Warum sie gehen

Aus dem profil 19/2015

Sind es Clan-Kriege? Ist es der Klimawandel? Oder einfach das Verlangen nach einem besseren Leben? Viele von Europas Bootsflüchtlingen stammen nicht aus Syrien, sondern aus Afrika.

Von Joseph Gepp

Ihr Wunsch wegzukommen ist so groß, dass sie undichte, überfüllte Boote besteigen. Auf dem Weg nach Europa riskieren sie ihr Leben. Was treibt diese Menschen zur Flucht? Im Fall von Syrien und Afghanistan kennt die breite Öffentlichkeit die Gründe, dort herrschen Terror und Bürgerkrieg. Weniger klar sind die Fluchtmotive bei einer ganzen Reihe afrikanischer Länder.

Von dort stammt fast die Hälfte der Flüchtlinge, die nach Europa kommen, wie die Statistiken der EU-Grenzschutzagentur Frontex belegen. Im Jahr 2014 zum Beispiel handelt es sich zwar beim Großteil jener Menschen, die illegal die Grenze der Schengen-Zone überquerten, um Syrer. Dahinter allerdings folgen – von Afghanistan abgesehen – ausschließlich afrikanische Länder: Besonders viele Flüchtlingen kamen aus Eritrea, danach folgen Mali, Gambia, Nigeria und Somalia.

profil hat mit Experten, Behörden und Flüchtlingen über die Ursachen gesprochen. Es zeigt sich: Oft treibt eine diffizile Gemengelage die Leute davon. Wenn man die Motive genau betrachtet, verschwimmt die vermeintlich klare Unterscheidung zwischen Wirtschaftsund Kriegsflüchtlingen. Eines spielt ins andere hinein und geht ins andere über. Häufig führt ein Krieg in einem Landesteil zu mehr Armut und Not in anderen.

Ein Rundblick in Afrika.

ERITREA

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30 Jahre lang kämpfte das Sechs-Millionen-Volk der Eritreer um seine Unabhängigkeit vom Nachbarn Äthiopien. Nachdem im Jahr 1991 das Ziel endlich erreicht worden war, errichtete der Freiheitskämpfer Isaias Afewerki am Horn von Afrika allerdings eine Diktatur von steinzeitlicher Dimension.

Unter ständigem Beschwören der angeblichen äthiopischen Bedrohung schottet sich Eritrea heute von der Außenwelt ab. Presse- und Versammlungsfreiheit existieren nicht; die einzig zugelassene Partei ist die von Afewerki. Eritrea gilt inzwischen als das Nordkorea Afrikas; aus keinem afrikanischen Staat sind die Flüchtlingszahlen in Richtung Europa annähernd so hoch.

Was genau treibt die Eritreer zur Flucht? Es sind weder Krieg noch Hunger, auch wenn die Lebensbedingungen nicht rosig sind. „Der Auslöser ist ganz klar der nationale Dienst“, sagt Nicole Hirt vom Hamburger Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien. Dieser Dienst wurde im Jahr 2002 eingeführt, nach einem weiteren Grenzkrieg mit Äthiopien. Seither müssen die Eritreer für ihr Land arbeiten, für ein Taschengeld und auf unbestimmte Dauer.

Es ist im Grunde ein riesiges System staatlich organisierter Zwangsarbeit. Der nationale Dienst ist kein klassischer Militärdienst, oft dienen die Menschen auch als Lehrer und Krankenschwestern. Er gilt für Männer wie Frauen, wobei Letztere freigestellt werden, sobald sie schwanger sind. Meist dauert der Dienst rund zehn Jahre – eine Zeit, in der die Eritreer „kein Geld verdienen, nicht heiraten, keine Familie gründen und ihre Eltern nicht versorgen können“, wie Hirt sagt. „Deshalb bleibt ihnen nur die Flucht.“ Ein Abtauchen ist kaum möglich, das kleine Land wird streng überwacht. Wer bei den regelmäßigen Razzien aufgegriffen wird, kommt ins Straflager.

Der Großteil der Flüchtlinge landet in den Nachbarländern. Allein im – politisch ebenfalls instabilen – Sudan sollen derzeit mehr als 100.000 Eritreer leben. Weiter nach Europa schaffen es gemeinhin nur die besser gestellten.

Inzwischen hat das Regime gelernt, von der Massenflucht zu profitieren. Es presst den Emigranten eine Art Einkommenssteuer ab. Die Abgabe wird fällig, wenn man aus dem alten Heimatland etwa einen Reisepass oder eine Ausbildungsbestätigung benötigt. Zwei Prozent auf alle Bezüge – Gehälter genauso wie Sozialhilfen – müssen Auslands-Eritreer sogar dann abliefern, wenn sie über eine andere Staatsbürgerschaft verfügen. Bizarrer Nebeneffekt der Maßnahme: Geld aus Europas Sozialsystemen dient indirekt zur Finanzierung eines der blutigsten Regime weltweit.

SOMALIA

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Seit 27 Jahren tobt in Somalia ein Bürgerkrieg mit wechselnden Teilnehmern, in den vergangenen Jahren jedoch hat der Schrecken für die Bevölkerung einen neuen Namen bekommen: al-Shabaab, wörtlich: „die Jugend“.

Die islamistische Miliz kontrolliert weite Teile von Süd-und Zentralsomalia. Nur im Norden des Landes und in den wichtigsten Städten habe sie keinen Einfluss, sagt Andreas Tiwald, Afrika-Referent der Staatendokumentation des heimischen Bundesamts für Fremdenwesen. In den Städten allerdings droht weiterhin die Gefahr von Anschlägen durch al-Shabaab-Kämpfer.

„Für 80 Prozent der Somalier dauert der Krieg nach wie vor an“, sagt die deutsche Afrika-Journalistin Bettina Rühl, die die Lage in Somalia vor Ort recherchiert. „Das sind schwere, bedrohliche Situationen.“ Menschen bekommen zum Beispiel Droh-SMS, in denen die Islamisten erkennen lassen, dass sie wissen, wo sich ihr Opfer gerade aufhält. Sie erpressen von Geschäftsleuten hohe Schutzgelder, rekrutieren junge Männer zwangsweise und blockieren Straßen, sodass Bauern ihre Felder nicht mehr bestellen können. Dazu verübt die Miliz gezielte Tötungen an angeblichen Agenten des Westens, etwa an Parlamentariern und Mitarbeitern internationaler Organisationen. Der Hass trifft aber mitunter auch die eigenen Kämpfer, die man des Verrats bezichtigt.

Ausländische Vermittlungsversuche und Interventionen konnten bislang immerhin einen Erfolg erzielen: Früher tobte auch noch ein grausamer Krieg zwischen unterschiedlichen Clans in Somalia. Dieser zumindest stellt heute für den Großteil der Zivilbevölkerung keine Gefahr mehr dar, nur die al-Shabaab terrorisiert noch die Somalier.

Der Bürgerkrieg begann bereits im Jahr 1988 mit einem Aufstand gegen den damaligen Diktator Siad Barre. Seither sind Millionen Menschen innerhalb Somalias vertrieben worden. Weitere leben heute in Nachbarländern, allein ungefähr eine halbe Million im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia, dem größten weltweit, unweit der somalischen Grenze. Von dort aus versuchen viele in Richtung Europa weiterzukommen.

GAMBIA

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Das Land, gelegen in Westafrika, ist kleiner als Oberösterreich und hat weniger Einwohner als Wien. Vielschichtige Ursachen treiben die Gambier in die Flucht.

Im Jahr 1994 putschte sich der Militär Yahya Jammeh an die Macht, seither regiert er immer uneingeschränkter. In jüngster Zeit verschlechtere sich die menschenrechtliche Lage „fast im Jahresrhythmus“, sagt der deutsche Westafrika-Experte Heinrich Bergstresser. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International etwa wirft dem gambischen Regime „regelmäßige Folter“ vor. Opfer der Repression seien vor allem kritische Journalisten, Aktivisten sowie Schwule und Lesben.

Bei der Bevölkerungsmehrheit sei Jammeh trotzdem beliebt, sagt Bergstresser – aber auch deren Lage werde kritischer. Die wichtige Tourismusindustrie beispielsweise hat sich nicht nur vom Militärputsch nie richtig erholt, sie befindet sich auch in der Hand des präsidialen Clans. Wer niemanden kennt, bekommt keinen Job.

Dazu kommen umstrittene Fischereiabkommen. Die EU hat sie mit dem Nachbarland Senegal abgeschlossen, das Gambia von drei Seiten her einschließt. Seither fischen Europas Trawler Tausenden lokalen Küstenfischern den Fang weg, etwa Thunfische. Für sich genommen würde dieser Aspekt zwar keine Fluchtbewegung auslösen. Aber die politische Repression, die wirtschaftliche Lage, die Perspektivlosigkeit – all das sind Mosaiksteine, die zur kritischen Situation beitragen.

Meist verlassen nicht die ärmsten Gambier das Land, sondern jene, die lesen und schreiben können. Das Regime hält mit Propaganda dagegen: Zeitungsartikel und sogar Reggae-Songs warnen vor den Gefahren der Meeresüberfahrt und schildern Elend und Ausgrenzung, die in Europa drohen. Bisher hat das die Gambier nicht abgeschreckt.

MALI

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Die Lage in Mali, dem westafrikanischen Land von knapp der doppelten Einwohnerzahl Österreichs, ist kompliziert. Wie bei Gambia führen viele Ursachen dazu, dass das Land am Rand der Sahara in den Flüchtlingsstatistiken weit oben steht.

Da wäre zunächst ein ethnischer Konflikt im Norden. Im Jahr 2012 brach er, wieder einmal, gewaltsam aus. Islamistisch geprägte Rebellen vom Volk der Tuareg riefen einen eigenen Staat aus. Die malische Armee schlug sie – mit vor allem französischer Unterstützung – zurück.

Bürgerkrieg und Terror in Nordmali trieben zwar knapp eine halbe Million Menschen in die Flucht. Diese allerdings „flohen hauptsächlich innerhalb Malis oder in die Nachbarländer“, sagt der Wiener Afrikanist Walter Schicho, der sich in seinem dreibändigen „Handbuch Afrika“ mit der Lage des Kontinents befasst.

Es ist also weniger der unmittelbare Konflikt im Norden, der die Malier zur Flucht nach Europa treibt, sondern seine langfristigen Begleiterscheinungen. Die Städte des Südens, wo es friedlich geblieben war, haben sich mit Flüchtlingen gefüllt. Diese konkurrieren mit der dortigen Bevölkerung um Perspektiven. Das verstärkt den Auswanderungsdruck – zumal Europa in Mali idealisiert wird. Viele Fluchtwillige können zudem auf Verwandte zurückgreifen, die es bereits nach Europa geschafft haben.

In all das mischen sich ökologische Aspekte: Das Klima verschlechtert sich; die Wüste wandert in den Süden. „Schuld ist der Klimawandel, aber auch Fehler in der Landwirtschaft, vor allem die Ausbreitung von Monokulturen“, sagt Schicho. Dies treibt nomadische Hirten des Nordens nach Süden, wo ihre Rinder Nahrung finden. Dort aber leben sesshafte Bauern, mit denen die Nomaden in Konflikt geraten. Und der Druck auf Südmali steigt weiter.

NIGERIA

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Nigeria ist das größte Land Afrikas; jeder sechste Afrikaner ist Nigerianer. Allein aufgrund seiner Größe spielt das Land eine Rolle in den Asylstatistiken.

Für Unruhe sorgt mit Morden und Entführungen die radikalislamistische Boko Haram im Norden – aber dies schlägt sich in den Fluchtzahlen nach Europas kaum nieder. „Boko Haram hat eher eine Binnenflucht zur Folge“, sagt Westafrika-Experte Heinrich Bergstresser. Die Unruhen im Norden destabilisieren die Gesellschaft und tragen dazu bei, dass sich die wirtschaftliche Situation verschlechtert.

Dabei wurde für Nigeria – zumindest im Süden – in den vergangenen Jahren sogar ein Wirtschaftsboom konstatiert. Doch Korruption und Vetternschaft sorgen dafür, dass der Wohlstand in der Masse kaum ankommt. Bergstresser macht „eine Mischung aus Zug- und Druckfaktoren“ für die Flucht verantwortlich. Auf der Druck-Seite: wenig Perspektiven für die meisten, eine von Ölkonzernen verwüstete Küstengegend, die Fluchtbewegung von Nord nach Süd.

Der Zug-Faktor hingegen: eine millionenstarke nigerianische Community im Ausland, etwa in Großbritannien, die eine Flucht erleichtert. Und die ungebrochene Strahlkraft des europäischen Traumes, die sich durch Neue Medien inzwischen selbst in entlegenste Dörfer verbreitet.

Dazu kommen Drogen- und Prostitutionsnetzwerke, auf die sich die nigerianische Mafia spezialisiert zu haben scheint. Inwieweit diese ausschlaggebend für die Migration sind, lässt sich nicht quantifizieren. Jedenfalls aber spielen sie eine Rolle. „Es ist ein raffi niertes Geschäftsmodell“, sagt Hannah-Isabella Gasser, die Gründerin der Wiener NGO Footprint für Betroffene von Frauenhandel. Frauen werden mit falschen Versprechungen nach Europa geschleust, wo man sie Komplizen überantwortet und sie auf dem Straßenstrich die angeblichen Reiseschulden abstottern lässt.

Die Menschenhändlerinnen – durchwegs Frauen, die man „Madames“ nennt – statten ihre Opfer mit fixfertigen Fluchtgeschichten aus, die sie Fremdenbehörden auftischen. Sie sind kaum überprüfbar; oft handeln sie von der Verfolgung durch Voodoo-Geheimbünde mit Namen wie „Black Eggs“. Viele dieser Bünde existieren wirklich, über ihre Rolle in der nigerianischen Gesellschaft weiß man aber wenig.


WAS FLÜCHTLINGE ERZÄHLEN


ASHA AYNAB, 23, aus Somalia, derzeit Wien-Penzing

„Ich bin in der somalischen Hauptstadt Mogadischu aufgewachsen. Bevor ich 2007 nach Österreich kam, haben dort Milizen das Haus meiner Familie überfallen. Sie gehörten einer anderen, größeren Volksgruppe an; meine war zu schwach, um sich zu wehren. Wir konnten gerade noch nach Kismayo fliehen, einer Stadt im Süden Somalias, die damals sicherer als Mogadischu war. Von Kismayo aus sind mein Vater und ich – es waren nur wir beide, für die anderen Mitglieder meiner Familie hat das Geld nicht gereicht – über die Grenze nach Kenia gegangen. Von Kenia aus bin ich mit dem Flugzeug nach Syrien gereist und habe mich anschließend über die Türkei und Griechenland nach Österreich durchgeschlagen.“

MUSTAFA JOBE, 18, aus Gambia, derzeit Eisenstadt (aufgrund des laufenden Asylverfahrens wurde der Name geändert)

„Ich stamme aus der Stadt Serrekunda in Gambia. Vor den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2011 habe ich mich dem Oppositionsbündnis NADD angeschlossen, der Nationalen Allianz für Demokratie und Entwicklung. Nachdem es bei Wahlkundgebungen Zusammenstöße mit Regierungsanhängern gegeben hatte, begannen mich die Behörden zu schikanieren. Sie steckten mich zum Beispiel tageweise ins Gefängnis und verhörten mich. Wenn ich am Fußballplatz mit Freunden sprach, war kurz danach die Polizei da und durchsuchte alle. Sie schickten auch Briefe an meine Arbeitgeber. So ging das drei Jahre, bis ich im April 2014 schließlich floh: erst in den Senegal und schließlich durch die Wüste und das Mittelmeer nach Italien und Österreich.“

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