Monatsarchiv: Juni 2014

Buch: Bei den kleinen Völkern Europas

Aus dem FALTER 23/2014

Rund um die Jahrtausendwende reiste der Salzburger Essayist Karl-Markus Gauß, der dieser Tage 60 Jahre alt wurde, zu fünf ethnischen Minderheiten in Europa – und verfasste darüber fünf groß angelegte Reportagen.

Gauß besuchte etwa in Sarajevo sephardische Juden. Er bereiste weiters das Land der Gottscheer, Abkömmlinge deutscher Siedler in Slowenien, und jenes der Arbëreshe, süditalienischer Albaner. Schließlich schaute Gauß bei den slawischen Sorben im Osten Deutschlands vorbei und bei den Aromunen, auch genannt Vlachen, der romanischsprachigen Minderheit in Mazedonien.

Das Ergebnis all dieser Reisen ist ein über weite Strecken grandioses Reportagenbuch. Es zeigt, wie kleinräumig und vielschichtig der europäische Kontinent immer noch ist, trotz aller Vernichtung und ethnischer Flurbereinigung im Zweiten Weltkrieg. Gerade angesichts der EU-Wahlen und der Vorgänge in der Ostukraine lohnt es sich, das Buch wieder zu lesen.

Karl-Markus Gauß: Die sterbenden Europäer. Zsolnay, 2001,260 S., € 20,35

Karl-Markus Gauß: Die sterbenden Europäer. Zsolnay, 2001,260 S., € 20,35

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Die Wirtschaft braucht mehr Wirklichkeit!

Aus dem FALTER 23/2014

Die moderne Volkswirtschaftslehre ist viel zu formalistisch, sagt WU-Professor Wilfried Altzinger

Interview: Joseph Gepp

Wer heutzutage Ökonomie studiert, muss hauptsächlich Formeln ableiten und Kurven zeichnen können. Die Wirtschaftswissenschaften leiden unter einem viel zu mathematisierten und formalisierten Zugang, kritisiert eine Initiative aus Ökonomen aus 19 Ländern. Statt echtes menschliches Verhalten und gesellschaftliche Bedingungen zu erforschen, konzentriere sich die Lehre auf den fiktiven Homo œconomicus, dessen Entscheidungen in abstrakten Modellen berechnet werde. Im Mai haben die Kritiker deshalb eine Petition verfasst. Ein Unterzeichner aus Wien: WU-Professor Wilfried Altzinger.

Falter: Herr Altzinger, was läuft schief im VWL-Hörsaal?

Wilfried Altzinger: In einer standardmäßigen volkswirtschaftlichen Grundausbildung wird viel Wert auf die formale Herleitung von Theorien gelegt. Das ist zweifelsohne wichtig. Aber ich würde mir auch mehr Aspekte in Richtung einer politischen Ökonomie wünschen. Zum Beispiel Wirtschaftsund Dogmengeschichte sowie Wirtschaftspolitik und ihr institutioneller Rahmen – all das kommt derzeit zu kurz. Wir brauchen eine realitätsbezogenere Ausbildung.

Was kann man sich unter der formalen Herleitung von Theorien vorstellen?

Altzinger: Wer eine Theorie herleitet, geht mathematisch und formal vor. Das allein reicht aber nicht, um ökonomische Zusammenhänge zu verstehen. Teilweise hat man den Eindruck, das zentrale Kriterium sei heute die formale Korrektheit. Der britische Ökonom John Maynard Keynes hat einmal geschrieben, ein zu hoher Anteil an Mathematik in der Ökonomie lenke die Wissenschaft nur von der Komplexität und den Abhängigkeiten der realen Welt ab – und führe sie in ein Labyrinth aus hochtrabenden und wenig hilfreichen Symbolen.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Altzinger: Wissenschaftliche Karrieren werden stark über die Anzahl der Publikationen bestimmt – und in international wichtigen Journals der Mainstream-Ökonomie ist der formalistische Zugang das Um und Auf. Deshalb entsteht Anpassungsdruck. Dadurch lassen die Ökonomen wichtige Dinge außer Acht. Ein Beispiel: In Österreich braucht man fundierte Kenntnisse des Systems der Sozialpartnerschaft, um etwa Lohnabschlüsse bewerten zu können. Diese werden zumeist in einem Gesamtpaket der Sozialpartner geregelt, gemeinsam mit Mindestlöhnen, Arbeitszeitregelungen und anderem. Solche institutionellen Aspekte sind entscheidend für Ökonomen, kommen aber in unserer Ausbildung viel zu kurz.

Sie gehen anscheinend davon aus, dass Ihre Studenten später in der Wirtschaftspolitik oder im Wissenschaftsbetrieb landen – tatsächlich gehen sie aber oft in Banken oder andere Unternehmen. Wird nicht genau dieser Zugang dort gefordert? Sonst hätte er sich wohl nicht derart durchgesetzt.

Altzinger: Mein Anspruch an die Ausbildung lautet, Erkenntnisse über ökonomische Gesamtzusammenhänge zu gewinnen. Natürlich – wenn man im Bankensektor Derivatgeschäfte durchführt und Computerprogramme dafür schreibt, war die Ausbildung goldrichtig. Dafür braucht man aber keine Ökonomen, dafür gibt es echte Mathematiker und Statistiker. Sobald ich mich als Ökonom mit der realen Wirtschaft auseinandersetze, brauche ich zwangsläufig Kenntnisse über Institutionen, über Historie, Psychologie und Soziologie. Das gilt im Übrigen auch für jene Ökonomen, die in den volkswirtschaftlichen Abteilung von Banken oder Großunternehmen arbeiten.

Wilfried Altzinger, 55, ist Makroökonom an der Wiener Wirtschaftsuni. Er befasste sich unter anderem mit Österreichs Außenhandel und der Wirksamkeit von Direktinvestitionen im Ausland (Foto: WU)

Wilfried Altzinger, 55, ist Makroökonom an der Wiener Wirtschaftsuni. Er befasste sich unter anderem mit Österreichs Außenhandel und der Wirksamkeit von Direktinvestitionen im Ausland (Foto: WU)

Wann hat die Mathematisierung der ökonomischen Lehre begonnen?

Altzinger: Schon sehr früh, um das Jahr 1870. Damals hat sich mit der Entwicklung der Grenzproduktivitätstheorie die volkswirtschaftliche Lehre sehr stark an den Naturwissenschaften orientiert und stärker formalisiert. Zuvor haben Ökonomen – zum Beispiel Adam Smith, John Stuart Mill oder Karl Marx – viel juristisches und historisches Wissen in ihre Werke einfließen lassen. Diese Klassiker sind bis heute spannend zu lesen. Sie zeigen uns, was Ökonomen alles wissen sollen, um seriöse Aussagen über mittel-und langfristige Entwicklungsperspektiven treffen zu können.

Hat die formalistische Ausbildung, die Sie kritisieren, auch etwas mit der Ausbreitung des berühmten Neoliberalismus zu tun, der vor rund 30 Jahren eine Ära des strikten Marktglaubens einläutete?

Altzinger: Nein, der Prozess der Formalisierung dauert schon länger, mehr als 100 Jahre. In den vergangenen Jahrzehnten hat er sich zwar intensiviert – doch dies ist vor allem auf die Digitalisierung zurückzuführen. Auch keynesianische Theoretiker arbeiten heute häufig extrem formal. Es gibt jedoch auch positive Beispiele gegen diesen Trend. Das neue Buch von Thomas Piketty etwa, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, ist ein Musterbeispiel für politische Ökonomie: ein einfaches und interessantes theoretisches Konzept, unterfüttert mit umfassender Empirie, und all das wird interpretiert im Rahmen einer großen wirtschaftshistorischen Abhandlung. Echt fesselnd!

Auch an der WU, an der Sie unterrichten, klagen Studenten über die formalistische Ausbildung. Das Institut für heterodoxe Ökonomie etwa, das als kritisch gilt, wird langsam abgedreht. Wie ist es in der heimischen Uni-Landschaft um die ökonomische Lehre bestellt?

Altzinger: Mein Befund gilt durchaus auch für Österreich, wobei aber auch Verbesserungen in Richtung Diversifizierung der Lehrpläne erkennbar sind. An der WU zum Beispiel besteht durch das System der Wahlpflichtfächer eine große Wahlfreiheit. Wenn Sie allerdings Studenten fragen, ob sie Werke John Stuart Mills kennen, werden das 95 Prozent trotzdem verneinen. Denn es steht schlicht nicht in ihren Lehrplänen.

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Braucht es platte Botschaften für Erfolg, Frau Maurer?

Aus dem FALTER 23/2014

Interview: Joseph Gepp

Vor der EU-Wahl schickte die grüne Wissenschaftssprecherin Sigrid Maurer ein E-Mail an die Parteiführung, in dem sie die Substanzlosigkeit der Wahlkampagne kritisierte. Bald darauf stellte sich heraus, dass die Grünen ihr bestes bundesweites Wahlergebnis überhaupt eingefahren hatten. Falsch gelegen, Frau Maurer?

Frau Maurer, war Ihre Kritik unrichtig?

Ich freue mich über das Ergebnis, aber meine Kritik bleibt aufrecht. Wir müssen diskutieren, wie wir Politik und Kampagnen machen. Ich habe das E-Mail bewusst vor der Wahl verschickt, es gilt unabhängig vom Ergebnis.

Haben die Grünen trotz oder wegen der Kampagne gewonnen?

Ich würde sagen: trotz!

Geht man mit einfachen Botschaften nicht auch über Kernanhängerschichten hinaus und erschließt sich neue Wähler?

Ich denke, der Erfolg der Grünen ist jedenfalls viel weniger der Kampagne zuzuschreiben als der Person Ulrike Lunacek. Sie hat bewiesen, dass sie eine ausgewiesene Fachfrau und gute Politikerin ist.

Gut, aber wie soll eine Kampagne der Grünen Ihrer Ansicht nach aussehen?

Ich habe jetzt keinen Masterplan dafür, ich hätte jedenfalls gerne mehr inhaltlichen Tiefgang. Mir geht es prinzipiell um die Entpolitisierung der Politik infolge der kommunikativen Verflachung – nicht nur bei den Grünen.

Sigrid Maurer (Foto: Grüne)

Sigrid Maurer (Foto: Grüne)

Verändern denn solche Kampagnen auch die Politik der Grünen?

Genau das ist der Effekt. Durch platte und populistische Kampagnen wie diese ziehen wir uns auf die Wohlfühlebene zurück. Wir sprechen nur noch angenehme Dinge an und weichen vor inhärent politischen Fragen zurück, etwa nach Machtverhältnissen. Die Verteilungsfrage zum Beispiel – so etwas lassen wir aus. Wir suggerieren stattdessen oberflächlich, dass es Lösungen gibt, die niemandem wehtun. Aber Politik ist in Wahrheit das Gegenteil. Sie besteht aus Macht- und Verteilungskämpfen, dem Ausgleich widerstrebender Interessen. Happy-Peppi-Politmarketing bringt uns da nicht weiter.

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Die Zombieratte, oder: Wiens inkonsistenter Weg der Volksaufklärung

Aus dem FALTER 23/2014

Glosse: Joseph Gepp

Kürzlich haben wir uns an dieser Stelle mit einem Verbotsschild neben einem Teich im Prater befasst. Darauf steht statt des harschen Kommandos „Entenfüttern verboten“ eine diffizile Abhandlung über das Ökosystem Teich. Sie legt dar, warum es besser ist, das Füttern zu unterlassen. Wie antiautoritär und wie vernünftig, dachten wir uns. Aber Wien kann auch anders, und zwar wieder auf einem Schild.

Diesmal ist nicht das Entenfüttern verboten, sondern jenes von Tauben. Wer Tauben füttert, füttert nämlich auch Ratten. Um dies auszudrücken, haben die Stadtväter einen Rattenkopf auf einen Taubenkörper montiert. Ein bizarres, verstörendes, grusliges Bild.

Wie jetzt, Gemeinde Wien? Willst du deine Bürger sanft und antiautoritär auf den richtigen Weg leiten? Oder bevorzugst du doch lieber Schockfotos von Rattentauben?

Foto: uniqe

Foto: uniqe

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