Wiens Buddenbrooks

Aus dem FALTER 7/2013

Seit 120 Jahren erzeugt die Familie Niemetz Süßwaren. Jetzt hat sie den Betrieb in den Konkurs geführt

Familienchronik: Joseph Gepp

Verdammt, die Schwedenbomben sind aus. „Nächste Ladung erst wieder in einer halben Stunde“, schmettert die Verkäuferin durch das Geschäft. Kunden, die teils schon 25 Minuten hier warten, gehen murrend auseinander. Nur ein Mann versucht sein Glück. Eben wäre er an der Reihe gewesen, klagt er der Verkäuferin. Könnte er seinen Platz in der Schlange nicht wenigstens für später reservieren? „Nein“, antwortet sie, „sonst werd ich noch gelyncht hier.“

Vergangene Woche im werkseigenen Geschäft der Firma Niemetz am Rennweg. Hier erlebt man, welch emotionale Macht eine Traditionsmarke entfalten kann. Seit der Insolvenz des Unternehmens Ende Jänner reißen sich die Leute wie nie um die Schwedenbomben, dem einzig wichtigen Produkt von Niemetz. Die Schlange am Rennweg reicht bis auf den Gehsteig hinaus. Auf Facebook sind 41.000 Menschen der Gruppe „Rettet die Schwedenbomben“ beigetreten. Jubel brach aus, als bekannt wurde, dass ein Bankkredit die Produktion der berühmten Dickmacher vorerst sicherstellt.

Eine Frage ging in all dem unter: Wie kam es überhaupt dazu, dass ein Traditionsbetrieb von so hohem Markenwert in Geldnot gerät? Wer darauf eine Antwort sucht, stößt auf eine Firma, die die Zeichen der Zeit nicht erkannte und nicht einmal den Retrocharme ihrer Produkte zu vermarkten wusste. Seit 120 Jahren führt die Eigentümerfamilie Niemetz den Betrieb. Ihre drei Generationen machten ihn groß und führten ihn schließlich in den Konkurs. Es ist ein wenig wie in „Buddenbrooks“, dem Klassiker von Thomas Mann.

Beliebt wie nie: die Schwedenbombe der Firma Niemetz (Foto: Niemetz)

Beliebt wie nie: die Schwedenbombe der Firma Niemetz

Die Geschichte von Niemetz beginnt im Jahr 1890 in Linz, wo Edmund Niemetz eine Konditorei gründet. Niemetz arbeitet hart, sein Geschäft floriert. Sohn Walter verlässt bald Oberösterreich. In Paris heuert er in der besten Konditorei der Stadt an, im Café Rumpelmayer. Dieses Belle-Epoque-Lokal in der Rue de Rivoli, das bis heute unter dem Namen Angelina fortbesteht, wurde einst vom Österreicher Anton Rumpelmayer gegründet. Im Rumpelmayer, wo Coco Chanel und Marcel Proust verkehren, erlernt Niemetz die hohe Kunst der Patisserie.

Erfand 1930 die Schwedenbombe: Walter Niemetz (Foto: Niemetz)

Erfand 1930 die Schwedenbombe: Walter Niemetz

Sieben Jahre später kehrt er nach Österreich zurück. Mit seiner Frau Johanna gründet er im dritten Wiener Bezirk jene Süßwarenfabrik, in der 1930 die Schwedenbombe entsteht. Damals bekommt Niemetz Besuch von einem Freund aus Pariser Tagen, einem Schweden. Gemeinsam tüfteln die Konditoren an einer Süßigkeit aus Eiweißschaum und Schokolade, deren Rezeptur sich seither nicht verändert hat.

Bald wird die Schwedenbombe zu einem Teil der kulinarischen Identität Wiens. Zu Hunderttausenden läuft sie vom Fließband. Nach dem Zweiten Weltkrieg steht sie für den neuen Wohlstand, wie Sportgummi, Frucade und Wiener Schaumgebäck.

Je älter jedoch Niemetz wird, desto mehr bleiben in seinem Betrieb die Neuerungen aus. Die Firma ruht sich auf ihrem Dauerbrenner von 1930 aus. Das Modernste im Sortiment sind bis heute Swedy und Manja, schwere Nussschaumschokoriegel. „Die Maschinen, die heute bei Niemetz laufen, waren schon in den 70ern veraltet“, sagt ein Branchenkenner.

Am Stillstand ändert sich auch nichts, als nach dem Tod von Walter Niemetz 1992 Tochter Ursula übernimmt. Die heute 63-Jährige führt seither zusammen mit ihrem US-amerikanischen Lebensgefährten Steve Batchelor den Betrieb. Externe Manager werden nicht dazugeholt, wie das in anderen Familienfirmen oft der Fall ist. Batchelors Versuche, in die USA zu expandieren, scheitern. Im Jahr 2010 erkennt die Familie immerhin, dass der Zeitgeist nach kleineren, schlankeren Produkten verlangt. Also entstehen die kleinen „Bombini“. Doch da ist der Betrieb schon heillos überaltert.

Die Website sieht bis heute aus wie aus der Frühzeit des Internets. Werbung für Schwedenbomben gibt es kaum. „Dabei braucht sogar ein etabliertes Traditionsprodukt wie dieses ein bisschen Marketing“, sagt der mit Niemetz befasste Gewerkschafter Manfred Anderle.

Dazu kommen hohe Schulden des Betriebs. Laut Firmenbuch ist das Eigenkapital seit Jahren negativ, die Verbindlichkeiten übersteigen das Vermögen um rund drei Millionen Euro. Andere Firmen wären bei solchen Bilanzzahlen längst pleite. Der renommierte Traditionsbetrieb jedoch kann sich lang mit Krediten über Wasser halten.

Führen heute den Betrieb: Ursula Niemetz und Steve Batchelor (Foto: Niemetz)

Führen heute den Betrieb: Ursula Niemetz und Steve Batchelor (Foto: Niemetz)

Erst im Vorjahr – da werden die Löhne für die rund 70 Mitarbeiter nur noch stockend ausbezahlt – versiegt der Geldfluss. Nun hilft nicht einmal mehr der Verkauf des altehrwürdigen Landstraßer Fabriksgebäudes an einen Immobilienentwickler. Weil das Geld für Rohwaren und Steuern fehlt, beantragt das Finanzamt im Dezember 2012 den Konkurs.

Der Niedergang von Niemetz vollzieht sich ausgerechnet zu einer Zeit, in der andere heimische Süßwarenhersteller durchaus Aufwind spüren. Seit Jahren besinnen sich viele Kunden wieder auf hochwertige, handgemachte und traditionelle Produkte. „Nach dem EU-Beitritt Österreichs spürten wir den Druck internationaler Konzerne“, erzählt etwa Andreas Heindl, Chef der gleichnamigen Confiserie. „Aber seither sehen wir deutlich, dass es für Süßwaren aus heimischer Erzeugung einen Markt gibt.“ Erfolg hat nicht nur Heindl. Auch der Steirer Josef Zotter reüssiert etwa mit teurer Bio-Schokolade. Und Manner glänzt sogar am Wiener Stephansplatz mit dem rosa leuchtenden Flagshipstore.

Bei Niemetz jedoch sind die Investitionen ausgeblieben, in die Produkte, die Vermarktung, den eigenen Nimbus. Zudem behauptet ein Ex-Mitarbeiter, dass die Eigentümer Ursula Niemetz und Steve Batchelor auf Kosten der Firma einen verschwenderischen Lebensstil geführt hätten. Viel Geld soll das kinderlose und tierliebende Paar für privaten Luxus ausgegeben haben. Hohe Summen flossen laut dem Ex-Mitarbeiter außerdem in einen Salzburger Bauernhof zur Unterbringung altersschwacher Pferde, die „Happy’s Farm“. Laut Vereinsregister wird sie von Niemetz und Batchelor betrieben. Ob die Gerüchte stimmen, kann vom Falter nicht geprüft werden. Die Eigentümerfamilie war trotz mehrmaliger Anfragen bis Redaktionsschluss nicht zu sprechen.

Nun wird sich in den kommenden Monaten entscheiden, ob die Firma unabhängig bleibt oder ob ein Mitbewerber sie übernimmt. Angeblich will die Familie Niemetz dies unbedingt verhindern. Kenner aber meinen, dass ein neuer Investor unumgänglich sein wird. So endet die Geschichte von den Wiener Buddenbrooks.

Was ist eigentlich drin in so einer Schwedenbombe?
Das erklärt die Journalistin Katharina Seiser auf ihrem Food-Blog esskultur.at

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Eingeordnet unter Stadtgeschichte, Wien, Wirtschaft

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