„Millionäre in Billigkleidern“

Aus dem FALTER 8/2015

Wie funktioniert Steuerhinterziehung in der Praxis? Eine Insiderin erzählt

Gespräch: Joseph Gepp

Hundertdreißigtausend Kunden, 59.058 Datensätze, 75 Milliarden Euro: Zum wiederholten Mal hat Europa einen großen Steuerhinterziehungsskandal. Aus der Genfer Filiale der britischen Großbank HSBC sind sensible Daten aus dem Jahr 2007 an die Öffentlichkeit gedrungen. Den Skandal, der inzwischen unter dem Schlagwort „Swiss Leaks“ bekannt geworden ist, zeigt, in welchem Ausmaß Geld teils kriminellen Ursprungs versteckt wird – einmal mehr.

Doch wie funktioniert Steuerhinterziehung in der Praxis? Wer drückt welche Tasten am Computer? Wen ruft man an? Das kann sich kaum jemand vorstellen außer einer verschwiegenen Clique aus reichen Kunden, Bankberatern und anderen Dienstleistern.

Eine davon gibt dem Falter – unter der Bedingung von Anonymität – ein Interview. Anna Montrak (Name geändert), eine mittlerweile pensionierte Betriebswirtin, hat lange in der Branche gearbeitet, als Kundenberaterin bei Finanzdienstleistern in Liechtenstein. Im Gespräch gibt sie einen seltenen Einblick in die Abläufe des diskreten Geldversteckens. Ihre Ausführungen zeigen auch, dass nicht jeder, der Geld versteckt, gleich kriminell sein muss. Und sie zeigen, wie massiv sich das Geschäft durch die Krise seit 2008 verändert hat.

Falter: Frau Montrak, wo haben Sie gearbeitet?

Anna Montrak: Hauptsächlich in Banken und Treuhandbüros in Liechtenstein und der Schweiz. Seit der Finanzkrise 2008 hat sich das Geschäft dort massiv verändert, weil internationale Abkommen zur Verhinderung von Steuerhinterziehung in Kraft getreten sind. Zu meiner Zeit gab es in Liechtenstein noch abertausende Stiftungen, die von Treuhandbüros betreut wurden; inzwischen hat sich ihre Zahl stark reduziert.

Lassen Sie uns später darauf zurückkommen, wie sich das Geschäft heute verändert hat. Zunächst: eine Stiftung und ein Treuhänder, wie hängen diese Dinge überhaupt zusammen?

Montrak: Der Treuhänder betreut Stiftungen, also er gründet und verwaltet sie. Eine Stiftung ist eine juristische Persönlichkeit, die mit Vermögen ausgestattet ist, wie es sie etwa auch in Österreich gibt. Jede Stiftung muss mit einem Stiftungszweck ausgestattet sein und ein Organ der Geschäftsführung haben, also eine Art Chefetage. Der Zweck der Stiftung ist gemeinhin, dass ihr Vermögen verwaltet, vermehrt und gegebenenfalls an bestimmte Begünstigte ausgeschüttet wird. Dazu hat die Stiftung in der Regel ein oder mehrere Konten in ihrem Namen, auf denen das Geld liegt, zum Beispiel bei einer Schweizer Bank. Das Geschäftsführungsorgan der Stiftung kann man sich ungefähr vorstellen wie die Geschäftsführung einer GmbH. Und genau dieses Organ bestellt ein Treuhänder im Auftrag des Stifters. Oft stellt der Treuhänder selbst dieses Organ der Geschäftsführung, oder er ist zumindest Mitglied davon. Darin liegt das Kerngeschäft der meisten Treuhänder; manche betreuen tausende von Stiftungen.

Und wer sind die Eigentümer dahinter?

Montrak: Im rechtlichen Sinn hat eine Stiftung keinen Eigentümer. Es gibt den Stifter, der das Geld in die Stiftung einbringt und den Treuhänder beauftragt – womit er sich von dem Vermögen trennt und es der Stiftung übergibt, aber gleichzeitig weiterhin Kontrolle darüber ausübt. Daneben gibt es die wirtschaftlich Begünstigten, die das Geld mit Einverständnis des Stifters beziehen können. Oft sind die Begünstigten beispielsweise Kinder des Stifters; manchmal sind Stifter und Begünstigter auch dieselbe Person. Wie dem auch sei – bis vor einigen Jahren blieben diese Leute völlig anonym. Sie traten nicht in Erscheinung, sondern nur die Treuhänder.

Gibt es einen Vertrag zwischen dem Treuhänder und dem Stifter?

Montrak: Manchmal wird das nur mündlich vereinbart, meistens jedoch gibt es einen kurz gehaltenen, schriftlichen Auftrag. Darauf ist nur der Name des Stifters vermerkt, keine Details wie Adressen oder Telefonnummern. Diesen Vertrag haben nur die Treuhänder – wer beispielsweise im offiziellen Firmenbuch nachschaut, stößt lediglich auf sie. Der ganze Sinn dieses Konstrukts war ja, dass nicht bekannt wird, wer hinter dem Geld steht. Vom Vertrag zwischen Stifter und Treuhänder gab es meist nur eine Papierurkunde. Im Zeitalter des Internets wurden kundenbezogene Informationen weiterhin ausschließlich auf Computern abgespeichert, die nicht mit dem Internet verbunden waren.

Manchmal wird das nur mündlich vereinbart, meistens jedoch gibt es einen kurz gehaltenen, schriftlichen Auftrag. Darauf ist nur der Name des Stifters vermerkt, keine Details wie Adressen oder Telefonnummern.

Warum gründet jemand eine Stiftung?

Montrak: Das kann viele Gründe haben. Zunächst trennt sich der Stifter damit von seinem Geld und legt es sicher an. Bei dem Vermögen kann es sich oft um unversteuerte Einkünfte oder Gelder aus sonstigen illegalen Quellen handeln, das muss aber nicht so sein. Viele Leute legten auch ihr ehrlich verdientes Geld lieber in einer Stiftung an – denn die Gestaltungsmöglichkeiten sind äußerst flexibel. Zum Beispiel kann das Geld ganz nach Wunsch des Stifters langfristig gebunden werden und dann an von ihm gewünschte Personen ausgeschüttet werden, ganz nach seinen Bedingungen. Damit lassen sich etwa Ansprüche umgehen, die aus dem Eherecht oder Erbrecht resultieren, wie der Pflichtteil. Und last but not least liegt das Geld, das sich in einer Stiftung befindet, ja nicht einfach herum – es wird veranlagt und bringt damit Rendite. In der Praxis läuft das so ab, dass die Stifter angeben, wie sie das Geld investieren wollen. Manche wollen es konservativ in Staatsanleihen stecken, andere riskant in Aktien, wieder andere wählen eine Mischform. Der Treuhänder leitet diese Anweisungen an die Banken weiter, bei der sich das Konto der Stiftung befindet.

"Dann sind die Leute ben mit Geldkoffern herumgefahren"

„Dann sind die Leute eben mit Geldkoffern herumgefahren“


Wofür braucht man bei all dem eine Stiftung? Das könnte man ja alles auch ohne eine machen.

Montrak: Der entscheidende Punkt ist: Auf die Renditen der Veranlagung ist eine Steuer fällig. In Österreich zum Beispiel liegt die Kapitalertragssteuer bei 25 Prozent. In Liechtenstein hingegen beträgt sie nur eine Promille. Diese Steuer spart man sich also, wenn man sein Geld in eine Liechtensteiner Stiftung steckt. Dazu kommt auch, dass die Gründungs- und Erhaltungskosten einer Stiftung in Liechtenstein deutlich niedriger sind als etwa in Österreich.

Und wenn man das Geld abhebt und ins Heimatland zurückholt?

Montrak: Dann müsste man dort die Steuer streng genommen nachzahlen. Aber das hat niemand je gemacht. Wenn ein Vermögensverwalter jahrelang große Summen für einen Kunden verwaltet, kommen ja enorme Gewinne zusammen, auf die bei Ausschüttung hohe Steuern fällig wären – die oft nicht entrichtet wurden. Wenn also von massiver Steuerhinterziehung die Rede ist, muss man sich vor Augen halten, dass in vielen Fällen das Geld ursprünglich oft ganz sauber verdient und regulär versteuert worden ist. Nur bei den Gewinnen, die sich etwa in Liechtenstein oder der Schweiz aus der Veranlagung des Geldes ergaben, da wurde dann die Steuer hinterzogen.

Wenn ein Kunde sein Geld aus der Stiftung herausholen und darüber verfügen will – wie macht er das gemeinhin?

Montrak: Man kann ihm das Geld nicht einfach auf sein normales Konto im Heimatland überweisen, das würde auffallen. Manche Überweisungen erfolgen auf Umwegen, oft über Konten in mehreren Ländern. Teilweise reist auch der Treuhänder mit Bargeld zu seinen Kunden. Oder sie kommen inkognito nach Liechtenstein, um es sich abzuholen. Teilweise erlebte man dort Millionäre, die sich ganz bewusst die Billigkleidung vom Diskonter anziehen, damit sie ja nicht auffallen. Die Leute sind extrem auf Diskretion bedacht.

Teilweise reist auch der Treuhänder mit Bargeld zu seinen Kunden. Oder sie kommen inkognito nach Liechtenstein, um es sich abzuholen. Teilweise erlebte man dort Millionäre, die sich ganz bewusst die Billigkleidung vom Diskonter anziehen, damit sie ja nicht auffallen.


Wie tragen die Treuhänder dieser Sorge um Diskretion Rechnung?

Montrak: Es gab zum Beispiel die eiserne Grundregel, dass man einen Stifter oder Begünstigten niemals von sich aus kontaktieren durfte. Wenn, dann muss sich der Kunde von selbst melden. Weiters werden Absprachen bevorzugt mündlich getroffen. Manche Treuhänder reisten das ganze Jahr um die Welt, um Kunden zu treffen und dann mit Anweisungen nach Liechtenstein zurückzukommen. Zum Beispiel: Mitte des Jahres sollen 500.000 Euro ausgezahlt werden, weil eine Tochter will sich eine Eigentumswohnung kaufen.

Wer sind die Leute hinter den Stiftungen?

Montrak: Das ist unterschiedlich. Es können Magnaten aus Russland oder Indien sein, die Milliarden besitzen. Viele Stifter kommen aber auch aus der höheren Mittelschicht in Deutschland oder Österreich. Das sind dann etwa erfolgreiche Restaurantbesitzer oder Zahnärzte, die im Lauf ihres Lebens viel Geld verdient haben. Jetzt wollen sie es steuerschonend, diskret und sicher anlegen. Für zahlreiche Kunden ist es gar nicht das wichtigste Motiv, Steuern zu ersparen. Manche wollen auch einfach ihr Geld zum Beispiel vor gierigen Verwandten oder Kindern verstecken. All das lässt sich mit einer Stiftung gut bewerkstelligen. Die Geldsummen in den Stiftungen rangieren ungefähr zwischen 200.000 Euro und vielen Dutzenden Millionen.

Es gab zum Beispiel die eiserne Grundregel, dass man einen Stifter oder Begünstigten niemals von sich aus kontaktieren durfte.

Was verdient der Treuhänder an all dem?

Montrak: Er bekommt pro Jahr und Stiftung eine kleine Provision von einigen hundert Euro. Das ist nicht viel, aber bei hunderten oder tausenden Stiftungen, die ein Treuhänder verwaltet, kommen riesige Summen zustande. Dieses Geschäft mit den Stiftungen in Liechtenstein geht bis in die 30er-Jahre zurück. Weil seither viele Bauern auf Treuhänder umsattelten, kursiert dort das geflügelte Wort: „vom Heuwender zum Treuhänder“. Die Treuhänder sind in Liechtenstein wie Pilze aus dem Boden geschossen. Doch jetzt hat sich das Blatt gewendet.

Wieso?

Montrak: Nach der Finanzkrise wurde der internationale Druck auf Liechtenstein stärker. Deshalb mussten Banken und Treuhänder nach und nach offenlegen, wer die Begünstigten hinter einer Stiftung sind. Dass deren Anonymität nicht mehr sicher ist, hat zu einem radikalen Wandel geführt. Viele Kunden haben Angst bekommen und eine Selbstanzeige in Erwägung gezogen. Befeuert wurde all dies durch die großen Steuerhinterziehungsskandale in den Medien. Die Treuhänder fürchteten damals natürlich um ihr Geschäft und versuchten die Kunden zu beschwichtigen und ihr Geld woanders in Sicherheit zu bringen. Falls die Kunden trotzdem auf eine Selbstanzeige bestanden haben, wurde die Stiftung aufgelöst und das Geld zurücküberweisen, etwa nach Deutschland. In diesem Fall haben die Leute am Ende mehr gezahlt, als wenn sie ihr Geld niemals nach Liechtenstein gebracht hätten.

Weil viele Bauern auf Treuhänder umsattelten, kursiert dort das geflügelte Wort: „vom Heuwender zum Treuhänder“. Die Treuhänder sind in Liechtenstein wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Was war mit denen, die keine Selbstanzeige machten?

Montrak: Für die wurden neue Stiftungen oder andere rechtliche Konstrukte gegründet, in Ländern, in denen die Namen der dahinterstehenden Personen nach wie vor geheim blieben, zum Beispiel Hongkong, Singapur, den British Virgin Islands oder Belize. Dorthin wurde dann das Geld verschoben.

Wie lief dieses Verschieben konkret ab?

Montrak: Über eine Partneragentur in dem jeweiligen Land, zum Beispiel eine Rechtsanwaltskanzlei, wurde eine neue Einheit eröffnet, etwa eine Aktiengesellschaft oder wieder eine Stiftung. Das ist mit einigen Dokumenten rasch möglich. Danach wurde das Geld einfach vom Konto der alten Gesellschaft auf jenes der neuen überwiesen. In heikleren Fällen erfolgten Überweisungen über mehrere Zwischenkonten. Oder Geld wurde sogar bar abgehoben und ebenfalls in bar auf das neue Konto eingezahlt. Dann sind Leute eben mit Geldkoffern herumgefahren.

All das geschah auf Bitten der Kunden?

Montrak: Nicht immer. Wie gesagt war der diskrete Kontakt zwischen Banken, Treuhänder und Kunden schwierig und sporadisch. Manchmal wurden Treuhänder daher auch eigenständig tätig, Vermögen zu verschieben, um die Identität der Begünstigten zu schützen. Sie gingen davon aus, dass das dem Kunden schon recht sein würde. Das Vertrauen ist gemeinhin sehr groß in dieser Szene. Die Kunden wissen, dass sie es mit hundertprozentig verlässlichen und diskreten Finanzdienstleistern zu haben und die Berufsbeziehungen gehen über viele, viele Jahre.

In heikleren Fällen erfolgten Überweisungen über mehrere Zwischenkonten. Oder Geld wurde sogar bar abgehoben und ebenfalls in bar auf das neue Konto eingezahlt. Dann sind Leute eben mit Geldkoffern herumgefahren.


Gibt es aufgrund all der Veränderungen heute keine Stiftungen mehr in Liechtenstein?

Montrak: Zumindest viel weniger als noch vor einigen Jahren. Und die verbliebenen haben sich mit der neuen Weißgeld-Strategie des Landes arrangiert. Eine Stiftung kann ja auch legal nützlich sein, zum Beispiel als Alternative zu einem Testament. Ein Vater kann zum Beispiel sagen: Ich gebe mein Geld in eine Stiftung, und meine Kinder sollen es erst ausbezahlt bekommen, wenn sie geheiratet oder ihre Studienabschlüsse gemacht haben. Geschäfte dieser Art macht man heute in Liechtenstein. Zudem bestehen weiterhin legale günstige Steuermodelle für Kapitalgesellschaften oder Trusts.

Ein superreicher Kunde hat viel größere Möglichkeiten, sein Geld ins Trockene zu bringen. Dem gutverdienenden Mittelständler hingegen wird das Netz irgendwann zu eng und der Aufwand zu groß.


Würden Sie aus Ihrer beruflichen Erfahrung sagen, dass die Steuerhinterziehung aufgrund all der internationalen Bemühungen seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 weniger geworden ist?

Montrak: In Liechtenstein zumindest wurde das Geschäftsmodell gezwungenermaßen völlig umgestellt. Und auch auf andere Staaten wie die Schweiz wird international massiv Druck ausgeübt. Viel Geld ist seither allerdings einfach woandershin verschoben worden, statt dass sich seine Besitzer deklarierten. Wie viel an Steuerhinterziehung durch die Bemühungen seit der Krise tatsächlich verhindert worden ist, kann ich nicht einschätzen. Klar ist jedenfalls: Je vermögender der Kunde, desto raffi nierter die Methoden der Verschleierung. Ein superreicher Kunde hat natürlich viel größere Möglichkeiten, sein Geld ins Trockene zu bringen. Dem gutverdienenden Mittelständler hingegen wird das Netz irgendwann zu eng und der Aufwand zu groß.

RAND-INFOS:

Swiss Leaks Zwischen 2006 und 2008 soll der Informatiker Hervé Falciani tausende sensible Dokument aus der Genfer Filiale der britischen Großbank HSBC entwendet haben. Das internationale Journalistenkollektiv ICIJ arbeitete sie auf

Lux Leaks
In 548 Erklärungen sicherten die Luxemburger Steuerbehörden zwischen 2002 und 2010 verschiedenen Großkonzernen immense Steuerbefreiungen zu. Auch diesen Fall deckte das ICIJ auf

Stiftungen sind nur eine von vielen Möglichkeiten für Steuerhinterzieher, ihr Geld zu verstecken – auf diese Variante hat sich bis vor wenigen Jahren Liechtenstein spezialisiert. Wegen neuer, strenger Regeln geht jedoch die Anzahl der Stiftungen im Kleinstaat derzeit zurück. Im Jahr 2008 kam ein großer Steuerskandal ans Licht, nachdem der deutsche Geheimdienst eine Daten-CD aus Liechtenstein angekauft hatte. Dieser kostete etwa Klaus Zumwinkel, damals Chef der deutschen Post, den Job

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