„Wir müssen alle Kapitalisten werden“

Aus dem FALTER 41/2013

Was hilft gegen den Kapitalismus? Noch mehr Kapitalismus, sagt der Essayist Wolf Lotter

Interview: Joseph Gepp

Die einzige Alternative zum Kapitalismus sei „Unmündigkeit und Ohmacht“, schreibt Wolf Lotter. Wer das nicht einsieht, ignoriere die ständigen Verheerungen alter, vorkapitalistischer Zeiten – und den Fortschritt, der seit zwei Jahrhunderten zur Geld- und Marktwirtschaft führt. In einem neuen Buch fordert Lotter die Versöhnung der Gesellschaft mit dem Kapitalismus. Wobei – ganz in Ordnung ist er dann doch nicht: Ein neuer, wissensbasierter „Zivilkapitalismus“ müsse den alten, elitären „Industriekapitalismus“ ablösen.

Falter: Herr Lotter, was läuft schief im Kapitalismus?

Wolf Lotter: Schief läuft seine derzeitige Machart. Und ihre Protagonisten, die sich für Kapitalisten halten, sind gar keine.

Was sind sie sonst?

Lotter: Leitende Angestellte und Untergebene. Wir haben einen bürokratischen Managerkapitalismus ohne unternehmerisches Risiko. Moderne Kapitalisten übernehmen nur Organisationen und üben Macht aus.

Muss die Welt kapitalistischer werden, um den Managerkapitalismus zu überwinden?

Lotter: Ja, wir müssen alle Kapitalisten werden – in dem Sinn, dass wir verstehen, wie unsere Ökonomie funktioniert. Nur dann können wir den Kapitalismus als Werkzeug für unsere Befreiung und Emanzipation benutzen. In der Geschichte der Aufklärung haben wir viele mentale Türen aufgemacht – aber die zur Ökonomie blieb immer zu. Viele sagen sich lieber: Das System ist schlecht. Das ist gemütlich, ändert aber nichts.

Wie soll ein neuer Kapitalismus ausschauen, der die richtige Balance zwischen Freiheit und Sicherheit findet und die Menschen nicht entmündigt?

Lotter: Entscheidend ist, dass möglichst viele Menschen an ihm teilnehmen. Nur so kann eine Machtkonzentration an der Spitze vermieden werden, was immer zu Verwerfungen und Enttäuschungen führt. Man muss Leute aus materieller Abhängigkeit befreien und ihnen ökonomische Freiheit geben. Sie sollen Firmen, Genossenschaften und Kooperationen gründen – und sich aus dem Denken in Angestelltenverhältnissen lösen.

Bei solchen Worten denken viele Österreicher etwa ans teure Experiment der privaten Pensionsversicherungen. Osteuropäer denken wohl an die Verarmung nach der gnadenlosen Liberalisierung der 1990er-Jahre. Wie kann man verhindern, dass eine Elite das ständige Beschwören von unternehmerischer Freiheit einfach nutzt, um sich zu bereichern?

Wolf Lotter

Wolf Lotter


Lotter: Es gibt durchaus Sachen, die bei der öffentlichen Hand gut aufgehoben sind. Ein bedingungsloses Grundeinkommen zum Beispiel wirkt emanzipatorisch und schafft Unabhängigkeit. Es gibt allerdings auch Sachen, die gehören stärker in unsere eigene Initiative. Vor allem muss es möglich sein, für sich selbst tätig zu werden.

Ist Ihre Vorstellung von Kapitalismus mit unserem Sozialstaat vereinbar?

Lotter: Wir müssen grundsätzlich nachdenken, wie gut die industriekapitalistischen Strukturen, mit denen wir seit nunmehr 200 Jahren leben, noch passen. Wir verdanken ihnen viel Wohlstand, aber sie sind überholt. Deswegen müssen wir fragen: Was braucht eine Gesellschaft an Grundsicherung und sozialer Sicherheit? Wie können wir Leute ermächtigen, in einer Wissensökonomie ihre Probleme selbst zu lösen?

Wissensökonomie – noch so ein Schlagwort. Da denken viele an prekär beschäftigte Kreativarbeiter mit fünf Mini-Jobs.

Lotter: Das liegt an der Verfasstheit unserer derzeitigen Ökonomie. Auf einen Kreativen kommen neun andere Leute, die ihn administrieren. Die Kreativen steigen nur deshalb schlecht aus, weil unser System schlampig mit unserer wichtigsten Ressource, dem Wissen, umgeht. Der Ausweg ist, dass sich die Kreativen jene kapitalistischen Techniken und Fertigkeiten aneignen, die es braucht, um Strukturen und Organisationen zu verändern.

Was sind denn die Wissenslücken, die eine kapitalistische Entfaltung verhindern?

Lotter: Schauen Sie sich beispielsweise an, wie auf einer ganz alltäglichen Party in Wien über Wirtschaft geredet wird – da bekommt man für jedes Ressentiment Applaus. Und es ist absolut zulässig, wenn jemand prahlt, schlecht im Rechnen zu sein. Kapitalistische Fertigkeiten werden verachtet und lächerlich gemacht. Bis der Kreative zum Staat läuft und Subventionen will.

Wenn man Subventionen abschafft, überleben nur die harten, unfairen Spieler.

Lotter: Im Gegenteil. Subventionen verhindern, dass Leute mit Ideen zum Zug kommen. Die großen EU-Subventionen beispielsweise werden allein von Lobbygruppen und Parteien gesteuert – siehe Landwirtschaft. Das verhindert, dass sich auf den Märkten gute Lösungen durchsetzen. Oder im Bereich erneuerbare Energien – hier werden unökonomische und uninnovative Dinge massiv subventioniert.

Würde man erneuerbare Energien nicht subventionieren, dann würde wahrscheinlich der erstbeste Energiemulti das junge, ökologische Start-up aufkaufen – und es zusperren, bevor es zur Gefahr wird.

Lotter: Natürlich kann man eine Zeitlang in ein Projekt investieren, wenn es zukunfts-, aber noch nicht marktfähig ist. Aber man darf diesen Prozess nicht bürokratisieren und zu einer ständigen Einrichtung machen. Ich glaube durchaus, dass auch der freie Markt eine Energiewende hervorbringen könnte. Bei der Endlichkeit unserer Ressourcen müssen sich ja irgendwann auf dem Markt Lösungen finden. Sonst kommt es schlicht dazu, dass sich Leute Energie irgendwann nicht mehr leisten können.

Nehmen wir an, ein Land würde den Zivilkapitalismus einführen. Was soll als Erstes geschehen?


Lotter:
Zunächst würde es Gewerbefreiheit und eine Grundsicherung einführen. Dann das Subventionssystem rigoros durchforsten. Schließlich würde es entbürokratisieren – und zwar viel mehr die moderne Wirtschaft als die Politik.


Wolf Lotter, 51, ist Wirtschaftsautor und Leitartikler des deutschen Wirtschaftsmagazins Brand eins. Der gebürtige Steirer lebt heute nahe Hamburg. In den 1980er-Jahren schrieb er auch für den Falter

Wolf Lotter: Zivilkapitalismus. Wir können auch anders. Verlag Pantheon. 224 S., € 14,99

Wolf Lotter: Zivilkapitalismus. Wir können auch anders. Verlag Pantheon. 224 S., € 14,99

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