Fekters E-Rechnung: das programmierte Chaos

Aus dem FALTER 48/2013

Am 1. Jänner 2014 stellt die Republik Österreich ihr Rechnungswesen um. Unternehmer und Programmierer warnen vor einem Desaster

Bericht:
Joseph Gepp

Zum Beispiel der Dorfbäcker, der Semmeln an das städtische Bundesgymnasium liefert. Oder der Installateur, der Heizkörper in der Hofburg repariert. Oder die Werbeagentur, die für ein Ministerium eine Informationskampagne organisiert.

All diese Firmen machen Geschäfte mit der Republik Österreich. 90.000 Unternehmen sind es laut Finanzministerium insgesamt. Mit 1. Jänner 2014 steht ihnen eine kleine Revolution bevor. Denn der Bund akzeptiert dann nicht mehr, wie bisher, Rechnungen jedweder Art. Sondern ausschließlich sogenannte E-Rechnungen. So sieht es ein neues Gesetz vor, das vor über einem Jahr im Nationalrat beschlossen wurde; seither wird die Maßnahme im Finanzministerium von Maria Fekter (ÖVP) vorbereitet.

Elektronische Rechnungen sind nicht etwa solche, die per E-Mail oder im PDF-Format kommen. Es handelt sich stattdessen um ein komplexes Datenformat, das in erster Linie von Maschinen lesbar ist. Der Sinn: eine Harmonisierung, die Verwaltungsarbeit spart. Der Buchhalter muss nicht mehr Zahlen vom Papier abschreiben oder Geschäftspartnern nachtelefonieren, weil Informationen auf der Rechnung fehlen. Alles läuft automatisch, über Computersysteme.

Allerdings: Glaubt man Programmierern und Unternehmern, dann droht bei der Einführung der E-Rechnung ein Desaster.

Nicht nur sei die Handhabung extrem umständlich, sagen sie zum Falter. Auch mangle es im neuen System an Funktionen, die für jede Firma unentbehrlich sind. „Da kommt ein Riesenchaos auf uns zu“, meint zum Beispiel Karl Weintögl, Geschäftsführer des niederösterreichischen Unternehmens it20one, das andere Firmen in IT-Fragen berät. „Das System ist eine österreichische Bastellösung, bei der viele Details aus der Praxis nicht berücksichtigt wurden.“

Der Hintergrund: An sich basieren E-Rechnungen zwar auf einer erprobten Technik, die bereits in etlichen Ländern Europas eingesetzt wird. Österreichs Finanzministerium jedoch wollte nicht das gängige Format „UBL“ („Universal Business Language“) verwenden, das sich international bewährt hat. Stattdessen setzt man auf ein selbstgestricktes Format, „EB interface“ („Electronic billing“). Dieses gibt es nur hierzulande, es wurde vom Finanzministerium und der Wirtschaftskammer definiert. Und eben dieses EB interface, kritisiert Weintögl, „wirkt, als sei es von Leuten erstellt worden, die mit den echten Erfordernissen der Geschäftswelt nur wenig Erfahrung haben“.

So sind beispielsweise Stornorechnungen und Gutschriften im neuen System teilweise nicht vorgesehen – Dinge, die man im Geschäftsalltag häufig braucht. Auch lassen sich Informationen wie beispielsweise Telefongesprächsauflistungen nicht in die E-Rechnung integrieren, sie müssen stattdessen umständlich hochgeladen werden. Telefonrechnungen zu übermitteln, etwa für Diensthandys, wird also in Hinkunft eine langwierige Angelegenheit.

Hinterlässt die - womöglich abtretende - Finanzministerin Maria Fekter ein Chaos im Rechnungswesen des Bundes? (Foto: Wikipedia)

Hinterlässt die – womöglich abtretende – Finanzministerin Maria Fekter ein Chaos im Rechnungswesen des Bundes? (Foto: Wikipedia)

Dazu prangert Weintögl die dilettantische Vorgehensweise im Finanzministerium an. „Es gab zum Beispiel eine Teststelle, wo Unternehmer Musterrechnungen hinschicken konnten, damit später bei der Arbeit mit den echten alles passt“, erzählt er. „Das Finanzministerium hat aber dann versehentlich die Musterrechnungen weiterverarbeitet, als wären sie echte.“ Das Versehen wurde rechtzeitig entdeckt. Schlimmer sei noch, dass das Ministerium technische Details bei der Umsetzung der E-Rechnung bis zuletzt ständig änderte – sodass die betroffenen Unternehmer zum andauernden Umdisponieren gezwungen waren.

Kritik übt auch Wolfgang Krivanek, Gründer des Hotspot-Betreibers Freewave, der Cafés und Restaurants mit Internetzugängen ausstattet: „Der Bund hat die betroffenen Unternehmen nicht rechtzeitig über die knapp bevorstehende E-Rechnung informiert.“ Die allermeisten Firmen wüssten erst seit kurzem davon. Zudem sei eine direkte Anbindung an das neue System unter ein paar tausend Euro nicht zu machen. Zwar kann man diese umgehen, indem man mit kostenlosen Webformularen arbeitet – aber „das bedeutet großen zusätzlichen Aufwand“, sagt Krivanek. Er befürchtet, dass „der kleine Installateur oder Schlosser“ mit dem neuen System heillos überfordert sein wird.

Das Finanzministerium lehnt all diese Kritik auf Falter-Nachfrage rundweg ab. Die betroffenen Unternehmen seien umfassend informiert worden, sagt Ministeriumssprecherin Daniela Kinz, etwa auf Kongressen und im Internet. Zudem könnten Gutschriften und Stornos durchaus „elektronisch eingebracht werden“. Auf Rückfrage bei IT-Unternehmer Weintögl weist dieser allerdings ein zwei Wochen altes E-Mail vor: Darin teilen Techniker des Ministeriums mit, dass Gutschriften und Stornos „leider nicht eingebracht“ werden können.

Fest steht jedenfalls: Mit 1. Jänner werden alte Rechnungen einfach nicht mehr bezahlt. Der Dorfbäcker, der das Bundesgymnasium mit Semmeln versorgt, muss dann schauen, wie er zu seinem Geld kommt.

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