Alles über Ali

Aus dem FALTER 50/2012

Beim Prozess gegen Alfons Mensdorff-Pouilly steht auch die Ära der schwarz-blauen Regierung vor Gericht. 21 Fragen zu Jagd und Geldwäscherei, ÖVP und Eurofightern

Leistungsschau: Joseph Gepp, Wolfgang Zwander
Illustration: Andrea Maria Dusl

Tetron, Eurofighter, British Aerospace – kaum einer schafft es bei den vielen Affären des Alfons Mensdorff-Pouilly noch, den Überblick zu bewahren. 21 Antworten zu den wichtigsten Causen des schillernden Lobbyisten aus dem Burgenland – rechtzeitig zum Prozess, der diese Woche beginnt.

Ist Ali überhaupt ein echter Graf?

Er wäre zumindest einer, wären Adelstitel in Österreich nicht abgeschafft worden. Alfons Eduard Alexander Antonius Maria Andreas Hubertus Christoph Graf von Mensdorff-Pouilly kann auf eine lange Familiengeschichte zurückblicken. Zu seinen Ahnen zählen unter anderen ein Außenminister unter Kaiser Franz Joseph und die Gattin des ersten Königs von Belgien. Der 1,95 Meter große Bauer und Lobbyist ist charmant und leutselig und der schillerndste unter den mutmaßlichen Korruptionisten Österreichs.

Was denn nun, Korruptionist oder Lobbyist?

In den Medien wird Mensdorff-Pouilly meist als „Waffenlobbyist“ bezeichnet, das greift aber zu kurz: Er ist zu einem Symbol für die Schattenseiten der schwarz-blauen Regierungsjahre geworden. Bestens vernetzt in der konservativen Reichshälfte, hat der Ehemann von Ex-ÖVP-Ministerin Maria Rauch-Kallat die Grenzen zwischen Politik und Privatinteressen verwischt. Er fungierte als Schnittstelle zwischen Konzernmanagern und politischen Entscheidungsträgern, die er auf seinen Jagdgütern zusammenbrachte. Schmiergeldzahlungen und Geldwäscherei werden Mensdorff-Pouilly in mehreren Staaten vorgeworfen, allerdings konnte ihm bis heute noch nie eine solche Straftat nachgewiesen werden. Mit Ausnahme von Österreich wurden die Ermittlungen gegen ihn überall eingestellt.

Wie sollen die angeblichen Schmiergeldzahlungen abgelaufen sein?

Mehrere Großkonzerne im In- und Ausland sollen Geld an Mensdorff überwiesen haben. Um die Transfers zu verschleiern, wurden Briefkastenfirmen in Steueroasen wie Panama, der Schweiz oder den Virgin Islands genutzt. Ali ließ das solcherart gewaschene Geld dann, so lautet der Vorwurf der Ermittler, Beamten und Politikern zukommen. Mensdorff bestreitet das alles; er gibt sich als harmloser Berater und gesetzestreuer Bürger. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Welche Konzerne machten mit Mensdorff Geschäfte?

Mutmaßlich waren es etwa Telekom Austria, Siemens, OMV, der ungarische Ölkonzern MOL, der US-Elektronikkonzern Motorola, der deutsche Medizinmulti Dräger und der norwegische Militärzulieferer Kongsberg. Am meisten jedoch interessieren sich die Behörden zurzeit für Mensdorffs Verbindung zu British Aerospace Systems (BAE), dem drittgrößten Rüstungskonzern der Welt.

Ali steht also nun wegen seiner Geschäfte mit BAE vor Gericht?

Ja, die Staatsanwaltschaft wirft ihm in diesem Zusammenhang Geldwäsche, mehrfache falsche Zeugenaussage und Fälschung eines Beweismittels vor. Dafür drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Worum geht es da genau?

Der Graf soll rund 13 Millionen Euro in Zentral- und Osteuropa verteilt haben, um Aufträge für BAE an Land zu ziehen. Mensdorff will das Geld zwar erhalten, aber nicht an politische Entscheidungsträger weitergegeben haben – es sei lediglich „Einkommen“ für seine Beratungsleistungen gewesen.

Über welche Expertise verfügt Mensdorff, die BAE so viel wert sein könnte?

Eben das ist völlig unklar. Mensdorff verfügt über keine einschlägigen Kenntnisse in den Geschäftsfeldern seiner Kunden. Die meisten der betroffenen Konzerne wollen sich zu Mensdorffs Beratungsleistungen nicht äußern, weil es sich um Firmeninterna handle. Außer der Telekom, sie brach das Schweigen: Im Fall des Blaulichtfunks „Tetron“ fordert sie von Mensdorff ein Honorar von 1,1 Millionen Euro zurück. Begründung: Es habe sich dabei um ein „Scheingeschäft“ in der Causa Tetron gehandelt, „zum Zweck der Verdeckung von ungerechtfertigten Vermögensverschiebungen zu Lasten der Telekom“.

Tetron, was?

Es geht auch in diesem Skandal – Überraschung! – um Geldwäsche, Parteispenden und Amtsmissbrauch. Österreichs Feuerwehr, Rettung und Polizei sollten um die Jahrtausendwende mit einem neuen, digitalen Funknetz ausgestattet werden. Die Republik vergab den Auftrag dafür 2002 an ein Konsortium namens „Mastertalk“. Ein Jahr später entzog das Innenministerium Mastertalk den Auftrag wieder – offiziell wegen technischer Mängel. 2004 kam ein neues Konsortium namens „Tetron“ zum Zug, bestehend aus Alcatel, Motorola und der Telekom. Laut Telekom-Kronzeuge Gernot Schieszler zahlten die drei Firmen insgesamt 3,7 Millionen Euro an Ali – weil dieser erfolgreich seine Kontakte zugunsten des Tetron-Projekts spielen hatte lassen. Mensdorffs Anwalt Harald Schuster bestreitet all dies.

Kommt Ali auch wegen Tetron vor Gericht?

Vielleicht, die Staatsanwaltschaft ermittelt in dieser Causa noch.

Schaut also alles in allem nicht gut aus für Mensdorff, oder?

Na ja, bisher hatte der Graf immer Glück und ist, wie das Magazin Profil schrieb, „zwar schon mehrmals abgestürzt, aber bisher noch immer auf den Füßen gelandet“. So wurden etwa die Korruptionsermittlungen gegen ihn in Großbritannien 2010 eingestellt, weil BAE 330 Millionen Euro zahlte, um die lästige Causa mit einem Settlement loszuwerden. In Großbritannien ist so etwas möglich.

Woher kommt Alis Verbindung zum britischen Waffenmarkt?

Mensdorff unterhält familiäre Beziehungen ins Vereinigte Königreich: Als Alis größter Förderer gilt der Mann seiner Cousine, der Brite Timothy Landon. Der Ex-Geheimagent, der 2007 an Lungenkrebs starb, hatte ein Vermögen mit Waffen- und Elektronikgeschäften gemacht. Landon hat Ali in den 1970ern ins Geschäft auf der britischen Insel eingeführt. Nicht zuletzt wegen dieser Geschäfte saß Mensdorff 2010 in englischer Untersuchungshaft.

Illustration: Andrea Maria Dusl/www.comandantina.com

Illustration: Andrea Maria Dusl/www.comandantina.com


Untersuchungshaft? In wie vielen Gefängnissen war Graf Ali eigentlich schon?

In zwei, in Österreich und in England. Die U-Haft in Wien dauerte den ganzen März 2009 und diente der Vorbereitung zu jenem Prozess, der nun beginnt. Ali traf im Grauen Haus gleich zwei prominente Mithäftlinge, den Bankier Julius Meinl V. und Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner. Mensdorff machte gute Figur im Häfn: Mit Elsner soll er Schach gespielt haben; für seine Mithäftlinge erledigte der joviale Graf die Korrespondenz, weshalb er sich in seinem Gefängnistrakt auch großer Beliebtheit erfreute. Dem Sender ATV sagte er, er habe sich im Knast auf Diät gesetzt und zehn Kilo abgenommen. Unangenehm daran gewesen sei nur, sagte er, dass man wisse, dass draußen „ein Haufen Arbeit“ auf einen warte.

Und die U-Haft in England?

Dort fühlte er sich nicht ganz so wohl. Er soll sich über gebrauchte Einwegrasierer und unpassende Unterwäsche beklagt haben. Dafür dauerte die U-Haft nur sieben Tage, danach wurde das Verfahren plötzlich eingestellt.

Hatte er sich denn als unschuldig herausgestellt?

Nein, es war wegen des erwähnten Vergleichs von 330 Millionen Euro. Später erhielt Mensdorff sogar 430.000 Euro Haftentschädigung für die sieben Tage U-Haft. In Großbritannien geht das, in Österreich nicht. Hier wurde weiterermittelt.

Wo wohnt Mensdorff eigentlich, wenn er nicht in U-Haft sitzt?

Standesgemäß residiert der Graf in gleich mehreren Schlössern. Da wäre zunächst das Stammschloss in Luising im Südburgenland. Dabei handelt es sich aber nicht etwa um eine alte Burg, sondern um ein Fertigteilanwesen aus dem Jahr 2000. Daneben besitzt Mensdorff auch noch ein Schloss in Schottland, Dalnaglar Castle. Es stammt aus dem 18. Jahrhundert. Gruppen von bis zu 20 Personen können sich hier einmieten, ab 19.000 Euro pro Wochenende. Dies gilt freilich nicht für Alis hochkarätige Kontaktpersonen, die dieser regelmäßig zu Jagdveranstaltungen einlädt.

Welche Jagdausflüge?

Ali lädt seit Jahren zu Jagden, bei denen Unternehmer, Politiker und hohe Beamte bei Cognac, Zigarren und Fasanschüssen zueinanderfinden sollen. Die dabei geführten Unterhaltungen beschäftigen heute, etwa im Fall Tetron, die Justiz. Bezahlt wurden die Jagdausflüge mitunter von Konzernen wie der Telekom.

Wie liefen die Jagden ab?

Lassen wir doch Teilnehmer selbst sprechen! Im März 2002 übermittelte Christoph Ulmer eine E-Mail an Ernst Strasser und einige Kollegen aus dem Innenministerium: „lieber ernst, liebe kolleginnen und kollegen, graf mensdorff hat uns wieder zu einem jagdwochenende eingeladen und folgenden programmvorschlag gemacht.
samstag 7.12.02: anreise bis ca. 17.00 uhr, teilnahme an der streckenlegung (mit fackeln etc.) der am samstag stattfindenden riegeljagd, danach abendessen im schloß (…). vormittag: saujagd, evtl. auch ein paar frischlinge, sozusagen zum ‚aufwärmen‘);
bitte um baldige rückmeldung wer interesse hat
danke, christoph“.

Wer ist dieser Christoph?

Christoph Ulmer war Kabinettschef im ÖVP-Innenministerium unter Ernst Strasser. Er gilt als Mensdorff-Intimus und Schlüsselfigur in der Tetron-Causa.

Wer ging mit Mensdorff noch auf die Pirsch?

Neben Ulmer waren es andere hochrangige Mitarbeiter aus den ÖVP-Innenministerien unter Strasser, Liese Prokop und Johanna Mikl-Leitner. Außerdem kamen im Laufe der Jahre: Ex-BZÖ-Vizekanzler Hubert Gorbach, Krone-Briefschreiber Michael Jeannée, Ex-Alcatel-Chef und ÖVP-Bundesrat Harald Himmer, Ex-Telekom-Vorstand Rudolf Fischer, Ex-ÖIAG-Chef Markus Beyrer, Ex-FPÖ-Politiker Walter Meischberger, Rüstungsfabrikant Hans Georg Schiebel, Bankier Julius Meinl V., Erste-Chef Andreas Treichl und Ex-Telekom-Manager und -ÖVP-Referent Michael Fischer.

Apropos ÖVP: Profitierte Mensdorff auch vom Job seiner Frau als ÖVP-Gesundheitsministerin?

Es gibt einen Verdacht. Laut einem Profil-Bericht vom Sommer dieses Jahres orderte Rauch-Kallats Ministerium im Jahr 2006 neun Millionen Grippemasken für den Fall einer Vogelgrippe-Pandemie. Auftragnehmer war der deutsche Konzern Dräger. Eine Ausschreibung gab es nicht; das Ministerium hätte die Masken auch billiger haben können. Dass dennoch Dräger zum Zug kam, könnte laut Profil an Rauch-Kallats gräflichem Gatten gelegen haben. Der bekam von 2005 bis 2010 von Dräger fast 300.000 Euro für rätselhafte „Marktstudien“. Rauch-Kallat bestreitet all das vehement und hat Profil geklagt.

Wie geht die Causa Mensdorff-Pouilly weiter?

Offiziell ist der Prozess noch bis Mitte Jänner anberaumt, doch auch nach einem Urteilsspruch sind für Ali die Folgen seiner zahlreichen Affären noch nicht ausgestanden. Neben der möglichen Anklage in der Tetron-Causa drohen ihm auch Ermittlungen in der aktuellen österreichischen Eurofighter-Affäre. Der grüne Aufdecker Peter Pilz wirft ihm vor, für Eurofighter-Hersteller EADS der „Geldbriefträger“ gewesen zu sein. 2,4 Millionen Euro sollen von EADS Deutschland an eine Mensdorff-Firma geflossen sein. Was mit derartigem Geld passiert sein könnte, beschrieb Mensdorff selbst einmal in einem Fax an einen britischen Geschäftspartner, das Londoner Ermittlern in die Hände geriet, so: „Im Anschluss an die aggressive Zahlung von Erfolgsprämien an wichtige Entscheidungsträger“, heißt es darin, „gab Österreich einen Auftrag in Höhe von € 1,79 Milliarden für den Eurofighter Typhoon bekannt.“

Zur Person
Alfons Mensdorff-Pouilly, geboren 1953, wuchs in Luising im Südburgenland auf. Bevor er seine Karriere als Lobbyist begann, war er in der Land- und Forstwirtschaft tätig, etwa als Jäger, Einkäufer bei einem Geflügelhof und Vermarkter von Wildpret in Dosen. Seit 1994 ist Mensdorff-Pouilly mit Maria Rauch-Kallat verheiratet. In den vergangenen Jahren tauchte sein Name in zahlreichen heimischen Korruptionsaffären auf

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