Bullen, Bären, Börsebröseln

Aus profil 5/2016

AUA, VA Tech, Austria Tabak: Die Privatisierung der Staatsbetriebe sollte der Wiener Börse einen Schub geben. Stattdessen verschwanden die schwergewichtigen Unternehmen vom Kurszettel. Folgen jetzt OMV und Telekom? Wie der Kapitalmarkt durch Österreichs unrühmliche Privatisierungspolitik unter die Räder kommt.

Von
Christina Hiptmayr und Joseph Gepp

Zum Beispiel die Telekom Austria. 2012 holte der Investor Ronny Pecik die mexikanische América Móvil ins Boot. 21 Prozent hielt der Konzern damit an dem teilstaatlichen Unternehmen. Doch América-Móvil-Chef Carlos Slim hatte Appetit auf mehr: Mittlerweile sind knapp 60 Prozent am österreichischen Telekommunikationsunternehmen in mexikanischer Hand. Für Slim stellt sich nun – recht handfesten Gerüchten zufolge – die Frage, warum er seinen Zukauf weiterhin an der Wiener Börse notieren lassen soll. Das kostet Geld und ist aufwendig; umfangreiche Publikationspflichten binden Mitarbeiter und Ressourcen. Zumal die Konzernmutter ja ohnehin an der Bolsa Mexicana de Valores (mexikanische Börse, Anm.) sowie an der Wall Street notiert. Ein sogenanntes Delisting, also ein Rückzug der Telekom von der Wiener Börse, würde für Slim einige Vorteile bieten. Für den Wiener Kapitalmarkt wäre dies jedoch ein harter Schlag. Der Abgang eines Blue Chips macht keinen schlanken Fuß. Und die Telekom selbst wäre zu einer etwas besseren Filiale im Imperium der Mexikaner degradiert.

Oder die OMV. Österreichs größtes Industrieunternehmen kämpft mit Problemen – niedriger Ölpreis, Milliardenabschreibungen, Produktionsstillstände in Krisengebieten. Die immer stärkere Annäherung an Russland – heftig kritisiert etwa von Brigitte Ederer, Ex-Aufsichtsrätin der Verstaatlichtenholding ÖIAG – lässt viele an einen Ausverkauf des Mineralölkonzerns denken. Genährt wird die Geschichte durch enge Kooperationen, die Neochef Rainer Seele mit der Gazprom plant.

Zwei teilstaatliche Unternehmen im Umbruch – zweimal öfter ungewisse Aussichten auf Börsegeschehen und den heimischen Kapitalmarkt. Schon in der Vergangenheit haben einige Privatisierungen, so wie sie gemacht wurden, zu einem Abgang der betroffenen Unternehmen von der Börse geführt.

Diese hat ohnehin schon einmal bessere Zeiten erlebt. Die Marktkapitalisierung (also der Börsenwert aller notierten Unternehmen) sank von 158 Milliarden Euro im Vorkrisenjahr 2007 auf derzeit 86 – und das, obwohl es in den vergangenen Jahren eine leichte Erholung gab. Einst strebte das Management der Wiener Börse sieben IPOs („Initial Public Offerings“, also Börsegänge) pro Jahr an. Das selbst gesteckte Ziel wird regelmäßig verfehlt. Im vergangenen Jahr wagte nur ein einziges Unternehmen den Schritt an die Börse – die WP-Gruppe des Industriellen Stefan Pierer notiert nun im sogenannten Mid Market, dem auf mittelständische Unternehmen zugeschnittenen Segment. Im Prime Market, wo sich die großen Kaliber tummeln, herrscht schon länger Ebbe.

Entgegen der landläufigen Sichtweise von der Börse ausschließlich als Spielplatz für Zocker und raffgierige Spekulanten hat der Kapitalmarkt in einer Volkswirtschaft eine wichtige Funktion inne. Er hilft Unternehmen, Geld für Investitionen aufzustellen. Gerade in Zeiten, in denen Banken – auch aufgrund immer schärferer Vorschriften – zögerlich in der Kreditvergabe sind, ein nicht zu unterschätzender Faktor. Er kann Arbeitsplätze sichern. Nicht nur beim börsennotierten Unternehmen selbst, sondern auch bei Zulieferern und Dienstleistern (wie Wirtschaftsprüfern und Anwälten). Und er sorgt für erhöhte Transparenz: Börsennotierte Unternehmen unterliegen vergleichsweise strengen Regulierungen und Publizitätsvorschriften. Aus all diesen Gründen trägt „ein funktionierender Finanzplatz massiv zu einer florierenden Wirtschaft bei“, sagt Birgit Kuras, Vorständin der Wiener Börse. Was ein mögliches Delisting der Telekom betrifft, bleibt sie zurückhaltend: „Es handelt sich nur um ein Gerücht. Aber es wäre jedenfalls nicht gut.“

Die Telekom wäre allerdings nicht das erste Unternehmen in Österreich, das einen solchen Weg beschreiten muss. Ob Austrian Airlines, VA Tech oder Austria Tabak: Seit der Jahrtausendwende sind einige einst staatliche, dann teilstaatliche und schließlich ganz privatisierte Unternehmen von der Wiener Börse verschwunden. Neben den Folgen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 ist dieser Rückgang ein Hauptgrund für die schwindende Bedeutung des Kapitalmarktstandorts Österreich. Einzelne Erfolgsgeschichten wie die voestalpine oder die Österreichische Post kamen gegen die Gesamtentwicklung nicht an.

Es ist schon paradox: Die Privatisierungen der Staatsbetriebe sollten, so wurde zumindest versucht, das Vorhaben schmackhaft zu machen, dem Kapitalmarkt einen Schub geben und die Österreicher zu einem Volk von Anlegern zu machen. Doch eine in vielen Fällen stümperhafte Durchführung, Freunderlwirtschaft und schlechtes Timing haben das genaue Gegenteil bewirkt (siehe auch Kästen). Und für Finanzminister Karl-Heinz Grasser sollten die Privatisierungen das Budget sanieren. Was, nebstbei bemerkt, nicht gelang. Aber zumindest haben sie zur Entschuldung der bis dahin schwer unter Wasser stehenden Staatsholding ÖIAG, nunmehr ÖBIB, geführt.

Wenn Staatsbetriebe von internationalen Playern übernommen werden, stellt sich die Frage nach deren Zukunft. Dann erfolgt etwa die Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer. Oder das Unternehmen verschwindet von der Börse. Denn ein multinationaler Konzern benötigt die Börsennotierung seiner Österreich-Tochter häufig nicht mehr.

So wie die América Móvil, die neue 60-Prozent-Eigentümerin der Telekom (28 Prozent hält die Republik Österreich, zwölf Prozent sind im Streubesitz). Ein Delisting wird bisher noch von den Bestimmungen im sogenannten Syndikatsvertrag verhindert, dem 2014 geschlossenen Pakt zwischen den Eigentümervertretern aus Wien und Mexiko City. Dieser sieht unter anderem vor, dass die Telekom-Aktie weiterhin in Wien notieren und die Zentrale auf zehn Jahre hier verbleiben muss. Weil einer Änderung des Passus die österreichischen Eigentümervertreter zustimmen müssten, verhandelt derzeit das América-Móvil-Management mit ÖVP-Finanzminister Hans Jörg Schelling. Außerdem müsste Slim die Anteile der Kleinanleger übernehmen. Die Konstellation lautet also: eine Runde Kleinanleger und der Finanzminister eines Acht-Millionen-Landes gegen einen Weltkonzern.

Anders bei der OMV (Aktionärsstruktur: 32 Prozent Republik, 43 Streubesitz, 25 der Staatsfonds von Abu Dhabi). Kritiker bangen weniger aufgrund von Reibereien zwischen den Eigentümern um die Zukunft des Unternehmens, sondern wegen der Folgen der geopolitischen Großwetterlage: Die Energiewende steht bevor; der niedrige Ölpreis schmälert die Erträge. Ausgerechnet in dieser heiklen Situation strebt nun auch Russland eine Expansion an: Gazprom wünscht sich die OMV als Brücke in den Westen. Schelling trat den Gerüchten entgegen, indem er einen Verkauf der Staatsanteile ausschloss. Doch wer weiß, ob das letzte Wort tatsächlich gesprochen ist.

Wird Österreich aufgrund all dieser Entwicklungen kapitalmarktmäßig zur tiefen Provinz? Nein, sagt Börsenchefin Birgit Kuras. Die Börse sei eben ein Spiegel der Gesellschaft, „in der derzeit insgesamt wenig investiert wird“. Kuras verweist auch auf Bereiche, in denen es für die Wiener Börse gut läuft, allen voran die seit Jahren nachhaltig steigenden Handelsumsätze und Unternehmensanleihen.

Wie könnte man den schädlichen Folgen der Privatisierungen für den heimischen Kapitalmarkt entgegentreten? Hier gibt es im Wesentlichen zwei Vorschläge. Einen gab im letztwöchigen profil-Gespräch Werner Muhm, scheidender Direktor der Wiener Arbeiterkammer: Der Staat solle, wo möglich, weiterhin starker Miteigentümer der Unternehmen bleiben.

Der zweite Vorschlag kommt von Wilhelm Rasinger. Der Präsident des Interessenverbands für Anleger (IVA) vertritt die wirtschaftsliberale Haltung. Auch Rasinger wünscht sich zwar die öffentliche Hand weiterhin als „stabilen Kernaktionär“, er betont aber vor allem die Rolle von Privatanlegern. „Ein starker heimischer Streubesitz stärkt den Wirtschaftsstandort und schützt Unternehmen vor den negativen Auswirkungen der internationalen Kapitalmärkte“, sagt er – vor Spekulanten, die auf Kosten der Unternehmenssubstanz schnelles Geld machen wollen.

Ein Volk von Kleinanlegern also, das – im Verbund mit dem Staat – die Unternehmen in eine stabilere Zukunft führt? Die Realität sieht nicht danach aus. Nur noch drei Prozent der Österreicher halten Wertpapiere. Vor einigen Jahren waren es – auch nicht berauschende – acht Prozent. Doch die Verwerfungen der Finanzkrise und zahlreiche Skandale, von Meinl European Land bis zur Telekom Austria, haben die Bürger verschreckt.

Vielleicht gelingt an der Börse ja trotzdem der Strukturwandel. Vielleicht ringt sich der Staat zu einer aktiveren Industriepolitik durch. Und vielleicht engagieren sich künftig auch Kleinanleger verstärkt an der Börse. Vielleicht.

Wenn nicht, dräut die Gefahr, dass Österreichs ehemalige Staatsbetriebe wohl langfristig zur Gänze von der heimischen Börse verschwinden. Dann müssen Anleger zur Hauptversammlung nach Mexiko City. Oder nach Moskau.

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