Eine schwarze Nacht

Aus dem FALTER 5/2014

Wie der vermummte Protest gegen einen freiheitlichen Ball Wien radikalisierte

Bericht: Joseph Gepp, Florian Klenk, Benedikt Narodoslawsky

Es ist Freitag Abend, halb zehn, seit Stunden schon rasen Polizeiautos mit Blaulicht durch die Stadt. Hinter der Sezession rennen nun 20 Jugendliche Richtung Karlsplatz. Sie haben schwarze Mützen über das Gesicht gezogen und reißen einen Baustellenzaun nieder. Sie ziehen Bretter und Ziegel hervor und schieben eine Scheibtruhe heran – aus dem Gerümpel bauen sie Barrikaden.

Bevor sie weiterlaufen, reißt einer noch ein Verkehrszeichen nieder und schmeißt es auf den Haufen. In diesem Moment kommt der Verkehr zum Erliegen und die Jugendlichen verschwinden in der Nacht. Sie hinterlassen Stau und Chaos, so schnell, dass die Polizei wieder zu spät kommen wird.

Es ist die Nacht der Maskierten, ein schwarzer Freitag. Vermummte Demonstranten treffen auf maskierte Polizisten.

Und zuhause am Sofa feuern Beobachter, die sich in ihren Facebook-und Twitter-Bildchen ebenfalls maskiert haben, das Treiben an. Die Maske der virtuellen Demonstranten sollte nur ein ironisches Zeichen sein gegen das überbordende Vermummungs-und Platzverbot, das die Polizei für jenen Abend verhängte.

Die Polizei, so stellt sich nun heraus, hat die Lage zwar richtig eingeschätzt, aber sie hatte sie nicht im Griff. Der Wiener Verfassungsschützer Erich Zwettler, einst Fahnder gegen die Neonazis Gottfried Küssels, studierte die Websites der Demonstranten genau. Dort wurde vorweggenommen, was am Freitag geschah. Die linksextreme Wiener Szene, aber auch deutsche Demo-Hooligans, mit Bussen aus Köln und Hamburg angereist, setzten den Abend unter das Motto „Unseren Hass, den könnt ihr haben“. Die Verfassungsschützer schalteten auf Alarmstufe Rot, vielleicht feuerten sie auch einige Radikale erst richtig an: Die Demo gegen den Akademikerball der FPÖ – er ging aus dem Ball des Wiener Kooperationsrings (WKR) hervor – könnte die Stadt in eine Kampfzone verwandeln.

Er stürzte aber nicht nur Wien, sondern auch die Grünen in Turbulenzen. Denn die No-WKR-Website mit den Hassparolen wurde ausgerechnet von der grünen Jugend zur Verfügung gestellt, weil Antifaschisten „Angst vor Repression“ hätten, so deren Argumentation.

Manche Ökos, etwa der grüne EU-Kandidat Michel Reimon, klopfte den Jugendlichen nach der Demo demonstrativ auf die Schulter: „Bin stolz auf @jungegruene“, twitterte er. Nur zwei Tage später drohte die Grünen-Chefin Eva Glawischnig ihrem Nachwuchs mit dem Rauswurf. Sie habe „nullstes Verständnis“. Und auch in der Wiener Basis werden die Grünen nervös. Realos fürchten nun einen Image-Gau kurz vor der Mahü-Befragung und ein Abwandern gemäßigter Wähler zu den Neos.

Zurück auf die kalte Straße. Es hat minus drei Grad. Die Polizei hatte am Nachmittag des 24. Jänner die Stadt komplett abgeriegelt: Heldenplatz, Schwarzenbergplatz, Michaelerplatz, Albertina, Burgtor – die halbe Innenstadt war Verbotszone. Nicht einmal George Bush wurde so beschützt wie die 400 Ballbesucher. Am äußeren Burgtor schlossen die Inspektoren sogar die hölzernen Stadttore, als wäre eine feindliche Armee im Anmarsch. Nur die blaue Exekutivgewerkschaft durfte auf den Heldenplatz, um die Beamten mit Tee und Red Bull zu stärken.

Der Großteil der Exekutive wurde aus der Provinz rekrutiert. Manche wirkten desorientiert. Einer beklagte: „Ich habe kein Schild bekommen, hoffentlich passiert mir nichts.“

Es wimmelte von „Ulanen“, wie die Wiener Sondertruppen heißen, von Wega-Beamten und Frauen und Männern der „EE“ und der „ODE“, das sind die Einheiten mit den Helmen und den Schildern. Zwei Wasserwerfer wurden in Stellung gebracht. Die Presse durfte die Sperrzone nur mit Begleitung betreten – zum eigenen Schutz, wie der Polizeipräsident Gerhard Pürstl betonte. In Wahrheit hatte er Angst, dass sich Provokateure mit gefälschten Presseausweisen in die Ballsäle schleichen und das Fest sprengen könnten, wie ein Sprecher erklärte.

Auf der anderen Seite des Zaunes standen 6000 Demonstranten, die meisten friedlich. Sie wollten ursprünglich mit Holocaustüberlebenden aus Auschwitz und Ravensbrück am Heldenplatz protestieren – doch das untersagte die Polizei. Also sagten sie die Veranstaltung ab.

Die Demo begann harmlos, die Stimmung war aggressiv. Vorne marschierten nicht -wie sonst oft üblich -ein paar stadtbekannte Gewerkschafter mit Megafon, sondern der schwarze Block. Die verhüllten Jugendlichen trugen ein Transparent mit dem Motto des Abends.

Trotz Vermummungsverbot sah man jetzt nur Vermummte. Sie hielten sich an den Schultern, versteckten sich hinter Transparenten, wurden von der Polizei durch enge Gassen eskortiert. Erst einige Meter dahinter folgte eine buntere, junge Schar mit Klobürsten, Trommeln und Clownperücken. „Unsere Polizisten schützen die Faschisten“, riefen sie. Es leuchteten bengalische Feuer. Böller knallten. Die Masse schob sich vom Schwedenplatz hinauf Richtung Stephansplatz.

Auf der Tuchlauben, im neuen Goldenen Quartier, wendeten die Demonstranten offenbar eine neue Taktik an. In kleinen Gruppen marodierten sie durch die Innenstadt und schlugen auf die Scheiben von belebten Cafés und Geschäften ein.

Das Schwarze Kameel, ein Nobelrestaurant: attackiert. Louis-Vuitton-Filiale: entglast. Aida, Tschibo, Juwelier Wagner: zertrümmert. Schaufensterpuppen kippten auf die Straße, und an einem belebten Abend heulten die Alarmanlagen.

Die Polizei wirkte überrumpelt. Sie verabsäumte es etwa, eine Baustelle bei der Polizeiwache Am Hof zu sichern. Nur vier Vermummte können deshalb minutenlang auf das Kommissariat losgehen, mit Brettern zerschlagen sie Fenster und zerdeppern einen Streifenwagen. „Hu! Huuuuu! Hu“, höhnen sie.

Verängstigt blicken Polizistinnen hinter den zerborstenen Scheiben hervor. Es dauert fast eine Minute, bis Einsatzkräfte den Kollegen zu Hilfe eilen.

„Die Randalierer waren schnell und überall“, sagt ein sichtlich erschrockener Polizist. Auch am Stephansplatz explodiert die Gewalt in Sekunden. Demonstranten, die sich mit Knieschützern und Helmen ausgerüstet haben, werfen schwere Metallmistkübel auf Polizisten. Ein Polizist stolpert, er wird fast niedergetreten. Eine Gruppe von Beamten aus Oberösterreich versteckt sich hinter Schildern vor dem Flaschenhagel. Die Truppe wirkt wie ein Haufen überrumpelter Römer in einem Asterix-Heft.

Die Szenen zeigen eine veränderte, eine radikale Unkultur des Protests, die Wien bislang erspart blieb. Über Soziale Medien informierten sich die Demonstranten, wo die Polizei gerade Stellungen aufgibt. Dieser flinken, flexiblen Taktik waren die Beamten offenbar nicht gewachsen.

All das erzeugt am Tag darauf heftige politische Nachwehen. Vertretern der friedlichen Demo-Züge und einigen linken Politikern fällt es sichtlich schwer, das Scheitern der Demo einzugestehen.

Auf Twitter tobt ein reflexhafter Stellungskrieg. Es regieren Sektierer und Anheizer. Der bekannte Starfotograf Manfred Klimek schrieb zu Beginn der Demo: „Ich hätte gerne, dass es heute ordentlich brennt.“ Der freiheitliche Pressesprecher im Nationalrat, Martin Glier, nennt eine Organisatorin der Demos, Natascha Strobl, nach einem TV-Auftritt einen „unglaublich blöden Trampel“ und „eine Kreatur“.

In diesem Szenario verliert die Vernunft. Der Polizeipräsident kündigt an, bei der Rettung die Daten von Verletzten abzugreifen, um sie zu verfolgen. Im ORF laviert der grüne Justizsprecher Albert Steinhauser herum: „Ich finde grundsätzlich in Ordnung, dass die Jungen Grünen helfen wollen, wenn andere rechtsextrem bedroht werden“, sagte er, anstatt auf Distanz zu gehen. Organisatorin Natascha Strobl, eine Ex-VSStÖ-Funktionärin, lobt den „wunderbaren, großen Protest“. Die Ausschreitungen seien lediglich „ein Ergebnis der unsäglichen Hetzkampagne der FPÖ und Eskalationsstrategie der Polizei“.

Man muss nur die Videos auf Youtube ansehen, um die Wahrheit zu sehen. Beim Burgtheater etwa beginnt eine Gruppe von Demonstranten mit Stöcken auf die Polizisten zu schlagen, einfach so. Ein Demonstrant nimmt Anlauf und springt einen Beamten wie ein Verrückter voll an. Die Beamten bleiben noch immer ruhig.

Je später der Abend, desto rätselhafter die Polizeiaktionen. Drei Verdächtige, so geht der Funkspruch, flüchteten zur Akademie der Bildenden Künste, in der ein Tag der offenen Türe stattfand. Hunderte Beamte umstellten das Gebäude, als ob sich darin Amokläufer befänden. „Planlos“ sei das gewesen, klagte die Rektorin Eva Blimlinger. Einzeln hätten ihre Gäste das Gebäude verlassen müssen – wie Verbrecher.

Verängstigte Menschen, eingeschlagene Scheiben, zerstörte Polizeiautos – es war eine rücksichtslose Wut, die Verletzte in Kauf nahm. Selbst am Samstag war damit noch nicht Schluss. Vermummte zogen durch die Stadt und „fahndeten“ nach Burschenschaftern. Die Polizei postierte sich vor deren Buden. Selbst in den Hinterzimmern der Wiener Wirtshäuser suchten Rollkommandos des schwarzen Blocks nach Burschenschaftern, im Josefstädter Gasthaus Blauensteiner etwa.

Klimek, der in Berlin lebende Starfotograf, wird am Tag nach der Demo lakonisch festhalten, dass Wien nur ein „Krawallerl“ erlebt habe, über das Berliner Medien keine Zeile verlieren würden.

In der Tat konzentrierten sich die deutschen Medien auf den Skandal, den die Vermummten mit ihrem Affentheater verdeckten: etwa dass der Ex-Wehrsportler Heinz-Christian Strache neben Holocaust-Leugner John Gudenus am weiträumig gesperrten Heldenplatz das Tanzbein schwingt, während draußen die blaue Exekutivgewerkschaft ihren Kollegen Red Bull reichte, damit sie wach bleiben.

Mitarbeit: Lena Aschauer

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