Monatsarchiv: März 2015

Buch: Die Akte Hypo

Aus dem FALTER 13/2015

Es gibt in Österreich wenige, die den Fall Hypo Alpe Adria so gut kennen wie Renate Graber und Andreas Schnauder. Die beiden Standard-Journalisten haben etliche, durchwegs akribisch recherchierte Artikel zur Causa verfasst. Viele davon brachte der Standard exklusiv, etwa auch den über das kürzlich neu aufgetauchte Milliardenloch.

Nun liegen die jahrelangen Recherchen von Graber und Schnauder als Buch vor. Im Werk „Akte Hypo Alpe Adria“ rollen sie die zentralen Fragen des Falls nochmals auf – etwa den Einstieg der BayernLB, das Zögern der österreichischen Finanzminister nach der Notverstaatlichung 2009 und natürlich die kriminellen Machenschaften während der Ära Haider. Ein Muss für alle, die sich im größten Wirtschaftskriminalfall der Zweiten Republik zurechtfinden wollen.

JOSEPH GEPP

Renate Graber, Andreas Schnauder: Akte Hypo Alpe Adria. Linde. 224 S., € 19,90

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Eingeordnet unter Bücher, Wirtschaft

Transparenz: „Österreich steht nicht besonders gut da“

Aus dem FALTER 12/2015

Mathias Huter ist Direktor des Forums Informationsfreiheit. Jetzt hat der gebürtige Salzburger, 31, mit weiteren Transparenz-Aktivisten die Plattform parteispenden.at gegründet, die Parteigeldflüsse allgemein verständlich aufbereiten will.

Falter: Herr Huter, warum braucht Österreich ein Parteispenden-Portal?

Mathias Huter: Aufgrund neuer Offenlegungspflichten veröffentlicht der Rechnungshof dieser Tage erstmals detaillierte Informationen zu Parteifinanzen von 2013. Es sind Parteispenden über 3500 Euro, Wahlkampfausgaben sowie Namen von Parteifirmen – wenn auch mit Grauzonen. Diese Berichte sind aber nicht gerade bürgerfreundlich aufbereitet und Daten zu öffentlichen Parteiförderungen sind kaum auffi ndbar. Das wollen wir ändern.

Wie wollen Sie das ändern?

Huter: Wir wollen alle Informationen zusammentragen, visualisieren und mit Zusatzrecherchen ergänzen. Dazu wird es ein Transparenzbewertungssystem geben. Dort werden wir uns anschauen, ob und wie komplett und zeitnah die Parteien Spenden freiwillig offenlegen, die sie vor Landtagswahlen erhalten. Zudem wollen wir uns indirekte Parteienfinanzierungen anschauen, etwa ob staatliche Werbegelder an Medien fließen, die Vorfeldorganisationen gehören.

Wie steht Österreich im internationalen Vergleich da?

Huter: Nicht besonders gut. Derzeit müssen nur Parteispenden über 50.000 Euro sofort via Rechnungshof offengelegt werden – und auch das kann leicht umgangen werden. Bisher haben dort fast nur die Neos und das Team Stronach gemeldet. Vorbilder in Sachen Transparenz sind etwa Kroatien oder Lettland. Oder Georgien, wo Parteien vor Wahlen alle vier Wochen ihre Einnahmen auf Heller und Pfennig offenlegen müssen. Bürger und Medien können so nachvollziehen, wer wen finanziert. Von so etwas ist Österreich kilometerweit entfernt.

Infos und Spenden: parteispenden.at

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Eingeordnet unter Innenpolitik

Warum fliegen Sie noch nach Erbil, Frau Bijelic?

Aus dem FALTER 12/2015

Am Sonntag musste eine Passagiermaschine der Austrian Airlines in die nordirakische Kurdenhauptstadt Erbil umkehren. Die Destination, die von der AUA normalerweise täglich angeflogen wird, liegt nur einige Dutzend Kilometer von jener Frontlinie entfernt, wo sich die kurdischen Kämpfer der Peschmerga und die Milizen des Islamischen Staates gegenüberstehen. Was war da los und warum fliegt die AUA überhaupt noch dorthin, fragte der Falter AUA-Sprecherin Sandra Bijelic.

Frau Bijelic, Medien schreiben von einer Terrorwarnung, die ein AUA-Flugzeug auf dem Weg in den Irak zum Umkehren zwang.

Das stimmt nicht, es gab zu keinem Zeitpunkt eine Terrorwarnung.

Warum sonst musste Ihr Flugzeug umdrehen?

Aufgrund der aktuellen Lage im Irak mussten wir diesen Schritt setzen. Das Flugzeug drehte noch vor dem Eintritt in den türkischen Luftraum um. Am Montagnachmittag haben wir außerdem beschlossen, die Flüge nach Erbil bis zum 23. März auszusetzen.

Was heißt das konkret, aufgrund der aktuellen politischen Lage?

Ich kann das nur begrenzt sagen, das sind, wie Sie sich vorstellen können, interne Prozesse. Wir stimmen uns jedenfalls sehr eng mit den irakischen Behörden und mit dem Flughafen von Erbil ab. Wir folgen den Einschätzungen unserer Partner.

Ist es nicht so oder so brandgefährlich, eine Stadt anzufliegen, die praktisch an einer Kriegsfront liegt?

Wie gesagt, die Lage wird ständig evaluiert. Die Sicherheit von Fluggästen und Besatzung hat natürlich höchste Priorität.

Wird die AUA nach dem 23. März wieder nach Erbil fliegen?

Das wird derzeit intensiv geprüft. Nur wenn alle Rahmenbedingungen stimmen, werden wir die Route nach Erbil wieder aufnehmen.

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Eingeordnet unter Kurioses

Sprachen: über die umstrittene Anweisung einer Schulleiterin

Aus dem FALTER 12/2015

Kommentar: Joseph Gepp

Mit Sprachen lässt sich viel Demagogie betreiben. Denn sie stiften Gemeinschaften. Wer eine fremde Sprache spricht, den versteht man nicht. Schnell fühlt man sich ausgeschlossen. Und bekommt das Gefühl, die kochen ihr eigenes Süppchen.

Kein Wunder, dass nicht nur Rechtspopulisten oft in Sachen Sprache polemisieren. In Österreich tut auch die ÖVP gern so, als ließen sich die massiven Probleme des Schulsystems mit dem Slogan „Deutsch vor Schuleintritt“ kurieren.

Dabei übergehen die Politiker, was Sprachwissenschaftler seit Jahren predigen: Das Problem ist nicht die nichtdeutsche Muttersprache. Sondern, dass man Kinder nicht in beiden Sprachen literarisiert.

Möchte man sie wegen ihres kulturellen Hintergrunds nicht beschämen, sollte man ihre Sprache wertschätzen und fördern. Sonst wird nur eine auf die andere draufgepropft, und am Ende fehlt für beide die Basis.

Das Rezept der massiven Förderung der Muttersprachen ist also längst bekannt. Sie würde dafür sorgen, dass Schüler nicht sprachlos dastehen. Der Wirtschaft nutzt die Mehrsprachigkeit auch. Das sollten, wenn schon nicht viele Politiker, zumindest die Pädagogen Österreichs begriffen haben.

Umso schockierender ist ein Rundbrief, den Schüler der Vienna Business School in Mödling öffentlich gemacht haben. Die Direktorin hat das Schreiben offenbar aushängen lassen.

In harschen Worten werden die Schüler darüber informiert, dass „im gesamten Schulhaus (auch in den Pausen) nur die Amtssprache Deutsch eingesetzt werden darf“. Dies gelte auch für Telefonate. Falls Schüler mit ihren Eltern in der Muttersprache reden, dann nur dort, „wo sich keine anderen Personen aufhalten, die sich auf irgendeine Art beleidigt fühlen könnten“.

Beleidigt? Pausen? Inzwischen rudert der Schulerhalter, der Fonds der Wiener Kaufmannschaft, zurück. Er spricht von „Missverständnissen“: Der Brief habe auf einen bestimmten Konflikt zwischen einer mazedonischen Reinigungskraft sowie albanischen und türkischen Schülern gezielt. Bei diesem sollte „die verbindende Unterrichtssprache Deutsch gewählt werden“. Niemand wolle als Ganzes andere Sprachen an der Schule unterbinden, so die Stellungnahme.

Das Problem dabei ist jedoch: Laut Brief wird aufgrund eines Einzelfalls ein für alle geltendes Sprachverbot verhängt. Zumindest klingt es so. Dass sich die Schule auf ihrer Website ihrer „Sprachkompetenz“ und ihres „interkulturellen Verständnisses“ rühmt, das jedenfalls wirkt nicht mehr glaubwürdig.

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Eingeordnet unter Migranten, Minderheiten

Einmal mit Rechnung, bitte!

Aus dem FALTER 11/2015

Sie verteilen nichtssagende Konsumations-Bons und frisieren ihre Kassen mit USB-Sticks. Wie Österreichs Wirte die Finanz betrügen

Bericht:
Joseph Gepp

Es ist verblüffend, was sich alles auftut, wenn man einmal bewusst registriert, was man sonst übersieht. Zum Beispiel, wie in Wiens Kaffeehäusern und Restaurants eigentlich die Rechnungen ausschauen.

„Zwischenrechnung“ steht beispielsweise auf ihnen in einem Wirthaus in der Innenstadt – von der Umsatzsteuer findet sich da kein Wort. Oder man bekommt einen „Konsumations-Bon“ im Kaffeehaus, ebenfalls im ersten Bezirk. Im großen Touristencafé am Graben kritzelt die Kellnerin, um eine Rechnung gebeten, überhaupt nur einige Zahlen in ihren Stiegl-Bier-Block. Beim Würstelstand schließlich sagt die Frau hinter der Theke: „Rechnung kann ich Ihnen im Moment keine geben.“

Was in der Gastwirtschaft passiert, ist die Steuerhinterziehung des kleinen Mannes – oder besser, die der vielen kleinen Wirte. In Medien liest und hört man kaum von ihr, weil diese Tricksereien banal erscheinen. Und doch entgehen der Republik jährlich rund 3,2 Milliarden Euro an Umsatzsteuer, wie die EU-Kommission 2012 ausrechnete – ganze zwölf Prozent jener Steuer, die gemeinhin zehn Prozent von der Konsumationssumme beträgt und hierzulande den größten Teil der Staatseinnahmen ausmacht. Denn viele Wirte kassieren die Umsatzsteuer zwar vom Gast, aber sie leiten das Geld nachher nicht ans Finanzamt weiter.

Man schimpft dieser Tage gern auf die Griechen und deren Steuermoral. Doch in diesem Fall tut sich mitten in Österreich eine Steuerlücke auf, die nicht etwa mit Superreichen und Großkonzernen zu tun hat. Wie ist das möglich? Wie funktioniert diese Steuerhinterziehung im kleinen Beisl?

Jedenfalls wird gerade um ihre politischen Folgen gestritten. Im Rahmen der Steuerreform fordert die SPÖ eine sogenannte Registrierkassenpflicht, die der Staatskasse jährlich eine Milliarde Euro bringen soll. Die ÖVP jedoch legt sich quer. Sie warnt vor der „Kriminalisierung“ von Unternehmern und teuren Umrüstungen im Gastgewerbe. Derzeit feilschen die Parteien hinter den Kulissen um Kompromisse und Ausnahmeregelungen.

Dass das Problem überhaupt so groß werden konnte, liegt vor allem an einer massiven Kontrolllücke im Gesetz: Eine sogenannte „Barbewegungsverordnung“ schreibt vor, dass die Wirte dem Finanzamt nicht jede einzelne Konsumation vorlegen müssen. Stattdessen reicht eine Art pauschale Angabe der Einnahme in Form eines Kassasturzes, sofern der – im Übrigen von den Wirten selbst erklärte -Jahresumsatz ihres Betriebs nicht über 150.000 Euro liegt. Diese Grenze unterschreiten jedoch drei Viertel aller Gastronomieunternehmen in Österreich. Bei diesen also muss lediglich nachgezählt werden, wie viel am Abend mehr in der Kassa liegt als in der Früh drinnen war. Bei dieser Methode sei „die Echtheit und Plausibilität durch keinerlei nachträgliche Prüfungsmaßnahmen der Finanz verifizierbar“, kritisierte vergangenes Jahr der Bericht der Steuerreformkommission des Finanzministeriums. Das führt zur Frage: Wenn die meisten Betriebe ihre Einnahmen sowieso nur pauschaliert der Finanz melden müssen – warum stellen sie dann überhaupt Konsumations-Bons und sonstige Pseudorechnungen aus, auf denen die Umsatzsteuer nicht vermerkt ist? Dies dient nicht etwa der Nachvollziehbarkeit für die Steuerbehörden, sondern der Kontrolle der eigenen Mitarbeiter. Damit die Angestellten nicht in die eigene Tasche wirtschaften, registrieren die Wirte durchaus akkurat jede Konsumation – aber nur intern und nicht fürs Finanzamt. Dabei gehen sie raffiniert vor, wie etwa eine Recherche des deutschen Wochenblatts Die Zeit vergangenes Jahr enthüllte.

So gibt es beispielsweise sogenannte „Zapper“, Löschprogramme, die man mittels USB-Stick an die Kassa anschließt. Mit Zappern kann man etwa die Anzahl verkaufter Espressi oder Krügerl Bier automatisch um bestimmte Prozentwerte hinuntersetzen. Auch die Hersteller elektronischer Gastro-Kassen machen häufig bei dem Steuerbetrug mit, berichtet die Zeit. Sie statten ihre Produkte mit einer Software aus, damit Wirte zwischen zwei parallelen Systemen wechseln können: eines produziert steuerlich einwandfreie Rechnungen für das Finanzamt, eines Pro-Forma-Belege zur Kontrolle der eigenen Angestellten. Kein Wunder, dass bei solchen Möglichkeiten – und einer derart laxen Kontrolle – der Missbrauch blüht: Als vergangenes Jahr die Finanzpolizei Stichproben in Wiens Gaststätten durchführte, wiesen ganze 45 Prozent der Kassensysteme grobe Mängel auf und 85 Prozent zumindest formale.

Die SPÖ fordert gegen all das einen strengen Manipulationsschutz bei Gastro- Kassen. Konkret soll jede Konsumation mit digitalen Signaturen und fortlaufenden Nummern versehen werden, um Tricks zu verunmöglichen. Dazu soll eine Speicherkarte verpflichtend an Kassen angeschlossen werden und alle Transaktionen fälschungssicher und lückenlos festhalten.

In manchen Ländern ergänzt auch eine sogenannten „Beleglotterie“ dieses System. Dabei können Kaffeehaus- und Restaurantkunden ihre Rechnungen ans Finanzamt senden. Dort dienen sie dann in einer öffentlichen Ziehung als Lose. Die Gewinner bekommen etwa Autos oder Reisen – und die Finanz kann anhand der eingelangten Rechnungen prüfen, ob die Wirte ihre Geschäfte versteuert haben. In Kroatien etwa wurde ein solches System erfolgreich eingeführt. Seither zieht eine Lottofee in einer Fernsehshow die Gewinnerlose aus einem Bottich voller alter Rechnungen; das Ganze wirkt ungefähr wie die österreichische Brieflos-Show.

Ob es auch in Österreich so weit kommt, ist fraglich. Die ÖVP warnt ebenso lautstark vor einer Gesetzesänderung wie Gastgewerbe-Vertreter der Wirtschaftskammer: 300 Millionen Euro pro Jahr sollen die Umrüstungen insgesamt die Betriebe kosten, prophezeit etwa die Kammerobfrau für Handel. Diese Summe stehe in „keiner Relation“ zu etwaigen mehr Steuereinnahmen.

Wer sich durchsetzt, das wird man wohl Mitte März wissen, wenn SPÖ und ÖVP ihre Einigung bei der Steuerreform präsentieren wollen. Dann wird man erfahren, ob das Geld dafür auch aus den Kassen der Wirte kommt.

RAND-INFOS:

Griechenland will – genauso wie Österreich – gegen die Umsatzsteuerhinterziehung in Gaststätten ankämpfen. Finanzminister Yanis Varoufakis schlägt nun vor, ungelernte Steuerprüfer gegen Honorar in die Lokale zu schicken – zum Beispiel Touristen

„Bez računa se ne računa“ („Ohne Rechnung geht es nicht“) heißt die Show im kroatischen TV. Aus einem Bottich eingeschickter Gastro-Rechnungen werden „Gewinnerlose“ gezogen

Eine korrekte Rechnung muss laut Umsatzsteuergesetz das Ausstellungsdatum, Name und Anschrift des Betriebs, Menge und Bezeichnung der Speisen und Getränke sowie deren Preis beinhalten. Außerdem müssen Speisen und Getränke getrennt dargestellt sein

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Wo sind die 8 Milliarden der Hypo?

Aus dem FALTER 11/2015

Ein tiefes Loch klafft plötzlich in der Hypo-Bilanz und stürzt die Republik in Probleme. Woher kommt es?

Bericht:
Joseph Gepp

Man stelle sich vor, man besitzt ein Unternehmen. Und ganz plötzlich, über Nacht, verliert es die Hälfte seines Wertes. Genau das ist vor eineinhalb Wochen der Republik Österreich passiert.

Zugegeben, das Unternehmen hatte schon vorher finanzielle Probleme. Im Jahr 2009 wurde die ehemalige Kärntner Landesbank Hypo Alpe Adria notverstaatlicht. Seither haben rund fünf Milliarden Euro Steuergeld dafür gesorgt, dass sie nicht pleitegeht. Doch inzwischen schien das Schlimmste ausgestanden.

Große Teile der Hypo sind mittlerweile wieder an Private verkauft. Den Rest hat die Republik in einer Firma namens Heta gebündelt. Die Heta – der Name ist schlicht der Buchstabe „H“ auf Altgriechisch – ist eine sogenannte Bad Bank, eine Art Depot, in der nun die meisten hochriskanten Geschäfte aus der Ära Jörg Haiders liegen. Langsam und ohne weitere Probleme, so der Plan, sollten sie dort über die kommenden Jahre abgebaut werden.

Doch am Sonntag, dem 1. März, hieß es plötzlich aus dem Finanzministerium: Neue Prüfungen haben ergeben, dass bei der Heta bis zu 7,6 Milliarden Euro neue Schulden aufgetaucht sind. Das sind 48 Prozent der Bilanzsumme – also, wenn man will, die Hälfte der Hypo. Zum Vergleich: Die komplette Steuerreform soll den Österreichern rund fünf Milliarden pro Jahr bringen. Wie ist das möglich?

Politisch jedenfalls zeigen die neuen Verluste sogleich enorme Konsequenzen: Das Geld müsste die Republik neuerlich zuschießen, sonst geht die Heta pleite. Doch genau das will ÖVP-Finanzminister Hans Jörg Schelling nicht tun, wie er vor zwei Wochen bekanntgab. Für vorerst drei Monate zahlt die Heta deshalb ihre Schulden nicht mehr an die Gläubiger zurück, hauptsächlich an große Banken und Versicherungen. Was faktisch eine Pleite ist, wird offiziell nicht als solche deklariert: Schelling nutzt ein kompliziertes neues EU-Gesetz zur Bankenabwicklung statt eines normalen Insolvenzverfahrens. Unter diesen Umständen werden nämlich jene Kärntner Landeshaftungen nicht sofort schlagend, die Haider einst einging, um den rasanten Wachstumskurs der Hypo zu ermöglichen.

Nun soll mit den Gläubigern mühsam ausverhandelt werden, auf wie viel ihres Geldes sie trotz Haftungen verzichten. Schellings Entscheidung könnte Steuermilliarden sparen, und sie bürdet der Finanzwirtschaft Teile der Kosten auf. Aber sie ist auch hochriskant: Eine Flut an komplexen Verhandlungen und noch mehr Rechtsstreite kommen auf Österreich zu, allen voran mit der BayernLB, dem einstigen Miteigentümer.

Abseits davon gibt es eine weitere interessante Frage: Woher kommt plötzlich das Milliardenloch bei der Hypo, das die aktuelle Misere ausgelöst hat? Wurden bei der Pleitebank in den vergangenen Jahren Bilanzen gefälscht oder zumindest aufgehübscht? Wurden Verluste aus der Haider- und BayernLB-Ära nicht zur Gänze offengelegt, sondern teils geheim gehalten? Geschah dies vielleicht sogar in den Jahren nach der Notverstaatlichung 2009? Das hieße, nicht die alten Eigentümer in Klagenfurt und München wären verantwortlich, sondern die SPÖ-ÖVP-Regierung in Wien.

Genau das vermuten die oppositionellen Neos. „Es steht der Verdacht im Raum, dass man die Hypo-Bilanz mit Blick auf die Nationalratswahl 2013 besser dargestellt hat, als sie war“, sagt Nationalratsabgeordneter Rainer Hable. Er bekommt Schützenhilfe. Der Wiener Finanzexperte Werner Doralt und der Grazer Wirtschaftsprüfer Fritz Kleiner meinen, dass mit den Hypo-Bilanzen etwas nicht stimmen kann. Die Experten stoßen sich daran, dass die Hypo-Bilanzen noch 2011 und 2012 keine Verluste auswiesen – und nun riesige. „So etwas gibt es nicht“, sagte Doralt im ORF. „Eine Bilanz entwickelt sich ziemlich stetig.“

Auf Basis eines Gutachtens von Kleiner ermittelt laut Profil nun auch die Korruptionsstaatsanwaltschaft in der Frage. Bei diesen Ermittlungen ist jedoch der mögliche Schuldige noch nicht klar: Kleiner hat die Bilanz von 2009 analysiert, bei deren Erstellung die Hypo soeben notverstaatlicht worden war. Ob hier noch die BayernLB oder schon die Republik die Finger im Spiel hatte, weiß man noch nicht.

Und wieder ein neues Milliardenloch: Hypo-Hauptquartier in Klagenfurt

Und wieder ein neues Milliardenloch: Hypo-Hauptquartier in Klagenfurt

Wurden (auch) unter rot-schwarzer Ägide die Bilanzen gefälscht? Wer Antworten sucht, stellt als Erstes fest: Auch wenn der teuerste Skandal der Zweiten Republik seit Jahren breitgetreten wird, die Informationen bleiben äußerst bruchstückhaft.

Bei der Heta selbst verweist man auf Nachfrage des Falter, woher genau das neue Milliardenloch komme, auf eine Aussendung. Mehr könne man derzeit nicht sagen, heißt es, denn man befinde sich mitten in der sensiblen Phase der Bilanzerstellung. In der Aussendung wird unter dem Titel „Bilanzen korrekt“ auf schlechtere wirtschaftliche Rahmenbedingungen auf dem Balkan verwiesen, wo die Hypo intensiv tätig war. Weiters erklärt die Heta die Verluste mit einer „Änderung der Bewertungsmethoden“.

Was bedeutet Letzteres? Wenn ein Unternehmen bald zusperrt – das ist ja der Zweck der Heta -, muss es sein Vermögen anders bewerten als bei normalem Weiterbetrieb. Ein Kredit etwa, den die Hypo einst vergeben hat und der nun nicht regelmäßig bedient wird, verliert dadurch an Wert. Denn die Bank könnte ihn unter normalen Umständen ja länger behalten oder einen Kompromiss mit dem Kreditnehmer anstreben. Doch nun muss sie ihn stattdessen bald verkaufen – etwa an US-Fonds, die darauf spezialisiert sind, riskante Kreditforderungen in Paketen zu erwerben. Vom „Gone-Concern“ sprechen Buchhalter im Fall des baldigen Zusperrens. Der Gone-Concern kann den Wert von Bankvermögen durchaus verringern.

Doch erklärt er auch das Milliardenloch bei der Hypo? Nein, sagt Neos-Mann Hable. „Das Argument, dass die Werte der Hypo aufgrund des Verkaufsdrucks sinken würden, hören wir schon seit Jahren.“ Als etwa 2013 hunderte Millionen Steuergeld in die Bank gesteckt wurden, rechtfertigte dies die Regierung ebenfalls mit notwendigen Abwertungen, weil die EU den baldigen Verkauf der Hypo vorschreibe. Dazu zweifelt Hable auch an anderen vorgeblichen Gründen für die Verluste: „Die Krise in Südosteuropa etwa herrscht schon lange Zeit.“

Fazit: Ein Acht-Milliarden-Loch tut sich plötzlich in der Hypo-Bilanz auf. Es stürzt die Republik in gehörige Probleme. Und niemand kann richtig erklären, woher es kommt. Der anlaufende Hypo-U-Ausschuss im Parlament hat ein weiteres großes Feld, dem er sich zuwenden kann.

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Geld oder das Wägen der Unwägbarkeiten

Aus dem FALTER 11/2015,Buchbeilage

Wirtschaft: Der Philosoph Christoph Türcke hat eine exzellente Geschichte des Geldes geschrieben

REZENSION:JOSEPH GEPP

Es gibt viele schlechte Bücher von Philosophen. In ihnen findet man zum Beispiel zeilenlange Definitionen und hat nachher nicht das Gefühl, schlauer zu sein. Oder die Autoren beziehen sich über Seiten auf Debatten, die nur Fachleute kennen. Es gibt aber auch gute Bücher von Philosophen. Sie beschreiben etwas scheinbar Bekanntes mit nur wenigen Worten anders – und schon regt es zum Nachdenken an.

Oder sie stellen neue, unkonventionelle Querverbindungen her – und am Ende hat man etwas begriffen.

„Mehr!“ von Christoph Türcke fällt definitiv unter die guten, um nicht zu sagen faszinierenden Bücher, und ist noch dazu glänzend geschrieben. Türcke legt damit eine Theorie des Geldes als „Verflüchtigungsgeschichte“ vor, von ursprünglichen Tempelgaben bis hin zu Computerimpulsen. Seine These: Unser Zahlungsmittel hat sich in seiner Historie immer mehr entmaterialisiert.

Geld, so die Lehrmeinung unter den Ökonomen, hat drei Funktionen. Es dient als Tauschmittel, kann Werte aufbewahren und misst selbige. Wer Türckes Buch liest, begreift: Geld ist viel mehr als die Summe dieser drei Eigenschaften. Es formt die Menschen, ebenso wie sie es formen. Es prägt unser Leben wie kaum etwas anderes, auch wenn wir kaum darüber nachdenken.

Christoph Türcke: Mehr! Philosophie des Geldes. C. H. Beck, 480 S., € 30,80

Christoph Türcke: Mehr! Philosophie des Geldes. C. H. Beck, 480 S., € 30,80

Am Beginn des Buches steht die Historie des Geldes – nach einem Prolog, der einen Rahmen schafft, indem er verschiedene Definitionen von Geld und die philosophischen Fragen dahinter erläutert. Sogar Orang-Utans kann man in Laborversuchen dahingehend trainieren, liest man hier, dass sie verschiedenfarbige Marken gegen Belohnungen eintauschen. Die menschliche Geschichte des Geldes hingegen beginnt, soweit bekannt, in der Sphäre des Sakralen, bei Tempelgaben in Mesopotamien.

Die Tempel entwickelten sich allmählich zu Umschlagplätzen, verbunden durch Karawanen. Es hat wohl auch mit diesem religiösen Ursprung zu tun, dass das Geld bald die Form von Edelmetallmünzen annahm, denn sie schimmern wie Sterne – und wirken dadurch „göttlicher“ als der irdische Ton, aus dem Opfergaben zuvor bestanden hatten.

Trotzdem genügte die Münze irgendwann nicht mehr. Im England der frühen Neuzeit nahm der „historische Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel“ seinen Ausgang, das, was wir heute Kapitalismus nennen. Im immer dichteren Netz aus Handelswegen reichte das Edelmetall mit seiner unzuverlässigen Förderung nicht mehr, um einen steten Strom von Waren sicherzustellen. Also ersetzte man Münzen zunehmend durch Wechselbriefe. Damit entstand ein Charakteristikum des Kapitalismus: das „professionelle Wägen von Unwägbarkeiten“. Denn ob der Wechsel tatsächlich am Ende in den Münzbetrag aufgelöst wird, auf den er lautet, das ist nie ganz gewiss.

Zentralbanken sollten Abhilfe schaffen. Angefangen mit der Bank of England sorgten sie dafür, dass Papiernoten „nunmehr kursieren, als ob sie Münzen wären“:“Das Gedeckte (die Noten) und die Deckung (die Münzen) hatten gleichen Rang.“ Das funktioniert allerdings nur, wenn jemand mit möglichst viel Macht dafür geradesteht, also der König oder der demokratische Souverän. Und selbst unter diesen Umständen bleibt es bis heute fraglich, ob der Ersatz je wirklich zum Original werden kann.

Bald wurden Noten nur noch teilweise durch Edelmetall gedeckt, weil Letzteres knapp war. Im 20. Jahrhundert schließlich gab man die letzten Reste des Goldstandards auf und setzte stattdessen auf flexible Wechselkurse. Die Schwankungen, die man früher gefürchtet hatte, wurden zu Erwartungen, mit denen man spekulierte – und die angeblich aus dem Nichts Werte schufen.

Gegen Ende seines Buches scheut sich Türcke nicht, auch auf aktuelle Debatten einzugehen. Er befasst sich etwa mit der Rolle der Europäischen Zentralbank in der Griechenlandkrise und der Steuervermeidung internationaler Konzerne. Geld, das nur noch auf sich selbst verweist, bleibt am Ende trotzdem Ersatz für irgendetwas, lautet sein Fazit. Und zwar nicht nur für die Waren, die man dafür kaufen kann. Es hat auch einen „utopischen Überschuss“, wie Türcke es ausdrückt. Das Geld steht etwa für „Trost, Genugtuung, Geborgenheit, Genuss, Potenz“.

Aber: „Den Ersatz für die Sache selbst zu nehmen, ist geradezu pervers.“ Türcke plädiert für eine Rückkehr zum Bewusstsein, dass dem Geld irgendetwas zugrunde liegen muss. Das Geld kommt in letzter Konsequenz in die Welt, um sich selbst überflüssig zu machen, indem Bedürfnisse mit seiner Hilfe erfüllt werden. Doch de facto nutzt man es lediglich, um immer mehr davon zu bekommen. Davon gelte Abstand gewinnen, um „das globale System der Plusmacherei“ zu beenden.

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