Böses Geld

Aus profil 48/2015

Wie finanziert sich der sogenannte Islamische Staat? Wie viel verdient ein IS-Kämpfer im Monat? Und wie kommt Pepsi-Cola ins Kalifat? Der IS aus ökonomischer Perspektive.

Von Joseph Gepp und Christina Hiptmayr

Nehmen wir zum Beispiel Österreich: ein normales Land in Europa. Der Staat hebt Steuern ein. Auf die Einkommen und Löhne seiner Bewohner etwa. Auf Waren, die sie konsumieren. Auf vieles mehr. Und das nicht zu knapp, wie wohl nahezu jeder Bürger dieses Landes bestätigen wird.

Dafür sorgt Vater Staat für Infrastruktur, für Gesundheitsversorgung und Bildungswesen. Und ein Mal im Jahr schaut der Finanzminister nach, ob sich auf der Einnahmen- und Ausgabenseite auch alles schön ausgeht. Meistens nicht – aber das ist eine andere Geschichte.

Ein ganz und gar nicht normales „Land“ im Nahen Osten. Hier hat eine radikalislamistische Terrororganisation weite Gebiete Syriens und des Irak erobert und nennt es selbstbewusst „Staat“. „Islamischer Staat“ (kurz „IS“), um genau zu sein. Aber wie funktioniert dieses Gebilde? Wie finanziert es sich? Hebt es Steuern ein? Gibt es medizinische Versorgung? Und schaut hier auch ein Mal im Jahr jemand nach dem finanziellen Rechten? Das System IS aus (volks-)wirtschaftlicher Perspektive.

Welche Einnahmen hat der IS?

Von reichen Gönnern können andere Staaten nur träumen. Doch der IS finanzierte sich anfangs ausschließlich durch Spenden. Laut dem irakischen Parlament sollen so seit Gründung des selbst erklärten Staates 6,9 Milliarden Dollar an den IS geflossen sein. Das Geld kommt von religiösen Stiftungen und wohlhabenden Privatpersonen, vor allem aus den Golfstaaten.

Weil jedoch Banküberweisungen ins selbst ernannte Kalifat nicht so ohne Weiteres möglich sind, bedient man sich der „Hawala“-Methode, dem traditionellen Überweisungssystem der muslimischen Welt, das ohne Bankwesen auskommt. Man zahlt einem Agenten die zu überweisende Summe plus einer Kommission von 0,25 bis 1,25 Prozent. Dieser ruft seinen Kontaktmann im Zielland an. Mit einem Code kann der dortige Empfänger das Geld beheben. Die Hawala-Agenten – oft Import-Export-Händler, Inhaber von Lebensmittelläden, Imbissbuden oder kleinen Reisebüros – in den jeweiligen Ländern gleichen ihre Transaktionen regelmäßig untereinander aus. Da ständig Überweisungen erfolgen, müssen nur Differenzen beglichen werden.

Doch inzwischen hat der IS seine Einnahmequellen diversifiziert. Von Spenden ist er längst nicht mehr abhängig. Einen ordentlichen Schub gab ihm die Plünderung der Banken in den besetzten Gebieten. Darunter etwa eine Zweigstelle der irakischen Zentralbank in der Großstadt Mossul. Nach Recherchen der UN soll die Beute bis zu 1,5 Milliarden Dollar betragen haben.

Laut der US-Denkfabrik Rand Corporation nehmen die Terroristen mehr als eine Million Dollar täglich ein. Ein erheblicher Teil stammt aus der Erpressung von Schutzgeldern, aber auch Steuereinnahmen tragen dazu bei. Oft sind die Grenzen jedoch fließend. So zahlte die irakische Zentralregierung in Bagdad bis Juli dieses Jahres ihren Beamten, Ärzten und Lehrern auch weiterhin Gehälter und Pensionen. Die Staatsbediensteten mussten jedoch 50 Prozent ihres Einkommens an den IS abliefern.

Für Christen gilt die „Dschizya“, eine Schutzsteuer, die sie an das Kalifat zahlen müssen, um unbehelligt zu bleiben.

Unternehmen und Geschäfte müssen bis zu 20 Prozent ihrer Umsätze an Steuern abliefern. Dazu gibt es eine Art Mehrwertsteuer und eine Einkommenssteuer von bis zu 15 Prozent für „Soziales und öffentliche Zwecke“. Weiters werden hohe Mautgebühren eingehoben. Vor allem für LKW auf Überlandstrecken.

Diese Geldströme werden mit einem Wust an Formularen geregelt. Jeder Zahler erhält eine Quittung. Sämtliche Einnahmen des Kalifats fließen im „Diwan al-Rikaz“ zusammen, quasi das Finanzministerium des IS. Diese Bürokratisierung steht in krassem Gegensatz zu dem Bild, das man im Westen von den Gotteskriegern hat. Jedoch: Wer die Zahlung verweigert, wird entführt, und von der Familie wird Lösegeld gefordert.

Welche Rolle spielt der Ölhandel?

In der Außenwahrnehmung gilt der IS als mittelalterliches Regime, das unmittelbar an die Zeit des Kalifen anschließen will. In Wahrheit jedoch agiert die Miliz durchaus modern, wenn es opportun erscheint. Nicht nur beim Steuersystem, sondern auch beim Ölhandel, einer bekanntlich neuzeitlichen Branche.

Im Zuge ihrer Expansion konnte die IS-Miliz Dutzende wichtige Ölfelder einnehmen, vor allem im Osten Syriens. Der Ölhandel stellt mittlerweile die größte Einnahmequelle der Organisation dar. Und es ist der größte Trumpf, den sie in der Hand hat. Denn das geförderte Öl wird vor allem innerhalb Syriens und des Iraks verkauft. Und geht sogar an verfeindete Rebellengruppen und das Assad-Regime. Diese haben keine andere Wahl, als mit dem Feind zu handeln. Denn die Terrororganisation hat sich praktisch ein Monopol über Syriens Ölfelder erobert. Umgekehrt heißt das: Sollte die Miliz die Ölversorgung abdrehen, würde sie zwar empfindliche Einnahmeeinbußen erleiden, könnte aber zugleich ihre Kontrahenten ins Chaos stürzen.

Und so reiht sich vor den Raffinerien Tanklaster an Tanklaster. Die Fahrer respektive Zwischenhändler müssen die sogenannte „Zakat“ (islamische Almosensteuer) entrichten. Sie bringen das Öl auf Märkte innerhalb und außerhalb des IS-Gebiets.

Dass der Ölschmuggel so reibungslos abläuft, verdankt sich auch jahrzehntelanger einschlägiger Erfahrung: Bereits in der Ära Saddam Husseins im Irak spielte der illegale Handel aufgrund der Sanktionen eine wichtige Rolle. Jene, die ihn damals kontrollierten, sind inzwischen oft zum IS übergelaufen.

Wenn die interne Expertise aus alten Saddam-Zeiten nicht reicht, werben die Terroristen auch um Fachkräfte von außen: Wie die „Financial Times“ berichtet, sucht der IS im Ausland eifrig nach Managern für seine Raffinerien und Ölfelder. Eigene Headhunter sind dafür zuständig. Sie bieten den Interessierten, etwa in Ägypten und Saudi-Arabien, marktübliche Gehälter. Die Kontaktaufnahme erfolgt über Plattformen wie WhatsApp.

Wofür gibt der IS sein Geld aus?

Wäre das IS-Gebiet ein Staat wie jeder andere, man könnte sagen: Der wichtigste Posten im Budget ist das Militäretat. Der Sold der Kämpfer und das Kriegsgerät verschlingen derzeit die größten Summen bei der Terrormiliz. Allein die Löhne für die 30.000 bis 40.000 Kämpfer kosten monatlich einen zweistelligen Millionenbetrag – der IS zahlt gut im Vergleich mit gängigen Standards in Syrien und dem Irak. 470 Euro monatlich fallen pro Person an, schätzt die OECD. Immerhin geht es um die Stabilisierung und Ausweitung des Hoheitsgebiets.

Bezahlt wird der Sold in der Währung des Feindes, in US-Dollar. Dieser ist beliebter als die syrische Lira des Assad-Regime, die von Inflation bedroht ist. Eine eigene IS-Währung gibt es noch nicht: Im November 2014 verkündeten die Islamisten zwar die Einführung eines „Dinars“ aus Gold-, Silber- und Kupfermünzen, aber der Plan ist nicht realisiert worden.

Zweiter großer Posten: die Waffenkäufe. Auch hier gehen die Terroristen durchaus umsichtig vor. Das zeigt etwa eine Liste, welche die irakische Regierung bei einer Razzia am 5. Juni 2014 fand. Sie filzte das Versteck von Adnan Ismail Najm in Mossul, dem bis zu seiner Tötung zweiten Mann im IS. Dabei stießen die Behörden auf eine Art Einkaufsliste. US-amerikanische M4-Sturmgewehre kaufte die Miliz etwa zum Preis von 8200 US-Dollar pro Stück, „amerikanische neuwertige Nachtsichtgeräte“ um je 2900 Dollar. Die Verkäufer sind nicht bekannt.

Dieselben Dokumente lassen auch Rückschlüsse darauf zu, wie das Ausgaben-Management des IS abseits von militärischen Zwecken funktioniert. So initiierten die Islamisten Sozialleistungen für die Familien getöteter oder inhaftierter Kämpfer, konkret Krankenversicherungen, Heiratsbeihilfen und Unterstützungszahlungen. Die Kosten überstiegen gar jene für Waffen.

Der Inhalt der USB-Sticks zeigt auch – einmal mehr –, wie durchorganisiert der IS agiert: In den Dokumenten ist von Budgets für jede einzelne Provinz die Rede, die dem IS untersteht. Der Bezirk Bagdad-Nord etwa gab im November 2013 genau 493.200 Dollar aus. Es gibt sogar eine Art Finanzausgleich, um den Unterschieden zwischen reichen und armen Regionen zu begegnen.

Einige Ausgaben tätigen internationale Organisationen für den IS – unfreiwillig: Im Februar 2015 tauchten Fotos von Essenspaketen für die Zivilbevölkerung auf, die mit dem Emblem der Terrororganisation versehen waren. In Wahrheit aber hatte die UN die Nahrungsmittel gespendet. Der arabische Rote Halbmond sollte sie nahe Aleppo verteilen. Doch der IS überfiel die Depots und nahm die Sache selbst in die Hand.

Was gibt es im IS zu kaufen?

„Hätte nie gedacht, dass es hier Snickers gibt“, twitterten Europäer, die sich dem Terror angeschlossen haben, vergangenes Jahr aus dem IS-Gebiet. Der Kriegsreporter Kurt Pelda berichtet, dass man in Restaurants gerne Pepsi schlürfe. Wer über das nötige Kleingeld verfügt, bekommt im IS anscheinend alles. Nur der Konsum von Alkohol und Zigaretten wird bestraft.

Das Kalifat importiert also ausgerechnet jene Waren, die es als westliches Teufelszeug geißelt. Die Güter würden über Nachbarstaaten wie die Türkei importiert, erklärt der Islamforscher Thomas Schmidinger von der Uni Wien. Oder sie gelangen über den Irak ins IS-kontrollierte Gebiet. Unterwegs sind hohe Bestechungsgelder fällig, etwa an schiitische Milizen und an den IS selbst. Das treibt die Preise in die Höhe, die inzwischen für Zivilisten kaum noch bezahlbar sind. Fazit: Es gibt zwar Snickers, aber nur für Kämpfer.

Für alle anderen ist nicht nur die Versorgungslage kritisch, sondern auch die Job-Situation. Arbeitsplätze bekommen nur jene, die sich loyal zeigen. Frauen ist es verboten, zu arbeiten. Viele junge Menschen treten der Miliz bei, weil es die einzige Möglichkeit ist, Geld zu verdienen.

Kann das System IS – rein wirtschaftlich gesehen – lange gutgehen?

Anfang dieses Jahres sprach der deutsche Islamwissenschaftler Guido Steinberg noch von einer „Beuteökonomie“. Diese könne nur so lange funktionieren, solange immer neue Gebiete dazuerobert würden. Er scheint sich geirrt zu haben. Vieles deute heute darauf hin, dass „diese gesamte Organisation eigentlich viel rationaler und viel durchdachter ist, als wir uns das bisher vorgestellt haben“, meint Peter Neumann vom Londoner King’s College. Das Steuersystem wird zunehmend ausgeklügelter, die Bedeutung der Raubzüge und des Ölschmuggels nimmt ab, Einrichtungen wie der Finanzausgleich sorgen für eine dauerhaftere Ökonomie.

Zwar ist der Weg von einem rasch wachsenden Kampfesgebiet zu einem staatlich durchorganisierten Gebilde noch weit. Aber es scheint in diese Richtung gehen. Das bedeutet: Ein paar militärische Rückschläge kann der IS – wirtschaftlich gesehen – leichter wegstecken als bisher, weil seine Einnahmen nicht mehr allein aus Beutezügen bestehen. Und: Ökonomische Interventionen von außen können der Terrormiliz weniger anhaben, etwa das Bombardement von Ölraffinerien und Infrastruktur.

Für den Westen sind das eher schlechte Nachrichten.

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