Monatsarchiv: Oktober 2013

Geologisch instabil: ein Maisfeld mit Störpotenzial

Aus dem FALTER 41/2013

Foto: Heribert Corn

Unspektakulärer kann ein Ort kaum sein. Ein Maisfeld, 33 Kilometer südlich von Wien, unweit des 1200-Seelen-Ortes Wimpassing an der Leitha. Keine 100 Meter von hier dröhnt die Südostautobahn. Gleich auf der gegenüberliegenden Seite verläuft die Grenze zwischen Niederösterreich und dem Burgenland.

Am vorletzten Mittwochabend, exakt 19.17 Uhr, wurde dieser eher langweilige Ort zum Zentrum eines Ereignisses, das auch Wien erschütterte – im wahrsten Sinn des Wortes. Genau hier befand sich, laut Berechnungen der Zentralanstalt für Meteorologie auf der Hohen Warte, das Epizentrum des Erdbebens, das mit einer Stärke von 4,2 in großen Teilen Ostösterreichs zu spüren war. Auch in der Hauptstadt wackelten kurz Wände und Luster.

Die Verschiebung der Erdplatten fand laut Hoher Warte übrigens acht bis zwölf Kilometer unter dem Maisfeld statt. Bei geringerer Tiefe wären die Schäden viel größer gewesen.

Acht bis zwölf Kilometer unter diesem Acker nahe Wimpassing südlich von Wien lag vorletzten Mittwoch, 2. Oktober, 19.17 Uhr, der Herd eines Erdbebens, das auch in der Hauptstadt zu spüren war (Foto: Heribert Corn)

Acht bis zwölf Kilometer unter diesem Acker nahe Wimpassing südlich von Wien lag vorletzten Mittwoch, 2. Oktober, 19.17 Uhr, der Herd eines Erdbebens, das auch in der Hauptstadt zu
spüren war (Foto: Heribert Corn)

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„Wir müssen alle Kapitalisten werden“

Aus dem FALTER 41/2013

Was hilft gegen den Kapitalismus? Noch mehr Kapitalismus, sagt der Essayist Wolf Lotter

Interview: Joseph Gepp

Die einzige Alternative zum Kapitalismus sei „Unmündigkeit und Ohmacht“, schreibt Wolf Lotter. Wer das nicht einsieht, ignoriere die ständigen Verheerungen alter, vorkapitalistischer Zeiten – und den Fortschritt, der seit zwei Jahrhunderten zur Geld- und Marktwirtschaft führt. In einem neuen Buch fordert Lotter die Versöhnung der Gesellschaft mit dem Kapitalismus. Wobei – ganz in Ordnung ist er dann doch nicht: Ein neuer, wissensbasierter „Zivilkapitalismus“ müsse den alten, elitären „Industriekapitalismus“ ablösen.

Falter: Herr Lotter, was läuft schief im Kapitalismus?

Wolf Lotter: Schief läuft seine derzeitige Machart. Und ihre Protagonisten, die sich für Kapitalisten halten, sind gar keine.

Was sind sie sonst?

Lotter: Leitende Angestellte und Untergebene. Wir haben einen bürokratischen Managerkapitalismus ohne unternehmerisches Risiko. Moderne Kapitalisten übernehmen nur Organisationen und üben Macht aus.

Muss die Welt kapitalistischer werden, um den Managerkapitalismus zu überwinden?

Lotter: Ja, wir müssen alle Kapitalisten werden – in dem Sinn, dass wir verstehen, wie unsere Ökonomie funktioniert. Nur dann können wir den Kapitalismus als Werkzeug für unsere Befreiung und Emanzipation benutzen. In der Geschichte der Aufklärung haben wir viele mentale Türen aufgemacht – aber die zur Ökonomie blieb immer zu. Viele sagen sich lieber: Das System ist schlecht. Das ist gemütlich, ändert aber nichts.

Wie soll ein neuer Kapitalismus ausschauen, der die richtige Balance zwischen Freiheit und Sicherheit findet und die Menschen nicht entmündigt?

Lotter: Entscheidend ist, dass möglichst viele Menschen an ihm teilnehmen. Nur so kann eine Machtkonzentration an der Spitze vermieden werden, was immer zu Verwerfungen und Enttäuschungen führt. Man muss Leute aus materieller Abhängigkeit befreien und ihnen ökonomische Freiheit geben. Sie sollen Firmen, Genossenschaften und Kooperationen gründen – und sich aus dem Denken in Angestelltenverhältnissen lösen.

Bei solchen Worten denken viele Österreicher etwa ans teure Experiment der privaten Pensionsversicherungen. Osteuropäer denken wohl an die Verarmung nach der gnadenlosen Liberalisierung der 1990er-Jahre. Wie kann man verhindern, dass eine Elite das ständige Beschwören von unternehmerischer Freiheit einfach nutzt, um sich zu bereichern?

Wolf Lotter

Wolf Lotter


Lotter: Es gibt durchaus Sachen, die bei der öffentlichen Hand gut aufgehoben sind. Ein bedingungsloses Grundeinkommen zum Beispiel wirkt emanzipatorisch und schafft Unabhängigkeit. Es gibt allerdings auch Sachen, die gehören stärker in unsere eigene Initiative. Vor allem muss es möglich sein, für sich selbst tätig zu werden.

Ist Ihre Vorstellung von Kapitalismus mit unserem Sozialstaat vereinbar?

Lotter: Wir müssen grundsätzlich nachdenken, wie gut die industriekapitalistischen Strukturen, mit denen wir seit nunmehr 200 Jahren leben, noch passen. Wir verdanken ihnen viel Wohlstand, aber sie sind überholt. Deswegen müssen wir fragen: Was braucht eine Gesellschaft an Grundsicherung und sozialer Sicherheit? Wie können wir Leute ermächtigen, in einer Wissensökonomie ihre Probleme selbst zu lösen?

Wissensökonomie – noch so ein Schlagwort. Da denken viele an prekär beschäftigte Kreativarbeiter mit fünf Mini-Jobs.

Lotter: Das liegt an der Verfasstheit unserer derzeitigen Ökonomie. Auf einen Kreativen kommen neun andere Leute, die ihn administrieren. Die Kreativen steigen nur deshalb schlecht aus, weil unser System schlampig mit unserer wichtigsten Ressource, dem Wissen, umgeht. Der Ausweg ist, dass sich die Kreativen jene kapitalistischen Techniken und Fertigkeiten aneignen, die es braucht, um Strukturen und Organisationen zu verändern.

Was sind denn die Wissenslücken, die eine kapitalistische Entfaltung verhindern?

Lotter: Schauen Sie sich beispielsweise an, wie auf einer ganz alltäglichen Party in Wien über Wirtschaft geredet wird – da bekommt man für jedes Ressentiment Applaus. Und es ist absolut zulässig, wenn jemand prahlt, schlecht im Rechnen zu sein. Kapitalistische Fertigkeiten werden verachtet und lächerlich gemacht. Bis der Kreative zum Staat läuft und Subventionen will.

Wenn man Subventionen abschafft, überleben nur die harten, unfairen Spieler.

Lotter: Im Gegenteil. Subventionen verhindern, dass Leute mit Ideen zum Zug kommen. Die großen EU-Subventionen beispielsweise werden allein von Lobbygruppen und Parteien gesteuert – siehe Landwirtschaft. Das verhindert, dass sich auf den Märkten gute Lösungen durchsetzen. Oder im Bereich erneuerbare Energien – hier werden unökonomische und uninnovative Dinge massiv subventioniert.

Würde man erneuerbare Energien nicht subventionieren, dann würde wahrscheinlich der erstbeste Energiemulti das junge, ökologische Start-up aufkaufen – und es zusperren, bevor es zur Gefahr wird.

Lotter: Natürlich kann man eine Zeitlang in ein Projekt investieren, wenn es zukunfts-, aber noch nicht marktfähig ist. Aber man darf diesen Prozess nicht bürokratisieren und zu einer ständigen Einrichtung machen. Ich glaube durchaus, dass auch der freie Markt eine Energiewende hervorbringen könnte. Bei der Endlichkeit unserer Ressourcen müssen sich ja irgendwann auf dem Markt Lösungen finden. Sonst kommt es schlicht dazu, dass sich Leute Energie irgendwann nicht mehr leisten können.

Nehmen wir an, ein Land würde den Zivilkapitalismus einführen. Was soll als Erstes geschehen?


Lotter:
Zunächst würde es Gewerbefreiheit und eine Grundsicherung einführen. Dann das Subventionssystem rigoros durchforsten. Schließlich würde es entbürokratisieren – und zwar viel mehr die moderne Wirtschaft als die Politik.


Wolf Lotter, 51, ist Wirtschaftsautor und Leitartikler des deutschen Wirtschaftsmagazins Brand eins. Der gebürtige Steirer lebt heute nahe Hamburg. In den 1980er-Jahren schrieb er auch für den Falter

Wolf Lotter: Zivilkapitalismus. Wir können auch anders. Verlag Pantheon. 224 S., € 14,99

Wolf Lotter: Zivilkapitalismus. Wir können auch anders. Verlag Pantheon. 224 S., € 14,99

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Buchtipp: Gegen den Strom

Aus dem FALTER 41/2013

Schade, dass so wenige Wissenschaftler allgemeinverständliche Bücher darüber schreiben, was aus ihrer Fachperspektive in der Welt falsch läuft. Denn dann wäre die öffentliche Debatte um vieles reicher. Glücklicherweise gibt es immer wieder Ausnahmen – so wie die Politikwissenschaftlerin Petra Dobner, die ein kluges und hellsichtiges Essay zum Thema Wasser vorlegt.

Darin schildert sie nicht nur die desaströsen Auswirkungen der Privatisierung, die von EU und Weltbank forciert wird. Auch beschreibt Dobner einige faszinierende Lügen der ökologischen Debatte: So bringt Wassersparen im Haushalt viel weniger als allgemein angenommen. Besonders absurd wird es, wenn Menschen Leitungswasser einsparen und stattdessen mehr Flaschenwasser konsumieren – dieses ist gemeinhin nicht nur minderwertiger, sondern wegen des Plastiks auch viel umweltschädlicher.

Joseph Gepp

Petra Dobner: Quer zum Strom. Eine Streitschrift. Wagenbach, 96 S., € 14,90

Petra Dobner: Quer zum Strom. Eine Streitschrift. Wagenbach, 96 S., € 14,90

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Aus Geld mach mehr Geld!

Aus dem FALTER 40/2013

Mit System und Software wirbt Superfund um Kunden. Ein Infoabend beim Hedgefonds für kleine Leute

Reportage: Joseph Gepp

Es war einmal eine Zeit, in der der Wert von fast allem ständig wuchs. Wer sein Geld an die Börse brachte, konnte bald das Doppelte oder Dreifache zurückbekommen. Entsprechend florierten Firmen, die Finanzprodukte anboten.

Diese Zeit endete im Jahr 2008, mit dem Beginn der großen Wirtschaftskrise.

Montag vergangener Woche, der erste Herbsttag 2013, Superfund lädt zum Info-Abend für interessierte Anleger. Superfund ist eine Art Hedgefonds für den kleinen Mann. Ab 50 Euro im Monat ist man dabei. Wer sein Geld vor 2008 Superfund anvertraute, konnte hohe Gewinne einfahren. Seitdem allerdings geht es oft steil bergab. Deswegen gilt es heute, Kunden unter schwierigen Bedingungen zu gewinnen.

Es ist ein Konferenzraum in der Mitte von Wien, am Schwedenplatz, in dem sich die Interessierten versammeln. Gekommen sind Anzugträger, die wirken, als hätten sie schon Erfahrung an der Börse. Und Leute um die 60, oft Paare. Sie scheinen eher unbedarft in Sachen Anlegergeschäft, haben aber wohl einiges an Erspartem auf der Seite. Bei Nationalratswahlen haben sie vielleicht BZÖ oder ÖVP angekreuzt. Die Anzugträger nehmen ausnahmslos in den vorderen Reihen Platz, die Älteren in den hinteren.

An der Wand hängen Dagobert Duck, der in einem Superfund-Folder blättert. Und der Terminator mit seinen leuchtenden Androidenaugen. „Mit System gegen die Krise“ steht darunter.

Die Spezialität von Superfund ist, dass nicht etwa Fondsmanager oder andere Experten Anlageentscheidungen treffen, sondern vollautomatische Computersysteme. Der Firmengründer, der Wiener Ex-Polizist Christian Baha, 44, verdiente mit diesem Rezept seit den 1990er-Jahren mehrere hundert Millionen Euro. Heute lebt Baha die meiste Zeit in Monaco; kürzlich fand sich sein Name in den Offshore-Leaks. Manchmal sieht man am Schwedenplatz Bahas schwere Limousine samt Chauffeur vorfahren. Konsumentenschützer kritisieren an seiner Firma Intransparenz, hohe Verwaltungsgebühren und die Fokussierung auf schlecht informierte Kleinanleger.

Superfund-Zentrale beim Schwedenplatz (Foto: Reini Hackl)

Superfund-Zentrale beim Schwedenplatz (Foto: Reini Hackl)

Auf dem Podium beginnt ein junger Mann im Anzug zu sprechen. Er erinnert an Sebastian Kurz: glatt, gewandt, die Frisur sitzt. Bald übt der Mann Selbstkritik. „Die letzten Jahre waren wenig erfolgreich für uns.“ Diese Worte klingen offen und überzeugend. Manche Anleger bei Superfund haben in den vergangenen Jahren über 40 Prozent ihres Geldes verloren – in dieser Situation bleibt der Firma nur Selbstkritik, um neues Vertrauen wecken. Superfund stehe, so die Botschaft, kühl und sachlich zu Fehlentwicklungen. Wir schaffen es da raus, wir werden euch wieder Gewinne bringen. Und: Was ist schon die Alternative?

Der junge Mann wirft eine Powerpoint-Folie an die Wand, „Angriff auf das Vermögen“ steht da. Weil die derzeit niedrigen Sparbuchzinsen und die Inflation das Ersparte schwinden lassen, müsse man sein Vermögen aktiv am Finanzmarkt vermehren. „Sonst zählt man automatisch zu den Verlierern“, warnt der Mann. „Es geht um kalte, schleichende Enteignung.“ In den hinteren Reihen sitzt eine Frau in weißgeblümter Bluse, wie sie alte Damen gern tragen. Leise und langsam betet sie das Wort „Enteignung“ nach.

Diese Veranstaltung, merkt man bald, ist nicht wie eine dieser Verkaufsfahrten nach Ungarn, wo Pensionisten überteuerte Polsterbezüge angedreht werden. Hier geht es subtiler zu. Die Tatsache, dass man sich heutzutage „risikofrei nicht mehr zu den Gewinnern zählen kann“, erklärt der Mann weiter, habe auch eine gute Seite: „Die Leute sind nun bereit, Verantwortung zu übernehmen.“ Mit diesen Worten hat er das Dilemma fertig umrissen. Jetzt wartet das Publikum auf die Lösung.

Eine neue Powerpoint-Folie erscheint an der Wand, diesmal eine Grafik. Man sieht Gesichter, die Emotionen ausdrücken, Freude, Trauer und Wut. Daneben steht das Bild eines Computers als blitzblanker, sachlicher Gegenentwurf. „Mensch gegen Maschine“ steht darüber. Botschaft: Vor der drohenden Enteignung rettet uns allein die automatisierte Handelssoftware von Superfund. Dieses Wunderding, das Anlageentscheidungen unbehelligt von jedweder menschlicher Beeinflussung trifft, allein aufgrund von Kursentwicklungen der Vergangenheit, die mittels komplizierter Algorithmen in die Zukunft fortgeschrieben werden.

Weil das angeblich so ausgefeilte Computersystem im heftigen Auf und Ab der Kurse seit 2008 trotzdem massiv versagte, habe man „mehrere Millionen Euro in Forschung und Entwicklung investiert“, erklärt der junge Mann. Das Ergebnis ist eine neue, abgeänderte Software. Sie funktioniert flexibler als ihre Vorgängerin und hält nur wenige Tage an Anlageentscheidungen fest. Damit will Superfund von stark schwankenden Kursen und Werten profitieren, aus denen sich keine klaren Tendenzen mehr ablesen lassen – wie es seit der Krise normal geworden ist. Das neue System sei ein Instrument für „orientierungslose Marktphasen“, sagt der Vortragende. Seit es im März 2013 in Betrieb ging, hat es drei Prozent an Wert gewonnen. Das ist zwar – bei viel höherem Risiko – nicht viel mehr als bei einem normalen Bausparvertrag. Angesichts der vorherigen Verluste gilt es aber schon als Erfolg.

Eine Zeitlang noch preist der Mann Details des neuen Systems, dann bittet er um Fragen. Nur wenige tröpfeln vom Publikum in Richtung Podium. Die älteren Paare in den hinteren Reihen bleiben still. Die Anzugträger fachsimpeln mit dem Vortragenden kurz über „Agios“ und „Management Fees“. Schließlich bittet eine lächelnde Frau im schwarzen Kostüm ans Buffet. Es gibt Sekt, Orangensaft und belegte Brötchen.

Mitarbeit: Lea Wieser

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Matthias Strolz über seine Wunschrolle im Parlament und die Droge Energie

Aus dem FALTER 40/2013

Interview: J. Gepp, B. Tóth 

Foto: Heribert Corn

:: Matthias Strolz wirkt aufgekratzt, seine Stimme klingt heiser. Eine lange, aufregende Wahlnacht liegt hinter dem Neos-Parteichef. Vor der Tür zu seinem Büro warten schon das ZDF und die ARD. Die Flecken auf dem Teppichboden künden noch von der gestrigen Party.

Falter: Herr Strolz, wofür werden Sie sich als Erstes im Parlament einsetzen?

Matthias Strolz: Der erste Antrag wird auf Senkung der Parteienfinanzierung lauten. Das Niveau der Parteienfinanzierung in Österreich liegt pro Kopf um 1300 Prozent über jenem in Deutschland. Das ist zu viel.

Öffnen solche Maßnahmen nicht die Tür für eine Mäzene-Demokratie?

Strolz: Nein, solche Maßnahmen öffnen hoffentlich die Tür für Crowdfunding. Die Grünen beispielsweise haben vergangenes Jahr über elf Millionen Euro aus der Parteienförderung geholt, aber nur 11.000 Euro an Parteispenden gesammelt. Das ist ein Armutszeugnis.

Sie haben zwar viele Spenden, aber keine volle Transparenz.

Strolz:
Wir haben eine Grenze von 3500 Euro, ab der sich Spender deklarieren müssen. Damit wollten wir unsere Kleinspender schützen. Manche haben berufliche Probleme bekommen, weil sie sich als Unterstützer der Neos deklariert haben.

Sie wollten als „Defibrillator für die große Koalition“ fungieren – aber aus einer Regierungsbeteiligung der Neos wird wohl nichts.

Strolz: Wir sind die erste und einzige moderne Zentrumspartei Österreichs. Außerdem sind wir nach den Grünen die zweite große Bürgerbewegung der Zweiten Republik, die es ins Parlament geschafft hat.

Wer sind Ihre wichtigsten Konkurrenten?

Strolz: Offensichtlich haben wir die meisten Stimmen von den Schwarzen und Grünen geholt. Von der ÖVP graben wir wohl am stärksten ab, weil sie einen unserer Kernwerte teilt: Eigenverantwortung.

Apropos Eigenverantwortung: Ihre Mitstreiter, die Jungen Liberalen propagieren teils ultraliberale Ideen – zum Beispiel eine Flat Tax oder eine kompromisslose Privatisierungspolitik.

Strolz: Die Julis sind sozusagen unser kernliberaler Rand. Aber den Julis ist klar, dass wir uns in einer Wahlplattform befinden. In diesem Rahmen haben wir alle Positionen ausgiebig diskutiert. Am Ende gilt das, was im Neos-Wahlprogramm steht – also beispielsweise nicht die Flat Tax.

Bei der Homoehe zögern Sie in Ihrem Programm, diese als Ehe zu bezeichnen. Eine Konzession an wertkonservative Ex-ÖVPler unter den Neos?


Strolz:
Diese Frage werden wir noch diskutieren. Ich persönlich trete dafür ein, dass wir das Institut der Ehe öffnen. In dieser Sache muss volle Gleichberechtigung bis hin zum Adoptionsrecht herrschen – aber wie man das dann etikettiert, ist eigentlich egal.

In Ihrem Programm fordern Sie auch eine Privatisierung des Schienenverkehrs. In Großbritannien hat man desaströse Erfahrungen gemacht.

Strolz:
Wir würden die Schiene nie privatisieren. Sie ist ein natürliches Monopol wie das Stromnetz – und gehört als solches in die öffentliche Hand. Der Personen- und Güterverkehr, der auf der Schiene stattfindet – der gilt uns allerdings als Wettbewerbsbranche. Denken Sie zum Beispiel daran, wie gut den ÖBB die Gründung der Westbahn getan hat. Das war ein echter Qualitätssprung.

Die Westbahn verkehrt auf der hochrentablen Strecke zwischen Wien und Salzburg. Wollen Sie eine kleine Busverbindung in Niederösterreich auch privatisieren?

Strolz: Natürlich gibt es einen Versorgungsauftrag, für den man auch öffentliches Geld aufwenden kann. In dieser Hinsicht gibt es viele Modelle.

Haben die Österreicher in den sechs Jahren der schwarz-blauen Regierung nicht schon genug schlechte Erfahrungen mit Privatisierungen gemacht?

Strolz: Es gibt auch Erfolgsgeschichten wie die Voest. Aber ja, es sind Fehler passiert unter Schwarz-Blau. Auch deshalb treten wir dafür ein, dass der Staat als starker Kernaktionär in vielen Unternehmungen bleibt, mit 25 Prozent und einer Aktie. Aber die proporzhafte Bestückung mit roten und schwarzen Vorständen – die lehnen wir ab.

Was will der Sieger der Nationalratswahl 2013? Matthias Strolz am Wahlabend (Foto: Heribert Corn)

Was will der Sieger der Nationalratswahl 2013? Matthias Strolz am Wahlabend (Foto: Heribert Corn)

Bei den Staatsschulden wollen Sie die Schuldenquote auf unter 50 Prozent des BIP drücken – und gleichzeitig die Lohnsteuern senken. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Strolz: Wenn wir nur den großkoalitionären Stillstand endlich aufbrechen würden, dann könnten wir uns den finanziellen Spielraum erarbeiten. Bei Strukturreformen und Sozialversicherungsträgern zum Beispiel ist viel Geld drin.

Das sagt auch die Industriellenvereinigung.

Strolz: Ja, die haben viele spannende Ansätze. Beim Förderwesen könnte man zusätzlich sparen, ebenso beim überzogenen Föderalismus und beim Gesundheitswesen ohne geordnete Patientenströme. Da schlummern Milliarden.

Diese Forderungen sind wohlbekannt. Aber Sie werden als Kleinpartei damit nicht durchkommen – und irgendwann werden sie abgenutzt und langweilig klingen.

Strolz: Wir werden sie auch langfristig gut kommunizieren können, weil wir eine gestandene, regierungsfähige, erwachsene Bewegung sind. Wir sind eine Sowohl-als-auch-Bewegung, die sich nicht ideologisch festfährt. Die Neos sind wie ein ganzheitlicher Ansatz in der Medizin, wo Schulmedizin mit alternativen Methoden kombiniert wird.

Sie wirken manchmal wie auf Drogen.

Strolz: Nein, meine Droge ist die Energie.

Manchmal klingen die Neos wie eine Sekte.

Strolz: Man muss uns schon ein bisschen Emotion zugestehen. Es gibt Leute hier, die monatelang gratis gearbeitet haben. Jetzt freuen wir uns halt über den Erfolg.

Die Wiener ÖVP hat Ihnen bereits ein Kooperationsangebot unterbreitet. Können Sie sich ein Wahlbündnis vorstellen?

Strolz: Eine Fusion mit der ÖVP ist jedenfalls derzeit nicht angedacht. Aber unsere Zukunft liegt ganz sicher in einer flexiblen Denke jenseits klassischer Parteigrenzen. Und wir Neos sind diesbezüglich ein Vorbote.

Mehr zu den Neos im „Falter“ nach der Wahl
Vorwahl-Interview mit Strolz und KPÖ-Chef Mirko Messner

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Bekommt Wien einen „Stadtrechnungshof“? Ja, sagt Michael Häupl

Aus dem FALTER 40/2013

Bisher kontrolliert in Wien lediglich ein Kontrollamt das Gebaren des Rathauses. Dieses zu einem „Stadtrechnungshof“ aufzuwerten ist eine alte Forderung der Opposition. Damit einher gingen mehr Kompetenzen, etwa beim Kontrollieren von ausgelagerten Stadtfirmen und Public-Private-Partnerships. Die Grünen traten 2010 mit dem Versprechen an, den Stadtrechnungshof durchzusetzen.

Wann ist es endlich so weit? Laut einer Ankündigung der rot-grünen Regierung vom Sommer 2012 sollte das Vorhaben schon seit Anfang 2013 umgesetzt sein. Nun gab SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl der Wiener ÖVP im Gemeinderat Auskunft: Man warte auf ruhigere Zeiten nach der Nationalratswahl. Mit Ende 2013 soll der Stadtrechnungshof stehen.

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