Verzichten wir doch auf Kontrolle!

Aus dem FALTER 45/2013

Macht uns Qualitätsmanagement stets besser? Nein, sagt der Philosoph Martin Hartmann

Interview: Joseph Gepp

Kaum etwas wird derzeit in der Wirtschaftswelt und Gesellschaft so vehement gefordert wie Vertrauen – und bleibt zugleich so vage und unkonkret. Der Hamburger Philosoph und Soziologe Martin Hartmann, der an der Universität Luzern lehrt, hat dem Phänomen seine Karriere gewidmet und vielgelobte Bücher darüber verfasst. Der Falter traf Hartmann bei einem Vortrag, den er auf Einladung der PR-Agentur Gaisberg in Wien hielt.

Falter: Herr Hartmann, was heißt das eigentlich, Vertrauen?


Martin Hartmann:
Vertrauen ist etwas, das Mut braucht. Wenn ich Vertrauen habe, räume ich meinem Gegenüber Spielräume ein, in denen ich auf Kontrolle verzichte. Potenziell kann er sie auch in einer Weise nützen, die mir Schaden zufügt.

Dies ist etwa im Vorfeld der Bankenkrise geschehen, wo das Vertrauen vieler Kunden missbraucht wurde. Andererseits beklagen heute viele Kritiker eine Art Kontrollwahn in der Gesellschaft, der angeblich auf die alte Naivität folgt. Welche Seite hat recht?

Hartmann: Wohl beide. Einerseits wurden tatsächlich viele Menschen getäuscht und etwa dazu gebracht, in Produkte zu investieren, deren Risiko sie falsch einschätzten. Andererseits erleben wir heute eine massive Kontrolle, um verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen. Diese erfolgt von Staaten genauso wie innerhalb betroffener Institutionen. Dass das so funktioniert, glaube ich nicht.

Warum nicht?

Hartmann: Ich habe zum Beispiel einmal ein Gespräch mit einem deutschen Sparkassenvorstand geführt. Der sagte, er könne heute keinen Kredit mehr auf Vertrauensbasis Leuten geben, die auf ihn glaubwürdig wirken. Stattdessen werden nur noch Daten in Computersysteme eingespeist – und am Ende kommt rotes oder grünes Licht.

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Hat die Bankenkrise denn nicht gezeigt, dass ein solches Vorgehen notwendig ist?

Hartmann: Ja, aber dieses institutionalisierte Misstrauen scheint eine Tendenz zu sein, die über den Finanzsektor hinausgeht. Auch beklagen etwa viele Mediziner, dass sie heutzutage jeden kleinen Schritt dokumentieren müssen. Und ich erlebe in meinem Alltag an der Uni, wie alles immerzu evaluiert wird. Ständig muss man andere Instanzen von „sehr gut“ bis „sehr schlecht“ bewerten. Staaten und Unternehmen meinen dieses überbordende Controlling gut, sie wollen damit Vertrauen und Stabilität schaffen. Doch den Leuten nimmt es Spielräume, die sie gern hätten, um ihre eigene Urteilskraft einzusetzen.

Führen die kleineren, individuellen Spielräume nicht im Ganzen zu besseren Lösungen?

Hartmann: Das müsste man im Großen einmal statistisch erheben. Ich weise nur darauf hin, dass das sogenannte Qualitätsmanagement inzwischen selbst ein lukratives Geschäftsfeld geworden ist, dessen Motive und Mechanismen nicht immer durchschaubar sind. Gerade im Finanzsektor sind die Ratingagenturen, die die Kreditwürdigkeit von Staaten und Unternehmen bewerten, selbst massiv in die Kritik geraten. Die Agenturen, die Qualität erheben und quantifizieren, sind einflussreiche, profitable Unternehmen, denen sich praktisch alle Institutionen geöffnet haben. Dies führt zur Frage: Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Aber was ist die Alternative? Der unantastbare Herr Professor? Der Arzt als Gott in Weiß, der über Patienten verfügt?

Hartmann: Eben deshalb meinte ich, beide Seiten dieser Debatte hätten recht. Eine Rückkehr zur alten Autorität kann keiner wollen. Vielleicht wäre es aber trotzdem interessant, in einem abgegrenzten Bereich einmal das System der immerwährenden Kontrolle aus dem Fenster zu schmeißen .Man könnte etwa eine Gemeinde nehmen oder eine Abteilung in einer Firma – und sagen: Hier verzichten wir probehalber einmal auf alle Formen des Qualitätsmanagements.

Bewegen wir uns hin zu einem System absoluter gegenseitiger Kontrolle?

Hartmann: Ich fürchte schon. Je komplexer die Welt wird, desto mehr schwindet das Face-to-Face-Vertrauen. Als Ersatz dient besagtes institutionalisiertes Misstrauen. Wir bräuchten stattdessen einen Diskussionsprozess rund um die Frage: Was soll man aus guten Gründen wie kontrollieren? Vielleicht wäre das eine Basis, um wieder mehr Vertrauen herzustellen.

Vertrauen herstellen ist ein großes Wort. Wie könnte man das konkret angehen?

Hartmann: Ich glaube hier an demokratische Kontrolle -die man jedoch streng von der Kontrolle durch Qualitätsmanagement-Agenturen abgrenzen muss. Ohne dass jeder Prozess einzeln überwacht werden können soll, muss man der Bevölkerung prinzipiell ermöglichen, in Entscheidungsabläufe Einblick zu erhalten. Das wird zwar häufig propagiert, passiert aber praktisch nach wie vor kaum. Als Deutscher in der Schweiz sehe ich, wie das Modell der direkten Demokratie zumindest dafür sorgt, dass bestimmte Themen bis runter in die Bevölkerung intensiv debattiert werden. In der Politik gibt es derzeit, zumindest in Deutschland, keine echten Anstrengungen in diese Richtung. Am ehesten müsste man das wohl auf EU-Ebene beginnen, etwa durch die vielgeforderte Stärkung des Parlaments.

Kann die Demokratisierung nicht nach hinten losgehen und erst recht zu einem Zwang zur Transparenz führen?

Hartmann: Transparenz schafft nicht nur Vertrauen, sie setzt auch Vertrauen voraus. Man muss mit den Informationen, zu denen man Zugang hat, gut umgehen. In diesem Fall jedoch sollte man der Intelligenz des Demos ein Stück weit einen Vertrauensvorschuss entgegenbringen. Wer gut informiert ist, denke ich, kann sich ein vernünftiges Urteil bilden. Und wenn am Ende ein Ergebnis rauskommt, das ich nicht haben wollte -dann kann ich das zumindest leichter akzeptieren. Weil der Prozess immerhin demokratisch ablief.

Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern in der Schweiz. Der Hamburger studierte unter anderem an der London School of Economics. 2011 erschien sein Buch „Die Praxis des Vertrauens“

Martin Hartmann: Die Praxis des Vertrauens. Suhrkamp, 541 S., € 20,60

Martin Hartmann: Die Praxis des Vertrauens. Suhrkamp, 541 S., € 20,60

Martin Hartmann: Die Praxis des Vertrauens. Suhrkamp, 541 S., € 20,60

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