„Der blinde Fleck des Neokapitalismus“

Aus profil 1/2017

Man kennt sie kaum, und dennoch prägen die großen Vermögensverwalter und Staatsfonds die globale Ökonomie. Buchautor Hans-Jürgen Jakobs darüber, wem die Welt gehört.

Interview: Joseph Gepp

Sie prägen die Weltwirtschaft im Stillen: Große Vermögens verwaltungs gesellschaften wie Blackrock oder Vanguard, Staatsfonds wie jene aus China und Katar sowie finanzstarke Pensionskassen schieben jährlich Billionen Euro über den Globus. Der deutsche Journalist und Volkswirt Hans-Jürgen Jakobs legt nun ein umfangreiches Kompendium vor (Wem gehört die Welt?, Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus, Knaus, 37,10 Euro). Auf 680 Seiten beschreibt der Ex-Chefredakteur des „Handelsblatts“ die Hintermänner und -frauen dieser diskreten Einrichtungen – und er schildert die immer größere Konzentration von Kapital und Firmeneigentum in wenigen Händen.

profil: In der öffentlichen Debatte ist oft von den Märkten die Rede. Sie bestrafen Versäumnisse, belohnen Reformen oder reagieren verunsichert. Sie haben in Ihrem Buch erforscht, wer hinter diesen Märkten steckt. Wer nun?


Hans-Jürgen Jakobs:
Es gibt eine begrenzte Anzahl von Personen, die Einfluss auf die Weltwirtschaft haben. In den vergangenen Jahren haben sich vor allem zwei Gruppen in bedeutende Machtpositionen manövriert: Pensions-und Staatsfonds sowie Vermögensverwalter.

profil: Über wie viel Geld verfügen diese Institutionen?


Jakobs:
Über gigantische Summen, Billionenbeträge, die noch dazu rapide wachsen. Die Vermögensverwalter beispielsweise betreuen derzeit Gelder in der Höhe von rund 75 Billionen Dollar – das entspricht der Höhe der gesamten Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr auf der Welt entstehen.

Hans-Jürgen Jakobs (Wikipedia)

Hans-Jürgen Jakobs (Wikipedia)

profil: Es sind Unternehmen, meist aus den USA, von denen viele noch nie gehört haben – etwa Blackrock, Vanguard, Fidelity…

Jakobs:
… ja, und außerdem Staatsfonds, beispielsweise jener der Herrscherfamilie Al Thani in Katar. Erinnern Sie sich an die wichtigen Wirtschaftsnachrichten der vergangenen Wochen: Die Katarer haben gerade 50 Prozent des russischen Ölkonzerns Rosneft gekauft. Außerdem war der katarische Staatsfonds auch bei der gescheiterten privaten Rettung der italienischen Bank Monte dei Paschi di Siena als sogenannter Ankerinvestor vorgesehen. Daran erkennt man, wie sehr es auf diese Player in der globalen Ökonomie ankommt.

profil: Zu den Vermögensverwaltungen: Wer sind deren Kunden und ab wie viel Privatvermögen ist man dabei?

Jakobs: Blackrock beispielweise, der größte, agiert im Dienst von Pensionsfonds, Staatsfonds, Versicherungen und reichen Privatpersonen. Letztere müssen mindestens eine Million Euro mitbringen, um als relevant zu gelten. Blackrock ist bei vielen wichtigen Konzernen größter Aktionär. An den Unternehmen, die im deutschen Aktienindex DAX vertreten sind (den 30 größten Deutschlands, Anm.), hält Blackrock einen Anteil von elf Prozent.

profil: Sie schreiben, dass die Eigentümerschaft an Unternehmen in immer weniger Händen konzentriert sei. In Deutschland beispielsweise sind sechs der zehn größten Investoren Vermögensverwalter und Staatsfonds, neben Blackrock etwa Vanguard und der norwegische Staatsfonds. Funken derartige Aktionäre in die Firmenpolitik jener Konzerne hinein, an denen sie Anteile halten?

Jakobs: Ja, sie wollen ihre Renditevorstellung erfüllt sehen. Allerdings ist ihr Einfluss kaum sichtbar. Sie entsenden keine Repräsentanten in die Aufsichtsräte. Stattdessen gibt es direkte Termine der Vorstandschefs mit den Chefs der Vermögensverwaltungen. Dort werden kritische Fragen gestellt und Linien der Konzernpolitik besprochen.

profil: Sie sehen diese Entwicklung problematisch – aber repräsentieren die Vermögensverwalter und ihre Millionen Kunden nicht einfach die Schwarmintelligenz der Weltmärkte?

Jakobs: In der sozialen Marktwirtschaft war immer ein Ausgleich zwischen Kapital- und Gemeinwohlinteressen vorgesehen. Ein Unternehmer kämpft für die Vermehrung seines Vermögens, aber er nimmt auch eine soziale Verantwortung wahr. Genau dieser zweite Aspekt fällt im modernen Beteiligungskapitalismus unter den Tisch. Unternehmen fusionieren immer mehr, Belegschaften werden schlanker gehalten, als es nachhaltig sinnvoll wäre. Die finanzielle Rendite dominiert im Vergleich mit der sozialen. Zudem führt die immer größere Kapitalkonzentration auch zu einer ebensolchen an Eigentümern. Das schwächt den Wettbewerb und führt zu großer Marktmacht einzelner Player.

profil: Was wäre ein Ausweg?

Jakobs:
Wir brauchen ein Gegengewicht zu den schmucklosen Erwartungen des internationalen Finanzkapitals, eine neue Eigentümerkultur. Wir müssen etwa dafür sorgen, dass Familienunternehmen nicht an familieninternen Streitigkeiten kaputtgehen. Es ist auch denkbar, Mitarbeiter von Betrieben stärker am Unternehmenserfolg zu beteiligen, sie also zu Mitaktionären zu machen.

profil: Sie schreiben, dass angesichts der Kapitalkonzentration „die nächste Finanzkrise bestimmt kommt“.

Jakobs:
Ja, die Risiken sind nach der Krise 2008 nicht verschwunden. Sie wurden zwar im traditionellen Bankengeschäft durch Regulierung vermindert, haben sich jedoch in einen anderen Sektor verlagert, jenen der Schattenbanken. Das sind eben jene Vermögensverwalter oder Private-Equity-Gesellschaften (Anm.: Beteiligungsgesellschaften, die in außerbörsliche Unternehmen investieren). Für diese Branche gibt es kaum Regeln. Weder gelten strenge Kapitalanforderungen wie für Banken, noch gibt es Transparenz bei Kennziffern bezüglich Liquidität und Bonität. In diesem blinden Fleck des Neokapitalismus wird die nächste Krise entstehen.

Wem gehört die Welt?, Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus, Knaus, 37,10 Euro

Wem gehört die Welt?, Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus, Knaus, 37,10 Euro



profil: Stehen die Chancen so schlecht, dass die Politik noch eine Regulierung hinbekommt?

Jakobs: Im Rahmen der G20, der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, bemüht sich das Vorsitzland Deutschland derzeit um eine Verbindlichkeit gewisser Kennziffern. Aber wir stehen erst am Anfang. Andere Initiativen sind überhaupt gescheitert, zum Beispiel eine Finanztransaktionssteuer, mit der man unsinnige Spekulationsgeschäfte und Instabilitätsgefahren eindämmen könnte. Schließlich fehlen Institutionen auf globaler Ebene, zum Beispiel eine Art Weltkartellamt.

profil: Sie formulieren in Ihrem Buch eine Liste jener sechs Personen, die den größten Einfluss auf die Weltwirtschaft haben (siehe unten). Kein einziger Europäer ist darunter. Spielt Europa in dieser Liga nicht mit?

Jakobs: Ich habe bei meinen Recherchen erkannt, dass die Weltwirtschaft über zwei Kraftzentren verfügt. Da wären einerseits die USA, und zwar die Banken und Vermögensverwalter der Wall Street sowie die digitalen Großkonzerne im Silicon Valley. Demgegenüber steht der chinesische Staatskapitalismus mitsamt seiner geschickten Nutzung marktwirtschaftlicher Instrumente. Von diesen Polen geht eine ungeheure Dynamik aus. Dazwischen gibt es noch starke und aggressive Staatsfonds aus dem arabischen Raum, etwa Katar. Diesen großen Gruppen hat Europa wenig entgegenzusetzen. Weil Europa als Staatengebilde nicht funktioniert, bleiben die Unternehmen an ihre Herkunftsstaaten gebunden. Sie werden zu Juniorpartnern der internationalen Kraftzentren, zu deren Zulieferern und Beteiligungsobjekten.

KASTEN:

Die großen Sechs:
Wer sind die sechs wichtigsten Personen der Weltfinanzwirtschaft? In seinem Buch stellt Jakobs ein „imaginäres Machtzentrum“ zusammen, das in einer neuen Krise „die drängendsten Probleme fürs Erste lösen könnte“. Die Liste besteht aus: Larry Fink (Chef des Vermögensverwalters Blackrock), Stephen Schwarzman (jener der Private-Equity-Gesellschaft Blackstone), Warren Buffett (Berkshire Hathaway, bedeutendster Einzelaktionär der Welt), Jamie Dimon (US-Bank JPMorgan), Lou Jiwei (chinesischer Finanzminister, Herr über Staatsfonds und -banken), Khalifa bin Zayed al Nahyan (Scheich von Abu Dhabi und Repräsentant von dessen Staatsfonds).

Vermögensverwalter und Staatfonds in Österreich:
Sind die internationalen Vermögensverwalter und Staatsfonds auch in Österreich aktiv – und hierzulande an börsennotierten Großunternehmen beteiligt? Ja, sogar massiv. Einige Beispiele aus dem österreichischen Aktienindex ATX ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Blackrock hält Anteile am Grazer Anlagebauer Andritz, der Erste Group, dem Immobilienunternehmen Buwog und dem Vorarlberger Lichttechnik-Konzern Zumtobel (jeweils rund vier Prozent). Fidelity hält Anteile an Andritz, dem Ziegelhersteller Wienerberger und Zumtobel (jeweils einstellig). Der Staatsfonds von Abu Dhabi hält 25 Prozent an der OMV; der norwegische Staatsfonds vier Prozent an der Voestalpine.

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