Wer Wien schafft, schafft alles

Aus dem FALTER 32/2013

Wie Marcus Praschinger trotz aller Widrigkeiten eine erfolgreiche Hostel-Kette aufbaute

Porträt: Joseph Gepp
Foto: Hans Hochstöger

Es wuselt im Foyer des Wombat’s am Naschmarkt. Eine junge Touristin trägt gerade ihre schmutzige Bettwäsche die Stufen hinunter, ein Gast daneben reißt einen Joghurtbecher vom nahen Billa auf. Eine Reisegruppe an der Rezeption erkundigt sich, wie das hiesige City-Bike-System funktioniert. Mittendrin steht Marcus Praschinger. „Es ist gut, wenn was los ist“, sagt der Chef und blickt zufrieden in die Menge. „Mit einem leeren Hostel ist es wie mit einem leeren Restaurant. Es kann noch so schön sein, keiner will rein.“

Praschinger, 45, Wiener, Flip-Flops und leicht zerzaustes Haar, hat gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Sascha Dimitriewicz in den vergangenen 15 Jahren ein kleines Imperium aufgebaut. Es findet sich in einer Branche, die die Wiener gern übersehen – zumindest solange sie sich in ihrer eigenen Stadt aufhalten: in jener der Hostels.

Stylish und durchkonzipiert sollten Praschingers und Dimitriewicz’ Unterkünfte sein, nicht versifft oder altbacken, wie Hostels einst waren, als sie noch Jugendherbergen hießen. Benannt nach dem australischen Beuteltier heißt das Unternehmen „Wombat’s“. Es zählt über 2000 Betten in vier europäischen Großstädten. Bald sollen es noch mehr werden. Wie erreicht man so etwas? Und was lernt man dabei?

„Man lernt dabei“, antwortet Praschinger lachend, „dass man es überall schafft, wenn man es in Wien schafft.“ Denn nirgendwo, sagt er, habe er solche Restriktionen erlebt wie hier.

Aber der Reihe nach. Praschingers Geschichte beginnt im Jahr 1998. Mit Anfang 20 kehrte der Abgänger der Wiener Tourismusschule Modul von einer Weltreise zurück. Zuvor hatte er als Barkeeper und Rezeptionist in mehreren Hotels gearbeitet. Nun wollte er mit seinem Schulfreund Dimitriewicz etwas Eigenes hochziehen.

Marcus Praschinger, 45, einer der beiden Gründer des Wombat’s, in seinem Hostel am Naschmarkt (Foto: Hans Hochstöger)

Marcus Praschinger, 45, einer der beiden Gründer des Wombat’s, in seinem Hostel am Naschmarkt (Foto: Hans Hochstöger)

Billiges Übernachten gab es auch damals schon, aber die Szene war anders als heute. In Österreich beispielsweise wurde sie von politiknahen Jugendherbergsvereinen dominiert. Bei ihnen musste der Gast Mitglied sein – und schon mal abends um zehn Uhr zurückkommen, wollte er sich nicht ausgesperrt wiederfinden. Hier frischen Wind reinzubringen, dachten Praschinger und Dimitriewicz, das wäre doch eine Marktlücke.

Sie kauften ein Haus in Rudolfsheim-Fünfhaus,
das erste Wombat’s. Das Geld dafür kam nicht von Banken, da denen das Projekt zu waghalsig erschien. Stattdessen brachten es teilweise die Eltern der Jungunternehmer auf. Weiters half die Kabag – eine Agentur aus Wirtschaftskammer, Stadt Wien und Banken, die sich eigens auf Risikofinanzierungen spezialisiert hatte.

„Am Anfang fingen wir Rucksackreisende noch am Westbahnhof ab und zeigten ihnen den Weg“, erzählt Praschinger. Doch ehe es soweit kommen konnte, lernte der junge Hostel-Betreiber noch den Wiener Amtsschimmel kennen.

„Du brauchst nur eine Rigips-Wand aufstellen oder eine Tür versetzen wollen“, sagt er, „und schon sind sechs bis acht verschiedene Behörden involviert.“ Untereinander kommunizieren würden die Beamten – „außer vor Ort“ – nicht. Immerhin, sagt Praschinger, habe sein Partner Dimitriewicz einige Kenntnis im Umgang mit Behörden, weil er aus einer Hoteliersfamilie stammt. „Alleine herauszufinden, welche Behörde für mein Anliegen zuständig ist, ist ja schon eine Wissenschaft.“ Ein Wirrwarr wie in Wien habe er später in keiner anderen Stadt mehr erlebt, sagt Praschinger, „überall sonst war es vergleichsweise easy.“ In Wien hingegen tauchte einmal sogar ein Arzt in der Herberge auf. Er testete die Veränderung der Raumluft in Mehrbettzimmern bei zunehmender Belegung.

Das Wombat’s wurde trotzdem zum Erfolg. „Wir waren vom ersten Tag an voll“, erzählt Praschinger. Nach nur eineinhalb Jahren ließen die Unternehmer das Stammhaus im Fünfzehnten erweitern und aufstocken. Im Jahr 2004 gesellte sich eine Filiale in München dazu; per Inserat in der Süddeutschen Zeitung hatte man nach einer passenden Mietimmobilie gesucht. Seitdem ist die Firma um vier weitere Hostels gewachsen. Sie liegen in der Budapester Altstadt, am Berliner Alexanderplatz sowie in Wien am Naschmarkt und in der Mariahilfer Straße.

Die Gäste hätten sich in all den Jahren gewaltig verändert, erzählt Praschinger. „Das spontane Gefühl des Ich-komme-wo-an-und-schau-mich-mal-um ist verlorengegangen.“ Das liege auch am Internet – heute würden die meisten Gäste vorab buchen und dann auch erwarten, was ihnen die Onlinebeschreibung verspricht. „Früher galt ein wenig: je mühsamer, desto cooler. Heute kommen die Leute oft mit dem Trolley an statt mit dem klassischen Rucksack.“

Wombats sind Beutelsäuger aus Süd- und Ostaustralien. Sie werden bis zu 120 Zentimeter lang und 40 Kilo schwer Die Wiener  Wombat’s liegen in der Grangasse 6 (15.), Mariahilfer Straße  137 (15.) und Rechte Wienzeile 35 (4.). Eine Übernachtung       kostet rund 25 Euro

Wombats sind Beutelsäuger aus Süd- und Ostaustralien. Sie werden bis zu 120 Zentimeter lang und 40 Kilo schwer Die Wiener Wombat’s liegen in der Grangasse 6 (15.), Mariahilfer Straße
137 (15.) und Rechte Wienzeile 35 (4.). Eine Übernachtung
kostet rund 25 Euro

Praschinger glaubt, von solchen Tendenzen zu profitieren. „Der Trend geht immer mehr zu schicken, gebrandeten Hostels.“ Dies würde sich im Wombat’s widerspiegeln, meint Praschinger, im Komfort und im Markenbewusstsein der Kette.

Wie in vielen Bereichen der Wirtschaft bricht auch im Übernachtungssektor allmählich der Mittelbau weg. Umso bessere Karten bleiben einerseits für 5-Sterne-Paläste, in denen Geld keine Rolle spielt – und andererseits für die Budget-Schiene, wie sie etwa Praschinger und Dimitriewicz betreiben. Deshalb „wollen wir unsere Marke in Westeuropa weiter stärken“, kündigt Praschinger an.

Ein britischer Trust der Familie Thynn ist im Jahr 2011 bei Wombat’s eingestiegen; über Bekannte kam der Kontakt zu den Investoren zustande. Das Arrangement soll Praschinger und Dimitriewicz das nötige Know-how und die finanzielle Ausstattung für eine weitere Expansion liefern. In den kommenden Jahren sollen noch mehr Wombat’s eröffnen. In Paris, Madrid, Barcelona, Prag und London.

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Eingeordnet unter Wien, Wirtschaft

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