Bürger gegen Banken

Aus dem FALTER 48/2012

Ein Schuhfabrikant gegen die Finanzmarktaufsicht. Was der Fall Heinrich Staudinger über ein Wirtschaftssystem in der Krise erzählt

Reportage: Joseph Gepp

Ginge es nach den Wirtschaftsdeutern und Welterklärern unserer Zeit, dann dürfte es gar nicht mehr geben, was hier in dieser Fertigungshalle in Schrems geschieht. Dann müsste diese Tätigkeit in der Kleinstadt im Waldviertel längst nach China oder Indien verschwunden sein. 130 Menschen erzeugen hier Schuhe. Es riecht nach Leder und Klebstoff. Nähnadeln tackern. Schleifmaschinen kreischen. Heißer Leim blubbert in Gefäßen.

„Waldviertler“ heißt das Produkt, das hier entsteht, und für seine Fans ist es mehr als nur ein Schuh: Es ist ein Bekenntnis zu Wertarbeit, zu Regionalismus, gegen den schnelllebigen, verschwenderischen Geist der Zeit. Dafür legt der progressive Wiener schon gern einmal 200 Euro pro Paar hin. „Diese Schuhe sind was Besonderes“, sagt Heinrich Staudinger, 59, Gründer der Firma Gea, die den Waldviertler produziert, „so was hat man nicht nur eine Saison lang.“

Unkonventionelle Finanzierung

Staudinger kommt derzeit in Zeitungsartikeln und Fernsehinterviews vor, aber nicht wegen seiner Schuhe. Sondern wegen seines unkonventionellen Finanzierungsmodells. Der erfolgreiche Unternehmer bedient sich nicht etwa der üblichen Bankkredite, um seinen Betrieb aufzubauen. „Die hab ich nicht bekommen“, sagt er. Stattdessen gründete er vor zehn Jahren den „Gea Sparverein“, wie er ihn nennt. Rund 250 Privatpersonen, hauptsächlich Freunde und Bekannte, borgten Staudinger etwa drei Millionen Euro Investitionskapital. Vier Prozent Zinsen im Jahr bekommen sie dafür.

Schuh aus der Werkstatt Staudingers, Modell Tramper, vegan rot (Foto: Waldviertler)

Die Geldsammlung hat zu einer breiten und emotional geführten Debatte über Banken und Unternehmertum in Österreich geführt. Denn die Finanzmarktaufsicht (FMA), die staatliche Bankenregulierungsbehörde, will die Aktion nicht dulden. Es handle sich um ein illegales Bankgeschäft, sagen die Aufseher. Dafür brauche man eine Konzession, die hohen rechtlichen und organisatorischen Standards genügen muss. Staudinger solle nun sein Finanzierungsmodell um teures Geld der komplizierten Rechtslage anpassen. Falls nicht, drohen bis zu 50.000 Euro Strafe.

Bürokratisch und borniert sei die FMA, tönt es nun überall. Im fünften Jahr nach Lehman, nach der Bankenkrise, die dem Steuerzahler auch hierzulande Milliarden an Rettungskosten aufbürdete, findet die Behörde nichts Besseres zu tun, als einen Waldviertler Unternehmer zu malträtieren. Noch dazu einen, der in einem schwierigen Umfeld Arbeitsplätze schafft. Doch im Streit zwischen Staudinger und dem Staat schwingen grundsätzlichere Fragen mit.

Heinrich Staudinger (Foto: Waldviertler)

Muss der Staat wirklich jedes kleine Kreditgeschäft regulieren? Werden hier Anleger geschützt oder Unternehmer gegängelt? Und: Was bringt Leute wie Staudinger überhaupt dazu, sich auf derart ungewöhnliche, ja illegale Art Geld zu beschaffen?

Wer nach Schrems fährt, hört nur Gutes über Staudinger. Fein, dass es ihn gibt, sagen Gäste der Konditorei am Hauptplatz der schlichten 5000-Einwohner-Stadt. Schrems, nahe der tschechischen Grenze gelegen, kämpft mit Überalterung und Abwanderung. Die alten Wirtschaftszweige, Textilindustrie und Granitabbau, sind längst verschwunden, erzählt SPÖ-Bürgermeister Reinhard Österreicher. Die Firma Gea sei eine der wichtigsten hier, „ohne sie hätten wir 130 Arbeitsplätze weniger und zwei Industrieruinen mehr“. Staudingers Geschäft mit den Öko-Schuhen läuft gut: Umsatz und Arbeitsplätze haben sich in wenigen Jahren mehr als verdoppelt. Sechs von nur noch 22 Schuhmacher-Lehrlingen in Österreich arbeiten heute bei Staudinger.

Die Anfänge gestalteten sich trotzdem schwierig. Im Jahr 1999 habe ihm die Bank den Kreditrahmen gekürzt, erzählt Staudinger. „Einfach so, ohne Angabe von Gründen. Dabei liefen unsere Geschäfte damals super.“ In Staudinger, einem Mann mit grauen Locken und lautem Lachen, scheint sich viel Zorn über Banken und Kredite aufgestaut zu haben. „Ich habe immer wieder gesehen“, sagt er, „wie riskant es für meine Firma sein kann, einer Bank zu vertrauen.“

Auch Fred Ebner kennt das. „Es ist absolut üblich, dass man bei Kreditverhandlungen ein Formular zur Blanko-Unterschrift zugeschoben bekommt. So kann die Bank den Kredit jederzeit fällig stellen“, erzählt der Seniorchef des oberösterreichischen Solaranlagen-Unternehmens SOLARier mit 70 Mitarbeitern. Als Ebners Firma 2009 einen zweiten Standort in Kärnten eröffnen wollte, lieh sie sich von den eigenen Mitarbeitern statt von der Bank eine halbe Million Euro. „Andernfalls wär es nicht gegangen“, sagt Ebner, „wir hätten uns die Erweiterung nicht getraut.“

„Paradoxie der Marktwirtschaft“

Eine „Paradoxie der Marktwirtschaft“ nennt es der Ökonom Stephan Schulmeister: Obwohl riesige Geldmengen nach Anlagemöglichkeiten suchen, obwohl kaum etwas so gefürchtet ist wie Wirtschaftskrisen und Wachstumseinbrüche, fehlt das Geld genau dort, wo es Arbeit und Wohlstand hervorbringen könnte. Und das liegt gar nicht an der Bosheit oder Irrationalität der Banken. Für sie ist es im Gegenteil grundvernünftig, bei Unternehmenskrediten rigide zu sein: Denn fast 40 Prozent der neuen Betriebe in Österreich gehen innerhalb von sieben Jahren wieder pleite. Wenn also Banken Firmengründern leichtfertig Geld leihen, tätigen sie eben das, wofür sie so gescholten wurden: hochriskante Investments.

Es ist ein Dilemma, das in der Krise immer schlimmer wird. In Europa und weltweit stehen strengere Vorschriften für Kredite an. Schließlich haben faule Kredite die Bankenkrise mit ausgelöst. Vergabekriterien werden strikter und Eigenkapitalgrenzen höher, auf dass sich Bankenrettungsaktionen nie mehr wiederholen. All dies macht es für die Unternehmer noch härter.

Auswege aus der Kreditklemme

Diese suchen sich zunehmend Wege aus der Kreditklemme und stellen abseits von Bankkrediten Geld auf. Vom Biobauern zum Neue-Technologie-Unternehmen, vom Windkraft-Errichter bis zum Dorfbürgermeister, der eine neue Straße will – viele tun es Staudinger gleich. Manche nehmen Mitarbeiterdarlehen auf wie SOLARier-Chef Ebner. Andere lassen sich von Kunden Kredite geben, als Zinsen fungieren mitunter Extra-Zucchini im Gemüsekistl. In Deutschland gibt es inzwischen Webseiten wie smava.de, auf denen man Firmengründer mit starken Ideen und schwacher Geldbörse unterstützen kann – inklusive Kreditausfallversicherung. Oder man zahlt mit, damit die Stadt Oestrich-Winkel in Hessen das neue Feuerwehrhaus fertigstellen kann.

Damit wiederholt sich, was bereits Mitte des 19. Jahrhunderts geschah. Damals gründeten die deutschen Sozialreformer Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen Genossenschaften, um kleine Leute aus der Abhängigkeit des Großkapitals zu befreien. Daraus entstanden die Raiffeisen für Bauern und die Volksbank für das Gewerbe. Heute sind die Institute selbst zu Konzernen geworden. Und in die Fußstapfen von Schulze-Delitzsch und Raiffeisen tritt Staudinger.

Der Trend zur Alternativfinanzierung passt in eine Zeit, in der die Sehnsucht nach kleinräumiger Überblickbarkeit ebenso wächst wie das Konsumentenbewusstsein. „Beim Heini Staudinger weiß ich ganz genau, wo mein Geld hingeht“, sagt eine Anlegerin aus Wien-Leopoldstadt, „von der großen Bank kann ich das nicht behaupten.“ Trotzdem stellt der Wildwuchs an Finanzierungsformen den Staat vor Herausforderungen. Derzeit ist das neue Kreditwesen noch Angelegenheit einer gutinformierten Elite. Aber was, wenn es auf die breite Masse trifft? Wie soll der Staat regulieren? Wie kann er verhindern, dass Staudingers Nachfolger Anleger um ihr Geld betrügen?

Die Kreditwirtschaft unterliegt in Österreich strengen Regeln. Wer sich hierzulande regelmäßig und organisiert höhere Geldsummen ausborgt, muss gesetzliche Auflagen und Informationspflichten erfüllen. Dafür haftet die staatliche Finanzmarktaufsicht dann auch für Einlagen. „Der Gesetzgeber hat aus gutem Grund sehr strenge Auflagen geschaffen, um Anleger zu schützen“, sagt Helmut Ettl, Vorstand der FMA (siehe auch Interview), „alles andere könnte ein Einfallstor für künftigen Missbrauch sein.“

Aus Ettls Bürofenster am Wiener Alsergrund blickt man gleichermaßen auf Landesgericht und Nationalbank. 14 Fälle wie den um Staudinger zählt die FMA bereits. Immer öfter stellt sich die Frage, ob Unternehmen konzessionspflichtige Bankgeschäfte betreiben. Bald könnten mehr Fälle dazukommen. „Ich warte nur darauf, bis der Brief von der FMA eintrifft“, sagen gleich mehrere Firmenchefs zum Falter.

Helmut Ettl, einer von zwei Chefs der FMA (Foto: FMA)

Trotzdem sieht Ettl derzeit keinen Reformbedarf beim Kreditwesen. Das Banksystem nehme „seine Aufgabe, Kredite zur Verfügung zu stellen, grundsätzlich wahr“, sagt er. Lediglich bei Gemeinden kann sich der FMA-Chef eine Lockerung strenger Kreditvorschriften vorstellen – damit sich Kommunen wie Oestrich-Winkel in Hessen von Bürgern Geld leihen können.

Ettl steht einer erstarkten FMA vor, die viel Macht gewonnen hat. Vor der Bankenkrise war die Behörde völlig zahnlos; in Sachen Bawag oder Kärntner Hypo wirft man ihr schwere Versäumnisse vor. Der freie Markt decke Fehler schon selber auf, dachten die Politiker damals – bis zur großen Krise. Heute tritt die FMA der Bundesregierung gegenüber selbstbewusst auf, etwa in Sachen Bankeninsolvenzrecht oder beim Kapitalbedarf der Hypo. „Die FMA steht unter Profilierungsdruck“, sagt der Bankenexperte Franz Hahn vom Wirtschaftsforschungsinstitut, „sie muss zeigen, dass sie ihrer Rolle bei der Neuordnung des Finanzsektors gerecht wird.“

Dazu zählt auch der Umgang mit alternativen Finanzierungsformen. 2009 etwa ging in Österreich eine Internet-Kreditplattform nach deutschem Vorbild in Betrieb. Die FMA schritt wegen fehlender Konzession ein. Im Jahr darauf zeigte sich, wie begründet ihr Misstrauen war: Die Staatsanwaltschaft wirft den Machern der Seite mutmaßlichen Betrug von Anlegern vor.

Der Revoluzzer und der ÖVPler

Es ist eine heikle Angelegenheit, ein schmaler Grat zwischen Anlegerschutz und Unternehmerfreiheit. Doch für den Waldviertler Staudinger geht es inzwischen um viel grundsätzlichere Dinge. Es geht um den Kampf zwischen David und Goliath: der Einzelnen gegen die schikanöse Behörde. Die Provinz gegen die Hauptstadt. Der brave, hart arbeitende Regionalunternehmer gegen die anonyme, globalisierte und unberechenbare Finanzwelt.

„Bürgerrecht statt Bankenrecht“ lässt Staudinger auf Plakate drucken, und „Wir sind das Volk“. In seinem Kampf für mehr Unternehmerfreiheit und weniger Regulierung hat der Schuhfabrikant im Wirtschaftskammerpräsidenten Christoph Leitl einen Verbündeten gefunden. Der linksalternative Revoluzzer und der ÖVP-Unternehmensvertreter wollen bald Vorschläge präsentieren, wie man neue Kreditmodelle legalisieren und teure Vorschriften aufweichen könnte. In seinem Streit mit der FMA, kündigt Staudinger an, wolle er notfalls bis vor den Verfassungsgerichtshof ziehen.

„Wir brauchen halt Vertrauen“, sagt Staudinger, „dann wäre ein Finanzierungsmodell wie meins überhaupt kein Problem.“

Weitere Links

zopa.com Europas erste große Kreditplattform aus Großbritannien

smava.de ähnliches Projekt in Deutschland

leihdeinerstadtgeld.de Bürgerkredite für Gemeinden in Deutschland

kickstarter.com Crowdfunding für Kreative in den USA

kiva.org 25-Dollar-Kleinkredite für Leute in Entwicklungsländern zwischen Aserbaidschan und Indien

Der Fall GEA vs. FMA begann im Falter 37/12: Florian Klenk beschrieb, wie „Heini zur Bank wurde“

Mehr zum Fall Staudinger
Helmut Ettl im Interview
Kommentar: Wenn die Wut eine Reformkraft trifft

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Wirtschaft

2 Antworten zu “Bürger gegen Banken

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