-weites Netzwerk an Aufsperr-Services.

Luft nach oben

Da staunten die Briten. Im November 2016 stellten sie fest, dass bei der bekannten Traditionsschokolade Toblerone plötzlich nur noch halb so viele Schoko-Gipfelchen in die Höhe ragen. Gleiche Verpackung, gleicher Preis -aber mehr Luft statt Schokolade. Der Besitzer von Toblerone, der US-Konzern Mondelez, rechtfertigte die Maßnahme indirekt mit dem Brexit: Die damit einhergehende Schwächung des britischen Pfundes habe dazu geführt, dass sich die Zutaten für Schokolade verteuert hätten, so Mondelez. Aber Toblerone ist kein Einzelfall. Konsumentenschützer und Kunden kennen gar einen eigenen Begriff dafür, wenn die Produktverpackung gleich bleibt, aber plötzlich weniger drinnen ist: Mogelpackung. Die kleingedruckte Gewichtsangabe auf derselben verändert sich zwar richtigerweise -aber dies fällt kaum jemanden auf, weil sonst alles gleich bleibt. Anders formuliert: Über eine unauffällige Mengenverminderung wird eine Preiserhöhung betrieben.

Beispiele gefällig? Das Vitalis-Früchtemüsli von Dr. Oetker beinhaltet neuerdings statt 600 Gramm nur noch 500, bei gleicher Schachtel und gleichem Preis (2,99 Euro). In einer Packung Pampers-Babywindeln des US-Konzerns Procter & Gamble finden sich statt bisher 66 nur noch 60 Stück. Ähnliches gilt für Persil-und Ariel-Waschmittel, Kit-Kat-und Mars-Riegel, Knorr-und Heinz-Ketchup. Die versteckten Preiserhöhungen bei diesen Waren betragen jeweils zwischen vier und 30 Prozent. Diese Angaben hat die deutsche Verbraucherzentrale Hamburg erhoben, weitgehend gelten sie wohl auch für Österreich.

Manche Hersteller lassen sich besonders raffinierte Tricks einfallen. Zum Beispiel der deutsche Henkel-Konzern, wie „Der Konsument“ 2011 berichtet. Dessen Handgeschirrspülmittel Pril beinhaltete plötzlich nur noch 680 statt 750 Milliliter – bei unveränderter Flaschengröße. Kaschiert wurde die Reduktion dadurch, dass die Flasche nun blau statt durchsichtig war.

Die Lebensmittelkonzerne reagieren immer gleich auf die Kritik. Bei Produkten in kleinen Säckchen, wie Chips, wird häufig das sogenannte Packgas ins Treffen geführt: Es brauche den Luftanteil, damit das Produkt frisch bleibt. Bei anderen Waren wird mit verbesserten Inhaltsstoffen argumentiert. Die geschrumpfte Füllmenge des Vitalis-Müslis etwa begründet das Dr.-Oetker-Management damit, dass dieses neuerdings Preiselbeeren oder Papayastücke enthalte – hochwertigere und teurere Früchte als bisher. Bleibt trotzdem die Frage: Wenn der Inhalt in der Müsli-Packung weniger wird, warum verändert sich dann ehrlicherweise nicht auch die Packung? Dem Konsumenten jedenfalls sei geraten, einen genauen Blick auf die Füllmenge zu werfen.

Geld gezapft

Die nicht ganz so gut organisierten Autofahrer kennen das: Kaum auf der Autobahn, bemerkt man, dass Tanken gelohnt hätte. Denn dort ist der Sprit bekanntlich empfindlich teurer. Preisaufschläge von zehn Prozent aufwärts sind eher die Regel denn die Ausnahme. Warum ist das so?

profil fragte beim Fachverband der Mineralölindustrie in der Wirtschaftskammer nach. Die höheren Preise hätten „gute Gründe“ erklärt man dort: Die Betriebskosten für Autobahntankstellen seien für die Unternehmen deutlich höher als an Standorten abseits der Autobahn. Schon beim Bau fielen überdurchschnittlich hohe Kosten an. Es müsse eine Mindestanzahl an Zapfsäulen vorhanden sein sowie ein gut ausgebauter Parkplatz. Außerdem müsse die Tankstelle rund um die Uhr in Betrieb sein, was einen entsprechenden Personaleinsatz erfordere. Dazu kommt: Die Anlagen würden nach der Errichtung an den Bund übergeben und dann von den Mineralölunternehmen zurückgepachtet. Dies bedeute zusätzliche Kosten, so ein Sprecher des Fachverbands. „Der undifferenzierte Vergleich mit den günstigsten Stationen abseits der Autobahn, möglicherweise sogar mit Automatentankstellen, ist daher unzulässig“, bescheidet man unmissverständlich.

Bei der Asfinag (Autobahnen-und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft), die im Auftrag des Bundes für die Verpachtung der Tankstellen zuständig ist, ist man anderer Meinung. Denn zumindest was die Pacht betrifft, würden die Autobahntankstellen kaum mehr kosten als alle anderen. „Die Höhe der Pacht entsteht aus einem Bieterverfahren und beträgt etwa 2,5 bis drei Prozent des Umsatzes“, sagt Karl-Christian Petz, Leiter der Abteilung Raststationen und Liegenschaften. Das sei auch bei Tankstellen im „untergeordneten Netz“ nicht unüblich. „Wegen der Pacht höhere Preise auf Autobahntankstellen zu argumentieren, ist für uns nicht nachvollziehbar“, sagt Petz.

Fazit: bei der nächsten längeren Ausfahrt rechtzeitig einen Blick auf die Tankuhr werfen -und an der Landstraße tanken.

Kleidergrößen machen Leute

W 28 L32. Für manche ist das der Code für die perfekte Jeans. Dahinter verbergen sich 71 Zentimeter Bundweite und 81 Zentimeter Schrittlänge. Möchte man zumindest glauben. Doch jeder, der gelegentlich Kleidung kauft, weiß, dass es sich dabei meist nur um Annäherungswerte handelt. Wer sich im Shop zielstrebig und vertrauensselig für die gewohnte Größe entscheidet, hat oft ein ziemlich frustrierendes Erlebnis. In der Umkleidekabine muss man dann feststellen, dass das gute Stück an allen Ecken und Enden zwickt und kneift. Einen Laden weiter schlabbert einem ein anderes Modell in der gleichen Größe dafür um die Oberschenkel.

Konfektionsgrößen sind nicht gesetzlich festgelegt. Es gibt keine Norm, an die sich Hersteller halten müssten, sondern lediglich Größentabellen zur Orientierung. Solche Daten sind erstmals aus dem Jahr 1875 überliefert. Damals wurden Wehrpflichtige vermessen, um Durchschnittskörpermaße zu erforschen. Das deutsche Hohenstein Institute führt seit 1957 sogenannte Reihenmessungen durch. Die Ergebnisse werden an Modefirmen verkauft. Dennoch herrscht Chaos.

Beim schwedischen Modediskonter H& M etwa darf, wer Hosen in Größe 38 erwerben will, einen Taillenumfang von 72 Zentimetern haben, während der Textilkonzern Zara seine Beinkleider von vornherein zwei Zentimeter enger näht. Die Erklärung dafür ist durchaus plausibel: Die Hersteller richten sich nach den Durchschnittsmaßen der Kunden in ihren Herkunftsländern. In Spanien, dem Heimatland von Zara, sind Menschen meist zierlicher und kleiner als in H &M-Skandinavien.

Doch nicht nur jedes Land, auch jedes Label interpretiert Konfektionsgrößen unterschiedlich. Denn Modemacher wissen um die Eitelkeit ihrer Kunden. Und so etikettieren sie beispielsweise Kleidungsstücke, die eigentlich Größe 40 sind, als 38. „Vanity sizing“, auf Deutsch Schmeichelgrößen, nennen sie das in der Branche. Und Hand aufs Herz: Wer fühlt sich nicht gleich viel attraktiver, wenn die Hose plötzlich eine Nummer kleiner passt. Ganz ohne freudlose Diät. Kunden belohnen diese Schummelei gerne durch Markentreue. Oft kosten dieser Art manipulierte Stücke deutlich mehr als ehrliche Ware.

Viel fieser sind jedoch sogenannte Statusgrößen: Die findet man vorwiegend in internationalen Modeketten, die eine sehr junge Zielgruppe ansprechen – eine, die ohnehin häufig den Schlankheitswahn zu weit treibt. Bei jungen Frauen gelten kleine Größen als Statussymbol. Bei der italienischen Modemarke Brandy Melville, die in Österreich mit einem Store auf der Wiener Mariahilfer Straße vertreten ist, gibt es überhaupt nur eine Einheitsgröße. Wer in die knappen Tops nicht hineinpasst, hat Pech gehabt. Die Modemacher schneidern sich so ihre Zielgruppe zurecht. Da müssen sich Kunden an die Kleidung anpassen -und nicht umgekehrt.

Die International Organization für Standardization hat nun wieder einmal einen Versuch gestartet, Ordnung in die Kleidungsanarchie zu bringen. Mit einer überarbeiteten Version der ISO-Norm 8559 will sie Größenmarkierungen weltweit anpassen. Unter anderem deshalb, um die Retourenquote von Online-Händlern zu reduzieren. n

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Das war meine Woche

Aus profil 15/2017

Kolumne: Joseph Gepp

Ich frage mich, wann ich zuletzt einen 500-Euro-Schein in der Hand hielt. War das beim Kauf eines Laptops? Ich erinnere mich nicht mehr. Der Fünfhunderter wird abgeschafft, beschloss die EZB vor einem Jahr. Er sei häufig „ein Instrument für illegale Aktivitäten“, so Präsident Mario Draghi. Ein ähnliches Ziel verfolgt die EU-Kommission: Sie wünscht sich eine Obergrenze für Barzahlungen. Diese gibt es bereits in zahlreichen EU-Staaten – gemeinhin liegt sie bei einigen Tausend Euro. Nun fordert sie die Kommission auch für den Rest, inklusive Österreich. Kritiker sehen darin Vorboten einer Totalabschaffung des Bargelds. Vor allem Banken würden dies betreiben, heißt es. Dann können sie uns per Negativzins skrupellos schröpfen. Doch die Kritiker sollten noch einmal überlegen. Draghi selbst garantiert den Erhalt des Bargelds. Genauso die deutsche Kanzlerpartei CDU. Österreichs Nationalbank versichert, dass man noch in 50 Jahren mit Bargeld zahlen werde. Freilich, derlei Statements sind für Kritiker nur Indizien, dass der Plan perfide kaschiert wird. Aber auch das Argument, dass hohe Bargeldsummen Kriminellen nützen, ist nicht von der Hand zu weisen. Zwar ist die Rolle des Baren für illegale Geschäfte schwer zu quantifizieren und unter Experten umstritten. Allerdings zeigt der Blick in die Praxis: Die Aufklärung von Korruption, Steuerhinterziehung und illegaler Parteienfinanzierung scheitert oft daran, dass sich die Spur des Geldes verliert, weil es in bar abgehoben wurde. Oder haben Sie schon von Geldkoffern gehört, in denen Kreditkarten lagen? Fazit: Ein Verbot, allzu hohe Summen bar zu begleichen, ist wohl nicht blöd. Jedenfalls muss nicht gleich der dunkle Plan des totalen Bargeldverbots dahinterstecken. Übrigens: Wann hielten Sie zuletzt einen 500er in Händen? Eben.

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Höhenrausch

Aus profil 14/2017

Kommen Stadtpolitiker den Investoren bei Hochhausprojekten zu weit entgegen? Konflikte um diese Frage toben hauptsächlich in Wien. Nun rebelliert auch in Linz eine Schar Architekten gegen den SPÖ-Bürgermeister.

Von Joseph Gepp

Wie gehen Stadtpolitiker mit finanzstarken Investoren um, die Hochhäuser errichten wollen? Wenn in Österreich um diese Frage gestritten wird, dann meist in Wien. Hier sind die Grundstücke wertvoll; Investoren spitzen auf Gewinnchancen. Momentan zu besichtigen: der Streit um den geplanten Neubau des Intercont am Heumarkt.

Über derlei Konflikte gerät aus dem Blick, wie es anderswo in Österreich um die Hochhaus-Frage bestellt ist. Nun schlägt eine Initiative von Architekten um August Kürmayr Alarm. Und zwar in der oberösterreichischen Hauptstadt Linz.

In einer Beschwerde an die Volksanwaltschaft erhebt die Gruppe Vorwürfe gegen das Rathaus der 200.000-Einwohner-Stadt unter SPÖ-Bürgermeister Klaus Luger. Es grassiere Wildwuchs, so das Fazit. Bebauungspläne würden willkürlich abgeändert, um Hochhäuser nach dem Willen ihrer Bauherren zu ermöglichen. „Die Stadt Linz kommt ihren Grundaufgaben der Raumplanung nicht (mehr) nach.“ Und: „Die Rechtssicherheit von bestehenden Bebauungsplänen ist im gesamten Stadtgebiet nicht mehr gegeben.“

Linz wächst rasant. Im vergangenen Jahrzehnt hat die Bevölkerung um fast ein Zehntel zugelegt. Herausfordernde Zeiten für Stadtplanung und -politik. Es gilt einerseits, die Voraussetzungen für neuen Wohnraum zu schaffen. Zugleich jedoch stellen gerade Hochhäuser eine sensible Angelegenheit dar (hier eine Geschichte von 2010 zu Hochhäusern und Stadtplanung). Zwar sind sie unter Investoren beliebt, weil sich dank ihnen viele Wohnungen oder Büros auf wenig Platz unterbringen lassen – was die Rendite erhöht. Allerdings können Hochhäuser auch zur Belastung werden. Stadtplaner müssen deshalb etwa auf ausreichende öffentliche Anbindungen der Großbauten achten, damit Stadtviertel nicht im Autoverkehr ersticken. Es braucht Strategien gegen zu viel Schatten und Winde rundherum. Und Konzepte, damit der öffentliche Raum nicht verödet, weil die Erdgeschosse schlecht gestaltet sind.

Linz: Hochhauspläne sorgen für Konflikte (Wikipedia)

Allesamt Aufgaben und Qualitäten, die das Rathaus derzeit nicht erfüllt, sagt Lorenz Potocnik, Gemeinderat der oppositionellen NEOS und selbst Architekt. Seit dem Jahr 2003 gebe es in Linz keine unabhängige Stadtplanung mehr. Damals ging ein langjähriger und einflussreicher Stadtbaudirektor in Pension. „Seither wird die Abteilung ausgedünnt und die Beamtenschaft geschwächt.“ Eine Entwicklung, die kein Zufall und vom Bürgermeister gewollt sei: „Er befürwortet Hochhäuser und will sich seine Spielräume von Fachbeamten nicht nehmen lassen.“ In der Planungsabteilung der drittgrößten Stadt Österreichs (hinter Wien und Graz) arbeitet nur eine Handvoll Leute. „Und darunter findet sich kein einziger ausgebildeter Architekt und Stadtentwickler“, so Potocnik. Konsequenz: Nicht die Stadt bestimmt, wo sie gern Hochhäuser hätte – sondern Investoren treten mit Ideen ans Rathaus heran. Stadtentwicklungs-und Hochhauspläne wie in anderen Ballungsräumen gibt es für Linz nicht. Solcherart komme „eine Grundaufgabe der Raumplanung“ unter die Räder, so die Architekten in der Beschwerde. Statt einer „geordneten und abgestimmten Raumplanung für ein größeres Gebiet“ würden „punktuell“ Hochhausprojekte realisiert – unabhängig davon, welche Regeln für Gebäude rundherum gelten. Für das jeweilige Projekt erlässt der rot-blau dominierte Gemeinderat eben eine Ausnahme.

So geschehen am Bulgariplatz, kreisförmig und bisher einheitlich bebaut. Dort errichtet das Linzer Immobilienunternehmen Hofmann+Partner einen Wohnturm von 66 Metern. „Im extremen Widerspruch zu allen bestehenden Bebauungen am Platz“, urteilen die Architekten. Erlaubt sind hier Höhen bis 16 Meter.

Oder im Stadtteil Urfahr. Gestattet sind Gebäudehöhen von 24 Metern; nun soll bis 2020 der „Bruckner Tower“ errichtet werden. Höhe: rund 80 Meter.

Oder unweit davon, in der Kaarstraße. Neben einem Gründerzeithaus tut sich eine schmale Baulücke auf. Dort will ein Team um den Weingroßhändler Jürgen Penzenleitner einen 75-Meter-Turm errichten, versehen mit Terrassen. Architektonisch erfährt die Idee zwar Lob. Doch in städtebaulicher Hinsicht laufen die Architekten Sturm: Das Hochhaus, das zwischen die älteren Bauten geklemmt werden soll, „widerspricht jeder sinnvollen städtebaulichen Zielsetzung“.

Bewilligt werden diese Projekte immer gleich. Sie passieren den sogenannten „Gestaltungsbeirat“. Dabei handelt es sich um vier Architekten, die im Auftrag der Stadt Linz alle zwei Monate zusammentreffen. Ursprünglich war der Beirat dafür vorgesehen, Kleinprojekte wie Dachausbauten und Fassadengestaltungen hinsichtlich ihrer Auswirkung auf das Stadtbild zu prüfen. Heute entscheidet er auch über Hochhäuser. Befindet der Beirat ein Projekt für gut, folgt der Segen im Gemeinderat. „Der Beirat ist mit dieser komplexen Stadtentwicklungsaufgabe überfordert“, so NEOS-Mandatar Potocnik. Dafür sei er nicht geschaffen. Im Fall Kaarstraße bekannte dies der Beirat gar selbst ein: Ende 2016 weigerte er sich, eine Empfehlung abzugeben. Die Entscheidung, so der Beirat laut Protokoll, müsse „auf politischer Ebene getroffen werden“.

Was sagt der Linzer SPÖ-Bürgermeister zu all der Kritik?“Ich bekenne mich sehr offensiv dazu, dass in Linz höher gebaut wird“, so Luger. Der Bevölkerungsanstieg und die knappen Flächen erfordern dies. „Natürlich gibt es in Linz klare Kriterien für die Errichtung von Objekten.“ Einen übergreifenden Hochhausplan für die Stadt lehnt Luger zwar ab: „Eine Definition derartiger Zonen würden Investoren erst recht verlocken, das Maximum aus verfügbaren Flächen herauszuholen.“ In Linz würden stattdessen eben Gestaltungsbeirat und Planungsabteilung achten, dass sich Hochhäuser gut in die Stadt einfügen. Dass diese Einrichtungen zahnlos seien, dementiert Luger. „Die Politik ist gewählt, dafür zu sorgen, wie sich die Stadt entwickelt. Das machen wir. Die personelle Ausstattung der Planungsabteilung ist ausreichend.“ Im Übrigen, sagt Luger, seien Hochhäuser in Linz ein „hochemotionales Thema“.

Dies liegt auch daran, dass sich die Stadtpolitiker schon einmal an einem Hochhausprojekt die Finger verbrannten. Im Jahr 1975 eröffnete eine Wohnbau-Tochter der Voest zwei 20-stöckige Türme auf dem Harter Plateau, gleich neben der Stadt. Der damalige Linzer SPÖ-Bürgermeister Franz Hillinger hatte sich für das Projekt starkgemacht. Aber den Türmen war kein gutes Schicksal beschieden. Bald sandelten sie ab. Die Bewohner klagten über Baumängel und Vandalismus. Im Jahr 2003 schließlich, nur 28 Jahre nach Eröffnung, wurden die Türme auf dem Harter Plateau gesprengt. Heute stehen dort kleinere Gebäude.

SCHLECHTE ERFAHRUNGEN Im Jahr 2003 wurden auf dem Harter Plateau bei Linz zwei Wohntürme gesprengt.

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Gaddafis Geld

Aus profil 14/2017

März 2011. Die Österreichische Nationalbank (OeNB) verlautbart, dass libysches Staatsvermögen in der Höhe von mindestens 1,2 Milliarden Euro in Österreich veranlagt sei. Wegen der Sanktionen werde das Geld eingefroren, so die OeNB. Dikator Muammar al-Gaddafi hat da gerade mit einem Aufstand zu kämpfen. Einige Monate später wird er in der Stadt Sirte getötet; mittlerweile versinkt Libyen in einem Bürgerkrieg. Was wurde aus den 1,2 Milliarden? Dies hätte der Wiener Transparenz-Aktivist Mathias Huter gern von der OeNB gewusst. Huter stellte eine Anfrage nach dem Auskunftspflichtgesetz. Antwort: „Aufgrund Verschwiegenheitspflichten können keine Informationen erteilt werden.“

Unterhielt zeitlebens intensiv geschäftliche Kontakt nach Österreich: Muammar Al Gaddafi

Wie profil aus Bankenkreisen erfahren hat, scheint das Geld vor allem offiziellen libyschen Einrichtungen zuzurechnen zu sein: konkret der Zentralbank sowie dem Staatsfonds (LIA -„Libyan Investment Authority“). Für diese Einrichtungen sind die Sanktionen inzwischen aufgehoben. Etwaige Kontenbesitzer könnten also das Geld in Österreich abheben. Ob dergleichen seit 2011 geschehen ist, unterliegt tatsächlich dem Bankgeheimnis -man weiß es also nicht. Eine wichtige Frage ist aber: Steht überhaupt fest, wer die Inhaber sind? Hat in Libyens Kriegswirren noch jemand den Überblick über die Vermögenswerte?“Die Frage der Rechtsnachfolge in Libyen ist derzeit alles andere als geklärt“, sagt der deutsche Libyen-Experte Andreas Dittmann. Die vom Westen anerkannte Regierung ist aus der Hauptstadt Tripolis nach Tobruk geflohen. Unterschiedliche Kriegsparteien gründen ihre eigenen Zentralbanken. Beim Staatsfonds LIA erheben derzeit laut Medienberichten gleich zwei Personen Anspruch auf die Führung.

Unter Gaddafi war der Staatsfonds auch in Österreich engagiert. Die NGO „Global Witness“ präsentierte im Jahr 2010 eine interne Liste mit LIA-Beteiligungen. Darauf finden sich etwa der Ziegelkonzern Wienerberger (0,58 Prozent), Raiffeisen International (0,20 Prozent) und die Bank-Austria-Mutter UniCredit (13,16 Prozent).

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Operation M4

Aus profil 13/2017

Zoltán Aczél ist ein Wiener Lobbyist mit besten Kontakten zum Baukonzern Strabag und in die Politik. Nun saß er in Ungarn wegen Korruptionsvorwürfen in U-Haft.

Von Joseph Gepp

Läuft das Geschäft einmal gut, braucht es keine Werbung mehr. Die Lobbying-Agentur „ACZ Beratungs GmbH“ in der Wiener Innenstadt ist nur Eingeweihten bekannt; sie hat nicht einmal eine Website. Doch das Unternehmen muss nicht über Kundenmangel klagen. Es liefert Orientierungshilfe für österreichische und internationale Konzerne im Dickicht der Politik und Märkte Osteuropas. Die ACZ wird von zwei Geschäftsleuten betrieben, die in derlei Dingen Erfahrung haben: dem ungarischstämmigen Wiener Zoltán Aczél sowie Alexander Zach, ehemals Nationalratsabgeordneter des Liberalen Forums (LIF).

Heute allerdings gibt es Ärger. Die Vorwürfe drehen sich um einen der beiden ACZ-Gründer, Zoltán Aczél, 39 Jahre alt, ebenfalls ehemaliger LIF-Politiker. Wie profil aus Kreisen der ungarischen Justiz erfahren hat, saß Aczél im vergangenen Oktober in der ungarischen Hauptstadt Budapest fast drei Wochen lang in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe lauten auf Beihilfe zur Bestechung ungarischer Politiker im Zusammenhang mit dem französischen Transportkonzern Alstom, um Aufträge für den U-Bahn-Bau in Budapest zu erlangen. Das mutmaßliche Schmiergeld soll unter anderem über österreichische Firmen geflossen sein. Inzwischen ist Aczél wieder auf freiem Fuß. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Der Öffentlichkeit war diese Causa bisher nicht bekannt. Aczél dementiert im profil-Telefonat zunächst erbost: Die Geschichte mit der U-Haft sei ein „böses Gerücht“. Allerdings hätte profil dies gerne auch schriftlich gehabt („Haben Sie Kenntnis von Ermittlungen der ungarischen Behörden gegen Sie? “, „Waren Sie in Budapest in U-Haft?“). Auf diese E-Mail verweigert Aczél eine klare Antwort: „Ich werde mich an politischen Spielen nicht beteiligen.“ Er verweist auch darauf, dass – unabhängig von etwaigen Ermittlungen in Ungarn – in Österreich zur selben Causa bereits ein Verfahren gegen ihn stattgefunden habe. Dieses sei 2014 ohne Ergebnis eingestellt worden.

Vorwürfe dieser Art wurden jedenfalls schon einmal gegen Aczél laut – und zwar in Österreich. Im Jahr 2006 tauchten Hinweise auf, wonach die heimische Strabag, Europas sechsgrößter Baukonzern, gezielt Kontakt zu ungarischen Parteien gesucht haben könnte. Mutmaßliches Ziel: die Beeinflussung der Vergabe von Bauaufträgen zugunsten der Strabag. Die Aktion lief über Aczéls und Zachs damaliges Unternehmen, die Lobbying-Agentur Eurocontact, Vorgängerin der ACZ. Alle Beteiligten wiesen die Vorwürfe zurück. Ein Korruptionsverfahren der österreichischen Justiz gegen Strabag-Gründer Hans Peter Haselsteiner wurde 2013 eingestellt. Es sei keine Straftat nachweisbar, berichtete die Austria Presse Agentur (APA).

Und heute? Den Hintergrund der aktuellen Vorwürfe bildet ein Bauskandal in Ungarn, der derzeit für Wirbel sorgt (siehe profil 12/17). Rund um den Bau der U-Bahn-Linie 4 (M4) in Budapest zwischen 2004 und 2014 soll sich Ungarns „größter Korruptionsfall seit dem EU-Beitritt“ abgespielt haben, tönt die nationalkonservative Regierung Viktor Orbáns. Die Affäre fand – praktisch für Orbán – unter der Ägide der sozialliberalen Vorgängerregierungen statt. Mögliche Schadenssumme: Hunderte Millionen Euro.

Auch der Alstom-Konzern soll sich unrechtmäßiger Methoden bedient haben, um den Zuschlag für die Lieferung für U-Bahn-Züge zu ergattern. In Großbritannien ermittelt deshalb laut „Financial Times“ das Serious Fraud Office gegen die britische Alstom-Niederlassung. Vergangenen Herbst wurde auch die Budapester Oberstaatsanwaltschaft aktiv. Verdacht: Über fingierte Beraterverträge mit Lobbying-Agenturen soll Alstom im Jahr 2006 an – bisher unbekannte – ungarische Politiker Schmiergeld bezahlt haben. Konkret soll es über Aczéls und Zachs Eurocontact in Wien geflossen sein, sowie eine weitere Firma namens Hansen Consulting ApS in Dänemark. Es soll sich um insgesamt um rund sieben Millionen Euro handeln. Alstom-Sprecherin Justine Rohée will auf profil-Anfrage zu den Ermittlungen keine Stellung nehmen. Alstom kooperiere mit den Behörden, heißt es nur.

Korruptionsvorwürfe rund um Budapests M4

Auf Details stößt man, wenn man die Firmenbücher der jeweiligen Länder durchforstet. Eine Hansen Consulting ApS in Kopenhagen gab es bis 2012 tatsächlich. Sie war an einer Firma Barrage Consulting GmbH in Wien beteiligt, die bis 2007 existierte. Einer der Gesellschafter dieser Barrage: ein Mann namens Géza Terner, ungarischstämmiger Geschäftsmann in Wien – und Zoltán Aczéls Schwiegervater. Wie profil 2008 berichtete, standen die Barrage und die Eurocontact in engem geschäftlichen Kontakt.

Géza Terner taucht aber noch bei einem weiteren Unternehmen in Dänemark als ehemaliger Geschäftsführer auf: einer Power Investments ApS. Diese hatte phasenweise denselben Co-Geschäftsführer wie die Hansen Consulting, einen dänischen Rechtsanwalt. Die Power Investment wiederum gehört einer Firma mit Sitz in der Stadt Auckland in Neuseeland. Deren Adresse entspricht jener einer Treuhänder- und Vermögensverwalteragentur. Diese wirbt auf ihrer Website mit einem „hohen Level an Diskretion“ und Erfahrung bei der Schaffung „grenzüberschreitender Strukturen zur Vermögensverwaltung“. Die neuseeländische Firma wird also offenbar treuhändisch verwaltet. Wer als Eigentümer fungiert, bleibt geheim.

Im profil-Telefonat räumt Aczél zwar ein, dass es einen Beratungsvertrag zwischen Alstom und seiner ehemaligen Eurocontact gegeben habe. Allerdings: Es habe sich eben um eine ganz normale Beratung gehandelt. Dies habe auch die österreichische Justiz bereits festgestellt, betont Aczél. Bis zum Jahr 2014 hat Österreichs Korruptionsstaatsanwaltschaft die Causa Alstom untersucht. Schließlich wurden Ermittlungen gegen Aczél wegen Geldwäscherei, Beitrags zur Untreue und Bestechung eingestellt. Die ungarischen Behörden wurden damals dem Vernehmen nach von den Österreichern um Mithilfe gebeten, zeigten sich aber kaum motiviert. Sollten nun aktuelle Ermittlungen der Ungarn stattfinden – Aczél behauptet ja, nichts davon zu wissen -, dann seien diese aufgrund der vorangegangenen Untersuchung in Österreich nicht gerechtfertigt, so Aczél.

In Österreich jedenfalls sorgten die Geschäfte des Zoltán Aczél auch schon früher für Kontroversen – nicht nur im Zusammenhang mit der Strabag. Im Jahr 2007 etwa berichtete profil, dass Aczél und Zach 2003 für Eurofighter lobbyiert haben. 2009 berichtete profil weiters, dass sich auch Ex-ÖVP-Innenminister Ernst Strasser (inzwischen wegen einer anderen Korruptionscausa verurteilt) nach seiner Ära als aktiver Politiker am Unternehmen von Aczél und Zach beteiligt hatte.

Diese Berichte sorgten auch deshalb für Aufsehen, weil Aczél und Zach politisch tätig waren. Zach saß für das LIF im Parlament, und war Bundesobmann der Partei; Aczél fungierte als LIF-Generalsekretär und Vorstand des Liberalen Bildungsforums. 2008 legten beide Männer infolge der Vorwürfe ihre Funktionen nieder; das LIF ging später in den NEOS auf.

Finanziell unterstützt worden war das LIF zuvor laut Medienberichten von Haselsteiner, dessen Strabag zugleich in geschäftlichem Kontakt mit Aczél und Zach stand. Haselsteiner zeigte sich (das belegen vertrauliche Dokumente, die 2010 ans Licht kamen) derart angetan von Aczél und Zach, dass er deren Dienste gar der OMV und Erste Bank weiterempfahl. Aczél ist übrigens noch heute als Berater für die Strabag tätig, wie Arbeitsaufträge zeigen, die profil vorliegen. Die Strabag äußert sich nur knapp zur Causa. Man prüfe „die Zuverlässigkeit aller Vertrags- und Geschäftspartner regelmäßig“, so Sprecherin Diana Neumüller-Klein. „Wir werden die Angelegenheit im Auge behalten.“ Die ungarische Staatsanwaltschaft will auf profil-Anfage keine Stellung nehmen.

Derzeit jedenfalls steht nicht nur Aczél selbst im Visier der ungarischen Justiz. Korruptionsvorwürfe richten sich auch gegen seinen Schwiegervater und einst engen Geschäftspartner Géza Terner. Allerdings entzieht sich Terner, für den die Unschuldsvermutung gilt, dem Zugriff der Behörden.

Er sei nach einer vorübergehenden Festnahme untergetaucht, berichtet das ungarische Wirtschaftsmagazin „HVG“. Derzeit werde nach Terner gefahndet.

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