Die Box, die Leben rettet

Aus dem FALTER 34/2014

Eine junge Wiener Firma hat ein genial einfaches Gerät entwickelt, mit dem sich die Sauberkeit von Trinkwasser testen lässt: das Wadi. Nun soll es die Welt erobern

Unternehmensporträt: Joseph Gepp
Fotos: Hans Hochstöger

Der Gegenstand ist etwa so groß wie zwei Zigarettenpackungen und kostet auch ungefähr so viel. Wer ihn zum ersten Mal sieht, fragt sich, was das sein soll. Hat man es begriffen, denkt man: ziemlich clever.

„Als ich meinen Freunden zum ersten Mal von der Idee erzählt habe, haben die gesagt: Was, sowas gibt’s noch nicht?“, erzählt Martin Wesian, 39, Vorarlberger, schwarzes Poloshirt, in seiner direkten und unkomplizierten Art. Der studierte Wirtschaftsingenieur hat das sogenannte „Wadi“ erfunden und zusammen mit drei Kollegen so lange weiterentwickelt, bis es reif zum Verkauf war. Nun hat die Serienproduktion begonnen. Die junge Wiener Firma Helioz von Martin Wesian und Co will mit ihrem Produkt die Welt erobern.

Der Hintergrund von Wesians Erfindung
ist ein weltweites Problem, das wohl zu banal klingt, um in Europa und den USA im vollen Ausmaß wahrgenommen zu werden: Durchfall. Jeden Tag sterben 4000 Menschen daran, vor allem in Indien und Afrika. „Das sind mehr Tote als bei Malaria, Aids und Masern zusammen“, sagt Wesian. Ursache ist meist, dass die Opfer verschmutztes Wasser trinken.

Auch Wesian selbst musste erfahren, wie verhängnisvoll sich das auswirken kann: Mit 22 Jahren erkrankte er auf einer Venezuela-Reise an Cholera. Vier Wochen später und zehn Kilo leichter hatte er erkannt, dass die Dritte Welt an einem großen, unterschätzten Problem leidet.

Es gibt traditionell drei Möglichkeiten, Wasser von Keimen zu befreien. Die ersten beiden sind die Verwendung von Chlortabletten oder das Abkochen. Doch Tabletten sind teuer, und eine Gelegenheit zum Abkochen findet sich nicht immer.

Die dritte Möglichkeit ist die einfachste. Sie besteht darin, das Wasser in Plastikflaschen einfach in die Sonne zu legen, denn deren UV-Licht tötet Keime. Doch diese Methode brachte bislang in der Praxis Schwierigkeiten. Viele Menschen misstrauen dem Verfahren, weil es gar so simpel daherkommt. Zudem wissen die Leute nicht, wie lange der Prozess dauern muss. Denn je nach Sonnenintensität kann die Tötung der Keime eine Dreiviertelstunde brauchen oder einen vollen Tag.

Martin Wesian (r.) und seine drei Mitstreiter von der Firma Helioz präsentieren ihre Erfindung (Foto: Hochstöger)

Martin Wesian (r.) und seine drei Mitstreiter von der Firma Helioz präsentieren ihre Erfindung (Foto: Hochstöger)

Genau hier setzt das Wadi an. Ein eingebauter Sensor misst die Sonnenintensität; danach wird errechnet, wie lang die Reinigung des Wassers dauert. Man muss das Gerät nur neben die Flaschen legen. „Unsere Erfindung dient jenen 2,5 Milliarden Menschen weltweit, die beschränkten Zugang zu sauberem Trinkwasser haben“, sagt Wesian. Die Ärmsten der Armen sind die Zielgruppe. Auf deren Möglichkeiten haben Wesian und seine Kollegen die Erfindung ganz und gar abgestimmt. Der Strom für das Wadi stammt beispielsweise nicht etwa aus einer – wenig verfügbaren – Steckdose, sondern aus einer integrierten Solarzelle. Ist das Wasser gereinigt, blinkt ein Smiley auf dem Display, denn die meisten der potenziellen Kunden sind Analphabeten. „Unser Wadi funktioniert autark“, sagt Wesian. „Und es ist extrem einfach in der Bedienung.“ Es verfügt über nur einen Knopf, jenen zum Einschalten.

Wesian sitzt in seinem kleinen Büro in einem Gründerzeithaus im vierten Wiener Bezirk. An den Wänden hängen keine Bilder, sondern Landkarten. Afrika, Indien, Südamerika. Seit dem Jahr 2010 tüftelt das Helioz-Team hier an dem Produkt. Zur Marktforschung reiste man in den Slum Dharavi im indischen Bombay. „Wir wollen wissen, was die Leute dort brauchen“, sagt Wesian. Als Folge bekam das Wadi beispielsweise ein kleines integriertes Sieb verpasst, damit man das Wasser auch von festen Partikeln wie Sand befreien kann. Seit vergangenem Mai findet in der Kleinstadt Lenzing in Oberösterreich die Serienproduktion statt.

In 44 Staaten haben sich inzwischen Partnerfirmen gefunden, die das Wadi aus Wien bestellen und weiterverkaufen. Der größte Markt ist Indien. Abhängig von Zöllen und ähnlichen Kosten beträgt der Preis pro Gerät zwischen zehn und 16 Euro. Nur in Europa kostet es mehr, 29,90 Euro. Hier rüsten sich gern Extremwanderer und Weltreisende damit aus. „Mit dem hohen Preis in Europa finanzieren wir den billigen in den Entwicklungsländern“, sagt Wesian.

Wadi: Ein Smiley zeigt an, wenn das Wasser sauber ist; Strom kommt von einer Solarzelle (Foto: Hochstöger)

Wadi: Ein Smiley zeigt an, wenn das Wasser sauber ist; Strom kommt von einer Solarzelle (Foto: Hochstöger)

Die vergangenen Jahre seien für ihn durchaus herausfordernd gewesen, erzählt er. Nicht nur galt es, eine Firma hochzuziehen, kompetente Mitstreiter zu finden und das nötige betriebswirtschaftliche Knowhow zu erlernen. Wesian und seine Kollegen brauchten auch hunderttausende Euro für die Entwicklung ihres Wadi. Die Suche nach Geldgebern war schwierig. „Es gibt zwar etliche Investoren, die sich für Produkte interessieren, die mit Wasser zusammenhängen“, sagt Wesian. „Aber den meisten geht es um den schnellen Profit.“

So verhandelte Wesians Team etwa mit einer der größten Venture-Capital-Firmen – das sind Unternehmen, die das Geld von Anlegern in Firmenbeteiligungen stecken, um Rendite zu machen – im deutschen Sprachraum. „Die Venture-Capital-Leute haben sich das Gerät angeschaut und anschließend in ihren Excel-Tabellen herumgerechnet“, erzählt Wesian. „Am Ende sagten sie: Wir steigen gern ein, aber das Produkt muss nach einem Jahr kaputtgehen, sonst rentiert sich das für uns nicht genug.“ Das Wadi hätte derart konstruiert werden sollen, dass es sich schnell verschleißt – undenkbar für Wesians Helioz-Team.

Mittlerweile hat sich ein Partner mit ausgeprägterem sozialem Gewissen gefunden, die niederösterreichische Investmentfirma AC and Friends. Derzeit wird nach einem weiteren Investor gesucht, um das Projekt noch größer aufzuziehen.

Inzwischen verbreitet sich die Erfindung aus Wien von Monat zu Monat weiter in alle Welt. Vor kurzem etwa ins Grenzland zwischen Kenia und Äthiopien. Dort wurde auf Initiative des österreichischen Arbeiter-Samariter-Bundes ein Nomadenstamm mit den Messgeräten ausgestattet.

„Seitdem“, sagt Wesian, „sind dort die trinkwasserbedingten Erkrankungen auf null zurückgegangen.“

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