Der große Popcorn-Plan

Aus dem FALTER 19/2013

Wie zwei Wienerinnen eine Firma gründeten und sich gegen den Branchenriesen wehren

Porträt: Joseph Gepp
Foto: Heribert Corn

Eines Tages im Jahr 2008 sagt Sanela zu Emina Mandzuka, sie mag süßes Popcorn so gern. Schade, dass man es so selten kriegt im Supermarkt.

Heute stehen die Schwestern in einem zum Büro umfunktionierten Wiener Keller. Sie gehen eine Liste durch, deren Punkte sie einander zuwerfen wie schnelle Bälle. „1800 Packungen für den Event nächste Woche. Hast du die?“, fragt Emina. „Schon produziert“, antwortet Sanela. 400 weitere für die Onlinebestellung? Noch ausständig. Rund um einen Laptop häufen sich Unterlagen, im Büro stapelt sich kartonweise buntes Popcorn. Die Firma der Mandzukas hat die Schwelle, wo sie Mitarbeiter bräuchte, erreicht, wenn nicht überschritten.

Vor eineinhalb Jahren gründeten die Schwestern
ihren „Popcorner“. Die Zutaten sind bio und erlesen, die Geschmacksrichtungen heißen „Snow White“ oder „Apfelstrudel“, eine größere Packung kostet schon mal fünf Euro. Emina, 36, eine studierte Betriebswirtin und danach zehn Jahre bei Procter & Gamble, kümmert sich um das Management. Sanela, 26, gelernte Tourismuskauffrau, macht die Produktion. Die Geschichte der beiden Unternehmerinnen sagt viel darüber, wie Kleinbetriebe erfolgreich werden können. Wie sie Kunden gewinnen. Und welche Gefahren ihnen drohen.

Vor vier Jahrzehnten kamen Eminas und Sanelas Eltern nach Wien, aus Sarajevo. In Österreich werkte der Vater als Krankenfahrer, die Mutter als Krankenschwester. Heute arbeiten die Eltern bei Popcorner, geringfügig, als erste Mitarbeiter. Die Firma laufe gut, sagt Emina. „Wir produzieren kostendeckend und haben einen Prozent Marktanteil bei Popcorn erreicht.“

Vieles war zu tun, bis es so weit kam. Ein Jahr lang tüftelte Sanela in ihrer Küche an fruchtigem Popcorn. Eine Freundin der Schwestern schrieb einen Businessplan, eine befreundete Agentur kreierte die Marke. Vom Startkapital – es waren rund 250.000 Euro – kam die Hälfte von einem arabischen Investor, den Emina von ihrer Zeit bei Procter & Gamble kannte. Den Rest brachten die Schwestern mithilfe von Krediten auf. „Doch das ist für Gründer sehr schwer“, sagt Emina. „Von so einem Kredit müssen 80 Prozent der Summe besichert sein.“

Zwei erfolgreiche Unternehmensgründerinnen: Sanela (l.) und Emina Mandzuka gründeten eine Popcornfirma samt Shop im ersten Bezirk (Foto: Heribert Corn)

Zwei erfolgreiche Unternehmensgründerinnen: Sanela (l.) und Emina Mandzuka gründeten eine Popcornfirma samt Shop im ersten Bezirk (Foto: Heribert Corn)

Ein Konzept musste her, ein Produktionsstandort, ein Geschäftslokal. Die Schwestern mieteten ein ehemaliges Kleidergeschäft in der schicken Naglergasse im ersten Bezirk; ein Abteil eines Vösendorfer Industrieparks dient zur Produktion. Den Markenauftritt plante Emina bis ins letzte Detail. „Unser Bordeaux-Violett muss immer exakt gleich aussehen, egal ob auf mattem oder glänzendem Papier“, sagt sie. „Der Kunde merkt jeden Unterschied.“

Am Anfang produzierten die Schwestern mit einer kleinen Popcornmaschine, wie man sie aus Kinofoyers kennt. Doch als das Fernsehen im März 2012 über die Geschäftseröffnung berichtet hatte, trudelten die Bestellungen ein. „Unsere Maschine lief 24 Stunden täglich, nach drei Tagen schwächelte sie schon“, erzählt Emina und lacht. Das Gerät hielt durch, bis aus den USA ein größerer Nachfolger eintraf.

Inzwischen gelangt eine Hälfte des Popcorn im Geschäft an die Kunden, die zweite wird über Onlinebestellungen und Delikatessengeschäfte verkauft. Fast 40 Prozent der neuen Betriebe in Österreich gehen in den ersten Jahren wieder pleite – doch der von Emina und Sanela Mandzuka scheint zu prosperieren. Bis im Sommer 2012 ein Brief von Intersnack bei den Schwestern eintraf, der alles wieder fraglich werden ließ.

Intersnack – ein deutscher Konzern, zu dem auch die österreichische Firma Kelly gehört – ist ein Global Player der Snackbranche. Er will, wie sich herausstellte, ein neues Produkt auf den europäischen Markt bringen. In Chips eingearbeitete Popcorn sollen es sein. Name: „Popcorners“. Über ein Amt in Brüssel hatte sich Intersnack den Produktnamen für ganz Europa sichern lassen. Nur in Wien existierte er bereits.

Die Folge war ein komplizierter Rechtsstreit. Die Mandzukas sahen sich plötzlich markenrechtlichen Finessen und hochspezialisierten Anwälten gegenüber. Die Schwestern hätten kein Recht auf ihren Namen, behauptete Intersnack. Argument: Den Begriff „Popcorner“ würden Kunden automatisch mit Intersnack-Produkten assoziieren. „Verkehrsgeltung“ heißt das im Juristensprech. Bereits seit den 1990ern seien Verkaufsstände von Intersnack „prominent mit dem Zeichen Popcorner gebrandet“, ließ Intersnack die Mandzukas in Briefen wissen.

Den Kleinbetrieb stürzte dies in eine Krise. Die Expansion kam zum Stehen. „Wir mussten ja alle Vorwürfe zuerst rechtlich prüfen“, sagt Emina. „Solange wir uns unserer Marke nicht sicher waren, war jede Investition ein Risiko.“ 20.000 Euro kostete der Markenstreit bislang, sagt Emina, „so ein Anwaltsbrief inklusive Recherche kommt gleich mal auf 2000 Euro“.

Erst seit wenigen Monaten können die Schwestern wieder ungehindert ans Werk gehen. Denn Intersnack hat mittlerweile davon Abstand genommen, die Frage der Verkehrsgeltung einzuklagen – wohl deshalb, weil die Chancen schlecht stünden. Auch auf Falter-Nachfrage lenkt der Konzern ein. „Die Mandzuka-Schwestern haben in Österreich die Rechte auf ihren Geschäftsnamen, und damit basta“, sagt Kelly-Chef Wolfgang Hötschl.

Die Mandzukas freuen sich über solche Nachrichten. Denn sie planen schon nächste Schritte. Weitere Delikatessengeschäfte und Luxussupermärkte in Wien sollen ihre Popcorn ins Sortiment nehmen. Danach wollen die Schwestern, mithilfe ihres arabischen Geschäftspartners, expandieren. Vier weitere Filialen des Popcorner sollen eröffnen – in Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

1., Naglergasse 3, Di-Fr 11-19, Sa 11-18 Uhr popcorner.at

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