Monatsarchiv: Juni 2013

Der große Tschisi Schmäh

Aus dem FALTER 23/2013

Im Internet fordern zehntausende die Wiedereinführung eines Eskimo Kulteises. Angeblich

Bericht: Joseph Gepp

Es gibt Geschichten, die lassen die Herzen von Marketingmenschen höher schlagen. Zum Beispiel die folgende.

Aus privater Leidenschaft gründet ein Mann eine Facebook-Gruppe, um sich für die Wiedereinführung seines Lieblingsprodukts aus der Kindheit einzusetzen. Innerhalb weniger Wochen unterstützen ihn wider Erwarten zehntausende Menschen. Doch der Konzern, an den sich die Appelle richten, ziert sich. Die alten Produktionsanlagen würden nicht mehr existieren, heißt es in Presseaussendungen. Zudem gebe es die Originalrezepte nicht mehr, und überhaupt sei im Supermarktregal wenig Platz. Schließlich jedoch gibt der Konzern klein bei. Er verkündet die Wiedereinführung des Produkts; die Fans jubeln.

Genau das ist Anfang des Jahres beim „Tschisi“ geschehen, einem Eis am Stiel mit Vanillegeschmack aus den 90er-Jahren. Es sieht aus wie ein Schweizer Käse. Fans schreiben dem Tschisi gerne einen gewissen Kultcharakter zu.

Der Sommer wird KŠse: ESKIMO bringt Tschisi zurŸck

Protagonisten der Geschichte: Peter Brandlmayer, Salzburger, Graswurzelkämpfer für die Rückkehr von Tschisi und im Zivilberuf Moderator bei einem kleinen Privatradio. Dazu Eskimo, das österreichische Tochterunternehmen des multinationalen Lebensmittelriesen Unilever. Und schließlich 80.000 Österreicher, die auf Brandlmayers Facebook-Seite erklärten, sie wollten das Tschisi-Eis zurück – also jeder Hundertste im Land.

Mitte Oktober 2012 begann Brandlmayer seine Initiative. Im Februar 2013 schließlich kapitulierte Eskimo aufgrund des regen Zulaufs. Man sei „weichgeklopft worden“, hieß es in einer Aussendung.

Zu diesem Zeitpunkt war die Tschisi-Geschichte bereits eine Art Schulbuchbeispiel in Sachen Markenbindung geworden. Es zeigt, wie viel Wucht und Dynamik Konsumenten entfalten können, wenn sie sich in sozialen Netzwerken im Internet organisieren. Und es zeigt, wie emotional Kunden an Produkten aus ihren Kindheitstagen hängen. Ganz so wie bei einer zweiten Süßigkeit mit Retrocharme, die es zurzeit häufig in die Schlagzeilen schafft: den Schwedenbomben der insolventen Wiener Firma Niemetz.

Im Fall Tschisi stellt sich jetzt aber heraus: Die Sache war wohl ein großer Schmäh. Peter Brandlmayer, Anführer von „Wir wollen das Tschisi-Eis zurück“, fungierte wohl als Frontmann eines äußerst geschickten Marketingcoups. Darauf deutet zumindest ein schwerwiegendes Indiz hin.

Am 18. Oktober 2012 gründet Brandlmayer seine Tschisi-Gruppe. „Bei einem Glaserl Wein“, schreibt er, sei er auf die Idee gekommen, 100.000 Unterstützer für die Wiedereinführung seines Lieblingseises zusammenzubekommen.

Am 4. Oktober jedoch, zwei Wochen vor Gründung der Gruppe, hinterlässt Brandlmayer eine verräterische Spur im Internet. Im Onlinedienst Twitter schreibt er: „I’m at Spinnwerk, Wien.“ So heißt jene Werbeagentur im fünften Bezirk, die die Social-Media-Agenden von Unilever betreut.

Hintergrund des Tweets: Brandlmayer verwendet Foursquare, eine Internetspielerei. Dabei loggt man sich an Orten ein, die man gerade frequentiert. Solcherart sammelt man Punkte und konkurriert mit anderen Usern von Foursquare.

War die Tschisi-Kampagne also ein abgekartetes Spiel? Eine inszenierte Werbeaktion, die nostalgischen Kunden weismachte, sie würden ihre Wünsche gegen einen Konzern durchsetzen – dabei ließen sie sich von genau diesem als Werbeträger und Mundpropagandisten einspannen?

Fotos: Unilever Österreich

Fotos: Unilever Österreich

Nein, sagt Brandlmayer auf Falter-Nachfrage. Zwar leugnet er nicht, Anfang Oktober bei Spinnwerk gewesen zu sein – doch alles sei reiner Zufall. „Der Kreativchef von Spinnwerk ist ein alter Schulfreund von mir, den ich immer wieder mal in Wien besuche“, sagt Brandlmayer, „über Tschisi haben wir nicht gesprochen.“ Der ange-sprochene Werbemann, Roland Trnik, bestätigt Brandlmayers Angaben, räumt aber auch ein: „Von der Optik her verstehe ich, dass die Angelegenheit nicht gut ausschaut.“

Auch bei Eskimo beharrt man darauf: Die Aktion entstand aus privater Leidenschaft, die Verbindung ihres Initiators zur zuständigen Werbeagentur sei Zufall. „Wir haben weder die Facebook-Seite gestartet, noch waren wir auf ihr tätig“, sagt Rebecca Widerin, die strategische Leiterin bei Eskimo. „Und auch in unserem Auftrag hat das niemand getan.“ Widerin betont auch, dass Konsumenten bereits seit der Abschaffung des Tschisi im Jahr 1999 immer wieder dessen Wiedereinführung verlangten, „die aktuelle Facebook-Kampagne ist da nur ein Teil davon“.

Wie auch immer: Der Erfolg der Tschisi-Aktion war überwältigend. Zeitungen porträtierten den beherzten Eisfan Brandlmayer. Im Internet feierten tausende User ihren Sieg über den Konzern. Eine Tschisi-Comeback-Party im Volksgarten Ende Februar steigerte zusätzlich die Bekanntheit des Produkts. Die Verkaufszahlen übertrafen schließlich alle Erwartungen: Seit Saisonbeginn im März hat Eskimo laut eigenen Angaben fünf Millionen Tschisi verkauft. Diese Menge geht beispielsweise bei Magnum in über einem Jahr über den Ladentisch.

Es war übrigens nicht das erste Mal, dass sich Eskimo bei der Wiedereinführung alter Eissorten vom vorgeblichen Druck der Konsumenten leiten ließ. In den 90er-Jahren führte das Buch „Wickie, Slime & Paiper“ zu einem Hype um das Paiper, ein Fruchteis aus den 70er-Jahren. Nicht Facebook, sondern Unterschriftenlisten führten damals dazu, dass Eskimo im Jahr 2000 das Paiper wieder einführte.

Vier Jahre darauf wurde es allerdings zum zweiten Mal abgeschafft. Das Interesse war rasch wieder abgeklungen.

ANMERKUNG: Der Mann heißt Peter Brandlmayr, nicht Brandlmayer. Ich bedaure den Fehler.

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Lasagne vom Nachbarn: Wiens erste Plattform für geteiltes Essen ist online

Aus dem FALTER 23/2013

Soziologen wie die US-Amerikanerin Rachel Botsman nennen es einen „Megatrend des 21. Jahrhunderts“: die neue Kultur des Teilens und Tauschens, die um sich greift. Ob Autofahrten (mitfahrgelegenheit.at), Übernachtungsmöglichkeiten (airbnb.com) oder neuerdings etwa Pakettransporte (checkrobin.com) – überall teilen sich Leute Waren und Wege, weil es ressourcenschonend ist, Geld spart und Leute zusammenbringt.

Nun ist die neue Tauschwirtschaft auch im Lebensmittelsektor angekommen. Die Idee zu myfoodsharing.at kam vom Filmemacher Valentin Thurn, der sich in seinem Film „Taste the Waste“ 2011 mit dem Wegwerfen von Lebensmitteln auseinandersetzte. Als Unterstützer fungieren die Sozialinitiative Wiener Tafel und das Umweltministerium.

Lebensmittel können auf der Plattform gratis bezogen, abgegeben oder auch gelagert werden. Am Anfang tippt man seine Postleitzahl ein, damit der Weg zum nächsten Krauthappel nicht übermäßig weit ist. Die Lebensmittel müssen genießbar sein und unterliegen strengen Hygienevorschriften.

Die Idee, die auf den ersten Blick weltfremd klingen mag, spart auch bares Geld: Der durchschnittliche heimische Haushalt wirft jährlich Lebensmittel um 300 Euro in den Müll.

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Vortrag: Wenn Wettbewerbe nur noch Unsinn hervorbringen

Aus dem FALTER 23/2013

Ob Wissenschaft, Bildung oder Gesundheitswesen – überall inszeniert man künstliche Wettbewerbe, die Abläufe effizienter machen sollen. Diese führten dann mitunter dazu, das beispielsweise in Spitälern mehr operiert werde als notwendig, kritisiert der Ökonom Mathias Binswanger. In seinem Buch „Sinnlose Wettbewerbe“ setzt sich der Schweizer mit den ungewollten Folgen des Effizienzwahns auseinander. „Fatal“ seien die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft, meint Binswanger.

Kommenden Dienstagabend spricht Binswanger auf Einladung des Club of Vienna im Wiener Café Griensteidl. Anmeldung: sekretariat@clubofvienna.at

11.6., 18 Uhr, 1., Michaelerplatz 2

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Tony Judt und Timothy Snyder: zwei Historiker im Gespräch

Aus dem FALTER 23/2013

Die Veranstaltung am 10. Juni im Institut der Wissenschaften vom Menschen hat einen großen Abwesenden: Tony Judt, der 2010 verstorbene große Historiker, der sich zeitlebens mit Europa und der Zukunft seiner Staatlichkeit auseinandersetzte.

Einer von Judts geistigen Erben ist Timothy Snyder, US-Historiker und Autor des grandiosen Buchs „Bloodlands“ über Osteuropa zur Zeit Hitlers und Stalins. Judt und Snyder führten lange Gespräche, die in diesem Jahr unter dem Titel „Nachdenken über das 20. Jahrhundert“ im Hanser-Verlag erschienen sind.

Kommenden Montag diskutieren Snyder und der bulgarische Politologe Ivan Krastev, beide Permanent Fellows am IWM, über Judts geistige Hinterlassenschaft. Wo steht die Staatlichkeit Europas? Haben Staaten überhaupt Zukunft, wenn die sie tragenden Ideologien – ob Kommunismus oder Wohlfahrtsstaat – zerbröseln oder bereits zerbröselt sind?

Dies wird die Leitfrage der Veranstaltung sein, die vom Bruno-Kreisky-Forum, dem Hanser-Verlag und dem Eurozine mitveranstaltet wird. Moderatorin ist die US-amerikanische Historikerin Marci Shore.

10.6., 18-20 Uhr, IWM
9., Spittelauer Lände 3

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Hypo: warum sie Maria Fekter nach dem Prinzip Hoffnung rettet

Aus dem FALTER 23/2013

Kommentar: Joseph Gepp

Der freie Binnenmarkt, also der ungehinderte Handel über Grenzen hinweg, ist ein Grundpfeiler der EU. Das stand schon im Jahr 1957 in den Römischen Verträgen. Jetzt bringt das hehre Prinzip die Republik Österreich in eine milliardenteure Bredouille.

Denn dass notverstaatlichte Banken lange Zeit gestützt werden, duldet die EU-Kommission nicht – weil es als Eingriff in den Binnenmarkt den Wettbewerb verzerrt. Deshalb verlangt sie von Österreich Zukunftspläne für die Kärntner Hypo. Brüssel wird ungeduldig, der Spielraum für Finanzministerin Maria Fekter schmilzt.

Vergangene Woche kam es zur ersten großen Konsequenz in dieser Situation: Um spottbillige 66 Millionen Euro kaufte der indische Investor Sanjeev Kanoria die Österreich-Tochter der Hypo. Fekter konnte nicht länger auf ein besseres Marktumfeld warten. Sie hofft nun, mit dem Zugeständnis mehr Zeit für den Verkauf von Hypo-Töchtern im Ausland gewonnen zu haben. Als wäre der niedrige Kaufpreis der Hypo Österreich allein nicht bitter genug, stehen Kanoria gar noch Kärntner Landeshaftungen zu. Eine Dreiviertelmilliarde davon hat Jörg Haider seiner Hausbank einst gewährt.

Das sind schlechte Geschäfte – vor allem, wenn man die 2,2 Milliarden Euro bedenkt, die der Steuerzahler schon bisher in die Hypo-Rettung gesteckt hat. Was ist da schiefgelaufen?

Nun, Fekter hätte zum Beispiel rechtzeitig eine Bad Bank gründen können. In dieser werden alle faulen Geschäfte der Hypo gebündelt. Das hätte mehr Spielraum für den Verkauf der gesunden Teile, weniger Druck aus Brüssel und eine eventuelle Kostenbeteiligung anderer Banken gebracht. Allerdings wären die Schulden der Bad Bank im Staatsbudget gestanden, weswegen Fekter die Idee in den letzten Jahren stets ablehnte.

Stattdessen verfährt sie nach dem Prinzip Hoffnung: Die Krise wird bald aufhören, denkt die Ministerin, dann wird sich die Hypo wohl günstig verkaufen lassen. Doch die Krise hört nicht auf. Und selbst wenn – bis dahin wartet die EU sicher nicht.

Keinesfalls länger als bis zum Jahr 2015 will die EU Österreich nun Zeit geben, bis der größte und problematischste Brocken der Hypo verkauft ist: die Balkan-Töchter, die pro forma 1,5 Milliarden Euro wert sind. Ihr Verkauf unter ähnlich schlechten Bedingungen wie bei der Österreich-Tochter wäre eine finanzielle Katastrophe.

Fekter hofft ihn hinauszuzögern. Nichts deutet auf eine wirtschaftliche Erholung – also auf einen höheren Verkaufspreis – bis 2015 hin. Schon jetzt gehen Worst-Case-Szenarien davon aus, dass die Hypo am Ende zehn Milliarden kosten wird.

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