Monatsarchiv: Dezember 2013

Reicht eine Flasche Spülmittel für 12.162 Teller, Herr Schnürch?

Aus dem FALTER 50/2013

Werbekolumne: Joseph Gepp

Auf den ersten Blick wirkt es wie die frechste Werbelüge aller Zeiten: Eine Flasche Geschirrspülmittel aus dem Haus des US-Konzerns Procter & Gamble – Markenname: Fairy Ultra, Flascheninhalt: 450 Milliliter – reiche zur Reinigung von stolzen 12.162 schmutzigen Tellern. Das behauptet ein quietschvergnügter Werbespot, der derzeit im Fernsehen läuft.

Inhalt der Werbesendung: In Berlin findet ein großes öffentliches Paella-Essen statt. Und am Ende lässt sich mit einer einzigen Flasche der Wunderlösung die ganze Tausendschaft an Geschirr reinigen.

Ist das denn wirklich möglich? Durchaus, sagt Michael Schnürch vom Institut für Angewandte Synthesechemie der TU Wien dem Falter. „Dazu muss man gar nicht die genauen Inhaltsstoffe dieses speziellen Spülmittels kennen – es reicht schon ein simples Gedankenexperiment.“ Ein halber Liter Spülmittel entspricht 500 Portionen von je einem Milliliter, soviel passt ungefähr in ein Zehntel eines Esslöffels. Mit diesem Milliliter müssten sich nun rund 24 Teller waschen lassen, damit sich am Ende die 12.000 ausgehen. Diese Menge sollte im Bereich des Möglichen liegen, sagt Schnürch.

Ein kleiner Praxistest bestätigt das: Ein Milliliter handelsübliches Spülmittel auf einem Schwamm reicht locker zur Reinigung von 25 Stück Geschirr und mehr.

Allerdings: „Das geht wohl mit jedem Spülmittel“, sagt TU-Forscher Schnürch. Sollte jemand also Lust verspüren, 12.000 Teller von Hand zu waschen – es muss gar nicht unbedingt Fairy sein.

Reicht eine Zeitlang: Fairy Ultra - oder jedes andere Geschirrspülmittel

Reicht eine Zeitlang: Fairy Ultra – oder jedes andere Geschirrspülmittel

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Konsum, Kurioses

Die letzten Tage der Hypo

Aus dem FALTER 50/2013

Was würde passieren, ginge die Kärntner Bank pleite? Ein Szenario

Financial Fiction: Joseph Gepp

Vergangene Woche zeigten Kanzler Werner Faymann und Vize Michael Spindelegger, dass sie ihr Versprechen von neuem Stil und mutigen Entscheidungen ernst nehmen. „Der österreichische Steuerzahler hat genug gezahlt“, verkündete das Duo bei einer aufsehenerregenden Pressekonferenz. Rund 4,5 Milliarden Euro hat die Republik seit 2009 in die marode Kärntner Hypo gesteckt, weitere sechs Milliarden sollen in den kommenden Jahren folgen. Damit sei jetzt Schluss, sagen Faymann und Spindelegger. Die Staatshilfe werde eingestellt, die Bank geht in Konkurs.

Diese Nachricht ist natürlich erfunden. In Wahrheit denkt keiner daran, die Hypo Alpe Adria in eine unkontrollierte Pleite zu schicken – viel zu groß wären die Risiken. Aber welche genau sind das? Was würde passieren? Das Konkursszenario durchzuspielen, zeigt nicht nur die schlimmen Folgen der einstigen politischen Großmannssucht in Haiders Kärnten. Es illustriert auch die verhängnisvolle, immer größere Abhängigkeit vom Finanzsektor, in die Politik und Gesellschaft geraten sind.

Aus der kleinen, konservativen Hausbank des Landes Kärnten machten Jörg Haider und willfährige Manager einst, in den 90er-Jahren, die schnellstwachsende Bank Europas. Die rasante Expansion basierte vor allem auf Hochrisikogeschäften und Betrügereien. 2007 schließlich verkauften die Kärntner die vermeintlich hochrentable Hypo an die Bayrische Landesbank. Bald darauf wurde die wahre Situation der Bank bekannt. Faule Leasinggeschäfte und Kredite, die nicht zurückgezahlt wurden, brachten hohe Verluste. Weil nun der Ruf und die Stabilität des ganzen heimischen Bankensektors auf dem Spiel standen, ließ Finanzminister Josef Pröll die nunmehrige BayernLB-Tochter 2009 notverstaatlichen. Seitdem kostet die Hypo die Republik jedes Jahr hunderte Millionen Euro.

Was würde passieren, ginge sie pleite?: Hypo-Hauptquartier in Klagenfurt

Was würde passieren, ginge sie pleite?: Hypo-Hauptquartier in Klagenfurt

So auch bis Jahresende. Überweist die Regierung bis dahin nicht rund 800 Millionen, sinkt das Eigenkapital der Hypo unter acht Prozent. Das ist gesetzlich verboten. Was würde also passieren, wenn diese Zahlung ausbliebe, und alle folgenden auch?

Zunächst würde der Staat einen sogenannten „Regierungskommissär“ in die Bank schicken, der Eigenkapital und Finanzlage wieder ins Lot bringen und einen Konkurs vermeiden soll – im Fall Hypo erfolglos. Danach würde die Regulierungsbehörde Finanzmarktaufsicht (FMA) der Bank die Lizenz entziehen. Und beim Handelsgericht den Konkurs beantragen.

In der Folge tritt die Einlagensicherung in Kraft. Sparer werden bis zu 100.000 Euro entschädigt, das sieht das Gesetz vor. Die Kosten dafür tragen sämtliche österreichischen Landes-Hypos, die gemeinsam einen Haftungsverbund bilden. Massiv zur Kasse gebeten würde auch der Raiffeisen-Konzern, der an mehreren Landesbanken beteiligt ist. Sollten diese Banken dadurch ihrerseits in Zahlungsnöte geraten – schließlich ist ihre Lage krisenbedingt ohnehin schon angespannt – müsste der Staat einspringen.

Parallel beginnt bei der Hypo ein gewöhnliches Insolvenzverfahren, wie man es etwa auch von der Drogeriekette Dayli oder dem Baukonzern Alpine kennt. Zwar fordern Politiker und Experten jeder Couleur seit Jahren ein spezielles Insolvenzrecht für Banken: Weil Geldinstitute, anders als gewöhnliche Firmen, argumentieren sie, ganze Volkswirtschaften ins Wanken bringen können, soll genau geklärt werden, wer in welchem Ausmaß haftet. Doch die Arbeit am Gesetz steckt in den Brüsseler EU-Institutionen fest. Erst 2018 soll das neue Bankeninsolvenzrecht in Kraft treten. Der Hypo-Konkurs liefe also nicht anders ab als jener des Pizzabäckers ums Eck.

Zunächst bestellt das Gericht einen Masseverwalter. Dieser versucht die Sanierung der Bank – in diesem Fall aussichtslos. Schließlich liquidiert er die Hypo. Das Bankvermögen wird also verkauft, um die Forderungen der Gläubiger zu erfüllen. Bei diesen handelt es sich etwa um die Republik Österreich, die BayernLB und all jene, die jemals Anleihen von der Hypo gekauft haben und auf Rückzahlungen warten.

Allzu viel würden die Gläubiger aus dem Verkauf des Hypo-Vermögens jedoch nicht lukrieren. Denn die Werte der Bank gelten als höchst risikoreich: Viele Immobilien, etwa Ferienanlagen in Istrien, sind teure Fehlinvestitionen. Bei ausstehenden Krediten ist nicht klar, wie viele von ihnen jemals zurückbezahlt werden. Derartige Kreditforderungspakete könnten sich möglicherweise sogenannte „Geierfonds“ kaufen. Solche Investmentfirmen, oft US-amerikanischer Provenienz, sind darauf spezialisiert, sich Risikowertpapiere von Konkursunternehmen zu schnappen – zum Schleuderpreis.

Nun könnte die Sache ausgestanden sein. Sie war schmerzhaft, aber doch verkraftbar für die Volkswirtschaft: Österreich hat Milliarden eingebüßt, ebenso die BayernLB. Dazu bluten Anleihehalter und Sparer über 100.000 Euro. Zudem gäbe es viel schlechte internationale Presse über Österreich – und wohl auch negativere Ratings als bisher, sodass das Land für Staatsanleihen höhere Zinsen bezahlen müsste. Doch trotz alledem steht in diesem Stadium das größte Problem noch bevor.

Und zwar deshalb: Bis 2003 gewährte Haider für Hypo-Anleihen Landeshaftungen. Ihr Wert beträgt derzeit knapp 14 Milliarden Euro, rund das Siebenfache der jährlichen Einnahmen des Bundeslandes. Diese Haftungen ermöglichten erst den rasanten Expansionskurs der Hypo. Ihretwegen galt die Bank bei institutionellen Anlegern als sicheres Investment. So wurde der Steuerzahler zum Bürgen für die Risikogeschäfte Haiders und der Hypo.

Heute können Anleihehalter, die aus der Hypo-Insolvenz zu wenig bekommen, ihr Geld vom Land zurückfordern. Wegen der hohen Summe hätte dies unweigerlich die Zahlungsunfähigkeit Kärntens zur Folge.

Gesetzliche Regeln für die Insolvenz eines Bundeslandes existieren nicht – niemand hat je mit Derartigem gerechnet. Wahrscheinlich würden die Beamtenschaft, das landeseigene Bildungswesen und der politische Apparat maximal ausgedünnt. Landesvermögen – Grundstücke, Gebäude, Autos – würde öffentlich versteigert.

Der Bund könnte Kärnten helfen, ist aber nicht dazu verpflichtet. Er muss nur sicherstellen, dass Recht und Ordnung im südlichen Bundesland aufrechtbleiben. Zudem sähe sich die Republik im Fall einer Pleite Kärntens möglicherweise einer Kettenreaktion gegenüber: Die allgemeine Verunsicherung könnte eine massive Verteuerung von Staatsanleihen zur Folge haben. Auch die heimischen Banken müssten, weil sie nun als Risikoinvestment gelten, viel höhere Zinsen zahlen, wenn sie sich Geld borgen.

Im schlimmsten Fall wäre Österreich am Ende ein Krisenkandidat, ein Problemstaat wie Spanien oder Griechenland. Wie in diesen Ländern käme dann die „Troika“ – und damit die wirtschaftspolitische Entmündigung.

Zusatzinfos:

Für eine kontrollierte Light-Variante der Insolvenz plädiert Wolfgang Peschorn, Chef der Finanzprokuratur. Ihm zufolge soll der Staat Sparer entschädigen – und mit den Anleihehaltern einen Kompromiss finden. Sie verzichten auf einen Teil ihres Geld, ersparen sich aber eine langwierige Insolvenz. Laut Peschorn käme ein solches Modell um 5,3 Milliarden Euro billiger als das derzeitige

Der Raiffeisen-Konzern hält die Mehrheit an den Hypos Salzburg und Steiermark sowie 39 Prozent an der Hypo Oberösterreich

Die Zahlen in diesem Text stammen von der EU-Kommission und dem Rechnungshof. An Experten wurden etwa Franz Hahn (Wifo), Stefan Pichler (WU) und Hermine Vidovic (Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche) befragt

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Wirtschaft

Barroso und der Oligarch: ein denkwürdiger Auftritt in Wien

Aus dem FALTER 50/2013

Kommentar: Joseph Gepp

Oft sind es kleine Zufälle, die interessante Sachverhalte ans Tageslicht befördern. So wie bei einer Preisverleihung im Wiener Palais Liechtenstein vergangene Woche. Ehrengast der pompösen Festivität der NGO „Center for Global Dialogue and Cooperation“ (CGDC) hätte Bill Clinton sein sollen. Doch der Ex-US-Präsident tauchte nicht auf. Clinton hatte nämlich rechtzeitig erfahren, dass CGDC-Gründer Stamen Stantschew, ein umstrittener bulgarischer Geschäftsmann, wegen Wirtschaftsspionage in Rumänien zu elf Jahren Haft verurteilt worden war.

Prompt kam heraus, wer noch aller an diesem Abend von Stantschews NGO ausgezeichnet wurde: Sportler Felix Baumgartner. Kasachstans Diktator Nursultan Nasarbajew (in Abwesenheit). Und schließlich José Manuel Barroso, EU-Kommissionspräsident. Gerade die Teilnahme des dritten wirft doch Fragen auf.

Stantschews Verurteilung sei Barroso „nicht bekannt“ gewesen, sagt Kommissionssprecher Jens Mester dem Falter. Preisgeld habe es keines gegeben; auch seien Spesen, Flug und Hotel allein von der EU-Kommission und nicht etwa vom Veranstalter getragen worden. Und was findet Barroso dabei, gemeinsam mit dem umstrittenen Nasarbajew ausgezeichnet zu werden? Es bestünden ja auch so „regelmäßige Kontakte zwischen der EU-Kommission und Kasachstan auf allen Ebenen“, antwortet Mester.

Barroso steht einer mächtigen Institution vor. Die EU-Kommission hat in der Krise viel Einfluss gewonnen und tritt bei der Neugestaltung der Union offensiver denn je auf. Dass sich ihr Präsident auf Veranstaltungen mit Oligarchen umgibt, die offenbar mit einem Fuß im Kriminal stehen, macht keinen schlanken Fuß.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Europa, Wien

Der Samariterbund bittet um Geschenke für Teenager-Flüchtlinge

Aus dem FALTER 50/2013

Joseph Gepp

Gerade 14 Jahre ist der jüngste der minderjährigen Flüchtlinge alt, die der Samariterbund in zwei Wohngemeinschaften in Wien betreut. Sie stammen zumeist aus Syrien und Afghanistan. Der schwere Weg nach Europa hat sie traumatisiert – und hier hängen sie nun in einem schwierigen, belastenden Asylverfahren fest.

Vor diesem Hintergrund hat der Samariterbund die Aktion „Shop for me“ ins Leben gerufen. Damit bittet die Hilfsorganisation um Kleiderspenden, die den Teenagern geschenkt werden.

Jeder, der ihnen helfen möchte, kann ein Stück kaufen und es an den Samariterbund schicken oder persönlich vorbeibringen. Benötigt werden vor allem Pullover, Sweatshirts, Jacken, Hosen, Sportsachen – all dies in den Herrengrößen Small oder Medium.

Die Aktion soll neben der materiellen Unterstützung auch „Solidarität mit der schwierigen Situation der jungen Menschen zeigen“, sagt Oliver Löhlein, Geschäftsführer des Wiener Samariterbundes. Aber auch das Materielle allein tut not: Von Amts wegen erhält jeder Flüchtling nur rund 150 Euro pro Jahr für den Kleiderkauf.

Spenden an: Samariterbund Wien, Shop for me, Hollergasse 2-6/3. Stock, 1150 Wien

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Soziales

Die energetische Schlacht

Aus dem FALTER 50/2013

Die Energiewende ist in Verruf geraten: Sie verteuere den Strom unnötig, heißt es – und führe zu massiven Investitionen in Geschäftsfelder, die ohnehin nicht zukunftsfähig seien. Solchen Argumenten setzt die deutsche Umweltökonomin Claudia Kemfert ein wortgewaltiges Pamphlet entgegen: „Kampf um Strom“ seziert die Parolen der Gegner der Energiewende, setzt Sachverhalte auseinander und trifft die Unterscheidungen, die man braucht, um die Sachlage zu verstehen. Rechnet man Folgekosten ein, dann sei fossile Energie nicht billiger als erneuerbare, lautet eine Kernthese Kemferts. Und: Kaum etwas hat sich zur Umsetzung der Energiewende als so brauchbar erwiesen wie das – ebenso geliebte wie verdammte – deutsche Erneuerbare-Energie-Gesetz.

Joseph Gepp

Claudia Kemfert: Kampf um Strom. Murmann, 144 S., € 17,30

Claudia Kemfert: Kampf um Strom. Murmann, 144 S., € 17,30

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Energie

Fekters E-Rechnung: das programmierte Chaos

Aus dem FALTER 48/2013

Am 1. Jänner 2014 stellt die Republik Österreich ihr Rechnungswesen um. Unternehmer und Programmierer warnen vor einem Desaster

Bericht:
Joseph Gepp

Zum Beispiel der Dorfbäcker, der Semmeln an das städtische Bundesgymnasium liefert. Oder der Installateur, der Heizkörper in der Hofburg repariert. Oder die Werbeagentur, die für ein Ministerium eine Informationskampagne organisiert.

All diese Firmen machen Geschäfte mit der Republik Österreich. 90.000 Unternehmen sind es laut Finanzministerium insgesamt. Mit 1. Jänner 2014 steht ihnen eine kleine Revolution bevor. Denn der Bund akzeptiert dann nicht mehr, wie bisher, Rechnungen jedweder Art. Sondern ausschließlich sogenannte E-Rechnungen. So sieht es ein neues Gesetz vor, das vor über einem Jahr im Nationalrat beschlossen wurde; seither wird die Maßnahme im Finanzministerium von Maria Fekter (ÖVP) vorbereitet.

Elektronische Rechnungen sind nicht etwa solche, die per E-Mail oder im PDF-Format kommen. Es handelt sich stattdessen um ein komplexes Datenformat, das in erster Linie von Maschinen lesbar ist. Der Sinn: eine Harmonisierung, die Verwaltungsarbeit spart. Der Buchhalter muss nicht mehr Zahlen vom Papier abschreiben oder Geschäftspartnern nachtelefonieren, weil Informationen auf der Rechnung fehlen. Alles läuft automatisch, über Computersysteme.

Allerdings: Glaubt man Programmierern und Unternehmern, dann droht bei der Einführung der E-Rechnung ein Desaster.

Nicht nur sei die Handhabung extrem umständlich, sagen sie zum Falter. Auch mangle es im neuen System an Funktionen, die für jede Firma unentbehrlich sind. „Da kommt ein Riesenchaos auf uns zu“, meint zum Beispiel Karl Weintögl, Geschäftsführer des niederösterreichischen Unternehmens it20one, das andere Firmen in IT-Fragen berät. „Das System ist eine österreichische Bastellösung, bei der viele Details aus der Praxis nicht berücksichtigt wurden.“

Der Hintergrund: An sich basieren E-Rechnungen zwar auf einer erprobten Technik, die bereits in etlichen Ländern Europas eingesetzt wird. Österreichs Finanzministerium jedoch wollte nicht das gängige Format „UBL“ („Universal Business Language“) verwenden, das sich international bewährt hat. Stattdessen setzt man auf ein selbstgestricktes Format, „EB interface“ („Electronic billing“). Dieses gibt es nur hierzulande, es wurde vom Finanzministerium und der Wirtschaftskammer definiert. Und eben dieses EB interface, kritisiert Weintögl, „wirkt, als sei es von Leuten erstellt worden, die mit den echten Erfordernissen der Geschäftswelt nur wenig Erfahrung haben“.

So sind beispielsweise Stornorechnungen und Gutschriften im neuen System teilweise nicht vorgesehen – Dinge, die man im Geschäftsalltag häufig braucht. Auch lassen sich Informationen wie beispielsweise Telefongesprächsauflistungen nicht in die E-Rechnung integrieren, sie müssen stattdessen umständlich hochgeladen werden. Telefonrechnungen zu übermitteln, etwa für Diensthandys, wird also in Hinkunft eine langwierige Angelegenheit.

Hinterlässt die - womöglich abtretende - Finanzministerin Maria Fekter ein Chaos im Rechnungswesen des Bundes? (Foto: Wikipedia)

Hinterlässt die – womöglich abtretende – Finanzministerin Maria Fekter ein Chaos im Rechnungswesen des Bundes? (Foto: Wikipedia)

Dazu prangert Weintögl die dilettantische Vorgehensweise im Finanzministerium an. „Es gab zum Beispiel eine Teststelle, wo Unternehmer Musterrechnungen hinschicken konnten, damit später bei der Arbeit mit den echten alles passt“, erzählt er. „Das Finanzministerium hat aber dann versehentlich die Musterrechnungen weiterverarbeitet, als wären sie echte.“ Das Versehen wurde rechtzeitig entdeckt. Schlimmer sei noch, dass das Ministerium technische Details bei der Umsetzung der E-Rechnung bis zuletzt ständig änderte – sodass die betroffenen Unternehmer zum andauernden Umdisponieren gezwungen waren.

Kritik übt auch Wolfgang Krivanek, Gründer des Hotspot-Betreibers Freewave, der Cafés und Restaurants mit Internetzugängen ausstattet: „Der Bund hat die betroffenen Unternehmen nicht rechtzeitig über die knapp bevorstehende E-Rechnung informiert.“ Die allermeisten Firmen wüssten erst seit kurzem davon. Zudem sei eine direkte Anbindung an das neue System unter ein paar tausend Euro nicht zu machen. Zwar kann man diese umgehen, indem man mit kostenlosen Webformularen arbeitet – aber „das bedeutet großen zusätzlichen Aufwand“, sagt Krivanek. Er befürchtet, dass „der kleine Installateur oder Schlosser“ mit dem neuen System heillos überfordert sein wird.

Das Finanzministerium lehnt all diese Kritik auf Falter-Nachfrage rundweg ab. Die betroffenen Unternehmen seien umfassend informiert worden, sagt Ministeriumssprecherin Daniela Kinz, etwa auf Kongressen und im Internet. Zudem könnten Gutschriften und Stornos durchaus „elektronisch eingebracht werden“. Auf Rückfrage bei IT-Unternehmer Weintögl weist dieser allerdings ein zwei Wochen altes E-Mail vor: Darin teilen Techniker des Ministeriums mit, dass Gutschriften und Stornos „leider nicht eingebracht“ werden können.

Fest steht jedenfalls: Mit 1. Jänner werden alte Rechnungen einfach nicht mehr bezahlt. Der Dorfbäcker, der das Bundesgymnasium mit Semmeln versorgt, muss dann schauen, wie er zu seinem Geld kommt.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Behörden, Wirtschaft