„Wir haben den ersten Schritt getan“

Aus dem profil 37/2015

Jeffrey DeLaurentis ist der erste US-Botschafter in Kuba seit 54 Jahren. Ein Gespräch über sowjetische Fahnen und amerikanische Blockaden.

Interview: Joseph Gepp

profil: Seit dem Jahr 1961 gab es keine US-Botschaft in Havanna. Jetzt gibt es eine – und Sie sind der erste Botschafter. Wie war die Eröffnung?

Jeffrey DeLaurentis: Sehr feierlich. Außenminister John Kerry war gekommen. Drei alte Marines, die bereits damals erlebt hatten, wie die US-Flagge eingeholt wurde, sahen sie jetzt wieder hochgehen. Was Kerry betrifft, hat keiner seiner Vorgänger seit dem Jahr 1954 Kuba besucht. Ich halte die Atmosphäre für hoffnungsfroh und optimistisch. Und ich möchte so viele wie möglich der elf Millionen Kubaner persönlich treffen.

profil: Wohl unter den wachsamen Augen kubanischer Sicherheitsbeamter.

DeLaurentis: Wir konnten in den Verhandlungen erreichen, dass die Anzahl jener, die rund um die Botschaft postiert sind, reduziert wird. Das sind kleine Schritte, aber sie schaffen eine Atmosphäre, in der ein Austausch leichter möglich ist.

Jeffrey DeLaurentis bei seiner Ansprache zur Wiedereröffnung der US-Botschaft in Havanna (Foto: Wikipedia)

Jeffrey DeLaurentis bei seiner Ansprache zur Wiedereröffnung der US-Botschaft in Havanna (Foto: Wikipedia)

profil: Trotzdem ist man von einer vollen Normalisierung des Verhältnisses zwischen den beiden Ländern noch weit entfernt. Individualtourismus ist untersagt, genauso wie wichtige Teile des Handels. Wann werden Kuba und die USA normale Beziehungen pflegen?

DeLaurentis: Das ist schwierig zu sagen. Mit der Einrichtung diplomatischer Beziehungen und der Eröffnung der Botschaft haben wir nun den ersten Schritt getan. Was darüber hinaus geschieht, hängt aber von vielen Dingen ab. Wir brauchen vor allem den US-Kongress, um das Embargo gegen Kuba zu beenden.

profil: Präsident Obama kann auch mit Sonderlizenzen den Kongress umgehen und das Embargo abschwächen.

DeLaurentis: Es wurden entsprechende Maßnahmen beschlossen im Dezember und Jänner, nachdem wir die Annäherung verkündet hatten, etwa Importund Exporterleichterungen für Kleinunternehmen. Außerdem kooperieren wir in Angelegenheiten der zivilen Luftfahrt, beim Umwelt-und Katastrophenschutz, in der Anti-Drogen-Politik und in Gesundheitsangelegenheiten, etwa im Kampf gegen Ebola.

profil: Sie halten sich bereits das dritte Mal in diplomatischer Mission in Kuba auf. Auch Anfang der 1990er-Jahre waren Sie dort, als überall sonst kommunistische Systeme zusammenbrachen. Wie haben es die Kubaner geschafft, diese Zeit zu überstehen?

DeLaurentis: Das war meine erste Mission. Ich erledigte vor allem Visa-Arbeiten; eine Zeit lang war ich für unser Flüchtlingsprogramm innerhalb Kubas zuständig. Es war eine schwierige Zeit. An einem Tag wehten die sowjetischen Fahnen über Havanna, am nächsten bereits jene der Russischen Föderation. Es war hart zu sehen, wie knapp die Lebensmittel wurden. Aber sie schafften es, erstaunlicherweise. Das hatte sicher auch mit kleinen Wirtschaftsreformen zu tun. Die Leute durften privat Zimmer vermieten oder kleine Restaurants betreiben.

profil: Wird der Annäherungsprozess gestoppt, wenn die Republikaner den nächsten US-Präsidenten stellen?

DeLaurentis: Ich hoffe nicht. Dass die USA und Kuba miteinander kommunizieren, ist das Gebot der Stunde. Das heißt noch nicht, dass man mit allem einverstanden ist, was der andere tut.

profil: Die Kritiker der Annäherung halten den Zeitpunkt für schlecht: Kuba verliere gerade seinen, nach der Sowjetunion, zweiten wichtigen Verbündeten – das sozialistische Venezuela, das derzeit mit massiven Problemen kämpft. Kuba könnte also ohnehin bald kollabieren. Verstehen Sie diese Kritik?

DeLaurentis: Wir betreiben seit 54 Jahren eine Blockadepolitik in Bezug auf Kuba, die nicht funktioniert hat. Wer weiß schon, welcher Unterstützer nachkommen könnte, sobald ein alter wegfällt? Die Phase am Anfang der 1990er-Jahre haben die Kubaner auch bewältigt, obwohl das niemand vermutet hätte. Wir müssen jetzt in die Zukunft blicken. Auch wenn wir in vielen Dingen weiterhin nicht übereinstimmen werden, helfen diplomatische Beziehungen, unsere universalen Werte bestmöglich durchzusetzen.

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