„Das alte Regime kann mit seinem Geld den Reformprozess lähmen“

Aus dem FALTER 9/2014

Interview: Joseph Gepp, Florian Klenk

:: Mykola Riabchuk, 60, ist einer der wichtigsten politischen Kommentatoren der Ukraine. Der Schriftsteller und Journalist lebt derzeit in Wien, wo er am Institut für die Wissenschaften vom Menschen forscht. Zuletzt erschien sein Buch „Gleichschaltung. Authoritarian Consolidation in Ukraine“.

Falter: Herr Riabchuk, wenn Sie hier in Wien die Bilder vom Maidan Revue passieren lassen, was empfinden Sie? Trauer? Wut? Freude?

Mykola Riabchuk: Es sind gemischte Gefühle. Es ist entsetzlich zu sehen, mit welcher Präzision Scharfschützen Menschen ermordet haben. 100 Tote in nur wenigen Stunden – das gab es in der Ukraine noch nie. Weder 1991 noch bei der Orangen Revolution.

Hat das zur Flucht und Absetzung des ukrainischen Präsidenten geführt?

Riabchuk: Die Machthaber haben gesehen, wie die Demonstranten trotz der Schüsse den Platz nicht geräumt haben. Spät, aber doch hat auch die EU angekündigt, die Vermögen der Mächtigen einzufrieren. Viele Getreuen hatten Angst, für die Todesschüssen selbst verfolgt zu werden. Sie fürchteten auch den Verlust der politischen Macht und nicht zuletzt den Verlust ihres Vermögens.

Wer hat denn die Schüsse zu verantworten?

Riabchuk: Hier sind viele Fragen offen. Es könnte die Leibgarde des Präsidenten gewesen sein, vielleicht aber auch russische Geheimdienstler, die zugleich auf Demonstranten und Polizisten schossen, um größtmögliche Unsicherheit auf beiden Seiten zu schaffen. Beweise dafür gibt es nicht. Fest steht nur, dass die Heckenschützen auf Kopf und Brust zielten.

Hat Janukowitsch die Morde angeordnet?


Riabchuk:
Das ist anzunehmen. Aber niemand konnte ihn in diesen Stunden erreichen. Er hat völlig die Kontrolle verloren.

Wer sind die Menschen, die da auf dem Maidan protestieren? In westlichen Medien ist oft von Rechtsextremisten die Rede.

Riabchuk: Das erinnert an sowjetische Propaganda, die Kritiker immer als Faschisten denunzierte. Wir sehen eine heterogene Masse. Alte und Junge, Linke und Rechte, Juden und Christen und auch viele russischstämmige Ukrainer. Natürlich waren dort auch ein paar Rechtsextremisten dabei. Aber die Leute auf dem Maidan repräsentierten ziemlich genau die ukrainische Gesellschaft. Jeder demonstrierte, der unter der Korruption und dem Fehlen von Rechtsstaatlichkeit gelitten hat.

Auf den Bildern vom Maidan schwenken die Demonstranten immer wieder Ikonen oder singen religiöse Lieder. Wie wichtig ist die Kirche für den Aufstand?

Riabchuk: Bei den Gesängen handelt es sich vor allem um Begräbniszeremonien für Opfer. Die Religion ist also nicht so wichtig, wie es den Anschein hat. Trotzdem gibt es einen großen Konflikt in der Ukraine zwischen den Russisch-Orthodoxen und anderen Kirchen im Land, speziell den Ukrainisch-Orthodoxen. Die Russisch-Orthodoxen halten den Monopol-Anspruch des sogenannten „kanonischen Territoriums“ hoch, das neben Russland auch die Ukraine und etwa Moldawien umfasst. Das ist ein mittelalterliches Konzept, unvereinbar mit einer modernen Gesellschaft.

Selbst die letzten Getreuen von Präsident Janukowitsch sehen nun anhand der Bilder seiner Residenz, wie habgierig er war.

Riabchuk: Wir kannten sein Anwesen ja von Luftbildern. Aber es war schon erstaunlich, in welch unmäßigem Pomp er lebte. Interessant sind auch sichergestellte Dokumente. Er versuchte offenbar, wichtige Akten zu vernichten, die Maidan-Aktivisten retteten. Nun kann man nachlesen, wen der Präsident terrorisierte und wie er das Volk bestohlen hat.

Mykola Riabchuk (Wikipedia)

Mykola Riabchuk (Wikipedia)

Viele seiner Helfer sitzen in Österreich oder haben in Wien Vermögen gebunkert. Was erwarten Sie von der Wiener Justiz?

Riabchuk: Sie soll einfach die Gesetze vollziehen. Dann wird man draufkommen, dass es schmutziges Geld ist, das in Wien gewaschen wird.

Wer kann die Ukraine aus der Krise führen? Die aus der Haft entlassene Julia Timoschenko?

Riabchuk: Ich habe sie selbst noch 2010 gewählt, doch Timoschenko ist eine Frau der Vergangenheit. Ich habe Sorge, dass sie die Bewegung vereinnahmt und erst recht wieder ihre Günstlingswirtschaft errichtet – so wie sie es bereits nach der Orangen Revolution tat. Ich hoffe, dass Vitali Klitschko gewinnt. Er ist äußerst beliebt – und vor allem nicht korrupt. Er wäre jene ehrliche Persönlichkeit, die das Land nun Richtung Europa führen kann.

Was wird Russland nun tun?

Riabchuk: Russland ist bei weitem nicht so stark, wie Putin tut. Er wird vielleicht einen Konflikt um die Krim anzetteln und diplomatische Lösungen stören, aber er kennt die rote Linie genau. Meine Sorge gilt daher nicht Russland, sondern dem Wiedererstarken des alten oligarchischen Systems rund um Timoschenko. Das Ancien Régime hat gewaltige Ressourcen, es kann den Reformprozess lähmen, wir müssen daher äußerst wachsam sein.

Wird sich die Ukraine aufspalten?

Riabchuk: Das nicht, aber die Leute im Osten sind völlig anders sozialisiert. Sie sind, wenn Sie so wollen, sowjetischer geprägt. Änderungen und Reformen werden – anders als im Westen des Landes – als Gefahr gesehen. Herrscher waren dort von jeher mit absoluter Macht ausgestattet. Im Westen war das anders: Die polnischen Könige, aber vor allem auch die Habsburger regierten viel liberaler als die Zaren und Osmanen. Eine kritische Zivilgesellschaft hat sich hier nie etabliert, die Bewohner verstehen sich noch immer eher als Untertanen denn als Bürger. Trotzdem tritt aber auch beispielsweise im ostukrainischen Donezk ein Fünftel der Bevölkerung für eine Annäherung an die EU ein.

Sie forschen derzeit in Wien – hier leben auch viele ukrainische Schriftsteller. Woher kommt die Affinität zu dieser Stadt?

Riabchuk: Ich weiß nicht, ob es diese Affinität wirklich gibt. Ich denke, dass sich ukrainische Intellektuelle generell gerne im Westen fortbilden. Meine Tochter etwa studierte in Cambridge. Für viele Ukrainer aus Lemberg und Czernowitz hat Wien aber noch immer eine ganz spezielle Anziehungskraft. Das Wien der Habsburger war ja kulturelle und intellektuelle Hauptstadt. Und die Habsburger repräsentierten für die Ukrainer das beste Regime, das sie je hatten. Es gab ein Parteiensystem, Meinungsfreiheit, gemeinsame Werte. Vielleicht strahlt das ja auch heute noch aus.

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Eingeordnet unter Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien, Osteuropa

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