„Österreich hängt die Schweiz ab“

Aus dem FALTER 9/2015, Europa-Beilage

Was nutzt die EU-Mitgliedschaft der heimischen Wirtschaft? Der Nationalbank-Experte Franz Nauschnigg untersucht dies anhand der Unterschiede zwischen Österreich und der Schweiz

Interview:
Joseph Gepp

Franz Nauschnigg leitet die Abteilung Europäische Angelegenheiten in der Österreichischen Nationalbank. Im Gespräch vergleicht er die Wirtschaftsentwicklung in Österreich mit jener in der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten – und zeigt damit, was uns der EU-Beitritt ganz konkret gebracht hat.

Falter: Herr Nauschnigg, wie hat sich Österreich als EU-Mitglied in den vergangenen Jahrzehnten wirtschaftlich entwickelt – im Vergleich zur Schweiz als Nicht-EU-Mitglied?

Franz Nauschnigg: Um diese Frage zu beantworten, muss man weit zurückgehen. Seit den 70er-Jahren ist Österreich etwas rascher gewachsen als die Schweiz. Das lag damals noch daran, dass Österreich stets ärmer war – es war also ein Aufholeffekt beim BIP-Wachstum. Seit der Anfang der 90er-Jahre allerdings geht die Wachstumsentwickelung in Österreich und in der Schweiz stark auseinander: Österreich hängt die Schweiz ab. Das liegt insbesondere an zwei Faktoren.

An welchen?

Nauschnigg: Erstens haben sich die Schweizer 1992 in einer Volksabstimmung gegen die Betritt zum Europäischen Wirtschaftsraum ausgesprochen – Österreich hingegen ist nacheinander in den EWR, die EU und schließlich in die Wirtschafts- und Währungsunion eingetreten und hat den Euro eingeführt. Und zweitens hat Österreich von der Ostöffnung stärker profitiert als die Schweiz.

Österreich hatte also einen Wachstumsschub.

Nauschnigg: Richtiger ist, die Schweiz hatte eine Wachstumsschwäche, wohingegen Österreich normal gewachsen ist. Wir müssen dabei auch bedenken, dass in der Schweiz viele Jahre lang Debatten über die europäische Ausrichtung des Landes stattgefunden haben. So etwas schafft Verunsicherung. Viele Schweizer Firmen sind lieber gleich nach Vorarlberg oder nach Baden-Württemberg gegangen, statt in der Schweiz zu bleiben. Dann wussten sie, sie sind auf der sicheren Seite, im EU-Binnenmarkt.

Österreich hatte es als EU-Mitglied viel leichter als die Schweiz als Nicht-EU-Land, erklärt Franz Nauschnigg. Hauptgründe: die größere Verhandlungsmacht der Union bei Handelsverträgen und die Mitgliedschaft im großen Euro-Raum. Dass das Wachstum seit 1995 insgesamt beachtlich ausfiel, heißt aber noch nicht, dass jeder in Österreich gleichermaßen davon profitierte (Foto: boalingua)

Österreich hatte es als EU-Mitglied viel leichter als die Schweiz als Nicht-EU-Land, erklärt Franz Nauschnigg. Hauptgründe: die größere Verhandlungsmacht der Union bei Handelsverträgen und die Mitgliedschaft im großen Euro-Raum. Dass das Wachstum seit 1995 insgesamt beachtlich ausfiel, heißt aber noch nicht, dass jeder in Österreich gleichermaßen davon profitierte (Foto: boalingua)

Wirtschaftsraum und Binnenmarkt sind große Wörter. Was konkret am EU-Beitritt hat Österreichs Unternehmen geholfen und damit das Wachstum angekurbelt?

Nauschnigg: Im Rahmen der EU profitiert Österreich vor allem von Handelsabkommen mit anderen Staaten. In einer großen Gemeinschaft kann man besser Konditionen ausverhandeln und hat mehr Verhandlungsmacht als beispielsweise die Schweiz. Außerdem fallen Grenzkosten für Österreich weg, zum Beispiel Zölle. Die Schweiz hat diese Mankos zwar erkannt und versucht, auf dem Weg sogenannter bilateraler Verträge Zugang zum EU-Binnenmarkt zu erhalten. Diese Mühen spiegeln sich auch tatsächlich im Wachstum wider, das nach dem Jahr 2000 angezogen hat, als ebendiese Verträge unter Dach und Fach waren. Trotzdem blieb viel Unsicherheit über die künftige Europastrategie der Schweiz.

Österreichs Engagement im Osten gilt gemeinhin als eine Erfolgsgeschichte, die nicht nur auf den EU-Beitritt zurückzuführen ist. Da spielen auch Faktoren wie die geografische Nähe und die gemeinsame Geschichte hinein. Wie hätte ein österreichisches Ost-Engagement nach der Wende ohne EU-Beitritt ausgesehen?

Nauschnigg: Wohl bei weitem nicht so durchschlagskräftig. Österreich dient traditionell als eine Art Brückenkopf zwischen Ost und West – doch diese Funktion wäre wahrscheinlich zum Gutteil weggefallen. Unsere Nachbarn im Osten sind ja allesamt der EU beigetreten, sie hätten also den Brückenkopf Österreich als Nicht-EU-Land nicht benötigt. Als Standort für die Osteuropa-Headquarters internationaler Konzerne etwa wäre Österreich sicher viel weniger attraktiv gewesen.

Ist der Zugewinn an Wachstum, den Österreich infolge des EU-Beitritts genießt, auch beim normalen Bürger auf der Straße angekommen? Oder spiegelt er sich nur im Wertgewinn irgendwelcher Aktien wider?

Nauschnigg: Vorsicht, das ist eine andere Frage. Die Verteilungsfrage hängt mit innerösterreichischen Faktoren zusammen, etwa mit Steuern. Man kann sich das wie einen Kuchen vorstellen – dass er insgesamt größer wird, sagt noch nicht, wer welches Stück bekommt. Allgemein lässt sich sagen, dass die Wirtschaft sicher stärker vom BIP-Wachstum profitiert hat als die Arbeitnehmer. Das zeigt sich zum Beispiel an der Entwicklung der Lohnquote, also dem Anteil der Löhne und Gehälter am Gesamteinkommen im Land.

Wie sind Österreich und die Schweiz durch die Krise gekommen?


Nauschnigg:
Beide Länder haben sie relativ gut bewältigt. Im Europavergleich war der Einbruch in der Schweiz in den Jahren 2008 und 2009 etwas schwächer. Das liegt an einer krisenresistenteren Wirtschaftsstruktur als beispielsweise in Österreich. So verfügen die Schweizer etwa über mehr hochwertige Pharma- als über Stahlindustrie. Auch hat sich die Schweiz relativ gut aus der Krise herausgewurstelt – allerdings um den Preis, dass sie mit hohen Interventionen den Wechselkurs stabilisieren musste.

Was bedeutet das?

Nauschnigg: Man muss auch bedenken, dass Österreich als Eurostaat vor Währungskrisen geschützt ist – für die Schweiz gilt das nicht. Sie musste also ihre Franken gegen Euro wechseln, damit der Kurs des Franken nicht zu hoch wird und die Wirtschaft nicht unter hohen Preisen für ihre Produkte leidet. Diese Politik des stabilisierten Wechselkurses hat die Schweiz vor wenigen Wochen aufgegeben. Die Schweizer Zentralbank hat nun riesige Euroreserven in ihrer Bilanz – und die verlieren gegenüber dem Franken an Wert. Allein dieses Jahr könnte der Verlust, abhängig von der weiteren Frankenkursentwicklung, meiner Schätzung zufolge höher sein als in Österreich die Kosten der Probleme mit der Hypo Alpe Adria.

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