Aus dem Vollen geschöpft

Aus profil 42/2016

Spätestens seit der Finanzkrise von 2008 kursieren zahlreiche Ideen, wie man das Wirtschaftssystem stabiler machen könnte. profil beleuchtet sie im Rahmen einer losen Serie. Teil 2: das Vollgeld.

Von
Joseph Gepp

(((Hier geht’s zum ersten Teil der Serie (profil 34/16) über die Maschinensteuer)))

Die Deutsche Bank schlingert. Der Süden Europas kommt nicht aus der tiefen Krise. In Österreich grassiert die höchste Arbeitslosigkeit seit 1945. In weiten Teilen der westlichen Welt bleibt das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) minimal. Was ist eigentlich mit der Wirtschaft los?

Die Krisenerscheinungen sind offensichtlich, aber bei der Frage nach Ursachen gehen die Meinungen auseinander. Eine Fraktion von Ökonomen meint, die Staaten hätten in der Vergangenheit Geld verschwendet – jetzt müssten sie sparen, um das Vertrauen der Investoren wiederzugewinnen. Andere halten dagegen: Die Staaten würden im Gegenteil eher zu wenig Geld ausgeben, also die schwache Nachfrage der Privaten nicht ausgleichen. Wieder andere sagen: Globalisierung und Digitalisierung lassen zu viele Menschen als Verlierer zurück. Wenn sie wieder mehr vom Wohlstand abbekämen und konsumierten, werde alles besser.

All diese Konzepte lassen aber einen Aspekt außer Acht. Er erscheint so grundlegend, dass sie sich diesem gar nicht erst widmen: dem Geldsystem.

Dieses steht im Zentrum des sogenannten Vollgeld-Modells. Die Art, wie Geld entsteht, sei das eigentliche Problem hinter der Krise, glauben dessen Anhänger. Ihr Konzept, das auf eine Idee des US-Ökonomen Irving Fisher aus den 1930er-Jahren zurückgeht, erfreut sich spätestens seit der Krise regen Zulaufs.

Sogar der Internationale Währungsfonds (IWF), sonst nicht umstürzlerisch, argumentierte im Jahr 2012: Mit Vollgeld ließe sich die Wirtschaftsleistung eines Staates in zehn Jahren um sieben Prozent steigern. In Island, das von der Krise hart getroffen wurde, präsentierte die Regierung im September eine Evaluierung des Vollgeld-Systems durch das Wirtschaftsprüfunternehmen KPMG. In der Schweiz haben vergangenes Jahr mehr als 110.000 Bürger eine Petition dafür unterschrieben.

Aber was ist das überhaupt? Wer das verstehen will, muss wissen, wie Geldschöpfung generell funktioniert. Vielen kommt da zuerst die Zentralbank in den Sinn. Diese, so der weitverbreitete Glaube, ist die alleinige Quelle des Geldes, das sie den regulären Banken zur Verfügung stellt. Darauf greifen diese zurück, wenn sie Kredite vergeben. Doch die Vorstellung ist falsch. Neues Geld – genauer: das sogenannte Buchgeld – entsteht nicht etwa auf dem Rechner einer Zentralbank. Sondern in den Geschäftsbanken. Und zwar tatsächlich immer dann, wenn diese einen Kredit vergeben.

Das Geld dafür kommt nicht von irgendwo her. Es wird stattdessen im Moment der Kreditvergabe einfach geschaffen. Die Bilanz der Bank vergrößert sich um die Summe des Kredits. Das gilt nur für das sogenannte Buch- oder Giralgeld, also elektronische Buchungen auf Konten und Sparbüchern. Anders beim Bargeld: Hier entspricht die gängige Vorstellung der Wahrheit, dass das Geld von der Zentralbank stammt. Die normale Bank erhält von ihr die Scheine und Münzen, indem sie Sicherheiten hinterlegt, zum Beispiel Wertpapiere.

Das Buchgeld jedoch – dabei handelt es sich um rund 80 Prozent des Geldes im Umlauf – kann die Bank frei nach Gutdünken schaffen. Formal betrachtet handelt es sich bei diesem Buchgeld gar nicht um ein gesetzliches anerkanntes Zahlungsmittel. Das bedeutet: Wer beispielsweise an der Supermarktkassa die Bankomatkarte zückt, zahlt streng genommen nicht mit echtem Geld, sondern lediglich mit einem Anspruch darauf. Er reicht ein Versprechen der Bank weiter, dass dieses Buchgeld jederzeit in echtes (Bar-)Geld umgewandelt werden könne, sobald es der Kontoinhaber abhebt. Praktisch jedoch wird die Bank wohl in Turbulenzen geraten, wenn viele Leute gleichzeitig versuchen, ihr Geld abzuheben.

Wie viel Buchgeld im Umlauf ist, hängt davon ab, wie viele Kredite die Banken gerade vergeben haben. Ein Quell ständiger Instabilität, sagen die Vollgeld-Anhänger. Die Kontrolle über die Geldmenge obliege nicht dem Staat, sondern profitorientierten Banken, die an Krediten Geld verdienen. Die Geldschöpfung müsse „zurück in die öffentliche Hand“, schreibt Joseph Huber, deutscher Vollgeld-Theoretiker.

Befürworter wie Huber verweisen auf das Jahrzehnt vor der Finanzkrise. Damals, von 1998 bis 2008, stieg die sogenannte Geldmenge M3 (darunter versteht man Bargeld, Buchgeld und einige kurzfristige Verbindlichkeiten) im Euroraum rasant – um 123 Prozent. Das BIP hingegen, also die Summe aller geschaffenen Werte, wuchs inflationsbereinigt nur um rund ein Viertel. Wohin floss der große Rest des entstandenen Geldes? Er nährte jene Spekulationsblasen, welche die Krise auslösten, argumentieren Vollgeld-Anhänger, etwa in Form überteuerter Immobilien. Die Banken vergaben beispielsweise massenhaft Kredite an Hauskäufer mit fragwürdiger Bonität. Immerhin winkte bei jedem ein Gewinn. Bis die Preise stürzten und die Blase platzte. Die Geldschöpfung durch private Banken sei „teils systematisch überschießend, teils zur Unzeit schrumpfend“, urteilt Huber.

Außerdem, so die Anhänger, befördere das derzeitige Geldsystem die Abhängigkeit der Staaten von den Banken. Wenn eine Bank nicht in der Lage ist, ihr Versprechen auf Bargeld einzulösen, bringt das möglicherweise das gesamte Finanzsystem in Gefahr. Notgedrungen springt in diesem Fall häufig der Staat ein und rettet die Bank mit Steuergeld. Dies geschah während der Bankenkrise 2008. Die Banken geben Versprechen – doch die Staaten stehen gerade, falls sie diese brechen.

Das Vollgeld setzt all diesen Problemen ein Ende, hoffen die Anhänger. Buchgeld, das die Banken bei Kreditvergaben autonom schöpfen, soll es nicht mehr geben. Stattdessen kommt alles Geld von der Zentralbank – so wie derzeit das Bargeld. Die Geschäftsbanken bekommen es zugeteilt. Statt es selbst zu erschaffen, reichen sie es, etwa in Form von Krediten, lediglich weiter.

Kreditvergabe und Geldschöpfung sollten also getrennte Vorgänge sein. Die Zentralbank, so die Hoffnung, hätte direkte Kontrolle über die Steuerung der Geldmenge. Sie erhöht oder verringert sie je nach Nachfrage nach Geld. Wenn beispielsweise eine Blase dräut und die Preise von Vermögensgütern stark steigen, drosselt sie den Zufluss neuen Geldes in die Wirtschaft. Herrscht umgekehrt eine Krise, ist es dafür mehr.

Solche Maßnahmen könnten „Konjunkturausschläge nach oben und unten erheblich eindämmen“, schrieben die IWF-Forscher Jaromir Benes und Michael Kumhof 2012 in ihrer Studie. Zudem könne man „Bank-Runs, bei denen besorgte Kunden ihr Geld abheben wollen, vollständig verhindern“.

Trotzdem gibt es Kritik an diesem Vollgeld-Modell. Sie kommt aus zwei weltanschaulichen Ecken der Ökonomenzunft, die sonst kaum Gemeinsamkeiten haben. Da wären einerseits die marktgläubigen Volkswirte, die staatlichen Eingriffen prinzipiell skeptisch gegenüberstehen – sie befürchten beim Vollgeld, dass Zentralbanken und Staaten zu viel Macht über das Geldgeschehen haben könnten. Andererseits die Keynesianer, die staatliche Eingriffe in die Wirtschaft bei Krisen befürworten: Sie wiederum fürchten, dass es in einem Vollgeld-System schwierig sein könnte, Kredite zu erlangen.

So wie Stephan Schulmeister, keynesianisch orientierter Ökonom aus Österreich. Im Mai erhob er in einer Studie für das Wiener Wifo die Konsequenzen eines Vollgeld-Systems. Der derzeitige Modus der Geldschöpfung durch die Banken sei im Vergleich geradezu „flexibel und effizient“. Warum? Das momentane System kann dezentral auf die Kreditnachfrage reagieren, die „nach Regionen und Branchen unterschiedlich ist“. Die Banken schöpfen also Geld, wo es gerade gebraucht wird. Beim Vollgeld hingegen, so Schulmeister, wäre die Versorgung mit Krediten starr und zentral gesteuert. Fazit: „Das Vollgeld würde die Kreditversorgung der Realwirtschaft massiv beeinträchtigen.“

Ob Schulmeisters Befürchtung zutrifft
oder doch eher die Erwartung der IWF-Forscher, das könnte sich mit gar nicht so geringer Wahrscheinlichkeit bald erweisen. In der Schweiz hat sich nämlich ein Fenster aufgetan, seit Ende 2015 hunderttausend Bürger für das Vollgeld unterschrieben haben. Spätestens im Jahr 2018 finde nun die Abstimmung statt, sagt Raffael Wüthrich von der Schweizer Vollgeld-Initiative.

Eine Umfrage aus dem Jahr 2014 deutet darauf hin, dass die Chancen der Befürworter nicht schlecht stehen. Damals unterstützten laut dem Zürcher „Tagesanzeiger“ 58 Prozent der Wahlberechtigten die Initiative, nur 31 Prozent waren dagegen. Vielleicht beginnt in der Schweiz bald das Experiment mit dem neuen Geldsystem.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Wirtschaft

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