Fall Aeryn Gillern: Die Polizei rollt die Causa neu auf

Aus dem FALTER 24/2014

Vor sechs Jahren verschwand ein US-Amerikaner nach einem Saunabesuch spurlos. Nun beginnen endlich Mordermittlungen

BERICHT: JOSEPH GEPP
FOTO: HERIBERT CORN

Es gibt Geschichten, die einfach keinen Sinn ergeben. Die Widersprüche bleiben groß, wie man sie auch dreht und wendet. So wie die Geschichte von Aeryn Gillern, US-Amerikaner, in Wien lebend, Uno-Mitarbeiter, homosexuell.

Als Gillern am Abend des 29. Oktober 2007 spurlos verschwand, war er 34 Jahre alt.

An diesem Tag vor über sechs Jahren rannte der Mann nackt aus dem Kaiserbründl, einer diskreten Schwulensauna im ersten Bezirk. Seither ist er weg. Er habe durch einen Sprung in den Donaukanal Selbstmord begangen, meinte die Polizei nach dem Vorfall. Doch die Ungereimtheiten und Zweifel sind bis heute immens.

Der Fall Gillern ist einer der rätselhaftesten in Österreich in den vergangenen Jahren – doch die Polizei hat sich bisher nie besonders für ihn interessiert. Seit Jahren machen Kritiker wie die Grünen oder Gillerns Mutter Kathy den Ermittlern Schlamperei, Desinteresse und Homophobie zum Vorwurf. Im Jahr 2008 deckte der Falter zahlreiche schwere Mängel bei den Ermittlungen auf.

Nun aber soll alles anders werden. „Wir gehen die Causa neu und gründlich an“, sagt Mario Hejl, Pressesprecher des Bundeskriminalamts. Zuvor hatte auch die Volksanwaltschaft den Fall Gillern komplett neu aufgerollt. Aufseiten der Polizei ist nun die neue Cold-Case-Einheit dafür zuständig. Diese 2010 gegründete Abteilung behandelt mit speziellen Ermittlungsmethoden komplizierte und länger zurückliegende Causen, etwa auch jene von Julia Kührer und Natascha Kampusch.

Aeryn Gillerns Mutter Kathy and andere trauern um den Verschollenen, in Wien vor dem Kaiserbründl 2013 (Foto: Corn)

Aeryn Gillerns Mutter Kathy and andere trauern um den Verschollenen, in Wien vor dem Kaiserbründl 2013 (Foto: Corn)

Ist das rätselhafte Verschwinden des Amerikaners vielleicht doch nicht auf einen Selbstmord zurückzuführen, sondern auf einen Kriminalfall? Darauf deuten auch nach sechs Jahren noch schwerwiegende Indizien hin. So tauchte niemals eine Leiche aus der Donau auf, was äußerst selten vorkommt. Zudem gab es unmittelbar vor Gillerns Verschwinden einen ominösen Streit in der Sauna. Genaueres darüber hat man nie erfahren, die Betreiber schweigen bis heute eisern.

Doch nicht nur der Streit und die fehlende Leiche werfen Fragen auf, sondern auch Gillerns Lauf durch die Innenstadt. Niemand will den rennenden nackten Mann gesehen haben – 1,85 Meter groß, muskulös, rasierte Glatze –, und das mitten in den belebten Gassen des ersten Bezirks. Einzig ein deutsches Studentenpärchen meldete sich im Jahr 2008 nach Falter-Berichten. Das Paar sah Gillern am Stubentor vorbeilaufen und hielt dies für eine verlorene Wette.

Neben der geringen Zahl an Zeugen ist auch die zeitliche Abfolge an jenem Oktoberabend 2007 total unstimmig. Exakt um 20.21 Uhr vernahm ein Angler am Donaukanal ein Platschen – möglicherweise Gillern, der ins Wasser sprang. Doch zu diesem Zeitpunkt waren bereits fast eineinhalb Stunden vergangen, seit der Mann aus der Sauna gerannt war. Dabei beträgt die Entfernung zwischen dem Kaiserbründel und dem Donaukanal nicht einmal einen Kilometer.

„All diese Merkwürdigkeiten wollen wir jetzt aufklären“, sagt Polizeisprecher Hejl. Etwaige Zeugen bittet er, sich beim Bundeskriminalamt zu melden.

Hier geht’s zum Artikel in englischer Sprache

Bisheriges zum Fall Aeryn Gillern:

Der Tag, an dem Aeryn verschwand (November 2008)
„Einen total perplexen, verfolgten Eindruck“ (Dezember 2008)
Der Fall Aeryn Gillern: Die Grünen bringen eine parlamentarische Anfrage ein (Februar 2009)
Ein kleiner Streit mit großen Folgen (Februar 2009)
GONE: Der Film zum Fall (Oktober 2011)
Vier Jahre ohne Spur (November 2011)
Abgängig mitten im ersten Bezirk (November 2012)
Sechs Jahre ohne Spur: Eine Mutter trauert um ihren verschollenen Sohn (November 2013)

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Aeryn Gillern, Wien

Eine Antwort zu “Fall Aeryn Gillern: Die Polizei rollt die Causa neu auf

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