Das ist ein ÜBERFALL!

Aus dem FALTER 29/2013

Die Stadt fürchtet sie, die Polizei jagt sie, der Boulevard braucht sie: Räuber. Der große Wiener Raub-Report


Bericht: Philip Gaspar, Joseph Gepp, Birgit Wittstock, Wolfgang Zwander

Im Leben von Linas S. muss sehr viel falsch gelaufen sein. Am 5. Juli um zwölf Uhr Mittag lag die Leiche des litauischen Räubers am Gehsteig auf der Äußeren Mariahilfer Straße. Die Polizei wickelte sie in goldenes Glitzerpapier ein.

Kurz zuvor hatte er mit zwei Komplizen ein Juweliergeschäft überfallen. Die maskierten Täter stürmten den Laden, sprangen über den Verkaufstisch, zerschlugen Vitrinen. Ladenbesitzer Günther K. stand mit seiner Ehefrau im Geschäft, zog eine Pistole, drückte ab. Ob einmal, zweimal oder noch öfter ist unklar und muss vor Gericht geklärt werden. Ebenso, ob der Juwelier aus Notwehr handelte oder ob er dem Räuber bei dessen Flucht in den Rücken schoss. Wenige Meter vom Überfallsort entfernt brach Linas S. jedenfalls tot zusammen. Die Ermittler fanden bei ihm eine Spielzeugpistole.

Verhasstes Faszinosum

Räuber erleben gerade schwere Zeiten in Wien. Erst vor wenigen Wochen erschoss ein Taxifahrer einen jungen Pakistani, der den Fahrer von hinten in den Schwitzkasten nahm und ihn ausrauben wollte. So hart das für die Räuber ist, die Öffentlichkeit kann gar nicht genug von diesen Bluttaten bekommen. Der Boulevard liebt es, wenn beim Raub die Kugeln fliegen. Das steigert die Auflage. Auch im Internet wird gegeifert. „Wenn die Regierung versagt, muss sich die Bevölkerung selber schützen“, plädiert etwa ein Krone-Forum-User für Selbstjustiz. Sein Eintrag steht für einen von Tausenden dieser Art. Auch Ex-Presse-Chefredakteur Andreas Unterberger schrieb auf seinem Blog: „Ich habe mich sehr gefreut, dass ein Wiener Juwelier einen Räuber erschossen hat.“ In der Krone war beim Kolumnisten Michael Jeannée zu lesen, Linas S. habe die Kugel verdient.

Doch wer wird in Österreich überhaupt Räuber? Warum fasziniert das Thema die Öffentlichkeit in einer perversen Mischung aus Abscheu und Neugier? Und nicht zuletzt: Warum riskiert es jemand, für relativ wenig Geld erschossen oder für viele Jahre eingesperrt zu werden?

Räuber in einem Juweliergeschäft in der Schweiz

Räuber in einem Juweliergeschäft in der Schweiz

Das Thema Raub ist im ersten Wiener Bezirk an fast jeder Ecke präsent. Wer über die Luxusmeile Kohlmarkt schlendert, sieht vor den Banken und Juwelier- und Uhrgeschäften gelangweilt blickende Männer mit schwarzen Uniformen. Sie tragen Sonnenbrillen, manche von ihnen auch Pistolen, und erinnern daran, dass es irgendwo da draußen Menschen gibt, die sich mit Gewalt nehmen wollen, was ihnen die Gesellschaft verwehrt. Die Securitys haben zwar nicht mehr Rechte als jede Privatperson, doch sie sollen abschrecken – und außerdem zahlen die Geschäftsleute geringere Versicherungsprämien, wenn sie Sicherheitspersonal beschäftigen. Die Kohlmarkt-Juweliere wollen über ihre Schutzmaßnahmen nicht sprechen. Zu groß ist ihre Angst, eine mögliche Sicherheitslücke auszuplaudern.

Im Jahr 2012 gab es in Österreich 685 Verurteilungen wegen Raub, viele davon betrafen allerdings Jugendliche, die anderen das Handy wegnahmen. Auf Juweliere gab es im Vorjahr 31 Raubüberfälle, davon 26 in Wien. Auch wenn durch die Medien ein gegenteiliger Eindruck entsteht, sind diese Zahlen seit Jahren leicht rückläufig. Der überwiegende Großteil der Juwelierüberfälle wird laut Polizei von Banden aus Ost- und Südosteuropa ausgeführt. Es sind Täter aus der armen Peripherie Europas, die sich etwas vom Reichtum des Zentrums schnappen wollen.

„Das Dümmste, was man tun kann“

Sinnvoll sei das meistens nicht, meint Andreas Hautz, Richter am Wiener Straflandesgericht. „Aus Sicht des Täters ist ein Raubüberfall das Dümmste, was man machen kann.“ Es ist eine Hochrisikoaktion, die sich selten lohnt und hart bestraft wird. Sobald eine Waffe verwendet wird, beträgt das Strafmaß für den dann „schweren Raub“ mindestens fünf Jahre Gefängnis.

Warum riskieren die Täter es trotzdem? „Auf diese Frage habe ich in 15 Jahren Berufserfahrung noch keine vernünftige Antwort erhalten“, sagt Hautz, der vor allem über jugendliche Räuber richtet.

Von Profis und Verzweifelten

Es gibt zwei Gruppen von Tätern. Neben den Profis aus Ost- und Südosteuropa gibt es die heimischen Verzweiflungstäter, die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als kriminell zu werden. Nicht zuletzt aufgrund übervoller Spielhallen, die immer mehr Spielsüchtige hervorbringen, die dringend Geld brauchen. Oder wegen Drogenabhängigkeit, wie bei Herbert Schmidt (Name von Red. geändert), 29 Jahre alt. Er sitzt im Gefängnis Hirtenberg in Niederösterreich südlich von Wien wegen schweren Raubs ein.

Schmidt überfiel keine Juweliere, das wäre ihm zu waghalsig gewesen. Stattdessen finanzierte er sich seine Drogensucht, indem er rund um die Meidlinger Längenfeldgasse schwarzafrikanische Drogendealer ausraubte. „Die trauen sich nicht zur Polizei zu gehen“, sagt Schmidt. Zusammen mit zwei anderen Suchtkranken cruiste er mit dem Auto durch die Gassen auf der Suche nach seinen Opfern. „Wenn wir einen ausgemacht hatten, ließen wir ihn zu uns in den Wagen steigen und bedrohten ihn mit der Schreckschusspistole.“ Schmidt saß als Komplize auf dem Beifahrersitz, ausgeführt hat die Überfälle ein anderer, der bis heute auf der Flucht ist: „Ich konnte den Männern einfach nicht die Pistole vorhalten.“

Schmidt lächelt ein unsicheres Lächeln. Seine dunklen kurzen Haare sind stark graumeliert; unüblich für einen 29-Jährigen. Die ganze Geschichte belastet Schmidt sichtlich. Nervös zupft er am Kragen seines beigen Poloshirts, während er erklärt, wie leid es ihm täte. „Irgendwie bin ich fast froh, dass sie mich erwischt haben: Ich bin jetzt endlich clean und hole meine Meisterprüfung für Elektrotechnik nach. Das hätte ich draußen wahrscheinlich nicht geschafft.“ Von seinen sieben Jahren hat er erst zwei abgesessen.

Ein Buch blockiert das Türschloss

Für Robert Klug, 50, Ermittler bei der Sonderkommission Raub der Wiener Polizei, stellen Leute wie Schmidt keine große Herausforderdung dar. Klug beschäftigt sich vor allem mit professionell geplanten Coups. Der Zivilpolizist mit dem karierten Hemd und dem konzentrierten Blick fungiert auch im Fall des erschossenen Linas S. als Chefermittler. Klug sagt: „Oft liefert uns schon die Art und Weise, wie ein Tetra-Pak oder ein Buch den Schließmechanismus der Tür eines Juweliers blockiert, die ersten Hinweise auf die Täter.“

Rund zwei Drittel der Wiener Juwelierraube gingen allein aufs Konto der berüchtigten Pink Panthers. Diese Bande hat ihre Zentralen in den serbischen Städten Belgrad, Užice und Cacak. „Die Täter reisen für den Überfall meist aus dem Ausland an und verlassen danach Österreich wieder schnellstmöglich“, sagt Klug. Oft schlafen die Räuber bei Bekannten, die vom wahren Zweck ihres Aufenthalts nichts ahnen.

Das Diebesgut – bei den Pink Panthers handelt es sich bevorzugt um teure Markenuhren – werde im Ausland verkauft. Wie genau die Wege der Hehler verlaufen, weiß die Polizei nicht, oder will es nicht verraten. Nur selten lässt sich eine Hehlerroute rekonstruieren: Zum Beispiel ließ vor einigen Jahren ein rumänischer Lokalpolitiker in Wien eine teure Uhr reparieren, erzählt Klug. Es stellte sich heraus, dass sie ursprünglich bei einem Juwelier in der Schweiz geraubt worden war. Der Lokalpolitiker hatte sie in Rumänien in einem Casino gewonnen, weil sein Gegenspieler kein Bargeld mehr bei sich trug.

In Sechsergruppen ermitteln Klug und seine Kollegen die Raubüberfälle, eine Untersuchung kann schon mal ein halbes Jahr dauern. „Die Kooperationen mit der Polizei in anderen Ländern helfen uns sehr“, sagt der Polizist. Die Aufklärungsquote könne sich deshalb sehen lassen, bei Juwelierrauben liege sie bei rund 70 Prozent.

Bislang wurden heuer 13 Juweliere in Wien überfallen, zehn Fälle davon klärten Klug und seine Kollegen auf. Bei Juwelieren gehen Überfälle oft mit viel Brutalität und Radau ab, erzählt der Beamte. Da stürmen drei Männer ins Geschäft, einer davon meist bewaffnet, manchmal haben sie auch Äxte dabei. Sie zertrümmern Vitrinen, räumen Kästen aus. „Viele Geschäftsinhaber werden davon schwer traumatisiert“, sagt Klug.

Alfred Römer, Juwelier und Obmann der Berufsinnung, hat lange überlegt, wie er mit dieser Gefahr umgehen soll. Über die Vitrine mit den Swatch-Uhren gelehnt, erzählt er in seinem kleinen Laden in der Wiener Alserbachstraße vom Berufsrisiko der Juweliere.

Rollenspiele für Juweliere

Seitdem er das Geschäft führt, wurde bereits dreimal eingebrochen, einmal wurde der Laden ausgeraubt. Das war 1977, und Römer, der damals noch ständig eine Schusswaffe mit sich führte, ist heute froh, dass er sich gerade nicht im Geschäft aufhielt – er hätte geschossen, um seine Verkäuferin zu schützen. „Wenn jemand meine Angestellten angreift, greift er mich an und in dem Fall wäre ich der Schnellere gewesen“, sagt Römer heute. Er hätte dann wohl „mannstoppend“ gehandelt, wie es im Polizeijargon genannt wird, wenn ein Krimineller bei der Tat erschossen wird. Doch was wäre danach gewesen? „Ich wäre mit dem Tod eines Menschen konfrontiert gewesen, mit trauernden Angehörigen. Das zahlt sich für kein Geld der Welt aus.“ Römer sperrte seine Waffe in den Safe, wo sie bis heute liegt.

Im Jahr 1998 wurde der Geschäftsführer des Wiener Nobeljuweliers Haban, Siegfried Goluch, mit einem Kopfschuss ermordet, seit damals lädt Römer seine Juwelierkollegen mehrmals im Jahr zu einer Schulung ein: Beamte der Wiener Polizei erklären den Juwelieren nicht nur die rechtliche Lage, in Rollenspielen wird auch das richtige Verhalten bei Raubüberfällen trainiert.

Das gebe Sicherheit, sagt Römer. „Natürlich verhält man sich im Ernstfall sicher anders, aber man ist im Vorteil, wenn man die Situation bereits einmal durchgespielt hat“, sagt er, rückt das Drahtgestell seiner Brille zurecht und fährt sich mit der Hand durch die kurzen grauen Haare.

Immer mehr Juweliere würden sich vor Überfällen schützen, erklärt Polizist Klug. Zum Beispiel durch bauliche Maßnahmen wie Drehtüren, die Räuber am Stürmen des Geschäftslokals hindern sollen. Das würde auch die Arbeit der Securitys erleichtern, sagt Martin Wiesinger, Chef von Securitas, einem der weltweit größten Dienstleister im Sektor privater Sicherheitsunternehmen.

„Es geht um Prävention, um die Demonstration von Sicherheit und darum, die Hemmschwelle für etwaige Täter größer zu machen“, sagt Wiesinger, „außerdem wollen wir das subjektive Sicherheitsempfinden des Verkaufspersonals erhöhen.“

Dass die Wiener Innenstadt, vor allem der Kohlmarkt, mehr und mehr einer schwerbewaffneten Sicherheitszone gleicht, sei nicht die Schuld der Sicherheitsdienstleister, rechtfertig sich Wiesinger. Die Kunden, also Banken oder Juweliere, würden entscheiden, wo die Securitymitarbeiter stehen und ob diese bewaffnet sind oder nicht. „Bei solchen Kriterien sind meist internationale Konzernvorgaben ausschlaggebend.“

„Bei einem Raubüberfall muss man immer von einer scharfen Waffe ausgehen“, sagt der Juwelier Alfred Römer und nimmt einen Schluck von dem Espresso, den er sich gerade aus seiner kleinen Kaffeemaschine hinter dem Verkaufspult heruntergelassen hat. „Mit einem Beinschuss kann der Räuber immer noch schießen, es ist also eine Alles-oder-nichts-Situation. In der möchte ich nicht stecken.“ Günther K. – jener Juwelier, der Linas S. auf der Äußeren Mariahilfer Straße erschossen hat – kennt Römer als Obmann der Wiener Juweliere persönlich. „Eine solche Sache verkraftet man nur schwer“, sagt er.

„Plötzliche, archaische Gewalt“

Raub, dabei handelt es sich auch immer um eine Geschichte, die sich um Anerkennung und Respekt dreht, sagt der Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl: „Die Täter rekrutieren sich aus den Gedemütigten der Gesellschaft.“ Egal, ob es sich um den Wiener Drogensüchtigen Herbert Schmidt oder den Profiräuber Linas S. aus Litauen handelt. Raub ist immer auch eine Form der Selbstermächtigung der scheinbar Ohnmächtigen, der Randfiguren und Außenseiter. Ihre plötzliche, archaische Gewalt erinnert daran, dass es sie und ihre Probleme überhaupt gibt. Ihre unmittelbare Körperlichkeit stellt für einen Augenblick die Machtverhältnisse auf den Kopf.

Wahrscheinlich können deshalb viele Menschen nicht genug bekommen von Figuren wie dem erschossenen Linas S.

Grillparzer über Räuber

Denn selbst der Bösewicht will nur für sich
als einzeln ausgenommen sein vom Recht,
die andern wünscht er vom Gesetz gebunden,
damit vor Räuberhand bewahrt sein Raub.
Die andern denken gleich in gleichem Falle,
und jeder Schurk
ist einzeln gegen alle;
die Mehrheit siegt, und mit ihr siegt das Recht

(Ein Bruderzwist in Habsburg)

Räuber in der Literatur

„Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre“

Friedrich Schiller, Die Räuber

„Der Räuber ist Bürger im Herzen. Seine Seele sehnt sich nach Plüsch und Kristall“

Hans Kasper

„Einen Nackten lässt der Straßenräuber vorbei, auch auf einer belauerten Straße hat der Arme Frieden“

Seneca

Richtiges Verhalten bei einem Raubüberfall
Dem Räuber nicht mit vorauseilendem Gehorsam zuvorkommen, auch das kann ihn aggressiv stimmen, und man verliert am Ende eventuell mehr Wertsachen als notwendig. Seinen Anweisungen Folge leisten und die Ruhe bewahren. Keinesfalls den Helden spielen und versuchen, den Täter zu überwältigen

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Reportagen, Wien

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s