7.400.000.000.000 Dollar

Aus dem FALTER 44/2014

So viel Geld liegt laut Ökonom Gabriel Zucman weltweit in Steueroasen


Gespräch: Joseph Gepp

Er gilt als Jungstar unter Europas Ökonomen. Der Franzose Gabriel Zucman, 27, hat im Sommer ein aufsehenerregendes Buch über Steueroasen publiziert. Mit dem Falter spricht er über den Kampf gegen Steuerhinterziehung, die Rolle Österreichs und den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker.

Falter: Herr Zucman, wie viel Geld befindet sich weltweit in Steueroasen?

Gabriel Zucman: Schätzungsweise acht Prozent des weltweiten Finanzvermögens, ungefähr 7,4 Billionen Dollar. Diese Summe enthält alle Bankeinlagen, Wertpapiere, Aktien, Anleihen und Fondsanteile, die von Privatpersonen in Steueroasen gehalten werden. Nicht inkludiert sind Immobilienvermögen oder Anlageformen wie etwa Kunstwerke, das wäre zu schwierig zu schätzen.

Steueroasen-Experte Gabriel Zucman, 27 Jahre, forscht an der London School Of Economics

Steueroasen-Experte Gabriel Zucman, 27 Jahre, forscht an der London School Of Economics

Wie kommen Sie auf diese Summe?

Zucman: Da wäre zunächst eine monatliche Statistik der Schweizer Nationalbank, die zeigt, wie viel Kapital in der Schweiz von Ausländern gehalten wird. Das sind derzeit 2,45 Billionen Dollar. Bei anderen Steueroasen jedoch gibt es keine offi ziellen Daten wie bei der Schweiz. Also mussten wir bei unseren Berechnungen auf eine indirekte Methode zurückgreifen: Das Vermögen, das in Steueroasen gehalten wird, führt nämlich zu Anomalien in den Vermögensbilanzen verschiedener Staaten.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Zucman: Stellen Sie sich vor, ein österreichischer Steuerhinterzieher hat ein Konto in der Schweiz, dessen Vermögen wiederum in US-amerikanischen Aktien von Google angelegt ist. In der Vermögensbilanz der USA wird man also sehen, dass Anteile an Google von einem Ausländer gehalten werden. In der Schweiz sieht man, dass ein Ausländer Geld bei einer Schweizer Bank gelagert hat. In Österreich schließlich tauchen die Gelder gar nicht auf, obwohl sie das sollten. Es entsteht also eine Lücke: Es ist weltweit mehr Geld veranlagt, als existieren sollte. Auf der Passivseite der Länder sind mehr Wertpapiere registriert als auf der Aktivseite.

Gibt es ein Ranking der bösesten Steueroasen? Wer sind die Top drei?

Zucman: Die Schweiz, Hongkong und Singapur – zumindest, was das Privatvermögen betrifft. Darüber hinaus jedoch haben sich Länder auf bestimmte Dinge spezialisiert. Bei Hedgefonds zum Beispiel liegen die Cayman Islands auf dem ersten Platz, Jersey hat sich auf Trusts spezialisiert, Liechtenstein auf Stiftungen, Luxemburg auf Investmentfonds.

Luxemburg nennen Sie in Ihrem Buch den „Inbegriff einer Steueroase“. Jetzt ist der langjährige Finanzminister und Premier des Landes, Jean-Claude Juncker, neuer EU-Kommissionspräsident.

Zucman: Seine Bilanz als Spitzenpolitiker in Luxemburg ist schlecht. Er tat sein Mögliches, um das Bankgeheimnis zu bewahren, den Informationsaustausch zwischen Luxemburger Banken und anderen europäischen Staaten zu begrenzen und Steuerhinterziehung zu erleichtern. Juncker war eine zentrale Figur bei all dem. Natürlich müssen wir heute abwarten, wie sich Europas Kampf gegen Steuerhinterziehung weiterentwickelt. Aber besonders optimistisch stimmen mich diese Vorzeichen nicht.

Nicht nur Luxemburg gilt für viele als Steueroase, auch Österreich. Zu Recht?

Zucman: Österreich war neben Luxemburg lange Zeit das einzige Land in der EU, dass dem automatischen Informationsaustausch mit anderen EU-Staaten abgelehnt hat – zweifelsfrei dient dieses Vorgehen dazu, Steuerhinterziehung zu erleichtern. Inzwischen hat Österreich jedoch eingelenkt. Abseits vom Widerstand gegen den Informationsaustausch lässt sich aus meinen Daten jedoch keine große Aktivität in Österreich herauslesen. Es gab und gibt wohl Steuerhinterziehung, ermöglicht durch das Bankgeheimnis – doch das Ausmaß scheint nicht riesig. Eines muss man jedoch im Fall Österreichs unbedingt hinzufügen: Es gibt ein großes Informationsdefizit, weil die Österreichische Nationalbank nicht die gleichen Informationen wie die Schweizer Nationalbank veröffentlicht. Im Fall der Schweiz kennt man die Größe des ausländischen Vermögens, das von Schweizer Banken verwaltet wird. Bei Österreich nicht – das ist ein großes Problem.

Ist es heute im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2008 schwieriger oder leichter, Geld in Steueroasen zu verstecken?

Zucman: Es ist wohl mehr oder weniger gleich. In den meisten Ländern gibt es immer noch keinen automatischen Informationsaustausch. Über ein Schweizer Bankkonto dringen heute immer noch keine Informationen nach Frankreich oder Italien. Sehr wohl gibt es aber die Hoffnung auf substanzielle Verbesserungen in den kommenden Jahren: 2015 werden Österreich und Luxemburg beginnen, Informationen zu übermitteln. 2018 und 2019 werden dann die großen Finanzzentren Schweiz, Singapur und Hongkong folgen.

In Ihrem Buch schlagen Sie fast eine Art Wirtschaftskrieg gegen Steueroasen wie die Schweiz vor. Man solle hohe Strafzölle verhängen, fordern Sie. Sind solche Maßnahmen wirklich notwendig – angesichts von Fortschritten wie dem automatischen Informationsaustausch?

Zucman:
Ja, ich halte es für naiv zu glauben, dass Länder und Institutionen von der Beihilfe zur Steuerhinterziehung abrücken werden, solange dieses Geschäft für sie profitabel bleibt. Wenn man Veränderungen will, müssen sich also die Anreize ändern – für die Ländern, Institutionen wie Banken und bei den Individuen, damit sie nicht mehr Steuern hinterziehen. Steuerhinterziehung muss sehr riskant, sehr unprofitabel und sehr teuer werden.

RAND-INFO:
Wie reagiert die Österreichische Nationalbank auf das von Zucman kritisierte Informationsdefizit? Auf Falter-Nachfrage kündigt sie an, einen Großteil jener Daten offenzulegen, wie sie auch in der Schweiz zur Verfügung stehen. Diese Daten waren bislang nicht zusammengefasst, nun können sie in die internationale Forschung zu Steueroasen einfließen

Gabriel Zucman: Steueroasen. Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird. Suhrkamp, 118 S., € 14,40

Gabriel Zucman: Steueroasen. Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird. Suhrkamp, 118 S., € 14,40

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